Die Belagerung von Gaëta. -- Mola di Gaëta. -- Abmarsch nach Neapel.
-- Sessa. -- Ein Dominikanermönch verführt zwei Korporale. -- Capua.
-- Aversa. -- Neapel. -- Vetter Moritz. -- Der neue König und seine
Regierung. -- Das Blut des heiligen Januarius wird zugunsten
der Franzosen flüssig. -- Scheußliche Exekutionen. -- Der
Vesuv speit Feuer. -- Die Lazzaroni. -- Die italienischen
Benefizvorstellungen. -- Aufstand in Kalabrien. -- Abmarsch
dahin.
Der General Regnier hatte den Versuch gemacht, die starke Festung Gaëta
durch eine Überrumpelung zu nehmen, der jedoch verunglückt war; denn der
Prinz von Hessen-Philippsthal, der in derselben kommandierte,
verteidigte sich auf das tapferste und hatte geäußert: »Gaëta ist nicht
Ulm und ich bin nicht Mack.« Der General Grigny und mehrere Offiziere
und Soldaten hatten bei diesem Versuch das Leben verloren; doch war eine
Redoute weggenommen worden. Regnier hatte nun eine Abteilung seines
Armeekorps vor der Festung gelassen, um diese einstweilen im
Blockadezustand zu halten, und war mit dem Überrest seiner Truppen
weiter in das Königreich Neapel vorgerückt. Im Monat März wurden die
Belagerungsarbeiten begonnen. Unterdessen hatten die Franzosen das
neapolitanische Heer, durch Insurgenten verstärkt, in den Engpässen von
San Martino überflügelt und auf das Haupt geschlagen, so daß sich
dasselbe in zügelloser Flucht auflöste; ein Bataillon von der
königlichen Garde, mehrere tausend Gefangene, Geschütz, Pferde und
Bagage waren den Siegern in die Hände gefallen. Der Rest flüchtete sich
in die Gebirge von Kalabrien.
Schon lange vor unserer Ankunft hatte man angefangen, die Festung zu
beschießen, und fand für nötig, das von Regnier zurückgelassene
Belagerungskorps, das anfänglich nur aus zweitausendfünfhundert Mann
bestand, bis auf fünfzehntausend Mann zu verstärken, sowie das nötige
Belagerungsgeschütz nicht ohne große Beschwerlichkeiten, zum Teil sogar
von Mantua, kommen zu lassen. Die meisten Lafetten dazu wurden erst im
Lager selbst verfertigt.
Wir biwakierten größtenteils in Baracken oder Erdhütten und waren bei
den Schanzarbeiten dem feindlichen Feuer sehr ausgesetzt. Man hatte mir
oft gesagt, daß selbst der unerschrockenste Mensch, der zum erstenmal in
das Feuer der Schlachten komme, sich des sogenannten Kanonenfiebers und
eines Herzklopfens nicht erwehren konnte, indessen habe ich bei dieser
Belagerung, wo ich zum erstenmal feindliche Kugeln zischen hörte, von
diesem Fieber nichts verspürt, obgleich unsere Kompagnie an einem der
gefährlichsten und dem Geschütz der Festung am meisten ausgesetzten Ort
arbeiten mußte; dagegen verursachte mir der Anblick der oft schwer
Verwundeten und Verstümmelten eine schmerzliche Empfindung. Gewiß ist
es, daß ein passives Verhalten vor dem Feinde oder bei dessen Angriffen
am ersten geeignet ist, Herzklopfen zu verursachen, besonders wenn man
in einem hintern Treffen müßig, das Gewehr im Arm, stehen muß, während
die vordern schon handgemein sind und man die armen Teufel mit
zerschmetterten Gliedern, Armen und Beinen, jammernd, stöhnend, ächzend
und Schmerzensgeschrei ausstoßend, vorübertragen sieht; da gebe ich gern
zu, daß auch der Mutigste nicht gleichgültig bleibt, er hat wenigstens
ein banges Vorgefühl, weshalb man immer die nicht gleich ins Feuer
kommenden Truppen womöglich so zu placieren suchen sollte, daß ihnen
dieser eine nachteilige Wirkung habende Anblick erspart würde. Wenn
aber, kaum in Schlachtordnung gestellt, der Angriff sogleich beginnt, so
ist das Wirbeln der Trommeln, das Schmettern der Trompeten, das Wiehern
der Rosse, der Donner des Geschützes und das Abfeuern der Gewehre, sowie
das betäubende Schlachtgetöse überhaupt, ganz dazu gemacht, den
Soldaten, wenn er auch nicht gerade zu den Tapfersten gehört, zu
begeistern und zu ermutigen. Wenigstens erging es mir so, und wenn das
Getümmel des Gefechts am ärgsten war, hatte ich am wenigsten Sinn für
Gefahr, in die ich mich mit Enthusiasmus, ja mit einer Art von Wut
stürzte, und nur der ausgemachteste Feigling kann dann noch Sinn für
Flucht oder Angst haben.
Es waren besonders zwei Anhöhen, von denen der Hauptangriff auf die
Festung gemacht werden mußte. Beide waren durch eine Schlucht getrennt.
Auf dem einen Hügel stand ein altes Gemäuer, _Terra attratina_ genannt,
in welchem man Pulver aufbewahrte, der andere Hügel hieß _Monte secco_;
auf beiden wurden Batterien aufgepflanzt, nachdem man mit den Laufgräben
fertig war, die man anlegen mußte, um die Leute dem feindlichen
Geschütz, das ein ununterbrochenes, furchtbares Feuer unterhielt, ohne
es erwidern oder sich verteidigen zu können, nicht zu sehr bloß zu
geben, denn es setzte täglich eine bedeutende Zahl Toter und
Verwundeter. An der Küste hatte man ebenfalls mehrere Batterien
errichten müssen, um sich vor den Angriffen der feindlichen, namentlich
der englischen Schiffe zu sichern, da die Kanonierschaluppen und
Bombardierschiffe oft sehr nahe an das Ufer kamen. Die Arbeiten waren
überhaupt sehr mühsam, und es bedurfte einer großen Menge Sandsäcke,
Schanzkörbe, Faschinen und so weiter, wozu die Materialien und das Holz
sehr weit im Lande, bis bei Fondi, geholt werden mußten; auch traf man
bei dem Graben der Laufgräben nicht selten auf alte Mauern und
Fundamente, die so fest und stark waren, daß sie mit Pulver gesprengt
werden mußten, selbst die zu den Parapets nötige Erde mußte eine
ziemliche Strecke weit herbeigeführt werden.
Gaëta selbst ist eine außerordentlich starke Festung, vielleicht mit die
stärkste auf dem ganzen europäischen Kontinent, und von der Natur
außerordentlich begünstigt, ein zweites Gibraltar. Sie liegt auf einer
Erd- oder vielmehr Felsenzunge, ist von drei Seiten vom Meer umströmt,
durch steile Felsen geschützt und hat einen trefflichen Hafen. Der
Strich Landes, durch den sie mit dem Festland zusammenhängt, ist kaum
zweitausend Schritte breit.
Die Stadt mochte etwa achttausend Einwohner zählen, von denen jedoch
viele geflüchtet waren.
Die Garnison der Festung bestand aus zirka siebentausend Mann, sie wurde
von der See aus durch die englischen, von dem tapfern Admiral Sidney
Schmidt befehligten Schiffe mit allem, was ihr Not tat, reichlich
versehen und ihr Verstärkungen zugesichert, auch schlug Philippsthal
jeden Antrag einer Kapitulation auf das entschiedenste aus. Es war keine
kleine Aufgabe für eine Macht, die nicht Herr zur See war, unter diesen
Umständen Gaëta zu bemeistern. Ein großer Fehler, den der dort
kommandierende Prinz begangen, war, daß er die Vorstädte nicht hatte
abbrennen lassen, die uns einen bedeutenden Schutz und die Mittel,
manches Bedürfnis zu befriedigen, gewährten, überhaupt von großem Nutzen
waren. Das Feuer aus der Festung war manchmal so heftig und anhaltend,
daß es einem unaufhörlich rollenden Donner glich, aber die Munition
wurde meistens vergeblich verschossen, nachdem die Belagerungsarbeiten
weit vorgerückt waren; doch die Belagerten wurden ja damit auf das
freigebigste von den Engländern versorgt, es kam ihnen also nicht darauf
an, ein paar tausend Pfund Pulver und Kugeln in den Wind zu jagen.
Unser Bataillon blieb nicht länger als siebzehn Tage vor der Festung,
während welcher es siebzehn Mann verlor. Diese ganze Zeit hatte ich mich
nur dreimal entkleiden und auf einer Matratze in Mola schlafen können,
so anstrengend war der Dienst; die übrige Zeit schliefen wir auf harter
Erde, in Mäntel gehüllt, Tornister als Kopfkissen benutzend. Auch mit
den Nahrungsmitteln war es schlecht bestellt, oft bestand mein ganzes
Mittagsmahl in etwas Reis und Mais, in Wasser abgekocht und mit Öl
geschmolzen; nur Wein war immer im Überfluß vorhanden, an Fleisch
mangelte es. Man wird mir zugestehen, daß mein Debüt auf dem
Kriegsschauplatz nicht das angenehmste war. Unsere Damen, die in Mola
blieben, verließen uns schon in den ersten Tagen, um es in Neapel
bequemer zu haben.
Die Gegend um Mola di Gaëta selbst ist sehr einladend, mit Lorbeeren,
Myrten, Orangen und so weiter bedeckt und sieht einem großen Garten
ähnlich. Die Frauen und Mädchen sind hier zierlich gewachsen, verstehen
sich vorteilhaft zu kleiden, waren aber gewaltig franzosenscheu und
verbargen sich so viel als möglich unsern Blicken. Der Wein ist von so
guter Qualität, daß die meisten Soldaten und viele Offiziere sich
denselben weit mehr schmecken ließen, als es der Gesundheit zuträglich
war, wie die Folgen bewiesen; ich trank ihn immer nur mit Wasser
vermischt, wie es die Einwohner machen, und blieb gesund dabei. Nichts
ist dem Körper zuträglicher, als Mäßigkeit im Essen und Trinken, er
verträgt dann auch weit leichter alle Strapazen und Entbehrungen, und
selbst Exzesse anderer Art schaden ihm weniger, dabei ist es gut, sich
in jedem Lande möglichst bald die Gewohnheiten der Bewohner hinsichtlich
der Nahrung anzueignen; denn diese wissen längst aus Erfahrung, was am
besten taugt.
Da ein paar Wochen nach unserer Ankunft wieder mehrere Bataillone aus
Oberitalien zu dem Belagerungskorps gestoßen waren, so wurden andere,
unter denen auch das unsrige, zum Abmarsch nach Neapel beordert, was uns
sehr willkommen war; denn nichts ist unleidlicher als das lange
Biwakieren vor einer Festung, es ist ein wahrer Tantaluszustand, man hat
fortwährend das Ziel vor Augen und kann es nicht erreichen.
Wir brachen nach Sessa auf, unser erstes Quartier, nachdem wir das
Lager, oder besser Biwak, denn Zelte hatte niemand gehabt, vor Gaëta
verlassen hatten. Hinter Mola kommt man bald über den Fluß Garigliano,
den alten Liris, der Latium von Campanien trennt. Das Städtchen ist ein
elendes Nest von kaum dreitausend Einwohnern, in dem nichts zu haben war
und wir sehr schlechte Quartiere hatten, die uns jedoch köstlich dünkten
im Vergleich mit unsern Lagerstätten vor Gaëta. Die Soldaten lagen auf
Welschkornstroh, wieder in einem Kloster, deren es nicht weniger als
sechzehn hier gab. Die Einwohner entschuldigten sich mit den
fortwährenden Durchmärschen und dem Belagerungskorps, das alles in der
Umgegend aufzehre, so daß sie uns selbst für Geld nichts geben könnten.
Ein Ei bezahlte ich mit zehn Grani (acht Kreuzer).
In einem großen Stalle spielte diesen Abend eine wandernde Truppe eine
neapolitanische Farce, der ich bis zehn Uhr zuzusehen die Geduld hatte.
Als ich dieses prächtige Theater verließ, begegnete mir ein Sergeant,
der mir sagte, daß mich der Bataillonschef schon allenthalben habe
suchen lassen. Ich eilte sogleich zu Herrn Düret, der mich mit den
Worten: »Aber zum Henker, wo stecken Sie denn immer?« empfing.
»Ich komme aus dem Theater.«
»Das weiß der Teufel, ich glaube, wenn man nur den blanken Hintern
zeigte, so müßten Sie auch noch ins Theater laufen. Das mag mir eine
saubere Komödie gewesen sein.«
»_Mon Commandant_ da können Sie recht haben. Aber was steht zu Ihrem
Befehl?«
»Jetzt ist es für heute zu spät: zwei junge Korporäle, Deutschböhmen,
haben eine Szene mit einem Dominikanermönch des Klosters, in dem sie
einquartiert sind, gehabt, und wurden von einem Sergeanten, _les
culottes bas_, hinter dem Chor mit dem Pfaffen erwischt. Die ganze
Schweinerei wurde mir hierher gebracht, und da ich das Gewälsche des
Pfaffen nicht verstehe, so ließ ich Sie suchen, um den Dolmetscher zu
machen; Sie sind aber nie zu finden, wenn man Sie braucht und somit für
heute abend entlassen.«
Der Pfaffe und die beiden Korporäle waren arretiert und in verschiedenen
Behältern festgesetzt. Den andern Morgen, wir blieben diese Nacht in
Sessa, wurde der Dominikaner seinem Prior zur Bestrafung übergeben, die
beiden Korporäle aber zu Gemeinen degradiert, mit einer Zugabe von
fünfzig Prügeln für einen jeden. Mehrmals kam es vor, daß die Mönche in
den Klöstern sich junge Soldaten aussuchten, diese mit gutem Essen und
Trinken reichlich traktierten, auch wohl berauschten, und dann zu ihren
unnatürlichen Lüsten zu verführen suchten. Ich entledigte mich des mir
gewordenen Auftrags, dem Prior tüchtig die Meinung zu sagen, mit so
großer Energie, daß es diesem ganz schwül dabei wurde, indem ich ihm
versicherte, es könne leicht dazu kommen, daß man sein ganzes Kloster
rasieren und die Mönche auf die Galeeren nach Frankreich schicken würde.
-- Nachdem diese schmutzige Geschichte beendigt war, schickten wir uns
zum Abmarsch nach Capua an.
Das moderne Capua liegt wie das alte in der üppigsten Gegend der
heutigen _Terra di lavoro_, die man deshalb auch _il Paradiso del
Paradiso_ nennt, denn die Neapolitaner heißen bekanntlich ihr Land _il
Paradiso_, das doch in mehr als einer Hinsicht auch ein _Inferno_ ist.
Die Stadt, welche etwa sechstausend Einwohner zählen mag, ist eine
Festung, im ganzen schlecht und aus den Trümmern des alten Capua gebaut,
hat aber einige schöne Kirchen, von denen eine, ich glaube die
Hauptkirche, eine große, von goldgelb lackierten Ziegeln bedeckte Kuppel
hat, so daß, wenn sie von der Sonne beleuchtet wird, sie ein goldenes
Dach zu haben scheint. Die Granitsäulen, welche diese Kirche in großer
Zahl stützen, sind verschiedenen heidnischen Tempeln entnommen und daher
sehr ungleich an Form und Dicke.
Die Festungswerke dieser Stadt sind von dem berühmten Vauban angelegt,
aber nichtsdestoweniger fiel sie den Franzosen fast ohne Widerstand in
die Hände. Am Tage unserer Ankunft wurde in einem großen geschlossenen
Raume, einer Art Hof, ein Stiergefecht nach spanischer Manier, aber sehr
_en miniature_, aufgeführt, das aber doch die Schönen Capuas
außerordentlich anzusprechen schien. Ein einziger Stier, der gerade
nicht zu den unbändigsten gehörte, wurde von einem halben Dutzend
wohlbewaffneter Kämpen gereizt, gehetzt, leicht verwundet und dann, ohne
getötet zu werden, nachdem er viele, mehr possierliche als zu fürchtende
Sprünge gemacht, wieder abgeführt, und zwar unter dem Jauchzen und
Beifall des Volks!
Von Capua brachen wir nach Aversa auf, das auf der Hälfte des Wegs nach
Neapel liegt. Was dieser Stadt einige Berühmtheit gibt, ist ihr
vortrefflich eingerichtetes Narrenhaus, in welches die angesehensten
Narren Neapels, freilich bei weitem nicht alle, eingesperrt werden. In
dem hiesigen Schloß hielten die alten Könige von Neapel öfter ihren Hof,
und Johanna I. ließ 1345 den König Andreas von Ungarn, ihren Gatten,
hier erwürgen.
Von hier marschierten wir endlich in die Hauptstadt des uns so gelobten
Landes, wo wir ein recht angenehmes Leben in Hülle und Fülle, in Saus
und Braus führen zu können hofften, denn von dem Ausmarsch aus Genua an
war fast nur die Rede von den Annehmlichkeiten, die uns zu Neapel
erwarteten. Ich hatte außerdem noch einen ganz besonderen Magnet, der
mich dahin zog, nämlich einen nahen Anverwandten namens Moritz aus
Frankfurt, der schon seit einer Reihe von Jahren hier etabliert war, als
Bankier ein großes und glänzendes Haus führte, und von dem ich die
Überzeugung hatte, daß er nichts weniger als eine jener gewöhnlichen
Geldsackseelen war, wie man sie leider in der körperlichen Hülle der
großen Mehrzahl dieser Mammonsknechte findet, die keinen andern Sinn als
für Batzenklang haben, und die deshalb in der Regel die unwissendsten
und langweiligsten Personnagen sind. Herr Moritz machte eine ehrenvolle
Ausnahme, er lebte den Künsten und Wissenschaften, ohne deshalb seine
Geschäfte zu vernachlässigen, sein Haus war der Sammelplatz der
ausgezeichnetsten Männer, mitunter auch der lustigsten Brüder und
geistreicher Frauen, die aber nicht zu den angesehensten gehörten, aus
Ursachen, die wir sogleich anführen werden, vielleicht eben darum um so
angenehmer waren, und folglich das unterhaltendste Haus von der Welt, in
dem keine Langeweile aufkommen konnte. Auch wußte ich, daß ich daselbst
einen freundlichen Jugendgespielen, einen Neffen meines Vetters, den
jungen Fritz Stock, der mit mir die Mädchenschule in Frankfurt besucht
hatte, treffen würde, Aussichten, die machten, daß ich mich Neapel
freudig näherte.
Seit mehr als einem Vierteljahr waren die Franzosen im Besitz dieser
Stadt, als wir daselbst ankamen; den 31. März 1806 war Joseph zum
Herrscher des Königreichs proklamiert worden. -- Die alte Königin
Karoline, Gattin Ferdinands IV., ein bitterböses Stück von einem Weib,
hatte zwar, nachdem alle Versuche, den Marsch der Franzosen aufzuhalten,
vergeblich gewesen, dem Heerführer derselben wissen lassen: sie würde
ihm, dem Reich den Rücken kehrend, nur dampfende Ruinen und Leichname
hinterlassen; da aber diese verruchte Äußerung sehr bald in Neapel
bekannt wurde, so hatten die bessern Bürger schnell zu den Waffen
gegriffen, sich in hundert Kompagnien organisiert, um das von ihrer
wohlwollenden Königin gedungene, besoldete Raubgesindel und die Banditen
im Zaum zu halten. Ihre Majestät überfiel nun selbst eine so gewaltige
Furcht, daß sie alle Zugänge zum Palast eiligst vermauern ließ und
zugleich bekanntmachte, es sei auch ihr Wille, daß Neapels brave Bürger
für die Sicherheit der guten Stadt wachten. Sie ließ aber zugleich in
aller Eile so viel Schätze wie möglich, und wo sie solche erwischen
konnte (sogar aus der Bank hatte sie zehn Millionen, die Privaten
gehörten, genommen), zusammenraffen, und entfloh samt ihrem Hofgesinde
damit nach Sizilien, von wo aus sie den Aufstand in Kalabrien schürte
und das glimmende Feuer zu hellen und blutigen Flammen anblies. Dieses
Weib war auch mit die Hauptanstifterin des Gesandtenmords zu Rastatt
gewesen.
Unser Bataillon wurde samt den Offizieren in die Fortezza nuova
kaserniert. Den Tag nach meiner Ankunft suchte ich sogleich meinen Herrn
Vetter auf, der in der Straße San Giacomo di Spagna wohnte, von dem ich
auf das herzlichste, ebenso von seinem Schwestersohn, dem jungen Stock,
mit offenen Armen aufgenommen wurde; man hatte mich schon seit einiger
Zeit nach Briefen von meinem Vater erwartet, von dem ich auch zwei
Schreiben an mich vorfand. Ich mußte gleich zu Tische bleiben und wurde
gebeten, so lange unser Aufenthalt in Neapel währte, mit demselben
vorlieb zu nehmen, was ich aber, den Dienst vorschützend, ablehnte, weil
es mich jedenfalls geniert haben würde; auch Maultiere und Pferde wurden
mir zu Exkursionen, sowie Plätze in Logen in San Carlo und der
Fiorentini, die beiden ersten Theater der Stadt, zur Disposition
gestellt. In Italien ist es nämlich der Brauch, nur noch ein kleines
Entreegeld an der Kasse zu bezahlen, wenn man Eintritt in die Privatloge
eines Freundes oder Bekannten hat, aus der man aber dann auf keinen
andern Platz gehen kann.
Moritz' gastfreies, splendides Haus wurde von der hohen Noblesse Neapels
sowie von der französischen Generalität und den Stabsoffizieren
frequentiert, und in demselben lernte ich den Seeminister Pignatelli,
den Polizeiminister Salicetti, den Oberst Franceschi, den Duca del Campo
chiaro und eine Menge Ducas, Principi, Marchesen und so weiter kennen,
von denen freilich gar manche nicht viel mehr sagen wollten als unsere
armen deutschen Edelleute, die sich aber die köstlichen Ortolanen,
Trüffelpasteten, den Lacrimä Christi und Champagner meines freigebigen
Vetters trefflich schmecken ließen, und nicht selten noch obendrein
dessen Kasse in Anspruch nahmen. Dafür ließen sie sich aber auch vieles
gefallen, einige waren die Souffre-Douleurs und die Zielscheiben des
Witzes der Offiziere; der junge Stock, der dieser neapolitanischen
Schmarotzer-Clique, die seinen guten Oheim auszog, nicht sehr hold war,
ging oft auf das unbarmherzigste mit ihr um, was jedoch die Herren nicht
vom Wiederkommen abhielt und sie das Essen und Trinken nicht minder
wohlschmecken ließ, ja sie fanden sich nicht selten ungeladen ein; als
eines Tages Herr Moritz ein _Diner fin_ auf seinem Kasino gab, aus den
ausgesuchtesten Leckerbissen bestehend und nur für einen kleinen,
auserwählten Kreis berechnet, sich aber dennoch drei dieser ungeladenen
neapolitanischen Schmeißfliegen, deren vortreffliche Schnüffelnasen den
Braten gerochen hatten, einfanden, sagte ihnen der junge Stock
geradeheraus, daß für sie kein Kuvert gedeckt sei, worauf sie mit
dreistlächelnder Miene erwidertem »_Oh vi piace di scherzare, Signore!_«
Stock wollte nochmals replizieren, aber sein zu guter Oheim fiel ihm ins
Wort und sagte: »Mein Neffe ist ein Spaßmacher, das wissen Sie,
allerdings sind Sie geladen.« Man kann sich keinen Begriff von der
Unverschämtheit dieser armen neapolitanischen Schlucker machen, die mit
der unverschämtesten Zudringlichkeit zugleich die größte
Niederträchtigkeit verbinden; ich war Zeuge, wie einer dieser Herren,
dem Stock soeben auf das empfindlichste mitgespielt hatte, demselben
gleich darauf mit seinem Taschentuch den Staub von den Stiefeln wischte.
Da Moritz nicht verheiratet war, sondern eine Opernsängerin, Signora
Brunni, zur Geliebten hatte, die er jedoch von der Bühne weggenommen,
und die also nicht mehr auftrat, so konnte man in seinem Haus auch keine
neapolitanischen Damen vom ersten Rang kennen lernen, dagegen aber
brachten viele der geladenen Herren auch die von ihnen unterhaltenen
Geliebten mit, meistens Prinzessinnen der verschiedenen Bühnen Neapels,
was dann die Gesellschaft und Unterhaltung außerordentlich heiter und
belebt machte und alle Langeweile verbannte. -- Unter den Gästen war
auch in der Regel ein Maestro di Musika (Kapellmeister), ein
wohlgenährter Dickwanst und Gutschmecker, der aber sein Essen durch das
Dirigieren der Musik, welche bei solchen Gelegenheiten meistens den
Schluß des Festes machte, wohl verdiente, aber den andern Gästen ganz
ungeniert, im Bewußtsein seines hohen Verdienstes um die Gesellschaft,
die besten Bissen vor dem Mund wegschnappte, wohl dreißig Ortolanen zu
verschlucken und mit ein paar Flaschen Cyprier oder Lacrimä
hinabzuspülen wußte. Unter den fast täglichen Tischgenossen befand sich
auch ein gewisser Metzler aus Frankfurt, der Bruder eines der reichsten
Bankiers daselbst, der den Titel Geheimerrat führte, er selbst aber war
blutarm und lebte ganz von der Großmut des Herrn Moritz, da ihm seine
reichen Verwandten auch nicht die mindeste Unterstützung zukommen
ließen.
Noch war den Franzosen in Neapel alles neu, und kein Mensch wußte sich
recht in die Neuheit dieser Dinge zu finden, am allerwenigsten der
neugebackene König, der zwar ein ziemlich unterrichteter Mann, von
gefälligen Sitten und Manieren war, aber wenig oder gar keine
Regententugenden besaß, und dem die einem Herrscher durchaus nötigen
Eigenschaften mangelten, die hier, wo es galt, ein soeben erobertes und
sich noch in Gärung und großen Unruhen befindendes Königreich zu
beruhigen, neu zu organisieren und sozusagen umzugestalten, hundertmal
erforderlicher waren, als bei der Besteigung eines angeerbten Thrones.
Dabei besaß Joseph, dieser ältere Bruder Napoleons, eine ziemliche Dosis
Eitelkeit bei wenig Charakterfestigkeit, und suchte seine unbedeutende
Herkunft durch einen übermäßigen Aufwand an Pracht und Pomp zu
bemänteln. Seine Tafel ließ er mit lukullischer Schwelgerei servieren,
er affektierte, Künste und Wissenschaften zu beschützen, war auch in der
französischen, italienischen Literatur ziemlich bewandert und hatte eine
oberflächliche Kenntnis von der englischen. Daß auch die Deutschen eine
solche hätten, schien er gar nicht zu ahnen oder glaubte wenigstens, daß
es eine ganz barbarische sein müsse, ein Vorurteil, das er mit der
großen Mehrzahl der gebildetsten Franzosen jener Zeit teilte. Er hatte
zwar zuerst seinem kaiserlichen Bruder gesagt, er möge ihn lieber im
Schoß seiner Familie leben, als über Völker herrschen lassen; aber der
Glanz einer Krone und eines Thrones machten ihn schnell andern Sinnes.
Da er ohne seine Gemahlin, ein seltenes Muster der Tugend und
Weiblichkeit, eine ganz vortreffliche Gattin und Mutter, die noch in
Paris zurückgeblieben, nach Neapel gekommen war, so führte er daselbst
ein ziemlich ausschweifendes, manches öffentliche Ärgernis gebendes
Leben. Die Weiber mußten ihm sogar bis auf die Jagd folgen, und man
nannte diese Damen nur seine Cacciatricen (Jägerinnen), wobei es weit
mehr auf eine ganz andere Jagd als das gewöhnliche Wild abgesehen war.
Ein anderer, sehr schlimmer Umstand war, daß kaum, nachdem sich die
Franzosen im Besitz von Neapel befanden, ganze Schwärme der
nichtsnutzigsten Subjekte von Paris kamen, gleich Heuschrecken sich über
die Hauptstadt und das Land ergossen, alle um hier ihr Glück zu machen,
oder wenigstens doch einträgliche Stellen zu erhalten, was auch den
meisten gelang. Diese Individuen, die los zu sein Frankreich froh, und
deren Moralität und Verdorbenheit grenzenlos war, saugten nun, jeder so
viel es in seiner Gewalt stand, das neu eroberte Reich aus, und waren so
die Ursache, daß die Franzosen, die anfänglich der bessere Teil der
Neapolitaner, welcher die liederliche Wirtschaft und Verwaltung des
frühern Hofs verwünscht hatte, schätzte, bald der Gegenstand des
allgemeinsten und bittersten Hasses wurden. Ein tüchtiger und weiser
Regent, Männer wie der Vizekönig oder Bernadotte, würden in Neapel viel
Gutes ausgerichtet und ihre Regierung bald sehr beliebt gemacht haben,
denn die Umstände konnten, wegen des Benehmens des entflohenen Hofes und
seiner verachteten und gehaßten Königin, nicht leicht besser sein, als
sie es bei Josephs Ankunft waren, dessen wenig einsichtsvolle Handlungen
aber alles verdarben. Besonders war es auch die so ganz widersinnige
Besetzung der höhern Zivilämter, die nur einzig mit Gunst und Protektion
stattfand, ohne daß man die vorgeschlagenen oder sich meldenden Subjekte
im geringsten hinsichtlich ihrer Fähigkeit und Moralität prüfte, welche
den schädlichsten Einfluß hatte. Der neue Monarch sah und hörte nichts
selbst, sondern verließ sich ganz auf seine Minister und nächsten
Umgebungen, so daß der Intrige voller Spielraum gelassen war. Einen der
gröbsten Fehler hat der sogenannte große Napoleon begangen, indem er
seine, sämtlich zu Regenten ganz untauglichen, Brüder auf Throne setzte,
wo es nicht fehlen konnte, daß es ihren eben nicht sehr starken Geistern
auf solchen Höhen schwindeln mußte.
Das in Neapel vom Thron ausgehende böse Beispiel wirkte bis auf die
unbedeutendsten Chargen und steckte sogar die gemeinen Soldaten an,
alles wollte nur vollauf genießen und den günstigen Augenblick benutzen,
als erwarte man das Ende der Herrlichkeit den kommenden Tag. An
vielversprechenden Proklamationen ließ man es zwar nicht fehlen, in
denselben wurde unter anderm gesagt, daß mit der notwendigen Verjagung
der alten Königsfamilie Napoleons gerechte Rache vollkommen gesättigt
sei, daß man alles Eigentum und die Kirche in besondern Schutz nehmen
werde, daß alle wohlerworbenen Pensionen fortbezahlt würden und alle
Spitäler und wohltätigen Anstalten für die Zukunft von allen Abgaben
befreit bleiben sollten; auch gab man die Fischereien am Posilippo und
sogar die Jagden im ganzen Reich dem Volk frei, etwas bis jetzt
Unerhörtes. Aber zu gleicher Zeit errichtete man eine sehr zahlreiche
Gendarmerie, die in Kompagnien eingeteilt, die öffentliche Sicherheit
befördern sollte, jedoch sich oft unerträgliche Plackereien erlaubte,
die nicht nur straflos blieben, sondern sogar von oben herab
aufgemuntert und nach Umständen belohnt wurden. Starke und zahlreiche
Patrouillen durchstreiften Tag und Nacht die Hauptstadt, zu deren
Gouverneur der Marschall Jourdan ernannt worden war, nach allen
Richtungen. Um das Volk zu beruhigen und dasselbe glauben zu machen, der
Himmel selbst habe den neuen Herrscher begünstigt, suchte man es durch
das Blendwerk einer großen Prozession, mit den Reliquien des heiligen
Januarius veranstaltet, zu gewinnen. Diese Feierlichkeit wurde mit der
größten Ostentation begangen. Mönche von allen Orden, eine unzählige
Menge von Weltgeistlichen, das Kapitel mit dem Kardinal-Erzbischof an
der Spitze, Jourdan mit der ganzen Generalität und dem Stab und große
Abteilungen aller Regimenter der Garnison, die sämtlich unter dem Gewehr
stand, folgten ihr. Es wurde dabei inbrünstig gebetet, alles fiel auf
die Knie nieder, als man das Blut des heiligen Januarius zeigte, das
jedoch erst nach einer guten Viertelstunde, als bereits die Knie zu
schmerzen anfingen und das Volk ängstlich zu murmeln begann, flüssig
wurde. Aber jetzt erscholl auch aus tausend und abermal tausend Kehlen
der gleich dem Donner fortrollende Ruf: »_Miracolo! Miracolo!_« und das
ganze Volk schien jetzt überzeugt, daß der heilige Januarius ein Freund
der Franzosen sei und sie beschütze. Indessen sagte man sich im
Vertrauen, daß die hohe Geistlichkeit nur durch die ernstlichsten
Maßregeln und Drohungen zu dem Gaukelspiel der Flüssigmacherei des
heiligen -- Ochsenblutes hatte bewogen werden können. Jourdan hatte
nämlich dem Kardinal-Erzbischof nur die Wahl gelassen, ob das Blut des
Heiligen oder sein eigenes fließen solle. Die Eminenz zog daher vor, das
erstere fließend zu machen.
Joseph hatte auch eine flüchtige Reise bis nach Reggio gemacht, um sich
dem Volk als sein neuer Herrscher zu präsentieren und es für sich zu
gewinnen, die Reise blieb jedoch in dieser Hinsicht erfolglos, aber der
König hatte doch wenigstens die lockenden Küsten Siziliens gesehen.
Unterdessen machte man fortwährend die größten Mißgriffe bei der neuen
Organisation, kein Mensch stand am Ruder, der nur einige Ordnung in
dieses verwirrte Chaos zu bringen imstande gewesen wäre, und Seine
Majestät war ein Spielball talentloser Intriganten. -- Miot von Melito,
den man zum Minister des Innern ernannt hatte, war zwar nicht ohne
Kenntnisse und einiges Verdiensts, aber diesem Posten durchaus nicht
gewachsen. General Dümas hatte man zum Kriegsminister gemacht, dieser
war zwar mehr an seinem Platz, wurde aber beständig in seinem Wirken
durch Hofkabalen gehemmt. Die übrigen Minister, teils Franzosen, teils
Neapolitaner, waren völlig bedeutungslos oder schlimmer. In die
Provinzen, man hatte das Reich in dreizehn solche geteilt, wurden
Militärkommandanten mit fast prokonsularischer Macht gesandt, die nach
Gutdünken und mit tyrannischer Willkür in denselben hausten. Ein
Staatsrat, aus zwanzig Gliedern bestehend, beschäftigte sich fast
nur mit der Organisation des neuen Hofstaates, den man mit
Zeremonienmeistern, einem Heer von Kammerherren, Hofdamen und all dem
Trödel der alten Monarchien auf das überflüssigste versah. Man wollte
zwar auch etwas für die Verbesserung der sich in einem gräßlichen
Zustand befindlichen Schulen, für die Kultur des Landes und so weiter
tun, aber griff die Sache so verkehrt an, daß man nur verschlimmerte und
erbitterte, und auch die wohlmeinendsten Absichten unausführbar wurden.
Am allerschlimmsten aber war es mit dem Finanzdepartement beschaffen, wo
eine solche Verschleuderung der ohnehin geringen Mittel stattfand, daß
alle Kassen ebensoviele Danaidenfässer wurden.
Ein Dekret, welches den Klöstern untersagte, künftig Einkleidungen von
Novizen vorzunehmen, ohne vorher die Einwilligung der Regierung dazu
erhalten zu haben, wurde mit Strenge vollzogen, ebenso wurden alle
fremden Jesuiten, die sich im Königreich befanden, des Landes verwiesen
und über die Grenze gebracht. Die Gendarmerie wurde bis zur Unzahl
vermehrt und in alle Provinzen verteilt. Das Beste bei der ganzen Sache
war, daß man in der Hauptstadt eine Art Nationalgarde errichtete, die in
vier Regimenter eingeteilt wurde und das meiste zur Ruhe und Handhabung
der Ordnung sowie viel zur Erleichterung des außerordentlich
beschwerlichen Dienstes der Garnison beitrug. In allen Forts und
Kasernen standen Tag und Nacht starke Piketts unter dem Gewehr, um auf
den ersten Wink zum Ausmarsch bereit zu sein, außerdem waren alle
Truppen beständig konsigniert, und die Soldaten und Unteroffiziere
durften dieselben nur in geringer Zahl und mit Erlaubnis der
Kommandanten verlassen. -- Mehr als einmal passierte es mir und anderen
Offizieren, daß bei der Nachhausekunft aus dem Theater oder von sonstwo
die Kompagnie oder das Bataillon schon seit Stunden ausmarschiert war,
und zwar in die nächste Umgegend, wie nach Nola, Aversa, Avelino und so
weiter, wo sich bewaffnete Insurgentenhaufen und Banditen gezeigt
hatten; die zurückgebliebenen Offiziere mußten einzeln nachlaufen,
trafen nicht selten auch die Leute schon wieder auf dem Rückmarsch, da
die Sache nur ein blinder Lärm gewesen oder die Briganten, wie wir diese
Leute nannten, schon bei der Annäherung der Truppen, von der sie durch
ihre Spione, die sie trefflich bedienten, unterrichtet wurden, die
Flucht ergriffen hatten. Durch einen Tagesbefehl wurde nun verordnet,
daß jeder Offizier hinterlassen müsse, wo er zu finden sei, damit er
durch einen Unteroffizier benachrichtigt werden könne, wenn seine
Kompagnie plötzlich Marschorder erhielte. Mit den eingefangenen
Briganten wurde kurzer Prozeß gemacht, sie wurden gewöhnlich gleich oder
doch in den nächsten vierundzwanzig Stunden erschossen oder gehängt. In
der Regel waren jede Woche ein oder zwei Exekutionstage, an denen
wenigstens ein halbes Dutzend Briganten oder andere Verbrecher durch den
Strang hingerichtet wurden, und zwar auf eine höchst ekelhafte und das
Gefühl empörende Weise. Diese Exekutionen fanden nämlich auf einem
großen Platz (Largo del Mercato), zu dem alle Zugänge mit Kanonen, bei
denen brennende Lunten, besetzt waren, in der Nähe des Castello del
Carmine (Karmeliterfort) statt. Die Galgen waren von einem großen
Karree, drei Teile aus Infanterie und ein Teil aus Kavallerie bestehend,
umgeben. Die zu hängenden armen Sünder wurden auf Karren, von Pfaffen
begleitet und Gendarmen eskortiert, herbeigefahren; man hing ihnen, an
den Leitern angekommen, die Stricke um den Hals, ließ sie die Sprossen
zu dem ihrer harrenden Henker hinansteigen, der sie, sobald sie hoch
genug waren, mit einem kräftigen Stoß hinabschleuderte, aber sich in
demselben Augenblick auch auf ihren Nacken schwang, so daß sich seine
beiden Beine auf der Brust des Delinquenten kreuzten; er ritt nun so
lange auf dessen Schultern, sich beständig auf- und niederschwingend,
bis dem Gehängten die Zunge handlang aus dem Halse hing und er blau und
schwarz war, ein scheußliches Schauspiel! Hierauf schnitt er ihn, der
sogleich auf einen Schinderkarren geworfen wurde, ab, und ein anderer
kam an die Reihe, mit dem er dasselbe Manöver wiederholte, und so fort,
bis alle auf diese Weise stranguliert waren, was manchmal mehrere
Stunden, ja bis zur Abenddämmerung währte, worauf sich die Bataillone in
starke Patrouillen auflösten oder sämtliche Waffen mit einbrechender
Nacht dreifach verstärkten.
Um sich das Volk geneigt zu machen, erließ der König plötzlich ein
Dekret, durch welches mit einem Male das ganze Feudalsystem über den
Haufen geworfen und aufgehoben wurde; aller Gerichtsbarkeit der großen
Gutsbesitzer und Vasallen war somit ein Ende gemacht, ebenso wurde auf
den königlichen Domänen auch das Heimfallrecht zugunsten des Fiskus
abgeschafft. Aber alle diese Maßregeln, die zugunsten des Volkes
ergriffen wurden, waren weit entfernt, die gewünschte Wirkung zu haben,
sie brachten vielmehr das Gegenteil von dem, was damit beabsichtigt
wurde, hervor; das Volk, noch in der krassesten Unwissenheit, begriff
gar nicht, was man damit wollte, und es war dem dabei sehr
interessierten Adel und den Pfaffen, deren Privatinteressen dadurch
gewaltig litten, ein Leichtes, es glauben zu machen, dies alles geschehe
nur, um es völlig zu Sklaven des fremden Herrschers zu machen. Die
Aufhebung der Patrimonial-Justiz, die bis jetzt nur eine feile, sich dem
Meistbietenden preisgebende Hure und den sauberen Baronen eine
gutmelkende Kuh war, denen sie bedeutende Renten verschaffte, machte die
Einkünfte dieser Herren plötzlich viel schmäler und sie selbst zu großen
und gefährlichen Feinden der neuen Regierung. Sonderbar, daß das Wort
barone im Neapolitanischen auch einen Schurken oder Schuft bedeutet, was
viele veranlaßt, dessen Etymologie von der Nichtswürdigkeit dieser
Herren Barone abzuleiten.
Auch was die jetzige Regierung für das Vergnügen und die Annehmlichkeit
der Bewohner Neapels tat, wurde von diesen, statt anerkannt zu werden,
oft bitter getadelt; so fand man es unpassend, daß man den Spaziergang
vor der Villa Reale bis zu dem Posilippo verlängerte, auch war ihnen das
Ausbessern und Anlegen bequemerer Landstraßen ein Greuel, ebenso die mit
den Schulen vorgenommenen Verbesserungen, und als man aus einem
Mönchskloster zu Nola eine Kunstschule machte, kam es daselbst beinahe
zu einem Aufstand. Nach und nach hob man auch die reichsten Klöster auf,
deren Bewohner ziemlich karg pensioniert wurden, so ging es den sehr
reichen Bernhardinern, Kamaldulensern und so weiter. Dies und ein
erzwungenes Darlehen von 1200000 Ducati sowie der Verkauf der
eingezogenen Klostergüter an den Meistbietenden steigerten die schon
bestehende große Unzufriedenheit in einem hohen Grade, und die Ankunft
einer Deputation des Pariser Senats, die Napoleon an seinen Bruder
abgesandt hatte, um ihn zu seiner Thronbesteigung zu bekomplimentieren,
die feierlich empfangen und der zu Ehren große Festlichkeiten
veranstaltet wurden, bei denen besonders die Frauen und Töchter der
Neuangestellten sich in großem Glanz einfinden mußten, da man auf die
neapolitanischen Edeldamen nicht zählen durfte, war eben nicht geeignet,
die vorhandene Stimmung zu bessern.
Bis jetzt hatte ich noch wenig oder gar keine Zeit gehabt, mich auch nur
oberflächlich mit Neapels Sehenswürdigkeiten zu beschäftigen und konnte
nur sehr selten von den Einladungen meines Vetters Moritz Gebrauch
machen; das einzige, was ich frequentierte, waren die Theater. Aber
unser guter Stern wollte, daß wir während unseres diesmaligen
Aufenthaltes in Neapel ein ganz anderes, sehr seltenes und großartiges
Schauspiel, wie sie nur die Natur gibt und keine menschliche Kunst
nachzuahmen imstande ist, sehen sollten: der Vesuv hatte nämlich schon
seit längerer Zeit alle Vorzeichen gegeben, daß es demnächst zu einem
Ausbruche kommen würde, und in der Tat konnten wir auch bald dieses
außerordentliche Naturschauspiel in seiner ganzen furchtbar-schönen
Pracht bewundern. Zuerst waren die Rauchsäulen, die unaufhörlich dem
Krater dieses Berges entsteigen, mit jedem Tag dichter, stärker und
dunkler geworden, und an einem Abend, ich glaube, es war anfangs Juni,
fing der Berg an, das erste Feuer auszuwerfen, das mit jedem Augenblick
zunahm, und mit der eingebrochenen Nacht sah man die Feuersäulen in
ihrer ganzen Größe und Majestät; der Horizont über dem Vesuv sowie die
spiegelnde See schienen glühend und ein Feuermeer zu bilden. Das
Feuerspeien währte die ganze Nacht fort, und ich sah in derselben, einer
Juninacht in Neapel, dem prachtvollen Schauspiel von einem Balkon der
Fortezza nuova zu, die wir nicht verlassen durften, weil auch der
Volkshorizont mit Feuer schwanger zu gehen schien. Bald sah man die
Feuerströme der glühenden Lava sich nach verschiedenen Richtungen hin
eine Bahn brechen, und einer derselben hatte diese so gut oder so
schlimm gewählt, daß er an hundert Landhäuser und viele hundert Acker
bebautes Feld gänzlich verwüstete und verbrannte; dabei war im Innern
des Berges ein so schreckliches Getöse, ein so gewaltig fort und fort
rollender Donner, daß viele Leute den Einsturz desselben erwarteten,
andere gar glaubten, das jüngste Gericht sei im Anzug. Auf unsere
Soldaten, die nie von so etwas gehört, machte dieses Phänomen einen ganz
besonderen Eindruck; sie hielten es für eine sehr schlimme Vorbedeutung,
und es kostete große Mühe, sie eines Besseren zu belehren. Das Wüten und
Toben im Innern des Berges dauerte noch vierzehn Tage fort.
Das zweite Bataillon unseres Regiments war unterdessen auch angekommen,
während das dritte noch in Genua verblieb, und wurde zum Teil nach
Castellamare detachiert. Viele Offiziere, namentlich die verheirateten,
für die zu wenig Raum in den Forts war, wurden aus denselben in das
schöne, geräumige Kloster Giesu nuovo, aus dem die Jesuiten vertrieben
worden waren und aus dem man eine Offizierskaserne gemacht, einquartiert
und lebten daselbst recht gesellig zusammen. Madame Grenet, Madame
Alphonse, Madame Gasqui hatten nebst noch anderen Damen samt ihren
Männern ziemlich geräumige Wohnungen, und aus dem ehemaligen Betsaal der
guten Väter war ein Speise-, ein Spiel- und ein Tanzsaal geworden, in
den ich bisweilen die Regimentsmusik kommen ließ, um ihre Proben
daselbst zu halten. Außerdem stellte ich ein Piano, das ich mietete, in
denselben, und fast alle Abende fanden oft bis nach den Theatern große
Reunionen hier statt, man spielte ziemlich hohe Hazardspiele,
musizierte, tanzte und so weiter. Madame Gasqui sang, wie gewöhnlich die
Französinnen singen, das heißt, sie trug französische Romanzen mit viel
Grazie und einem ausdrucksvollen Parlando vor, hatte aber eine etwas
schneidende Stimme und distonierte bisweilen. Dies darf man bei einer
jungen, hübschen Frau nicht so genau nehmen, sondern muß im Gegenteil
alles ausgezeichnet finden. Ich war dann gewöhnlich ihr Akkompagnateur,
wurde es aber auch bald auf Promenaden, in die Theater und an anderen
Orten. Herr von Gasqui war ein äußerst gefälliger Ehemann, der nicht
wußte, was Eifersucht heißt. -- Als alles gerade im besten Zug und ich
auch mit Madame Gasqui nahe am Ziel war -- verstanden hatten wir uns
schon seit der Säulenbesteigung in Rom --, mußten wir über Hals und Kopf
nach Kalabrien abmarschieren, wo unsere Angelegenheiten eine sehr
schlimme Wendung genommen hatten.
Nach Paris und London ist Neapel die größte Stadt Europas, hat über
zwanzig Milgien im Umfang und zählt nahe an eine halbe Million
Einwohner, unter denen über vierzigtausend Lazzaroni sind, das heißt
Menschen, die fast keine Bedürfnisse haben und kennen; wenn sie hungern,
sich mit der frugalsten Kost von der Welt sättigen; wenn sie dürften,
den Durst mit reinem Wasser, manchmal mit ein paar Tropfen Wein
vermischt, löschen, und wenn sie Schlaf haben, sich da auf einer Straße
oder unter Säulenhallen auf das Pflaster oder die Platten niederfallen
lassen, wo sie sich gerade befinden, und in ihren kurzen leinenen
Beinkleidern und einem Hemd, das ihre ganze Garderobe und Habseligkeit
ausmacht, zu der im Winter noch eine Art wollener Jacke kommt, so lange
ganz sorgenlos schlafen, bis sie genug haben oder durch einen Zufall
geweckt werden. Schuhe und Strümpfe sind dem Lazzarone unbekannte Dinge.
Immer heiter, unbekümmert und lustig, lebt er in den Tag hinein, sich
wegen der nächsten oder entfernten Zukunft nie die geringste Sorge
machend. Mitten unter der zivilisierten Welt lebend, bleibt er dieser
doch ewig fremd und sieht mit der größten Gleichgültigkeit besternte
Herren und aufgedonnerte Damen in vergoldeten Staatskarossen an sich
vorüberrollen, ohne daß er sich etwas mehr oder vielmehr weit weniger
dabei denkt, als wenn er die Pulcinelli ihre Possen machen sieht. In der
größten Sonnenhitze läßt er sich durch deren brennende Strahlen die Haut
kupferig färben, und Wind, Wetter und Regen scheinen ihn ebensowenig zu
berühren, veranlassen ihn höchstens, sich auf eine halbe Stunde einmal
in eine der vielen hundert immer offen stehenden Kirchen zu begeben. Die
Straße ist sein Speisesaal, sein Wohnzimmer und sein Schlafgemach, die
Steine seine Matratzen und Kopfkissen, der Himmel seine Bettdecke. Von
Sonnenaufgang an erfüllt er die Lüfte mit seinem oft melodiereichen
Gesang und dünkt sich dabei Herr der Schöpfung, glücklicher als ein
König.
Eine der größten Sehenswürdigkeiten Neapels ist das Theater San Carlo,
nach dem zu Parma das größte der Welt und wohl auch das schönste, mit so
vortrefflich gemalten Dekorationen, daß man kaum Täuschung von
Wirklichkeit zu unterscheiden vermag. Der Reichtum und die Pracht der
Kostüme grenzt an das Unglaubliche, sowie die Maschinerie an das
Wunderbare; seinen höchsten Glanz erreichte es wohl unter Mürat, und ich
werde später, wo ich gewissermaßen demselben vorstand, Gelegenheit
haben, mehr davon zu sagen. Das Innere hatte sechs Galerien oder
Logenreihen, ein sehr geräumiges Parterre, in dem alle Sitze
ebensovielen Armstühlen glichen und sehr bequem waren. Jede Galerie
enthielt dreißig geräumige Palchi oder Logen, in einer jeden derselben,
die ein kleines abgesondertes Zimmer, meist mit einem Vorzimmer bildete,
war bequem für zwölf Personen Raum; sie waren auf das geschmackvollste
möbliert, nach dem Belieben des Inhabers mehr oder weniger reich
ausgeschmückt und mit allem Komfort versehen, sogar Damentoiletten und
Spieltische fehlten nicht. In dem Vorzimmer harrten Bediente, man
wartete in den Zwischenakten mit allen erdenklichen Erfrischungen den
geladenen Gästen auf und soupierte nicht selten auch während der
Vorstellungen. Jeder dieser Palchi hatte zwei, auch vier Spiegel mit
Wandleuchtern, ebenso waren außerhalb und zwischen denselben Spiegel mit
drei- oder fünfarmigen vergoldeten Armleuchtern angebracht, was bei
einer vollständigen Illumination, wo so viel tausend Kerzen durch den
Widerschein der vielen Spiegel millionenmal vervielfältigt wurden, eine
unbeschreibliche, feenhafte Wirkung hervorrief. Die Draperien dieser
Logen waren meistens von karmoisinfarbigem, genuesischen Thronsammet,
mit reichen Goldstickereien und Fransen von demselben Metall versehen.
Später ließ Mürat noch das Portal dieses Prachthauses durch ein aus fünf
Bogen bestehendes, herrliches Peristil verschönern; 1816 brannte es
jedoch ab, wurde aber ebenso prächtig wiederhergestellt. Hier wurden nur
die ganz großen Opern (_Opera seria_), Meisterwerke der Tonkunst und
Prachtballette gegeben.
In den übrigen Theatern sah man die _Opera buffa_ und italienische
Lustspiele in hoher Vollendung aufführen. Das vorzüglichste unter
denselben war Fiorentino, dessen Direktion damals eine Deutsche, Madame
Müller, hatte. Ich sah öfter Kotzebuesche Lustspiele, recht gut
übersetzt, in demselben geben. Im Theater nuovo wurde später französisch
gespielt.
Der Gebrauch, der in ganz Italien zu Hause ist, daß mehrere Monate
hintereinander jeden Abend ein und dieselbe Oper und ein und dasselbe
Ballett aufgeführt werden, scheint dem Ausländer anfangs unausstehlich,
und er begreift nicht, wie ein und dasselbe Publikum (in den Logen sind
fast immer dieselben Personen) das sich stets wiederholende Theater fast
jeden Abend besuchen mag. Aber auch diese Gewohnheit hat, wie alles,
ihre zwei Seiten; mir wollte ebenfalls dieser Gebrauch anfänglich nicht
zusagen, ich fand ihn fast unerträglich, aber fügte mich dennoch bald
darein, und zuletzt mußte ich eingestehen, daß er seine sehr angenehme
Seite hat und sogar das Vergnügen der Unterhaltung vermehrt. Ist die
Musik der Oper gut, gediegen und gehaltvoll, so entdeckt man bei jeder
Wiederholung derselben neue Schönheiten, die man während den ersten
Vorstellungen überhörte und nicht auffaßte, mit denen man nun immer
vertrauter wird und sich im voraus darauf freut, diese lieblichen
Melodien, diese herrlichen Harmonien wieder, wenn auch zum
fünfzigstenmal zu hören; während der Rezitative oder wenig ansprechenden
Morceaus aber plaudert man mit seinen Nachbarn und unterhält sich auf
das angenehmste, sobald man einmal den Inhalt und die Intrige des Sujets
kennt. So sah ich zum Beispiel Meyers vortreffliche Oper >_Ginevra di
Seozia_< mehr als sechzigmal hintereinander und mit immer steigendem
Interesse, und so erging es dem ganzen Publikum, ja als endlich eine
neue Oper in Szene gesetzt wurde und diese nach mehreren Vorstellungen
nicht sonderlich gefiel, mußte _Ginevra_ wieder hervorgeholt und
abwechselnd mit jener gegeben werden. Außerdem muß das Theater in
Italien, wo die Gesellschaften und Soireen nicht in der Art wie in
Deutschland oder Frankreich florieren, diese und die gemütlichere
Geselligkeit ersetzen, und im Opern- oder Schauspielhaus wird
geplaudert, gespielt, soupiert und so weiter. Man besucht sich
gegenseitig in den Palchi, teilt sich daselbst die Neuigkeiten des Tages
und die Stadtklatschereien mit, schwatzt sich aus, und dies alles, indem
man von Zeit zu Zeit den herrlichsten Ohrenschmaus hat, wo alsdann eine
Totenstille im ganzen Haus eintritt.
Eine ganz eigene Bewandtnis hat es auch mit den italienischen
Benefizvorstellungen, und es ist wohl der Mühe wert, die bei demselben
stattfindenden sehr sonderbaren Gebräuche näher kennen zu lernen.
Der Künstler, Sänger, Schauspieler oder Tänzer, gleichviel, dem eine
Benefizvorstellung, hier _una serata_ genannt, zukommt, macht ebenso wie
eine Sängerin, Tänzerin, die sich in diesem Fall befindet, schon vier
bis sechs Wochen vor derselben in allen angesehenen Häusern seine
Aufwartung und gibt dabei eine auf feinem, weißen oder bunten Papier,
für die Autoritäten und vornehmsten Häuser wohl auch auf Atlas gedruckte
Einladung ab, welche zu gleicher Zeit das Programm der Stücke enthält,
die an jenem Abend aufgeführt werden. Ist nun der feierliche Tag dieser
Aufführung herangekommen, so setzt sich der Benefiziant oder die
Benefiziantin in ihrem brillantesten Kostüm hinter einen schön
gedeckten, sich an dem Haupteingang des Theaters befindlichen Tisch, auf
dem zwischen vier silbernen Armleuchtern und Blumenvasen eine große
silberne Schüssel steht und der von zwei, manchmal auch vier
Grenadieren, welche Wache dabei halten, umgeben ist. Jeder Eintretende
wirft nun, je nachdem er mehr oder weniger großmütig oder wohlhabend
ist, ganz nach Belieben ein oder mehrere Stücke Geld in das Becken,
wofür ihm der Benefiziant oder die hübsche Benefiziantin mehr oder
minder graziös und verbindlich, je nachdem das hingeworfene Geld
bedeutend ist, dankt und dem Geber sehr freundliche Blicke zuwirft. Ist
die Benefiziantin eine berühmte oder schöne Sängerin oder Tänzerin _en
vogue_, so regnet es Goldstücke und sogar Goldrollen in das Bassin und
wohl auch noch andere Geschenke, als Brillantnadeln, Ringe, Ohrgehänge
und dergleichen. So habe ich einmal in Florenz gesehen, daß einer
solchen Prinzessin von einem schon bejahrten, aber sehr reichen
Lieferanten ein einfacher Blumenstrauß dargereicht wurde, bei näherer
Untersuchung fand es sich aber, daß dessen Kern, das heißt Stengel, eine
Rolle von zweihundert Rusponi (Goldstücke von vierzig Franken an Wert)
enthielt. Aus anderen Buketts blitzen Sternblumen und Rosetten von
Diamanten, Rubinen oder Smaragden hervor, bei kleinen Sträußchen waren
die Blumen ganz von Edelsteinen, Stengel und Blätter aber von Gold und
letztere grün emailliert. So waren gewöhnlich die Buketts beschaffen,
welche Mürat den Theaterprinzessinnen verehrte. Man kann bei solchen
Gelegenheiten zwar auch Billette an der Kasse lösen und das silberne
Becken ignorieren, was jedoch nicht leicht jemand tut, da der Tisch
immer von einer Menge kontrollierender Neugieriger umgeben ist. Die
Benefize des untergeordneten Personals werden aber wenig besucht, und
dieses ist zufrieden, wenn sich ein paar Hände voll Silber in dem Bassin
befinden. Auch während der Vorstellung regnet es oft noch Gold, aber
besonders viel Blumen und Gedichte, welche das Lob der Benefizianten in
überschwenglichen Ausdrücken besingen, Kränze fallen von den Palchi und
aus den Ventilatoren herab, manchmal läßt man auch weiße, mit
Rosabändern geschmückte Tauben auf die Bühne fliegen, denen Billetts
oder Reime an den Hals gehängt sind; daß eine solche Glückliche mit
einem endlosen Hallo und donnernden Bravos empfangen, wenigstens ein
halbes Hundert mal hervorgerufen und endlich harangiert und gekrönt
wird, versteht sich von selbst.
Sobald das Kommen der Zuschauer aufgehört hat, verläßt der Benefiziant
seinen Platz hinter dem Tisch, packt seine Einnahme zusammen, die bei
gefeierten Schönen bisweilen fünfzigtausend Franken und mehr beträgt,
und begibt sich auf die Bühne, wo für diesen Abend jedenfalls einige
Extrastücke wenn nicht ganz neue Vorstellungen zum besten gegeben
werden. Nicht selten ist es auch der Fall, daß sich bei solchen
Gelegenheiten Dilettanten und Dilettantinnen aus den angesehensten
Familien der Stadt zugunsten des Benefizianten, wenn dieser ein nicht
gewöhnliches Talent hat, hören lassen und eine Partie in einer Oper
singen; ich selbst habe dies später mehrmals, teils aus Liebhaberei für
das Theater, teils der schönen Benefiziantin zuliebe in verschiedenen
Städten Italiens getan, ohne daß man bei den militärischen Behörden
irgendeinen Anstoß daran gefunden hätte, und ich war nicht der einzige
Offizier, der dies tat, im Gegenteil fanden es die französischen
Offiziere beneidenswert und genial, denn über alle Gamaschen- und
Zopfpossen war man längst hinaus.
Aus Unteritalien und namentlich aus Kalabrien kamen jetzt mit jedem Tag
schlimmere Nachrichten, fast stündlich trafen Kuriere und Stafetten von
den Kommandanten der Provinzen ein, welche die Lage derselben als
äußerst schwierig schilderten, und alle Anzeichen schienen den Ausbruch
eines nahen und schweren Sturmes zu verkünden. Überall rotteten sich
Banden unter waghalsigen und unternehmenden Häuptern, die nicht selten
Geistliche waren, zusammen; unter den letzteren war besonders ein
Pfarrer Petroli, der dem flüchtenden Hof nach Sizilien gefolgt und
insgeheim wieder zurückgekehrt war, sehr wirksam, überhaupt spie
Sizilien, was es vom Abschaum der Banditen, Räuber und Mörder besaß,
unaufhörlich an den Küsten von Kalabrien und Apulien aus; die
Geistlichkeit und Pfaffen schürten den Haß des Volkes und fachten ihn
zur verzehrenden Flamme an. Die Bandenanführer, die schon 1799 unter dem
Kardinal Ruffo die Unzufriedenen gegen die Franzosen geführt hatten und
sich noch in Sizilien befanden, wohin sie der Königin Caroline, die sie
beschieden hatte, gefolgt waren, schickten fortwährend ihre Emissäre ab,
korrespondierten unausgesetzt mit ihren Anhängern im ganzen Reich und in
der Hauptstadt selbst, und man wußte, daß man in Sizilien die Landung
eines starken englisch-sizilianischen Heeres, durch alle Briganten und
Banditen Kalabriens und Apuliens verstärkt, die seiner Ankunft harrten,
vorbereitete. Die Franzosen hatten zwar einigen Anhang unter den
Gutsbesitzern und den sogenannten Patrioten, welche die verjagte
königliche Familie tödlich haßten und auf der anderen Seite den Ausbruch
der Volkswut zu befürchten hatten, aber diese, welche in einem solchen
Fall alles für ihr Leben und Eigentum zu fürchten hatten, waren um so
weniger imstande, den durch die Pfaffen wütend gemachten Pöbel im Zaum
zu halten, da man von französischer Seite den unverzeihlichen Fehler
beging, diese der neuen Regierung günstigen Personen nicht zu einer Art
Bürger- oder Nationalgarde zu organisieren und zu bewaffnen, und
diejenigen Barone und Gutsbesitzer, von denen man wußte, daß sie dem
entflohenen Hof feind waren und dessen Rückkehr zu fürchten hatten, an
ihre Spitze zu stellen, wodurch man sich einen festen Anhaltspunkt und
eine starke Stütze geschaffen haben würde. General Regnier befehligte
jetzt in Kalabrien und hielt sich zu Reggio auf, um Sizilien daselbst
besser zu überwachen, konnte aber nicht verhindern, daß fast jede Nacht
Hunderte der ehemaligen Streiter des Kardinals Ruffa übergesetzt wurden.
Es wurden nun beständig Verstärkungen von Neapel nach Kalabrien
abgesandt, und so oft neue Truppen von Oberitalien in dieser Hauptstadt
eintrafen, sandte man eine gleiche Zahl weiter; so kam auch bald die
Reihe an unser Bataillon. Eines Tages erhielten wir bei der Wachtparade
in der Fortezza nuova den Befehl, binnen vier Stunden marschfertig zu
sein, um zu den Truppen zu stoßen, welche der General Verdier in
Cosenza, der Hauptstadt Kalabriens, kommandierte, und die eingebrochene
Nacht traf uns schon auf dem Marsch dahin.