VII.

Das Pensionat zu Offenbach. -- Die Gebrüder Bernard. -- Eine große

Prellerei. -- Das Puppenspiel. -- Der Konfirmationsunterricht. --

Schinderhannes gefangen und hingerichtet. -- Allerlei Amoretten. --

Ich will mich schlechterdings dem Theater widmen. -- Eine Reise nach

Weimar. -- Goethe und Schiller.

Hofrat Scherer, der Direktor des Instituts zu Offenbach, war als ein

gestrenger und despotischer Schulmonarch bekannt, der nicht selten den

Farrenschwanz schwang, aber bei dem die Kinder doch etwas Tüchtiges

lernten, soweit seine eigenen Kenntnisse zureichten, die sich aber nicht

über das Alltägliche erstreckten. Mich hatte man ihm als einen wilden,

ausgelassenen Jungen geschildert, den man unter strengem Regiment halten

müsse, und ihm dieses besonders anempfohlen; ich wurde daher sehr ernst

und mit gewaltigen Ermahnungen und Warnungen empfangen, wozu noch das

Neue und Unbekannte meiner Lage kam, was mich für die ersten Tage

ebenfalls ernst und düster stimmte. Bald ward ich es jedoch inne, daß

der Herr Hofrat auch seine schwachen Seiten habe, die ich mir vornahm

möglichst zu benutzen, und so kamen wir, einige Extrafälle abgerechnet,

ziemlich gut miteinander aus. Indessen hieß es hier anhaltend lernen von

morgens sieben bis mittag, und von nachmittags zwei Uhr bis abends

sieben. Französisch, Englisch, Arithmetik, Erdbeschreibung und was zu

dem merkantilen Wissen nötig ist, war die Hauptsache, alte Sprachen

wurden nicht gelehrt, der Herr Hofrat kannte sie selbst nur dem Namen

nach, Zeichnen und Musik waren extra und deren Erlernung willkürlich,

ebenso Tanzen, dagegen wurden wir während der Sommertage jeden Morgen,

manchmal auch noch des Abends, zur Schwemme, das heißt zum Baden und

Waschen in den Main getrieben, wo wir schwimmen lernten und ich es in

dieser Kunst nach drei Wochen so weit brachte, daß ich gemächlich von

einem Ufer des Flusses zum anderen und wieder zurückschwimmen konnte,

was mir jedoch streng untersagt wurde, nachdem ich es ein paarmal

versucht, da das Experiment wegen des starken Stroms in der Mitte des

Flusses und der vielen sehr tiefen Stellen allerdings gefährlich war.

Dies war eine gesunde und heilsame Bewegung, die uns in Homburg fehlte,

wo wir aus Mangel an fließendem Wasser uns nur in großen Pfützen oder

kleinen Bächen von Zeit zu Zeit badeten. In dem Institut fand ich einige

zwanzig Knaben und ein paar Mädchen, des Hofrats nahe Anverwandte, er

war ihr Oheim, aber alle Kinder nannten ihn nur Onkel, was sie von den

Mädchen abgehört hatten, es schien dem strengen Herrn nicht zuwider, und

so ward der Allerweltsonkel auch mein Onkel.

Damals war Offenbach in einem blühenden Zustand, viele reiche Familien

aus Frankfurt hatten hier Landhäuser oder mieteten Sommerwohnungen

daselbst, so wie viele andere Fremde. Unter den letzteren war der

sogenannte Polackenfürst Frank, der seit mehreren Jahren mit einer

zahlreichen Dienerschaft und großem Gefolge aus Wien hierher gekommen

war und einen verschwenderischen Haushalt mit großer Pracht und

ungeheurem Aufwand entfaltete; er hielt sich anfänglich sogar eine

kleine Garde mit Erlaubnis der Isenburgischen Regierung. Dieser Mann,

seine Umgebung und sein ganzes Wesen und Treiben waren in ein

mysteriöses Dunkel gehüllt; niemand wußte, wer er eigentlich war, noch

kannte man seine Herkunft, über seinen Stand schwebte ein tiefes

Geheimnis, man nannte ihn nur den Polackenfürsten, alle seine Leute

waren in russische und polnische Nationaltrachten, doch sehr reich

gekleidet, und hatten lange Bärte. Indessen raunte man sich in die

Ohren, daß er in krummer Linie von kaiserlich russischer Abkunft sei,

und als einst nach seinem Tode seine Tochter, die man das polnische

Fräulein nannte, bei einer gewissen Gelegenheit ihre Unterschrift geben

sollte und um ihren Namen gefragt wurde, nannte sie sich Romanowna.

Diese geheimnisvolle Familie starb nach und nach aus oder verlor sich

spurlos in ziemlich drückenden Verhältnissen.

Unter den Offenbacher Bürgern gab es einige außerordentlich reiche

Häuser, unter denen die Schnupftabaksfabrikanten >Gebrüder Bernard<

durch den großen Aufwand, den sie machten, hervorragten. Nicht weniger

als vier zum Teil sehr kinderreiche Familien lebten auf großem Fuß von

dem Ertrag dieses Marokko genannten Nasenfutters, hatten alle glänzende

Equipagen, zahlreiche Dienerschaft, prächtig eingerichtete Wohnungen und

gaben große Feste. Einer der Chefs dieses Etablissements, ein gewisser

Peter Bernard, tat es aber allen zuvor, hatte einen fast fürstlichen

Haushalt und hielt sich sogar eine Kapelle, die fast aus lauter

Virtuosen bestand, bei der Fränzel Kapellmeister war, und die ihm eine

jährliche Ausgabe von mehr als dreißig- bis vierzigtausend Gulden

verursachte. Er gab große Konzerte, zu denen alle angesehenen Einwohner

Offenbachs gratis Zutritt hatten, und keine berühmten Tonkünstler,

Sänger oder Sängerinnen kamen durch Frankfurt, die nicht bei Bernard

gespielt oder gesungen hätten und aufs generöseste dafür honoriert

worden wären; die Damen, wenn sie liebenswürdig genug waren, hatten sich

noch obendrein der Küsse des Fabrikherrn als Zugabe der metallreichen

Belohnung zu erfreuen. Aus dieser Kapelle rekrutierte sich später das

treffliche Orchester des Frankfurter Theaters. Aber Peters Associés, die

Herren d'Orville, waren eben nicht sehr von dieser wütenden

musikalischen Liebhaberei erbaut, die außer großem Zeitverlust auch

bedeutende Summen verschlang, namentlich war der alte Georg d'Orville

Gift und Galle, wenn das Musikantenvolk, wie er die Virtuosen zu

betiteln beliebte, in musikalischen Angelegenheiten oder auch Geld

fordernd auf das Kontor zu Herrn Bernard kam, was ihm jedesmal ein

konvulsivisches Beintrappeln verursachte. Diese Musikwut hatte fast ganz

Offenbach ergriffen, und es war beinahe kein einziges nur einigermaßen

ansehnliches Haus, aus dem man im Vorübergehen nicht zu jeder Stunde des

Tages irgendein Instrument dudeln oder einen Gesang leiern hörte, wozu

auch die berühmte musikalische Anstalt und Verlagshandlung des Herrn

Hofrat Andre das ihrige beitrug. Auch ich fand hier die beste

Gelegenheit, mein musikalisches Talent völlig auszubilden, erhielt von

den besten Meistern Unterricht und hatte es bald so weit gebracht, daß

ich so ziemlich alles _a prima vista_ auf dem Klavier abspielen und auch

singen konnte.

Der Gründer dieser berühmten Tabakfabrik war ein gewisser Nikolaus

Bernard, Vater des Peter, gewesen, der eine pikante Nasenbeize erfand,

den damit fabrizierten Tabak Marokko taufte, das Geschäft mit nichts

begonnen hatte und als steinreicher Mann starb. Er hatte Hunderte von

Arbeitern beschäftigt, denen er jede Frankfurter Messe am dritten Montag

derselben einen Feiertag gab, wo er jeden noch außerdem mit einem Taler

beschenkte. Die Leute gingen an diesem Tag scharenweise nach Frankfurt,

machten sich einen guten Tag, den sie nach ihrem Brotherrn den

Nickelchestag nannten, und kehrten beim Heimgehen in den Wirtshäusern zu

Oberrad ein, wo sie sich unter Tanzen und Trinken bis zum hellen Morgen

vergnügten. Dieser Gebrauch wurde nach und nach in der ganzen Umgegend

von Frankfurt nachgeahmt, wodurch der Frankfurter Nickelchestag

entstand, an dem das Gedränge in den Straßen fast ebenso groß als auf

den Boulevards zu Paris ist.

Bei diesen aufgeblasenen Familien bewährte sich indessen das Sprichwort:

Hochmut kommt vor dem Fall, nur allzubald. Nicht zufrieden mit dem

reichlichen Gewinn, den ihnen alljährlich der Schnupftabak abwarf, der

sich auf achtzig- bis hunderttausend Gulden belief, von dem freilich bei

dem gewohnten Aufwand wenig oder nichts übrig bleiben konnte, fiel es

den Herren Gebrüdern ein, auch in London ein Haus zu gründen, um in

Kolonialwaren ins Große zu spekulieren, ohne zu überlegen, daß ihnen,

die sich bisher nur mit der höchst einfachen Fabrikation ihrer

Schnupftabaksbeize befaßt hatten, die nötige Sachkenntnis und Einsicht

dazu völlig mangelte, wozu noch kam, daß sie ein ganz unfähiges Subjekt

an die Spitze des Londoner Hauses stellten, und so mußte das Unternehmen

natürlich fehlschlagen. Während dieses Haus in der Tat schon völlig

bankrott war, aber vor den Augen der Welt noch florierte, suchten die

Herren Gebrüder Bernard, das heißt Herr Peter Bernard und seine

Gesellschafter, die Herren George und Jakob d'Orville, um sich möglichst

aus der Schlinge zu ziehen, einen wohlhabenden Bürger namens Wailand,

der in dem nahen Frankfurter Ort Oberrad wohnte, oder vielmehr dessen

Vermögen für das bankrotte englische Haus zu gewinnen, was nichts

anderes als ein abgefeimter Beutelschneiderstreich war, der ihnen auch

vollkommen gelang, ohne jedoch die gehofften Früchte zu bringen, nämlich

das Offenbacher Haus vor allem Verlust zu bewahren. Da dieses indessen

noch in der öffentlichen Meinung sehr hoch stand und für sehr reich

galt, so war es den Herren nicht schwer, den Wailand zu übertölpeln. Um

nun über Wailands Kapitalien verfügen zu können, sandten sie einen ihrer

Bekannten, ein zu einem solchen Auftrag ganz geeignetes Subjekt, einen

gewissen Ewald, Weinhändler in Offenbach, an den Mann ab, der ihm nur so

wie von ungefähr beibringen mußte, daß die Gebrüder Bernard noch einen

Teilnehmer für ihr Londoner Haus, das einen unermeßlichen Gewinn

verspreche, suchten, der die noch nötigen Fonds einschießen würde, die

sie dem Offenbacher Geschäft nicht entziehen könnten, da sie ohnehin

schon so große Kapitalien im Londoner hätten. Da der Geldbedarf äußerst

dringend war und das Feuer dem Bernard und Konsorten unter den Sohlen

brannte, so ließen sich die Herren Peter, George und Jakob so weit

herab, dem Herrn Wailand, als ihrem künftigen Gesellschafter,

nacheinander in höchsteigener Person ihre Aufwartung zu machen, luden

ihn zu sich nach Offenbach ein, wo ihm sogar die Ehre ward, daß ihm Herr

Bernard ein Solo auf dem Violoncello vorspielte, das den Geladenen trotz

mancherlei Mißgriffen doch so bezauberte, daß er sich noch in derselben

Stunde zu einer Einzahlung von einhundertfünfzigtausend Gulden

anheischig machte, sowie zu noch hunderttausend Gulden später, was

ungefähr das ganze Vermögens des Mannes war. Der arme Teufel, dem der

vermeintliche Millionär Bernard noch mehr Solis vorspielte und der einen

Ehrenplatz in dessen Konzerten erhielt, überbrachte seinen Herren

Associés selbst die Gelder und versprach auch die strengste

Geheimhaltung dieser Beutelschneiderei, die um so niederträchtiger war,

als sie ein fast blindes Vertrauen hinterging. Die Folgen blieben nicht

lange aus, und die Komödie mit dem armen Betrogenen wurde nur noch eine

kurze Zeit fortgespielt. Die Gebrüder Bernard hatten zwar ein paar

Lücken mit dem erhaltenen Geld gestopft, dadurch neuen Kredit in England

erlangt, ließen nun ungeheure Quantitäten Waren auf längere

Zahlungstermine aufkaufen, verkauften diese sogleich wieder per comptant

in Hamburg und trieben nebenbei eine so arge Wechselreiterei, wie die

merkantilische Welt schwerlich eine zweite aufzuweisen vermag, während

sich Wailand laut Kontrakt in nichts mischen, ja kaum einmal anfragen

durfte, bis plötzlich an einem schönen Morgen ein Sohn des George

d'Orville wie toll in sein Zimmer stürzte und hin und her rennend

ausrief:

»Lieber Wailand, ich komme gestern per Kurier von London. Gott! Gott!

Alles ist verloren; was sind wir für unglückliche Menschen, wenn nicht

gleich auf der Stelle drei- bis vierhunderttausend Gulden dahin

geschafft werden, um das dortige Obligo zu decken; was ist André (der

Geschäftsführer) für ein Spitzbube, es ist alles bei ihm in der größten

Unordnung und Konfusion, nichts eingetragen, nichts eingeschrieben; ich

habe viele Papiere mitgebracht, kommen Sie doch um Himmelswillen gleich

zu Herrn Bernard, er und meines Vaters Bruder sind hier, da werden Sie

alles hören.«

Man kann sich die Wirkung denken, welche diese Anrede auf das bisher so

sorglose Gemüt des unglücklichen Wailand machte. Der große Bankrott war

in London bereits förmlich ausgebrochen und erklärt, und das Offenbacher

Haus stand auf dem Punkt, es dem Londoner nachzumachen, als einige noch

solvable Verwandte desselben auf den Einfall kamen, bei den reichsten

Frankfurter Kaufleuten eine Subskription zugunsten der Gebrüder Bernard

zu eröffnen, um vermittelst derselben ein Kapital auf eine bestimmte

Zeit zu erhalten, mit welchem man den völligen Sturz des Hauses

verhindern könne. -- Das Projekt gelang, da man vermittelst Frauengunst

den reichsten Bankier Frankfurts, von Bethmann, dafür gewann, der sich

sogleich mit einer bedeutenden Summe an die Spitze stellte und

unterzeichnete. Indessen konnten sich die Bernard doch nie wieder ganz

von diesem Stoß erholen und zu dem früheren Glanz kommen.

Der betrogene Wailand wollte sich freilich an das Offenbacher Haus

halten, aber die Bernards wußten dennoch die Sache auf die lange Bank zu

schieben, dem durch sie an den Bettelstab gebrachten Wailand fehlte es

jetzt an allen Mitteln, etwas Durchgreifendes zu unternehmen, und

kummervoll und trostlos mußte er vorerst alles gehen lassen, wie es

ging, während das Offenbacher Haus, durch die Subskription aus der Not

gezogen, sich um den schändlichen Bankrott in London nicht weiter

bekümmerte, einen ärgerlichen Aufwand in Equipagen und so weiter

fortsetzte und Bernard sogar einen Teil seiner Kapelle, und zwar den

besten, den er zum Schein verabschiedet hatte, wieder mit dem früheren

Gehalt anstellte! Dies war um so empörender, als der arme Wailand oft

nicht wußte, von was er leben sollte.

Nach langen Jahren nahm sich jedoch einer der renommiertesten Advokaten

Frankfurts, der Doktor Klaus, plötzlich des armen Wailand an, machte

dessen Sache zu seiner eigenen, griff das Ding auf dem rechten Fleck an,

indem er damit begann, die Geschichte dieser Beutelschneiderei, mit

allen nötigen Beweisen, Briefen und anderen Dokumenten versehen, im

Druck herauszugeben, um hierauf den Prozeß gegen die Gebrüder Bernard

einzuleiten. Da vorauszusehen war, daß die Sache auf jeden Fall schlimm

für das Haus Bernard ausfallen würde, so suchte dies nun den

Rechtsstreit durch einen Vergleich zu beseitigen, den die Gegner auch

eingingen, da sie wußten, daß es eben nicht zum Brillantesten mit jenem

Haus stand, und Wailand mußte sich ungefähr mit dem sechsten Teil seiner

Forderung begnügen, der ihm in Terminen ausbezahlt wurde. Die

Haupturheber dieser Prellerei waren schon längst tot, und die Nachkommen

waren es, die nun in den für sie sehr sauern Apfel beißen mußten.

In Offenbach war damals das gesellige wie das öffentliche Leben überaus

heiter und fröhlich, die Fabriken hatten einen guten Absatz, die Gewerbe

blühten, und eine Albernheit der Frankfurter Behörden war dem Städtchen

von großem Nutzen. Das Verbot, daß in Frankfurt keine Maskenbälle

gegeben werden durften, kam den Offenbachern sehr zustatten, wo während

des ganzen Winters jeden Sonnabend bei ziemlich hohen Eintrittspreisen

dieses Vergnügen im dortigen Schauspielhaus gestattet wurde, wohin die

Frankfurter karawanenweise fuhren, um desselben teilhaftig zu werden,

und wodurch viel Geld von Frankfurt nach Offenbach geleitet wurde; denn

außer dem Eintrittsgeld und was in solchen Nächten verzehrt und

verspielt wurde, bezahlte man auch die brillanten Kostüme und was zu den

Maskenanzügen gehörte, in dem damit reichlich versehenen Magazin der

Mamsell Niepold zu enormen Preisen. Als Ursache, daß man diese Bälle,

ausgenommen in Krönungszeiten, wo man nicht anders konnte, in Frankfurt

nicht dulden wollte, gab man an, daß mehrmals den regierenden

Bürgermeistern große Unannehmlichkeiten bei solchen Gelegenheiten

widerfahren, ja einer sogar einmal beinahe ermordet worden wäre.

In den Sommermonaten wohnte ich, wie gesagt, zu meiner großen Freude bei

meinen Eltern, wo ich weit mehr Freiheit als in Scherers Institut hatte.

Unser nächster Gartennachbar, ein Kaufmann O... aus Frankfurt, hatte

mehrere Kinder, mit denen ich bald eine nähere Bekanntschaft anknüpfte.

Der älteste Junge, Adam, war indessen ein stupid-trauriges Subjekt, der

zweite, Fritz, ein ausgelassener Wildfang; sie hatten eine Schwester,

Lilli geheißen, ein artiges Mädchen, der den Hof zu machen ich schon der

Mühe wert fand. In den Erholungsstunden setzte ich mit einem Sprung über

die Planken, die unsere Gärten trennten, und befand mich bei diesen

Kindern, wo ich indessen bald noch ein anderes sehr hübsches Mädchen,

ebenfalls die Tochter eines Kaufmanns aus Frankfurt, kennen lernte, der

ein naher Verwandter O.s und d'Orvilles war, die Karoline Th... hieß.

Kaum hatte ich dieses liebenswürdige Kind erblickt, so hatte ich auch

keine Augen mehr für Lilli, sondern bewarb mich eifrig um die Gunst der

ersteren, die mir auch bald in vollem Maße zuteil ward, und wir

verstanden es vortrefflich, die gute Lilli und ihren einfältigen Bruder

Adam unter allerlei Vorwand zu entfernen, namentlich wenn wir Verstecken

spielten. Aber dabei hatte es sein Bewenden nicht, sondern bei den

Abendharmonien in Bernards Boskett machte ich die Bekanntschaft noch

mancher anderen liebenswürdigen Kinder, unter denen eine Jeannette, eine

Annette und eine Arkade, die letztere die Tochter eines reichen, in

Offenbach privatisierenden Holländers namens Amerong, und reservierte

mir diese für meine Winterschönheiten, da Lilli und Karoline wieder nach

Frankfurt zurückkehrten, sobald der Herbstwind die Blätter gelb färbte

und die Schwalben abzogen. -- Um mehr Gelegenheit zu haben, mit all

diesen Mädchen zusammen und in nähere Berührung zu kommen, und auch aus

angeborener Liebhaberei, nahm ich wieder zu meinem erprobten alten

Mittel, dem Komödienspielen, meine Zuflucht, und wir spielten in

Bernards Garten, wo sich die beste Gelegenheit dazu bot und gar manch

heimliches, >stillvertrautes Örtchen< war, Komödien jeder Art, in denen

auch manchmal die Eifersucht schon eine Rolle spielte, namentlich von

seiten der Aktricen.

Mit dem Ende des Sommers hatten auch unsere Garten-Komödien aufgehört,

und ich glaubte schon, einen recht traurigen Winter in dem Institut

zubringen zu müssen, da fügte es sich, daß sich meine Eltern

entschlossen, bis Weihnachten in Offenbach zu bleiben, und zu meiner

großen Freude fand sich eine Schauspielergesellschaft, deren Direktor

ein gewisser Badewitz war, für die Wintersaison ein; meine Mutter nahm

ein Abonnement in einer Loge, das meistens mir zugute kam. Die

Gesellschaft war so übel nicht; Madame Badewitz, eine hübsche junge

Frau, spielte die Liebhaberinnen recht natürlich, eine Demoiselle

Sternfeld war leidlich, auch der erste Liebhaber, Herr Stahl, gefiel,

nur tobte und schrie er bisweilen gar zu arg.

Gar zu gerne hätte ich im elterlichen Haus jetzt ein Liebhabertheater

etabliert, aber da sich diesem Vorhaben nicht zu beseitigende

Schwierigkeiten entgegensetzten, so mußte ich mich begnügen, ein

Puppentheater bestmöglich einzurichten, auf dem ich mit Hilfe einiger

anderen Kinder gewöhnlich Sonntags Vorstellungen gab. Dies Theater

stellte ich dann dicht an die Türe, die aus der Stube, in der wir

spielten, in ein anderes Zimmer führte, so daß dasselbe samt den

Dirigenten völlig von den Zuschauern, welche meistens aus Kindern und

dem Gesinde bestanden, getrennt war und niemand hinter das Theater

konnte. Die Bühne hatte mir unser Tischler nach meiner Angabe

verfertigen müssen, mehrere Dekorationen hatte mir unser Zeichenlehrer

Herchenröder gemalt, andere hatte ich selbst nach denen des Frankfurter

Theaters, die zum Teil von dem berühmten Quaglio und Fuentes gemalt

waren, zusammengepfuscht, und meine Gehilfen bei der Aufführung waren

meistens Mädchen, namentlich Jeannette und Arkade. Indessen glaube man

nicht, daß wir uns begnügten, kleine Harlekinaden aufzuführen, im

Gegenteil, die größten Maschinenstücke, wie eine Nymphe der Donau, der

Spiegel von Arkadien, die Teufelsmühle, das Sternenmädchen, die

Zauberzitter waren uns nicht zu schwierig, und sogar an große

Ritterstücke und Opern, wie Maria von Montalban, Oberon, das

unterbrochene Opferfest, die Zauberflöte, den Titus und so weiter wagten

wir uns und leierten sie ab, so gut es gehen wollte; freilich sangen wir

nur einzelne Lieder und Gesänge aus denselben, und alle Ensemblestücke

und die meisten Chöre blieben weg. Ein Klavier, das wir abwechselnd

spielten, war das Orchester, aber gar oft waren Orchester und Sänger um

zwanzig bis dreißig Takte und mehr auseinander. Wir sangen eben so gut

wir konnten und strengten uns dabei ganz gewaltig an. Indessen muß dies

Marionettenspiel doch nicht so durchaus langweilig gewesen sein, da es

nicht selten auch von erwachsenen Personen beehrt wurde, die den

Vorstellungen bis zu Ende beiwohnten. Eine der aufmerksamsten

Zuschauerinnen war Bettina Brentano, die damals mit noch zwei anderen

Schwestern bei ihrer Großmutter, der Schriftstellerin Sophia von La

Roche, zu Offenbach wohnte und unser Haus öfters mit einem Besuch

beehrte. Dieses originelle Mädchen war ein ganz eigenes und geniales

Geschöpf, welches in ihrem Wesen viel von Goethes Mignon hatte, dabei

ein etwas wildes, sehr naives und ungeniertes Naturkind war, unser

Puppenspiel mit großer Vorliebe gegen jede hämische Kritik verteidigte

und in Schutz nahm. Sie war damals schon eine außerordentliche

Verehrerin Goethes, und in Ermangelung des großen Dichters selbst

brachte sie ihre Huldigung einstweilen dessen Mutter, der Frau Rat, die

sie jedoch so sehr mit ihren Besuchen zu fast jeder Stunde bestürmte,

daß sich dieselbe öfters verleugnen ließ. Bettina aber merkte dies und

ließ sich dann nicht abweisen, sie klopfte an der Tür des Schlafzimmers,

in welchem sie die Dame vermutete, und rief ihr ganz naiv zu: »Machen

Sie nur auf, Frau Rat, ich weiß doch, daß Sie zu Hause sind,« oder

öffnete ein Fenster des Vorzimmers und schlug von außen mit einem

Stöckchen an das Fenster der Stube, in der sie Goethes Mutter glaubte,

dieselben Worte wiederholend, bis endlich die gute Frau, durch diese

Beharrlichkeit erweicht, lächelnd öffnete, wo dann das Mädchen in die

Hände patschend freudig herumsprang und ausrief: »So muß man es machen,

Frau Rat, wenn man Sie sehen will.« --

Bald darauf kehrten meine Eltern nach Frankfurt zurück, und ich mußte zu

meinem Leidwesen wieder ganz in dem Institut wohnen, wo sich indessen

eine neue, sehr hübsche, kaum dreizehnjährige Nichte des Hofrats,

Helenchen Valentin, eingefunden hatte, mit der ich nun meine Aufgaben in

den Abendstunden zusammen in der erwähnten Garderobe machte und

auswendig lernte, und man darf es mir aufs Wort glauben, daß auch ohne

die Pestalozzische Methode, die wir nicht kannten, wir beide durch

gegenseitigen Unterricht erstaunlich schnelle Fortschritte machten.

Gegen das Frühjahr verlor ich meinen guten, schon länger kränkelnden

Großvater Weller. Der Mann hatte sich übermäßig angestrengt und fast zu

Tode gearbeitet, während die meisten Römerherren ihre Stellen als

Sinekuren betrachteten und es sich in träger Behaglichkeit wohl sein

ließen. Das edle Roß arbeitet unaufgefordert bis zum letzten Atemzug,

der Esel aber läßt sich zur Arbeit prügeln und tut sich doch nicht weh.

Der gute Mann hatte noch vor seinem Tode geäußert, daß man mich doch in

den Religionsunterricht des Pfarrers Doktor Hufnagel nach Frankfurt

schicken solle, der ein berühmter Prediger und sein intimer Freund war,

um von diesem konfirmiert zu werden. -- Dies war Wasser auf meine Mühle,

denn nun mußte mich Hofrat Scherer jede Woche ein-, auch zweimal zu

dieser Gebetstunde nach Frankfurt gehen lassen. Hier fesselte sogleich

nicht Doktor Hufnagel, sondern ein allerliebstes Mädchen, die

Wirtstochter aus dem Englischen Hof, Jungfer L..., wie sie sich nannte,

meine Aufmerksamkeit, ich hatte bald nur noch Augen und Ohren für sie

und war taub für die Lehren des wackeren Hufnagels. Bald hatten wir erst

nur durch Blicke, dann durch Zettelchen korrespondiert, die ich ihr beim

Verlassen der Gebetstunde zusteckte, worauf wir aus Mangel an

passenderen Orten uns Rendezvous hinter den einsamen Stadtmauern in der

Gegend des Eschenheimer Tors gaben; aber dies Einverständnis hatte kaum

einige Wochen gedauert, als es durch die Unvorsichtigkeit meiner Teueren

plötzlich gestört und mir der fernere Besuch der Religionsstunden in

Frankfurt untersagt wurde. Die L. ließ während des Unterrichts ein

Zettelchen, das ich ihr beim Eintreten zugesteckt, indem ich sie auf den

Wall am Eschenheimer Tor beschied, und das mit einem: >einstweilen

tausend Küsse, mein lieblicher Engel< schloß, aus ihrem Gebetbuch

fallen, ohne es sogleich wahrzunehmen, ein anderes neben ihr sitzendes

Mädchen hob es auf und übergab es dem Doktor Hufnagel, der es zu unserm

beiderseitigen Schrecken las, zu sich steckte und nach der

Konfirmandenstunde das arme Kind vornahm, das, heiße Tränen vergießend,

beichtete, ich habe sie zu all den gottlosen Dingen verführt. Meine

Eltern wurden von der gemachten Entdeckung in Kenntnis gesetzt, teilten

sie dem Hofrat Scherer mit, der ohnehin über das Nach-Frankfurt-Laufen

als viel zu zeitraubend ärgerlich war, und nun wurde beschlossen,

daß ich den Frankfurter Religionsunterricht aufgeben, die

Konfirmandenstunden in Offenbach bei dem lutherischen Oberpfarrer

Waldeck fortsetzen und daselbst auch konfirmiert werden solle. So

unangenehm mir dieser unwiderrufliche Beschluß anfangs war, so wußte ich

mich doch bald darein zu finden und fing in der neuen Gebetstunde da an,

wo ich es in Frankfurt gelassen hatte, nämlich statt auf die Lehren des

guten Herrn Oberpfarrers zu achten, suchte ich mit den hübschesten

Mädchen zu liebäugeln, deren es auch hier gab, und eine schmachtende

Sophia, ein Kind der Liebe in jedem Sinn, hatte neben Rosettchen, die

gleichfalls diese Gebetstunden besuchte, schnell mein so empfängliches

Herz zu fesseln gewußt, ich war getröstet, nahm mir aber vor, meine

Sache jetzt klüger anzufangen und vor allem keine Zettel mehr zu

schreiben, dagegen unterstrich ich die mir gerade dienlichen Worte in

meinem Katechismus mit Bleifeder, machte ein kleines Zeichen an den Rand

der Zeilen, in denen sich die unterstrichenen Worte befanden, ein Kreuz

hinter dem Wort, das eine Phrase schloß, und machte mich so vollkommen

verständlich. Beim Herausgehen tauschten wir die gleich gebundenen

Bücher gegeneinander aus, ich fand die erbetene Antwort auf dieselbe

Weise bezeichnet, denn ich hatte gar gelehrige Schülerinnen für meinen

Unterricht, und auf diese Weise wurde gar manche Zusammenkunft

verabredet und zustande gebracht.

Damals verbreitete sich in Offenbach und der Umgegend plötzlich die

Nachricht, daß der berüchtigte und allgemein gefürchtete Räuberhauptmann

Schinderhannes (Johannes Bückler) in Frankfurt im Roten Ochsen, dem

österreichischen Werbhaus, gefangen worden sei. Anfänglich wollte

niemand daran glauben, bald bestätigte sich jedoch diese große

Neuigkeit, sowie, daß man ihn an das französische Gouvernement nach

Mainz abgeliefert habe, da er hauptsächlich das linke Rheinufer zum

Schauplatz seiner Untaten und Missetaten gemacht hatte, von denen viele

höchst originell waren, namentlich die, welche er an Juden, die er

besonders haßte, verübte. Seitdem das linke Rheinufer französisch war,

hatten ihm die dortigen Gendarmen so gewaltig zugesetzt, daß er sich

schon einigemal auf das rechte Ufer geflüchtet und, um sich aus der

Klemme zu retten, bei österreichischen oder preußischen Werbern

engagiert hatte. Da er noch ein sehr junger und wohlgewachsener Mann

war, so wurde ihm jedesmal ein schönes Handgeld ausgezahlt, worauf er

sich bei der ersten Gelegenheit wieder aus dem Staube machte und sein

Räuberhandwerk von neuem begann. Als ihm einst ein österreichischer

Werbeunteroffizier vier Karolin Handgeld ausgezahlt hatte und beide

hierauf durch den Frankfurter Wald kamen, zog Schinderhannes plötzlich

zwei Terzerole unter dem Wams hervor und sagte zu dem Korporal: »Jetzt

geht jeder seinen Weg, ich bin Johannes Bückler,« und der Unteroffizier

mußte ihn gehen lassen. Diesmal war er jedoch im Werbehaus selbst

erkannt, festgenommen und wohl geknebelt nach Mainz transportiert

worden.

Ich hatte schon so viele und seltsame Dinge von diesem Schinderhannes

erzählen hören, daß ich mir ein großes Genie, einen wahren Wundermann

unter demselben dachte, den zu sehen ich weiß nicht was gegeben hätte.

Zudem war meine Phantasie soeben durch das Lesen des Rinaldo Rinaldini

aufgeregt, und obendrein studierte ich die Rolle des Karl Moor aus

Schillers Räubern ein. Ich träumte und phantasierte wachend von diesem

Helden und dem Schinderhannes, von dem man allgemein glaubte, daß er

sich selbst wieder befreien würde, und täglich eine solche Nachricht

erwartete; unter dem Volk stand sogar der Glaube fest, daß er sich

unsichtbar machen könne. Unterdessen aber wurde sein Prozeß und der

seiner Spießgesellen, von denen man die gefährlichstem wie den schwarzen

Peter, den tollen Jonas und so weiter nach dem Habhaftwerden ihres

Hauptmanns ebenfalls eingefangen hatte, bei den französischen Gerichten

zu Mainz eifrigst betrieben, und nach mehreren Monaten kam die

Nachricht, daß er samt seinen gefangenen Helfershelfern, dreiundzwanzig

an der Zahl, zum Tode verurteilt sei.

Schinderhannes sterben, ohne daß ich dieses Genie gesehen, war mir ein

unerträglicher Gedanke. Unter andern Gaben, mit denen mich die gütige

Natur beschenkt, war auch eine gute Portion Leichtsinn, die mich gar oft

in die allerbedenklichsten Lagen brachte, und mehr als hundertmal setzte

ich gleich einem verzweifelten Spieler Existenz, Leben und Vermögen auf

einen einzigen Wurf und -- gewann meistens; dies ist allerdings das wenn

auch desperate Mittel, manches gefährliche Wagnis durchsetzen zu können,

indessen muß man dabei auf alles, was kommen kann, gefaßt und resigniert

sein.

Als ich mit Bestimmtheit den Tag kannte, der zur Exekution meines Helden

festgesetzt war, erklärte ich dem Herrn Hofrat zwei Tage früher, daß ich

den kommenden Morgen zur Geburtstagsfeier meines Vaters nach Frankfurt

gehen müsse, was er mir nach einigen Einreden, die ich zu widerlegen

wußte, zugestand. Ich hatte erfahren, daß den Tag vor der Hinrichtung

außer dem jeden Morgen abgehenden Marktschiff noch eine Extrajacht von

Frankfurt nach Mainz fahren würde, ich machte mich deshalb in aller

Frühe auf die Beine, kam nach sechs Uhr in Frankfurt an, eilte sofort an

die Ufer des Mains und schiffte mich auf der Jacht ein, wo ich nicht

eher ruhig war, als bis sie die Anker gelichtet, das heißt die Seile,

die sie am Ufer hielten, losgebunden, denn ich fürchtete immer noch,

eingeholt und zurückgebracht zu werden. Endlich fuhren wir mit Musik und

unter dem Jubel der Menge ab. Jetzt erst wurde es mir leichter ums Herz,

und ich freute mich innerlich über das Gelingen meines Geniestreichs.

Das Schiff war mit Passagieren jeder Gattung bis zum Erdrücken

angefüllt. Greise und Jünglinge, alte Weiber und blühende Mädchen,

wichtigtuende Beamte und sorglose Bänkelsänger, alles war in buntem

Gemisch durcheinander und vertrug sich bestens. Daß fast nur von dem

berühmten Räuberhauptmann und seiner Bande die Rede und das dritte Wort

Schinderhannes war, von dem man sich die wunderlichsten Abenteuer und

Anekdoten, wahr oder erfunden, erzählte, kann man sich denken, sowie daß

ich jedes Wort und jede Meinung mit Begierde aufschnappte und das

Gesicht verzog, wenn sie mit meinem Ideal nicht übereinstimmten.

Indessen war die Fahrt lustig und unterhaltend genug, man sang, spielte,

schmauste und zechte, ich naschte Kuchen und Backwerk, was man zum

Verkauf ausbot, und verschenkte manch Stückchen an ein hübsches Mädchen.

Aber jedermann wunderte sich, daß ich so allein, ohne alle

Kopfbedeckung, im bloßen Hals, in dieser Jahreszeit, es war im Winter,

und ohne alle Aufsicht zu einer solchen Feierlichkeit nach Mainz reise.

Aber unbekümmert stimmte ich in das originelle Lied, das einige lustige

Brüder sangen: >So geht es in Schnutzel-Putz-Häusel, da tanzen die

Katzen und Mäusel< mit ein und fuhr heiter den Strom hinab. Erst gegen

Abend bekamen wir das alte ehrwürdige, ehemals goldene Mainz mit seinen

Türmen, Kirchen und Klöstern zu Gesicht. Nach fünf Uhr wurde gelandet,

und während sich alle Passagiere nach Gasthöfen und einem Nachtlager

umsahen, war, als ich ausgestiegen, meine erste Frage, ob ein Theater in

Mainz sei und ob man diesen Abend spiele, worauf mir eine bejahende

Antwort wurde, und zwar, daß man französische Komödie spiele. Ein

französisches Stück hatte ich noch nie aufführen sehen, und nichts hätte

mich, dessen Neugierde aufs höchste erregt war, abhalten können,

demselben beizuwohnen. Ich ließ mir sogleich den Weg zeigen, der nach

dem Theater führte, nahm ein Parkettbillett und sah den >Kalif von

Bagdad< und noch ein paar französische Lustspiele aufführen. Als gegen

zehn Uhr das Schauspiel beendigt war und ich das Haus verließ, ergoß

sich der Regen in Strömen, ich hatte noch an kein Nachtquartier gedacht,

befand mich zum erstenmal in einer mir ganz fremden und ziemlich großen

Stadt, fragte nun erst nach Gast- und Wirtshäusern, lief, in allen

abgewiesen, von einem zum andern, denn niemand wollte sich mit dem

seltsamen Gast, der ohne Mantel, Binde und Hut, schon wie ein Pudel

durchnäßt, kein großes Vertrauen einflößte, befassen, und zudem waren ja

alle Wirtshäuser vom ersten bis zum letzten überfüllt. So rannte ich nun

umher, ohne zu wissen wohin, und schon ging es auf Mitternacht zu, als,

zähneklappernd und vor Frost zitternd und schaudernd, durch die schon

längst menschenleeren Straßen irrend mich der Zufall an das

Judenplätzchen führte, wo ich eine vor dem dortigen Wachthaus stehende

französische Schildwache anredete und ihr meine Verlegenheit klagte. Sie

hieß mich in die Wache eintreten, wo ich mich bei einem guten Feuer

trocknen und erwärmen könne, und da ich diesem Rat nicht sogleich Folge

leistete, so öffnete mir der Soldat selbst die Tür, rief den

wachehabenden Sergeanten, dem er mein Abenteuer mitteilte, der mich nun

in das Wachtzimmer nötigte, wo er und seine Leute warmen Anteil an

meinem Schicksal nahmen, mich scherzend bedauerten, nach französischer

Weise Witze und Bonmots über mein Malheur machten, sonst aber sehr artig

waren. Sie halfen mir die nassen, triefenden Kleider ausziehen, mich

einstweilen in eine ihrer Kapotten hüllend, und mir, während sie meine

Effekten am Feuer trockneten, ein Nachtlager auf der Pritsche mit

Soldatenmänteln und einem Tornister, der mir statt Kopfkissen diente,

bereitend, auf dem ich auch bald nach Herzenslust schnarchte. Als ich am

anderen Morgen erwachte, waren meine Kleidungsstücke getrocknet und

sogar gereinigt und ausgebürstet, man war mir beim Ankleiden behilflich,

und ich, für die erwiesene Gastfreundschaft erkenntlich, regalierte die

ganze Wache _avec la goutte_ und eilte, nachdem ich Teil an dem

militärischen Frühstück und Abschied von meinen gefälligen

Schlafkameraden genommen, mit fast ganz leerer Tasche, denn ich hatte

nur wenige Gulden, nach dem zur Exekution bestimmten Platz, auf dem

ehedem die prächtige kurfürstliche Favorite gestanden und den jetzt

wieder schöne Gartenanlagen zieren. Die schon von allen Seiten dahin

strömenden Volksmassen zeigten mir den Weg.

Daselbst angekommen, fand ich einen großen Kreis durch ein militärisches

Spalier gebildet, in dessen Mitte die rot angestrichene Guillotine

stand. Gerne wäre ich in den Kreis gegangen, aber das Militär ließ

niemand durch, nur Offiziere und höhere Beamte hatten dieses Vorrecht.

Schon harrte die unermeßliche Zahl der Neugierigen stundenlang, als man

endlich einen dumpfen Trommelschlag und gleich darauf ein: »Sie kommen,

sie kommen!« vernahm. Es fuhren nun mehrere Kutschen mit diensttuenden

Beamten in den Zirkus, ich paßte einen günstigen Augenblick ab und stahl

mich hinter einer solchen in denselben. Jetzt kamen die armen Sünder auf

mehreren Leiterwagen, teils mit roten, teils mit weißen Hemden

bekleidet, in Begleitung katholischer und protestantischer Geistlicher

angefahren. Noch immer dachte ich, daß irgendein _Deus ex machina_

kommen müsse, um die Räuberhelden zu befreien, aber vergeblich. -- Jetzt

herrschte eine Totenstille im ganzen Umkreis. Schinderhannes sprang

zuerst vom Wagen, stieg beherzt und mit Anstand auf das Schafott, sprach

noch einige Worte, die ich nicht verstand, machte eine kurze Verbeugung

gegen die Zuschauer, legte das Haupt auf den Block, den das

zentnerschwere Messer mit einem ringsum widerhallenden Schlag vom Rumpf

trennte, wobei mir ein tiefer Seufzer entfuhr, und ich lispelte:

»Rinaldo Rinaldini ist nicht mehr!« Ich hatte den einst so gefürchteten

Schinderhannes ganz in der Nähe gesehen und dessen Züge nicht ohne einen

Ausdruck, der einen gewissen Edelmut zu verkünden schien, gefunden. Bis

zum letzten Augenblick zeigte er die größte Standhaftigkeit und

Entschlossenheit. Ihm folgten die Mitverurteilten der Reihe nach rasch

hintereinander, keiner jedoch zeigte den Mut des Anführers, einige

mußten sogar ohnmächtig auf das Schafott getragen werden. Ich hielt es

nur bis zum zehnten aus, dann wurde mir die Schlächterei und das viele

Blut zuwider; ich eilte in die Stadt zurück, wo ich am Tor hinter einem

Tisch, auf dem eine blecherne Büchse war, mehrere Männer stehend fand,

von denen einer ein einjähriges Kind auf dem Arm hatte; es war der Sohn

des guillotinierten Räuberhauptmanns, dem alle Vorübergehenden

reichliche Gaben spendeten; auch ich warf ein Sechskreuzerstück, die

Hälfte von dem, was ich noch übrig hatte, in die Büchse, als Beitrag für

den Nachkömmling des verunglückten Helden.

Indessen war die Mittagsstunde herangekommen, und mein leerer Magen

mahnte mich, daß ich gewohnt war, ihn um diese Zeit zu füllen; als ich

so überlegte, daß dies mit sechs Kreuzern eine ziemlich schwere Aufgabe

sei, begegnete mir gerade ein guter Freund unserer Familie, der in Mainz

wohnte, der Hofrat Jung, und fragte mich verwundert, wie ich nach Mainz

gekommen und ob ich allein sei. Ich teilte ihm nun mein Abenteuer mit,

ohne ihm zu sagen, daß ich heimlich und ohne Erlaubnis den Abstecher

gemacht, worauf er mich zum Mittagessen einlud, mich mit sich nahm und

schmälte, daß ich ihn nicht sogleich nach meiner Ankunft zu Mainz

aufgesucht und bei ihm logiert habe. Denselben Abend nahm er mich mit

seinen Kindern auf einen großen, im Schröderschen Kaffeehaus

veranstalteten Ball, und den anderen Morgen trat ich nach eingenommenem

Frühstück die Reise zu Fuß nach Frankfurt an, da ich kein Geld hatte,

einen Platz in einem Wagen oder Schiff zu bezahlen, und Jung nicht darum

ansprechen mochte. Je mehr ich mich aber Frankfurt näherte, wo ich mit

großem Hunger und höchst ermüdet ankam, desto mehr klopfte mir das Herz,

denn nicht ohne Grund fürchtete ich ein schweres Ungewitter. Ich faßte

aber Mut und betrat das Vaterhaus, wo ich über alle Erwartung gnädig von

meinen Eltern aufgenommen wurde, die in namenloser Angst, was aus mir

geworden, nur froh waren, mich gesund und mit heiler Haut wiederzusehen.

Scherer hatte den zweiten Tag nach meiner Abwesenheit fragen lassen,

warum ich nicht zurückkäme. -- Nachdem ich mich gehörig restauriert

hatte, wurde ich noch denselben Abend nach Offenbach spediert, wo es

aber nicht so gelinde abging, sondern ich drei Tage lang in die

Rauchkammer und zwar bei Wasser und Brot gesperrt und mir verkündet

wurde, daß ich in den ersten drei Monaten nicht mehr nach Frankfurt

dürfe. Mein Trost in dieser Einsamkeit war: Du leidest dies alles um

Schinderhannes willen, hast den unsterblichen Helden des Jahrhunderts

sterben, eine Guillotine, ein französisches Theater, einen Ball und

Mainz gesehen und eine merkwürdige Reise gemacht.

Ein Trauerfall und dann eine fröhliche Begebenheit waren Ursache, daß

ich schon in den ersten vierzehn Tagen wieder das väterliche Haus

besuchen sollte. Meine jüngste Schwester Auguste, ein überaus

liebliches, fast bei ihrem Leben schon verklärtes Wesen, starb nach

einem Krankenlager von kaum drei Tagen. Meine untröstlichen Eltern

wollten nun alle ihre Kinder um sich sehen, und auch ich wurde deshalb

nach Frankfurt geholt.

Sechs Wochen nach diesem Todesfall heiratete mein Oheim Fritz Weller

eine Tochter aus einem der angesehensten und reichsten Häuser

Frankfurts, und nun gab es wieder Feste über Feste. Um einen Begriff von

der raffinierten Gaumenschwelgerei einiger reicher Frankfurter Kaufleute

zu geben, will ich hier nur ein einziges Faktum anführen. Dem Brautpaar

zu Ehren gab ein gewisser Fingerling, einer der reichsten Handelsleute

der Stadt, der besonders wegen der Erfindung pikanter Saucen und

mehrerer Gerichte, die seinen Namen trugen, berühmt war, einen großen

Schmaus auf dem Forsthaus, zu dem die ganze Verwandtschaft eingeladen

war. Unter der Zahl der endlosen Schüsseln war eine, die er den >Kapaun

im Schlafrock< benannte, deren Erfinder zu sein er sich mit Stolz rühmte

und von deren Zubereitung er folgende schauderhafte Beschreibung machte.

Zuerst wurde der Kapaun mehrere Monate mit Markklößchen gemästet,

sodann, wenn er fett genug war, lebendig gerupft, hierauf mit Butter und

Bordeauxwein am ganzen Körper eingerieben und sodann mit einer Peitsche

in einem geheizten Zimmer so lange herumgehetzt, bis sich Butter und

Wein mit dem Schweiß des armen Tieres vermischten und in dessen Haut

gedrungen waren. Diese Operation wurde mehrmals wiederholt, bevor man

den Kapaun tötete, worauf er in die Haut eines frisch geschlachteten

Spanferkels genäht und so gebraten wurde. Mehreren Gästen wurde es bei

dieser, an der Tafel selbst mit wohlgefälliger Prahlerei mitgeteilten

Erzählung beinahe übel, und die meisten, unter denen auch das Brautpaar,

wollten nichts von dieser gerühmten Schüssel genießen, während es sich

mehrere Hoch- und Gutschmecker mit schwabbelnden Bäuchen so trefflich

schmecken ließen, daß sie den Braten allein mit Haut und Haar

aufzehrten. Auch zur üppigsten Zeit der Römer haben deren größte

Schlemmer nichts Abscheulicheres ausgeheckt, ihre Gaumen zu kitzeln.

Gleich nach der Hochzeit wurde eine Rheinreise auf einer von meinem

Oheim eigens dazu gemieteten Jacht veranstaltet, an der auch meine

Eltern und wir Kinder teilnahmen. Die Fahrt ging nach dem alten Köln;

bei dieser Gelegenheit sah ich zum erstenmal die herrlichen Gegenden,

die sich längs dem Vater Rhein auf beiden Ufern ausdehnen, und

bewunderte die alten, auf steilen Felsen hängenden Burgruinen, die

köstlichen Weinberge, die vielen freundlichen Städte und Ortschaften,

die so malerisch gelegenen Kirchen, Klöster, Villen und Meiereien, die

Gebirge, die in steter Abwechslung von Mainz bis Bonn an dem entzückten

Auge vorüberschweben.

Nach diesen Festivitäten kehrte ich wieder nach Offenbach in meine

Pension zurück, um bald darauf konfirmiert zu werden, ob ich gleich auch

nicht eine Seite vom Katechismus, gar keine Bibelsprüche, ja nicht

einmal das Vaterunser, dagegen wenigstens ein Dutzend Theaterrollen bis

auf das Tipfelchen auswendig konnte. Der Herr Oberpfarrer war aber sehr

nachsichtsvoll und so gütig, mir nur solche Fragen vorzulegen, die ich

nicht anders als mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten konnte.

Dennoch erhielt ich bei dieser Gelegenheit reiche Geschenke von meinen

Verwandten, so wie der Herr Oberpfarrer auch gut bedacht wurde.

Nach der Konfirmation widmete ich mich mehr denn je den dramatischen

Studien. Bei dem Hofrat André waren ein paar junge Leute, namens Winter

und Reinwald, welche die Harmonie und den Generalbaß studierten, diesen

sang ich meine Opernrollen vor, und sie feuerten mich nicht wenig durch

ihren unverdienten Beifall an. Sie waren auch im Haus der als

Schriftstellerin bekannten Sophia La Roche eingeführt, und durch sie und

Bettina Brentano, die ihrer Großmutter von mir gesprochen, ward ich

derselben vorgestellt, deklamierte ihr mehrere Gedichte vor, und als sie

meinen festen Vorsatz, mich dem Theater zu widmen, erfuhr, sagte sie:

»Ich wüßte nicht, was ich tun würde, wenn ich ein Kind hätte, das diese

Karriere wählte.« -- Was mich noch mehr in meinem Entschluß befestigte,

war, daß ein anderer junger Mensch namens Eduard St..., der mein Vetter

und zwei Jahre älter als ich war, durchaus eine gleiche, ja noch größere

Neigung als ich zur Schauspielkunst, dabei eine einnehmende Figur, aber

wenig Talent hatte. Wir kamen jetzt in der Regel jeden Sonntag in einem

Garten des Wasserhofs, einer in der Mitte zwischen Offenbach und

Frankfurt am Main liegenden Meierei, zusammen, wo wir uns gegenseitig

unsere Pläne und Hoffnungen für die Zukunft bei einer Schale süßer Milch

und Weck mitteilten und unsere Rollen überhörten.

Ich suchte nun auch Herrn Schmidt, den Kapellmeister des Frankfurter

Theaters, auf, dessen Bekanntschaft ich bei dem Herrn Geheimrat Willemer

gemacht, der ein großer Theaterfreund und Aktionär des Frankfurter

Theaters war und die Koryphäen desselben häufig auf sein Landgut bei

Oberrad einlud. Ich deklamierte und sang den Herren vor, und sie

meinten, daß ich allerdings nicht ohne Talent für die Bühne sei; ich sah

mich schon im Traum ein Roscius, Garrik oder Iffland, auf dem Theater zu

Weimar und Berlin, die damals für die ersten Deutschlands galten. Bei

dieser Gelegenheit in Willemers Garten lernte ich ein Fräulein von W...

kennen, deren Vater ein Gut in Bockenheim gehabt und in Frankfurt bei

einer Spielbank interessiert war; dieses hübsche Mädchen, das auch den

Namen Henriette führte, hatte meine Deklamation und mein Gesang

angesprochen, sie bezeigte mir viel Teilnahme, und wir waren bald auf

dem Fuß, daß sie mir erlaubte, sie abends nach neun Uhr in ihrem Garten

in Bockenheim besuchen zu dürfen; ich ließ mir dies nicht zweimal sagen,

sondern begab mich unter dem Vorwand, wegen Unpäßlichkeit früh zu Bette

zu gehen, gleich nach dem Abendessen in mein Schlafzimmer, das ich von

innen verriegelte; sodann stieg ich aus dem Fenster hinab, rannte nach

Bockenheim und suchte daselbst, über W.s Gartenmauer kletternd, das

Plätzchen auf, an dem mir Fräulein Henriette Rendezvous gegeben hatte.

Es war eine kleine, von dickem Gebüsch umgebene Laube. Damit ich aber in

Zukunft nicht mehr zu klettern brauchte, händigte sie mir den Schlüssel

zu einem Hinterpförtchen ein, den sie durch ihr Kammermädchen, das ihre

Vertraute war, hatte machen lassen. Die Mama dieses lieben Kindes, noch

eine schöne Frau, hatte ein Einverständnis mit dem Schauspieler Werdy,

dem ersten Liebhaber und Helden des Frankfurter Theaters, und dieser

befand sich gleichfalls im Besitz eines solchen Schlüssels. Eines

Abends, als ich nach zehn Uhr den Garten verließ und eben den Schlüssel

in das Schloß des Pförtchens stecken wollte, öffnete sich dieses, und

ich stand Werdy gegenüber, -- anfänglich waren wir beide ein wenig

frappiert, doch bald wieder gefaßt sagte Werdy zu mir: »Ich weiß,

welches Wildes Spur Sie hier verfolgen, wir gehen einander nicht in das

Gehege; ist mir die Tochter nicht beschieden, so suche ich die Mutter

auf, doch reinen Mund.« -- Das Kammermädchen Henriettens, das, wie ich

später erfuhr, Werdys Herz mit der gnädigen Frau teilte, hatte diesem

geplaudert; da die Zofe indessen auch noch ein Einverständnis mit dem

Jäger des Herrn von W... hatte und dieser ihre Intrigue mit dem

Schauspieler entdeckte, so gab es bald Lärmen und Hallo, den Herr von

W... klug genug war zu vertuschen, mit dem Mantel die Liebe zuzudecken,

und dem Jäger Wambold wie dem Kammermädchen gab er den Abschied. Aber

auch meine nächtlichen Besuche in W.s Garten hatten ein Ende, da auf

Befehl des Obersten derselbe sowie das Fräulein strenge bewacht wurden.

-- Indessen war damit noch nicht unser Verhältnis abgebrochen. Henriette

fand Mittel, mir ein Billett zuzustecken, durch welches sie mich einlud,

mich abends nach dem Theater am Weißen Schwanen einzufinden, wo sie oft

stundenlang allein im Wagen halten und auf den Papa, der oben spiele,

warten müsse. -- Diese Gelegenheit paßte ich ab, und so oft ich sah, daß

meine Angebetete allein in der Loge war, fand ich mich nach beendigtem

Schauspiel am Schwanen ein, wo ich dann Gelegenheit hatte, mich zuerst

lange am Kutschenschlag mit ihr zu unterhalten; aber der wartende

Bediente mußte mit in das Geheimnis gezogen und also bestochen werden.

Dies war eben kein schweres Stück Arbeit, und da ich außer meinem

Taschengeld noch viel von meinen Konfirmationsbatzen hatte, so ließ ich

es an Trinkgeldern nicht fehlen und zahlte generös, was zur Folge hatte,

daß der Bediente bald zu mir sagte: »Aber warum wollen Sie hier am Wagen

stehen, steigen Sie doch ein, ich will schon aufpassen, wenn Papa

kömmt.« Ich war mit einem Sprung in dem Wagen, verdoppelte das

Trinkgeld, denn er mußte mit dem Kutscher teilen, und während unser

Figaro oben auf der Treppe stand und aufpaßte, wenn sich die Tür des

Spielzimmers öffnete, in dem Oberst W... die Karten zum Pharao oder

Rouge und Noir mischte und die gewonnenen Dukaten einstrich, spielten

wir im Wagen _à l'amour_ und auch Rouge und Noir. Wir verabredeten auch

einige Morgenzusammenkünfte in Henriettens Garten, in den ich mich dann,

beinahe mit Sonnenaufgang, wenn wir noch alles in den Federn vermuteten,

wieder über die Mauer kletternd, stahl. -- Aber eines Morgens war es

Papa W..., der nicht hatte schlafen können, eingefallen, ebenfalls mit

Tagesanbruch aufzustehen, um -- seine den vorigen Abend mit

heimgebrachten Dukaten zu wiegen, ein Geschäft, das er jeden Morgen

vornahm, um die zu leicht befundenen den Abend wieder mit ins Spiel zu

nehmen; da führte ihn der Zufall gerade an das Fenster, als ich die

Retirade über die Mauer antrat; er hatte mich aber nicht erkannt,

sondern in der Meinung, es seien Diebe, das ganze Schlößchen

aufrührerisch gemacht, das Gesinde aus dem Schlaf klingelnd und

herbeirufend. Henriette war eiligst wieder in ihr Bett geschlüpft und

fand sich mit Mutter und Schwester ein, ganz erstaunt nach der Ursache

des gewaltigen Lärmens fragend. -- Von jetzt an unterblieben meine

Morgenbesuche.

Obgleich meinen Eltern und Verwandten meine Theaterliebhaberei längst

bekannt war, so hielten sie solche doch nicht für so ernsthaft und

eingefleischt, als sie es in der Tat war, und dachten noch weniger

daran, daß ich mich ganz der Bühne widmen wolle; als sie aber endlich

durch Frau von La Roche und Geheimrat Willemers erfuhren, mit welchem

Eifer und Enthusiasmus ich für die dramatische Kunst eingenommen sei, ja

daß ich bei dem Kapellmeister Schmidt sogar schon Schritte getan, um

mich nach einem Engagement umzusehen, da wurde ihnen mit einem Mal klar,

daß man diesen Hang, der zu einer wahren Leidenschaft geworden, bisher

viel zu wenig beachtet habe. -- Man hatte mich für den Handelsstand

bestimmt, wie die meisten Eltern Frankfurts, welche diesem Stand

angehören, nur einzig und allein Glück und Heil in diesem für ihre

Kinder erblicken und mit einer stupiden Verachtung auf fast alle anderen

Stände herabsehen, sie brotlose Künste nennend, die Mediziner

ausgenommen, vor denen sie aus Furcht vor den Krankheiten und dem Tod

noch einigen Respekt haben. Aber gerade der Kaufmann war es, der mir vor

allem anderen zuwider war und vor dem ich einen wahren Ekel hatte.

Man drang nun immer mehr in mich, daß ich mich für einen Stand erklären

solle, indem es Zeit sei, einen Entschluß zu fassen, besonders wenn ich

mich dem Handelsstand widme, was wohl das beste für mich sei, da fast

alle meine näheren Verwandten mit geringer Ausnahme diesem angehörten

und diese Karriere mit Glück betreten hätten. Von allen Seiten gedrängt,

erklärte ich endlich rund heraus, ich würde nichts anderes als

Schauspieler werden, wozu ich den höchsten Beruf in mir fühle. -- Jetzt

aber war Feuer in allen Ecken, weniger aber hatte ich von meinen Eltern

als von der übrigen Verwandtschaft zu leiden, besonders dem weiblichen

Teil derselben: ich wolle die ganze Familie entehren und an den Pranger

stellen, hieß es, und alle Basen hielten es für ihre Pflicht und sich

berechtigt, mich deshalb herzunehmen und mir die Leviten zu lesen. Es

wurde mir unaufhörlich von allen Seiten so zugesetzt, daß ich beschloß,

der ganzen Geschichte schnell durch einen Desperationscoup ein Ende zu

machen. Erst kürzlich hatte ich Wilhelm Meisters Lehrjahre von Goethe

gelesen und wieder gelesen, mich ganz in das Buch und den Charakter

Wilhelms vernarrt und faßte nun den Entschluß, den Schöpfer desselben,

mit dessen Familie wir ohnehin liiert waren, aufzusuchen, in dem festen

Glauben, dieser, der selbst ein so großer Verehrer der dramatischen

Kunst sei, würde und müsse mich als ihren Jünger mit offenen Armen

aufnehmen. Ich steckte, was mir noch von meinen Konfirmationsgeldern

übrig, zu mir, setzte mich auf den Postwagen und fuhr, ohne jemand ein

Wort davon zu sagen, nach Weimar, dem damaligen Sitz der deutschen

Musen, dem Geburtsort Kotzebues, dem Aufenthalt Schillers, Goethes,

Wielands, Herders und so weiter. -- Zum Tage meiner Abreise hatte ich

wohlüberlegt das Fest des Bornheimer Lerchenherbstes, an dem die

Frankfurter so viel tausend Sperlinge für Lerchen verspeisen und

bezahlen, gewählt, weil da meine Abwesenheit weniger und erst spät in

der Nacht bemerkt würde. Ich fuhr unaufgehalten über Fulda, Eisenach,

Gotha und Erfurt, kam den zweiten Tag gegen Abend wohlbehalten, reich an

Hoffnungen und Erwartungen und unbekümmert über die Bekümmernis, die ich

den Meinigen verursachen mußte, in Weimar an, wo, kaum im Gasthof

abgestiegen, ich noch denselben Abend meinen berühmten Landsmann

aufsuchte, ihn jedoch nicht traf und auf den folgenden Morgen nach zehn

Uhr beschieden wurde.

Empfehlungsschreiben hatte ich zwar keine, hielt diese auch, als mit

Goethes Verwandten genau bekannt, für unnötig. Ziemlich von der Reise

ermüdet, hatte ich trefflich geschlafen, kleidete mich schon in aller

Frühe recht sorgfältig an, und da ich doch den großen Dichter nicht wohl

in den ersten Morgenstunden inkommodieren konnte, so trieb ich mich

einstweilen in den eben nicht sehr schönen und krummen Straßen Weimars

herum, besah das nicht sehr merkwürdige Schloß, den Exerzierplatz,

Thaliens Tempel, den ich mir ebenfalls weit imposanter vorgestellt

hatte, ging sodann in die schönen Anlagen des Parks, mit Sehnsucht

erwartend, daß die Glocke die Stunde anzeigen möge, zu der es

schicklich, meine Aufwartung zu machen.

Es schlug endlich zehn, und ich eilte nun nach Goethes Wohnung, wo ich

mich als einen Landsmann und guten Bekannten seiner Familie melden ließ.

Ich ward sofort vorgelassen, traf ihn jedoch nicht allein, sondern in

Gesellschaft einer ziemlich martialisch aussehenden Dame. Ich hatte ihn

nur ein paarmal und immer nur einige Augenblicke gesehen, wenn er auf

Besuch in Frankfurt war, und wußte mir ihn infolge meines schlechten

Personengedächtnisses nicht mehr recht vorzustellen. Er sah der Frau

Rat, seiner Mutter, ähnlich, war von ziemlich hoher Statur, kam mir

etwas breitschulterig vor, trug das Haupt hoch, und in seinen Minen

drückte sich ein mich abschreckender Ernst, ja sogar Strenge aus. Die

ganze Figur kam mir steif und abgemessen vor, und vergeblich suchte ich

in seinem Gesicht einen Zug, der mir den gemütlichen Verfasser von

Werthers Leiden oder Wilhelm Meisters Lehrjahren verraten hätte. -- Bei

seinem Anblick erstarrte mir das Blut fast in den Adern, und das Herz

war mir, wie die Frankfurter sagen, so ziemlich in die Schuhe gefallen.

Nur stotternd und stockend konnte ich mein Anliegen vorbringen, bei dem

sein sich verfinsternder Blick mir eiskalt durch die Adern schauerte.

Ich stammelte, daß ich, seine Werke lesend, eine unwiderstehliche

Neigung für die Bühne geschöpft, daß sein Wilhelm meine Liebe zur

Schauspielkunst aufs höchste gesteigert habe, nannte ein Dutzend Rollen,

die ich schon einstudiert, vergaß aber in meiner Bestürzung

unglücklicherweise einige aus seinen Stücken zu nennen, obgleich ich

auch den Egmont auswendig gelernt. -- Als mich der finstere Mann endlich

fragte, ob ich keine Briefe an ihn mitgebracht, und ich ihm hierauf den

Geniestreich, den ich gemacht und zu dem mich hauptsächlich sein Wilhelm

veranlaßt, eingestand, da legte sich seine Stirne noch mehr in Falten,

nur ein karges: so, so! entwischte noch seinen Lippen, und nachdem er

gefragt, wo ich wohne, verabschiedete er mich mit der Bedeutung, er

würde mich das weitere wissen lassen, ich solle mich indessen ruhig in

meinem Gasthof verhalten.

Wie mißmutig mich der gegen alle meine Erwartungen glaziale Empfang und

die unfreundliche Aufnahme gestimmt, kann man sich denken. Mehr Anteil,

so schien es mir, habe noch die neben meinem steifen Landsmann stehende

heroische Dame an mir genommen, wenigstens schienen dies ihre Blicke zu

verraten, denn sie war während der ganzen Szene stumm. Gar zu gerne

hätte ich Goethe gesagt: Was sind Sie für ein hölzerner Patron, Sie

können unmöglich Wilhelm Meisters Lehrjahre geschrieben haben,

verschluckte es aber. -- Als ich mit einer stummen Verbeugung aus dem

Zimmer war, ward es mir wieder leichter ums Herz, und ich erkundigte

mich bei einem dienstbaren Geist, wer die Dame sei, die ich gesehen,

worauf mir der Bescheid wurde: »Eine französische Frau, die sich Madame

von Staël nennt.« Es war in der Tat Neckers berühmte Tochter, die ich

gesehen, welche sich gerade damals nebst Benjamin Constant in Weimar

befand, aber beide interessierten mich zu jener Zeit noch wenig, sie

hatten ja beide nichts mit meiner, der bretternen Welt zu schaffen.

Nachdem ich mich einigermaßen von meiner moralischen Erkältung wieder

erholt hatte, dachte ich, du mußt es doch auch bei Schiller versuchen;

dieser, obgleich schon sehr leidend, nahm mich doch weit freundlicher

auf und gestattete mir, ihm Ferdinands Monolog: >Verloren, ja

Unglückselige< sowie ein Stück aus der Glocke vorzudeklamieren, worauf

er mir sagte: »Sie sind allerdings nicht ohne Talent für die Kunst, wenn

Sie sich Mühe geben, so können Sie es weit bringen, ich will mit Goethe

sprechen, der allein kann hier etwas für Sie tun.« Von diesem herrlichen

Dichter schied ich nun etwas getrösteter, brachte den übrigen Teil des

Tages zu, die nächsten Umgebungen Weimars zu besuchen, ebenso den

folgenden und noch ein paar andere Tage, besuchte einigemal das Theater,

wo ich Goethe und Frau von Staël sowie Wieland und Benjamin Constant in

Gesellschaft des Erbprinzen von Sachsen-Weimar sah. Und so hatte ich

wenigstens Deutschlands größte Genies bei Gelegenheit der Reise nach

Weimar von Ansehen kennen gelernt.

Schon war ich sechs Tage daselbst, ohne daß ich weiter etwas von Goethe

oder Schiller gehört hätte, und fing an zu glauben, daß mich ersterer

ganz vergessen habe, als sich am Morgen des siebenten plötzlich meine

Türe öffnete, und herein trat -- mein Großoheim, der Oberpfarrer von

Homburg; er grüßte mich mit den Worten: »Du heilloser Galgenstrick, was

machst du für Streiche,« worauf noch eine lange Strafpredigt und die

Erklärung folgte, ich habe mich sofort reisefertig zu machen, da er noch

denselben Tag mit mir nach Frankfurt zurückkehren wolle, und wenn ich

nicht gutwillig gehorche, sich die hochlöbliche Polizei in das Spiel

mische, wo mir es dann schlimm ergehen würde.

Ich sah mich verraten und verkauft, hatte weder von Goethe noch von

Schiller noch von allen Musensöhnen Weimars und Jenas etwas mehr zu

hoffen und trat gleich nach Mittag die Heimreise per Extrapost mit

meinem Oheim an. Schiller starb bald darauf, und Goethe habe ich auch

nie wiedergesehen, aber später erfahren, daß er mich gewissermaßen unter

polizeiliche Aufsicht in meinem Gasthof hatte stellen lassen. Gleich

nachdem ich ihn verlassen, hatte er an seine Mutter nach Frankfurt

geschrieben und dieser meine Anwesenheit in Weimar und mein Begehren an

ihn gemeldet. Frau Rat Goethe aber war nach Empfang dieses Briefes zu

meinen Eltern geeilt, ihnen dessen Inhalt mitzuteilen, worauf in einem

Familienrat bestimmt wurde, daß mich der Oheim in Homburg holen und zu

sich nehmen solle, um mir >den Komödianten aus dem Kopf zu treiben<.

Die Rückreise war so langweilig als einsilbig, die ganze Unterhaltung,

deren Kosten mein Oheim allein trug, drehte sich um das Nichtswürdige

des Komödiantenstandes und daß jeder, der sich ihm ergebe, dem Teufel

verfallen sei und so weiter, jedoch wußte der kluge Mann die Sache in

ein sehr verständiges Gewand einzukleiden; indessen fanden alle seine

trefflichen Ermahnungen und Lehren wenig Eingang bei mir; nur die

Vorstellung, daß ich dann jedem, der es sich ein paar Groschen kosten

lasse, jedem Schafskopf und Schuhputzer den Narren und Hanswurst machen

müsse und dem Urteil jedes Einfaltspinsels ausgesetzt sei, was er mir

öfters wiederholte, machte einigen Eindruck auf mich.

In Frankfurt angekommen, erklärte mir mein Vater, nach abermaliger

Strafpredigt und bitteren Vorwürfen über mein liebloses, unbesonnenes

Verfahren, wodurch ich meine Eltern in so große Unruhe versetzt und

worüber meine arme Mutter so viele Tränen vergossen und schlaflose

Nächte zugebracht, was mir bei allem Leichtsinn doch so zu Herzen ging,

daß mir bald selbst die Augen voll Wasser standen, daß ich vorerst mit

dem Oheim Oberpfarrer wieder nach Homburg gehen und bei diesem unter

seiner Aufsicht wohnen würde, bis man einen weiteren Entschluß über

meine Zukunft gefaßt, daß man aber auf keine Weise zugeben werde, daß

ich mich dem Theater widme. Wenn ich durchaus kein Kaufmann werden

wolle, so möge ich irgendeinen anderen ehrenvollen Stand wählen.

Die Gründe meines Oheims, die Tränen meiner Mutter hatten zwar meinen

Vorsatz etwas erschüttert, doch noch lange nicht wankend genug gemacht,

um ihn aufzugeben. Ich packte nun meinen Koffer mit Büchern und so

weiter und fuhr noch denselben Abend stumm und nachdenkend neben dem

guten Oheim sitzend nach meinem provisorischen Aufenthaltsort ab.

Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 1 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers · 第 13 / 25 题