Marsch von Genua nach Mola di Gaëta. -- Beschwerliche Märsche durch
das Gebirge. -- Der Anblick von Italiens Ebenen. -- Parma.
-- Reggio. -- Modena. -- Bologna. -- Eine liebenswürdige
Advokatenfamilie. -- Faenza. -- Forli. -- Cesena. -- Rimini. --
San-Marino. -- Sinigaglia. -- Loretto. -- La Casa-Santa und ihre
Schätze und Reliquien. -- Macerato. -- Foligno. -- Spoleto. --
Terni. -- Der Wasserfall. -- Narni. -- Civita-Castellana. -- Roms
Umgebung. -- Ein Tag in Rom. -- Marsch nach Mola di Gaëta. --
Besitznahme des Königreichs Neapel durch die Franzosen.
Es war Anfang April 1806, als wir Genua la superba verließen, über
Recco, unser erstes Nachtquartier, und dann durch die ödesten und
gebirgigsten Wildnisse, in den erbärmlichsten und elendesten Ortschaften
übernachtend, über Borgo di Taro und Fornovo in sieben oder acht Tagen
nach Parma marschierten. Von Genua an wurden die Truppen nicht mehr bei
den Einwohnern einquartiert, sondern das ganze Bataillon jedesmal in
eine Kirche oder ein Kloster auf vierundzwanzig Stunden kaserniert, in
denen man den Soldaten Strohlager bereitete. Dies geschah aus zweierlei
Ursachen, erstens wollte man die ewigen Reibereien und Händel zwischen
dem französischen Militär und den italienischen Bürgern und Bauern
vermeiden, die zu beständigen Klagen und Strafen Veranlassung gaben und
hauptsächlich dadurch entstanden, daß sich die Leute nicht miteinander
verständigen konnten; sodann traute man dem Volk, dessen Stimmung den
Franzosen höchst ungünstig war, nicht und fürchtete, daß bei dem
Vereinzeln der Leute wohl einmal eine Metzelei, eine zweite
sizilianische Vesper veranstaltet werden könnte. Die Kirchen und
Klöster, wovon jedoch die Nonnenklöster dispensiert waren, mußten das
Schiff, die Kreuz- und anderen Gänge gehörig mit Stroh belegen, und
sobald die Soldaten abmarschiert waren, wurden sie wieder gereinigt und
erstere als verunheiligt durch die Geistlichkeit jedesmal wieder von
neuem eingeweiht und heilig gemacht, was allerdings notwendig war; denn
man hatte an den heiligen Orten nicht nur gegessen, getrunken, gekocht,
sondern auch gespielt, gesungen, geflucht und Gott weiß was sonst noch
für Unfug getrieben. Es war aber nicht selten der Fall, daß die Pfaffen
soeben die Einweihungszeremonien und das Räuchern beendigt hatten, als
schon wieder neue Truppen ankamen und die kaum gereinigten Orte abermals
verunreinigten, ja bisweilen mußte in einer Woche das heilige Werk drei-
bis viermal vorgenommen werden. Die Offiziere wurden zwar meistens in
den zunächstliegenden Privathäusern einquartiert, aber diese Quartiere
waren in den armseligen Dörfern im Gebirge so elend, daß auch viele von
ihnen das Stroh in den Kirchen vorzogen und sich ein Nachtlager auf
erhöhten Orten oder in Tribünen, wenn deren da waren, bereiten ließen,
denn die Stuben der Bauern oder Schenken in diesen Nestern waren ärger
als deutsche Viehställe. Ich schlug in diesem Fall in der Regel mein
Lager bei der Orgel auf, wenn sich eine in der Kirche befand, und
spielte dann des Abends zur Belustigung des ganzen Bataillons allerlei
deutsche und französische Soldatenlieder, Märsche und Tänze, wozu mir
die Karabiniers mit Vergnügen die Balgen traten, die Leute unten oft
sangen und tanzten und bei dem Klang der Orgeltöne dann einschliefen.
Ebenso spielte ich beim Erwachen einige erheiternde Melodien, weckte sie
so trotz des Tambours aus dem Schlaf, und sie machten sich fröhlich
marschfertig. Indessen waren die Märsche in diesen Gebirgen und
Wildnissen beschwerlich und nicht selten abscheulich. So kamen wir, die
letzte Etappe vor Parma, an einen fast senkrecht zu erklimmenden
Felsenberg, was für die mit Gepäck, Waffen und Patronen beladenen
Soldaten sehr mühsam war. Düret ließ zuerst die Tambours und die Musik
hinaufklettern, und als sie oben waren, den von mir komponierten
Sturmmarsch spielen, die Truppen zu ermuntern. Unten, auf der linken
Seite des Felsens, wand sich ein reißender Waldstrom; durch diesen
wurden die Reitpferde der Offiziere sowie die, welche mit dem
Bataillonsgepäck beladen waren, denn an Wagen war auf diesen Märschen
nicht zu denken, geführt. Dieser steile Berg lag gerade an dem Ende
einer wilden Waldgegend, aus der wir traten; er überraschte uns seltsam,
da er gleich einer mächtigen Mauerwand sich unserem weiteren Vordringen
entgegenzustemmen schien, und es war für die noch Zurückgebliebenen ein
komischer Anblick, ihre Kameraden so auf allen Vieren diese Wand
hinanklettern zu sehen. Aber oben angekommen, welche Aussicht! Man
erblickte nun mit einem Male die unabsehbaren Ebenen dieser Gegend
Italiens, endlos scheinend wie das Meer und aus den lachendsten Fluren
und den fruchtbarsten Gefilden bestehend.
Als wir diese reichen Ebenen hinabstiegen, da fielen mir Hannibal und
Napoleon ein, die beide durch diesen herrlichen Anblick ihre müden
Truppen neu belebten und sie in eroberungslustigen Enthusiasmus
versetzten. Nichts ist auch überraschender, als mit einem Male, aus fast
grauenvollen Wildnissen hervortretend, wie durch einen Zauberschlag vor
einem solchen Paradies zu stehen, das reichen Lohn für die überstandenen
Mühseligkeiten verspricht, ihn aber nur selten gewährt.
>Ihr habt nichts, und dort ist alles, was ihr bedürft!< lauteten
Napoleons Worte, zu denen er aber noch hätte hinzufügen können: >das ihr
aber nicht erhaltet<; denn was kam von all diesen Eroberungen an den
gemeinen Mann und die untergeordneten Chargen? Nur einige Anführer
raubten sich reich.
Den Umweg über Parma, Reggio, Modena und so weiter mußten wir machen,
weil Toscana noch nicht französisch war und laut Konvention keine
französischen Truppen durch dasselbe marschieren durften, obgleich es
unter dem Namen des Königs von Etrurien, von der Königin Marie Louise,
jedoch gänzlich unter französischem Einfluß, beherrscht wurde, und es
tat uns leid, das schöne Land so auf der Seite liegen lassen zu müssen.
In Parma hatten wir der vielen Maroden wegen zwei Rasttage, die ich
benutzte, die Merkwürdigkeiten der Stadt in Augenschein zu nehmen.
Den vierten Tag nach unserer Ankunft zu Parma, wo ich in einem
Franziskanerkloster einquartiert war, marschierten wir nach Reggio, das
_Regium Lepidi_ der Römer.
Hier besuchte ich das Theater, in welchem die Oper >Ludovica< und ein
großes fünfaktiges Ballett, >Alexander der Große< betitelt, aufgeführt
wurde. Die Vorstellung dauerte bis nach drei Uhr morgens, so daß, als
ich das Theater verließ, das Bataillon schon über eine Stunde
abmarschiert war (wir marschierten nämlich von Parma aus, der schon
eingetretenen großen Hitze wegen, immer bald nach Mitternacht ab, und
später sogar zwei Stunden vor Mitternacht, um mit Tagesanbruch in den
Quartieren anzukommen, wo man dann über die Mittagszeit schlief) und ich
demselben über Hals und Kopf nacheilte, es jedoch erst auf dem halben
Wege nach Modena, wo es Halt machte, wieder einholte, aber unterwegs gar
manchen Nachzüglern begegnete. Dieses frühe und nächtliche Abmarschieren
hatte den Nachteil, daß das Bataillon immer kaum mit einem Dritteil
seiner Mannschaft in dem Etappenort ankam, da sich die Leute unterwegs
rechts und links in die Felder schlafen legten, weil sie in dem zum
Nachtquartier bestimmten Orte zu wenig Zeit zum Ruhen hatten. Denn kaum
angekommen, mußten sie die Lebensmittel empfangen, oft lange auf
dieselben warten, dann selbst in den Klöstern und Kirchen kochen; sie
konnten erst spät essen, mußten sich dann wieder zum Appell einfinden,
so daß die Momente der Ruhe gar knapp zugemessen waren. Die Soldaten
marschierten ohnehin viel lieber einzeln als in der Kolonne, weil dies
weit weniger ermüdend und bequemer ist, obgleich, wie sich von selbst
versteht, die Kolonnen während dem Marsch nie geschlossen sind, sondern
die Glieder und Rotten in gehöriger Distanz Mann vom Mann gehen.
Mehrere der Hauptleute und auch einige andere Offiziere, die bemittelt,
waren beritten, ich aber mietete mir von Zeit zu Zeit ein Cavallo samt
seinem Patron und schickte beide, an dem Etappenort angekommen, wieder
zurück, mir jedoch vornehmend, bei erster Gelegenheit ein Pferd
anzuschaffen, da dessen Unterhalt auf dem Marsch wenig oder nichts
kostete, indem man den berittenen Offizieren immer solche Quartiere
zuteilte, bei denen sich Ställe befanden, wo dann dem Pferd in der Regel
Gastfreundschaft erwiesen und dasselbe freigehalten wurde. Aber erst in
Neapel konnte ich zu einem eigenen Satteltier kommen.
Nach acht Uhr des Morgens kamen wir in Modena an; auch diese alte Stadt
liegt in einer schönen Fläche zwischen der Secchia und dem Panaro. Sie
ist wohlgebaut, freundlich und auch reinlich gehalten; die meisten
Häuser haben hier sowie zum Teil schon in Parma und Reggio und in fast
allen größeren Städten Arkaden oder auf Säulen ruhende Bogengänge,
welche sowohl gegen die Sonnenhitze als gegen den Regen schützen, so daß
man auch bei dem schlimmsten Wetter, ohne naß zu werden, von einem Ende
der Stadt zum anderen gehen kann, wie dies namentlich in Bologna der
Fall ist, wo ich mich nicht entsinne, ein einziges Haus ohne
Säulenhallen gesehen zu haben. Häufig sind diese jedoch sehr niedrig und
haben dann ein düsteres Aussehen.
Bei unserem Abmarsch von Modena fiel eine ergötzliche Szene vor. Das
Bataillon war teils in einer Kirche, teils in dem Kreuzgang des zu
derselben gehörigen Klosters einquartiert gewesen. Die Soldaten hatten
sich auch hier allerlei Unfug erlaubt und namentlich allerhand Fratzen
und unanständige Dinge mit Kohlen an die Wände des Kreuzganges
geschmiert, wie sie dies schon öfters getan. Als nun das Bataillon unter
dem Gewehr und zum Abmarschieren bereitstand, kamen plötzlich drei bis
vier feiste Mönche fast atemlos angerannt und verlangten den Chef zu
sprechen. Düret saß schon zu Pferd und fragte, was das Begehren der
Kutten sei. Die Patres baten seine _illustrissima eccelenza_ inständig,
sich doch mit ihnen ins Kloster begeben zu wollen, um die _Sporcherie_
(Schweinereien) zu sehen, welche die Signori Soldati an die Wände
geschmiert hatten. Düret schickte den Adjutant-Major, Leutnant von
Hülsen, einen Preußen, mit zweien der heiligen Männer ab, die Malereien
zu besichtigen. Er kam bald mit seiner geistlichen Eskorte zurück und
rapportierte, daß die Soldaten nebst allerlei Unflätigkeiten unter
anderem auch einen Teufel mit Hörnern, Bocksfüßen, Krallen, und hinten
und vorn geschwänzt, gezeichnet, wie er einen dicken Pfaffen hole, ein
anderer Satan habe den Papst selbst beim Ohr und so weiter. Düret konnte
sich sowie alle, die es hörten, des Lachens nicht erwehren, sagte
indessen zu den Mönchen, sie möchten ihm die Täter bezeichnen, dann
wolle er sie bestrafen. Dies war aber den guten Fratres nicht möglich.
(Es waren ein paar Unteroffiziere, die ziemlich gut zeichnen konnten und
die man im Bataillon wohl kannte.) Der Bataillonschef bedauerte daher,
ihnen keine Satisfaktion geben zu können. Die Offiziere trösteten die
Herren von der Kutte und setzten ihnen unter dem Vorwand, daß ihre
Glatzen zu kühl haben müßten, Polizeimützen und einem einen Tschako auf
den Kopf, was sich so possierlich ausnahm, daß das ganze Bataillon in
lautes Gelächter ausbrach. Düret gab nun das Zeichen zum Abmarsch, der
Tambour-Major ließ das Roulement schlagen, und wir marschierten mit
rechts in die Flanken _pas acceleré_ ab. Ich aber und noch ein paar
Kameraden nahmen jeder einen der Pfaffen unter den Arm und ersuchten
sie, uns doch wenigstens das Geleit bis an das nach Bologna führende Tor
zu geben, wozu sie auch ohne Widerstand einwilligten, und so mußten die
wohlgenährten Herren unter dem Gelächter der Soldaten im
Geschwindschritt nach dem Takt der Kalbsfelle in ihrem burlesken Kostüm,
und zwar noch eine Strecke bis vor das Tor mittrollen, wo wir sie wieder
in Gnaden entließen. Sie mögen schwerlich wieder ähnliche Klagen bei
einem Kommandierenden geführt haben.
Der Marsch von Modena nach Bologna führte uns über mehrere Flüsse und
Brücken. Links von dem Flecken Forcelli kamen wir an der vom Lawino und
der Girando gebildeten Halbinsel vorüber, welche durch den Bund der
Triumvirn, Octavius, Antonius und Lepidus so berühmt geworden, die sich
hier gegenseitig verpflichteten, rücksichtslos alle zu opfern, die einem
von ihnen dreien schaden könnten. Cicero und Lepidus' Bruder selbst
wurden ein Opfer dieses Versprechens.
Mit dem frühen Morgen standen wir vor den Toren von Bologna, auf
ehemaligem päpstlichen Gebiet, und bekamen das erste päpstliche Geld,
die Bajocchis zu sehen, die hier noch kursierten. Überhaupt war es auf
dem Marsch von Genua bis hierher gerade wie in dem weiland heiligen
deutschen Reich, fast in jeder Stadt traf man andere Geldsorten, anderes
Maß und Gewicht an.
Bologna, das Bononia der Alten, ist nach Rom die bedeutendste Stadt des
Kirchenstaates und zählt über sechzigtausend Einwohner, sie ist
befestigt, und gerade ein Dutzend Tore führen in das Innere der Stadt zu
den meistens schönen breiten Straßen derselben. Sie liegt an zwei
Wassern, dem Fluß Reno und dem Flüßchen Savena; über den ersteren führt
eine schöne, zweiundzwanzig Bogen lange Brücke; sie hat über sechzig
Kirchen und wenigstens ebensoviele Klöster, die alle mehr oder weniger
bedeutende Kunstschätze aufzuweisen haben. Fast alle Häuser dieser Stadt
sind von Quadersteinen aufgeführt und haben Bogengänge. Auf einem Platz
in der Mitte der Stadt stehen die beiden berühmten, aber eben nicht
schönen schiefen Türme, welche die Namen Asinella und Garisanda führen,
über deren Entstehen folgende Sage im Munde des Volkes geht.
Zwei junge Architekten verliebten sich in das wunderschöne
fünfzehnjährige Töchterchen eines reichen Goldschmieds, der demjenigen
von ihnen, welcher das künstlichste Bauwerk aufführen würde, die
liebenswürdige Signorina zur Gattin zu geben versprach. Da baute der
eine einen schiefen Turm, aber der andere setzte einen noch weit
schieferen daneben, und dem letzteren wurde die Tochter samt dem reichen
Brautschatz; so weit die Sage. Die Wahrheit von der Entstehung dieser
Türme ist aber wo möglich noch alberner als die Fabel; denn daß
Verliebte dumme Streiche machen, ist ganz in der Ordnung und liegt in
der Natur der Sache, daß aber zwei sehr reiche Edelleute vor
siebenhundert Jahren ihren Reichtum nicht besser zu verwenden wußten,
als ein paar ganz unnütze und das Auge beleidigende Baukunststücke
aufführen zu lassen, war ein alberner Streich; sie haben jedoch dadurch
wenigstens ihre Namen auf die Nachwelt gebracht, denn noch jetzt werden
diese Türme nach ihnen Asinella und Garisanda genannt, und Dante hat
ihnen sogar die Ehre erzeigt, ihrer in seinen Gedichten zu erwähnen. Der
eine ist so schief und überhängend, daß er einen angsterregenden Anblick
gewährt, wenn man ihn zum erstenmal sieht, dies verliert sich aber bald,
und den anderen Tag, wir hatten Ruhetag in Bologna, bestieg ich ihn
keck.
Bologna hat mehrere Theater, sie waren aber während unseres kurzen
Aufenthaltes daselbst geschlossen. Diese Stadt ist fortwährend der
Sammelplatz aller sich außer Engagement befindlichen italienischen
Schauspieler, Schauspielerinnen, Sänger, Sängerinnen, Tänzer und
Tänzerinnen, und die mimische Vorratskammer, aus der sich alle
Theaterdirektionen Italiens rekrutieren. Oft sind nicht weniger als ein
halbes Tausend dieser dramatischen Künstler hier, auf Engagement
wartend.
Ich war hier, zum erstenmal seit Genua, weder in einer Lokanda noch in
einem Kloster einquartiert, sondern wieder in einem Privathaus, bei
einem Signor Magnani, einem Advokaten, der zwei hübsche Töchter und eine
nachsichtige Frau hatte. Die Mädchen klimperten recht artig Gitarre, wie
fast alle Mädchen und Frauen in Italien bis zu den untersten Ständen
herab. Ich machte der Familie einen Höflichkeitsbesuch, und da ich mich
nun schon ziemlich geläufig italienisch auszudrücken wußte, so war die
Unterhaltung bald animiert. Das Hauptthema war wie gewöhnlich die Musik,
und die Damen erzählten mir, daß erst vor kurzem einige _tedeschi_ bei
der hiesigen Oper Furore gemacht hätten, auch der eine in Mailand, der
andere für die Bühne zu Neapel engagiert worden sei. Ich bat die
Mädchen, die ich schon vorher hatte musizieren hören, mich doch durch
ihr Talent erfreuen zu wollen, und die Jüngste trug sogleich das damals
in Italien sehr beliebte Schalksliedchen >_Una povera ragazza, se
n'andie una mattina_< und so weiter _per confessarsi_ -- mit viel Feuer
und Ausdruck vor, worauf beide ein paar komische Duette von Guglielmi
und Cimarosa in echt italienischer Manier, das heißt _parlando_ sangen.
Ich holte nun auch meinen Klavierauszug aus dem Don Juan hervor und
studierte mit beiden das Duettino: >_La ci darem la mano_<, das sie nach
einer halben Stunde, mehr dem Gehör als der Musik nach, denn sie waren
nicht sehr taktfest im Ablesen der Noten, so ziemlich sangen, welches
ihnen so viel Vergnügen machte, daß sie mich um die Erlaubnis baten, es
sogleich abschreiben zu dürfen. Wir kamen hierauf auf die Stadt und ihre
Umgebungen zu sprechen, und ich äußerte den Wunsch, daß, da wir hier
einen Ruhetag hätten, ich auch gerne etwas von der letzteren sehen
möchte. Das jüngste Mädchen, Giuglietta, erwiderte mir, daß sie den
nächsten Morgen mit ihrer Mutter die Madonna di San Luca besuchen würde,
deren schöne Kirche ein paar Miglien (eine kleine Stunde) vor der Stadt
liege und zu der ein Säulengang führe, unter dem man vor Hitze und
schlechtem Wetter vollkommen geschützt sei. Ich bat um Erlaubnis, die
Damen dahin begleiten zu dürfen, aber die Signora _madre_ meinte, es
ginge schlechterdings nicht an, daß Damen allein in Begleitung eines
Fremden, und gar eines Signor _Uffiziale francese_, über die Straßen
gingen, namentlich da sie ihr Mann wegen Mangel an Zeit nicht begleiten
könne. Ich wußte indessen diesen Einwand zu beseitigen, sie bittend, in
Zivilkleidern vor der Stadt sie erwarten zu dürfen, was mir dann auch
die Mama nicht nur zugestand, sondern meinte, ich könne ihnen in einiger
Entfernung, da ich doch den Weg nicht wisse, durch die Stadt folgen. Ihr
und den Töchtern dankend die Hände küssend, empfahl ich mich, um meine
Streifereien durch Bologna zu beginnen, brachte aber den Abend wieder in
ihrer Gesellschaft plaudernd und musizierend zu. Den anderen Tag wurde
in der Morgenkühle die Wallfahrt zu dieser Madonna angetreten. Ich
folgte den Damen, so wie wir übereingekommen waren, in einiger
Entfernung durch die Stadt, und gesellte mich unter den ersten Bogen vor
derselben zu ihnen. Dieser Säulengang war unabsehbar und schien gar kein
Ende zu nehmen; es sind weit über sechshundert Arkaden, und jeder dieser
Bogen ist von einer frommen Seele oder Familie, auch oft von einer
ganzen Körperschaft oder Zunft, wie Tischler, Schlosser, Bäcker,
Schneider, sogar auch von Soldaten und Bedienten erbaut, jeder hat
andere Verzierungen, Malereien, Arabesken von sehr verschiedenem Wert,
was diesen Spaziergang recht unterhaltend macht; mehrmals sind die Bogen
auch durch durchbrochene Felsen geführt. Einige fromme Personen haben
auch mehrere, manche ein ganzes Dutzend dieser Bogen auf ihre Kosten
errichten lassen und dafür einen großen Extra-Ablaß auf Gott weiß
wieviel Jahre erhalten; dagegen müssen ihre Erben oder ihre Familien
diese Bogen, von denen wohl manche einzelne über tausend Taler kosteten,
gehörig unterhalten, sonst würden die armen Seelen der Stifter um viele
Jahre länger im Fegfeuer schmachten. Alle diese Bogen sind Heiligen, die
meisten aber der Jungfrau selbst und namentlich der Jungfrau vor und
nach den Kindesnöten geweiht. Endlich waren wir in der Kirche und bei
der Madonna angekommen, deren Wunderkraft mir die Signora Magnani mit
vielem Eifer und großer Beredtsamkeit erklärte und mir dabei ganz
ernsthaft versicherte, das Bild habe der heilige Lukas selbst gemalt.
Wir hielten uns ziemlich lange dabei auf, denn die Damen wurden mit
Beten und Andachtsübungen nicht fertig, ich aber hatte diesen lebenden
Madonnentöchtern schon längst auf der Promenade hierher zu verstehen
gegeben, wie sehr ich sie anbete, und bedauerte nur, so wenig Zeit übrig
zu haben, ihnen Proben von der Wahrhaftigkeit dieser Versicherung
liefern zu können, da uns das grausame Schicksal schon den nächsten Tag
trennen sollte. Doch hoffe ich bald wieder und auf längere Zeit nach
Bologna zu kommen, und dann ...
»Ach,« sagte die Signore _madre_, »den Herren Soldaten und besonders den
_Signori francese_ ist nicht weiter zu trauen, als man sie sieht.«
Die Dame sprach wahrscheinlich aus früherer Erfahrung, denn ihre
Blütenzeit war längst vorüber.
»Ja,« setzte Lucilla, die ältere Tochter, hinzu, »man hat uns sehr
ernstlich vor diesen Herren gewarnt, sie sollen den Mädchen nur die
Köpfe verrücken und, sich dann den Mund abwischend, lachend davongehen.«
»Lügen, lauter Lügen, das können Sie mir glauben, Illustrissima, und
zudem bin ich ja kein Franzose, sondern ein ehrlicher _tedesco_.«
Die Damen sahen mich nun mit großen Augen an, und Giuglietta sagte
endlich: »Ja, das habe ich immer sagen hören, daß die _Signori tedeschi_
treu wie Gold und die besten Ehemänner seien.«
»Da hat man Ihnen vollkommen die Wahrheit gesagt, Signorina.« -- Auf dem
Rückweg wurden wir nun schon weit vertraulicher, trennten uns aber
wieder vor den Toren der Stadt, und den Abend brachte ich bis zum
Abmarsch des Bataillons, der um zehn Uhr in der Nacht festgesetzt war,
bei der liebenswürdigen Familie zu; bei dem Abschied wurde mir
gestattet, die Damen, versteht sich Mama zuerst, zu küssen, und ich
wurde auch eingeladen, wenn mich der Zufall wieder nach Bologna führe,
nicht vergessen zu wollen, sie zu besuchen, was ich feierlich versprach,
und schied, ärgerlich, nicht ein paar Tage länger hier weilen zu können.
Aber das ist ja das Los des Soldaten und war es besonders zu jener Zeit.
Ich eilte nun auf den Sammelplatz, mein >_Non piu andrai_< wieder
trillernd, und kam gerade noch zur rechten Zeit an, denn man hatte schon
lange rappeliert, als ich noch immer mit meinen Schönen plauderte.
Es war halb elf, als wir den nächtlichen Marsch durch die finsteren
Straßen Bolognas zu dem nach Imola führenden Tor hinaus mit klingendem
Spiel antraten, welches manche Schöne im Nachtkleid noch ans Fenster
lockte.
Da ich in Bologna wenig geruht und also ziemlich müde war, so blieb ich
gleich anfangs hinter dem Bataillon zurück, um bequemer marschieren und
von Zeit zu Zeit ruhen zu können. Bald hörte ich einen Wagen kommen und
erkannte ihn für den der Madame Grenet; dieses Renkontre war mir gerade
nicht angenehm, und ich hätte es gerne vermieden, aber die Dame hatte
mich trotz der Finsternis bereits erkannt und mir zugerufen: »Herr
Leutnant Fröhlich, gehören Sie auch zu den Maroden?«
»Um Vergebung, ich habe mich nur ein wenig verspätet.«
»Nun, was machen Sie denn, Sie lassen sich ja gar nicht blicken.« (Ich
hatte die Dame auf dem ganzen Marsch bisher möglichst gemieden.) »Nicht
wahr,« fuhr sie fort, »Ihre Streiche in Genua, ja, da muß man sich
freilich verstecken.«
»Das gerade nicht, Madame, und ich glaube, daß gewisse Damen, deren
Anschläge ich genau kennen gelernt, noch mehr Ursache hätten, sich vor
mir zu verbergen, als ich mich vor ihnen. Ich bin noch im Besitz eines
Billetts, das ...«
»Wozu diese Zänkereien?« fiel mir Madame Grenet ins Wort. »Ich bin nicht
so rachsüchtig, machen wir Frieden; es ist ziemlich kühl, ich biete
Ihnen einen Platz in meinem Wagen an, es fährt sich doch besser, als man
geht, und Sie kommen dann weniger ermüdet auf der Station an.«
Ich nahm das Anerbieten an, das mir gerade nicht so unwillkommen war,
und saß bald an der Seite der Dame. Noch hatte ich zwar die
liebenswürdigen Advokatentöchter im Kopf, aber doch bereits Madame
Grenet im Arm. Ein ewiger Friede wurde förmlich geschlossen und durch
glühende Küsse besiegelt. Madame Grenet war ja hübsch und jung, ich
hatte heißes Blut, dabei die Finsternis der Nacht, die Gelegenheit mit
einer liebenswürdigen Frau im engen Raume eines Wagens, da mag der
Henker kalt bleiben; alle Unbill war von beiden Seiten schnell in dem
Taumel des Genusses vergessen, und nach einer guten Stunde verließ ich
den Wagen, um mich dem nicht mehr sehr entfernt marschierenden Bataillon
wieder anzuschließen.
Schon mit dem Grauen des Tages rückten wir in Imola ein, einer Stadt von
ungefähr achttausend Einwohnern, die ein festes Schloß, aber außer einem
schönen Spital wenig Merkwürdiges enthält. Der damalige Papst (Pius
VII.) war hier längere Zeit Bischof. Sie war auch der Schauplatz der
verruchten Schandtaten Cäsar Borgias. Julius II. brachte sie an den
heiligen Stuhl. Sie hat wenigstens ein paar Dutzend Kirchen und Klöster.
Eine Stunde nach Sonnenuntergang wirbelten die Tambours abermals zum
Abmarsch; diese Nacht führte uns leider um Mitternacht durch das schöne
Faenza, dessen Einwohner unser durch Trommeln und Musik geräuschvoller
Durchmarsch aus dem Schlaf aufgeschreckt haben mag, nach Forli. --
Faenza ist ziemlich groß, soll bei sechzehntausend Einwohner, nicht
weniger als zwanzig Klöster und dreißig Kirchen haben und ist eine der
hübschesten Städte der ganzen Romagna. Von ihr hat das Töpfergeschirr
Fayence, das noch jetzt in vorzüglicher Güte daselbst verfertigt wird,
seinen Namen.
Forli liegt am Fuße der Apenninen, in einem fruchtbaren Tale, an der
alten _Via Aemilia_. Die Stadt ist nicht übel gebaut, hat einen sehr
schönen Marktplatz, und der Versammlungssaal ihres Stadthauses ist von
Raphael gemalt. Auch sie hat bei zehn- bis elftausend Einwohnern
Dutzende von Klöstern und Kirchen. Manche ihrer Kirchen und Paläste
sollen interessante Kunstschätze enthalten, um die ich mich aber immer
weniger auf diesem Marsch bekümmerte, da wir, von den Nachtmärschen
ermüdet, einen großen Teil des Tages mit Schlafen zubringen mußten, auch
war damals das Beste und Schönste im Louvre zu Paris.
Von Forli kamen wir über Forlimpopoli, welches Gregor XI., weil alle
seine Einwohner Räuber geworden waren, 1370 gänzlich zerstörte, nach
Cesena, der Vaterstadt Pius' VI., dem man hier eine Bildsäule errichtet
hat, sowie der Pius' VII., der aber damals noch keine hatte. Unter den
unzähligen Klöstern dieser Stadt ist das der Benediktiner, welches auf
einem Berg vor dem Tor liegt, wegen seiner großen Pracht merkwürdig.
Ohne Cäsar zu sein, ging auch ich über den Rubikon, ein kleines
Flüßchen, das jetzt Pisatello heißt und kaum eine Stunde von Cesena
entfernt, auf dem Wege nach Rimini, unserem nächsten Nacht-, vielmehr
jetzt Tagquartier, vorbeifließt. Ein Papst hatte feierlich zu
entscheiden geruht, daß der Luso der alte Rubikon sei, aber Seine
Unfehlbarkeit hatte hier, wie so oft schon, einen Fehlschuß getan, der
längst zur Satire geworden ist.
Auch wir gingen also über den Rubikon, und auch nicht so ganz
bedeutungslos; denn es galt ja die schon begonnene Eroberung des
Königreichs Neapel vollenden zu helfen und dessen Regenten zum Teufel zu
jagen.
Rimini erreichten wir wieder mit Tagesanbruch. Es liegt an der Mündung
des Marechia, nahe am Adriatischen Meer, das vor Zeiten dessen Mauern
bespülte. Sein ehemaliger Hafen war jetzt in einen großen Garten
umgeschaffen, und der kleine, jetzt noch bestehende kann nur von
geringen Fahrzeugen und Fischerbarken besucht werden. Von römischen
Altertümern ist noch die Brücke vorhanden, die unter der Regierung des
Tiberius vollendet wurde, Augustus hatte sie begonnen; ein diesem Kaiser
zu Ehren erbauter Triumphbogen ist auch noch vollkommen erhalten und
gleich der Brücke aus weißen Sandsteinen erbaut. Außerdem sind noch
viele andere römische Altertümer daselbst, und auf dem Marktplatz wird
eine Art Fußgestell gezeigt, von dem herab Cäsar seine Truppen angeredet
haben soll, nachdem er über den Rubikon gegangen war. Überhaupt konnten
wir jetzt keinen Schritt mehr vorwärts tun, ohne jeden Augenblick durch
Monumente und historische Begebenheiten an das welterobernde Volk der
Römer erinnert zu werden, dessen klassischen Boden wir betreten hatten.
Da wir hier wieder einen Ruhetag hatten, so benutzte ich denselben, um
einen Ritt nach der von Rimini wenige Stunden entfernten, wegen ihrer
Unbedeutendheit berühmten und deshalb unangefochtenen Republik
San-Marino zu machen, deren Haupt- und einziges Städtchen und Gebiet
wenig mehr als fünftausend Bewohner zeigt. Ein Maurer aus Dalmatien
namens Marin soll sie im sechsten Jahrhundert gegründet haben, und zwar,
wie die Sage will, auf folgende Veranlassung.
Dieser Mensch hatte sein halbes Leben damit zugebracht, an den Werken
von Rimini zu arbeiten, hierauf fiel es ihm ein, sich dem beschaulichen
und erbaulichen Leben zu widmen und ein Einsiedler zu werden. Jetzt
lebte er ebenso keusch und fromm, als er früher ausschweifend und
sündhaft gelebt hatte, er legte sich selbst die schwersten Bußen und
strengsten Strafen auf. Längere Zeit wußte man nicht, was aus ihm
geworden war, er trieb die Sache sehr geheim, endlich aber hatte ihn ein
ebenfalls reuiger Sünder bei diesen Kasteiungen belauscht und bat den
frommen Mann, auch ihn in Gnaden aufnehmen zu wollen, worauf sich der
Geruch seiner Heiligkeit bald weiter verbreitete und er viele Jünger
oder Schüler erhielt. Der Berg, auf dem er seine Einsiedelei angelegt,
gehörte damals einer Fürstin der Umgegend, die ihm denselben zum
Geschenk machte, auf welchem er nun die kleine Republik, aus lauter
Frommen bestehend, gründete und die noch jetzt, wenn auch nicht mehr aus
Einsiedlern, doch aus sehr friedlich gesinnten Menschen besteht, denen,
um Krieg zu führen, alles fehlt.
Das Städtchen San-Marino liegt auf einem etwas steilen Berg, zu dem ein
ziemlich bequemer Fußweg führt, es hat sogar ein kleines Kastell mit
mehreren Türmen; in seinem Gebiet wächst ein guter Wein auf den Höhen
des Berges, der aber den Klöstern der Republik gehört und von deren
trägen Bewohnern fast ausschließlich in behaglicher Ruhe getrunken wird;
so klein dieser Staat auch ist, so muß er doch ein halbes Dutzend dieser
Faulnester nähren.
Ich war in Begleitung von mehreren Kameraden auf Mietpferden nach
San-Marino geritten, unter diesen befand sich ein erst kürzlich vor dem
Abmarsch von Genua zum Regiment gekommener Offizier, der in
österreichischen Diensten gestanden und sich kurz vor der Schlacht von
Austerlitz hatte fangen lassen. Er war Hauptmann gewesen und bei unserem
Regiment als Leutnant eingetreten, wozu ihm die Gnade des Fürsten Y.,
dem er sich empfohlen, verholfen hatte. Dieser Mensch, der sich Baron
von Neumann nannte, dessen Bauch jedoch weit besser in eine Pfaffenkutte
als in eine Uniform gepaßt hätte, war nur in der Hoffnung mit nach
Marino geritten, daß es daselbst etwas Tüchtiges für seinen Schnabel,
das heißt brav zu essen und zu trinken absetze, fing aber schon zu
fluchen an, als der Weg etwas steil und unbequemer zu werden begann; als
er aber erst das kleine Städtchen sah und in demselben nichts als etwas
Käse und Brot zu essen fand, da sagte er ganz aufgebracht zu mir: »Dos
is holter auch der Müh' wert g'wesen, uns in so än Nest z'führen, wo's
halt nix z'nagen und nix z'beißen gibt, ich dank für d'Ehr.« -- Als ich
ihm von der Seltenheit und Sonderbarkeit, die diesen Staat merkwürdig
machen, erzählen wollte, ließ er mich nicht endigen, sondern fiel mir
mit den Worten in die Rede: »I' hob den Henker von so 'ner
Merkwürdigkeit, die größte Merkwürdigkeit für mi is holt ä gut's
Schweinsbrates und ä gut's Glaserl Wein.« -- Das letztere verschaffte
ich ihm auch, wodurch er bald zum Schweigen gebracht wurde, er fand das
Gewächs vortrefflich und war bald so selig, daß er bei der Heimkehr sein
Roß nicht mehr ohne Hilfe zu besteigen vermochte; war es uns gelungen,
ihn auf der einen Seite mit aller Mühe hinaufzuheben, so fiel er auf der
anderen wieder herab. Glücklicherweise hatten wir sehr geduldige und
kraftlose Mähren, die sich alles gefallen ließen. Ich machte den
Vorschlag, den Kameraden auf seiner Rosinante festzubinden, aber es
fehlte uns an Stricken, und es war nicht so leicht, deren in San-Marino
aufzutreiben. Als wir uns endlich im Besitz der nötigen Bindemittel
befanden, legten wir den vollen Sack, der wenigstens ein halbes Dutzend
Pokale geleert hatte, quer über das Tier, wie jeden anderen Sack, und
banden den schnarchenden aber ganz bewußtlosen Leichnam auf demselben
fest. Wir waren noch keine fünf Minuten geritten, als die Bande durch
das Rütteln schon locker wurden und unser Freund Neumann unter sein Roß
rutschte; wir hoben ihn wieder auf, banden ihn nochmals fest, aber jetzt
kam er allmählich wieder etwas zur Besinnung und wollte gleich den
anderen wieder zu Pferd sitzen. Man tat ihm den Willen; es ging nun in
kurzem Trabe den jähen Berg hinab, aber nach wenig hundert Schritten
stürzte Neumann, der ohnehin nicht reiten konnte und das Pferd nicht in
der Hand hatte, sondern ihm die Zügel schießen ließ, samt demselben und
fiel so unglücklich, daß er ein Bein brach. Jetzt war die Not groß, und
nur mit schwerer Mühe und glänzenden Versprechungen brachten wir ein
halbes Dutzend Landleute, die wir aus Marino holten, zusammen, um den
Verunglückten auf einer Tragbahre nach Rimini zu bringen, wo er erst bei
sinkender Nacht ankam, über sein hartes Geschick und über mich, als die
erste Veranlassung zu demselben, fluchend und wimmernd. Den Trägern
gaben wir jedem einen Scudo romano; dies war ein teurer Lustritt. --
Neumann mußte zurück- und im Lazarett bleiben, bis er geheilt war, wo er
so gut verpflegt wurde, daß er sich bald von dem einen zum andern trug
und ein wahrer Spitalbruder ward. Die französischen Offiziere wurden
allerdings in den Lazaretten der Städte, namentlich in dem Kirchenstaat,
wie die Herren gepflegt und behandelt. Ich sah den guten Neumann nie
wieder, denn er wurde zum Depot des Regiments geschickt, und habe später
nur soviel erfahren, daß nach dem Frieden von 1814 die österreichische
Armee so glücklich war, den Helden wieder in ihren Reihen zu sehen.
Den folgenden Tag kamen wir nach Sinigaglia, das Beaucaire oder Leipzig
Italiens hinsichtlich seiner sehr besuchten hochberühmten Messen.
Sinigaglia ist an und für sich keine sehr bedeutende Stadt, hat kaum
zehntausend Einwohner, treibt aber viel Handel und ist ziemlich gut
befestigt. Zu ihren Messen strömen die Fremden aus ganz Italien,
Griechenland, Dalmatien und der Schweiz herbei; ihr nicht sehr großer
Hafen ist für Kauffahrteischiffe bequem und sicher. Die Häuser dieser
Stadt sind alle gut gebaut, auch hat sie einige ausgezeichnet schöne
Kirchen. In der fruchtbaren Gegend nach Urbino zu zeigt man noch
Hasdrubals Grab, das die Einwohner den Monte Asdrubale nennen.
Unsere folgende Etappe war Loretto, ein beschwerlicher und ermüdender
Marsch; aber dafür sollten wir auch durch den Anblick des heiligen
Hauses der Jungfrau Maria und sogar durch das Betreten desselben mit
unseren unheiligen Füßen belohnt werden. Die Stadt ist klein, zählt kaum
sechstausend Einwohner, die fast alle von dem Schacher mit heiligem
Firlefanz leben; sie liegt auf einer Anhöhe, von der man eine herrliche
Aussicht auf das Adriatische Meer und dessen Küsten hat. In der Haupt-
und einzigen bedeutenden Straße der Stadt sieht man Bude an Bude
gereiht, in denen nichts als Kruzifixe, Madonnenbilder mit dem
Jesuskind, Kreuzchen, Rosenkränze, allerlei Reliquien, künstliche
Blumen, Medaillen zur Ehre der Jungfrau und anderer Heiligen geprägt,
Wachskerzen, Borden, Bänder und ähnlicher Kram verkauft werden. Mitten
in der prachtvollen, großen und schönen Kirche der Madonna von Loretto
befindet sich das heiligste Haus der ganzen Christenheit, dasjenige, in
welchem die Jungfrau geboren und erzogen wurde. Es ist ein sehr
bescheidenes, von Backsteinen und Holz erbautes Häuschen, das _la
santissima casa di Nazaretto_ genannt wird und welches die lieben
Engelein im Jahre 1291 aus Galiläa, aber ohne das Fundament, das ihnen
wahrscheinlich zu schwer war oder zu viel Mühe auszugraben kostete,
durch die Lüfte nach Dalmatien entführten, um es vor den wilden Horden
der Ungläubigen in Sicherheit zu bringen und zu schützen, wozu
wahrscheinlich der allmächtige Gott nicht Macht genug im gelobten Lande
hatte; da es aber auch hier noch nicht sicher genug schien, so trugen
sie es drei Jahre später in einen Wald unfern Racamati; aber auch dieser
Ort schien ihnen nach abermals drei Jahren nicht ganz passend, und nun
flogen sie Anno 1295 mit ihm nach Loretto und stellten es da nieder, wo
es noch steht. Diese erbauliche Geschichte mit allen dazu gehörigen
Umständen, treu und ganz der Wahrheit gemäß ausführlich beschrieben,
verkauft man zu Loretto in allen Sprachen gedruckt. Das Haus ist nur
achtzehn Fuß hoch, fünfundzwanzig lang und etwa zwölf breit und würde in
unseren Tagen auch einem nur mittelmäßigen Bauern zu klein und zu eng
erscheinen; dagegen ist aber die Kirche, die es beschirmt, um so größer
und geräumiger, fast ganz in morgenländischem Stil erbaut, mit kostbaren
Türen von Erz versehen und hat unzählige Beichtstühle, für alle Nationen
und Sprachen bestimmt, über denen zu lesen ist: >Für Polen, für
Franzosen, für Spanier, für Deutsche, für Engländer< und so weiter.
Hunderttausende von Pilgrimen aus allen Ländern Europas und der
Christenheit, jedes Ranges, Alters und Standes wallfahrteten früher zu
dieser Kirche, ihre Zahl hatte aber so sehr abgenommen, daß sich kaum
der fünfzigste Teil von ehedem mehr einfand, und was das Schlimmste war,
meistens arme Teufel, die statt zu bringen, empfangen mußten, welchen
man hier Wohnung und magere Kost, eine schlechte Suppe, so lange ihr
kurzer Aufenthalt währte, verabreichte.
So klein das Häuschen war, vielleicht eines der kleinsten Europas, so
wurde es doch bald eines der reichsten, wo nicht das reichste. Die
Schätze, die es noch vor der französischen Revolution aufzuweisen hatte
und die es größtenteils frommen Monarchen, Fürsten und anderen reichen,
zum Teil auch armen Seelen verdankte, waren unermeßlich, ihr Verzeichnis
füllte ein ganzes Buch. Kolossale Engel von gediegenem Gold, ungeheure
Lampen von demselben Metall, noch weit größere von vergoldetem Silber,
Kronen mit Edelsteinen reich geschmückt, von ungeheurem Wert, für die
Mutter Gottes und ihren Sohn, unter denen eine von Ludwig XIII., die er,
um das Gelübde, das er getan, wenn er einen Sohn erhielte (Ludwig XIV.,
dessen Vater er indessen nicht war), zu erfüllen, der Madonna von
Loretto schenkte, mit mehr als dreitausend Diamanten verziert war;
unzählige Reliquienkästchen von Gold, Perlen und Edelsteinen, in denen
man Gott weiß was für Knochen aufbewahrte, Pokale, Ketten und
dergleichen waren ohne Zahl vorhanden und die Mauern, Wände und Nischen
mit Gold- und Silberplatten bekleidet. Pius VI. mußte das Heiligtum
schon eines Teils seiner Schätze berauben, um den Franzosen die durch
den Frieden von Tolentino (1797) schuldig gewordene Summe bezahlen zu
können. Aber bald darauf nahmen diese ungebetenen Gäste den noch übrigen
Teil und plünderten Haus und Kirche, ihnen alles von Wert raubend, sogar
die Statuetten der Madonna mitnehmend, mit Ausnahme der von Zedernholz,
die der heilige Lukas selbst, obgleich ebensowenig Bildhauer als ich ein
Verschnittener, verfertigt haben soll, und die sie respektierten, ob aus
Achtung für den Heiligen oder wegen des geringen Kunst- und materiellen
Wertes, den sie hat, will ich dahingestellt sein lassen. Indessen wurde
behauptet, daß die Geistlichkeit, die von der bevorstehenden Plünderung
einigen Wind gehabt, denn man weiß, daß die Herren in der Regel gute
Nasen haben, doch einen großen Teil der Schätze, namentlich die
kostbarsten Edelsteine und Perlen, die sie durch falsche ersetzte, auf
die Seite geschafft habe. Dem sei, wie ihm wolle, wir fanden, als wir
nach Loretto kamen, wenig von den echten Schätzen mehr vor, die so
prächtig gewesen sein sollen, daß das Auge ihren Glanz nicht zu ertragen
und der erfahrenste Juwelier sie nicht zu schätzen vermochte. Die
Jungfrau samt dem Jesuskind trugen nun Kronen mit falschen Steinen, doch
hingen schon wieder viele silberne und reich vergoldete, fortwährend
brennende Lampen in der Kirche und dem Haus, das gerade unter der Kuppel
des Doms steht und von dem ewigen Lampenrauch ganz schwarz gefärbt ist.
Der Fußboden gleicht einem Damenbrett, und besteht aus weißen und roten
viereckigen Platten. Die braune, zedernhölzerne Madonna steht in einer
Nische des Häuschens, gerade unter dem Schornstein, das Jesuskind im Arm
und mit einem langen schwarzen Schleier behängt. Von diesem Schleier
erhalten alle frommen Gläubigen ein kleines Stückchen, das auf einem
gedruckten Zeugnis aufgeklebt ist und ihnen zur schützenden Reliquie
dienen soll; und -- o Wunder! -- soviel auch jahrein jahraus von diesem
Schleier abgeschnitten wird, so wird er doch nie kleiner, sondern das am
Tage Abgeschnittene wächst bei Nacht wieder nach. Auch die
Suppenschüssel Marias wird gezeigt, in welcher man Rosenkränze, Kreuze,
Medaillen und so weiter herumrührt und einweiht. Man erhält ferner
daselbst eine kleine viereckige Tüte von Papier, auf welcher das heilige
Haus abgebildet ist, wie es die guten Engel durch die Lüfte
transportieren, und die etwas von dem von der Mauer desselben
abgeschabten Staub enthält, wofür man einige Paoli bezahlt. Auch diese
Reliquie gilt für ein sicheres Amulett gegen alles Böse, gegen
Widerwärtigkeiten, Krankheiten, Zauberei und so weiter, man trägt sie an
einem Bändchen oder Kettchen um den Hals, auf die Brust herabhängend.
Auch ich versah mich mit einer solchen, zum Andenken an meine
Anwesenheit in Loretto, und hatte es wahrlich nicht zu bereuen, denn sie
bewirkte in der Tat kein geringes Wunder an mir, mich von einem grausam
schmählichen Tod errettend, wie wir bald sehen werden. Außerdem kaufte
ich ein Dutzend kleiner Rosenkränze von allen Farben, grün, rot, gelb
und so weiter, ließ sie in der heiligen Suppenschüssel umrühren und
schickte sie dann per Post meinem Vater, um sie an die übrige
Verwandtschaft auszuteilen, die, obgleich es Ketzer waren, diese
Aufmerksamkeit doch gut aufnahmen. Auch die Küche der Jungfrau und das
Fenster, durch welches der Engel der Verkündigung zu ihr einflog, ließ
ich mir zeigen.
Loretto verlassend, entfernten wir uns wieder von den Küsten des
Adriatischen Meeres und marschierten landeinwärts nach Macerata, einer
ansehnlichen, auf einem Berge liegenden Stadt, von der man das Meer noch
einmal erblickt, die fünfzehntausend Einwohner, mehrere sehr schöne
Kirchen und ein merkwürdiges Tor, Porta Pia, eine Art Triumphbogen mit
drei Durchgängen hat. Sie steht auf der Stelle des alten _Helvia
Ricina_, das die Goten zerstörten, und hatte früher eine Universität. --
Von hier kamen wir nach Tolentino, einem an sich sehr unbedeutenden
kleinen Städtchen, das keine fünfzehnhundert Einwohner zählt, aber
dennoch fünfzehn Kirchen hat und den Leichnam des heiligen Nikolaus
aufbewahrt, was dem sonst sehr toten Ort an dessen Festtag einiges Leben
verleiht. Hier wurde 1796 der Friede zwischen dem Papst und der
französischen Republik geschlossen, der dem erstern große Opfer kostete
und wenig oder keinen Nutzen brachte. Durch das ebenso berüchtigte
Col-Fiorilo, wohin der Weg eine ziemliche Strecke zwischen durchhauenen
Felsen führt und das so enge ist, daß kein Wagen dem anderen ausweichen
kann, sondern derjenige, der am nächsten beim Ausgang ist, rücklings
zurückfahren muß, marschierten wir bei Nacht. Der Weg von hier bis
Foligno, besonders bei den sogenannten Steinbrüchen, ist fortwährend
sehr schmal und für das Fuhrwerk äußerst gefährlich, da er längs
schauerlichen Abgründen hinführt, in die schon sehr viele Wagen samt
Pferden und Reisenden hinabstürzten, und doch wird nicht dafür gesorgt,
diese Gefahr durch tüchtige Schranken zu beseitigen! --
Spoleto, unsere nächste Etappe, ist eine alte, an einem Berge liegende,
aber schlecht gebaute und befestigte Stadt, die im Altertum durch den
mutigen Widerstand, den sie dem Hannibal leistete, berühmt wurde, jetzt
aber kaum sechstausend Einwohner, nicht weniger als zwei Dutzend
Faulenzernester, vulgo Klöster genannt, noch mehr Kirchen hatte; zwanzig
Einsiedeleien liegen obendrein auf einem nahen Berg, zu dem ein
anmutiges Tal führt. Hier ist die Faulenzerei und mit ihr die Bettelei
zu Hause, denn das träge Vieh in den Klöstern speist das zerlumpte und
ebenso faule in den Straßen mit den übriggebliebenen Brocken. Jeder sich
meldende Bettler bekommt eine Klostersuppe.
Der Marsch von hier nach Terni ging über die Somma, den höchsten Gipfel
der Apenninen in dieser Gegend, auf dem zur Heidenzeit ein Tempel des
Jupiter Summanus stand. Terni ist die Vaterstadt des berühmten
Geschichtsschreibers Tacitus und des Kaisers, der denselben Namen
führte. Es liegt zwischen zwei Armen des Flusses Nera, der hier eine
Insel bildet, und hat ebenfalls noch viele römische Altertümer, unter
denen die Ruinen eines Amphitheaters und eines Sonnentempels. Diese
Stadt rühmt sich eines gleichen Alters mit Rom.
Da wir hier wieder einen Ruhetag hatten, so schlug ich mehreren
Kameraden vor, eine Partie nach dem berühmten Wasserfall von Terni, der
fünf Miglien (etwa anderthalb Stunden) von der Stadt entfernt liegt, zu
machen. Hauptmann Grenet und seine Frau waren mit von derselben. Der Weg
dahin führt durch einen Olivenwald und durch ein Dorf, von dem er sich
furchtbar steil, oft an schwindelnden Abgründen vorüber, auf dem Berg
hinzieht. Wir waren fast alle auf Eseln, nur einige, unter denen auch
ich, zu Pferde. In einiger Entfernung von der Kaskade stiegen wir ab und
legten den Rest des Weges zu Fuß zurück, wurden aber bald von dem
Wasserstaub benetzt. Über hundertsechzig Meter stürzt sich hier der
Velino von den Felsen in den jähen Abgrund herab und gibt dem erstaunten
Wanderer ein großartiges, ergreifendes Schauspiel, welches der Anblick
der Milliarden, in allen Farben spielenden Wasserperlen, die das wieder
emporspringende Wasser bildet, beim Sonnenschein so prächtig macht, daß
das Blitzen aller Diamanten dagegen als fahl und matt erscheinen muß.
Das Geräusch, welches die fallenden Wassermassen verursachen, ist
donnerähnlich, und die sich wie Nebel wieder erhebenden Wasser formieren
einen großen Staubwirbel, der wie ein Tau abermals niederfällt und den
erstaunten Zuschauer durch und durch naß macht. Dieser Wasserstaub
bildet unaufhörlich auf- und niedersteigende Brillantbogen, die man mit
Entzücken bewundert; es ist eines der schönsten Naturschauspiele der
Welt. Auf dem Rückweg nahmen wir in dem Dorf an dem Olivenwäldchen eine
echt italienische Kollation, aus Brot, Käse, Orangen und Feigen
bestehend, so ziemlich alles, was man nebst einem Glas Wein in einem
solchen Ort in Italien haben kann.
Von Terni kamen wir wieder an unabsehbaren Abgründen vorüber nach Narni,
das auf einem Berg an der Nera liegt, kaum viertausend Einwohner zählt
und von tausendjährigen Olivenbäumen umgeben ist. Das heitere Tal, durch
welches man zwischen Terni und Narni kommt, ist dasselbe, welches
Plinius als so außerordentlich fruchtbar schildert, daß man hier viermal
des Jahres Heu erntet. Es wird von der Nera bewässert.
Von hier aus marschierten wir über Otricoli und mehrere andere
unbedeutende Orte, kamen bald an die Ufer der Tiber, die wir zum
erstenmal erblickten, und längs derselben nach Civita-Castellana, dem
alten berühmten Veja, das Camill bezwang und wo die dreihundert Fabier
fielen. Diese Stadt ist jetzt sehr klein, zählt kaum ein paar tausend
Seelen und liegt auf einem steilen, die Umgegend beherrschenden Berg.
Die Hauptkirche derselben steht auf einem isolierten Felsen wie auf
einer Insel und ist vermittelst einer Brücke mit der übrigen Stadt
verbunden.
Jetzt verspürten wir schon die Nähe der alten Welthauptstadt. Ruinen,
Wasserleitungen, Tempelreste, Monumente jeder Art und hie und da eine
Villa verkündeten uns die hochberühmte Campagna, in welcher die
Hauptstadt der christlichen Welt liegt.
Monterosi, in dessen Umgegend sich noch etrurische Ruinen und Altertümer
befinden, sollte unser letztes Quartier vor Rom sein; da uns aber die
Marschroute keinen Rasttag in Rom selbst gestattete, so gab Düret dem
Wunsch der meisten Offiziere, unter denen auch ich war, nach, ließ das
Bataillon nur wenige Stunden in Monterosi ruhen und dann nach Rom
aufbrechen, damit wir wenigstens einen Tag vollständig und mit Ruhe
daselbst zubringen konnten, denn niemand war imstande, uns zu
garantieren, daß wir jemals die berühmte Stadt wieder betreten würden.
Indessen wurde uns dieser Doppelmarsch, der zum Teil über die alte Via
Cassia ging, beschwerlich genug, es schien, als wolle er gar kein Ende
nehmen. Jeder Landmann, dem wir begegneten, wurde mit: »_Quante miglie
ancora?_« von den Soldaten angeredet, und antwortete gewöhnlich mit:
»_Poche signore, strada romana, strada buona!_«, und murrend und
fluchend, sich durch das Wenig immer getäuscht zu sehen, ging der Marsch
weiter.
Öder und wüster wurde aber jetzt die Gegend, wir waren in der verrufenen
Campagna di Roma und kamen häufig an Galgen und Pfählen vorüber, an
denen Köpfe gespießt und halb verfaulte Schenkel, Arme und Körper
hingen, von Legionen Raubvögeln umflattert und angenagt, lauter
Überreste greulicher Raubmörder und Banditen. Wir waren die ganze Nacht
und fast den ganzen Tag marschiert, wenige Stunden Ruhe in der
Mittagszeit ausgenommen, und erblickten endlich gegen Abend die schon
lange und heißersehnte Siebenhügelstadt mit ihren Kuppeln, Domen und
Türmen, aus deren Häusermeer vor allem Sankt Petri Dom wie ein Berg
hervorragte. -- Der Anblick dieser sogenannten ewigen Stadt, deren
Geschichte ich genau kannte, und in der seit Jahrtausenden so viel
Großes, Wunderbares und Außerordentliches vorgefallen, von der aus so
viel Unheil über die ganze Erde, in alter und neuer Zeit, unter den
heidnischen Kaisern wie den christlichen Päpsten ergangen, erschütterte
mich tief und machte einen großen Eindruck auf mich. Lange staunte ich
diese toten Massen, Zeugen von so viel Untaten, wenig Helden- und noch
weniger guten Taten an. Es ging nun etwas bergab; bald kamen wir an dem
Grab Neros vorüber, wo er aber schwerlich begraben liegt, und an die
Pontemolle, die alte _Pons Aemilius_, an der Cicero die Verschworenen
verhaften ließ, als sie sich in das Lager Catilinas begeben wollten;
hier überwand auch Konstantin den Tyrannen Maxcenz. Erst wenige Monate
vor unserer Ankunft (1805) hatte Pius VII. diese Brücke wieder
herstellen lassen. Noch immer war die Gegend öde und fast wie
ausgestorben. Von hier marschierten wir auf der _Via Flaminia_, erst
zwischen einsamen Gartenmauern, und dann an einer langen Häuserreihe
vorüber, bis vor die Porta Popolo, wo wir noch vor Sonnenuntergang, aber
durch den forcierten Marsch zum Umfallen müde, ankamen. Glücklicherweise
war das Gebäude, eine Art Kaserne, in welcher das Bataillon einlogiert
wurde, gerade das letzte Haus rechts vor dem Tor, und alle Säle in
demselben fanden wir schon dick mit Stroh belegt, denn Betten gab der
heilige Vater den französischen Soldaten noch nicht. Die Leute waren so
müde, daß sie sich kaum die Mühe nahmen, ihre Tornister, Patronen,
Gewehre und Patronentaschen abzulegen und sich angekleidet auf die
einladende Streu fallen ließen, den Henker nach Rom, seinen Denkmälern
und dem Papst fragend, worauf sie bald um die Wette schnarchten. Ich
nahm zwar das mir zukommende Quartierbillett an, das auf eine
Privatwohnung in der Stadt selbst lautete, verspürte aber keine Lust,
dieselbe noch diesen Abend in deren vielleicht entferntesten Vierteln
aufzusuchen, sondern warf mich, es zu mir steckend und noch einen Blick
durch das Tor auf die Piazza Popolo werfend, wo ich den Obelisk und die
Eingänge zu drei unabsehbaren Straßen gewahrte, ebenfalls unter die
Karabinier-Kompagnie auf die Streu. Mein Kapitän, ein Hauptmann Leclerc,
machte es ebenso, und die meisten Offiziere, die keine Pferde hatten,
folgten unserm Beispiel; wir schliefen fest und ungestört, bis den
kommenden Morgen die Sonne schon hoch über der ewigen Stadt stand,
hatten besser als auf den schwellendsten Polstern geruht, und machten
uns endlich aus dem Stroh und unsere Toiletten, uns in _grande tenue_
steckend, um uns durch die Porta Popolo, die alte _Porta Flaminia_, in
das Innere der merkwürdigen Weltstadt zu begeben und deren
hauptsächlichste Sehenswürdigkeiten aufzusuchen.
Man wird hier keine ausführliche Beschreibung Roms und seiner
Merkwürdigkeiten erwarten, die allein dicke Bände füllen würde, und die
schon so oft beschrieben und wieder beschrieben worden sind, außerdem
brachte ich diesmal nur einen einzigen Tag daselbst zu, der kaum
hinreicht, das Interessanteste im Flug zu übersehen.
An das Tor dell Popolo stellten wir Schildwachen von zwei Karabiniers
auf, welche den Befehl hatten, nur die ganz reinlich und ordonnanzmäßig
gekleideten Soldaten unsers Bataillons in die Stadt zu lassen, auch
durften nicht mehr als zwanzig Mann der Kompagnie auf einmal in dieselbe
gehen.
Als ich den Korso entlangging, begegnete ich dem Kapitän Gasqui mit noch
einigen Offizieren, die mich einluden, sie zu begleiten und ihnen als
Dolmetscher zu dienen, da noch keiner von denselben zehn Wörter
italienisch konnte, sie auch wußten, daß ich in der römischen Geschichte
bewandert war und eine ziemlich genaue theoretische Kenntnis von Rom
hatte. Gerne schloß ich mich dieser Gesellschaft an, wir schlugen zuerst
den Weg nach der Sankt Peterskirche ein, wo uns der ungeheure
zirkelrunde, von vierfachen Säulenreihen umgebene Platz mit seinen
prächtigen zwei Springbrunnen und dem höchsten Obelisk Roms in der
Mitte, die Fassade des berühmtesten Tempels der Christenheit, neben dem
sich rechts der stolze Vatikan zu den Wolken erhebt, allerdings in
Staunen und Bewunderung versetzte. Nicht so das Innere der Kirche, das
diesmal, besonders auch hinsichtlich der Größe, hinter meiner Erwartung
zurückblieb, deren ungeheure Dimension man aber nach und nach, die
einzelnen Teile betrachtend und näher untersuchend, gewahr wird, weil
das Ganze eben durch das Kolossale derselben zu sehr gedrückt wird und
überladen scheint. Ich machte, soviel ich es imstande war, Vasis
Beschreibung von Rom, die ich mir schon in Bologna angeschafft hatte, in
der Hand, den erklärenden Ciceroni, und gab mir vorzüglich viel Mühe,
die reizende Madame Gasqui auf die hauptsächlichsten Schönheiten
derselben aufmerksam zu machen. Wir hatten uns hier schon eine ganze
Stunde verweilt, als ich die Gesellschaft erinnerte, daß, wenn wir noch
mehr in Rom sehen wollten, es Zeit sei, weiterzugehen. Einige wünschten
noch den Vatikan zu besuchen, worauf sie aber auf meine Bemerkung, daß,
um ihn nur flüchtig zu durcheilen, was uns noch vom Tage übrigbleibe
nicht hinreichen möchte, verzichteten, und wir verständigten uns dahin,
für diesmal nur noch das Pantheon, das Kapitol, das Kolosseum, das alte
Forum, jetzt Campo Vaccino, die Triumphbogen des Titus, Konstantins und
Monte-Cavallo zu besuchen, die alle in großer Entfernung von der
Peterskirche liegen, so daß wir vollauf zu tun hatten, dies möglich zu
machen. Wir gingen nun wieder an dem nahen Castel St. Angelo vorbei, zum
zweitenmal über die Engelsbrücke und nahmen, auf der großen Piazza
Navona angekommen, zwei Mietkutschen, wo ich es so einzurichten wußte,
daß ich mit Herrn und Madame Gasqui in der einen, die übrigen Offiziere
aber in der andern fuhren; wir begaben uns zuerst in das Pantheon,
ehemals allen Göttern Roms und Griechenlands geweiht, und jetzt die
Kirche San Maria Rotonda, die mit Recht allen Architekten, die ähnliche
Meisterwerke, denn sie ist ein solches, aufführen wollen, zum Modell
dient. Von hier fuhren wir zum Kapitol, das wir zwar bestiegen, aber
dessen Inneres wir nicht sahen, weil uns die Zeit dazu mangelte. Vom
Kapitol begaben wir uns auf das Campo Vaccino und zu dem Kolosseum,
dessen Größe allerdings kolossal genug ist, um überraschend zu
imponieren; es faßte über hunderttausend Zuschauer, und hier wurden die
größten Schauspiele der Welt aufgeführt; in Europa kenne ich kein
zweites Gebäude, das so in Erstaunen setzt, obgleich ein Teil desselben
mutwillig niedergerissen wurde, um dessen Steine zu andern Bauten zu
benutzen. Die schöne Madame Gasqui am Arm, in Gesellschaft der übrigen,
wanderte ich im Innern desselben von Station zu Station (es sind hier
die vierzehn Leidensstationen Christi in der Runde aufgestellt). Hierauf
sahen wir noch die beiden erwähnten Triumphbogen, fuhren nach
Monte-Cavallo, den von Seiner Heiligkeit bewohnten Palast zu sehen, und
von da auf die Piazza Colonna, wo ich die Gesellschaft beredete, noch
die Antoniussäule zu besteigen, was aber Kapitän Gasqui wenigstens für
seine Person ablehnte, weil ihm das Steigen zu beschwerlich war. Auf der
sehr engen Treppe, welche im Innern derselben zu ihrem Gipfel führte,
reichte ich der Madame Gasqui die Hand, um ihr das Steigen zu
erleichtern und den übrigen den Weg zu zeigen; wir waren aber bald durch
ein Dutzend Stufen von den uns Folgenden getrennt, die uns aus den Augen
verloren, und um der Dame die Mühe noch weniger beschwerlich zu machen,
faßte ich sie um ihre schlanke Taille, sie von einer Stufe zur andern
hebend, was sie auch lächelnd geschehen ließ, sowie daß ich sie bei
jedem Schritt aufwärts fester an mich drückte, was sie zu ignorieren
schien. Der Weg zu einem intimeren Verhältnis war dadurch gebahnt, das
sich auch später zwischen uns entspann. Schon auf der Insel
Porquerolles, als ich die liebenswürdige junge Frau durch das Gebüsch
kommen sah, hatte sie mein Herz stärker schlagen gemacht, in Genua aber
sah ich sie nur wenig und war so sehr mit den dortigen Schönen
beschäftigt, daß mir keine Zeit übrigblieb, noch an andere zu denken.
Erst auf dem Marsch von da bis hierher bekam ich sie öfters, meistens
ritt sie im Gefolge des Bataillons, zu Gesicht, und hatte manchmal ein
paar Worte und Blicke mit ihr gewechselt. Den heiligen Paulus, der jetzt
statt des Kaisers Antonius Pius auf der Säule steht und diese
verunstaltet, bat ich heimlich, meine neue Inklination in Schutz zu
nehmen. Nachdem wir uns gehörig umgesehen und den Umfang der ungeheuern
Stadt bewundert hatten, verließen wir die Säule, ohne daß es mir möglich
gewesen wäre, uns bei dem Herabsteigen von den Übrigen zu trennen, die
uns dicht auf den Fersen folgten. >Oh, wären wir doch allein gewesen!<
seufzte ich bei mir selbst. Kapitän Gasqui nahm uns unten in Empfang und
meinte, wir seien etwas lange geblieben.
Wir nahmen nun noch ein fröhliches Mahl bei einem Restaurateur auf dem
Spanischen Platz ein und begaben uns jeder in sein Quartier, uns zum
nahen Abmarsch vorzubereiten. Die Sonne war bereits hinunter, und der
Abmarsch war für die zehnte Stunde beordert; ich aber hatte mein
Quartier nicht einmal aufgesucht, begab mich wieder in meine Kaserne
zurück und ruhte noch ein paar Stunden bis zur ersten Rappelle des
Tambours. Bald stand das Bataillon unter dem Gewehr, aber bevor wir
abmarschierten, setzte es noch ein kleines Donnerwetter. Von mehreren
Orten, wo wir einquartiert gewesen, und namentlich auch von Loretto,
waren bei dem päpstlichen Gouvernement Klagen wegen des von den Soldaten
in Klöstern und Kirchen verübten Unfugs eingelaufen, die das unflätige
Anschmieren der Wände mit Kohlen, meistens Zerrbilder auf die Pfaffen,
und auch andere, die Keuschheit derselben beleidigende Dinge betreffend,
nicht unterlassen konnten, wegen deren man unsern Bataillonschef Düret
in Rom zur Rede gestellt hatte. Dieser erließ jetzt einen strengen
Tagesbefehl und verbot bei schweren Disziplinarstrafen, sich ferner
dergleichen zu unterfangen, er hielt auch noch einen Sermon vor der
Front an das Bataillon dieserhalb, sowie wegen der ziemlich zahlreichen
Deserteure, von denen man gerade ein halbes Dutzend wieder eingebracht
hatte, welchen man mit Erschießen drohte, wozu es indessen nicht kam.
Hierauf wurde mit rechts in die Flanken, und zwar in aller Stille, ab-
und durch die heilige Stadt ohne Trommelschlag und klingendes Spiel
marschiert, denn es durften laut Konvention damals keine französischen
Truppen bewaffnet durch die Residenz des Papstes marschieren, sondern
sie mußten den großen Umweg um die Mauern derselben machen. Es war also
eigentlich eine Infraktion, die wir begingen, von der jedoch keine Notiz
genommen wurde. Heller Mondschein leuchtete durch die Straßen der Stadt,
deren Gebäude und Schatten uns wahrhaft riesig erschienen. Von Zeit zu
Zeit ließen die Blasinstrumente unsers Musikkorps eine sanfte Melodie
oder einen _pas redoublé_ ohne türkische Musik ertönen, was diesen
Marsch noch romantischer machte. Endlich kamen wir durch die Porta San
Giovanni, die nach Albano, unserem nächsten Quartier, führt, wo ich,
ermüdet, den ganzen Tag verschlief. Von hier marschierten wir über
Veletri durch die pontinischen Sümpfe nach Terracina, wo wir einen
Ruhetag hatten. Von da nach Fondi, dem ersten neapolitanischen
Städtchen, und durch üppige Gegenden nach Mola di Gaëta, wo wir uns
endlich auf dem Schauplatz der kriegerischen Ereignisse befanden, und
den neunten oder zehnten Tag nach unserm Abmarsch von Rom ohne besondere
Abenteuer, meist spottschlechte Quartiere habend, eintrafen.
Noch in einer ziemlichen Entfernung von Mola di Gaëta, das auf den
Ruinen des alten Formio erbaut ist, hörten wir schon den Kanonendonner
des Geschützes der die Festung beschießenden Artillerie. Gegen neun Uhr
des Morgens kamen wir zu Mola an, wo unser erster Blick auf Verwundete
fiel, die man ins Feldlazarett transportierte, welche soeben bei den
Belagerungsarbeiten durch das Geschütz der Belagerten übel genug
zugerichtet worden waren, und von denen einige mit dem Tode rangen.
Bevor ich mit dem Bericht der Blockade und Belagerung von Gaëta während
unsers Aufenthaltes vor dieser Festung fortfahre, muß ich ein paar Worte
über die damalige Besitznahme von Neapel durch die Franzosen
vorausschicken.
Napoleon hatte in den Feldern von Austerlitz beschlossen, der Herrschaft
der Bourbonen in Neapel ein Ende zu machen, weil der König Ferdinand
IV., gegen den Vertrag vom 21. Juli 1805, den Russen und Engländern die
Häfen seines Reiches geöffnet hatte. Im Februar 1806 war das
französische Heer in drei Kolonnen unter dem Oberbefehl von Napoleons
Bruder, dem Prinzen Joseph, und dem Marschall Massena, der das Zentrum
befehligte, im Königreich Neapel eingerückt. General Regnier, der den
rechten Flügel kommandierte, war vor Gaëta gerückt, während Massena
Capua fast ohne Widerstand nahm und die Franzosen schon den 14. Februar
in die Hauptstadt eindrangen; einen Tag später hielt Joseph seinen
feierlichen Einzug in dieselbe. Einstweilen war der linke Flügel des
Heeres, meistens aus italienischen Truppen bestehend, unter dem General
Lecchi über Itri vorgedrungen, und als wir im Mai nach Mola di Gaëta
kamen, war, Gaëta und einige andere, im Absatz und an der Sohle des
italienischen Stiefels liegende Gegenden ausgenommen, schon der größte
Teil des Königreiches von den französischen Truppen besetzt, aber noch
weit entfernt, beruhigt zu sein. Der Tanz sollte im Gegenteil erst recht
angehen und lange und blutig genug werden. Unterdessen war durch ein
kaiserliches Dekret der Prinz Joseph zum König von Neapel ernannt
worden.