X.

Marsch von Mainz nach Toul. -- Abscheuliche Zusammensetzung

des Transports. -- Oppenheim. -- Worms. -- Desertion und

Diebereien. -- Die Pfalz. -- Dürkheim. -- Kaiserslautern. -- Die

Familie Karcher. -- Landsstuhl. -- Homburg. -- Saarbrücken. --

Eine getröstete Strohwitwe. -- St. Avold. -- Courcelle.

-- Ein schmutziger Vorfall. -- Metz. -- Ich werde in das

Militärgefängnis gesetzt. -- Spitzbübereien des Quartiermachers.

-- Die Sehenswürdigkeiten von Metz. -- Pont à Mousson. -- Ankunft

in Toul.

Ungeachtet ich die vorhergehende Nacht fast ganz durchschwärmt hatte,

stand ich doch am andern Morgen um sechs Uhr marsch- und reisefertig vor

der Wohnung des Quartier-Maitres, der mir noch einige Instruktionen

erteilte, an der Spitze meines, einige siebenzig Mann starken

Transports. Dieser bestand in aus allen Ecken und Enden

zusammengerafftem Gesindel, noch ungekleidet und unbewaffnet; da waren

preußische, österreichische, bayerische, hessische Deserteure, Polen,

Russen, Böhmen und Ungarn, alles durcheinander, zum Teil noch die

abgenutzten Uniformen ihres frühern Dienstes tragend, zum Teil in Lumpen

gehüllt. Das Ganze hatte ein recht abenteuerliches Aussehen und glich

eher einer Räuberbande oder einem zusammengelaufenen Vagabundenkorps als

einem militärischen Detachement; in der Tat waren auch ein paar Kerls

dabei, die früher unter der Bande des Schinderhannes gestanden und sich

dessen sogar gegen ihre Kameraden rühmten. Außerdem ward mir noch eine

ganz besondere Zugabe, nämlich die Frau und die vier Töchter des

Wagenmeisters des Regiments, die noch zurückgeblieben waren und die

nebst einigen Weibern verheirateter Rekruten den weiblichen und

wahrhaftig nicht am leichtesten zu dirigierenden Teil des Transports

ausmachten und mir überdies angelegentlich vom Kapitän Viriot empfohlen

worden waren. Von diesem war es jedoch eine leichtsinnige

Unvorsichtigkeit, einem noch so jungen, ganz dienstunerfahrenen, kaum

sechzehn Jahre zählenden Menschen ein solches Detachement zur Führung zu

übergeben, bei dem sich die abgefeimtesten und verschmitztesten, mit

allen Hunden gehetzten Galgenstricke, die selbst einem unter den Waffen

ergrauten Krieger noch zu schaffen gemacht haben würden, befanden; auch

machten sich die Folgen dieser Unüberlegtheit nur zu bald fühlbar.

Um acht Uhr marschierten wir ab und zum neuen Tor hinaus. Noch manchen,

nicht ganz wehmutslosen Rückblick warf ich auf das alte Mainz, wo ich,

nur kurze Zeit dort, doch so manche vergnügte Stunde hatte. Nach der

Marschroute war mir ein vierspänniger Wagen für die Bagage und

allenfallsige Marode gut getan, diesen nahmen, kaum vor dem Tor,

Deßwarts -- so nannte sich die Familie des Wagenmeisters -- in Besitz,

behauptend, daß sie der Herr Quartier-Maitre darauf angewiesen habe; auf

dessen Empfehlung hatte ich auch einem gewissen Lamertz, einem

preußischen Deserteur, welcher vorgab Feldwebel in jener Armee gewesen

zu sein und wegen Händeln mit seinem Hauptmann, der ihn zu ungerechten

Dingen habe nötigen wollen, dieselbe Verlassen zu haben, die Marschroute

übergeben, um die Quartiere machen zu können; Viriot hatte ihm außerdem

versprochen, daß er bei seiner Ankunft bei dem Regiment wieder eine

Unteroffiziersstelle erhalten solle. Dieser Mensch war jedoch ein

Ausbund von Verschmitztheit und in allem, was man damals preußische

Pfiffe und Kniffe nannte, trefflich bewandert. Der erste Marsch, nach

Oppenheim, ging glücklich und munter von statten, wir hatten heiteres

Wetter, einige Rekruten sangen lustige Schelmen- und Soldatenlieder; wir

kamen durch die ihrer Weine wegen berühmten Orte Laubenheim, Bodenheim

und Nierstein, und in letzterm Ort, der sehr alt ist und ehemals eine

königliche Burg hatte, ließ ich halten und, um mir die Burschen

anhänglicher zu machen, jedem Mann einen Schoppen Niersteiner, der

freilich nicht von der ersten Qualität sein mochte, verabreichen. Dieses

versetzte die Leute in die beste Stimmung, sie ließen mich hochleben,

aber auch zum Dank ein paar Gläser verschwinden, die ich samt dem Wein

bezahlen mußte. Vor Oppenheim kam uns Lamertz mit geschäftiger Miene

entgegen, mir ein Quartierbillet mit den Worten: »Ein fürstliches

Quartier, Herr Fourrier,« überreichend. Es war bei einem Apotheker, wo

ich aber nichts weniger als etwas Fürstliches, ja nicht einmal etwas

Anständiges fand, denn trotz meiner Ermüdung vom Tanz und Marsch konnte

ich fast die ganze Nacht kein Auge vor Ungeziefer schließen. Das

Detachement wurde aber in dem eine halbe Stunde von Oppenheim entfernt

liegenden Dorf Dienheim einquartiert, wohin auch ich eigentlich gehört

hätte, aber mein dienstfertiger Lamertz meinte, daß dort gar kein

passendes Unterkommen für mich sei, der Transportkommandant müsse doch

etwas extra haben, dies gehöre sich, und er wolle sorgen, daß alles in

bester Ordnung abliefe. Ich führte die Leute nach Dienheim, und nachdem

ich den Sold, den ich ihnen nach Viriots Vorschrift Tag für Tag selbst

auszahlen sollte, verabreicht und die Appelle gehalten, begab ich mich

nach Oppenheim zurück und sah mich in demselben und dessen Nähe um.

Oppenheim war ehemals eine freie Reichsstadt, ist aber ein

unansehnlicher und schlecht gebauter Ort, der jedoch eine der schönsten

gotischen Kirchen Deutschlands besitzt, deren eine Hälfte beinahe in

Ruinen zerfällt. So wenig ich mich damals noch um Gemälde, namentlich

wenn sie religiöse oder heilige Gegenstände darstellten, bekümmerte, so

fiel mir doch eines in dieser Kirche auf, nämlich eine Darstellung der

Empfängnis Marias, wo Gott der Vater derselben den heiligen Geist ins

Ohr hineinbläst. -- Hier sind auch an fünftausend spanische Totenköpfe,

welche die Schweden gemäht, aufeinandergeschichtet, und auf dem

sogenannten spanischen Kirchhof liegen deren Körper begraben. Oppenheims

Lage soll Ähnlichkeit mit der von Jerusalem haben, um sich dies zu

denken, mag doch eine gute Portion Phantasie nötig sein.

Ich hatte zwar meinem Wirt empfohlen, mich ja mit Tagesanbruch wecken zu

lassen, weil ich, so müde wie ich war, zu verschlafen fürchtete, aber

mein unseliges Quallager machte, daß ich früher aufstand als einer der

übrigen Hausbewohner, und ich diese wecken mußte, wenn ich das Haus

nicht nüchtern verlassen wollte. Nach schnell eingenommenem Frühstück,

das in einem Eierkuchen bestand, eilte ich nach Dienheim, wo beim Appell

zwei Mann fehlten, die auch nicht wieder zum Vorschein kamen; statt

ihrer aber fand sich ein Bauer ein, welcher klagte, daß ihm seine

Einquartierung, die sich schon vor Tage davongemacht, zwei Gänse

mitgenommen. Dies waren meine beiden Deserteurs; ich gab dem Mann zwei

Taler für seine geraubten Vögel, um seinem Jammer ein Ende zu machen,

und nahm mir vor, den Transport nicht mehr allein zu lassen, um

möglichst solchen Unannehmlichkeiten vorzubeugen, was ich indessen nicht

zu bewirken vermochte. Vor dem Abmarsch stellte sich auch noch Frau

Deßwart mit ihren Töchtern ein, mir die Ohren vollschreiend über das

schlechte Quartier, das sie gehabt, die Schuld auf Lamertz schiebend,

der sich selbst bei dem Herrn Pfarrer des Orts einquartiert hatte, wo

er, wie sie behaupteten, trefflich versorgt gewesen. Ich empfahl dem

Schlingel, doch in Zukunft galanter gegen diese Damen zu sein, was er

auch versprach, und lachend trollte er sich.

Nachdem diese Dinge beseitigt waren, brach ich doch ziemlich munter nach

Worms auf, wo wir ohne besondere Zufälle glücklich ankamen. Hier

kündigte mir unser Quartiermacher an, daß wir abermals auf ein nahes

Dorf, Forchheim, an dem die Reihe sei Einquartierung aufzunehmen,

verlegt würden, ich könne aber ein gutes Quartier in der Stadt haben,

was ich mir verbat, das Billett zurückwies und mit meinen Leuten nach

Forchheim marschierte, wo ich mich bei einem wohlhabenden Bauern

einquartierte, und nachdem ich alles gehörig angeordnet zu haben

glaubte, nach Worms zurückging, um die einst so berühmte und wohlhabende

Stadt, die jetzt kaum mehr ein Schatten ihrer ehemaligen Herrlichkeit

war, in Augenschein zu nehmen. Hier ist bekanntlich der Schauplatz der

Nibelungensage. Früher bis zum vierzehnten Jahrhundert führten viele

Wormser Familien den Namen Niebelung, und die hier wohnende Familie der

Dalberge war, wenn auch nicht ganz so alt wie die Montmorency, die schon

bei der Sündflut unsern Herrgott baten, ihrer zu schonen, wie ein

Gemälde ihres Hotels bis zur Revolution von 1789 bewies, doch immer noch

alt genug, da ein Dalberg in römischen Diensten bei der Kreuzigung

Christi als Hauptmann zugegen war und die Jungfrau Maria demselben

zugerufen: »Bedeckt Euch doch, Herr Vetter!« Ein Sohn oder Enkel

desselben befand sich unter dem Heer des Titus bei der Zerstörung von

Jerusalem, kaufte eine Menge gefangene Juden, die er nach Worms

versetzte und Stück für Stück mit einem Silberling bezahlte, daher die

vielen Juden in dieser Stadt, für die ihm die übrigen Einwohner wenig

Dank wissen.

Worms hatte in seiner Blütezeit und bis zum Dreißigjährigen Krieg über

vierzigtausend Einwohner, seine Mauern prangten mit mehr denn hundert

Türmen, und ein Dutzend wohlbefestigter Tore führten in die feste Stadt;

damals (1805) konnte es kaum fünftausend Bewohner aufweisen, unter denen

beinahe ein Fünftel Nachkommen der von Dalberg hierher geschafften

Kinder Israels waren. 1689 wurde die Stadt von den Franzosen fast

gänzlich zerstört und an tausend Wohngebäude lagen in wenig Stunden in

Asche; das Feuer hatten die Mordbrenner des jämmerlich großen Königs

Ludwig XIV. angelegt und geschürt, während sie die Liebfrauenmilch und

andere köstliche Weine aus den zerschlagenen Fässern, nachdem sie sich

satt und dumm gesoffen, in die Straßen rinnen ließen, Frauen und Mädchen

notzüchtigten und raubten und stahlen. Fast nur der Dom war stehen, aber

nicht unversehrt geblieben, denn auch diesen hatten die Räuber

geplündert. Diese merkwürdige Kirche rührt aus dem achten Jahrhundert;

noch ist ein Bildhauerwerk vorhanden, welches den Teufel und seine

Großmutter darstellt.

Bevor ich wieder nach Forchheim zurückkehrte, nahm ich ein paar Flaschen

von der echten Milch der Wormser Lieben Frauen mit; angekommen, kündigte

mir mein Wirt an, daß, da seine Frau in den Wochen, er also deshalb

geniert sei und mir keine Stube geben könne, er mich in die Schenke

ausquartiert habe, ich mußte mich fügen, denn er hatte das Recht dazu.

In der Schenke aber, die einer wahren Rauchhöhle glich, waren schon die

Deßwarts einquartiert, denen man die Wirtsstube eingeräumt, wo man ihnen

eine Streu bereitet hatte; der Wirt erklärte mir nun, er habe kein

anderes Lokal und müsse mir ein Lager in derselben Stube aufschlagen. Es

war schon spät, kein anderes Quartier aufzufinden, zudem waren zwei der

Mädchen nicht häßlich, eine, die jüngste, sogar recht hübsch, und ich

ließ mir eine Streu in eine andere Ecke des Zimmers machen, bestellte

für uns alle ein Abendbrot so gut man es haben konnte, dessen

Hauptsubstanz Speck und Eier war, und gab meine Liebfrauenmilch zum

besten. Dies machte die Damen fröhlich und munter, sie sangen,

schäkerten, ich erlaubte mir manche Freiheiten, küßte abwechselnd die

beiden liebenswürdigsten, und erst gegen Mitternacht begaben wir uns

sämtlich und ziemlich ent- oder vielmehr nur zur Hälfte bekleidet zur

Ruhe. Am andern Morgen war es schon hell am Tag, als der Bursche, den

ich auf Lamertz Rat zu meiner Bedienung auserwählt hatte, klopfte und

mir zurief: »Herr Fourrier, die Leute stehen schon vor der Türe und

erwarten Sie.« -- Ich sprang schnell von der Streu auf, zog meinen Rock

an, hing den Säbel um, und als ich in den Hof trat, stürmten ein halbes

Dutzend Bauern mit Klagen über ihre Einquartierung auf mich ein, die

teils bestohlen, teils mißhandelt worden zu sein vorgaben. Dem einen

waren ein paar Schinken, dem andern eine Speckseite und dem dritten gar

sein Sonntagsrock abhanden gekommen; einem vierten hatte man die Kuh mit

Gewalt gemolken und einem fünften die Frau geschlagen, und als ich über

die Täter die Appelle zu machen suchte, waren die Kerls zum Teufel

gegangen und mein Faktotum Lamertz schon über alle Berge. Dies war mir

ein sauberes Kommando, ich wußte mir nicht anders zu helfen, als die

klagenden Bauern wieder mit Geld zu beschwichtigen, um Ruhe zu haben,

und dachte bei mir selbst: >Wenn so ein Transport solche

Unannehmlichkeiten verursacht, was mag es erst sein, wenn man eine Armee

zu kommandieren hat.< Ich befahl den Abmarsch, und das auserwählte

Korps, mit dem ich auf der Stelle die trefflichste Räuberbande hätte

bilden können, marschierte singend und jubelnd zum Dorfe hinaus und

freute sich, einen so nachsichtsvollen und humanen Führer zu haben.

Nachdem ich etwa eine gute Stunde marschiert und ziemlich müde war, denn

es war schon die dritte Nacht, die ich mehr wachend als schlafend

zubrachte, setzte ich mich zu den Mädchen auf den Leiterwagen, an Mimis

Seite, so hieß die jüngste von des Wagenmeisters Töchtern, und

unterhielt mich recht artig mit ihr. Bei dem schönsten Wetter fuhren wir

durch die Gauen der herrlichen Pfalz, ein schönes Land, dessen üppig

bebaute Fluren und Weinberge Herz und Gemüt freudig erregen, und das

besonders zur Zeit eines guten Weinjahrs und im Herbst in großer Pracht

strahlt.

Unsere heutige Etappe war Dürkheim, und diesmal wurden wir nicht

ausgewiesen, sondern blieben in der Stadt, welche der Mittelpunkt einer

der fruchtbarsten und schönsten Gegenden am Rhein ist. Auch hier kamen

wieder Klagen wegen Diebstählen an mich, und diesmal nahm sich der Maire

selbst der bestohlenen Bürger an, rief mich beiseite und riet mir, das

Gepäck der Rekruten durchsuchen zu lassen; ich willigte sogleich ein und

ließ diese Prozedur durch zwei Gendarmen vornehmen, die der Maire zu

meiner Verfügung stellte. Der Erfolg war, daß man bei einem Ungarn drei

silberne Löffel, bei einem Polen mehrere feine Hemden und über ein

Dutzend weiße Tücher, bei einem Böhmen eine silberne Uhr und ein paar

Ringe, bei einem Russen einige zwanzig Talglichter und bei ein paar

Deutschen eine Menge Linnen fand; die letztern waren die Subjekte, die

sich gerühmt hatten, bei der Bande des Schinderhannes gestanden zu

haben. Mehrere dieser Gegenstände gehörten Dürkheimer Einwohnern, andere

hatten die Kerls wahrscheinlich schon früher gestohlen. Die Burschen

ließ ich nun sofort ins Gefängnis abführen, um durch die Gendarmerie von

Brigade zu Brigade zum Regiment gebracht zu werden.

Nachdem diese unangenehme Operation beendigt war, trat ich den Marsch

nach Kaiserslautern an. Mein dienstwilliger Quartiermacher hatte mir,

weil ich über Ermüdung geklagt, von jetzt an ein Reitpferd unentgeltlich

zu verschaffen angeboten, was er schon zu machen wissen werde, ich

lehnte dies jedoch ab, bat ihn dagegen mir eines gegen bare Bezahlung

für jede Etappe zu mieten, was er auch tat, und ich trat nun den Marsch

beritten an. Der Weg führte zum Teil durch Wald und zwischen Felsgestein

an Abgründen vorüber, gleich hinter Dürkheim hatten wir die Ruinen der

malerischen Hartenburg vor Augen, von der noch mehrere Türme hinter

dunkeln Tannen hervorragten. Beim Ausmarsch war das Wetter ziemlich gut,

die Leute sangen abwechselnd russische, böhmische und deutsche Lieder,

aber bald verdüsterte sich der Himmel und es trat Regenwetter ein. Ich

hatte mehrere kranke Russen, die ich auf den hintern Teil des Wagens

plazierte, während den vordern die Frauenzimmer einnahmen, aber alle

wurden bald durch und durch naß. Der Marsch war lang und erst gegen

abend trafen wir in Kaiserslautern ein, wo uns die Marschroute einen

allen willkommenen Rasttag gewährte. Hier hatte mich Lamertz in ein eben

nicht sehr anständiges Wirtshaus einquartiert, wo es mir nicht behagte,

und als ich mich nach guten Quartieren in der Stadt erkundigte, wurde

mir das Haus des reichen Kaufmanns Karcher als eines der besten

empfohlen, der noch obendrein eine hübsche Tochter habe. Ich ging nun

auf die Mairie, ein Billett auf dieses Haus verlangend, indem ich

vorgab, daß Herr Karcher ein alter Geschäftsfreund meines Vaters in

Frankfurt sei und es demselben gewiß sehr willkommen wäre, wenn ich bei

ihm einquartiert würde. Man war auch so gefällig, meinem Ansuchen zu

willfahren, schrieb jedoch auf die Rückseite des Billetts, welche Gründe

ich angegeben, um es zu erhalten. Dies hatte ich nicht bemerkt, sondern

steckte das Billett, ohne es weiter zu besehen, in die Tasche. Als ich

zu Karcher kam, empfing mich dessen Frau, da der Mann verreist war, und

wunderte sich, daß man ihr Einquartierung schicke, da sie schon einen

Offizier habe, indem sie aber das Billett umwandte, las sie, was auf der

Rückseite geschrieben stand, und sagte dann zu mir: »Ach, Ihr Herr Vater

ist ein Geschäftsfreund von meinem Mann, ja so, das ist etwas anderes,

darf ich um Ihren Namen bitten?« »Mein Name ist Fröhlich, mein Vater

Kaufmann zu Frankfurt, und hat mir viele Empfehlungen an Herrn Karcher

aufgetragen.« -- »So so, das ist recht schön, zwar entsinne ich mich

nicht, den Namen Ihres Hauses gehört zu haben, doch er wird wohl in

unsern Büchern stehen.« -- Diese Antwort machte mich verlegen, und um

mich aus der Affäre zu ziehen, erwiderte ich: »Vermutlich,« und setzte

hinzu: »Aber es würde sehr unbescheiden sein, wenn ich Ihnen noch zur

Last fallen wollte, da Sie schon Einquartierung haben, ich erbitte mir

also das Billett zurück und werde mich in das Gasthaus verfügen, in

welches man mich zuerst gewiesen, ich glaube es ist der >Schwan<.« --

»Ei, behüte Gott,« fiel jetzt Madame Karcher ein, »das kann ich

nimmermehr zugeben, was würde mein Mann dazu sagen, wenn ich den Sohn

eines Geschäftsfreundes abgewiesen hätte, und zudem genieren Sie uns

nicht im mindesten, wir haben noch zwei Gastzimmer frei.« -- Diese

freundliche Einladung wäre mir schon recht gewesen ohne die verdammten

Bücher, ich stellte mich jedoch, als nähme ich sie an und entfernte mich

unter dem Vorwand, mein Gepäck bringen zu lassen, begab mich aber in

mein Wirtshaus, mich mit diesem Quartier begnügend. -- Ich mochte etwa

eine gute Stunde daselbst sein, als ein junger Mensch eintrat, nach mir

fragte und mir sagte, daß ihn Madame Karcher schicke, in deren Haus er

Handlungsdiener sei, und daß mich die Dame bitten ließ, doch ja in ihrem

Haus vorlieb zu nehmen, man hätte in den Büchern nachgesehen und die

Firma unseres Hauses gefunden. Diesmal hatte mir der Zufall treffliche

Dienste geleistet, ich nahm die gütige Einladung vergnügt an, folgte

sogleich meinem Führer und wurde von der Dame mit vielen

Entschuldigungen, daß sie mich nicht sogleich mit offenen Armen

aufgenommen habe, empfangen. -- Bei Tische mußte ich ihnen viel von

Frankfurt erzählen, wo sie schon einigemal während der Messen waren, und

ich befand mich so wohl bei der Familie, daß ich mich königlich freute,

daß mein etwas unbesonnener Kniff eine so glückliche Wendung genommen

hatte.

Den übrigen Teil des Nachmittags brachte ich damit zu, mich in

Kaiserslautern, das an der Lauter liegt und etwa dreitausend Einwohner

zählen mochte, umzusehen, wo das französische Gouvernement gerade die

alte Kaiserburg Friedrich des Ersten sprengen ließ und die Steine davon

verkaufte! -- Doch waren die Hauptmauern dieser ehemaligen Residenz der

Hohenstaufen so fest und solid, daß sie selbst dem Pulver noch

widerstanden; es tat mir wehe, daß dieses Monument Barbarossas so

vertilgt wurde. Hier war auch früher ein großer Fischteich, den man den

Kaiserwog nannte, in welchem man 1497 einen beinahe zwanzig Fuß langen

und über viereinhalb Zentner wiegenden Hecht fing, den Kaiser Friedrich

der Zweite im Jahre 1230 in diesen Teich setzte, nachdem er ihm einen

goldenen Ring hatte umschmieden lassen, auf welchem in griechischer

Schrift die Worte zu lesen waren, daß ihn der Kaiser den fünften Oktober

zwölfhundertunddreißig in das Wasser getan; er war demnach

zweihundertundsiebenundsechzig Jahre alt, als man ihn fing, billig hätte

man ihn sollen leben lassen, aber Kurfürst Philipp verspeiste ihn an

seiner Tafel. Ich brachte den Abend recht angenehm im Familienkreis der

Damen Karcher zu, denen ich nach dem Abendbrot auf dem Klavier

vorspielte und sang, worüber sie sich entzückt stellten, und wünschte

endlich meinen charmanten Wirtinnen eine freundliche gute Nacht, die mir

zurückgegeben wurde. Ich bedauerte recht sehr die Abwesenheit des Herrn

Karcher, über die ich mich im Innern ebenso sehr freute, nahm herzlichen

Abschied und gab am andern Morgen beim Weggehen den Dienstmädchen ein so

gutes Trinkgeld, daß mein erschlichenes Quartier damit reichlich bezahlt

war, wofür mir nebst dem Dank eine glückliche Reise von freundlichen

Gesichtern gewünscht wurde.

Mein Faktotum Lamertz hatte mir wieder eine Rosinante besorgt und

kündigte mir an, daß sich nicht weniger als sieben Marode bei dem

Detachement befänden, die man auf dem Wagen fortschaffen müsse, dagegen

gab es keine Deserteure und es kamen auch zum erstenmal keine Klagen

wegen Diebereien oder Exzessen vor, obgleich wir einen Rasttag gehabt.

-- Der kurze Marsch nach Landsstuhl war in drei Stunden zurückgelegt,

und da wir so früh daselbst ankamen und ich vollkommen ausgeruht war, so

besuchte ich noch vor Tisch die interessanten Ruinen von Sickingens

Burg, die gleich vor dem Flecken auf einem Berg liegen. Hier hatte einst

Götzens treuer Waffenbruder gehaust und Ulrich Hutten und andern eine

sichere Freistätte gewährt. -- Noch erzählen sich die Landleute der

Umgegend gar manche seltsame Geschichten und Sagen von dem wackern

Haudegen, der Worms, Metz und Trier zittern gemacht, religiöse

Gewissensfreiheit wollte, sich wenig um Kaiser und Reich scherte und als

bloßer Reichsritter Heere von zwanzigtausend Mann befehligte. Hutten

nannte seine Burg »Die Herberg der Gerechtigkeit«. Sein Grabmal wurde

erst 1792 von den Franzosen zerstört. -- In Landsstuhl war ich in der

Post einquartiert, wo diesen Abend gerade ein kleiner Ball von den

Honoratioren des Orts veranstaltet wurde, an dem ich teilnahm und mit

den Töchtern des Hauses tanzte, von denen war die älteste wieder eine

Mimi und ein rotwangiges, hochbusiges Kind, das recht wild walzte und

mir nicht undeutlich zu erkennen gab, daß sie mir nicht gerade abgeneigt

sei; ich hatte große Lust, die Sache weiter zu poussieren, als mir eine

Dame, mit der ich Ecossaise tanzte, zuflüsterte: »Sie haben da an der

Tochter des Posthalters eine Eroberung gemacht, auf die Sie eben nicht

stolz sein dürfen, die Jungfer hat schon ein Hufeisen verloren, Sie

werden leichtes Spiel haben.« Dies kühlte mich zwar etwas ab, indessen

konnte ich mich nicht enthalten, meiner gefälligen Tänzerin, des Maires

Frau, zu erwidern: »Ei, was Sie mir da sagen, wer weiß, wie manche in

denselben Fall gekommen wäre, wenn man es der Mühe wert gefunden hätte,

sie zu versuchen.« -- Nach Mitternacht verließ ich den Tanzsaal, warf

mich angekleidet auf mein Lager und marschierte um sechs Uhr nach

Homburg ab, das mich nur seines Namens wegen interessierte. Hier war ich

zum erstenmal bei einem Juden einquartiert, der mir aber ein so

schmutziges Zimmer und Bett anwies, daß ich mich auf meine Kosten

ausquartierte. -- Auf dem nahen Karlsberg sieht man die Trümmer des

prächtigen Schlosses, das die Herzöge von Zweibrücken mit ungeheuren

Kosten erbaut hatten, und welches erst 1784 vollendet wurde; an fünfzehn

Millionen wurden auf die Anlagen desselben Berges verwendet! Hauchard

hatte es in den Revolutionskriegen in Brand stecken und zerstören

lassen. Auf der linken Seite dieses Berges liegen die malerischen Ruinen

des schon im Dreißigjährigen Kriege zerstörten Schlosses Kirki.

Von Homburg führte uns die Marschroute nach der freundlichen Stadt

Saarbrücken, ehemals die Hauptstadt einer Grafschaft dieses Namens.

Mein Glücksstern führte mich diesmal zu einer wohlhabenden Witwe, deren

Tochter noch nicht lange an einen französischen Employé verheiratet war,

der sich in diesem Augenblick in Dienstgeschäften auf mehrere Tage nach

Zweibrücken begeben hatte, so daß das junge Weibchen Strohwitwe war und

bei der Mama im Haus wohnte. Ich knüpfte eine Unterhaltung mit den

gesprächigen Damen an und hatte bald heraus, daß beide eben nicht

sonderlich von der Heirat mit einem Stockfranzosen eingenommen waren,

der kein Wort deutsch verstand und sich beständig über alles, was

deutsch, mokierte; auch scherzte die Mama über die Strohwitwenschaft des

hübschen Töchterchens. Ich meinte, diesem Übel sei doch wohl noch

abzuhelfen, und bedauerte von Herzen, daß eine so schmucke junge Frau

schon die Erfahrung nächtlicher Langeweile machen müsse. In der Stube

stand ein Klavier, und ich bat die Dame, mich doch etwas von ihrer Kunst

hören zu lassen, sie spielte und sang ein paar kleine Schmachtlieder mit

zwar reiner, aber schwacher Stimme. Während Mama ab- und zuging und sich

mit dem Hauswesen beschäftigte, drückte ich der jungen freundlichen

Strohwitwe die Hand, wagte bald einen Kuß auf die Wangen, dann auf den

Mund und endlich eine Umarmung, bei der ich sie so fest an mich drückte,

daß ich mich vollkommen von der straffen Elastizität zwei schön

geformter Halbkugeln überzeugen konnte. -- Man sträubte sich zwar ein

wenig, machte Miene zum Schreien, aber ich lispelte: »Wo ist Ihr

Schlafzimmer? Darf ich kommen? Es ist ja nur eine einzige, schnell

vorübergehende Nacht, die morgen um diese Zeit, so wie mich selbst, der

Wind verweht hat, und niemand ahnt etwas davon.«

»Mein Zimmer ist eine Stiege hoch, die erste Türe links, aber Sie dürfen

sich nicht unterstehen zu kommen,« stammelte mit hochpochendem Busen und

kaum hörbarer Stimme die junge Frau.

»Aber ich komme doch, schließen Sie nicht ab,« erwiderte ich, sie

abermals umarmend.

»Ich schließe niemals ab, aber Sie dürfen doch nicht kommen.«

Jetzt trat die Mutter wieder ins Zimmer, und ich wiederholte nur noch:

»Doch.« Ich speiste mit den Damen zu Nacht und wünschte ihnen dann wohl

zu ruhen; als aber die Glocke elf schlug und im Hause alles still und

stumm war, da schlich ich mich auf den Zehen und in den Strümpfen an das

bezeichnete Zimmer. Leise, leise drückte ich an die nachgebende Klinke,

öffnete die Tür und hüstelte ein wenig, um meine Gegenwart zu verraten.

»Bist du's, Louise,« hörte ich mit Schrecken die Stimme der Mama und

machte möglichst leise die Türe wieder zu, vor der ich aber stehen blieb

und lauschte, was es weiter gebe.

»Was war denn das? Was soll das heißen? -- Ist jemand da?« hörte ich die

Mutter wiederholen, blieb aber stumm wie eine Statue. -- Als ich endlich

nichts mehr hörte und sich die Alte auch nicht mehr regte, schlich ich

mich fort, überzeugt, daß ich die rechte Tür verfehlt hatte, ich war an

die erste Tür rechts gekommen, von meinem Zimmer aus, das auf dem

nämlichen Gang, also links lag; ich suchte nun die erste Türe rechts von

der Treppe aus, öffnete auch diese so sachte als möglich, und ließ ein

»Bst, Bst!« vernehmen, worauf ein kaum hörbares Stimmchen sagte:

»Mein Gott, wer ist denn da?«

»Ich bin es, holder Engel.«

»Wie?« sagte die Stimme noch leiser, »und Sie sind doch gekommen?«

»Alle Pferde der Welt hätten mich nicht zurückgehalten,« sagte ich

ebenso leise, eilte auf den Ort zu, wo das Stimmchen ertönte, und

verhinderte dessen Lautwerden durch einen Strom der feurigsten Küsse und

eine lange, lange -- Umarmung. -- Erst gegen Morgen verließ ich das

gastfreundliche Zimmer und Ehebett, nachdem ich dem guten Weibchen mit

tausend Küssen ein herzliches Lebewohl gesagt und versprochen hatte,

daß, wenn der Zufall mich wieder in diese Gegend führe, ich gewiß nicht

unterlassen würde, sie zu besuchen. -- Ich sah sie nie wieder. -- Ich

hatte ihr gesagt, daß ich mich zuerst in das Zimmer ihrer Mutter

verirrt, und fürchtete, daß diese etwas gemerkt habe, worüber sie lachte

und ganz naiv sagte: »Ach, wenn Mutter auch etwas gemerkt hat, so tut

sie doch, als hätte sie nichts gemerkt.«

Von Saarbrücken ging der Marsch nach St. Avold, die erste Stadt des

älteren Frankreichs. In dieser Gegend ist das Erdreich so hart und

steinig, daß man, um es umzuackern, acht bis zehn Ochsen oder Pferde vor

einen Pflug spannen muß, auch sah ich hier zum erstenmal auf gut

gesattelten Ochsen reiten. -- Man baut meistens Wein. -- In dem

Städtchen, das etwa 2500 Einwohner zählen mochte, wird nur französisch

gesprochen, und man erlaubt sich hier, so wie überhaupt an der Grenze

von Deutschland, sich über den ehrlichen Deutschen lustiger zu machen,

als im Innern von Frankreich. Sonderbar kam es mir anfänglich vor,

jedermann und auch die untersten Klassen nur französisch reden zu hören.

-- Der nächste Tag führte uns nach Courcelles, ein großes, schön

gelegenes und von Hügeln umgebenes Dorf, wo ich abermals mein Quartier

in einer Schenke mit den Deßwarts teilen mußte. -- Noch ruhte ich auf

der Streu, als der Bursche, den ich dem Lamertz zum Quartiermachen

während der Route mitgegeben hatte, vor mich trat und mir eröffnete, daß

er seinen Kollegen schon seit dem gestrigen Abend vermisse, der samt

seinen Effekten verschwunden, also aller Wahrscheinlichkeit nach

desertiert sei; er habe nichts als die Marschroute zurückgelassen, die

er mir bei diesen Worten zustellte. Daß der Kerl desertiert war,

bezweifelte ich nicht, aber noch ahnte ich nichts von den andern

Streichen, die er gemacht hatte, und die mich schon in unserm heutigen

Etappenort, Metz, in eine arge Patsche bringen sollten. Ich gab dem

andern Burschen, einem ehrlichen Bayer, der ein paar Worte französisch

stottern gelernt, die Marschroute zurück und trug ihm auf, damit nach

Metz vorauszugehen und unsere Ankunft auf der Mairie anzukündigen. --

Eine Stunde darauf setzte sich der Transport in Marsch, von dem außer

Lamertz noch vier andere Burschen desertiert und mehrere marode waren.

Auf einem Halt dieses Marsches kamen die Damen Deßwarts mit den beiden

andern Weibern dieses Transports und deren Männern in einen schlimmen

Konflikt, der für die erstern sehr schmutzig endigte. Seitdem wir auf

altfranzösischem Boden waren, hatten wir statt eines vierrädrigen

Leiterwagens nur zweirädrige Karren für die Bagage und Kranken bekommen,

auf denen natürlich der Raum weit beengter war. Deßwarts, als des

Wagenmeisters Töchter, vom Kapitän-Quartier-Maitre empfohlen und

obendrein von mir protegiert, machten Ansprüche nicht nur auf die besten

Plätze, sondern wenn der Raum zu eng war, wollten sie, um nicht geniert

zu sein, den andern Weibern nicht erlauben, den Karren zu besteigen;

diese, ohnehin schon wegen der Vorrechte, die jene hatten, neidisch,

wurden nun wütend, da sie bei allem Wetter hintendrein zu Fuß laufen

mußten. Als ich auf dem halben Wege nach Metz Halt machen ließ und eines

dieser Weiber etwas von ihren Effekten von den Karren nehmen wollte,

wodurch die Mutter Deßwart, die eben ihr Frühstück, Wurst und Brot,

einnahm, derangiert wurde, ließ diese ein flamändisches Schimpfwort

fallen (Deßwarts waren Flamänder, sprachen jedoch französisch), was die

Deutsche verstand und noch derber zurückgab, worauf sich ein sehr

heftiger Wortwechsel in flamändischer, französischer und deutscher

Sprache entspann, bei dem es an Kraftwörtern der drei Sprachen nicht

fehlte; das andere deutsche Weib und deren Mann hatten sich ebenfalls

darein gemischt und letzterer endlich geschrien: »Was macht man viel

Umstände mit den wälschen H...,« er hob den Vorderteil des Karrens, ihn

bei der Schere fassend, so hoch, daß das Hinterteil, auf dem die fünf

Frauen saßen -- die Pferde waren ausgespannt --, das Übergewicht bekam,

der ganze Kasten das Oberste nach unten kehrte, und alles, was er

enthielt, in eine sehr kotige Pfütze ausleerte, aus der die Mädchen

unter dem Gelächter und Gespötte der Rekruten ganz beschmutzt

hervorkrochen und samt der Mama heulend und fluchend und ihre bittern

Klagen vorbringend zu mir in die Wirtsstube liefen, wo ich mein

Frühstück einnahm. Ich suchte sie möglichst zu besänftigen und zu

beruhigen, was mir hauptsächlich durch ein kopiöses Frühstück gelang,

das ich ihnen auf meine Kosten servieren ließ, ging hinaus, um den Kerl

zur Rede zu stellen, der sich diese Ungezogenheit erlaubt hatte, und

sich damit ausredete, daß er es nicht so gemeint habe, die Schere sei

ihm aus den Händen gerutscht und das Ganze nur Zufall. Ich versprach ihm

jedoch, daß ich ihn zu Metz, wo wir den zweiten Rasttag hatten, für

diesen Zufall würde einstecken lassen, nicht ahnend, daß mir dieses

Schicksal so nahe bevorstehe. -- Nachdem sich die Mädchen gereinigt und

durch reichliches Essen und Trinken gehörig gestärkt hatten, setzten wir

guter Dinge unsern Marsch fort und erblickten gegen Mittag die Türme der

ehemaligen alten Reichs-, jetzt Hauptstadt des Mosel-Departements; bald

marschierten wir zwischen den berühmten Obstgärten dieser Stadt, welche

köstliche Mirabellen, Reineklauden, Aprikosen usw., die treffliche

Konfitüren geben, enthalten, den Toren zu. Aber schon vor einem

derselben erwartete mich der vorausgesandte Quartiermacher und meldete

mir, daß man auf der Mairie beim Durchlesen der Feuille de Route

gewaltig die Köpfe zusammengesteckt und geschüttelt und eine Menge Dinge

gekauderwelscht habe, von denen er kein Wort verstanden, aber es sei ihm

vorgekommen, als wären die Herren sehr bös geworden. Als ich kaum auf

dem Place d'Armes angekommen war und die Appelle gemacht hatte, erschien

ein Adjutant des Platzkommandanten, der mir andeutete, ich habe mich

sogleich zu seinem Chef zu verfügen. Er führte mich auf die

Kommandantur, wo mich der Platzkommandant mit den Worten: »_Ah, Monsieur

le fourrier, vous avez fait des jolies choses_« anfuhr, »_Monsieur le

Sous-Inspecteur va passer la revue de votre detachement, et gare a vous

si vous ne pouvez vous justifier_.« Ich war über diese Anrede sehr

erstaunt und erwiderte: »_que je ne comprenais rien a çela_« usw. Der

Kommandant fiel mir aber ins Wort und sagte: »_Eh bien je veux vous le

faire compendre, vous allez commencer par vous rendre en prison._« Ich

mußte ihm meinen Säbel abgeben und wurde sofort durch den Adjutanten in

das Militär-Stadtgefängnis abgeführt, ohne zu wissen warum und weswegen.

Hier traf ich in einem ziemlich geräumigen Lokal mehrere Unteroffiziere

wegen Dienstvergehen verhaftet, diese kamen bei meinem Eintritt auf mich

zu, hießen mich willkommen und verlangten, daß ich die »_bien venu_«

bezahlen solle. Da ich nicht verstand, was sie eigentlich damit wollten,

so erläuterte mir einer derselben, daß es sich darum handle, sie zu

regalieren, wie dies Brauch und Sitte bei jedem neuen Ankömmling in den

französischen Militärgefängnissen sei, wenn er gut gehalten und

angesehen sein wolle. Ich gab an einen derselben, den man mir als den

Herrn Präsidenten des Prison bezeichnete, weil er schon am längsten in

demselben saß, zwölf Franken, wofür er sogleich Wein, Brot, Wurst und

Käse holen ließ, was den Herren trefflich schmeckte; dann, nachdem ich

ihnen mitgeteilt, wie ich zu der Ehre ihrer Gesellschaft gekommen,

sprachen sie mir Trost und Mut ein und meinten, die Suche müsse sich

bald aufklären. Noch redeten wir darüber, als der Platzadjutant wieder

eintrat und mir befahl, ihm zu folgen. Er führte mich vor den

_Inspecteur aux revues_, der die Rekruten musterte, die in einem Glied

aufgestellt waren, und an die er, die Marschroute in der Hand,

verschiedene Fragen tat, welche alle unbeantwortet blieben, da ihn

keiner der Leute verstand. Als er mich ansichtig wurde, sagte er zu mir:

»_C'est donc vous qui commandez ce detachement?_« »_Oui Monsieur._« »_Eh

bien, vous n'êtez pas blanc._« Er hielt mir nun zornig vor, warum ich

auf jeder Etappe vier Wagen unter dem Vorwand von Kranken und Maroden

requiriert habe, daß ich über sechzig Paar Schuhe in Kaiserslautern

empfangen und keiner der Leute ein Paar ganze Schuhe an den Füßen habe,

daß ich Brot und Quartiere für einige siebzig Mann genommen und doch nur

sechsundfünfzig vorhanden seien, daß sogar die Feuille de Route

verfälscht sei, und er mich von hier weg ins _Cachot_ bringen lassen

wolle, um mich durch ein _Conseil de guerre_ verurteilen zu lassen. Über

alle diese Anschuldigungen war ich wie aus dem Himmel gefallen und wußte

nicht, auf welche ich zuerst antworten sollte; erst als der mich scharf

ansehende Inspekteur hinzufügte: »_Comment à votre àge tant de

perversité, c'est, terrible, cela vous menera droit aux galères!_« bekam

ich die Sprache wieder und erklärte in einem Strom von Worten, daß ich

von allem, was er mir da gesagt, gar nichts verstünde und nicht wisse,

was dies heißen solle, daß ich nie weder Schuhe noch Wagen noch sonst

etwas requiriert und seit dem Abmarsch von Mainz die Feuille de Route

nicht eher als diesen Morgen, wo derjenige, der die Quartiere gemacht,

desertiert sei, wieder zu Gesicht bekommen habe. Der Inspekteur und der

Platzadjutant sahen einander und dann wieder mich an, und ersterer sagte

darauf zum andern: »_Allez chercher un interprête._« -- Dies war in Metz

nicht schwer, und in ein paar Minuten war der Offizier mit einem

Dolmetscher, der ein Jude war, zurück. Durch diesen ließ nun der

Inspekteur die Mannschaft befragen, konnte aber nur von den Deutschen

Auskunft erhalten, da ihn die Polen, Russen, Böhmen und Ungarn natürlich

nicht verstanden. Ich mußte ergänzen, was die Leute gegen Lamertz

aussagten, und der Inspekteur sah bald ein, daß dieser durchtriebene

Spitzbube, der alle Kniffe und Ränke des Soldatenwesens genau kannte,

meine Jugend und Unerfahrenheit benutzt und schändlich mißbraucht hatte,

um sich zum Quartiermacher aufzudrängen und sich Geld zu machen, wo und

wie er konnte. Solange wir durch kleine Städte kamen, war dies eben

nicht schwer, und die Herren Maires ließen sich leicht hinters Licht

führen, statt der requirierten Wagen hatte er sich von den Bürgern oder

Bauern, welche die Fuhren liefern sollten, etwas Geld geben lassen und

so weiter, aber wohl wußte er, daß sich in Metz eine militärische

Inspektion befinde, wo alles genau untersucht würde, und nahm daher im

vorletzten Nachtquartier, gut mit Geld versehen, Reißaus. Wie ich später

erfuhr, hatte man ihn eingefangen, aber er gab sich für einen

entwischten Kriegsgefangenen aus und man ließ ihn wieder laufen; dennoch

entging er seiner Strafe nicht, denn ich traf ihn bald darauf zu Toulon,

wo er wegen noch anderer Verbrechen auf zehn Jahre _aux travaux forcés_

verurteilt war.

Der Inspekteur, den Zusammenhang der sauberen Geschichte wohl einsehend,

tadelte es scharf, daß man einem so jungen und unerfahrenen Menschen,

wie ich sei, einen solchen Transport von aus aller Welt

zusammengerafftem Gesindel zur Führung übergeben habe, und erteilte

Befehl, daß mir von Metz bis Toul, es waren nur noch zwei Etappen, drei

Gendarmen beigegeben wurden, die Burschen, von denen ein halbes Dutzend

im Lazarett zu Metz zurückblieb, in gehörigem Respekt zu halten.

Am andern Morgen traten wir zu meiner großen Zufriedenheit den letzten

Marsch dieses für mich ziemlich beschwerlichen Kommandos an und kamen

ohne weitere Un- oder Zufälle glücklich an dem Ziel unserer Bestimmung,

zu Toul, an, wo ich meinen Transport an den Kommandanten des bereits

formierten ersten Bataillons des Regiments Y. übergab. -- Ich hatte ein

gutes Lehrgeld für meine Unerfahrenheit bezahlt, das mir aber später

zustatten kam.

Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 1 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers · 第 16 / 25 题