Die zwanzigste Schüssel . . . sie hing das Tuch an den Ständer, goß den
Zuber aus, stülpte die letzte auf die Neunzehn. -- »Durst.« Sie brachte
Wasser an ein Bett. Sie schaukelte den Zuber in die Badewanne, ließ heißes
Wasser einlaufen, nahm Soda, griff in Schmierseife, schlug Schaum mit einer
Bürste. Nun kamen die Näpfe. Mit einem Zangenpinsel fuhr sie in den Hals
der Urinenten, bog den Draht, schabte den Kalk innen ab. Das Wasser
sprudelte. Sie wusch den Nachtstuhl aus. Die Tür weit offen . . . es
dampfte nach Kaffee. Sie schaukelte das Wasser in die Wanne, wusch die
Wanne aus mit Seife und Sand, schaukelte den Zuber mit den Henkeln auf der
Wanne unter den Hahn.
Neues heißes Wasser . . . es lief nicht mehr. Sie schob den Schalter
langsam herum und hielt ein Streichholz daran. Der schmale Gasofen an der
Wand spie nach unten Ruß, nach oben die blaue Flamme, es donnerte. Sie
sprang in die Flamme, schob den Schalter zurück. »Langsamer öffnen«, sagte
eine Stimme hinter ihr. Sie öffnete langsam, entzündete das Holz. Der Ofen
explodierte. »Langsamer sage ich . . .« Ihr rußiges Gesicht sah um. Langsam
öffnete sie, die Stichflamme schoß in das Zimmer, das Gas knatterte
irrsinnig, an der Decke das Licht losch aus.
»Schreiben Sie auf: der Ofen wird repariert.«
Sie nahm ihr Buch, notierte es. Es stand zum drittenmal mit Blei
geschrieben. Jedesmal untereinander. Der Ofen wurde nicht repariert.
Die Türe fiel hinter dem Arzt.
In der Dämmerung wusch sie die Becken im kalten Wasser. Dann trug sie
Bürste, Pinsel, Stuhl hinaus. Auf dem Gang standen Sechs vor einem Tisch in
Hemden und wuschen sich Hals und Brust. »Meine Zahnbürste.« »Schlappmaul
. . . meine.« Ein Rippenstoß . . . sie torkelten im Korridor. »Laßt mich
durch.« Sofort wichen sie zur Seite. Das Klosett verschlossen: »nicht in
Ruhe einmal scheißen . . .« Sie wartete ruhig. Sie bückte sich unter den
Tisch. »Deine Zahnbürste -- -- --« Der Mann winselte. Im Klosett keifte es.
In hängenden Hosen erschien er dann in der Tür, ungekämmt, rieb sich die
Augen mürrisch. Als er sie sah, ging er auf die Seite, wich ihr aus, senkte
den Blick. »Falle nicht,« sagte sie, »der Boden ist naß.« Die sich wuschen,
tuschelten nur noch miteinander, Mund an Ohr. Sie machte das Fenster auf im
Klosett, zog die Wasserspülung, wusch den Boden auf, rieb das Porzellan
glatt. Der Schnee draußen schimmerte frostig. Sie schloß das Fenster.
Ihr Name flatterte zweimal im Flur. Sie stand neben einem Bett. Sie nahm
zwei Beine, hob sie hoch. Die dicke Schwester, die den Kopf hielt, schrie
den Mann an mit drohendem Baß, die andere band ihm die Hände fest. Der
Schwären auf seiner Weiche juckte ihn so, daß er nun hüpfte im Bett. Die
Dicke gab ihm Kaffee in den Mund, das Brot.
Sie fuhren die Betten in die Ecke. Achtzehn. Die freie Seite kehrten sie,
wanden Lumpen um die Besen, wuschen auf, ließen trocknen, fuhren die Betten
herüber, bewältigten die andere Seite.
»Daisy . . .« Bittender Ruf. Sie ging mit. Naga hing in ihrem Arm. Sie
gingen über zwei Korridore in den höheren Stock. »Bist du müde?« Die Brust
der kleinen festen Schwester schmiegte sich an ihren Arm. In dem Zimmer
standen zwei Kolonnen Betten, alle belegt. Die Luft roch scharf nach nassem
Tuch. Große Scheiben gingen ins Land. Aus jedem Bett ragte ein Bein, ein
Arm . . . und lag in einem Gefäß mit Wasser. Naga hielt Bein um Bein, Arm
um Arm. Daisy trug die Wannen hinaus, leerte sie von eitrigem Gerinnsel,
scheuerte sie, füllte sie neu. Das siebente Bett . . . ein junger Mann warf
sich im Fieber herum -- -- -- »Ja, wir werden deiner Mutter schreiben.« Das
elfte Bett . . . die Fieberkurve gestiegen -- sie machte ein Kreuz auf das
Brett, drückte auf einen Knopf. Der Kranke kannte die Bewegung, begann zu
winseln, das Bein blau, geschwollen . . . er warf sich knirschend herum.
Sie drückte wieder auf den Knopf. Jeder kannte die Bewegung. »Nur ein
kleiner Schnitt.« Er lächelte ungläubig, sie nickte.
Ihr Name auf der Treppe.
Sie trug mit der großen breiten Schwester Mann auf Mann ins Bad. Sie hielt
sie unter den Armen, die andere an den Knöcheln. Im Bad stand ein Schemel.
Darauf lag wechselnd ein verbundenes Bein, ein Knie, ein Arm. Einer lag
darübergekrümmt auf der Seite. Sie wuschen die Leute ab mit Seife und
dicken Bürsten. Sie hoben sie heraus auf den Stuhl, trockneten sie mit den
Fingerspitzen ab:
»Du hast Naga geholfen.«
Sie nickte.
»Sie soll es nicht tun, wenn sie der Aufgabe nicht gewachsen ist.«
»Ich habe nichts versäumt.«
Sie trugen einen anderen herein. Als sie schruppten, ging die Haut ihm ab
wie einer Schlange. Er hatte sich gekratzt, »Du Schwein . . .« Er sah die
große Schwester an, er sprach kein Wort. Daisy rieb vier Leuten den Rücken,
die Schenkel ab mit Spiritus, gab Puder darauf, ging zu Nagas Station,
setzte sich zu dem Fiebernden, horchte, sprach, schrieb . . .: »Liebe
Mutter -- -- -- ich bin nicht schuld . . .«
Sie aß zu Mittag, ging vor das Haus auf einen Liegestuhl, deckte sich zu
und schloß die Augen. Die Sonne brannte auf den Schnee und färbte ihr
Gesicht. Sie ließ die Glieder sich lösen, Müdigkeit floß an ihr herab, halb
schlafend flog ein Zug zufriedenen Liegens ihr an den Mund.
Sie stand neben dem Arzt. Ein neuer Kranker ward eingeliefert, ein junger
Prediger, der entsetzt in die Brille des Arztes stierte: »Sie werden gut
tun, sich damit auseinanderzusetzen, daß Sie hier bleiben. Die Welt draußen
ist vorbei. Sie werden hier sterben. Wenn Sie so denken, werden Sie ruhiger
leben, weil Sie ein kluger Mensch sind.«
Sie ging still mit dem Arzt hinaus, trat von dem Flur in das Nebenzimmer.
Ein Raum dick voll Rauch. Gesichter schwankten mit Bärten zerfließend in
der geballten Luft . . . deutsche Matrosen mit Scharbock von Grönland. Die
leichte Abteilung, nichts gegen die Tragödie drüben. Gesang:
Isch un du
Mir hawwe uns so gern
un leck'st de misch bei Dag am Arsch
da brauchst de kei Laddern.
Sie stand auf dem Sims, wusch mit Petroleum das Lambris, wusch das Fenster.
Sie zog ein Spinnweb aus der Ecke. Sie kehrte die Asche der Zigarren am
Boden zusammen, unter der Heizung jagte sie Flocken, putzte das Messing der
Klinken. Immer ein freier Raum um sie. Immer der fremde Gesang. Die Männer
kaum sichtbar in dem Qualm:
Isch un du
mir hawwe uns so gern
un leck'st de misch bei Nacht am Arsch
da scheine der die Schdern.
Sie ging auf den Zehen an das Bett des Geistlichen. Sein Auge sah starr,
gebrochen vor Melancholie in die Ecke. Er spürte nichts wie die
Vernichtung. Hier Ende seines Lebens. Aufgezogen von einer schönen Frau,
seiner Mutter, hier nun verfaulen. Unmöglich zu fassen, das konnte nicht
sein, seine guten Glieder . . . dieser Mund, der schöne und tapfere Dinge
sagte . . . wenn Gott war, so war dies unbegreiflich . . . ein schwaches
Lächeln -- er glaubte es nicht -- . . . als die Lippen anschwollen, starrte
er vor sich hin. Fassungslos dies große Ungeheure vor sich, sein Geist zu
enge Öffnung, als daß so Maßloses sich in ihn schon so rasch ergösse. Zu
klein sein Hirn für solchen ungeahnten Gott. Acht Tage lag er steif. Dann
fraß ihn das Neue, indem es ihn an sich gewöhnte. Da gab er sich Wochen der
Wut und der Anklage. Der Ausschnitt seines Zimmers, das Stück kümmerliche
Landschaft ward ihm die Welt. Der Mond, entsetzlich aufsteigend . . . er
würde ihn nie mehr sehen von anderem Ort, die Blumengerüche, der Dampf der
regenbeschwerten Erde . . . ein Bauernmädchen, das vorbeiging . . . nichts
zu halten, in die Ferne gerückt, nie zu berühren und zu haben . . . welches
Schicksal. An das Fenster treten, dies alles inbrünstig sehen, nie haben
werden, mit aller Wildheit begehren, kein Gott, der es ihm in die Hände
geben würde . . . warum diese Grausamkeit . . . warum ihm . . . -- -- Jahre
stiegen auf in dem Fensterbogen, entfalteten sich, zeigten jede Sekunde mit
einer Eindringlichkeit, die die Augen schmerzte . . . Spiele der Jugend
. . . eine schmale Frau trat an sein Bett, ein Garten abends . . . er hielt
es nicht mehr . . . schrie. Daisy kam, stellte Wasser neben ihn, rückte
einen Stuhl zurecht, legte Bücher darauf -- und ging. Er folgte ihr mit dem
Blick, bog ihn zu dem Fenster. Da stand seine Jugend. Wie war es zu tragen
. . . Nun litt er mit geschlossenem Gesicht. Als der Pendel durchschwang,
der Kern des Leides durchlitten war, löste es sich in schmerzliche
Seligkeit, er begann beim Abebben des Zorns eines Nachts zu weinen. Hell
wie ein Kind. Das ganze Haus hörte ihn. Nach Wochen sagte er zu Daisy:
»Wenn ich begreife, daß ein Körper wie meiner verfault -- -- wie soll ich
fassen, daß Sie in einer Arbeit wie dieser leben können.« Da sah er ihren
Blick zum erstenmal, der mehr Abgeschlossenes hatte mit den Dingen wie der
seine, fuhr hoch. »Was wundert Sie?« fragte Daisy. Da begann sein Blick an
ihrem sich zu erstaunen und zu kräftigen. Ihm schien Sterben nicht mehr
schwer von dieser Sekunde. Sein Auge folgte dieser Schwester, wo es sie
sah.
Der Arzt nahm sie mit in sein Kabinett: »Sie werden mir operieren helfen.
Sie sind ohne Laune, ruhig.« Die große Schwester haßte sie von diesem Tag.
Sie hetzte einen Saal auf. Nachts auf dem Korridor umarmte sie einer von
hinten, fiel unter ihrer Parade schreiend zurück. Licht fiel auf sein
Gesicht: »Ich sage es diesmal nicht dem Arzt.« Er verkroch sich. Auf diesen
Mann konnte sie sich verlassen von nun ab, unbedingt.
Sie hatte das Zimmer über dem Operationsraum, eine Glaswand trennte diesen
in Manneshöhe von ihr. Sie sah nachts einen Schatten, der die Instrumente
beschmutzte und zerwühlte. Sie stand früh auf und ordnete es wie neu.