Abermaliger Aufenthalt in Homburg vor der Höhe. -- Diverse
Amoretten. -- Ich gebe den Schauspieler auf, um Soldat zu werden.
-- Glänzende Folgen einer Ohrfeige. -- Eine Hanauer Zopfparade.
-- Ich trete in französische Dienste.
Die Pfarrwohnung meines Oheims lag klösterlich abgeschieden im
Hintergrund eines Hofes und hatte einen noch einsameren Garten, ganz
geeignet, sich in aller Ruhe und Stille allerlei Meditationen
hinzugeben. Die Fenster des mir angewiesenen Zimmers gingen in diesen
Garten und gestatteten mir die Aussicht in einen anderen benachbarten,
den des zweiten lutherischen Pfarrers, Herrn Schneider. Den Morgen nach
meiner Ankunft packte ich die mitgenommenen Bücher aus, beinahe lauter
Schauspiele, einige historische Werke und ein paar Romane. Gleich nach
dem Frühstück kam mein Oheim, musterte meine kleine Bibliothek und rief
aus: »Lauter Komödien und nicht eine Bibel, doch dafür werde ich
sorgen!« Nachdem er nach einigen Ermahnungen mein Zimmer verlassen
hatte, kam seine alte Köchin und brachte mir Merians Bibel in Folio, ich
durchblätterte die und vergnügte mich bei dem Anschauen der oft gar
sonderbaren Bilder. Auf einmal hörte ich ein paar Mädchenstimmen unter
meinen Fenstern kichern und lachen. Ich sprang auf und erblickte zwei
schöne schlanke Gestalten in des Nachbars Garten zwischen Blumenbeeten
lustwandeln. Die eine war Eleonore von Brandenstein, zur reizenden
Jungfrau emporgewachsen, und die andere Hannchen Schneider, des Pfarrers
niedliches Töchterchen, ungefähr von gleichem Alter. Hinter dem
Traubenlaub, das meine Fenster fast ganz verbarg, beobachtete ich
unbemerkt die beiden Mädchen, die sich dessen nicht vermuteten und sich
mit aller Naivität gehen ließen, sich neckten und schäkerten und endlich
zu meinem Bedauern den Garten verließen. Ich steckte nun den Don Carlos
zu mir und machte eine Morgenpromenade in den Schloßgarten. Als ich an
dem Haus vorüberkam, in welchem mein Oheim Scholze mit seinen Kindern
gewohnt und in dem ich der Freuden so manche genossen, entfuhr mir ein
unwillkürlicher Seufzer. Jetzt bewohnte Frau von Brandenstein, die
unterdessen Witwe geworden war und ihre älteste Tochter, die schöne
Karoline, ebenfalls durch den Tod verloren hatte, der die
wunderliebliche Blume gerade zur Zeit gepflückt, als die Knospe dem
Aufbrechen nahte, einen Teil desselben. Im Schloßgarten selbst erinnerte
mich jedes Plätzchen, jede Laube, jeder Gang an Henrietten und die hier
gehabten Freuden. Ich wollte die Rolle des Marquis von Posa studieren,
die mir mehr als die des Don Carlos, welche ich schon kannte, zusagte,
aber es war mir unmöglich, meine Gedanken genugsam zu sammeln, um auch
nur ein paar Zeilen mit gehöriger Aufmerksamkeit durchgehen zu können.
Ich saß auf einer Bank an einem Rasenplatz in der Nähe des
Schloßflügels, den die Landgräfin bewohnte, und hatte wohl schon zum
sechstenmal die Stelle durchgegangen, wo Posa die Königin Elisabeth im
Garten zu Aranjuez spricht, als zwei Damen die Schloßterrasse
herabstiegen, von denen die eine in ihrer ganzen Haltung etwas sehr
Edles und Majestätisches verriet, während auf ihrem Antlitz die
Lieblichkeit eines Engels thronte; es war die liebenswürdige Prinzessin
Auguste; die andere, auch recht hübsch, war ein Hoffräulein. Beide kamen
auf die Bank zu, auf welcher ich Platz genommen hatte, und als sie sich
in meiner Nähe befanden, stand ich auf und grüßte ehrerbietig. Die
Prinzessin erkannte mich und sagte:
»Ah, Herr Fröhlich, seit wann sind Sie wieder bei uns?«
»Seit gestern, Durchlaucht.«
»Werden Sie lange bleiben?«
»Das weiß ich selbst noch nicht, Prinzessin.«
»Sind Sie wieder bei B...?«
»Um Vergebung, nein, bei meinem Oheim, dem Oberpfarrer.«
»Da sind Sie gut aufgehoben. Was haben Sie da für ein Buch?«
»Es ist Don Carlos von Schiller, Durchlaucht.«
»Sie lieben Schiller?«
»Sehr, ich lerne die Rolle des Marquis von Posa auswendig.«
»Wozu?«
»Ich will mich dem Theater widmen.«
»Wie, Sie wollen doch nicht Schauspieler werden?«
»Doch, Durchlaucht.«
»Und Ihre Familie gibt es zu?«
»Sie wird am Ende wohl müssen.«
Die Prinzessin wünschte mir nun einen ziemlich frostigen guten Tag und
ließ mich stehen, während Fräulein Amand, so hieß die Kammerdame, noch
einen teilnehmenden Blick auf mich warf.
Am Hofe zu Homburg waren unterdessen manche Veränderungen vorgegangen,
die Prinzen waren bis auf den jüngsten, Leopold, alle bei den Armeen, in
denen sie dienten, die schöne Prinzessin Mariana war die Gemahlin des
Prinzen Wilhelm von Preußen geworden. Mehrere meiner älteren Bekannten
hatte der Tod weggerafft, andere hatten Homburg verlassen. Ich stattete
nun einige Besuche ab, namentlich bei meinem früheren Lehrer
Breidenstein und bei der Frau von Brandenstein, und wurde in beiden
Häusern recht freundlich aufgenommen.
Als ich gegen Mittag nach Hause kam, examinierte mich mein Oheim, wo ich
gewesen, und da ich ihm sagte, daß ich mit der Prinzessin Auguste
gesprochen, war auch er sehr freundlich. Den Inhalt des kurzen Gesprächs
hatte ich ihm freilich nicht mitgeteilt. Er machte mich jetzt mit der
Ordnung, die ich in seinem Haus einzuhalten habe, bekannt und
namentlich, daß ich mich streng an die Stunden der Essenszeit, mittags
zwölf Uhr und abends sieben Uhr, zu binden habe, sowie daß mir ein für
allemal das Ausgehen nach dem Abendtisch untersagt sei, ich habe zu
bedenken, daß ich in einem Pfarrhaus wohne. Dies letzte war mir der
fatalste Kasus von allen. Er wies mir nun auch meine Beschäftigungen und
Lehrstunden an und stellte mir dabei seine Bibliothek zur Disposition.
Diese, welche gut assortiert war und namentlich auch fast alle
klassischen Werke der französischen Literatur enthielt, benutzte ich
fleißig, las viel von Voltaire, einiges von Rousseau, namentlich die
Heloise des letzteren, aus der ich heimlich jenen berühmten Brief
übersetzte, Lafontaines Fabeln, und vor allem Racines und Corneilles
Tragödien sowie Molières Lustspiele. Aber, wer sollte es glauben, in dem
Winkel eines Schrankes von Ebenholz fand ich sogar den Ritter Faublas
und die _Liaisons dangereuses_, die ich verschlang, und diese im Verein
mit Goethes Faust und Don Juan, den ich an einem alten Klavierkasten
täglich sang und dessen Musik meinem Oheim, wenn er sie zufällig hörte,
recht wohl gefiel, er kannte das Sujet nicht, machten mich zu einem
wahren Virtuosen in der Kunst, Weiber und Mädchen zu verführen.
Frau von Brandenstein besuchte ich täglich, ihr und ihrer Tochter, mit
der ich das alte freundschaftliche Verhältnis erneuert hatte, Schillers
dramatische Werke vorlesend, die sie noch nicht kannten; bei diesen
Vorlesungen fand sich dann auch Hannchen Schneider ein. Da jedoch am
Tage diese Unterhaltungen oft unterbrochen wurden oder Zeit und Stunde
sich nicht eigneten, so kam ich mit Frau von Brandenstein überein, daß
sie künftig in den Abendstunden von acht bis zehn Uhr stattfinden
sollten; da mir aber das Ausgehen zu dieser Zeit verboten, die Haustür
ohnehin verschlossen war, so stieg ich nach acht Uhr zum Fenster hinaus,
kletterte an den nicht sehr hohen Spalieren hinab in den Garten und
gelangte dann durch des Pfarrer Schneiders Garten auf die Straße, ging
auch auf diesem Wege wieder zurück, Hannchen in ihres Vaters Wohnung
begleitend, wozu Eleonore eben nicht gut sah und uns einigemal ihren
noch viel jüngeren Bruder Karl mitgab, der sich jedoch bald weigerte,
ferner diese Aufpasserrolle zu übernehmen; ich machte dann mit dem
hübschen Pfarrerstöchterchen große Umwege durch das Boskett des
Schloßgartens, wo wir in einer Marmorgrotte nebst den Düften der Blumen
den Hauch glühender Küsse einatmeten. Aber lange währte das süße Spiel
nicht, meines Oheims alter Drache, die Köchin Justine, hatte meine
nächtlichen Ausflüge durch das Fenster erspäht und ihrem Herrn verraten.
Als ich mich eines Abends wieder auf diesem Wege in meine Schlafstube
begeben wollte, fand ich die Fenster von innen nicht nur verriegelt,
sondern mit Kordeln zugebunden und sogar versiegelt. Ebenso fest war die
Tür verschlossen, die aus dem Garten in das Haus führte. Was blieb mir
anderes übrig, wollte ich die Nacht nicht unter freiem Himmel
biwakieren, als ein paar Scheiben einzudrücken und die Fenster sodann
von innen zu öffnen, wobei natürlich auch das Siegel lädiert wurde; zum
Glück war es kein Amts- oder Gerichtssiegel, sondern nur das
Privatsiegel meines guten Oheims, der aber dennoch den kommenden Morgen
mit einer mehr als ernsten Amtsmiene in mein Zimmer trat und mir
verkündigte, daß, wenn ich es so forttreibe, ich nicht länger bei ihm
bleiben, sondern er an meine Eltern schreiben würde, damit diese andere
Anordnungen hinsichtlich meiner träfen, eine solche Aufführung sei in
einem geistlichen Haus nicht zu dulden. Auf meine Bemerkung, daß ich
doch nicht mit den Hühnern schlafen gehen könne, erwiderte er mir, es
sei besser, mit den Hühnern schlafen zu gehen, als mit den Gänsen zu
wachen. Der gute Onkel war auch witzig; doch mit meinen Abendpromenaden
und Vorlesungen war es nun aus.
Als einige Zeit darauf zu Ehren des Vermählungstages des landgräflichen
Ehepaares ein Ball auf der Meierei veranstaltet wurde, dem alle
Honoratioren Homburgs beiwohnten, und ich den Wunsch blicken ließ,
denselben besuchen zu dürfen, schlug es mir mein gestrenger Oheim mit
den Worten ab: »Es paßt sich nicht, daß der Neffe des Oberpfarrers
Tanzböden besucht.« -- Ich hatte auf der Zunge: »Ei, so wollte ich, daß
ich lieber der Neffe des Oberteufels wäre,« unterdrückte jedoch
glücklicherweise die Phrase. Aber alle meine Beredsamkeit vermochte
nicht den festen Willen des geistlichen Oberhirten zu erweichen, der
endlich mit den Worten schloß: »Ich möchte gar nicht an einen Ort gehen,
wo ich der Letzte wäre, dort findest du lauter graduierte und betitelte
Personen, und du bist gar nichts.« Ich gestehe, daß diese letzte
Bemerkung ein wenig meinen Ehrgeiz verletzte, und schwieg nun still. Als
ich diese Äußerung bei Gelegenheit meinem früheren Lehrer, dem
Hofprediger Breidenstein mitteilte, sagte dieser: »Ein Mensch, der Herz
und Kopf am rechten Fleck hat, ist nie der letzte, wenn er auch gar
keine Titel aufzuweisen hat, und am allerwenigsten hier bei uns, wo
diese Titel nur die Aushängeschilde großer Erbärmlichkeiten jeder Art
sind.« -- Nun ärgerte ich mich wieder, daß ich mich so hatte
einschüchtern lassen.
Mein Leben in Homburg fing an, so einsilbig als langweilig zu werden,
kaum daß ich mein hübsches Hannchen manchmal an der Gartenhecke
verstohlen sprechen konnte, denn die alte Justine paßte auf wie ein
Drache und hinterbrachte meinem Oheim jeden meiner Schritte.
Glücklicherweise trat bald ein Ereignis ein, das mich aus dieser Lage
befreite.
Den Herrn Oberpfarrer, obgleich schon in den Fünfzigern, aber noch
Junggeselle, wandelte plötzlich die Lust an, in den Stand der heiligen
Ehe zu treten, und er hatte sich zu seiner Ehegefährtin eine ehrsame und
wohlhabende Witwe aus dem nahen Friedrichsdorf erkoren; vor der
Vermählung war er jedoch genötigt, noch eine mehrwöchige Reise
anzutreten, um einige ihm wichtige Geschäfte in Ordnung zu bringen. Er
schrieb daher an meine Eltern, daß sie mich wieder zu sich nehmen
möchten, indem er mich unmöglich während seiner Abwesenheit allein in
seinem Hause lassen könne, da ich imstande wäre, die Mädchen bis in die
Pfarrwohnung zu bringen. Meine Eltern, die mich jedoch schlechterdings
nicht in Frankfurt haben wollten, indem sie fürchteten, daß durch die
Gelegenheit des Theaters meine Liebe zur Bühne wieder aufs neue erwachen
möge und Nahrung erhalte, zogen es vor, mich nochmals meinem früheren
Lehrer Breidenstein anzuvertrauen, mit der Bitte, er möge nur meinem
Hang zum Schauspieler entgegenarbeiten, mir aber sonst alle Freiheit
lassen. Diese benutzte ich auch in vollem Maß; nicht nur meine
Vorlesungen bei Frau von Brandenstein begannen wieder und mit ihnen die
Heimbegleitungen, sondern nun gab es auch Partien in den kleinen und
großen Tannenwald, auf das Jägerhaus und so weiter, die ich
veranstaltete und deren Kosten ich trug, wobei die Frau Hofküchenmeister
Silbereisen die Honneurs mit Schokolade und Süßigkeiten, die ich
lieferte, machen mußte, ich fuhr sogar einigemal mit den Mädchen
heimlich in das Theater nach Frankfurt. Doch blieb es dabei nicht; auf
einem anderen Ball, den ich, trotzdem ich keine Titel aufzuweisen hatte,
besuchte, machte ich die Bekanntschaft einer anderen jungen Hofdame,
eines Fräuleins von Breidenbach, aus einer angesehenen Familie aus
Mainz, die zu den kurfürstlichen Zeiten daselbst eine große Rolle
gespielt. Aber noch eine andere Bekanntschaft hatte ich auf diesem Ball
gemacht, die zu reelleren Genüssen führen sollte, nämlich die einer
jungen Frau, welche an den etwas rohen und plumpen Herrn von B.
verheiratet war, der ebenfalls eine Hofcharge bekleidete, und die häufig
zu der Frau Hofpredigerin zum Tee kam, wo mir dann das Glück zuteil
wurde, sie nach Haus führen zu dürfen. Der Weg führte uns durch den
Schloßgarten, ich war noch etwas schüchtern, denn es war das erstemal,
daß ich mit einer jungen Frau in Berührung kam, auch war es bei der
ersten Nachhausebegleitung bei einem ehrerbietigen Handkuß und sehr
leisen Händedruck geblieben; einige Tage darauf aber, als sich gleiche
Gelegenheit bot, hatte ich schon mehr Herz gefaßt und wagte, aber erst
an der Haustür ihrer Wohnung angekommen, einen Kuß auf die Wangen der
hübschen Frau, den man ruhig duldete. Als mir aber das drittemal die
Ehre zuteil wurde, Frau von B. zu begleiten, unterfing ich mich, als wir
durch das zweite Schloßtor waren, meinen Arm um ihre schlanke Taille zu
schlingen, und auf der Terrasse angekommen, drückte ich sie fester an
mich, worauf sie ihr schönes Lockenköpfchen gegen mich drehte, als
wollte sie sagen: Was soll dies?, denn so lebhaft auch unsere
Unterhaltung in der Gesellschaft war, so stumm und einsilbig ward sie,
sobald wir uns allein befanden. Jetzt begegneten sich unsere Lippen, und
ein minutenlanger glühender Kuß war die Folge. Statt nun den geraden Weg
nach dem in die Neugasse führenden Gartentor zu gehen, verirrten wir uns
in eine dunkle Kastanienallee des Bosketts auf eine Rasenbank in einer
Grottenlaube. Hier schloß ich die reizende Frau in meine Arme,
ungestümer als noch je rollte mir das Blut in den Adern, sie ließ es
geschehen, daß ich sie mit Küssen bedeckte, bald waren wir so innigst
verschlungen, daß wir das Spalten des Erdballs und alle Donner des
Himmels nicht gehört haben würden, und zum erstenmal schwelgte ich so
ganz im Vollgenuß der Liebeslust. -- Endlich aber war es hohe Zeit
aufzubrechen. Nachdem die ziemlich zerstörte Toilette wieder etwas
geordnet war, brachte ich Frau von B. nach Haus und lispelte zum
Abschied: »Morgen, auf morgen mehr!«, aber es vergingen drei Tage, bevor
ich sie wieder heimbegleiten konnte, der Schicklichkeit halber konnte
sie ihre Abendbesuche bei B.s nicht früher wiederholen. Vorlesungen
dienten auch hier zum Vorwand der Zusammenkünfte, und so fand sie sich
von jetzt an dreimal die Woche ein. Der Herr Gemahl aber brachte jeden
Abend in einem Männerkränzchen, in dem auch der Hofprediger war, mit
Tabakrauchen, Trinken und _à la bête_-Spielen zu. Eines Abends aber, wir
hatten kaum B.s verlassen, war es ihm eingefallen, sein teures Weibchen,
das schon mit mir auf dem Heimweg war, einmal abzuholen;
glücklicherweise ließ er sich von der Frau Hofpredigerin und ihrem Mann
bereden, ihnen noch einige Zeit Gesellschaft zu leisten, aber dennoch
sahen wir ihn vor uns hergehen, als wir den Schloßgarten verließen,
ahnten aber nicht, daß er bei B.s gewesen. Wir gingen nun in einiger
Entfernung hinter ihm, so daß wir fast zu gleicher Zeit an seinem Haus
ankamen. »Wo hat dich denn der Teufel gehabt?« schnaubte er seine Frau
an, und diese wollte eben mit einem »Ich komme gerade von B.s«
herausplatzen, als ich, Unrat merkend, ihr noch zu rechter Zeit ins Wort
fallend, sagte: »Herr von B..., da der Abend so schön ist, so gingen wir
noch ein paarmal auf der Schloßterrasse zwischen den Orangen, deren
Blüten so herrlich duften, auf und nieder.« -- »Zum Henker auch,«
brummte der Eheherr, »sie haben ja schon längst keine Blüten mehr.« --
»Möglich, aber sie duften dennoch.« -- »Dergleichen Promenaden verbitte
ich mir für die Zukunft,« sagte Herr von B. nun zu seiner Frau,
»überhaupt weiß ich nicht, warum du seit einiger Zeit fast jeden Abend
zu Hofpredigers läufst, was soll das?« -- »Ich wohne den Vorlesungen des
Herrn Fröhlich bei, die mich außerordentlich unterhalten.« -- »So, es
wird besser sein, du unterhältst dich mit deinem Strickstrumpf.« -- »Das
tue ich auch.« -- »Komm jetzt ins Haus.« -- Ich wünschte nun eine gute
Nacht, die mir Frau von B. freundlich, ihr Mann aber brummend zurückgab.
Noch einigemal ging ich vor dem Haus auf und nieder und glaubte ein
kleines Donnerwetter und allerlei eben nicht sehr schmeichelhafte
Epitheten, wie »Rotznase, dummer Junge« und so weiter, von denen die
einen der armen Frau, die anderen mir gelten mochten, zu hören. Die
Besuche der Dame bei B.s waren vorerst eingestellt, und ich sah sie nur
bisweilen im Flug, am Fenster vorbeireitend oder gehend.
Bald darauf war wieder ein Ball auf der Meierei, wo sie mir im
Vorübergehen zuflüsterte: »Fordern Sie mich ja nicht zum Tanze auf, denn
ich darf nicht mit Ihnen tanzen.« Um jedoch in Berührung mit ihr zu
kommen, suchte ich einen Kontretanz zu arrangieren, was nicht so leicht
war, da es Mühe kostete, vier Paar zusammenzubringen, welche diesen Tanz
nur einigermaßen kannten. Kaum waren wir aber angetreten, als Herr von
B... aus dem Rauchzimmer in den Ballsaal trat, und seine Frau mir
gegenüber stehen sehend, schnell zu dem Kandidaten ging und zu demselben
sagte: »Erlauben Sie mir, daß ich diese Tour mitmache.« Jedermann
lächelte, da von B... sonst nie und am allerwenigsten Quadrille tanzte;
ich erlaubte mir auch, dem Eingedrungenen zu bemerken, daß es ein
Kontretanz sei. -- »Schon gut, hat nichts zu sagen,« lautete die barsche
Antwort. -- Wir begannen, und Herr von B... machte einen Bock über den
andern, benahm sich auch so ungeschickt, daß jedermann lachte. Ich
wollte ihn belehrend höflichst zurechtweisen, es war gerade bei dem
_Queue de chat_, wofür mir mit einem >Naseweis< gedankt wurde, worauf
ich sogleich mit meiner Dame austrat, meinem Gegner zurufend: »Das wird
sich finden.« -- Ich begab mich in das Billardzimmer, wo ich auf ein
Stückchen weißes Papier eine Herausforderung, und zwar auf Pistolen, an
Herrn von B. schrieb, ihm diese zuschickte und mich sofort entfernte.
Die Veranlassung zu einem Duell hatte ich mir schon längst gewünscht,
ein solches schien mir so recht heroisch-romantisch, und ich freute mich
darauf, auf diese Weise Eklat und von mir reden machen zu können. Herr
von B... dachte aber nicht so, sondern gab das Billett dem Hofprediger,
indem er diesem sagte, er würde es nicht dabei bewenden lassen, ich sei
ein naseweiser Junge, der, kaum hinter den Ohren trocken, sich schon mit
bärtigen angestellten Männern messen wolle, ich müsse auf die Wache
gesetzt werden, und dahin hoffe er es auch zu bringen. Es hätte auch in
der Tat nicht viel daran gefehlt, daß man mich auf die Schloßwache
gesetzt hätte, und nur aus Rücksicht für meinen Oheim verweigerte der
Landgraf, bei dem Herr von B... klagte, seine Einwilligung. Mich ärgerte
es, daß aus dem Duell, ja nicht einmal aus dem Arrest etwas geworden
war, denn beides hätte nach meinen damaligen Begriffen von Ehre und der
Lust, Aufsehen zu erregen, in meinen Kram gepaßt. Indessen tröstete ich
mich mit dem Aufsehen, das die Sache dennoch in ganz Homburg gemacht
hatte, und ein preußischer Leutnant, der als Werbeoffizier daselbst war,
fand die Albernheit vortrefflich und hatte sich mir sogar zum
Sekundanten angeboten, wenn aus der Sache etwas geworden wäre.
Unterdessen war mein guter Oheim wieder von seiner Reise zurückgekommen,
hörte von all dem Skandal, den ich verursachte, und schlug die Hände
über dem Kopf zusammen, wozu noch kam, daß ich an einem Sonntagmittag,
als gerade seine Kirche aus war, in der ich mich nie sehen ließ, auf
meinem Mietklepper in vollem Galopp durch die Leute, welche die Kirche
verließen, sprengte und ihn fast selbst über den Haufen ritt, da ich ihn
unter der Menge nicht bemerkt hatte. Dies war denn doch ein wenig zu
toll, und er schickte noch denselben Tag einen fulminanten Brief durch
einen Expressen an meine Eltern ab, worin er diesen ans Herz legte, mich
sofort von Breidenstein und von Homburg wegzunehmen, wo ich ihm und
ihnen die größte Schande und so weiter mache.
Den folgenden Tag kam mein Vater selbst nach Homburg, die Sache zu
untersuchen, aber Breidenstein meinte, dies seien nur Jugendstreiche,
die man nicht so genau nehmen dürfe. Indessen drang mein Vater darauf,
daß ich mich erklären und irgendeinen Stand, dem ich mich widmen wolle,
wozu es hohe Zeit, wählen müsse, und setzte hinzu, daß, im Fall ich bei
dem Theater beharre, ich auf alle und jegliche Unterstützung von seiner
Seite sowie von der ganzen Familie zu verzichten habe. Er nahm nun noch
Rücksprache mit dem Hofprediger und dem Oberpfarrer, welche Mittel zu
ergreifen seien, mich von dieser Idee gänzlich abzubringen. Breidenstein
meinte, man müsse es versuchen, mich bei der Ambition anzugreifen, da
ein gewisser wenn auch falscher Ehrgeiz meine schwache Seite sei, und er
wolle sich deshalb mit dem Herrn Oberpfarrer besprechen, um
gemeinschaftlich mit diesem zu wirken, dies würde gewiß fruchten, und da
ich nun einmal einen unbeschreiblichen Widerwillen gegen den
Kaufmannsstand hege, so möge man immer zugeben, daß ich mich dem Militär
widme, weil er glaube, daß ich zu diesem am ersten nach dem Theater
inkliniere und auch am meisten dazu passe.
Mein Vater überließ es daher den beiden Hochehrwürden, diese
Angelegenheit bestens zu betreiben, und sie taten ihr Möglichstes bei
der Sache, ja mein Oheim wandte sich deshalb sogar erzählend an die
regierende Landgräfin, bei der er wie bei dem ganzen fürstlichen Haus
hoch in Gnaden stand, indem er sagte, er wisse nicht, was er machen
solle, und wäre außer sich, wenn ich zum Theater ginge. Die Fürstin,
eine sehr geistreiche Dame, tröstete den guten Mann, ihn auffordernd, zu
veranstalten, daß ich mich den nächsten Mittag auf der Terrasse vor
ihrem Pavillon einfinde, sie wolle mir den Kopf gewiß so waschen, daß
mir der Komödiant vergehen solle, ich habe ohnehin den ganzen Hof vor
ein paar Tagen in Alarm und Uneinigkeit versetzt.
Dies hatte folgende Bewandtnis. Ich hatte aus Schillers Gedichten, von
denen damals noch viele unbekannt waren, namentlich in Homburg, das
Gedicht >Laura am Klavier< auf Velinpapier mit Goldschnitt abgeschrieben
und es dem Fräulein von Brandenstein, Eleonoren, gegeben, ohne ihr zu
sagen, wer der Verfasser sei. Diese glaubte, das Gedicht sei von mir,
ich habe es ihr zu Ehren gemacht, und zeigte es auf dem Schloß, wo es
sogar bei der Tafel zirkulierte und als von mir verfaßt nach Herzenslust
kritisiert, bespöttelt und heruntergemacht wurde, namentlich ließ mein
Freund, Herr von B..., kein gutes Haar an demselben und meinte, Fräulein
von Brandenstein hätte so läppisches Zeug gleich verbrennen sollen;
indessen waren doch einige Damen, und namentlich Prinzessin Auguste,
anderer Meinung und erwiderten, es sei für einen Anfänger so übel nicht,
aber die Majorität machte sich lustig darüber. Von B... hatte den
Vorfall gleich nach der Tafel dem Hofrat M... mit Schadenfreude
hinterbracht, und dieser, dem ich hierauf begegnete, hatte mir, was auf
dem Schloß vorgefallen, mit hämischer Freude wiedererzählt und dabei
gesagt, auch er habe das Ding gelesen und könne nicht begreifen, wie ich
meine Zeit damit zubringen möge, solch abgeschmacktes Zeug
zusammenzuschmieren. Ich ließ den guten, etwas begeisterten Mann ganz
ruhig ausreden und sagte dann trocken: »Ich bedaure, mein Herr Hofrat,
daß der Verfasser des Don Carlos, der Jungfrau von Orleans und so weiter
so abgeschmacktes Zeug schmiert, denn das Gedicht ist von keinem anderen
als von Schiller.«
»Unmöglich,« rief M..., »Sie haben mich zum besten.«
»Wie würde ich mich so etwas unterstehen!«
Aus dem stupiden Gesicht des Hofrats war nun mit einem Mal alle
Schadenfreude verschwunden, und es zog sich ellenlang.
»Also wirklich von Schiller?« fragte er wieder.
»In dem soeben erschienenen zweiten Band von Schillers Gedichten Pagina
so und so können Sie es nachlesen.«
Ich ließ den Hofrat stehen, eilte nach Haus, nahm Schillers Gedichte und
schickte sie dem Fräulein von Breidenbach, der ich fortwährend Bücher
zur Unterhaltung lieh; diese ließ noch denselben Tag das Buch im Schloß
von Hand zu Hand gehen, und alle, die gegen das Gedicht so losgezogen
hatten, mußten sich nun den beißendsten Spott gefallen lassen; aber
Eleonore grollte ein paar Tage mit mir, weil ich ihr den Verfasser nicht
gesagt und sie so die unmittelbare Veranlassung war, daß sich mehr als
ein Hofgehirn gewaltig kompromittiert hatte.
Mein Oheim ließ mich rufen und teilte mir mit, ich habe mich zur
Mittagsstunde des kommenden Tages auf der bezeichneten Terrasse
einzufinden, wo ich etwas Neues erfahren würde, ich dürfe aber ja nicht
fehlen. Auf weiteres ließ er sich nicht ein. Meine Neugierde machte, daß
ich seinen Willen pünktlich befolgte. Nachdem meine Geduld schon während
einer ganzen Stunde vergeblichen Wartens auf die Probe gestellt war, sah
ich die Landgräfin in Begleitung einer Hofdame und von einem Bedienten
gefolgt, wie sie um diese Zeit regelmäßig ihre Promenade zu machen
pflegte, die Terrasse herabkommen. Als sie mich erblickte, schickte sie
den Bedienten, ich möge mich zu ihr verfügen; ich eilte, dem Befehl
ehrfurchtsvoll zu gehorchen, und als ich vor ihr stand, sagte sie:
»Was höre ich, Sie wollen Schauspieler werden, ist dies an dem?«
»Ja, Durchlaucht.«
»Der Neffe des Herrn Oberpfarrers von Homburg ein Komödiant! -- Was wird
die Welt dazu sagen?«
»Oh, der Oberpfarrer von Homburg ist auch etwas Rechtes!«
Die durchlauchtigste Frau machte nun ein Rechtsumkehrt, trotz einem
preußischen Grenadier, und ließ mich mit langer Nase und etwas verblüfft
stehen. -- Erst nach einigen Augenblicken kam ich wieder zur völligen
Besinnung und fühlte, welche Artigkeit ich der Landgräfin gesagt hatte.
Noch denselben Abend, als ich zu Brandensteins ging, erzählte mir
Leonore, daß sie die Landgräfin gefragt, ob ich noch ihre Mutter
besuche, und als sie dies bejaht, habe sich die Fürstin geäußert, sie
könne nicht begreifen, wie man einem Menschen, der ein Komödiant, das
heißt ein Hanswurst werden wolle, den Zutritt gestatten möge; Leonore
habe darauf gestammelt, ich lese ihrer Mutter sehr gut vor, worauf ihr
die Dame gesagt: »Was vorlesen, Komödianten darf man in keinem honetten
Haus dulden.« Brandensteins und Fräulein von Breidenbach drangen nun
auch in mich, doch einen anderen Stand und zwar den des Militärs zu
wählen, und letztere meinte, ich müsse ein recht schmucker Offizier
werden, als Soldat könne ich eine ganz andere Karriere machen, ja zu
hohen Würden gelangen, kur- und tafelfähig und allgemein geachtet
werden, ein solcher Entschluß würde mich auch sogleich wieder mit der
zürnenden Landgräfin sowie mit meinen Verwandten aussöhnen, und das Haus
Homburg könne mir sowohl in österreichischen wie in preußischen
Diensten, wenn ich diese wähle, sehr förderlich und zu schnellem
Avancement behilflich sein.
Aber noch konnte ich einen Plan, den auszuführen ich mir seit Jahren
alle erdenkliche Mühe gegeben, und einen Stand, für den mich auszubilden
ich bisher fast nur allein rastlos und mit großem Eifer gearbeitet
hatte, nicht so rasch aufgeben, ob ich gleich schon wankte. Da beschied
mich abermals mein guter Oheim zu sich, empfing mich ungewöhnlich ernst,
indem er mir mit einem feierlichen Tone sagte, daß es nun die höchste
Zeit für mich sei, einen Entschluß zu fassen, denn mein Vater habe
beinahe sein ganzes Vermögen verloren. -- Ich sah meinen Oheim mit
großen Augen und zweifelnd an, als wollte ich ihn fragen: Ist dies auch
wahr? -- »Du scheinst die Sache in Zweifel zu ziehen,« fuhr derselbe
nach einer Pause fort, und teilte mir sodann die näheren Umstände dieser
nur zu wahren Begebenheit mit.
Ohne sein Verschulden hatte mein Vater eine große Summe, über
zweimalhunderttausend Gulden, verloren. Er hatte einem auswärtigen Haus,
mit dem er schon lange in Geschäftsverbindung stand, auf ein Deposito
von österreichischen Staatspapieren eine sehr bedeutende Summe auf
mehrere Monate vorgeschossen und zu diesem Zweck selbst noch fremdes
Geld aufgenommen. Kaum war diese Operation gemacht, so teilte er sie dem
alten Rothschild mit, dieser aber sagte ihm ganz bestürzt: »Um
Gotteswillen, Herr Fröhlich, was haben Sie getan, bevor acht Tage
vergehen, erklärt sich Österreich bankrott.« -- Mein Vater erschrak,
wollte jedoch Rothschild keinen Glauben schenken, der ihm dagegen
versicherte, dies sei nur zu wahr, er habe es aus einer Quelle, die auch
nicht den mindesten Zweifel übrig ließe. »Oh, warum haben Sie mir nicht
vorher etwas davon gesagt,« setzte er hinzu. -- Mein Vater schrieb nun
gleich an das Haus, erhielt aber erst nach sechs Tagen zweideutige und
ausweichende Antwort, und schon den siebenten war die Finanzoperation,
welche die österreichische Regierung (Ende 1804) vorgenommen, wodurch
sie ihr Papiergeld sehr bedeutend herabsetzte, also Bankrott machte, in
Frankfurt bekannt. Das Haus, von dem das unsrige die Papiere hatte, ließ
diese im Stich und fallierte ebenfalls, so daß mein Vater den ganzen
ungeheuren Verlust allein zu tragen hatte. Er hielt die Sache indessen
sehr geheim, und mein Oheim teilte sie mir unter dem Siegel der
strengsten Verschwiegenheit mit, wenn ich meines Vaters Kredit nicht
untergraben wollte.
Mein Oheim drang nun nochmals in mich, eine Karriere, und zwar eine
andere als das Theater zu wählen und meinen armen Eltern nicht noch mehr
Kummer zu machen, als sie jetzt schon hätten. »Übrigens,« setzte er,
mich tröstend, hinzu, »bleibt ihnen noch immer so viel, daß sie dich in
dem Stand, den du wählen wirst, vorerst noch unterstützen können.
Würdest du dich der Theologie widmen, so kannst du auch noch auf meine
Hilfe zählen und vielleicht dereinst meine Stelle bekleiden.«
Ich erbat mir nun noch vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit, obgleich ich
ihm hinsichtlich des theologischen Studiums -- ich wäre ein sauberer
Theolog geworden -- gleich mit einem sehr positiven >Nein< hätte
antworten können.
Noch den nämlichen Abend teilte ich der Frau von Brandenstein mit, daß
ich mich nun für den Militärstand entschlossen habe und daß allerdings
die Worte der Frau Landgräfin nicht ohne Einfluß auf diesen Entschluß
geblieben seien; am anderen Morgen eröffnete ich dasselbe meinem Oheim
und schrieb meine Sinnesänderung an meine Eltern. Obgleich man auch
diesem Stand nicht sehr hold war, so war man doch froh, daß >mir der
Komödiant aus dem Kopf war<, ergab sich darein und ließ mich vorerst
noch in Homburg, um mich zu der neugewählten Laufbahn vorzubereiten,
während man überlegen wolle, wie und wo ich am besten unterzubringen
sei.
Als die Landgräfin meinen Entschluß hörte, sowie daß ihre Worte
denselben hervorgebracht, äußerte sie sich wieder sehr gnädig über mich,
und der Herr Landgraf sagte: »Unter den Soldaten wird man ihn schon
zurechtbringen.« Indessen wurde mir die hohe Gnade, an den
Exerzierstunden des Prinzen Leopold, er lernte die Handgriffe und das
Marschieren bei einem ehemaligen preußischen Unteroffizier, teilnehmen
zu dürfen, und da der junge Brandenstein auch zugelassen wurde, so
formierten wir eine ganze Rotte und konnten nach Verlauf von wenigen
Wochen schon ordentlich im Feuer exerzieren, marschieren, alle Wendungen
und so weiter machen. Meine Eltern hatten mir einige Werke über Taktik,
Strategie und so weiter geschickt, in denen ich fleißig studierte, und
Prinz Leopold, der kleine Schanzen mit Wällen und Gräben anlegte,
machte, daß ich wenigstens einen Begriff von der Fortifikationskunst
erhielt, auch hatte er in Hölzer eingereihte Bleisoldaten, mit denen er
die Pelotonsschule übte, sowie Festungen von Pappe, die wir mit kleinen
messingenen Kanonen beschossen. War es schlechtes Wetter, so exerzierten
wir in den Schloßgängen, wobei wir bisweilen die Gewehrkolben so
gewaltig aufstießen, daß die Frau Landgräfin schickte und sich zu
menagieren gebot.
Meine Eltern beschäftigten sich jetzt, eine passende Anstellung im
Militär für mich ausfindig zu machen. Mein Vater hatte anfänglich den
Gedanken, mich nach Petersburg zu seinem Bruder Wilhelm, der Oberst in
der russischen Garde war, zu schicken. Eine Ohrfeige bewirkte, daß er
den Handelsstand mit dem Soldatenstand vertauschte, in welchem er rasch
ein glänzendes Glück gemacht. Als er von Bremen wieder in das elterliche
Haus zurückgekehrt war, mußte er auf dem Kontor seines Vaters arbeiten
und sollte sich dabei streng an die eingeführte Hausordnung halten,
namentlich sich präzis um acht Uhr zum Abendessen einfinden; da er sich
aber öfters verspätete, so zog ihm dies mehrmals Verweise zu, und als er
wieder einmal erst um halb neun Uhr kam, empfing ihn sein Vater mit
einer Ohrfeige vor dem ganzen Kontorpersonal. Wilhelm eilte zur Tür
hinaus, ließ sich von der Köchin vier Kreuzer für die Torsperre geben,
da er gar kein Geld zu sich gesteckt hatte, und eilte so zum
Allerheiligentor hinaus nach Hanau zu. Hier angekommen, wurde er nicht
eingelassen, diese Stadt war damals ebenfalls noch eine Festung, und
schlief die Nacht auf dem Glacis. Am folgenden Morgen verkaufte er seine
Uhr in Hanau und reiste weiter bis Leipzig, suchte daselbst einen
Geschäftsfreund seines Hauses auf und schrieb nun seinen Eltern, was aus
ihm geworden, sowie daß sein fester Vorsatz sei, nicht mehr nach
Frankfurt zurückzukehren, sondern sich nach St. Petersburg zu begeben,
den Kaufmann für immer an den Nagel zu hängen und in russische
Militärdienste zu treten. Durch einen Bruder seines Vaters, der schon
eine hohe Militärcharge daselbst bekleidete, die er durch Verwendung des
russischen Generals Prinzen von Anhalt erhalten, nachdem er als
Rittmeister in dem Leibkürassier-Regiment des Großfürsten Paul gedient
und bald ein Liebling Pauls I. geworden war, machte auch Wilhelm rasch
sein Glück in Rußland und heiratete obendrein ein sehr reiches Fräulein,
eine Anverwandte des Fürsten Potemkin. Er fügte seinem Brief noch hinzu,
man möge etwas Geld und Wäsche nach Leipzig schicken, womit er bis St.
Petersburg reisen könne, wo nicht, so würde er sich so durchzuhelfen
suchen; man tat, was er wünschte.
Meiner Mutter aber lag Rußland zu fern, sie fürchtete, mich nie
wiederzusehen, und so ward dieser Plan aufgegeben, ehe ich nur etwas
davon erfahren hatte. Man sprach von österreichischen Diensten, gegen
diese hatte ich aber eine Abneigung, weil man die Österreicher so oft
zum Gegenstand des Spottes und des oft schalen Witzes und sich über sie
lustig machte; sie standen mir nicht hoch genug in der öffentlichen
Meinung, eher neigte ich mich zu den Preußen hin, aber hier hatte ich
trotz aller Protektion nur wenig Aussicht auf Beförderung, da ich kein
gegerbtes und bekritzeltes Eselsfell vulgo Pergament aufzuweisen hatte,
welches bewies, daß ich schon so und so viel faule Ahnen habe, die zu
jener Zeit, bei der Artillerie ausgenommen, erforderlich waren, um des
Tragens eines Portepees in der preußischen Armee würdig zu sein. -- Also
auch hier nichts.
Mein Vater hatte einige finanzielle Relationen mit Hessen-Kasselschen
höheren Beamten und glaubte in diesem kleinen Staat mir eine Karriere
eröffnen zu können, obgleich auch hier wie in allen deutschen Staaten
und Stäätchen der Adel sehr bevorzugt war. Es wurde nun an diese Herren
geschrieben, die Antwort lautete ziemlich günstig, wir wurden an einen
in Hanau garnisonierenden Obersten empfohlen, der mich dem Erbprinzen
daselbst vorstellen und zum Kadetten oder Junker vorschlagen sollte. Ich
fuhr an einem Sonntag mit meinem Vater dahin ab, wo uns der Oberst im
Gasthof zum Riesen erwartete, um uns mit auf die Parade zu nehmen und
die Gelegenheit abzupassen, mich Seiner Durchlaucht vorzustellen. -- Als
ich die steifen abgemessenen hessischen Soldaten, die mir gleich
hölzernen Maschinen vorkamen, mit ihren langen bis an die Kniekehle
reichenden Zöpfen und weißgepuderten Locken, mit ihren ausgestopften
Puppen ähnlichen Offizieren, die aufs Haar den Nürnberger, von schwarzem
Brotteig geformten, gebackenen und lackierten Soldaten glichen, welche
die Kaufleute auf die Frankfurter Messe bringen, so bei mir
vorübermarschieren sah, da bekam ich einen Schauder, es wurde mir ganz
komisch zumute, und das Theater fiel mir wieder ein. -- Ich erklärte
auch sofort meinem Vater, daß ich nicht in hessische Dienste treten
wolle und es besser wäre, wir führen gleich wieder heim. Er meinte aber,
daß, da wir einmal hier seien, man auch das Ende abwarten müsse, und man
könne nicht weg, bevor ich wenigstens vorgestellt sei, der Oberst von
M... könne sonst glauben, man habe ihn zum besten gehabt.
Als endlich die Parade vorüber war, kam der Oberst und beorderte mich,
ihm zu folgen. Er führte mich zum Erbprinzen, der von mehreren
Stabsoffizieren mit hohen, lang bespornten Kanonenstiefeln, mit
ungeheuren Federhüten auf den Köpfen, martialische Dienstmienen, aber
recht nichtssagende Gesichter machend, umgeben war. Als wir in der Nähe
des Erbprinzen waren, sagte mein Führer: »Da bringe ich Eurer
Durchlaucht einen neuen Rekruten, den Sohn des Herrn Fröhlich aus
Frankfurt,« und gab mir ein Zeichen, vorzutreten.
Der Erbprinz und seine Offiziere musterten mich von oben bis unten und
betrachteten mich ungefähr mit der Miene wie ein Fleischer, der ein Rind
zum Schlachten kaufen will. Hierauf sagte der erste:
»Man hat Lust, Soldat zu werden?«
»Ja, Durchlaucht.«
»Das gehörige Maß scheint man zu haben, auch kann man noch wachsen. Aber
man hat die verteufelte französische Jakobinermode mitgemacht, trägt
abgeschnittene Haare, wie steht es da mit dem Zopf?«
»Oh, der kann wieder wachsen,« fiel der Oberst ein.
»Ja, das wird lange währen,« meinte der Erbprinz, »und ein hessischer
Soldat ohne Zopf ist so viel wie gar nichts.«
Hier wackelten sämtliche Offiziere mit ihren Köpfen, gleichsam um durch
die Bewegung ihrer ellenlangen Zöpfe anzudeuten, wie sehr sie mit der
Meinung Seiner Durchlaucht einverstanden seien. Dieser fuhr fort:
»Wie alt ist man?«
Ich stand wie auf Kohlen und platzte endlich heraus:
»Man ist fünfzehn Jahre vorüber.«
Der Erbprinz sprach nun einige für mich unverständliche Worte zu seiner
Umgebung und entfernte sich, ohne mich weiter eines Blickes zu würdigen.
Ich eilte zu meinem Vater zurück, der der ganzen Szene in einiger
Entfernung zugesehen hatte, und gleich darauf kam der Oberst zu uns und
sagte zu demselben, ich habe mich so sonderbar benommen, daß der
Erbprinz sehr ungnädig sei und er es nicht wage, ferner einen Schritt in
dieser Angelegenheit zu tun.
»Ist auch nicht nötig, Herr Oberst,« versetzte ich, »ich werde um keinen
Preis hessische Dienste nehmen.« -- Mein Vater hieß mich schweigen, war
verlegen und suchte mich bei dem Obersten zu entschuldigen. Wir kehrten
in den Riesen zurück, wo uns ein Bekannter aus Hanau aufsuchte, der mit
meinem Vater über die Sache sprach und diesen einigermaßen beruhigte,
indem er ihn versicherte, daß ich auf keinen Fall ein großes Glück bei
den hessischen Zopfhelden gemacht haben würde, da ich, nicht von Adel,
noch hätte von Glück sagen können, wenn ich mit dem fünfzigsten oder
sechzigsten Jahre eine Kompagnie erhalten hätte, denn bei vielen heiße
es: >Herr Leutnant, dir lebe und dir sterbe ich<, und man könne sich
nicht vorstellen, welch eine Misere es sei, einem kleinen deutschen
Souverän zu dienen. Das Elend sei nicht einmal ein glänzendes, sondern
ein ganz gewöhnliches.
Ich stimmte dem braven Mann von Herzen bei und sagte meinem Vater, als
er bei der Heimfahrt äußerte, er wisse nun gar nicht, was er mit mir
anfangen solle, es wäre wohl das beste, wenn ich es mit den
französischen Diensten versuchte, wo man wenigstens weder nach albernen
Hirngespinsten, wie verfaulten Ahnen, noch nach Schnurrpfeifereien, wie
Zöpfen, frage. Diese Sprache hatte ich Breidensteins Erziehung zu
verdanken, der uns wenigstens so viel als möglich von allen albernen
Vorurteilen frei zu machen suchte, dabei aber vergaß, uns die nötige
Klugheit anzuempfehlen, und seine Freude daran zu haben schien, wenn wir
uns recht derb deshalb ausließen, eine Freude, die ihm durch mich in
vollem Maß wurde. Diese Erklärung setzte meine werte Verwandtschaft, die
noch meistens gut kaiserlich gesinnt war und die Franzosen haßte,
neuerdings in Alarm, und es gab abermals Debatten, die jedoch durch die
Furcht, meine Theaterlust möchte wieder erwachen, und da auch meine
Mutter Neigung für den französischen Dienst zeigte, bald beseitigt
wurden; es ward nun beschlossen, daß ich in französische Dienste treten
sollte. -- Ich fuhr ein paar Tage darauf mit meinem Vater nach Mainz, wo
Latour damals ein neues Regiment für die französische Regierung
errichtete. -- Als wir ankamen, ließ General Lefevre, ein Müllerssohn,
gerade ein Armeekorps von zwanzigtausend Mann auf der großen Bleiche,
die zum Heer Napoleons stoßen sollten, die Musterung passieren. Als ich
diese wahrhaft martialischen und dabei doch gutmütigen Gesichter
defilieren sah, machte dies einen ganz anderen Eindruck als die Hanauer
Zopfparade auf mich. Das kriegerische Aussehen dieser Truppen, das
legere Marschieren, die ungezwungene und doch imponierende Haltung
derselben, das unaufhörliche Wirbeln der vielen Trommeln, mit denen eine
etwas wilde Janitscharenmusik wechselte, dies alles machte mein Herz
freudig pochen. Ich vergaß und versäumte das Mittagessen über dieser
Revue und kam erst nach drei Uhr in die drei Reichskronen zurück, in
denen wir abgestiegen waren. Noch denselben Tag besuchten wir Latour,
dem wir durch einen Mainzer Bekannten empfohlen wurden, und eine halbe
Stunde darauf war ich mit Unteroffiziersrang in dem neuen Regiment
angestellt. Am folgenden Tag kehrten wir wieder nach Frankfurt zurück,
um meine Equipierung instand zu setzen, die eben nicht sehr umständlich
sein durfte; als Abzeichen meines Dienstes hatte ich schon eine
dreifarbige Kokarde, die ich aufsteckte, mitgebracht, kündigte mich
allenthalben und mit triumphierender Miene, namentlich auch in Homburg,
als angehender französischer Krieger an, was mir manche verdrießliche
Miene zuzog und mir namentlich der alte Oberst Schulter übel nahm, der
wie viele andere eine wahre Antipathie gegen die Franzosen hatte, ebenso
die Homburger, mit Ausnahme der Landgräfin, die für die Franzosen
eingenommen war und sehr gut französisch sprach. -- Während ich so mit
meinen Abschiedsbesuchen bei allen meinen Lieben und mit meiner
Equipierung beschäftigt war, kam Frau von Waldschmidt zu uns und teilte
uns mit, daß der Fürst Y... ebenfalls im Sinn habe, ein Regiment für den
Kaiser Napoleon zu errichten, es könne sich nicht leicht bessere
Gelegenheit finden, meine Militärdienste anzutreten, ja ich könne ohne
Zweifel als Offizier in dieses Regiment treten, da der Fürst junge Leute
von Distinktion für dasselbe suche. -- Mein Vater entgegnete ihr jedoch,
daß, da ich schon definitiv bei Latour d'Auvergne angestellt sei, dies
zu spät komme, ohnehin sei es nicht sein Wille, daß ich gleich eine
Offizierscharge bekleide, die mir zu viele Freiheit lasse, was bei
meiner großen Jugend und meinem Hang zu einem wilden Leben gerade nicht
wünschenswert sei. Aber Frau von Waldschmidt meinte, ich könne gerade in
dieser Hinsicht nirgends besser aufgehoben sein als in dem Regiment des
Fürsten Y..., der unsere Familie kenne und mich gewiß unter seine
besondere Obhut nehmen würde, eine Versetzung von dem einen Regiment zu
dem anderen ließe sich ja leicht bewirken und so weiter. Mein Vater
dankte für die Aufmerksamkeit, ließ es indessen vorerst dabei bewenden,
und nach ein paar Tagen reiste ich allein nach Mainz ab, meine
militärische Laufbahn anzutreten, die wenigstens lustig genug werden
sollte.