XI.

Die Garnison zu Toul. -- Ich werde Kadett-Sergeant. -- Schlechte

Administration und Organisation des Regiments. -- Schlimmer Ruf

desselben. -- Aufstand wegen des Handgeldes. -- Deutsches und

französisches Liebhabertheater. -- Nancy. -- Eine Entführung. --

Ich werde Vorleser beim Fürsten und erhalte Arrest. -- Ein Duell

im Mondschein. -- Eine Klopffechterei. -- Abmarsch nach Avignon.

Den Tag nach meiner Ankunft zu Toul meldete ich mich bei dem

Regimentschef, dem Fürsten Y., der seine Residenz in dem ehemaligen

bischöflichen Palast aufgeschlagen hatte und mich äußerst gnädig

empfing. Ich mußte ihm alle Details über die Führung meines Transports

wiederholen, und Seine Durchlaucht geruhten sich über den Vorfall zu

Metz beinahe halb totlachen zu wollen und meinten, der Inspekteur

daselbst habe gut sagen, daß der Quartier-Maitre denselben einem

gedienten und erfahrenen Unteroffizier hätte übergeben sollen, da in

Mainz kein solcher dem Regiment angehöriger mehr vorhanden gewesen. Der

Fürst teilte mir nun noch mit, daß er Kadetten kreieren und bei jeder

Kompagnie zwei einstellen werde, wobei er so gnädig war, mich sogleich

zu einem solchen zu ernennen, sowie mir den Grad als Sergeant zu

erteilen, da sich der eines Fouriers wegen der Komptabilität nicht gut

für mich schicke, ich möge mich nur jetzt mit dem Dienst recht

befreunden, dann werde mein Avancement zum Offizier nicht lange auf sich

warten lassen, und damit war ich allergnädigst verabschiedet. Ich

befolgte den mir gegebenen Rat, studierte fleißig das französische

Dienstreglement sowie die Soldaten-, Peloton- und Bataillonsschule und

tat bald meine erste Wache an der Porte-Royal.

Toul, das alte _Tullum Leucorum_, zur Zeit der Römer die Hauptstadt der

_Leuci_, ist eine Festung vierten Ranges, deren schlecht unterhaltene

Werke einem Feind, der es ernstlich meint, nicht lange widerstehen

würden. Die Wälle sind so niedrig, daß viele Rekruten des Regiments, das

in der Stadt konsigniert war, von denselben herab und in die trockenen

Gräben sprangen, um zu desertieren, weshalb die Unteroffiziere während

der Nacht mit scharfgeladenen Gewehren um dieselben von außen

patrouillieren mußten.

Es wurde nun den ganzen Tag auf den Plätzen vor den Kasernen exerziert,

den Leuten die Handgriffe der französischen Waffen beigebracht und

sodann marschiert. Dies ewige geisttötende Einerlei war mir bald in

hohem Grad zuwider: Gewehr auf, Gewehr ab, rechts und links in die

Flanken, rechtsum kehrt euch, Ladung in zwölf Tempi und achtzehn

Bewegungen, die Stellung, der Gänsemarsch usw. usw. waren drei bis vier

Stunden vor- und ebenso viel nachmittags die geistreiche Beschäftigung,

die mir und allen andern zuteil ward. Der Fürst hatte deutsches

Kommando, aus dem Französischen übersetzt, eingeführt, weil er

behauptete, es sei ein deutsches Regiment, obgleich fast mehr Russen,

Polen, Ungarn, Böhmen als Deutsche bei demselben waren und ich hier alle

Gelegenheit hatte, eine göttliche Geduld auf die Probe zu stellen, um

mich bei dem Einexerzieren dieser Burschen mehr durch Mienen und Gesten,

als durch Worte verständlich zu machen. Was aber noch schlimmer als das

deutsche Kommando, war, daß man auch deutsche Prügelei bei dem Regiment

einführte, und zwar auf den Rat mehrerer Offiziere, die früher in

österreichischen, preußischen und andern deutschen Diensten gestanden

hatten und behaupteten, die Disziplin bei dem Regiment sei durchaus nur

vermittelst deutscher Prügel zu erhalten, und diese wurden auch bald

häufig genug zu Portionen à fünfundzwanzig, fünfzig und hundert, je

nachdem die Vergehen waren, mit großer Freigebigkeit durch ehemalige

österreichische Korporale, die am besten damit umzugehen verstanden,

erteilt. Dieses Verfahren hatte zwei wesentliche Nachteile für das

Regiment: zum ersten wurde dadurch alles Ehrgefühl bei den Soldaten

erstickt, und zum andern wurde das Regiment von den französischen

Truppen, mit denen es im Feld oder in Garnison zusammenkam, deshalb mit

großer Verachtung angesehen und den Offizieren desselben nicht selten

von den Offizieren französischer und sogar italienischer Regimenter

diese Prügelei vorgeworfen, wodurch es dann natürlich zu Händeln kommen

mußte. Sicher ist es, daß _salle de police_ und _salle de discipline_,

wie es die französischen Reglements vorschreiben, dieselbe und wohl noch

weit bessere Wirkung gehabt hätten, denn der rohe Russe, Böhme und Ungar

fürchten weit mehr Einsperrung, wenn auch nur auf wenige Tage, als eine

Tracht Prügel, die sie bald verschmerzen. Aber alle Vorstellungen

einiger vernünftigerer Offiziere halfen nichts und konnten bei dem

Fürsten nicht durchdringen, es blieb halt bei den Prügeln. Freilich

bestand jetzt das Regiment schon aus beinahe dreitausend Mann

zusammengerafftem Gesindel aus allen Weltgegenden, und Diebstähle und

Exzesse aller Art wurden täglich in Masse begangen, aber durch das

Prügeln wurde es um kein Haar besser, eher schlimmer. Leider war auch

ein Teil des Offizierkorps nicht viel besser als die Soldaten. Da waren

bankerotte Kaufleute, gescheiterte Gastwirte, die mit dem, was sie aus

dem Schiffbruch gerettet, den sehr einflußreichen Kammerdiener des

Fürsten und einige andere seiner Umgebung durch Präsente bestochen und

sogar den Grad eines Kapitäns erhalten hatten; auch verunglückte

Advokaten, Professoren, abgesetzte Richter, Bürgermeister, französische

Schauspieler und Gott weiß was alles für Schiffbrüchige aus allen

Ständen, hatten da einen Anker der Rettung, zum Teil auch als Feldwebel

und Fouriere, gesucht und gefunden, bis sich nach und nach das

Offizierkorps wieder reinigte und durch den Gärungsprozeß von dem

Untauglichen befreite. Auf dem Exerzierplatz hörte man in allen Sprachen

reden, radebrechen und fluchen, und es war gewiß nicht eine Nation

Europas, mit Ausnahme der türkischen, die nicht ihre Repräsentanten bei

diesem Regiment gehabt hätte. Raufereien, Desertionen, Diebstähle und

andere Exzesse waren so sehr an der Tagesordnung, daß die Rückseite der

täglichen Kompagnie-Rapporte ganz damit, sowie die Gefängnisse und

Arresthäuser mit Delinquenten vom Regiment angefüllt waren. Besonders

waren es auch die Unteroffiziere, zu denen man trotz des Verbots viele

Franzosen, und zwar solche Subjekte genommen hatte, die aus

französischen Regimentern wegen schlechter Streiche fortgejagt oder

desertiert waren, die nächtlichen Unfug in den Wirtshäusern und auf den

Straßen begingen. Die Folgen von all diesem waren, daß das Regiment bald

eine sehr traurige Berühmtheit erlangte, auf Märschen und in Garnisonen,

wo ihm ein schrecklicher Ruf voranging, gefürchtet, von den

französischen Truppen verachtet wurde, und vor dem Feind wenig

zuverlässig war. Aber an all diesen Dingen war nicht sowohl die

schlechte Zusammensetzung, als vielmehr die noch schlechtere oder doch

ebenso schlechte Führung desselben schuld. In keiner Beziehung hatte man

den Angeworbenen Wort gehalten, namentlich wurde ihnen das versprochene

Handgeld nie ausgezahlt, und dies gaben die meisten der

wiedereingefangenen Deserteure, sowie viel derer, die einen Diebstahl

begangen, als den Grund ihres Vergehens an; viele hatten nur gewartet,

bis sie mit Schuhen, Hemden und Kapotten versehen waren, um sich wieder

davonzumachen. Hierzu kam noch der Kontrast der Behandlung im Vergleich

mit den französischen Truppen; in Toul lag das Depot eines

Linienregiments, das sich einer äußerst humanen Begegnung von seiten der

Vorgesetzten zu erfreuen hatte. In dem französischen Heer war damals ein

sehr menschenfreundliches Benehmen der Höhern gegen die Niedern

vorherrschend, wodurch die Untergebenen eine aufrichtige Zuneigung zu

ihren Vorgesetzten faßten, und dies ging durch alle Grade durch. Dies

bildete einen grellen Kontrast mit der sklavischen und zum Teil

barbarischen Behandlung, die noch bei den deutschen Truppen beliebt war.

Ein Lieblingsausdruck der deutschen Offiziere und Unteroffiziere gegen

den Untergebenen, der eine, wenn auch noch so bescheidene Einwendung

vorbrachte, war in der Regel: »Was will der Kerl noch räsonieren, ich

lasse ihn hauen, daß ihm die Schwarte kracht, oder krummschließen, daß

er die Schwerenot kriegt« usw. Freilich hätte es sehr schlimm um jene

Heere gestanden, wenn sich Räson hätte dürfen geltend machen. Wie ganz

anders war dies jetzt im französischen Heer, wo selbst der Gemeine

seinem Obersten oder General ohne Bedenken alle möglichen Vorstellungen

machen durfte und gewiß war, daß sie nicht nur mit Güte und Wohlwollen

angehört wurden, sondern auch Eingang fanden, wenn sie sich als bewährt

oder begründet zeigten, während unsere deutschen Stockhelden alles, was

nur nach Vernunft schmeckte, mit stieren Augen anglotzten, und nur

Meister im gemeinsten Schimpfen und Fluchen waren; fast nie hörte man

ein erniedrigendes Schimpfwort aus dem Munde eines französischen

Offiziers gegen seine Untergebenen.

Mit den Prügeln wurde es bald so arg, daß ein jeder Kapitän deren nach

Belieben austeilen ließ, ja sogar die Sergeant-Majors (Feldwebel) ließen

auf ihre eigene Faust prügeln, und bei jedem Rapport wurden Tausende von

Prügeln verordnet; der Fürst, der früher ebenfalls in österreichischen

Diensten gestanden, fand dies ganz in der Ordnung. Die Folgen waren

Vermehrung der Desertion, aber dies war gerade, was die Kompagniechefs

und Sergeant-Majors wollten, denn jedem Deserteur wurden sogleich

Schuhe, Hemden, Gamaschen, Polizeimütze und sogar Uniform aufgebürdet,

die er noch gar nicht erhalten und mitgenommen haben sollte, auch wurde

der Mann noch mehrere Wochen als präsent fortgeführt, und so Brot, Sold

und andere Dinge für ihn empfangen; das Geld teilte der Hauptmann mit

seinem Feldwebel, versteht sich so, daß der erstere den Löwenanteil

erhielt, auch die Fouriere hatten ihren Anteil. Die Sache war um so

leichter tunlich, als die wieder eingebrachten Deserteure nicht in

Untersuchung kamen, sondern den Kompagnien zur willkürlichen Bestrafung

übergeben wurden, die dann in einer gehörigen Tracht Prügel und

Gefängnis bei Wasser und Brot bestand. -- Der Fürst, der sich wenig oder

nicht um den Dienst bekümmerte, ihn auch nicht verstand, ließ die

Bataillons- und Kompagniechefs nach Gefallen schalten und walten. Auf

der andern Seite durfte auch er nicht viel sagen, denn wie sah es mit

den versprochenen Handgeldern aus, da ihm das französische Gouvernement

doch sechzig Franken für den Kopf gutgetan hatte? -- Fürst Y. war kein

böser, aber was oft weit schlimmer, ein äußerst schwacher Mensch, und

hatte dabei sehr kostspielige Liebhabereien, unter denen die für gewisse

Damen nicht die am wenigsten kostende war, dazu war seine Suite fast

immer ein kleiner Hofstaat, und er führte viele Pferde, Bereiter,

Dienerschaft und so weiter mit sich. Wer seine Schwächen zu benutzen

verstand und Gelegenheit hatte, konnte von ihm verlangen, was er wollte,

vielen Offizieren hatte er Bons für nicht unbedeutende Summen auf den

Quartier-Maitre-Tresorier abgegeben, sowie noch andere Bons, so daß er

in einem Monat oft zwanzigmal mehr auf die Regimentskasse anwies, als

sein Gehalt als Oberst betrug. So war das den Rekruten zukommende

Handgeld, an zweihunderttausend Franken, bald erschöpft, und was der

Fürst aus seinem ohnehin schon mit Schulden belasteten Ländchen in

Person bezog, denn seine Gemahlin, die Prinzen, der Hof mußten doch auch

standesmäßig unterhalten werden, reichte bei weitem nicht aus, seinen

Aufwand in Frankreich zu bestreiten. Da also das Übel von oben kam, war

ihm schwer abzuhelfen, erst nachdem der Inspekteur mehrmals von Metz zur

Musterung des Regiments gekommen war und dabei empfindliche, harte und

drohende Worte hatte fallen lassen, kam etwas mehr Ordnung in die

Organisation, Administration und Führung desselben, doch fand immer noch

Unterschleif genug, nur mit mehr Vorsicht und Behutsamkeit statt.

Das nicht ausgezahlte Handgeld führte indessen eines Tages einen sehr

bedenklichen Vorfall bei der Wachtparade herbei. Kaum waren die Wachen

nach ihren verschiedenen Posten abmarschiert, als über 300 Mann, von

einigen Unteroffizieren geführt, auf dem Paradeplatz erschienen und

deren Sprecher, ein Sergeant-Major, von dem Fürsten verlangte, daß er

ihnen sogleich das versprochene Handgeld auszahlen lasse. Der Fürst Y.

und ein paar Stabsoffiziere wollten nun die Leute mit kurzen Worten und

Drohungen abspeisen, aber diese erklärten durch ihren Dolmetscher, daß

sie nicht eher von der Stelle gehen würden, bis man sie befriedigt habe.

Nach mehrerem Hin- und Herreden wußte sich Fürst Y. nicht anders zu

helfen, als ein paar tausend Franken bei dem Quartier-Maitre holen und

einem jeden dieser Leute sogleich einen Sechs-Livretaler auf Abschlag

auszahlen zu lassen, versprechend, das übrige sowie das Handgeld für das

ganze Regiment solle unfehlbar in den nächsten vierzehn Tagen ausgezahlt

werden. Die Leute begnügten sich damit und gingen in die Kasernen

zurück, das _à conto_ Empfangene zu verjubeln und ihren Kameraden die

gute Nachricht zu hinterbringen. Aber kaum hatten sie den Paradeplatz

verlassen, als die Unteroffiziere, die sie angeführt hatten, arretiert

und in das Militärgefängnis geworfen wurden. Man machte kurzen Prozeß

mit ihnen, und schon am andern Tage wurden sie bei der Wachtparade

angeblich wegen Meuterei degradiert. Der Sergeant-Major hatte jedoch

dabei furchtbar getobt und gedroht, er würde alle seine Beschwerden und

Klagen wegen der Unterschleife und Betrügereien so vieler Kapitäne an

gehörigem Ort vorzubringen wissen. Nachdem man ihn wieder ins Gefängnis

zurückgebracht, war er nach einigen Tagen verschwunden, niemand wußte,

was aus ihm geworden war; später habe ich in Erfahrung gebracht, daß man

ihm den Mund mit Geld gestopft und einen Paß nach Deutschland gegeben

habe.

Nach diesem Ereignis war keine Rede mehr von der weitern Auszahlung des

Handgeldes, obschon die Leute nicht aufhörten deshalb zu murren.

Jetzt waren bereits die drei Bataillone des Regiments vollzählig und das

erste ganz uniformiert, bewaffnet und ziemlich gut einexerziert. So

gerne aber auch die Einwohner von Toul, und insbesondere die Wirte, Geld

verdienen mochten, so war es den Inhabern der Speiseanstalten, Wein- und

Branntweinschenken doch jedesmal nicht wohl zumute, wenn Gäste vom

Regiment Y. bei ihnen einsprachen, da sich diese in der Regel betranken

und dann, namentlich die Russen und Polen, Händel anfingen, oft alles

zerschlugen und nicht selten Reißaus nahmen, ohne die Zeche zu

berichtigen. Auch wegen der Unmäßigkeit dieser Leute, von denen oft ein

einziger mehr Trank und Speise zu sich nahm als drei Franzosen, von

welchen manche Familie von vier bis sechs Personen mit anderthalb Pfund

zu einer Suppe konsumiertem Fleisch einen ganzen Tag lebt, mit Wein

rotgefärbtes Wasser trinkend, kamen wir in den besten Ruf als

Vielfresser und Trunkenbolde. Da ich indessen in der Pension, in welcher

ich mit noch einem Dutzend anderer Kadetten, meistens Söhne aus guten

Familien aus Nancy und Metz, speiste, sehr wenig aß, auch nur Wasser mit

äußerst wenig Wein vermischt und gar keine Spirituosa trank, sehr

geläufig französisch mit wenig oder gar keinem Akzent sprach, so wollte

man mir durchaus die Ehre erzeigen, mich für einen Franzosen zu halten,

wenn ich auch noch so sehr dagegen protestierte.

Der Fürst hatte den Kadetten, sobald sie nicht im Dienst waren ganz

dieselben Uniformen wie den Offizieren gestattet, nur mit dem

Unterschied, daß sie zwei silberne Kontre-Epaulettes statt eines

Epauletts mit Fransen auf der linken Schulter trugen, und diese selbst

im Dienst mit der Abzeichnung ihres Grades beibehielten, denn es

gab Gemeine-, Korporal-, Fourier-, Sergeant- und selbst

Sergeant-Majors-Kadetten.

Bald nach mir war auch der Quartier-Maitre Viriot in Toul angekommen und

brachte mir Briefe von meinen Eltern nebst der Nachricht mit, daß er von

meinem Vater beauftragt sei, mir jeden Monat hundert Franken, also

Oberleutnantsgage, als Zulage auszuzahlen; dies machte mich

gewissermaßen zum Mylord unter den Kadetten, von denen keiner so viel

hatte, und ich galt für reich im Regiment. Daß ich, wenn meine Dienste

vorüber, kein alltägliches Philisterleben führte, wird man mir gerne

glauben. Ich suchte, kaum in Toul angekommen, mein altes Steckenpferd

wieder auf, und gab mir alle erdenkliche Mühe, ein Liebhabertheater

zustandezubringen, was mir auch gelang. Ein Herr Bertrand, Kaffeewirt,

hatte ein sehr niedlich eingerichtetes Theater mit zwei Reihen Logen,

das er gewöhnlich an herumziehende Truppen vermietete, die sich

bisweilen nach Toul verloren, welches ich in Beschlag nahm, und unter

den deutschen Offiziersfrauen fanden sich auch einige recht willige,

sich zu Aktricen gut qualifizierende Damen, namentlich die

siebzehnjährige Tochter des Adjutant-Majors Kramer. Bald waren wir so

weit, daß wir Kotzebues >Wirrwarr< aufführen konnten; ich machte den

Fritz Hurlebusch, Mademoiselle Kramer war meine Babette, und deren Mama

die Frau v. Langsam. Der Fürst hatte mit seiner ganzen Suite der

Vorstellung beigewohnt, sowie alle Offiziere und mehrere Einwohner, die

deutsch verstanden, auch viele Franzosen, die jedoch nicht aushielten,

und Seine Durchlaucht hatten sich sehr ergötzt. Wir verstiegen uns nun

höher und studierten >Kabale und Liebe< ein. Mademoiselle Kramer machte

die Louise, und ich bestieg mein theatralisches Paradepferd, den Major;

wir spielten auf jeden Fall unsere Rollen recht natürlich, denn die

Liebe hatte sich unserer bereits bemächtigt, und die Kabalen fehlten

nicht, sie wurden bald gesponnen, um meine Louise Sr. Durchlaucht

zuzuführen, die großen Gefallen an der jungen Aktrice zu finden schien.

Da indessen das deutsche Theater zu wenig Teilnahme fand und finden

konnte, so meinte Fürst Y., man solle ein französisches zu organisieren

suchen und übertrug mir auch dieses Geschäft, wogegen er mich zu meiner

großen Freude von dem Exerzierplatz bis auf weitere Ordre freisprach. Es

war weniger schwierig instand zu bringen, als das deutsche, und eine

Mad. Alphonse, die hübsche Gattin eines Kapitäns, und die Tochter des

Eigentümers des Theaters, Mademoiselle Bertrand, waren bei diesem die

ersten Liebhaberinnen, während andere die Soubretten und so weiter

übernahmen. Madame Alphonse hatte ein eminentes Talent für das

französische Lustspiel und Vaudeville, sie spielte und deklamierte in

der Tat bezaubernd, sang nicht schlecht, hatte eine allerliebste

niedliche Figur, viel Grazie und schien auf der Bühne in ihrem Element.

Wir führten zuerst Molieres >Geizigen< auf, in welchem sie Harpagons

Tochter und ich den Valère machte, worauf noch mehrere Vaudevilles

gegeben wurden; auch Boieldieus >Kalif von Bagdad< kam an die Reihe.

Madame Alphonse war auch bald meine französische Geliebte, doch konnte

ich mir auf diese Eroberung eben nicht sehr viel zugut tun, da die Dame

nichts weniger als geizig mit ihren Gunstbezeigungen war. Auch sie fand

bald Gnade vor Sr. Durchlaucht, die hier schnellere Erhörung fanden, als

bei Mademoiselle Kramer; ich hielt mich dagegen an Demoiselle Bertrand,

bei der ich es jedoch nie weiter als bis zu einem verstohlenen Kuß,

höchstens zu einer flüchtigen Umarmung bringen konnte, und kein Zureden,

keine Bitten, keine Geschenke wollten helfen, der ewige Refrain lautete:

»_Mais finissez donc! Mais vous me feriez un enfant_,« und wenn ich den

Aal zu packen vermeinte, husch war er mir wieder durch eine schnelle

Wendung entschlüpft. Indessen waren dennoch die Proben dieser Stücke

äußerst unterhaltend. Die deutschen Vorstellungen unterblieben nicht

ganz und wechselten manchmal mit den französischen ab. Dieses

Liebhabertheater hatte schnell einen gewissen Ruf erlangt, der sich

sogar bis nach dem nachbarlichen Nancy verbreitete, wohin Fürst Y. sehr

oft mit seinem Bruder, dem Prinzen Wolf, fuhr, und wir hatten jedesmal

bei den französischen Vorstellungen Zuschauer und Zuschauerinnen aus

dieser Stadt. Auch ich begab mich öfters nach dem schönen Nancy, wohl

einer der schönsten Städte Frankreichs, und brachte in der Regel die

Sonntage daselbst zu, wenn ich nicht besondere Abhaltungen hatte. Dort

fand ich bald durch die Empfehlungen Viriots, der ein echter Gentilhomme

war und daselbst viele Bekannte und Verwandte hatte, in mehreren der

angesehensten Häuser eine gute Aufnahme, obgleich die Hautevolee, aus

Adeligen bestehend, sehr aristokratisch und hochmütig ist. Aber man

glaubte, daß alle deutsche Kadetten des Regiments mindestens Söhne

deutscher Barone sein müßten, und ich ließ die guten Leute bei dem

Glauben, da es hier in meinen Kram paßte. Man hatte mich schon auf dem

Theater gesehen und war >_charmé de faire la connaissance du jeune

acteur_<, der zu gleicher Zeit deutsche und französische Komödie

spielte.

Unter den Schönen, die ich in Nancy hatte kennen lernen, war eine sehr

liebenswürdige junge Dame, deren Bekanntschaft ich in dem Hause eines

Herrn von St. Ange machte, in das mich ein junger Viriot, Neffe des

Quartier-Maitres und ebenfalls Kadett beim Regiment, eingeführt hatte.

Diese hübsche Frau war die Witwe eines erst kürzlich in dem Feldzuge von

1805 gebliebenen Bataillonschefs; noch war sie in tiefe Trauer gehüllt,

obgleich eben nicht mehr sehr traurig, sondern an allen sich ihr

darbietenden Vergnügungen lebhaften Anteil nehmend. Über ihrer Abkunft

lag ein mysteriöser Schleier, und man sagte sich deshalb allerlei ins

Ohr. Frau v. St. Ange vertraute mir, daß sie die natürliche Tochter

eines ebenfalls natürlichen Sohns des unglücklichen Stanislaus sei, den

dieser mit einer Marquise L... gezeugt habe; doch lagen für diese

Behauptung keine Beweise vor, nur soviel war gewiß, daß sie mit einer

nicht unansehnlichen Leibrente dotiert war. An all diesem war mir wenig

gelegen, wer wird auch eine hübsche einundzwanzigjährige Witwe viel nach

deren Abkunft fragen. Ich machte ihr eifrig den Hof, begleitete sie

manchmal in das Theater zu Nancy, das ich jetzt öfters besuchte, und

wieder heim, und stand bald bei der schönen Adelaïde in Gunst, wußte es

aber so anzufangen, daß die Dame, die beinahe sechs Jahre älter als ich

war, glauben mußte, sie habe einen in der Liebe ganz unerfahrenen

Neuling vor sich, der zuvorkommender Aufmunterung bedürfe, um ihn zu

verführen. Ich ließ sie gerne bei dem sie beglückenden Glauben, spielte

den unerfahrenen Menschen so gut, stellte mich so unschuldig naiv, daß

ihr gewiß nichts zu wünschen übrig blieb, und ließ mich von ihr in die

Geheimnisse der praktischen Liebe einweihen. Als sie aber später

einigemal nach Toul kam, auch einer Vorstellung unsers französischen

Liebhabertheaters beiwohnte und vielleicht allerlei erfuhr, merkte sie

doch, daß ich auch mit ihr eine Art Komödie gespielt hatte, und sagte

mir eines Tages, mit dem Finger drohend: »_Vous êtes un roué jeune._«

Auch der junge Viriot, der aber schon zwanzig Jahre zählte, hatte eine

Intrige, und zwar ernsthafterer Art, in Nancy mit einem der hübschesten

und reichsten Mädchen dieser Stadt angesponnen. Er war bis über die

Ohren verliebt und beabsichtigte das Mädchen, das freilich in jeder

Hinsicht eine sehr gute Partie war, zu heiraten. Seine beiden Oheime,

der Kapitän d'Habillement und der Quartier-Maitre-Tresorier des

Regiments, wußten davon und wünschten die Heirat, von der aber die

Familie und die Eltern des Mädchens nichts wissen wollten, da der junge

Mann ohne Vermögen und seine nächste Aussicht eine Unterleutnantsstelle

war, der Papa aber einen reichen oder doch wenigstens einen

hochgestellten Mann, wie einen Obersten oder General, zum Schwiegersohn

wollte. Aber das Mädchen liebte den Kadetten von ganzer Seele, und seine

Oheime, auch ein paar lockere Zeisige, rieten ihm zu einer Entführung,

das Übrige würde sich dann schon finden. Der Neffe ließ sich das nicht

zweimal sagen, folgte dem guten Rat, überredete Mademoiselle, sich

entführen zu lassen, und kam eines Abends gegen Mitternacht mit der

entführten Schönen, die er aus dem Theater zu Nancy abgeholt, mit mir,

der ich die Postpferde und Relais besorgt hatte, in Toul an, wo er die

Geraubte in der Wohnung seines Oheims versteckte. Am andern Morgen eilte

er, mit einem sechswöchigen Urlaub in der Tasche, mit der Geliebten nach

Paris. Adelaïde hatte nicht nur um die Sache gewußt, sondern war auch

mit Rat und Tat behilflich gewesen. Die Familie und besonders der Vater

waren anfänglich entsetzlich erbost, man sprach nur von Totschießen,

Enterben usw., aber die Zeit besänftigte die Leute mehr und mehr, die

Oheime knüpften Unterhandlungen an, die Sache war geschehen und, wie

alle geschehene Dinge, nicht zu ändern. Der junge Viriot erhielt seinen

Abschied, eine Zivilanstellung, den Konsens der Eltern, und das junge

Paar kam später nach Nancy zurück.

Fürst Y. litt seit einiger Zeit heftig an Podagra, so daß er das Zimmer

und oft das Bett nicht verlassen konnte; diese schmerzhafte Krankheit

suchte Se. Durchlaucht sehr oft heim, wozu wohl das Leben, das der Fürst

führte, viel beitragen mochte, und da ihn jetzt noch obendrein die

Langeweile gewaltig plagte, so ließ er mich eines Nachmittags holen und

fragte mich, ob ich ihm nicht jeden Tag ein paar Stunden vorlesen wolle,

wozu er mich sehr fähig halte, weil ich so gut Komödie spielen könne.

Ich fand mich gleich hierzu bereit und las dem hohen Patienten mehrere

Tage hintereinander jeden Nachmittag und Abend ein paar Stunden aus den

vorzüglichsten deutschen und französischen Autoren, hauptsächlich aber

Tragödien von Schiller, Lessing, Goethe, Shakespeare, Racine, Corneille

und Voltaire vor, was den Fürsten außerordentlich zu amüsieren schien,

besonders da ich meine Stimme bei jeder Rolle veränderte, damit die

Vorlesung soviel als möglich einer Aufführung nahekam. -- Eines

Nachmittags, als ich gerade den berühmten Monolog aus Racines >Phädra<:

»_A peine nous sortions des portes de Trézène_« und so weiter im vollen

Feuer der Begeisterung rezitierte, schlich sich jemand hinter mich und

zupfte mich beim Ohrläppchen. Ohne mich nur umzusehen, wer derjenige

war, der mich so unzeitig unterbrach, stach ich ihm mit all der Kraft,

in die mich das Feuer versetzt hatte, eine so derbe Ohrfeige im

fürstlichen Schlafzimmer, daß dasselbe laut davon widerhallte. Erst

nachdem es geschehen und der Fürst schrie: »Was soll das heißen, welche

Impertinenz, gleich aus meinen Augen!« sah ich, daß es der über und über

rot gewordene Sekretär des Fürsten war, den ich in dessen Gegenwart

geohrfeigt hatte. Es hätte ebenso gut der Bruder des Fürsten, Prinz

Wolf, sein können, der sich damals bei ihm in Toul zu Besuch befand, der

die Ohrfeige bekommen, die ihm kein Gott wieder abgenommen hätte. Was

aber dann aus mir geworden wäre, mögen die Götter wissen.

Glücklicherweise aber war er es nicht, und ich kam mit zweimal

vierundzwanzigstündigem Arrest davon, durfte aber dem Fürsten vorerst

nicht weiter vorlesen, der unterdessen wieder besser geworden war und

ausfuhr. Auf den Rat meines Kapitäns, St. Jüste, der die Sache vom

Fürsten selbst erfahren hatte, schrieb ich an letztern noch ein

Entschuldigungsschreiben, was aber nicht hinderte, daß er mir die in

seiner Gegenwart ausgeteilte Ohrfeige noch lange nachtrug und mich

empfindlich genug bestrafte, wie wir bald sehen werden. Etwa vierzehn

Tage nach diesem Vorfall reiste der Fürst nach Paris ab, um, wie er

sagte, >die heiligsten Interessen des Regiments zu wahren<, und sich zu

zerstreuen und besser zu amüsieren, als dies in dem stillen,

geräuschlosen Toul möglich war.

Um diese Zeit wurde auf einer Anhöhe bei Toul ein Volksfest gefeiert,

dessen Ursprung ich mich nicht mehr entsinne. Man spielte und tanzte bei

dem Gekratze einer schrecklichen Geige im Freien, meistens wurden

Kontretänze aufgeführt. Der junge Deßwart, der Sergeant-Major bei dem

Regiment war, hatte sich hier ebenfalls mit seinen vier Schwestern, die

in Toul ein so unanständiges Leben führten, daß ihr Haus in nicht viel

besserem Ruf als ein Freudenhaus stand, eingefunden, und während ich

mich mit einem Paar hübschen jungen Mädchen, der jungen Bertrand und

einer ihrer Freundinnen, unterhielt, schielten Deßwarts und namentlich

Mimi beständig auf uns herüber, sich dabei in die Ohren zischelnd, so

daß mich die Bertrand fragte, wer denn diese Frauenzimmer seien, und ich

erwiderte: »_N'y faites pas attention, ce sont des coquines._« Diese

Worte hatte ein anderer Kadett namens Larbalestier aus Nuit, der

ebenfalls der jungen Bertrand den Hof machte und eifersüchtig auf mich

war, gehört und hinterbrachte sie sogleich dem Bruder und seinen

Schwestern, welche erstern aufforderten, mich sofort wegen dieser

Äußerung zur Rechenschaft zu ziehen, was er vorerst ablehnte, unter dem

Vorwand, daß hier nicht der Ort dazu sei. Das Fest ging auch ungestört

vorüber, aber noch den nämlichen Abend traf ich mit dem Bruder, der sich

einen kleinen Rausch getrunken, zufällig in einem Kaffeehaus zusammen,

wo er mich nun zur Rede stellte. Larbalestier, der auch gegenwärtig war,

und noch ein paar andere schürten das Feuer, ich leugnete nicht, was ich

gesagt und was die ganze Stadt sagte, und erbot mich zu jeglicher

Satisfaktion. Man nahm mich beim Wort und, die Köpfe durch Glühwein

erhitzt, wollte man, daß die Sache gleich abgemacht werde. Ich war es

zufrieden, aber Deßwart meinte, es sei Nacht, die Tore bereits

geschlossen, und man könne sich doch im Finstern nicht schlagen, sondern

müsse es auf den kommenden Morgen verschieben. »Bah, es ist ja heller

Mondschein,« fiel Larbalestier ein, »und ein passender Platz wird sich

auch wohl in der Stadt finden lassen, was meinen Sie, Fröhlich?« -- »Sie

haben Recht, besser man macht so etwas gleich ab, als den andern Tag,

man schläft dann viel ruhiger, und auf den Wällen und nach zehn Uhr ist

es allenthalben öde und stille genug.« -- Wir kamen nun überein, daß das

Duell nach zehn Uhr in der Stadt vor sich gehen solle, und zwar auf dem

Platz hinter der gotischen Kirche in der Nähe der Kasernen. Als die

Stunde gekommen war, eilten wir auf das Terrain, nicht weniger als neun

an der Zahl, und da Deßwart, der nicht Kadett war, keinen Degen trug,

kam man überein, daß wir uns mit Briquets -- so nannte man die

gewöhnlichen Infanteriesäbel -- schlagen sollten. Wir zogen die

Uniformen aus, streiften die Hemdärmel hinauf und legten aus. Trotz dem

Mondschein war es nicht sehr hell, denn der Himmel war zum Teil bewölkt;

indessen führten wir mörderische Hiebe gegeneinander, so daß das Klirren

der Klingen an den hohen Mauern der alten gotischen Kirche, unserer

stummen Zuschauerin, laut widerhallte, und hauten wie besessen in die

Nacht hinein. Plötzlich rief mein Gegner: »_Ah je suis blessé!_« und wir

ruhten. Er hatte in der Tat eine leichte Wunde an der Stirne erhalten,

die jedoch das ganze Gesicht mit Blut übergoß, so daß man sie im ersten

Augenblick für sehr gefährlich hielt, während es sich bei näherer

Untersuchung und nachdem man das Blut abgewaschen, fand, daß wenig mehr

als die Haut geritzt war. Dies war allein die Tat des Zufalls und weder

mein Wille noch meine Geschicklichkeit, denn man konnte die Gegenstände

nicht klar unterscheiden. Die Umstehenden erklärten nun, daß der Ehre

genug geschehen sei, und nachdem Deßwart gehörig abgewaschen und

verbunden war, begaben wir uns sämtlich in das _Café de la Comedie_ zu

Bertrands, wo auf Kosten der Duellanten die wiederhergestellte Eintracht

mit Champagner, Punsch und _vin chaud_ gefeiert wurde, aber mehr als

einmal auf dem Punkt war, wieder gestört zu werden, wozu ein _mauvais

sujet_, ein gewisser Poireau, auch Sergeant-Major im Regiment, dabei ein

guter Fechtmeister und Raufbold von Profession, der aus einem

französischen Regiment wegen Betrügereien fortgejagt worden war, allen

möglichen Vorschub leistete. Dieser machte sich besonders an junge

Leute, von denen er wußte, daß sie bei Geld waren, um sie aus Furcht vor

seiner Klinge zu bewegen, ihn in Gast- und Kaffeehäusern freizuhalten

und ihm auch Darlehen _à fonds perdu_ zu bewilligen. Ich kannte den

Patron, und es kam mir nicht unerwartet, daß sich derselbe an mich und

noch ein paar andere Kadetten machte, die Deßwartsche Sache immer wieder

aufwärmend und bemerkend, ihm hätte so etwas nicht passieren dürfen und

so weiter. Die Sticheleien wurden endlich so arg, daß ich unmöglich

länger schweigen konnte und ihm sagte, ich wisse recht gut, daß er ein

vollkommener Fechtmeister, ich aber wenig mehr als Anfänger in der edlen

Fechtkunst sei, aber wisse auch, wie ich mich gegen eine gewisse Gattung

von Kopffechtern zu verhalten habe, und wenn ich noch nicht deren

Fertigkeit im Spiel der Rappiere erlangt, so fehle ich doch auf zwanzig

Schritte meinen Mann nie mit Pistolen, wodurch die Gleichheit der Kräfte

immer hergestellt würde. Und dies war keine Lüge, denn ich hatte mich

längst im Pistolenschießen geübt und gut eingeschossen. Monsieur Poireau

ließ sich dies nicht wiederholen, sondern zog von diesem Augenblick

andere Saiten auf und wurde sogar hündisch kriechend, denn der Bursche

war so feig, als es in der Regel alle seines Gelichters sind, sobald sie

glauben ihren Mann vor sich zu haben, und wagen sich immer nur an

unerfahrene Massetten; geht es gegen den Feind, so befällt sie nicht

selten das Lazarettfieber. -- Wenige Wochen nach diesem Vorfall wurde

auch er wegen schlechter Streiche vom Regiment gejagt, und ich sah ihn

später in den Straßen von Toulon die Galeerenketten schleifen.

Fürst Y. kam um diese Zeit von Paris zurück, wo er allerdings die

Interessen des Regiments trefflich gewahrt hatte, denn in seinem Gefolge

kamen ganze Kisten grüner, roter, gelber Epauletten, Federbüsche,

Pompons, Dragoner, Fangschnüre und so weiter an, von denen die für die

Unteroffiziere sogar reich mit Silber besetzt waren. Die Staatsuniform

des Tambour-Majors, die er zu Paris hatte machen lassen, war von gelbem

Tuch mit hellblauen Aufschlägen, aber so reich mit Gold und Silber

besetzt, daß man von dem Tuch gar nichts sah; seinem ebenfalls reich

bordierten Hut entquoll ein mächtiger Straußenfederbusch in allen Farben

aus einer goldnen Tulipane, und die Fransen der massiv goldenen

Epauletten hingen fast bis auf den Ellenbogen herab, sogar die Stiefel

waren reich mit Silber besetzt. Der Tambour-Major war ein großer

vierschrötiger Böhme, der mindestens sechs Schuh drei Zoll maß und sein

Rohr mit dem silbernen Riesenknopf gut zu schwingen verstand. Die

Paradeuniform des Musikkorps stand im Verhältnis damit und war von

derselben Farbe, ebenso die der Tambour-Maitres der andern Bataillone.

Diese Equipierung hatte über achtzigtausend Franken gekostet, machte

aber dafür auch gewaltiges Aufsehen in den Städten, durch die wir in

Parade defilierten. Das Musikkorps war jedoch auch durch seine

Virtuosität ausgezeichnet, man hatte aus den gefangenen österreichischen

Regimentern die besten Hoboisten, meistens Böhmen, ausgesucht und ihnen

sehr hohe Gage bewilligt: die ersten Klarinettisten erhielten

hundertdreißig Franken monatlich, also beinahe die Gage eines Kapitäns

dritter Klasse. Die außerordentlichen Ausgaben hieß natürlich das

Gouvernement nicht gut, auch wollte sie Fürst Y. aus eigenen Mitteln

bestreiten, und die Regimentskasse sollte nur einstweilen die Vorlage

machen, was später zu schlimmen Händeln Veranlassung gab und das Conseil

d'Administration des Regiments, oder vielmehr die Offiziere, aus denen

es bestand, und die aus Gefälligkeit für den prachtliebenden Oberst zu

solchen Ausgaben ihre Unterschrift gegeben, in eine fatale Lage

versetzte. So hatte ich später, als ich Unterleutnant war und ein

krankes Mitglied dieses Conseils für nur eine Sitzung supplierte, für

eine einzige Unterschrift, die ich gab, weil auch alle andern dieselbe

ohne Bedenken gegeben, solange ich bei dem Regiment Y. war, einen

monatlichen Gagenabzug, da das Ministerium die durch diese

Unterschriften bewilligten Ausgaben für >_Objets d'agréments_< nicht

anerkannte. Diese Unterschrift, in aller Unschuld und Unwissenheit

gegeben, kostete mich mehrere hundert Franken.

Der Fürst hatte auch acht Offizierspatente für Kadetten von Paris

mitgebracht, aber leider keines für mich. Mein Bataillonschef, Herr

Düret, bei dem ich mich deshalb beklagte, sagte mir im Vertrauen, daran

sei die Ohrfeige schuld, die ich dem Sekretär des Fürsten gegeben, ich

solle mich indessen trösten und ruhig verhalten, dann würde ich bei der

nächsten, in ein paar Monaten stattfindenden Promotion unfehlbar zum

Offizier ernannt werden. Ich konnte indessen diese Zurücksetzung doch

nicht so leicht verschmerzen, zog mich von öffentlichen Vergnügungen

zurück, und hing sogar das Theater an den Nagel, obgleich ich wußte, daß

der Fürst noch ein paar Vorstellungen zu sehen wünschte, ja ohne das

Zureden Dürets und meines Kapitäns hätte ich sogar um meinen Abschied

gebeten.

Wir waren noch nicht volle zwei Monate in Toul, als das Regiment Ordre

bekam, nach Avignon zu marschieren, alle drei Bataillone waren jetzt

vollzählig und fähig ins Feld zu rücken. Die Nacht vor dem Abmarsch des

ersten Bataillons, bei dem ich stand, gab der Fürst noch einen

glänzenden Ball im Namen des Offizierkorps, zu dem auch die notabelsten

Schönheiten Nancys und mehrere Damen von Metz eingeladen waren; das

Souper konnte aber, außer den Damen, niemand als Seine Durchlaucht

sitzend einnehmen, die andern Herren standen als dienende Kavaliere

hinter den Stühlen der Damen und genossen, was ihnen deren Güte reichte.

Wir nahmen gegen Morgen einen rührenden Abschied von den Schönen Touls

und Nancys, warfen uns in das Marschkostüm, und um sechs Uhr früh ließ

der Bataillonschef durch den herkulischen Tambour-Major das Roulement

zum Abmarsch schlagen. Somit waren alle etwa noch unbezahlten Schulden

quittiert[7], und wir marschierten mit klingendem Spiel mit rechts in

die Flanken ab und frohen Mutes zum Tor hinaus, von den Tränen mancher

zurückbleibenden Geliebten, den guten Wünschen eines Teils der Einwohner

und den Verwünschungen verschiedener Ehemänner begleitet.

[Fußnote 7: Wenn einmal das Roulement (Wirbel) vor dem Abmarsch

geschlagen war, wurden keine Reklamationen wegen unbezahlter Schulden

von den Chefs mehr angenommen.]

Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 1 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers · 第 17 / 25 题