IX.

Mainz; seine Geschichte. -- Ich werde zu dem Regiment Y.

versetzt. Formation desselben. -- Die Familie Jung. -- Die

Mitternachtsmessen. -- Eine tödliche Krankheit. -- Das Regiment

erhält Ordre, nach Toul zu marschieren. -- Ich gehe zu meiner

Wiederherstellung auf Urlaub. -- Chasttelers Mätresse, und eine

Nacht im Bären. -- Napoleon hält eine Revue in Mainz. -- Ich

bekomme einen Transport Rekruten nach Toul zu führen.

Mit zwar etwas beklommenem Herzen, aber leichtem Sinn, leichter Bagage

-- mein militärisches Equipement sollte ich erst beim Regiment erhalten

--, ziemlich gefüllter Börse, übrigens frohen Muts verließ ich das

Vaterhaus und setzte mich in den nach Mainz abfahrenden Postwagen. An

meinen solideren Kenntnissen trug ich auch nicht schwer: Geschichte,

Erdbeschreibung und Französisch, das ich gut sprach und schrieb, waren

die einzigen Dinge, die ich ziemlich gründlich kannte, namentlich hatte

ich Plutarch, Cäsar und Titus Livius gut inne; meine Muttersprache, das

Deutsche, sprach und schrieb ich nicht einmal sehr korrekt, ebenso

sprach ich nur schlecht Englisch, und in der Mathematik wie im Zeichnen

hatte ich es auch nicht sehr weit gebracht, eine Hand schrieb ich, daß

es zum Erbarmen war, dagegen aber hatte ich in frivoleren Künsten eine

ziemlich hohe Stufe erreicht; in der Musik, im Klavier und Singen war

ich ein Virtuose, dabei ein guter Reiter und ebenso guter Tänzer.

Von allen meinen Büchern hatte ich nur die, welche von den

Militärwissenschaften handelten, die ich erst kürzlich bekommen hatte,

und sodann noch Schillers Don Carlos und Fiesko, Kramers Adolph der

Kühne, Raugraf von Dassel, dies war mein Homer und Plutarch, und den

Klavierauszug des Don Juan eingepackt und mitgenommen.

In Mainz angekommen, stieg ich im Gasthof >Zur hohen Burg< ab, denn man

hatte mir gesagt, daß sich dort ein allerliebstes Wirtstöchterchen

befände; ich fand mich aber getäuscht, es war eine zwar jugendliche,

frische, rotwangige, aber ziemlich derbe Schönheit, für die ich in

meinem Leben nie inklinierte, blieb indessen vorerst da wohnen. Am

nächsten Morgen stellte ich mich meinem Regimentschef vor, der mich

wohlwollend empfing und einer Kompagnie zuteilte. Der Dienst des kaum

errichteten Regiments war noch nicht geregelt, und ich hatte vorderhand

nichts weiter zu tun, als mich bei den Appellen einzufinden, benutzte

deshalb die müßige Zeit, um mich in dem alten Mainz umzusehen, und nahm

bei einem Ingenieuroffizier Unterricht in der praktischen Feldmeßkunst

und Fortifikation sowie bei einem Unteroffizier-Maitre-d'Arme

(Fechtmeister) in der Fechtkunst, denn mir ahnte, daß es mir an Händeln

der besten Sorte nicht fehlen würde. Glücklicherweise war damals kein

Theater in Mainz, das mich von meinen Berufsstudien hätte abwendig

machen und zu sehr zerstreuen können.

In Mainz war es zwar sehr lebendig, denn die Festung wimmelte von

Militär jeder Waffengattung, aber die Stadt bot doch im ganzen einen

traurigen Anblick. Überall stieß man noch auf die Spuren der letzten

schweren Belagerungen, Häuser, Klöster und Paläste lagen teilweise in

Ruinen, das Dalbergsche Palais, die drei Schweinsköpfe genannt, alle

Gebäude am sogenannten Höfchen, wo die schöne tempelartige St.

Sebastianskapelle, die alte Jesuitenkirche stand, waren zum Teil halb

abgebrannt oder ganz von Kanonenkugeln zerschossen, und selbst der Dom

hatte ein melancholisches Ansehen, seine Türme waren dach- und

fensterlos. Das kurfürstliche Schloß war jetzt der Aufenthalt des

Jammers und Elends, und in den prächtigen Prunkgemächern, wo früher die

glänzendsten Feste gefeiert wurden, standen längs den kahlen Wänden

Krankenbetten, in denen oft unheilbare Kranke und Verwundete ihr Dasein

verfluchten; die Fürstenwohnung war ein Lazarett geworden. Noch stand

die alte Martinsburg, die vierzehnhunderteinundachtzig Erzbischof

Diether erbaut hatte, aber, öde und leer, fenster- und türlos, war sie

der Aufenthalt von Eulen, Uhus und Unken und wurde bald darauf (1806)

von den Franzosen abgerissen. Das merkwürdige alte Kaufhaus, unter

Kaiser Ludwig von Bayern (1314-1317) erbaut, eines der seltsamsten und

kostspieligsten Denkmäler jener Zeit, war ebenfalls noch vorhanden (das

französische Gouvernement ließ es 1812 demolieren), und im deutschen

Ordenshaus wohnte ein französischer General. Eine meiner

Lieblingspromenaden war nach der hoch und herrlich liegenden uralten

Stephanskirche, zu der man durch einsame Mauerstraßen und Weingärten, an

alten Gebäuden vorüberkommend, gelangte. Aber nirgends war ich heiterer,

als wenn ich, auf der langen Rheinbrücke stehend, nach Bieberich und dem

Rheingau hinabblickend, den kristallgrünen Wellen des majestätischen

Stromes folgte und mich in diesem Anschauen verlor. Es gibt nicht leicht

eine großartigere, das Gemüt mehr erhebende Ansicht als die, wo der alte

Vater Rhein in seiner größten Breite die schönsten Gauen Deutschlands,

zwischen lachenden Weinbergen und sich türmenden Felsgebirgen,

hinabwogt. Noch eine lange Strecke sieht man die Fluten des

schmutziggelben Mains, dem einige überpatriotische Poeten eine blonde

Farbe angedichtet, in den grünen des Rheins, die sich nur ungern und

widerstrebend endlich mit ihnen zu mischen scheinen, abgesondert

dahinströmen.

Den schönsten Anblick gewährt aber Mainz von den Hochheimer Höhen herab;

hier übersieht man die herrliche Lage der uralten, ehedem golden

genannten Stadt und ihre Türme, Kirchen, Hügel und schönen Anlagen mit

einem Blick, sie liegt gleich einem zu unseren Füßen aufgerollten

Gemälde vor den freudig bewundernden Augen.

Bis zur französischen Revolution war der kurfürstliche Hof zu Mainz

einer der glänzendsten Deutschlands, und die älteren Mainzer, die ihn

noch gekannt, wußten mir nicht genug von dessen Pracht und Herrlichkeit

zu erzählen. Man war auch sehr freigebig gegen die Armen, und auf der

schönen kurfürstlichen Favorite, einem Lustschloß mit einem großen Park

auf einer Anhöhe am Rhein, das während der Revolutionskriege zerstört

worden war, wurden fast täglich Dürftige gespeist. Auch in den

überreichen Klöstern konnte sich der Arme jeden Mittag eine warme Suppe

holen, was freilich kein großes Verdienst war, da die im Überfluß

schwelgenden feisten Pfaffen das Mark des herrlichsten Landes von Europa

verzehrten, das sie inne hatten, und die abfallenden Brosamen noch

lieber an wohlgenährte Hunde als an die bittere Armut verschenkten. Aber

nachdem die fetten Klostergüter in arbeitsame und industriöse Hände

übergingen, verschwand das ekelhafte Heer der Bettler, und das Auge

wurde bald ebensowenig mehr durch den Anblick des schmutzigsten Elends

als durch den der trägen widerlichen Schmerbäuche, der gemästeten

kupferroten Vollmondsköpfe, der Pfaffen, beleidigt.

Unter den mancherlei Bekannten, die ich in meinen freien Stunden

besuchte, das französische Exerzitium, das wir jetzt zweimal des Tages

mit großem Eifer auf dem Glacis der Zitadelle betrieben, nahm täglich

vier bis fünf Stunden in Anspruch, war es hauptsächlich das Haus des

Hofrats Jung, unseres alten Familienfreundes, bei dem ich schon bei der

Reise zu Schinderhannes Hinrichtung logiert hatte, das mich am meisten

anzog. Dies war eine höchst achtungs- und liebenswürdige Familie,

welche, in guten Vermögensumständen sich befindend, besonders den

Wissenschaften und Künsten huldigte. Der älteste Sohn Eduard

beschäftigte sich mit Malerei, die Töchter Mimi und Agnes mit Musik,

Zeichnen und auserwählter Lektüre, zwei kleinere Jungens besuchten noch

die Schule. Der Vater, ein hochwissenschaftlich gebildeter und sehr

vorurteilsfreier Mann, Witwer, widmete sich fast ausschließlich der

Erziehung seiner Kinder. Die Abende in diesem Haus wurden meistens in

einem vertrauten Familienkreis, abwechselnd mit kritisierenden

Unterhaltungen über die neuesten ausgezeichnetsten literarischen

Erzeugnisse, mit Vorlesungen, Musik, Deklamation und so weiter auf das

angenehmste hingebracht. Bisweilen verlor man sich auch in das Feld der

Politik, das damals unermeßlichen Stoff bot, jedoch nur, wenn man so

ganz unter sich war, denn es war sehr gefährlich, sich über das Treiben

des damaligen allmächtigen Gewalthabers und seine Staatskunst selbst nur

bescheiden auszulassen, und nicht ratsam, seine Meinung offen zu äußern.

Ich selbst war indessen zu jener Zeit ein blinder Verehrer des

neugebackenen Kaisers, in dem ich einen zweiten Cäsar erblickte, seine

glänzenden Siege hatten auch mich wie so viele tausend andere

verblendet, Jung aber fällte sehr richtige Urteile über den korsischen

Machthaber, die sich auch später vollkommen bewährten und die ich

beinahe als in einem prophetischen Geist gesprochen ansehen möchte. Was

aber diesen unterhaltenden Abenden den meisten Reiz verlieh, war die

älteste Tochter des Hauses, Mimi, ein Mädchen, das bei körperlicher

Schönheit unendlich geistige Reize besaß und bald der Gegenstand meiner

innigsten Verehrung ward, ohne daß ich gerade ein sinnlicheres Vergnügen

als ihre Unterhaltung gewünscht oder begehrt hätte.

Vier Wochen mochte ich ungefähr in Mainz sein, dessen heitere,

lebenslustige und muntere Bewohner mich weit mehr ansprachen als die

griesgrämigen besorglichen Prozentgesichter meiner Vaterstadt, als mich

eines Morgens mein Oberst zu sich rufen ließ und mir eröffnete, daß

meine Familie wünsche, ich möchte in das Regiment treten, welches Fürst

Y... im Begriff sei, für den Kaiser der Franzosen zu formieren, und daß

er, wenn mir dies angenehm sei, nichts dagegen habe, ob er gleich

glaube, daß ich in seinem Regiment wohl ebenso gut und vielleicht noch

besser als in dem des Fürsten mein Glück machen würde. Ich erwiderte

hierauf, daß ich dies meinen Eltern überlassen wolle. Mir war die Sache

ziemlich gleichgültig, obgleich das Regiment Latour schon einen großen

Vorsprung hatte und beinahe organisiert war; indessen versprach ich mir

doch eine angenehmere Existenz im Regiment Y., in dem ich alte Bekannte

aus Offenbach anzutreffen hoffte, auch sagte mir dessen Uniform

(hellblau mit gelbem Kragen, weißem Paspel und Silber) mehr zu, als die

dunkelgrüne mit Rot des Regiments Latour d'Auvergne. Noch denselben Tag

erhielt ich einen Brief von meinem Vater, in welchem er mir meldete, daß

er den folgenden Tag nach Mainz kommen würde, um mich dem Fürsten Y.,

bei dem schon alles eingeleitet sei, und der in den >Drei Reichskronen<

logiere, vorzustellen. Gegen Mittag des bestimmten Tages kam mein Vater

an, und wir machten sogleich unsere untertänigste Aufwartung bei Seiner

Durchlaucht. Der Fürst war außerordentlich gnädig, erbot sich sogar,

mich sogleich mit Unterleutnantsrang anstellen zu wollen, was mein Vater

sich gehorsamst verbat, indem er wünschte, daß ich von der Pike auf

dienen solle, was indessen gar nicht tunlich war, aus dem einfachen

Grunde, weil, außer einem Dutzend designierter Offiziere, das Regiment

erst auf dem Papier vorhanden war. Der Fürst erteilte mir daher den Rang

eines Furiers und verwies mich an den Kapitän Quartier-Maitre, Herrn

Viriot, einen äußerst humanen und liebenswürdigen Mann, um einstweilen

in dessen Bureau zu arbeiten und mich mit der militärischen

Komptabilität zu befreunden.

Fürst Y. setzte alles in Bewegung, das Regiment möglichst bald zu

formieren und vollzählig zu machen, was um so schwieriger war, da keine

Franzosen in demselben aufgenommen werden durften, was aber nicht so

genau genommen wurde; indessen würden doch Jahre damit hingegangen sein,

wenn nicht besondere Ereignisse die Komplettierung schnell möglich

gemacht hätten. Erst ganz kürzlich hatte der Krieg mit Österreich (1805)

begonnen, und soeben hatten dreiunddreißigtausend Mann Österreicher mit

sechzig Kanonen, vierzig Fahnen, achtzehn Generälen und so weiter bei

Ulm das Gewehr gestreckt und sich zu Gefangenen ergeben. Aus diesen

Gefangenen rekrutierte man nun so viel als möglich für das Regiment Y.,

wobei man sich mitunter der gewissenlosensten Kunstgriffe und Kniffe

bediente, indem man die Leute betrunken machte und ihnen Gott weiß was

alles vorspiegelte, um sie zu bewegen, französische Dienste zu nehmen,

ihnen großes Handgeld versprach, sechzig bis hundert Franken, das sie

nie erhielten, und so weiter. Im übrigen hatten es diese Leute weit

besser in französischer Gefangenschaft, wo sie alle mögliche Freiheit

genossen, auf Arbeit gehen durften, gut genährt waren und so weiter, als

in ihrem früheren Dienst. Noch weit schlimmer spielte man später den bei

Austerlitz gefangenen Russen und Österreichern mit, um sie zu vermögen,

Dienste bei den französischen Fremdenregimentern zu nehmen. Man zwang

sie durch den Hunger dazu, indem ihnen die vom Gouvernement zugedachten

Portionen von den mit diesen Austeilungen beauftragten Beamten, im

Einverständnis mit den Werbern, so sehr geschmälert wurden, daß sie

unmöglich dabei bestehen konnten und der ärgste Feind des Menschen, der

Hunger, sie nötigte, zu dienen, um sich zu sättigen. Fürst Y. selbst

hatte diese Schändlichkeiten zwar nicht befohlen, war aber schwach

genug, denen, die sie begingen und die von jedem angeworbenen Mann zehn

Franken erhielten, durch die Finger zu sehen; obendrein wurden die armen

Teufel noch um das ihnen versprochene Hand- oder besser Blutgeld

geprellt, das größtenteils nichtswürdige Speichellecker, die sich dem

Fürsten angenehm zu machen gewußt, unterschlugen und einsteckten. Fürst

Y. hatte den Fehler begangen, viele Offiziere ohne weitere Prüfung und

oft auf sehr verdächtige Empfehlungen hin bei dem Regiment anzustellen,

wodurch gar manche nichtswürdige Subjekte in dessen Reihen figurierten,

die wegen allerlei schlechter Streiche, Betrügereien und so weiter aus

anderen Korps fortgejagt worden waren, wodurch das Regiment in sehr

üblen Ruf kam. So war zum Beispiel ein gewisser Wable, ein ehemaliger

Douanenleutnant, den man wegen Diebstahl zum Teufel gejagt und der nur

mit genauer Not der Galeere entgangen war, als Adjutant-Major

angestellt; der Kerl hatte ein so widrig konfisziertes Gesicht und

Äußeres und stand in einem so abscheulichen Ruf, daß man ihn sogar in

öffentlichen Gast- und Kaffeehäusern nicht mehr hatte dulden wollen,

allein er hatte dem Fürsten Y. gewisse geheime, eben nicht sehr

ehrenvolle Dienste erwiesen, weshalb er sich dessen Protektion zu

erfreuen hatte. Als er später einen Teil der Löhnung der Rekruten

unterschlug, kamen bei dieser Gelegenheit seine anderen Streiche zur

Sprache, und er mußte dennoch fort, sich wo anders hängen zu lassen.

Später säuberte sich das Regiment allerdings nach und nach von seinem

Unkraut, aber der böse Ruf war einmal da und nicht so leicht

auszumerzen, besonders da auch die aus aller Welt zusammengerafften

Soldaten es nicht an Exzessen aller Art fehlen ließen.

Mein Dienst wollte immer noch wenig sagen, obgleich das erste Bataillon

von einem Bataillonschef namens Düret kommandiert, der früher Hauptmann

und Generalissimus des vierzig Mann starken Heeres des Fürsten Y. und

dessen Günstling gewesen, bereits vollständig und ich der ersten

Kompagnie desselben zugeteilt war, aber es war weder gekleidet noch

bewaffnet und konnte also nicht einexerziert werden. Auf dem Bureau des

Quartiermeisters brachte ich des Tags nur wenige Stunden zu, hatte die

übrige Zeit so ziemlich für mich, meine Studien und andere

Angelegenheiten und benutzte sie bestens. Das Jungsche Haus

frequentierte ich fortwährend, Mimis Umgang wurde mir täglich teurer,

obgleich er ganz platonischer Art war, vielleicht gerade deshalb, auch

schien ich dem liebenswürdigen Mädchen nicht zu mißfallen, und wir

brachten manche Stunde mit wissenschaftlicher Unterhaltung oder

vierhändige Sonaten spielend zu. Da mir indessen mit einer bloß

geistigen Liebe nicht gedient war, so suchte ich mich anderwärts dafür

zu entschädigen und fand auch bald, was ich suchte. Mimis älterer Bruder

hatte mich in Tanzstunden eingeführt, die im Schröderschen Kaffeehaus

wöchentlich einigemal gegeben wurden, und hier lernte ich wieder eine

Henriette, die Tochter vom Haus, und eine Luise, eine Anverwandte des

Kaufmanns Kretzinger, bei dem sie sich aufhielt, kennen. Beide Mädchen

waren katholisch, und bald war ich so weit mit ihnen, daß wir uns in den

einsamen Kreuzgängen der abgelegenen Stephanskirche sprachen und dann

auch deren Turm bestiegen, um der herrlichen Aussicht, die man von

demselben in die paradiesische Umgegend von Mainz hat, teilhaftig zu

werden.

Als das Weihnachtsfest herangekommen war, verabredete ich mit Luise, uns

bei der Mitternachtsmesse in der Quintinskirche zu treffen, während mich

Henriette in die St. Stephanskirche beschied, ich selbst jedoch dieser

Feierlichkeit gerne im Dom, wo der Bischof fungierte und sie am

glänzendsten begangen wurde, beigewohnt hätte. Es gelang mir indessen,

die den beiden Mädchen gemachten Versprechungen zu erfüllen und auch das

Ende der Feierlichkeit im Dom zu sehen, auch hatte ich im Vorübergehen

sogar noch einen Blick in die Emeranskirche geworfen. Nachdem ich in St.

Quintin einige Minuten neben Luise gekniet, ihr die Hand gedrückt und

ein paar Worte zugeflüstert hatte, verlor ich mich nach St. Stephan und

kniete hier neben Henriette, betete mit ihr ein kleines Weilchen und

ward wirklich von dieser mitternächtlichen Feier der Geburt des

Christuskindes ergriffen, daß ich den eigentlichen Zweck meines

Herkommens ganz vergaß und, von der Feier des Gottesdienstes

hingerissen, nicht mehr an die neben mir kniende Schöne dachte, die

ohnehin in Begleitung einer Tante der Feier beiwohnte. Als der größte

Teil derselben vorüber war, flüsterte ich ihr eine >Gute Nacht< zu und

eilte in den Dom; hier fand ich die weiten, düster beleuchteten Hallen

sehr öde, nur hier und da kniete eine vermummte Gestalt einsam und

verlassen, während die anderen Kirchen zum Erdrücken voll waren, und nur

der Chor war belebt und mit einem Heer von Geistlichen aller Grade

angefüllt, an deren Spitze der Bischof in seinem Ornat fungierte; ich

war kurz vor der Beendigung der Messe angekommen. In diesem Tempel war

der Eindruck auf mich ein ganz anderer als zu St. Stephan, das ganze

hatte etwas schauerlich Unheimliches; zum erstenmal in meinem Leben

hatte ich einem solchen nächtlichen Gottesdienst beigewohnt und konnte

lange die Bilder nicht aus meiner Phantasie verdrängen. Diese Feier

hatte von jetzt an immer etwas Anziehendes für mich, und ich versäumte

nie, ihr beizuwohnen, wenn sich Gelegenheit dazu bot.

Acht Tage später wurde zur Feier der Neujahrsnacht ein großer Ball in

dem Schröderschen Kaffeehaus veranstaltet, den auch der Marschall

Lefebre und sein ganzer Generalstab mit ihrer Anwesenheit beehrten und

dem ich, obgleich mich sehr unwohl fühlend, dennoch in Zivilkleidern

beiwohnte; denn ich konnte unmöglich die mit meinen liebenswürdigen

Freundinnen eingegangenen Engagements versäumen und hatte zudem eine

neue Intrigue mit einer sehr pikanten Französin, der Frau eines

Kriegskommissars, Madame Nellier, angeknüpft, von der ich mir viel

Unterhaltung versprach. Das Schicksal wollte es anders: schon nach ein

paar Quadrillen fühlte ich mich so unwohl, daß ich gezwungen war, den

Ball zu verlassen; kaum zu Hause angekommen, rüttelte mich ein starkes

Fieber, das in eine schwere, hitzige Krankheit, einen Lazarett-Typhus

ausartete, den ich mir im Dienst durch Ansteckung zugezogen hatte. Immer

noch auf dem Bureau des Quartier-Maitre arbeitend, wurde mir häufig der

Auftrag, die aus den Gefangenen angeworbenen Rekruten zur körperlichen

Visitation zu dem Regimentsarzt zu führen, wo sie sich ganz nackend

auskleiden mußten, und dann diejenigen, die krank befunden wurden, in

das Lazarett zu bringen, wo dieser Typhus herrschte und sehr viele Leute

und auch manche Einwohner von Mainz wegraffte. Hierdurch hatte ich mir

aller Wahrscheinlichkeit nach die Krankheit zugezogen, die mich in

zweimal vierundzwanzig Stunden an den Rand des Grabes brachte. Als der

Fürst Y. von meinem Zustand unterrichtet war, befahl er, daß man mich

sogleich ins Lazarett schaffen solle, wo ich durch seine Vermittlung in

den Offizierssaal gebracht wurde, in dem noch am nämlichen Tage ein

Dragonerrittmeister, mein nächster Bettnachbar, an derselben Krankheit

starb. Gerade nach dem Tag, als man mein Ende erwartet hatte, öffnete

sich gegen mittag die Tür unseres Zimmers, und mein guter Vater trat mit

bekümmerter Miene an mein Bett; er schien mir ein tröstender Retter, tat

alles, was er konnte, mir Mut einzusprechen, und brachte jeden Tag

zweimal mehrere Stunden an meinem Krankenlager zu, so lange er sich in

Mainz aufhielt; erst als ich außer aller Gefahr war, reiste er ab, mich

reichlich mit Geld und was ich bedurfte versehend. Etwas hatte für den

Augenblick denn doch diese Krankheit und der Anblick der Sterbenden um

mich herum, meinen angeborenen Leichtsinn verscheucht, der aber mit dem

allmählichen Besserwerden sich auch wieder einstellte. Auch Hofrat Jung,

der wider mein Wissen und meinen Willen meine Krankheit an meine Eltern

berichtet hatte, besuchte mich einigemal, und das Bild seiner holden

Tochter Mimi war das einzige, das mich in dieser Periode fast immer

umschwebte, während mir alle anderen ganz aus dem Sinn gekommen waren;

auch mein Kapitän, St. Jüst, ein sehr guter Mann und ein Verwandter des

Verfassers des Librettos des Kalifen von Bagdad, des Johann von Paris

und noch so mancher anderen Stücke, dem mich mein Vater noch besonders

empfohlen, kam einigemal, um nach mir zu sehen.

Während ich noch rekonvaleszent im Lazarett lag, erhielt das Regiment

Befehl, sich binnen wenig Wochen marschfertig zu machen, um seine

endliche Formation in Toul in Lothringen zu vollenden. Der Grund hiervon

war, daß viele der neuangeworbenen Rekruten ein paar Tage nach ihrem

Engagement mit den erhaltenen Effekten wieder über die Rheinbrücke

gingen und desertierten, was ihnen in Toul nicht so leicht war. Ich

erhielt jedoch, nachdem ich das Lazarett verlassen hatte, einen Urlaub

von vierzehn Tagen, den sich mein Vater vor seiner Abreise von dem

Fürsten erbeten, um meine völlige Wiederherstellung im elterlichen Hause

abzuwarten.

Noch sehr schwach verließ ich das Krankenhaus, das früher das

Schönbornsche Palais am Tiermarkt war, in welchem zu den kurfürstlichen

Zeiten so manches Prunkfest gefeiert worden, und das sich jetzt in die

Herberge des Elends umgestaltet hatte, und bezog wieder meine Wohnung in

der >Hohen Burg<. Mein erster Besuch war bei Jung, dem ich

freundschaftlich vorhielt, daß er an meine Eltern geschrieben, denen ich

keine unnötige Sorgen habe machen wollen, sie sollten meine Krankheit

erst nach überstandener Gefahr oder nach meinem Tod erfahren. Mimi

schien über meinen Anblick zu erschrecken, ich sah noch sehr leidend und

elend aus, mit einem: »Ach, mein Gott!« eilte sie auf mich zu, faßte

mich bei der Hand und sagte endlich: »Dank dem Himmel, daß Sie dem Leben

wiedergeschenkt sind, lieber Freund, wir waren recht bange um Sie.« In

diese Worte legte sie einen nicht zu beschreibenden Ausdruck. Als wir

uns bald darauf allein im Zimmer befanden, fiel sie mir um den Hals und

gestand mir mit Tränen, daß sie recht sehr besorgt um mich gewesen; ich

drückte sie innig an mich, und Brust an Brust wechselten wir

minutenlange Küsse; erst durch das Kommen ihrer Tante wurden wir aus

unserem Vergessen erweckt. -- Meine Abreise nach Frankfurt war schon auf

den nächsten Morgen festgesetzt, was das liebe Geschöpf viel zu frühe

fand und meinte, sie würde mich nicht mehr wiedersehen. Ich lächelte bei

diesen Worten der blühend schönen Jungfrau, die behauptete, eine nur zu

sichere Ahnung sage es ihr, und klagte, daß sie sich schon seit einigen

Tagen nicht ganz wohl befinde. Indessen konnte ich meine Abreise

unmöglich länger aufschieben; Mimi veranlaßte, daß man mich für diesen

Abend zum Essen einlud und ersuchte mich, doch ja beizeiten zu

erscheinen, da dies der letzte Abend sei, den wir in diesem Leben

zusammen zubringen würden. Nochmals lächelnd, versprach ich gerne, was

das liebe Mädchen wollte, kam schon mit einbrechender Nacht wieder und

brachte noch ein paar selige Stunden mit ihr am Klavier zu, wo wir

abwechselnd vierhändige Sonaten spielten und uns küßten. Um zehn Uhr

nahm ich mit bewegtem Herzen Abschied von der gastfreundlichen Familie

und fuhr am andern Morgen nach Frankfurt ab.

Meine guten Eltern hatten mich erwartet und empfingen mich wie einen vom

Tode erretteten Sohn mit unendlicher Liebe und Wohlwollen; nachdem man

mich nach den geringfügigsten Umständen meiner Krankheit und deren

Behandlung mit großer Teilnahme gefragt hatte, fiel meine Mutter

plötzlich mit den Worten ein: »Sieh, lieber Ferdinand, wärest du

Kaufmann geworden oder hättest studiert, so wäre dir dies gewiß nicht

begegnet,« und meinte, daß, wenn ich wolle, es noch Zeit sei,

umzusatteln und in das ruhige bürgerliche Leben zurückzukehren. Der

Meinung waren auch mehrere meiner Verwandten, ich aber beharrte darauf,

beim Militär zu bleiben, hoffend, unter Napoleon eine recht glänzende

Karriere zu machen, und lehnte alle Einladungen eines Heeres von

wißbegierigen Vettern und Basen ab, die mich gerne zu Tode gefüttert

hätten, um ihre löbliche Neugierde zu befriedigen.

Zehn Tage mochte ich etwa im Vaterhaus sein, als meinem Vater gerade bei

Tische ein schwarz gesiegelter Brief übergeben wurde, der, die Adresse

lesend, erschrocken ausrief: »Mein Gott, das ist ja vom Hofrat Jung!«

Auch ich entsetzte mich, und ehe wir uns recht besinnen konnten, sagte

mein Vater, nachdem er einige Zeilen durchlaufen, mit bebender Stimme:

»Mein Gott, Jungs Tochter, die Mimi, ist an derselben Krankheit

gestorben, die Ferdinand gehabt.« -- Ich ward leichenblaß, stand mit

verhülltem Gesicht vom Tisch auf und es war mir in diesem Augenblick,

als schwebe die verklärte Engelsgestalt dieses Mädchens an meinem Auge

vorüber. Nachdem ich mich ein wenig erholt, erzählte ich meinen Eltern,

ohne ihnen jedoch das nähere Verhältnis mitzuteilen, was mir das Mädchen

beim Abschied versichert hatte, worüber sie, namentlich meine Mutter,

höchst erstaunt waren. Sie meinten, ich könne die Krankheit in dieses

Haus gebracht haben, was wenigstens möglich war und uns viel Kummer

verursachte, da der gute Jung so schrecklich für sein Wohlwollen belohnt

wurde.

Die Zeit meines Urlaubs war um, und zum zweitenmal nahm ich vom

Vaterhaus und der ganzen verwandtschaftlichen Sippschaft einen

herzbrechenden Abschied; manche von ihnen glaubten, daß Toul schon außer

der Welt liege, aber Sophia von La Roche meinte, sie würde es noch

erleben, mich mit Generalsepauletts geschmückt zurückkehren zu sehen.

Nochmals reichlich mit Mutterpfennigen versehen, bestieg ich den Mainzer

Postwagen, in dem ich nur einen einzigen Passagier, und zwar ein

zierliches, niedliches junges Mädchen, antraf, mit der ich bald eine

interessante Unterhaltung anknüpfte und von der ich erfuhr, daß sie die

Geliebte des damals sich in Hanau aufhaltenden Marquis von Chastteler

sei und auf acht Tage nach Mainz gehe, um ihre daselbst wohnenden

Eltern, ganz ehrsame Bürgersleute, zu besuchen. Nichts war wohl

geeigneter, meine durch den Abschied und Mimis Tod etwas düsteren

Gedanken zu verscheuchen, als eine so hübsche Gesellschafterin

_tête-à-tête_ in dem engen Raum eines Postwagens; auch kam mir die Reise

trotz des Schneckenganges eines Postwagens jener Zeit gewaltig kurz vor.

In Hattersheim, wo umgespannt wurde, nahmen wir ein kleines, aber

fröhliches Mahl ein, nach dem wir uns wieder vergnügt in den alten

Rumpelkasten sperren ließen, und waren bald einverstanden, daß wir unter

dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit -- denn käme es an den Tag,

so wäre Susannchen, so hieß die kleine Lose, um ihre Stelle bei dem

Herrn Marquis gekommen -- beide in Kassel im >Schwarzen Bären<

übernachten wollten, wo wir uns zwar zwei Zimmer, die jedoch im Innern

miteinander kommunizierten, geben ließen. Erst gegen mittag des andern

Tages gingen wir müde und ermattet über die Rheinbrücke, wo ich Susanna

an das Haus ihrer Eltern begleitete, und beim Abschied das Geheimnis zu

wahren und sie zu besuchen versprach; ich hielt in beiden Wort, bis

Chastteler längst verfault, und die Götter mögen wissen, was aus Susanna

geworden ist. Die nächste Nacht schlief ich wieder allein in meiner

hohen Burg und zwar so vortrefflich, daß mich schwerlich eine Kanonade

aus dem Schlaf geweckt haben würde. Ich meldete nun meine Zurückkunft

dem sich noch immer in Mainz befindlichen Quartier-Maitre Viriot, der

mich recht freundlich bewillkommte und mir ankündigte, daß in einigen

Tagen ein Transport von etwa sechzig Mann Rekruten zum Regiment abgehen

müsse, den er mir zur Führung übergeben würde, da ich der einzige jetzt

noch in Mainz vorhandene Unteroffizier desselben sei. Ich fühlte mich

hierdurch nicht wenig geehrt und besuchte einstweilen meine Mainzer

Bekannten; aber mit beklommenem Herzen und nicht ohne ein peinliches

Gefühl von Wehmut betrat ich das Haus des Hofrats Jung, denn ich hielt

es für ziemlich gewiß, die Ursache des Todes dieses hoffnungsvollen

Mädchens zu sein, deren Schwester Agnes ich ebenfalls leidend, sowie

Vater und Brüder sehr angegriffen fand. Jetzt glaube ich es aber nicht

mehr, denn ich bin bis zu einem gewissen Grad Fatalist geworden. Nur

zweimal wiederholte ich diesen Besuch vor meiner Abreise, dagegen fand

ich mich desto häufiger bei Susanna ein, die aber auf Befehl ihres

hochgebietenden Herrn Marquis noch früher als ich Mainz verlassen und

nach Hanau zurückkehren mußte.

In Mainz hatten sich unterdessen immer mehr Truppen von allen

Waffengattungen gesammelt, deren Bestimmung jedermann noch ein Rätsel,

da der Friede mit dem fast vernichteten Österreich so gut wie

geschlossen war. Wenige Tage vor meinem Abmarsch kam der allgemein

bewunderte Sieger, Kaiser Napoleon, nach Mainz und ließ die hier und in

der Umgegend liegenden Truppen die Musterung passieren. Hier sah ich den

Helden des Jahrhunderts zum erstenmal, und zwar ganz bequem in der Nähe,

indem ich ihm Schritt vor Schritt folgte, als er die lange Front der auf

der großen Bleiche und dem Schloßplatz aufgestellten Truppen hinabritt

und deren Reihen musterte. Ich hörte, wie er hie und da einem Inspekteur

oder Stabsoffizier eine mißfällige Bemerkung ziemlich schonungslos

machte, sah, wie er bei manchem alten Soldaten, der das Zeichen seiner

Tapferkeit im Angesicht trug, ein paar Augenblicke verweilte, sich

erkundigend, wo und bei welcher Gelegenheit er die Schmarren und Wunden

davongetragen. Er versicherte die Truppen, daß sie bald Gelegenheit

erhalten sollten, sich neue Lorbeeren zu erwerben, worauf ein ungestümes

»_Vive l'Empereur_« wie ein Lauffeuer durch die Reihen donnerte.

Ich muß gestehen, daß mich Napoleons Äußeres nicht befriedigte,

namentlich verriet seine Gestalt und seine Haltung eben nicht, was man

sich gewöhnlich unter einem Helden vorstellt, sie hatte nichts

Majestätisches, ja nicht einmal etwas Edles, dagegen war sein Blick so

finster imponierend, daß er mehr erschreckte als anzog, hatte aber für

die Soldaten dennoch etwas Aufmunterndes, so daß derselbe auf den, der

ihn einmal gesehen, auch noch in seiner Abwesenheit einen magischen

Einfluß ausübte und ihm gleich einem leitenden Genius bei den ernsten

Waffentaten und Kämpfen vorschwebte und begeisterte.

Zwei Tage nach dieser interessanten Musterung erhielt ich die Feuille de

Route für mich und meinen Transport und trat mit demselben den Marsch

nach Toul an, nachdem ich die Nacht vorher noch einen brillanten

Maskenball in spanischem Kostüme beigewohnt und mit Louise und Henriette

die Abschiedswalzer getanzt hatte.

Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 1 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers · 第 15 / 25 题