Colombey. -- Neufchateau. -- Ein greulicher Vatermord. -- Montigny.
-- Komisches Mißverständnis. -- Langres. -- Dijon. -- Chalons sur
Saone. -- Wasserfahrt auf dem Coche d'Eau. -- Eine Nacht in
Macon. -- Lyon. -- Ein vereitelter Gaunerstreich und beigelegtes
Duell. -- Das Regiment wird auf der Rhone eingeschifft. --
Vienne. -- Condrieux. -- Schiffbruch unter der Brücke St. Esprit.
-- Orange. -- Avignon. -- Aufenthalt daselbst. -- Die Insel
Bartelasse. -- Villeneuve. -- Madame Croizet und die Prozession.
-- Eine Tour nach Vaucluse. -- Ewiger Friede. -- Eine gefährliche
Überrumpelung. -- Abmarsch nach Montpellier. -- Tarascon. --
Böses Volk. -- Eine entwaffnete Wache. -- Ein Schäferturnier. --
Nimes. -- Lünel. -- Montpellier.
Es war damals ein sehr lustiges, unbekümmertes und sorgloses Leben, das
französische Soldatenleben, und wenn man so mit klingendem Spiel,
Sappeurs, Tambours, Musik an der Spitze, in eine neue Garnison einrückte
und die vielen hübschen Frauen und Mädchen in den Fenstern erblickte,
wie sie mit verlangender Neugierde die braungebrannten martialischen
Gesichter vorüberdefilieren sahen, da waren alle ausgestandenen
Strapazen und Entbehrungen verschwunden und man freute sich der
bevorstehenden Abenteuer.
Ich hatte die Nachricht, daß wir Toul in kurzem verlassen würden, sowie
unsre Marschroute sogleich meinen Eltern mitgeteilt und noch vor unserm
Abmarsch Antwort und Empfehlungsschreiben an verschiedene Häuser in
Dijon, in Chalons für Saone, Macon und Lyon empfangen, nebst einem
Wechsel von vierhundert Franken auf Chalons als besondere Marschzulage,
den ich jedoch noch in Toul versilberte, um mehrere Rückstände zu
berichtigen. Unser erstes Nachtquartier war Colombey, ein erbärmliches
Nest; zwei Dritteile des Bataillons mußten in umliegenden Dörfern
untergebracht werden. Da der Fourier der Kompagnie kein Französisch
konnte, so mußte ich auf des Kapitäns Geheiß das Geschäft desselben
hinsichtlich des Quartiermachens für die Kompagnie versehen, womit mir
wohl gedient war, da sämtliche Fouriere mit dem Adjutant-Unteroffizier
ein paar Stunden vorausmarschieren, daher viel freier sind und die
Unbequemlichkeiten des Marsches bei weitem nicht so empfinden, sich's
bequem machen, auch oft fahren oder auf Eseln reiten, wenn sie deren
haben können, und dabei sich nichts abgehen lassen, indem es ihnen auf
dem Marsch nie an Geld mangelt, das sie sich auf folgende Weise zu
verschaffen wissen: sie lassen sich nämlich immer für den kompletten
Stand der Mannschaft Quartierbilletts geben, während sich doch niemals
eine Kompagnie ganz vollzählig auf dem Marsch befindet, da es immer
Kranke, Detachierte und so weiter gibt, auch selten eine Kompagnie,
besonders nach langen Märschen, Gefechten und so weiter komplett ist.
Die Billette, die ihnen übrig bleiben, verkaufen sie an die Wirte, auf
die sie lauten, die gerne einen, auch wohl einige Franken bezahlen, um
der Last von ein paar Mann Einquartierung überhoben zu sein, so daß in
größern Städten und wo Rasttage sind, der Fourier sich nicht selten
fünfzig Franken und mehr auf diese Weise verschafft, von denen er aber
einen Teil an den ihm beigegebenen Korporal abgibt, der sich dafür
ebenfalls mit dem Billettverkauf, der natürlich viel Laufereien
veranlaßt, da die Quartiere alle aufgesucht werden müssen, befaßt.
Dieser Unterschleif mit den Billetten ist den Chefs bekannt, allein man
sieht durch die Finger, da dem Gouvernement und den Truppen kein Schaden
dadurch verursacht wird; viele Soldaten verkaufen ebenfalls ihre
Billetts und bringen dann die Nacht auf den Straßen oder unter einer
Kirchenhalle zu, besonders in dem mittäglichen Frankreich, wo es das
Klima gestattet. -- Der zweite Tag führte uns in das Städtchen
Neufchateau an der Mouzon, die sich hier in die Maas ergießt, es zählt
über dreitausend Einwohner. Hier war den Tag vor unserer Ankunft ein
empörender Mord begangen worden. Ein Ungeheuer von einem Sohn hatte
seinen achtzigjährigen Vater, den er unter irgendeinem Vorwand in den
Keller gelockt hatte, daselbst mit einem Beil erschlagen; der Alte lebte
dem Wüterich und namentlich dessen Konkubine zu lange. Die scheußliche
Tat war den Abend um acht Uhr begangen, aber gleich darauf von einer
alten Magd des Hauses, die sie entdeckte, verraten und angezeigt worden,
so daß der Mörder noch in derselben Nacht verhaftet wurde. Auf der
nächsten Etappe, dem Flecken Bourmont, hatte ich ein Quartier bei einer
alten Marquise, die, noch ein lebendiges Monument aus den Zeiten Ludwigs
XV., eine achtundachtzigjährige hochgeschminkte Schöne war und das
damalige Hofkostüm trug, eine sehr ehrwürdige, andächtige Dame, welche
den alles zertrümmernden Revolutionsstürmen glücklich entging. Das
Quartiermachen brachte mir den Vorteil, daß ich gute Quartiere für mich
selbst aussuchen und auf dem Quartieramt immer nach solchen, in denen
sich liebenswürdige Schöne befanden, erkundigen konnte; diesmal hatte
mich aber der die Billette austeilende Adjoint zum besten gehabt,
indessen war das Quartier sonst gut. -- Der folgende Tag brachte uns in
den Flecken Montigny-le-Roi in der Champagne, wo man noch Überbleibsel
von ehemaligen Befestigungen sieht. Hier hatte ich einen komischen
Streit zwischen einem Leutnant, der kein Französisch verstand, und
seinem Wirt zu schlichten. Letzterer hatte dem Offizier gesagt, als ihm
dieser sein Billett präsentierte: »_Qu'il ne pouvait lui donner qu'une
paillasse pour coucher._«[8] In dem Ort spielten gerade Seiltänzer, als
das Bataillon einmarschierte, und der Offizier, glaubend, daß der Mann
ihm von diesen spräche, erwiderte: »_Oui, oui, monsieur, joli Bajazzo._«
Als er aber bald darauf sah, daß sein Bett nur in einem Strohsack
bestand, fing er Händel mit dem Wirt an, der sich ein über das andre Mal
entschuldigte, daß er ihn präveniert und ihm gesagt habe: »_Qu'il
n'aurait qu'une paillasse._« »Ach was Bajazz, Bajazz,« schrie der
Leutnant, »ich hätt' den Henker von seinem Bajazz, er soll mir ein
ordentliches Bett geben.« Ich kam gerade dazu, als diese mit vielen
Gestikulationen begleitete Diskussion stattfand, und klärte die Sache
auf, worüber nun beide Teile herzlich lachten, und der Leutnant auf mein
Zureden sich mit dem Strohsack begnügte, da der Bauer keine Matratze
hatte.
Den kommenden Tag marschierten wir nach Langres, das alte _Audomatunum_
und spätere _Lingones_, dessen schon Cäsar erwähnt. Es ist fast die am
höchsten gelegene Stadt in Frankreich, nur Briançon liegt noch höher;
dem Berg, auf dem sie liegt, entquellen nicht weniger als drei Flüsse,
nämlich die Marne, die Maas und die Vingeanne. Die Stadt gehört zu dem
Departement der Haute-Marne und ist hauptsächlich wegen ihrer
vortrefflichen Messerklingen und Stahlwaren in ganz Europa berühmt. Hat
man mühsam den Berg erstiegen, so wird man durch eine herrliche Aussicht
belohnt, die sich über die Vogesen, in weiter Ferne über die Alpen
verbreitet; ist der Himmel ganz heiter, so erblickt man sogar den
Montblanc. Den Rasttag, den wir hier hatten, brachte ich mit
Spaziergängen in die nächste Umgebung zu. Wir kamen nun nach dem nicht
unbedeutenden Flecken Selongey, und von hier in die alte Hauptstadt der
einst so mächtigen Herzöge von Burgund, nach Dijon; jetzt ist sie die
Hauptstadt des Departements der Goldküste und liegt mitten zwischen
Weinbergen, in einer fruchtbaren Ebene an dem Flüßchen Ouche. Sie hat
zum Teil schöne und reinliche Straßen, große Plätze und herrliche
Gebäude, unter denen der Palast der alten Herzöge von Burgund, in
welchem sich ehemals die Stände dieses Landes berieten, das
interessanteste ist. Die Kirche Notre-Dame ist ein herrliches Monument
gotischer Baukunst, das Schiff derselben und die Halle mit ihren von
schlanken Säulen umgebenen Pfeilern gewähren einen erhabenen Anblick.
Auf einem Turm derselben war jenes berühmte Uhrwerk, welches Philipp der
Kühne nach der Schlacht von Rosebecque der Stadt Courtray weggenommen
hatte, um diese zu bestrafen, weil sie sich geweigert hatte, die
goldenen Sporen Karls VI., der 1312 unter ihren Mauern getötet worden
war, herauszugeben.
[Fußnote 8: Daß er ihm nur einen Strohsack zum Schlafen geben könne.]
Wir marschierten jetzt, beständig die goldene Hügelreihe vor Augen,
welche das Land mit den gepriesensten Weinen beschenkt, nach Beaune. Als
wir durch Nuit kamen, hatte uns sowie dem ganzen Offizierkorps, ein
dortiger Weinhändler, der Vater des Kadetten Larbalestier, ein
treffliches Gabelfrühstück bereitet, wobei er reichlich Clos de Dougeot,
Volney, Chevalier-Monrachet, Chambertin und andere Sorten des
vorzüglichsten Gewächses, die ihrer Seltenheit und Güte halber fast nie
in den Handel kommen, im Überfluß reichte; aber das klare Wasser mundete
mir auch hier besser als alle die burgundischen Nektare. Durch das gute
Dejeuner gestärkt und auf Wagen das Versäumte wieder einholend, denn das
Bataillon war uns auf den Fersen, kamen wir bald in Beaune an. Diese
alte Stadt, die schon unter Cäsar belagert wurde, hatte noch Wälle und
liegt in einer lachenden Gegend, an dem Flüßchen Bouzeoise. Auch sie ist
eine Hauptniederlage der besten Burgunderweine.
Von hier brachen wir nach Chalons an der Saone auf, beim Ausmarsch
zeigte man uns Volney, Meursault, Chambertin, Pommard und andere Orte,
welche die berühmten Weine dieser Namen liefern. Als wir in Chalons
angekommen waren, fand ich auf dem Quartieramt ein Einladungs- und
Einquartierungsbillett von dem Haus Bouillé, an das ich empfohlen war,
für mich vor, in dem ich vortrefflich aufgenommen wurde, da ein Sohn
desselben als Volontär in Frankfurt war; auch wirkte mir Herr Bouillé,
sobald das Bataillon angekommen war, die Erlaubnis aus, einige Tage bei
ihm auf Besuch bleiben zu dürfen, mit dem Versprechen, daß er dafür
sorgen wolle, daß ich in Lyon wieder bei demselben eintreffe. Ich
brachte nun ein paar Tage recht vergnügt in dem heiteren Chalons zu, das
in einer schönen Ebene an dem rechten Ufer der Saone liegt, über welche
eine Brücke von Quadersteinen zu der gegenüberliegenden Vorstadt führt,
die auf einer Insel erbaut ist und anmutige Promenaden hat. Die Stadt
ist sehr freundlich und hat besonders am Kai geschmackvolle Gebäude und
an fünfzehntausend Einwohner, sie ist gewissermaßen der Stapelplatz
zwischen Süd- und Nordfrankreich, hauptsächlich eine Niederlage für
Marseille und Paris, auch verbindet sich hier der Zentralkanal mit der
Saone.
Die Familie Bouillé tat ihr Möglichstes, mir den Aufenthalt in Chalons
angenehm zu machen, und ein anderer Sohn des Hauses war mein treuer
Begleiter auf allen Wegen, was mir aber gerade nicht sehr angenehm war
und mich genierte, denn ohne diesen jungen Hüter, der mir nicht von der
Seite wich, hätte ich gewiß ein kleines Abenteuer in Chalons gehabt;
auch verschwor ich es, solche Einladungen wieder anzunehmen. Der junge
Mensch gab sich indessen viel Mühe, mich zu unterhalten, zeigte mir die
Kirchen, das Stadthaus, die Bibliothek, das Lorenzo-Hospital auf der
Insel dieses Namens, das Theater und so weiter, aber damit war mir nicht
gedient, und ich wäre lieber mancher Schönen gefolgt, die mir auf
unseren Streifereien und Promenaden begegnete. Nach einem viertägigen
Aufenthalt reiste ich, herzlich für die gute Aufnahme dankend, ohne
irgendein Abenteuer, mit dem Coche d'Eau, einer eleganten
Wasserdiligence, nach Lyon. Auf diesem Schiff traf ich auch den Offizier
_payeur_ unseres zweiten Bataillons, Herrn Madinier, und mehrere junge
Offiziersfrauen an, deren Männer beim Heer waren, und die sich zu
Verwandten nach Lyon begaben und recht liebenswürdig waren. Zu jener
Zeit war überhaupt ganz Frankreich mit solchen jungen Strohwitwen
angefüllt, deren Männer sich im Feld oder als Employés, Kommissäre und
so weiter bei den Armeen befanden, und auch mit wirklichen Witwen,
welche sich gerne über die allenfallsige und vermutliche Untreue ihrer
verstorbenen Herren zu trösten und dieselbe bestens wettzumachen
suchten. Bald hatte ich eine interessante Unterhaltung mit der jungen
Gattin eines Groß-Majors[9], der bei den französischen Truppen in
Österreich stand, angeknüpft; es war eine artige Pariserin und die
Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns. Die hübsche Frau hatte die feinste
Taille, die man sich denken kann, einen eleganten Wuchs, ein Paar fast
chinesische Füßchen, frivol-schelmische Augen, ein prächtiges
kastanienbraunes Seidenhaar, Perlenzähne und eine Munterkeit, die
mutwillig, ja bisweilen ausgelassen war. Während ich mit ihr scherzte
und lachte, hatte Madinier mit einer anderen dieser Damen Bekanntschaft
gemacht. Ohne zu wissen wie, erreichten wir Macon, wo wir ausstiegen und
übereinkamen, daß man hier bis zur Ankunft des nächsten Coche d'Eau, das
den folgenden Tag erwartet wurde, da eins täglich von Chalons abgeht,
bleiben wollten. Daß ich weder das Haus, dem ich empfohlen, aufsuchte,
noch mich viel mit den Sehenswürdigkeiten Macons beschäftigte, sondern
einzig und allein dem Dienst der liebenswürdigen Dame lebte, darf man
mir aufs Wort glauben. Ich hatte das Vergnügen, Madame O... am Arm, auf
den schönen Kais an der Saone zu promenieren; wir ließen uns auch zu den
noch vorhandenen Trümmern eines Triumphbogens und eines Janustempels,
des alten Matiscos, führen und kehrten dann in unser Hotel zurück, wo
wir uns nach einem deliziösen Souper zu einer ziemlich unruhigen Ruhe
begaben.
[Fußnote 9: Groß-Major hieß damals der erste Stabsoffizier eines
Regiments, der im Rang nach dem Oberst folgte.]
Den andern Tag fuhren wir mit dem ankommenden Schiff nach Lyon ab und
legten den Rest der Wasserreise vergnügt zurück. Je näher wir unserer
Bestimmung kamen, desto pittoresker wurde der Anblick der Ufer der
Saone, die freundlichsten Ortschaften, die reizendsten Landhäuser und
Landschaften wechselten unaufhörlich ab, bis wir endlich im Hafen zu
Lyon einliefen. Hier stiegen wir im Hotel d'Europe ab, wo wir wieder
einen recht vergnügten Abend und eine noch vergnügtere Nacht zubrachten.
Erst den kommenden Morgen meldete ich mich bei dem Bataillon, das diesen
Tag Rasttag hatte. Mein Kapitän teilte mir die angenehme Nachricht mit,
daß wir den Rest des Marsches auf der Rhone eingeschifft zurücklegen und
deshalb noch einen Tag länger hier verweilen würden. Dies war mir zwar
erwünscht, aber doch suchte ich mich wieder frei von Madame O... los zu
machen, von deren Ketten ich schon genug hatte; ich kaufte bei einem
Goldarbeiter eine zierliche Allianz, die ich ihr, ins Hotel
zurückgekehrt, zum Geschenk machte, dabei mit schweren erzwungenen
Stoßseufzern ankündigte, daß die Stunde der Trennung geschlagen habe,
indem ich zur Kompagnie, bei der ich als Kadett stehe, -- sie wußte sich
nicht zu erklären, was dies für eine Charge sei, da die französischen
Regimenter dergleichen nicht hatten, und hielt mich für einen Offizier,
-- einrücken müsse und wir wahrscheinlich noch diesen Abend
abmarschieren würden. Nach einer letzten feurigen Umarmung, herzlichem
Lebewohl und Versicherungen ewiger Liebe und Treue schieden wir für
immer. Ich suchte jetzt das Quartier meines Sergeant-Majors auf, das ich
erst nach langem Umherirren durch die engen und finsteren Gassen Lyons
fand, und ließ mir von demselben ein Einquartierungsbillett geben, das
auch in ein Hotel lautete. Da meine Börse anfing an der Auszehrung zu
leiden, obgleich ich mir von Bouillé zu Chalons noch etwas Geld hatte
geben lassen, so suchte ich das Bankierhaus J. Boutoux auf, an das ich
empfohlen war, und ließ mir fünfundzwanzig Louisd'ors auszahlen, lehnte
aber jede weitere Einladung und sogenannte Ehrenbezeigungen ab, und das
Haus Paul Pages _et neveux_, an das ich ebenfalls empfohlen war und das
mit dem unsrigen in Verbindung stand, besuchte ich gar nicht, sondern
streifte nun auf eigene Faust und planlos in den langen labyrinthischen
Straßen Lyons herum; besonders gefielen mir die lebendigen und schönen
Kais der Rhone und der Saone, namentlich der Kai St. Clair. Auch die
prächtigen Plätze Bellecour und das Terraux, auf dem das Hotel de Ville
und andere schöne Gebäude stehen, sowie die Kathedrale St. Jean und so
weiter besuchte ich.
Den zweiten Abend nach meiner Ankunft besuchte ich das große Theater, in
dem »_Le tyran corrigé_« nebst einem hübschen Ballett aufgeführt wurde.
Hier traf ich mehrere Kadetten und auch ein paar Fouriere des Regiments,
die letzteren zwei Franzosen, von denen sich der eine Jean Roi nannte
und eines Pächters Sohn bei Nancy war, der andere Latouche, dessen
Herkunft unbekannt, der aber schon durch ein halbes Dutzend Regimenter
gegangen, waren _deux mauvais sujets dans toute la force du terme_.
Diese beiden Individuen hatten es namentlich auf die jungen Leute beim
Regiment abgesehen, von denen sie wußten, daß sie mit Mutterpfennigen
versehen waren, und suchten diesen die Beutel auf alle mögliche Weise zu
fegen. Sie hatten sich auch schon einigemal an mich gewagt, aber die
Erfahrung gemacht, daß sie mich trotz meiner Jugend nicht leicht zu
ihrem Düpe machen konnten, da ich weder zum Trunk noch zum Besuch
liederlicher Häuser zu bewegen war. Diesen Abend hatten sie zwei ganz
junge und noch unerfahrene Leute aus guten Familien auf dem Korn, die
beide, der eine Dantrace aus Paris, der andere Roger aus Metz, Kadetten
ohne Grad waren. Ich war im Parterre hinter ihnen, merkte bald, wo es
hinaus wollte, und nahm mir vor, die jungen Leute nicht außer Augen zu
lassen. Man hatte sich zu einem Souper bei einem Restaurateur nach
beendigtem Theater verabredet, wo die beiden Fouriere, wie es schien,
schon bekannt waren. Ich folgte der Gesellschaft, die in einer engen
Straße in der Nähe des Platzes »_des terraux_« in ein Haus von ziemlich
verdächtigem Aussehen ging, und trat fast zu gleicher Zeit mit den
Herren in das Speisezimmer, wo mich die Fouriere mit nicht sehr
günstigen Augen ansahen. Sie ließen starke Weine auftragen und tranken
den jungen Leuten, die, obgleich älter als ich, doch noch Kinder waren,
tüchtig zu, so daß es bald schwere und schwindelnde Köpfe gab. Ich hatte
mich an denselben Tisch zu ihnen gesellt, aber nur ein paar Gläser
Champagner mit Wasser vermischt getrunken. Als man die Köpfe nach dem
Dessert erhitzt genug glaubte, sagte Latouche: »_Ah ça, il faut que nous
allions voir les filles!_« Ich wollte die beiden Kadetten davon
zurückhalten; da mir dies jedoch nicht gelang, so beschloß ich, sie zu
begleiten, und wir brachen, nachdem die Zeche berichtigt war, auf. Die
Fouriere führten uns durch einen langen Korridor, dann eine Treppe hinab
über einen Hof in ein Hinterhaus, wo wir wieder zwei Stiegen steigen
mußten und in ein ziemlich geräumiges Gemach traten, in dem sich etwa
ein halbes Dutzend keuscher Priesterinnen der Venus _vul_ befinden
mochte, die uns entgegensprangen und auf das zuvorkommendste
bewillkommneten. Ich stieß jedoch die, die sich an mich machen wollte,
so unsanft zurück, daß sie ausrief: »_Tiens qu'est ce que ce drôle_«,
worauf sich Latouche zu mir wandte und sagte: »_Mais ce n'est point
ainsi qu'on traite les filles_«; ich erwiderte lächelnd: »_Mais bien les
g...s._« Nun aber nahm sich auch Jean Roi der Dirnen an und zeigte eine
drohende Miene. Ich gab mir jedoch gleich ein so imponierendes Ansehen,
daß die beiden Herren es für gut fanden, sich von ihren Freundinnen
besänftigen zu lassen, was ich spöttisch lächelnd geschehen ließ. Um den
Frieden herzustellen, wurde wieder Wein und Punsch gebracht, den die
Dirnen kredenzten, wobei ich aber das Angebotene ausschlug, und auch den
Kadetten, die ohnehin schon genug hatten, zuredete, nichts anzunehmen.
Eine der Dirnen machte sich an Dantrace, die andere an Roger, und
wollten beide mit sich fortziehen; ich aber protestierte dagegen, indem
ich sagte: ich gebe es nicht zu, daß sich die jungen Leute ohne mich
entfernten. Roger bezeigte auch wenig Lust, aber Dantrace, den
diejenige, welche sich an ihn gewandt hatte, festhielt, indem sie zu ihm
sagte: »_Mais ce Monsieur est il donc votre Mentor?_«, wurde dadurch
gereizt, sagte mir: ich habe ihm nichts zu befehlen, und er wollte mit
dem Mädchen fort; ich versetzte: »Gut, aber geben Sie mir erst Ihre
Börse.« Ich wußte, daß er an hundert Napoleons in Gold bei sich hatte.
Er war im Begriff, es zu tun, als ihm Jean Roi lachend zurief: »_Mais
vous êtes donc un enfant?_«, worauf er mein Begehren abschlug. Ich sagte
ihm aber, daß er in diesem Fall nicht ohne mich das Zimmer verlassen
werde. Jetzt ließ auch er einen _drôle_ fallen, ich aber, an mich
haltend, erwiderte nur: »_Vous m'en rendez raison demain_,« und kündigte
ihm sogleich, sowie den beiden Fouriers, kraft meines Sergeantengrades,
Arrest an. Während dieses vorging, hatte sich ein anderes der Mädchen an
Roger gemacht, diesen auf einen Stuhl gezerrt, und während sie eine
ihrer Hände sonstwo hatte, verlor sich die andere in dessen
Hosentaschen. Ich bemerkte dieses Manöver und sah, wie ihm die Dirne den
wohlgefüllten Beutel ganz sachte aus der Tasche zog. Jetzt tat ich einen
Seitensprung und faßte das Mädchen bei dem Arm, mit dem sie den Beutel
hielt, den sie fallen ließ. Ihn aufhebend, sagte ich mit lauter Stimme
zu dem Kadetten: »Merken Sie denn noch nicht, wohin man Sie geführt
hat?« und packte die Diebin so fest bei der Gurgel, daß sie überlaut
aufschrie. Jetzt war endlich dem Dantrace ein Licht aufgegangen, und er
rief aus: »_Nous sommes donc dans un répaire de voleurs!_«; er legte nun
so starke Hand an die Demoiselles, daß ich genötigt war, ihn abzuwehren.
Es gab jetzt einen gewaltigen Lärm, so daß die _mère abesse_ des Hauses
herbeieilte und sich eifrig nach der Ursache desselben erkundigte. Ich
sagte ihr ganz trocken, es handle sich um einen ertappten Dieb, worauf
sie ein: »_Impossible_« erwiderte, ich aber ganz trocken erklärte, die
Possibilität beweisen zu können, und mich hierauf mit den beiden
Kadetten, die mir nun gerne folgten, entfernte, den zurückbleibenden
Fourieren ein: »_à demain_« verächtlich zuwerfend. Ich begab mich mit
meinen Begleitern in ein Kaffeehaus auf dem Terrauxplatz, wo wir mehrere
Offiziere vom Regiment antrafen, denen ich die saubere Geschichte
mitteilte, und die auf der Stelle in das verdächtige Haus gehen, die
Sache untersuchen und daselbst tolle Wirtschaft machen wollten.
Vergeblich suchte ich sie von diesem Vorhaben abzuhalten, fürchtend, daß
es zu argen Exzessen kommen könnte. Glücklicherweise war es uns, trotz
stundenlangem Suchen, unmöglich, das Haus, von dem wir nicht einmal den
Namen der Straße wußten, in der es lag, wieder aufzufinden; wir trennten
uns um Mitternacht, indem ich zu Dantrace sagte, daß ich ihn wegen des
_drôle_ morgen besuchen würde. Das schändliche Benehmen der beiden
Fouriere aber nahm ich mir vor, dem Bataillonschef, Herrn Düret,
anzuzeigen. Bei Tagesanbruch suchte ich einen Kadetten auf, dem ich das
Vorgefallene mitteilte, und den ich sodann zu Dantrace sandte, mit dem
Auftrag, diesen zu einem Dejeuner _à la broche_ einzuladen. Er fand sich
auch bald darauf in dem ihm bezeichneten Kaffeehaus ein, von wo wir alle
vier uns ins Freie jenseits der Rhone begaben. Auf dem Terrain
angekommen, hielt ich ihm sein Benehmen gegen mich vom vorigen Abend
vor; gerne gestand er sein Unrecht ein, sowie daß er mir noch obendrein
großen Dank schuldig sei, und deshalb aus freien Stücken den _drôle_
zurücknehme, mich um meine Freundschaft bitte, versichernd, daß er sie
auf jede Weise zu verdienen suchen wolle, und ich in allen Fällen auf
ihn zählen könne. Damit war die Sache abgemacht, und statt dem Dejeuner
_à la broche_ nahmen wir vergnügt eins _à la fourchette_ ein, worauf ich
mich mit meinen Kameraden zum Bataillonschef begab und diesem, was in
der verwichenen Nacht vorgegangen, bis auf den kleinsten Umstand
mitteilte. Düret ließ sogleich die Fouriere Latouche und Jean Roi holen
und stellte sie in den härtesten Ausdrücken zur Rede, ihnen mit strenger
Untersuchung und Strafe drohend. Diese redeten sich aber damit aus, daß
auch sie ganz fremd in dem verdächtigen Haus seien, das sie jetzt nicht
einmal mehr aufzufinden wüßten, da sie halb im Rausch und ebenso
unwissend wie wir in dasselbe geraten seien. Ob nun gleich auch Herr
Düret moralisch von der nichtswürdigen Absicht der beiden Individuen
überzeugt war, so ließ er sie doch mit der Warnung gehen, sich nicht
wieder auf ähnlichen Wegen erwischen zu lassen, schärfte den beiden
andern jungen Leuten ein, künftig vorsichtiger zu sein, und somit war
die Sache vorerst abgetan. Als wir das Quartier des Chefs verließen,
sagte jedoch Latouche zu mir: dies würde er mir gedenken, worauf ich
erwiderte: »_Quand il vous plaira._« Ich schwärmte den Rest des Tages
noch in Lyon herum, besuchte den Abend das Theater Cölestin, wo ich mich
mit einer schneeweiß gepuderten Schönheit, damals schon eine Seltenheit,
die wahrscheinlich die grau werdenden Haare durch den Puder verbergen
wollte, sonst aber gar nicht so übel war, recht angenehm in einer Loge
unterhielt. Man gab »Agnes Sorel« und noch einige kleine Piecen. Der
Vorhang dieses Theaters stellte eine sehr täuschend gemalte Ansicht
Lyons, von dem Kai der Rhone aus gesehen, dar.
Den kommenden Morgen schiffte sich das Bataillon auf fünf gebrechlichen
Fahrzeugen auf der Rhone ein; da diese Art Schiffe nie den Weg
zurückmachen, sondern, mit dünnen Brettern zusammengenagelt, an ihrer
Bestimmung angekommen, auseinandergeschlagen werden und das Holz
verkauft wird, so sind sie nicht von großer Solidität. Unsere Kompagnie,
die erste, war mit der der Karabiniers, der Musik und dem Etatmajor des
Bataillons zusammen eingeschifft. Kapitän Alphons, der die
Karabiniers[10] kommandierte, hatte seine hübsche Frau bei sich, beide
aber schnitten verdrießliche Gesichter, saßen stumm und traurig in einer
Ecke des Schiffes und maulten miteinander. Ich erfuhr bald von meinem
Kapitän den Grund dieses Umstandes: beide hatten eine galante Krankheit,
und jeder warf dem andern vor, sie von ihm bekommen zu haben; das Wahre
an der Sache mochte sein, daß keines seiner Sache gewiß war oder sein
konnte, denn beide waren eben keine Felsen ehelicher Treue. Wir stießen
nach acht Uhr unter dem Schall der Musik und dem Wirbeln der Trommeln
vom Ufer und flogen pfeilschnell auf dem reißenden Strom dahin; rechts
und links schwanden Villen, Gärten, Dörfer, Hügel und Auen, während die
Soldaten jauchzten und zufrieden waren, so mühelos die Märsche
zurückzulegen.
[Fußnote 10: Bei jedem Bataillon der leichten Infanterie befanden sich
damals eine Kompagnie Karabiniers und eine Kompagnie Voltigeurs, die
Kompagnien dü Centre hießen Chasseurs. Die beiden erstern hatten eine
_haute paye_ von 5 Centimes per Mann und per Tag.]
Bald bekamen wir das uralte Vienne mit seinen gotischen Türmen, Mauern
und Zinnen zu Gesicht, eine der ältesten Städte Frankreichs, die schon
fünfhundert Jahre vor Christi Geburt erbaut worden sein soll und die
Hauptstadt der Allobroger (_Vienna Allobrogum_) war. Keine Stadt am
Rhein, Köln ausgenommen, sieht so ehrwürdig grau, so imponierend alt
aus, wie Vienne an der Rhone; nur zu schnell entschwand sie unsern Augen
und wir kamen bald an jene hochberühmte Côte dü Rhone, deren Feuerweine
mit dem besten Ungar rivalisieren können, namentlich der, den die Côte
rotie, dem Barometerberg Pila gegenüber, erzeugt. So sahen wir
Rousillon, und endlich Condrieux, wo wir landeten, um zu übernachten;
ein Teil der Truppen schlief jedoch in den Schiffen. Das Städtchen liegt
zwar nicht dicht am Fluß, hat jedoch einen Hafen an demselben, und ist
meistens von Schiffern bewohnt, weshalb auch nur die Offiziere und ein
Teil der Unteroffiziere in demselben einquartiert werden konnten und der
Rest der Truppen auf den Schiffen blieb. Hier trug sich eine Begebenheit
zu, die dem Fourier Jean Roi den Hals brach. Alle Fouriere waren nämlich
samt dem Adjutant-Unteroffizier Geßner in einer großen Stube
einquartiert, wo Jean Roi erwischt wurde, wie er in der Nacht einem
Kameraden achtzig Franken aus der Tasche der abgelegten Beinkleider
stahl; er wurde _cum infamia_ vom Regiment gejagt, da man es nicht der
Mühe wert erachtete, ihn vor ein Kriegsgericht zu stellen.
Mit Tagesanbruch schifften wir uns wieder ein und setzten die Reise gut
gelaunt und fröhlich fort. St. Jüste hatte eine gute Portion süßen
Condrieux mit an Bord genommen, womit er seine ganze Kompagnie
regalierte, so daß jedermann ein großes Glas voll davon zum Frühstück
erhielt, wodurch die Leute gewaltig munter wurden, während die
Karabiniers des Kapitän Alphons, die nichts erhielten, scheel dazu
sahen. Saint Vallier mit seinem alten Schloß, der platte Königsfelsen,
der Berg Ventoux und so weiter glitten an unsern Blicken vorüber, und
bald waren wir in der Nähe der berühmten Eremitage, welche den
köstlichsten der Rhoneweine, den perlenden weißen Eremitage liefert, den
viele Weinkenner noch dem Tokaier vorziehen. Jetzt windet sich der
gewaltige Strom bald zwischen wandsteilen, ungeheuer hohen Felsen durch,
bald wogt er durch die herrlichsten Weinhügel dahin. In dieser Gegend
zeigt alles an, daß einst zahlreiche Vulkane hier gewesen sein müssen,
die längst ausgewühlt haben, und noch stößt man auf ausgebrannte Krater.
Immer reißender wird nun die rauschende Rhone, je näher man der Pont St.
Esprit kommt. Bald zeigt sich diese majestätische, fünfundzwanzig schöne
Bogen lange Brücke, ein Meisterstück der Architektur, dem erstaunten
Auge, man darf sie kühn den größten Werken des Altertums der Art zur
Seite stellen. Im Jahr 1265 wurde ihr Bau begonnen und erst 1309
vollendet, aber sie wurde fortwährend so gut unterhalten, daß sie noch
so völlig unversehrt dasteht, als ob sie erst vor kurzem aufgeführt
worden sei. Sie geht nicht in gerader Linie durch den Strom, sondern
biegt in der Mitte gegen denselben aus, dies macht, daß sie besser den
tobenden Wellen widersteht und an Festigkeit gewinnt. Ihre Bogen sind
zirkelrund und sie ist bei aller Dauerhaftigkeit doch noch zierlich;
ihren Namen soll sie erhalten haben, weil der heilige Geist selbst den
Plan der Brücke dem Baumeister eingegeben hat. Die Beiträge, um das Werk
vollenden zu können, wurden weit umher gesammelt, bis auf zwanzig Lieues
in der Umgebung, man gab gerne, da die Überfahrt hier, wo der Strom so
reißend ist, so gefährlich war, und kein Jahr ohne bedauerliches Unglück
vorüberging.
Wild wogen die Fluten an der Brücke und unter ihren Bogen, und es
erfordert eine große Geschicklichkeit der Schiffer, um pfeilschnell
mitten durch einen derselben unversehrt durchzukommen; im Fall eines
Anstoßes geht das Schiff unvermeidlich in Trümmer, wie es einem der
unsrigen erging. Als wir uns der Brücke näherten, auf der viele Menschen
standen, die Durchfahrt der kleinen Flottille anzusehen, schlugen die
Tambours Sturmschritt, die Musik spielte einen Pas de charge, und man
ließ die Guides wehen, während die Schiffer Gebete hersagten. Die beiden
ersten Schiffe, worunter das unsrige, waren schon glücklich, unter dem
Beifallrufen der auf der Brücke stehenden Leute, _tambour battant_
durchgefahren, als das dritte, welches der Strom ein wenig zu weit
rechts getrieben hatte, mit großer Gewalt gegen einen Pfeiler anfuhr und
sich krachend spaltete, worauf sich sogleich ein furchtbares Geschrei
auf und unter der Brücke und an den Ufern erhob, aber auch in demselben
Augenblick stießen mehr denn zwanzig Nachen vom Ufer ab, die
Verunglückten aufzunehmen. Das so leicht gebaute Fahrzeug war wenige
Sekunden nach dem Anstoß auseinandergegangen und die Oberfläche des
Wassers war alsbald mit Menschen, Tschakos und Effekten bedeckt. Alle
ins Wasser Gefallenen, unter denen auch einige Frauen, wurden indessen
bis auf zwei Mann gerettet oder retteten sich mittelst der Seile, die
man ihnen zuwarf, und die für einen allenfallsigen Unfall schon in
Bereitschaft waren. Die beiden andern Schiffe kamen, mitten durch die
Leute und Trümmer im Wasser fahrend, glücklich jenseits der Brücke an.
Vom Gepäck ging manches, und namentlich viele Gewehre, verloren. Die so
wider Willen ausgeschifften zwei Kompagnien legten nun, nachdem sie sich
erholt und getrocknet hatten, den Weg bis Orange zu Fuß zurück, wo auch
der Rest des Bataillons ausschiffte, und Düret beschloß, daß wir die
letzte Etappe -- es war nur noch ein Marsch bis zur neuen Garnison -- zu
Land zurücklegen sollten.
Mit dem frühesten Morgen marschierten wir, von der aromatischen Luft der
provenzaler Sonne erquickt, nach dem Ort unserer einstweiligen
Bestimmung, nach Avignon, ab. -- Hier wird das Himmelsblau schon
lebhafter, Nebel bei Sonnenauf- und -untergang kennt man nicht,
freundlich heiter sind die Fluren, und die klimatische Veränderung fühlt
man durch den ganzen Körper.
Eine Viertelstunde vor Avignon wurde Halt und Toilette gemacht, man warf
sich in grande tenue, die Karabiniers setzten ihre Bärenmützen mit den
roten Federbüschen auf und schmückten ihre Schultern mit den Epaulettes
von derselben Farbe, sowie die Voltigeurs mit gelben und die Chasseurs
mit grünen Epaulettes und Federn; da das Regiment ganz neu und schön
uniformiert war, so nahm es sich stattlich und imponierend aus und
marschierte gehörig geschniegelt und gestriegelt in schönster Ordnung in
die neue Garnison und alte Residenz so vieler Päpste ein, wo wir durch
sehr enge, winklige Straßen mit altertümlichen Häusern, aus denen aber
doch sehr moderne Damen auf uns herabsahen, auf den Waffenplatz kamen.
Das Bataillon wurde gleich in die geräumigen gewölbten Säle der alten
päpstlichen, auf hohen Felsen liegenden Burg kaserniert. Ich mietete mir
aber eine _Chambre garnie_, die recht schön möbliert war, für den
äußerst billigen Preis von acht Franken per Monat in der Nähe des großen
Platzes. -- Als ich in Gesellschaft mehrerer Kameraden nach Wohnungen
suchte, gerieten wir auch an ein Haus, an dessen Mauern mit großen
Lettern geschrieben stand: »_Ici on loue des chambres garnies pour
hommes et non pas pour femmes_«; bald wußten wir, was es damit für eine
Bewandtnis hatte, eine solche Unverschämtheit kann man sich nur in
Frankreich erlauben. Eine andere Sache, nach der man sich eifrigst in
jedem Haus, wo wir Wohnungen suchten, erkundigte, war: ob wir keine
Kosacken, Tataren, Kalmücken oder Russen seien, und man wollte uns in
der Regel nicht eher Zimmer zeigen, bis wir zur Genüge dargetan, daß wir
Franzosen oder doch wenigstens _des bons allemands_ und Christen seien.
Den Grund dieser ängstlichen Erkundigungen erfuhren wir bald; man hatte
nämlich von unserm Regiment das Gerücht, das uns vorausging, verbreitet,
daß es fast aus lauter wilden und barbarischen Völkern bestünde, die
nicht nur raubten und plünderten, sondern sogar die kleinen Kinder
wegfingen, wo sie deren habhaft werden könnten, um diese nach Umständen
roh, gebraten oder auch in einem Fricot zusammengehackt zu verzehren.
Solche Dinge glaubten die Einwohner in allem Ernst und fluchten dem
Napoleon, daß er solches Volk in Dienst nehme und ihnen zuschicke. Erst
nachdem ich hinlänglich beteuert hatte, daß ich kein Kinderfresser sei,
willigte man ein, mir die erwähnte Wohnung bei einem Herrn Croizet,
einem kleinen Rentier, der eine hübsche Frau hatte, zu vermieten.
Die alte Stadt liegt in einer reizenden, fast immer grünenden, etwas
abhängigen Ebene, an dem linken Ufer der Rhone, und ist von gelbbraunen
Mauern und Türmen, nach der alten Befestigungsart, umgeben. Hier findet
man sich schon ganz unter dem südlichen Himmelsstrich, wo Oliven und
andere Südpflanzen gedeihen, die meistens der tropischen Zone angehören;
der Himmel hat schon den italienischen Anstrich, und die immergrünen
Fluren sind mit Limonen-, Orangen- und Feigenbäumen bedeckt; die
herrliche Natur gibt in üppiger Fülle, was den Lebensgenuß versüßt, und
die bläulichen Wasser der Rhone strömen majestätisch wild dem nahen
Meere zu. Unvergleichlich und entzückend ist die Aussicht von dem hohen
Felsen, auf dem die alte Residenz der dreikronigen Priester steht, von
wo man die blühenden Gefilde der Rhone auf eine unabsehbare Weite
überschaut, die der Fluß zwischen romantischen Ufern durchströmt.
Besonders reizend ist die Aussicht gegen das malerische Tal von
Vauclüse, und nicht mit Unrecht wird diese Gegend als die schönste in
ganz Frankreich und als eine der anmutigsten Europas gepriesen.
Der alte päpstliche Palast ist eine auf hohen Felsen erbaute ungeheure
Steinmasse, einer Feste ähnlich, ein ungeheures Gebäude mit öden
Gemächern und Zimmern, fast alle hochgewölbt. In dem weitläufigen
Schloßhof stieß man allenthalben auf Schutt und Trümmer, und die
imposanten Ruinen ließen noch die Herrlichkeit längst vergangener Größe
bewundern. In den am besten erhaltenen Sälen, Kirchen, Kapellen und
Gewölben lagen jetzt unsere Soldaten, und an der Stelle, wo einst, dem
Donnergott gleich, die Oberpriester der Christenheit ihre Blitze über
das zu ihren Füßen liegende Avignon, gegen Venedig und Mailand,
Deutschland und Italien, gegen Kaiser und Könige schleuderten, an dieser
Stelle putzten jetzt Russen und Österreicher, Ungarn und Böhmen, in
französische Uniformen gesteckt, ihre Gewehre und Patronentaschen und
aßen mit hölzernen oder eisernen Löffeln ihre Menagesuppen. In den
Gemächern und Höfen, wo die Päpste die prächtigsten und glänzendsten
Feste mit üppiger Verschwendung gaben, wo einst die schöne Johanna von
Neapel als Gebieterin von Avignon mit einem zahlreichen Gefolge von
Kardinälen und Bischöfen, Rittern und Edelfrauen, in die kostbarsten und
reichsten Gewänder gekleidet, an der Seite ihres Gatten unter einem
Prachthimmel einzog und vom heiligen Vater in seiner ganzen Glorie
empfangen und bewillkommnet wurde, da ertönte jetzt das eintönige
Verlesen der barocksten russischen, deutschen, polnischen und böhmischen
Soldatennamen, und das düstere »_Qui vive!_« (»Wer da!«) der
Schildwachen des in Kasernen verwandelten Prunkpalastes, in dessen
weiten Räumen und Höfen das einsilbige Kommando der Unteroffiziere
widerhallte, die den exerzierenden Rekruten die Soldatenschule und
Handgriffe einbläuten.
Von einer uralten Brücke, die hier über die Rhone führte und von dem
wilden Strom zerstört wurde, sind nur noch einige Bogen mit einer
kleinen Kapelle übrig, sie hatte deren neunzehn. Im Mund des Volkes der
Umgegend ist folgende, sie betreffende Sage: Ein sehr frommer Schäfer
mit Namen Benedikt (Benezet in der dortigen Volkssprache) weidete eines
Tages seine Herden auf den Auen der Insel Bartelasse, wo ihm der heilige
Petrus erschien und ihm im Namen des Himmels befahl, die Bewohner
Avignons und der Umgegend aufzufordern, zum Besten der Pilger, die nach
Rom und Jerusalem wallfahrten, hier eine Brücke über den Strom zu bauen.
Er fand jedoch die Leute nicht sehr willfährig für sein Ansuchen,
obgleich er im Namen des Petrus sprach, das Unternehmen war zu schwierig
und zu kostspielig; Benedikt aber war beharrlich und hörte nicht auf,
das Volk aufzufordern, den Willen des Himmels zu erfüllen. Zuletzt
verlangte der Bischof, er solle seine Sendung durch irgendein Wunder
beweisen, und der Schäfer hob ein ungeheures Felsenstück, das wohl viele
Tausend Pfund wog, so leicht auf seinen Rücken, als sei es eine Feder,
trug es auf seinen Schultern eine große Strecke weit bis an den Fluß,
auf dessen Oberfläche er bis zur Mitte mit seiner schweren Bürde
schritt, ohne sich nur die Knöchel zu benetzen, und warf es dann mitten
in den Strom, sprechend: »Dies sei der erste Grundstein zu der neuen
Brücke.« Jetzt schrie alles Volk: »Mirakel!« und warf sich vor dem zum
Ufer zurückkehrenden Schäfer auf die Knie. Der Bau der Brücke ging jetzt
schnell vor sich und war in wenigen Jahren vollendet, Benezet aber ward
nach seinem Tode unter die Heiligen versetzt und ihm zu Ehren in der
Nähe der Brücke ein Kloster erbaut, dessen Mönche verpflichtet waren,
die ankommenden Pilger zu verpflegen, die Brücke zu unterhalten. Man
nannte sie deshalb _fratres pontifices_ (Brückenbrüder). -- Der Insel
gegenüber liegt Villeneuve, wo noch die Ruinen eines ehemals wegen
seiner Pracht und Größe berühmten Karthäuserklosters zu sehen sind,
sowie das alte Schloß St. André mit seinen ungeheuren Mauern und dicken
runden Türmen. Ludwig VIII. ließ diese starke Feste im dreizehnten
Jahrhundert auf dem Hügel erbauen, der die Stadt beherrscht. Im Innern
des Schlosses sind noch die Gebäude des ehemals so reichen
Benediktinerklosters vorhanden. Villeneuve war der Geburtsort unseres
Bataillonschefs Düret, der aus einer nicht sehr wohlhabenden Familie
stammte, die während der Schreckenszeit aus dieser Stadt ausgewandert
war. Nach mancherlei Schicksalen hatte er endlich zu Offenbach ein
Ruheplätzchen bei dem Fürsten Y. gefunden, der ihn zum Kommandanten
seines fünfzig Mann starken Heeres ernannte und bei der Formation des
Regiments Y. zum Bataillonschef beförderte. Düret galt viel beim Fürsten
und hatte ihn vermocht, beim Kriegsminister zu erbitten, daß das
Regiment, um sich völlig einzuexerzieren, eine kurze Zeit in Avignon
garnisonieren dürfe, was der Minister um so eher bewilligte, als er
dasselbe ohnehin schon zu diesem Zweck nach Montpellier auf einige
Monate bestimmt hatte. Also hatten wir es Dürets Eitelkeit zu verdanken,
der sich seinen Verwandten und Landsleuten, die er seit vierzehn Jahren
nicht gesehen, gerne an der Spitze seines Bataillons in glänzender
Uniform zu Pferde zeigen wollte, daß wir auf kurze Zeit in Avignon in
Garnison lagen, denn Montpellier war deswegen nicht aufgegeben. Ohne
diesen Umstand hätte das Regiment wahrscheinlich Avignon nicht oder doch
nur im Durchmarsch gesehen. Dafür mußten wir auch oft genug eine
militärische Promenade durch Villeneuve machen. Das Offizierkorps des
Regiments bestand, namentlich das des ersten Bataillons, meistens aus
zum Teil sehr hübschen jungen Männern, an denen die holden
Avignoneserinnen ihr Wohlgefallen zu haben schienen. Ich erinnere mich,
daß nach der ersten Militärmesse, die wir hatten, eine junge hübsche
Dame ganz außer sich zu meiner liebenswürdigen Wirtin ins Zimmer trat
und mehrmals ausrief: »_Oh le beau corps d'officiers, le beau corps
d'officiers!_« Schönheit war die beste Empfehlung bei dem Fürsten Y.,
und er hatte die meisten Offiziere aus diesem Beweggrund angestellt.
Bei Croizets, meinen Wirtsleuten, lebte ich unterdessen wie der Vogel im
Hanfsamen, und Madame Croizet war eine der liebenswürdigsten und
muntersten Damen der Stadt, die mich gleich Rousseaus Mama in ihren
besonderen Schutz nahm und in allem wahrhaft mütterlich für mich sorgen
wollte, aber kein sehr gehorsames Kind an mir fand. Da sie mit den
angesehensten Familien der Stadt bekannt und zum Teil verwandt war, so
bekam sie täglich Besuch von jungen hübschen Damen, denen sie mich
vorstellte und deren Bekanntschaft ich hierdurch machte. Da kein
Instrument im Haus war, so mietete ich ein Fortepiano, welches mir
Madame Croizet erlaubte, in ihren Salon zu stellen. Ich war somit
befugt, denselben zu jeder Stunde zu betreten. Herr Croizet, obgleich in
Avignon geboren, hatte eine gute Portion Phlegma, bei einer ziemlichen
Zahl von Jahren; er war Kaufmann gewesen, hatte sein Schäfchen ins
Trockene gebracht und ruhte, wenn auch nicht gerade im Überfluß und auf
Lorbeeren, so doch gemächlich auf seinem Errungenen aus. Ich schien ihm
noch viel zu jung und unerfahren, als daß er mich für gefährlich
gehalten hätte, und da er alle Nachmittage und die Abende bis elf Uhr in
den Kaffeehäusern meistens mit Dominospielen zubrachte, so hatten wir
völlig freies Spiel zu Hause. Der Dienst war nicht sehr beschwerlich;
außer dem Exerzieren und den militärischen Promenaden hatten wir fast
alle Zeit frei, und die Wachen kamen nur selten an mich.
Ein paar Tage nach unserer Ankunft hatte ich Briefe von meinen Eltern
mit Empfehlungsschreiben an das Haus Blavet _et frères_, von dem mein
Vater öfters französische Südweine bezogen, erhalten. Ich präsentierte
mich bei demselben und wurde mit der zuvorkommendsten Artigkeit
aufgenommen, erhielt häufige Einladungen zu Dejeuneurs, Diners und
_parties de Campagne_, lernte in diesem Haus die ganze _beau monde_ von
Avignon in ihrem Glanze kennen, und hatte auch bald, nach echt
französischer Art, ein halbes Dutzend Amouretten von mehr oder weniger
Bedeutung, mit mehr oder weniger Begünstigung. Madame Croizet war und
blieb mir jedoch lieb und wert, besonders solange ich noch nichts wie
einige Küsse im Vorübergehen von ihr erlangt hatte; um aber bald weiter
zu kommen, suchte ich die Eifersucht zu rechter Zeit in Bewegung zu
setzen, wozu mir ein besonderer Umstand günstig war, der mich zu dem
Ziele brachte, das ich durch Bitten und Stürmen noch nicht hatte
erreichen können. Eines Tages fand eine prächtige Prozession, ich weiß
nicht mehr zu Ehren welches Heiligen, statt, die an dem Haus Croizets
vorbeikam. Hier fanden sich viele Zuschauerinnen ein, um die
Feierlichkeit bequem mit ansehen zu können. Unter ihnen war auch eine
Cousine des Präfekten des Departements, ein charmantes Mädchen; dieser
hatte ich zwar schon einigemal den Hof gemacht, aber heute stellte ich
mich, als hätte ich nur Augen für sie, und dies setzte Madame Croizet in
üble, mir aber günstige Laune. Als die Vorläufer der Prozession ankamen,
wies Madame Croizet schnell jedem das Fenster an, durch welches er
schauen sollte; sie entführte mir meine Schöne, und zwar in den zweiten
Stock, und ich war somit von ihr getrennt. Sie selbst aber begab sich
mit noch mehreren älteren Damen in mein Zimmer, das ebenfalls drei auf
die Straße gehende Fenster hatte, da alle andern schon in Beschlag
genommen waren, stellte sich mit mir unter eine der Fensterhallen,
während die übrigen Damen die beiden andern zierten. -- Wohl, dachte
ich, diesmal wirst du mir nicht so ganz ungerupft davonkommen, denn
Aufsehen kannst du in dieser Lage nicht machen, Küsse und Umarmungen
hast du mir ja schon gewährt, und kannst keinen Eklat machen, also
frisch gewagt. -- Nachdem ich mich nun umgesehen und überzeugt hatte,
daß uns die andern, ebenfalls in den Fensterhallen stehend, nicht sahen
und alle ihre Aufmerksamkeit auf die sich nähernde Prozession gerichtet
hatten, schlang ich meinen linken Arm um ihre schlanke Taille, sie
fester und fester an mich drückend, und die Wangen der Dame glühten. --
Dies war mir für jetzt genug und ich flüsterte: »_A ce soir?_« -- Keine
Antwort. -- »_A quelle heure?_« -- Noch immer stumm. -- »_A onze heures
ou a minuit?_« -- Noch immer kein Laut. -- »_Mais pour l'amour de dieu
quand donc?_« -- Endlich ein: »_Laissez moi tranquille pour l'amour de
dieu!_« -- »Nicht eher bis ich weiß, wann?« -- »_Eh bien à minuit, mais
finissez donc!_« Jetzt nahm ich ihre Hand, drückte sie fest an meinen
Busen, und sagte, ich hoffe, daß sie Wort halten würde. Daß uns Herr
Croizet nicht im Wege stehe, wußte ich, denn er hatte sein besonderes
Schlafzimmer in einer höhern Etage. Aber der Zufall wollte, daß ich
nicht einmal so lange mehr auf die versprochene Schäferstunde warten
sollte, sondern diese mir denselben Nachmittag noch wurde. Als das ganze
Haus, bis auf Madame Croizet und ich, die wir allein zurückgeblieben
waren, von allen Bewohnern verlassen war, um der Kirchenfeierlichkeit
beizuwohnen, erlangte ich auf der Ottomane des Salons, was ich wünschte,
und erschöpft ruhten wir Arm in Arm, als uns das Klingeln der Haustüre
aufjagte und trennte, und die Zofen heimkamen. Denselben Abend brachte
ich bei Blavets zu, wo ich wieder die hübsche Cousine des Präfekten,
Amelie, traf, und fortsetzte, wo ich es am Morgen gelassen hatte. Daß
hier nicht viel zu erreichen war, wenn ich nicht ernstliche Absichten
blicken ließ, wozu ich ebensowenig Lust hatte, als Aussicht dazu
vorhanden gewesen, denn die nächste zu einer Heirat war wohl ein
Kapitänspatent in noch unabsehbarer Ferne, war mir bald klar, und ob ich
gleich ewige Liebe und Treue versicherte, wurde mir außer einem
verstohlenen Händedruck und einem Kuß zum Abschied nichts gereicht.
Dagegen war ich weit glücklicher bei einer allerliebsten Grisette, die
_vis-à-vis_ von mir wohnte, aber schon einen Liebhaber hatte. Wir
wechselten erst Blicke, dann Kußhände und endlich kleine Zettelchen, die
ich um einen kleinen Stein gewickelt in das offene Fenster gegenüber
warf. Es kam bald zu einem Rendezvous und zwar zuerst in der stillen
Franziskanerkirche, wo wir uns verständigten und spätere Zusammenkünfte
in der Wohnung einer ihrer Freundinnen verabredeten, die ich aber bald
wieder zu vermeiden für gut fand; nicht so das Mädchen, das diese
Intrige durchaus fortsetzen wollte, und es so auffallend machte, daß
nicht nur die Nachbarschaft und Madame Croizet das Verhältnis merkten,
sondern auch ihr Liebhaber Lunte roch und eifersüchtig ward. Ich war
dann abends mehr als einmal Ohrenzeuge von heftigen Szenen, die zwischen
beiden vorfielen, konnte aber wenig verstehen, da sie sich in dem Patois
Avignons, das schon ziemlich dem Provenzalischen gleicht, zankten; doch
merkte ich wohl, daß Madame Croizet das Feuer geschürt haben mußte;
jeder Streit endigte aber immer mit einer zärtlichen Versöhnung, nachdem
Annette, so hieß das Mädchen, ihrem Geliebten unerschütterliche Treue
und ewige Liebe geschworen hatte. Ich machte der Sache ein Ende, indem
ich Annetten ein kleines silbernes Körbchen, mit Orangenblüten gefüllt,
unter denen ein Billettchen verborgen war, zuschickte, in welchem ich
ihr den guten Rat erteilte, sich in Zukunft allein an ihren Liebhaber zu
halten, der sie auch ehelichen wolle. Mit Madame Croizet hatte ich aber
manchen Strauß deshalb zu bestehen, bis wir bald darauf an der Quelle zu
Vauclüse einen ewigen Frieden auf kurze Zeit schlossen.
Schon seit einiger Zeit hatte ich eine Partie nach Vauclüse
beabsichtigt, die jetzt zustande kam. Ich wußte es auch zu veranstalten,
daß Amelie an derselben teilnehmen konnte, damit wenigstens doch auch
eine Laura dabei war, denn meine Haustyrannin, das war Madame Croizet
wirklich geworden, konnte mir keine solche mehr sein; freilich war auch
ich nichts weniger als ein Petrarka. --
An einem Sonnabend fuhren wir fast mit Sonnenaufgang von Avignon ab. Von
der Partie war auch noch eine jüngere Schwester der Madame Croizet, eine
hübsche Witwe, die sonst nur selten in das Haus kam, und, wie ich später
erfuhr, die Geliebte des Präfekten war. Auf dem Wege durch die reizende
Gegend bis zum Städtchen l'Ile war Amelie mein Visavis im engen Wagen,
deren Knie zwischen die meinigen eingeengt, so daß ich sie bei jedem
Stoß über eine holprige Stelle zusammendrücken mußte und auch oft ohne
eine solche Veranlassung zusammendrückte, wobei die Blicke des holden
Mädchens jedesmal verlegen, sowie die der Dame Croizet, wenn sie etwas
bemerkte, finster und gewitterschwanger wurden. In l'Ile stiegen wir aus
und legten, nachdem wir vor dem Ort in dem Hotel, welches das
Aushängeschild >Petrarka und Laura< führt, ein gutes Diner für den Abend
bestellt hatten, den übrigen Teil des Weges durch das schöne und wilde
Felsental Valla Clausa zu Fuß zurück. Ungefähr eine Stunde von l'Ile
liegt das Dörfchen Vauclüse, das kaum ein Viertelhundert Häuser zählt.
Auf einem steil hervorstehenden überhängenden Felsen sieht man die
Ruinen eines alten Schlosses, das vor Zeiten der Familie von Sade
gehörte. Der Volksglaube hält es für Petrarkas Wohnung und nennt es mit
seinem Namen. Unter diesem Felsen liegt das Dörfchen Vauclüse, zu dem
man über eine hölzerne Brücke durch ein düsteres Felsengewölbe gelangt.
Eine Papiermühle, welche fast sämtliche Einwohner des Orts, kaum mehr
als hundert Seelen, ernährt, steht alten Nachforschungen zufolge an der
Stelle, wo Petrarkas kleines Wohnhaus war, sein zweiter Garten aber, den
er den transalpinischen Parnaß nannte, lag unfern der Quelle. Es war im
Jahre 1357, als sich der treffliche Dichter hier niederließ; seine
Wohnung erbaute er ungefähr 250 Schritte von dem Felsental entfernt;
hier war er mit seinen Büchern, den Musen, einem treuen Hund und zwei
Personen zu seiner Bedienung und Gesellschaft, allein, lebte seinen
Träumen, seiner Sehnsucht, seinen Phantasien, und nannte sich selbst
>den Eremiten von der Sorgue<. Als Schäfer gekleidet ging er auf den
Fischfang, pflückte Mandeln und Feigen, verschaffte sich so sein
Mittagsbrot und schrieb seine Lobrede auf die Einsamkeit, seine
Ansichten über das Mönchsleben, sein Gedicht über Scipio, seine _fastes
de Romae_ und so weiter, führte dabei ein beschauliches Leben und
schilderte in seinen Briefen die reizende Einsamkeit desselben mit den
verführerischsten Farben. Seine Laura sah er hier nie, sondern klagte
nur den Felsen der Valchiusa, in deren Echo seine Seufzer widerhallten,
sein Sehnen und seine Leiden; doch hatte er eine Gesellschafterin bei
sich.
Gerne hätte ich mit Laura-Amelie diese wilden und manchmal gefährlichen
Partien, wo der Dichter so sinnig schwärmte und dichtete, allein
besucht, aber meine gefällige Hauswirtin ließ mich nicht außer Augen,
sondern wußte es so einzurichten, daß wir uns nicht allein sprechen
konnten. Unter dem Vorwand, mir noch eine ganz besondere Schönheit
zeigen zu wollen, führte sie mich den jähen Felsenpfad hinauf, der zu
der schauerlichsten Einsamkeit führt, und wollte mir hier eine strenge
Strafpredigt über meine Unbeständigkeit, Treulosigkeit und Gott weiß was
noch alles halten, aber ich hielt es für das beste, den obgleich
zürnenden doch liebenswürdigen Mund mit Küssen zu schließen und den
Friedenstraktat, wenn auch nicht mit der Feder, zu unterzeichnen,
versprach was man begehrte, und hielt was ich versprochen bis zur --
Heimfahrt, wo schützende Finsternis wieder eine kleine Untreue
begünstigte. Nachdem die Gesellschaft lange genug geschwärmt, gekost und
mitunter auch geküßt hatte, kehrten wir nach Vauclüse und von da nach
l'Ile zurück, um das beorderte Mahl einzunehmen, dessen
Hauptbestandteile köstliche Forellen und noch trefflichere Aale
ausmachten, würzten dasselbe mit Eremitagewein, Scherzen und Lachen, und
besuchten noch die Kirche zu l'Ile, in welcher Petrarka zum erstenmal
seine Laura gesehen und das ihn verzehrende Feuer gefangen hatte, das er
nicht zu löschen verstand. -- Die Heimfahrt war nicht minder angenehm
als die Hinfahrt, und trotzdem es Madame Croizet so einzurichten wußte,
daß Amelie nicht mehr mein Visavis, sondern in der andern Ecke des
Wagens war, während sie selbst mir gegenüber saß, so hatte sie ihre
eigne, mir nicht minder gefährliche Schwester, der ich ohnehin schon
Fleuretten genug erzählt hatte, neben mich placiert. -- Mit
stockfinsterer Nacht kamen wir zu Hause an, uns alle nach Ruhe sehnend.
Am andern Morgen wurde ich durch eine unangenehme Geschichte aus dem
besten Schlaf in aller Frühe geweckt. Ich hatte einen ältern Soldaten
von der Kompagnie, namens Roß, zu meiner Bedienung genommen, eine
ehrliche Haut, die sich aber von Zeit zu Zeit dem Trunke ergab, wie die
große Mehrzahl des Regiments, eine Leidenschaft, welche die Leute in
Avignon um so leichter befriedigen konnten, als eine Flasche starker
dicker roter Wein nur zwei Sous kostete. An den Zahlungstagen wurde dann
auch das Regiment immer in den Kasernen konsigniert, denn die Russen,
Polen, Böhmen und so weiter tranken sich toll und voll, begingen Exzesse
aller Art und wälzten sich zum Skandal der Einwohner in den Gossen
herum. Roß hatte sich den Tag, da ich zu Vauclüse war, mit einigen
Kameraden einen tüchtigen Zopf getrunken, und sie wußten dann nichts
Besseres zu tun, als in einer Schenke mehr denn dreißig große
umflochtene Korbflaschen, wie man sie in jener Gegend hat, und von denen
eine jede über fünfzig gewöhnliche Flaschen hält, in toller Vollwut mit
ihren Säbeln zusammenzuhauen, so daß man bald bis an die Knöchel in der
Schenke im Wein watete. Dabei schrien und schimpften die Kerls wie
besessen über die _f..._ Franzosky, wie sie sie nannten. Der Wirt aber,
der den Skandal nicht hatte verhindern können, war zum Platzkommandanten
gelaufen, um Hilfe zu suchen, die er auch sogleich erhielt, indem starke
Wachtpatrouillen abgesandt wurden, die Trunkenbolde zu verhaften und in
das militärische Gefängnis abzuführen. Der Schaden wurde auf über
hundertfünfzig Franken angeschlagen, und die Burschen, die ihn nicht
ersetzen konnten, sollten auf das strengste bestraft werden. Roß hatte
seinen Helfershelfern, nachdem er wieder nüchtern geworden war, erzählt,
daß ich ihn öfters an die Ecke der Gasse, wo ich wohne, als Lauerposten
aufgestellt habe, um mich beizeiten zu benachrichtigen, wenn der
Hausherr käme, mit dessen Frau ich mich einstweilen amüsiere. Nun
meinten seine Sauf- und jetzt Leidensbrüder: wenn dem so ist, so muß
dein Kadett auch die Zeche bezahlen, sonst soll ihn der Teufel holen.
Sie schickten hierauf einen Boten mit der Bitte an mich ab, ich möge
doch den Wirt befriedigen, das hätte Roß durch sein Schildwachestehen
wohl an mir verdient. Der Abgesandte stieß unglücklicherweise zuerst auf
Herrn Croizet, den er nicht kannte, ließ sich mit ihm, da er etwas
Französisch verstand, in ein Gespräch ein, und letzterer lockte so von
dem dummen Teufel halb und halb den Grund heraus, warum die saubern
Patrone diese Forderung an mich machten. Er führte ihn nun zu mir, der
ich noch in den Federn lag. Ich ließ den Burschen sagen, daß ich die
Sache zu arrangieren suchen würde, begab mich auch vor der Parade zum
Wirt, wo der Skandal vorgefallen war, und fand mich mit diesem für eine
runde Summe ab, die ich zu bezahlen versprach, wenn der Mann dagegen die
Sache bei dem Platzkommandanten so abmachen würde, daß die Delinquenten
wenigstens mit einem blauen Auge, das heißt mit einigen Tagen Arrest
davonkämen. Der Wirt brachte es in der Tat dahin, daß die Leute dem
Regiment zu einer Disziplinarstrafe überlassen wurden, und ich zahlte
ihm dann neunzig Franken aus, mit denen er zufrieden war, da er sonst
gar nichts erhalten haben würde; somit war von der einen Seite die Sache
abgemacht, aber nicht so von der andern. Croizet war jetzt argwöhnisch
geworden und wollte sich von dem Grund der Aussagen des Soldaten und
seines Verdachts überzeugen. Ich hatte mit Madame Croizet, ihrer
Schwester und dem Kadetten Roger, der mich öfters besuchte und mit von
der Vauclüse-Partie gewesen war, abgemacht, daß wir uns den kommenden
Abend alle vier verkleiden, die beiden Damen nämlich Uniformen von uns
und wir Kleider von den Damen anziehen, und so eine Abendpromenade in
den Straßen der Stadt machen wollten. Croizet hatte das Haus wie
gewöhnlich verlassen, wir waren mit der Toilette der Damen, die uns
schon in Weiberkleider gesteckt, beschäftigt, zogen ihnen die Uniformen
unter Lachen und Schäkern an, und eben machte ich der Madame Croizet die
Brusthaken zu, als sich plötzlich die Türe ihres Schlafzimmers, denn
dieses hatten wir zu unserm Ankleidezimmer gewählt, öffnete und Herr
Croizet mit grimmiger Gebärde hereinstürzte. Er war durch ein
Hinterpförtchen des Hauses, zu dem er allein die Schlüssel hatte,
heimlich zurückgekehrt, während das Kammermädchen der Madame Croizet im
Salon am offenen Fenster aufpaßte, daß uns niemand überrasche. Zum Glück
lag mein Degen in der Nähe, den ich bei des Mannes unvermutetem
Erscheinen schnell ergriff, und setzte mich in eine defensive Positur.
Herr Croizet aber wandte sich nur an seine uniformierte Gattin, die er
eben nicht mit den feinsten Epitheten anredete und bedrohte; aber die
Schwester, die, wie es schien, viel Gewalt über ihn hatte, warf sich
sogleich zwischen beide, indem sie dem aufgebrachten Ehemann
versicherte, daß ja das Ganze nur ein durchaus unschuldiger Scherz sei,
und er sich doch nicht durch eine wirklich unbegründete Eifersucht
lächerlich machen solle, es sei in ihrer Gegenwart auch nicht das
mindeste Unanständige vorgefallen und so weiter; wir alle machten Chorus
mit der jungen Witwe und überschrien den Mann so sehr, daß er gar nicht
mehr zu Wort kommen konnte; er wendete jedoch dagegen ein, was er von
dem Soldaten herausgebracht, es war mir aber ein Leichtes, ihm glauben
zu machen, er habe den Burschen ganz mißverstanden, der zu allem, was
man ihn frage, sein »_Oui_« sage, und es gelang unsern vereinten
Kräften, nicht nur den ehrlichen Ehemann völlig zu besänftigen, sondern
sogar zu bereden, mit von der Partie und des jungen Rogers, der ein sehr
hübsches unbärtiges Gesicht hatte, Ehrenkavalier zu sein, während ich
mich von den beiden weiblichen Kadetten, die mich in die Mitte nahmen,
führen ließ; so traten wir munter unsere Promenade an, kehrten in einem
eleganten Kaffeehaus auf dem großen Platz ein, wo wir uns Eis geben
ließen, und alles lief auf das beste ab.
Zwei Tage nach dieser Begebenheit erhielt das Regiment Ordre, nach
Montpellier zu marschieren; ich nahm Abschied von allen meinen Lieben,
ließ mir noch eine Summe bei Blavet _et frères_ auszahlen, denn ich
hatte ziemlich große Depensen in Avignon gemacht, und marschierte in
aller Frühe um sechs Uhr mit dem Bataillon ab, da ich keine Quartiere
mehr machte, seit wir einen französischen Fourier bei der Kompagnie
hatten. Manche jetzt verlassene Schöne sah hinter ihren Gardinen wohl
mit Tränen in den Augen das Regiment dahinziehen, das sie anfangs
gefürchtet und später gerne gesehen hatte.
Nur vier Etappen waren es von Avignon nach Montpellier, wovon die erste
nach Tarascon lautete. Tarascon mag ungefähr zehntausend Einwohner
zählen, die jedoch ein bitterböses und händelsüchtiges Volk sind, wie
alle niederen Klassen in der Provence und Languedoc, und uns während
unserm vierundzwanzigstündigen Aufenthalt einen Beweis lieferten, wie
sehr sie ihren guten Ruf verdienen, indem sie beinahe unsere Wache
steinigten, wozu aber das einfältige Benehmen des dieselbe
kommandierenden Offiziers Veranlassung gab. Als die Avantgarde des
Bataillons ankam, welche jedesmal die Wache in der Etappenstadt bildete,
in die man einmarschiert, versammelte sich sogleich ein Haufen Volk vor
dem Wachthaus und musterte die Angekommenen mit neugierigen Blicken;
auch sie hatten schon viel von den Wundertieren, aus denen das Regiment
bestehen solle, gehört, und besahen sich die ungewöhnlichen Uniformen
mit ziemlicher Zudringlichkeit. Den kommandierenden Unterleutnant, einen
gewissen Buchwald, ein kleines, unansehnliches Männchen, das früher ich
weiß nicht bei welchem deutschen Duodezfürsten in Diensten gestanden,
verdroß dieses Begaffen, und noch von dem deutschen Zopfdünkel
besessen, befahl er der Schildwache vor dem Gewehr, die Leute
auseinanderzutreiben. Der Posten, ein Österreicher, und von seinem
frühern Dienst ebenfalls gewöhnt, alles, was nicht Uniform trage, müsse
man als Bauer verachten, sich noch in Prag oder Olmütz in Garnison
glaubend, war nicht faul und wollte die Haufen mit dem Kolben
auseinanderjagen, dabei auf gut böhmisch fluchend; das Volk jedoch,
statt sich zu entfernen, fing an zu lachen, der Leutnant wurde erbost
und rief dem Soldaten zu: »Stoß zu auf das Lumpenpack!« Aber noch ehe
der Mann einen Stoß hatte anbringen können, war er auch schon beim
Kragen gepackt und ihm das Gewehr abgenommen. Der Leutnant zog jetzt den
Degen und rief der übrigen Mannschaft, einigen zwanzig, zu, unter das
Gewehr zu treten, aber auch dazu ließen es die wütend gewordenen
Tarasconer nicht kommen, sondern hatten in einem Nu die Wache erstürmt,
und ein starker stämmiger Provenzale faßte den kleinen Buchwald, der
wenig mehr französisch als die Worte _b... f..._ hervorzubringen
vermochte, um den Leib und hob ihn samt seinem Degen hoch in die Luft,
so daß die kleine Figur mit Armen und Beinen, den Degen hoch in der Hand
haltend, in der Luft zappelte, was so possierlich anzusehen war, daß die
ganze Menge und namentlich die Weiber in ein schallendes Gelächter und
lautes Applaudieren ausbrachen, wodurch gewiß größeres Unheil verhindert
wurde. Der provenzale Herkules setzte endlich das Männlein wieder auf
den Boden und ließ ihn laufen. Glücklicherweise rückte jetzt gerade das
Bataillon ein, und als Düret von dem unglücklichen Wachtkommandanten
erfahren hatte, was vorgefallen, geriet er so sehr in Zorn, daß er ihn
sogleich in strengen Arrest schickte, nachdem er ihn abwechselnd bald
deutsch, bald französisch vor der Front heruntergeputzt. Es wurde nun
eine andere Wache dahin kommandiert, und da sich die Haufen Volks noch
immer mehrten, so kam der Maire mit seiner dreifarbigen Schärpe und
forderte sie auf, auseinanderzugehen was sie auch befolgten. Aber Düret
war hiermit nicht zufrieden, ließ durch alle Straßen patrouillieren,
verdoppelte die Wache und verlangte vom Maire, daß er die Schuldigen
bestrafen und dem Bataillon Satisfaktion geben solle. Dieser machte
jedoch Schwierigkeiten und erklärte, daß, wenn sich die Truppen an den
Einwohnern vergreifen würden, er für nichts stehen könne, und diese
gewiß sogleich das Tocsin (die Sturmglocke) läuten und die Landleute
herbeiziehen würden. Man ließ jetzt die fatale Sache, welche auch den
beiden uns folgenden Bataillonen keinen sehr angenehmen Empfang zu
Tarascon bereitete, auf sich beruhen. Ich führte eine der Streifwachen
an, und wenn ich an einen dichten Haufen kam, wo nicht gut durchzukommen
war, so sagte ich laut: »_Messieurs, de la place s'il vous plait!_«,
worauf man mir höflich die Gassen öffnete und mich ungehindert und
ungeneckt mit meinen Leuten durchließ. Buchwald aber machte die Sache so
viel Verdrießlichkeiten, daß er bald darauf das Regiment quittierte, um
anderwärts ein Unterkommen zu suchen.
Tarascon hat ein schönes altes Schloß, das die Einwohner die Burg des
Königs René nennen, der sich öfters in dieser Stadt aufhielt. Es war
aber die Residenz der alten Grafen der Provence; es ist von gotischer
Bauart und dient jetzt zum Gefängnis; von seinen Mauern hat man eine
herrliche Aussicht in die unabsehbaren Ebenen von Languedoc. Unter dem
König René fand hier ein sehr sonderbares Tournier statt, welches man
das Schäfertournier nannte, weil die demselben beiwohnenden Ritter auf
ihren herrlichen Tournierhengsten, ganz geharnischt und die Helme mit
purpurroten Federn geschmückt, nebst ihren Waffen auch einen
Schäferrock, eine Schäferschippe, eine Sackpfeife oder Flöte und ein
Brotkörbchen nebst einer Wasserflasche bei sich führten. Die Preise
wurden dem Sieger von einer als Schäferin gekleideten Dame, die auf
einem von zwei Edelknaben geführten und mit Goldstoff bedeckten Zelter
ritt, und der voran eine ganze Herde Schafe ging, ausgeteilt. Ihr grünes
Schäferhütchen war mit Wiesenblumen geschmückt und ihr Schäferstab war
von Silber, auch sie hatte ein Brotkörbchen und ein Wasserfläschchen am
Gürtel hängen. Während man tournierte, saß sie in einer Blumenlaube auf
erhöhtem Sitz. Der Preis, den sie auszuteilen hatte, bestand in einem
Kuß und Blumenstrauß an goldenen Stengeln. Rechts von ihr saß der König
René und seine Gattin auf einer rot ausgeschlagenen Tribüne, hinter
ihnen deren Gefolge, und links von ihr saßen die Kampfrichter. Einer der
Ritter-Schäfer, der den Preis erhielt, um den er lange verzweifelt
gekämpft, begnügte sich mit dem Kuß und zierte unter dem donnernden
Beifall der ganzen Versammlung die hübsche Schäferin mit den Blumen an
goldenen Stengeln.
Zu Tarascon war auch der Hauptsitz der provenzalischen Galanterie und
Minne, hier wurden manche Liebeshöfe abgehalten und prächtige Feste
gefeiert, und fast alle Troubadoure und Dichter der Provence haben die
Schlösser von Tarascon und Beaucaire, denn auch diese Stadt hatte eine
berühmte Burg, durch ihre Gesänge verherrlicht. Das Schloß von Tarascon
hat noch große unterirdische Gewölbe und ungeheure Hallen und Säle; von
seinen Zinnen und Türmen sprangen einst über fünfzig Gefangene in die
unten vorbeifließende Rhone hinab, lauter Engländer, von denen die
meisten in den Wellen ertranken, während sich mehrere durch Schwimmen
retteten. Der Gouverneur ließ nun auf allen Mauern zweischneidige
Schwerter, Sensen und Spieße befestigen, damit man nicht mehr versuchen
möge, sich auf diese Weise in Freiheit zu setzen.
Den zweiten Pfingstfeiertag wird hier ein seltsames Fest gefeiert; man
führt nämlich ein großes Ungeheuer, von Holz verfertigt, das man _la
Tarasque_ nennt, in den Straßen der Stadt umher und läßt es die Leute
niederwerfen und nicht selten beschädigen. Diese Art von Prozession
geschieht zum Andenken an einen Wasserdrachen, der in uralten Zeiten die
Schiffe in der Rhone umwarf, die Schiffer verschlang oder zerriß, selbst
in die Straßen von Tarascon drang, und was ihm an Menschen begegnete,
raubte und auffraß. -- Unter Nero, so erzählt die Sage, zogen bewaffnete
Kohorten gegen das Ungetüm aus, aber dieses verschlang alles samt Schild
und Speer, die Ufer des Stromes waren mit Menschenknochen besät, und es
war nahe daran, daß alle Einwohner die Stadt auf immer verlassen
wollten, um sich ein anderes Vaterland, wo sie vor dem Drachen in
Sicherheit wären, zu suchen; da kam plötzlich eine schön geschmückte
Barke den Strom herabgefahren, in der ein wunderschönes Frauenbild saß,
das eine ehrwürdige männliche Gestalt begleitete. Die Jungfrau landete
in der Nähe der Höhle, in welcher sich der Drache aufhielt, der, als er
sie erblickte, sich winselnd zu ihren Füßen wand und geduldig litt, daß
sie ein Band um seinen schuppigen Hals befestigte. Dann aber folgte er
ihr zitternd. Sie führte das Ungetüm mitten auf den Markt der Stadt
Tarascon und befahl den staunenden Einwohnern, es zu erschlagen, was sie
auch sogleich taten. Jetzt hielt der Begleiter der Jungfrau eine Predigt
an das Volk, um es zum Christentum zu bekehren, denn es waren noch eitel
Heiden, und brachte eine solche Wirkung hervor, daß sich sogleich alle
und ohne Ausnahme taufen ließen. Die Retterin war niemand anders als die
heilige Martha selbst gewesen, und ihr Begleiter war ihr Bruder Lazarus,
der erste christliche Bischof in jenem Land. Der hölzerne Drachen, den
man jetzt noch alljährlich am Pfingstfest und auch am Festtag der
heiligen Martha herumführt und den Tarasque nennt, hat ungefähr die
Gestalt einer Riesenschildkröte, die langgeschwänzt ist, und ist ein von
hellgrüner, mit goldenen Schuppen bemalter Wachsleinewand überzogenes
hölzernes Gerippe, unter dem acht junge Burschen stecken, die es
sechzehnfüßig machen, leiten und lenken, und mit ihm sich gewandt
drehend, unter die dichtesten Haufen der Zuschauer rennen, sie zu
Dutzenden niederwerfen, und mit dem Drachenschwanz so derb schlagen, daß
alle schreiend davonlaufen. Zugleich speit das Ungetüm aus dem Rachen
und den Nasenlöchern Feuer und schleudert Schwärmer unter die Menge. Am
Festtag der heiligen Martha wird das Ungeheuer von einem jungen
weißgekleideten Mädchen an einem langen Bande geführt, wo es sehr
friedfertig ist, und wird zuletzt in die Kirche der heiligen Martha
gebracht, in der sich auch deren schönes Grabmal von Marmor befindet,
auf dem sie liegend dargestellt ist; hier leitet man es in das Chor, wo
es ein Priester mit Weihwasser besprengt, worauf es leblos niederstürzt,
und in dieser Kirche wieder bis zur nächsten Prozession aufbewahrt wird.
In der Revolution hatte man es zerschlagen, aber nach der
Wiedereinführung der christlichen Religion wurde auch ein neuer Tarasque
verfertigt, und das Volk begrüßte mit Jubel und Freudengeschrei die
Wiederauflebung seines alten Drachens.
Von dem uns so unfreundlichen Tarascon marschierten wir nach dem durch
seine berühmten römischen Denkmäler berühmten Nimes.
Da hier die Einwohner in einem gewissen Wohlstand waren, so fanden sie
sich meistens mit den Soldaten, die Quartierbillette auf sie hatten,
durch Geld ab und zahlten drei bis sechs Franken per Mann für das
Billett; so kam es, daß beinahe die Hälfte des Bataillons während der
Nacht auf den Straßen kampierte. Nachdem die Leute das erhaltene Geld in
den Wirtshäusern verzehrt, sich größtenteils betrunken hatten,
schlenderten sie lärmend in der Stadt umher, machten auch hie und da
einige Exzesse, bis sie endlich unter freiem Himmel, den Tornister statt
Kissen unter dem Kopf, einschliefen. Der Bataillonschef gab den andern
Tag eine strenge Ordre, durch welche er bei namhafter Strafe den
Soldaten das Verkaufen ihrer Quartierbilletts untersagte, um künftig
ähnlichen Unordnungen zu steuern, was den Leuten eben nicht behagte.
Denn in den Quartieren im Innern von Frankreich hatten sie außer der
Schlafstelle auf nichts als Kochsalz und Licht Anspruch zu machen, und
das geringste, was man ihnen dafür gab, waren doch immer dreißig Sous,
wofür sie viel essen und noch weit mehr trinken konnten. -- Ich hatte
wieder das Glück, zu einer hübschen jungen Frau ins Quartier zu kommen,
deren Ehemann ihr jedoch, solange ich da war, nicht von der Seite wich,
ergo war jeder Versuch unmöglich.
Den vierten Tag nach unserm Ausmarsch von Avignon rückten wir in unserer
neuen Garnison Montpellier ein. Je näher wir dieser Stadt kamen, desto
angenehmer wurde die hier im allgemeinem sehr kahle Gegend mit fast
kreideweißem Erdreich, welcher die vielen graugrünen Olivenbäume zwar
ein sehr friedliches, aber auch totes Ansehen geben; auch um Montpellier
sieht man außer Granat-, Pomeranzen-, Maulbeer-, Feigen-, Mandel-,
Cypressenbäumen und Weinstöcken wenig andere Bäume und Gebüsch. Die
Stadt liegt in einer der fruchtbarsten Ebenen von Südfrankreich, ist von
hübschen Landhäusern umgeben und an einem Hügel amphitheatralisch
erbaut, was ihr ein großartiges Ansehen gibt. Aber im Innern ist sie
schlecht gebaut und hat meistens sehr enge und winklige Straßen und
wenig freie Plätze; demungeachtet hat sie eine sehr gesunde Lage und
Luft. Sie ist die Hauptstadt des Departements Herault, Sitz einer
Präfektur, und zählt vierzigtausend Einwohner; ihre Entstehung ist
neuerer Zeit; im elften Jahrhundert stand hier noch ein Flecken, den man
_Mons puellarum_ (junger Mädchenberg) nannte, weil er, wie die Sage
will, an der Stelle lag, wo sich früher eine Einsiedelei befand, in
welcher zwei sehr junge und wunderschöne Jungfrauen, die sich Gott
geweiht, als Eremitinnen lebten.
Wir marschierten gleich auf die Esplanade, einen schönen, großen, mit
Bäumen besetzten Platz, der zwischen der Stadt und der von Ludwig XIII.
als Zwinger für die Protestanten erbauten Zitadelle liegt. Das Bataillon
wurde in den prächtigen und sehr geräumigen Kasernen untergebracht, in
denen die drei Bataillone des Regiments, die sich in wenig Tagen hier
wieder vereint fanden, hinlänglich Raum hatten.