VI.

Das Institut zu Homburg vor der Höhe. -- Die Flegeljahre. -- Homburg

und seine Umgebungen. -- Der Hof. -- Eine Schweinsjagd im

Schloßgarten und eine Schildwache im Teich. -- Eine kaiserliche

Stecknadel.

Als der zur Abreise bestimmte Tag herangekommen war, holte mich mein

neuer Lehrer selbst ab; ich folgte ihm willig und gern und verließ das

väterliche Haus, in dem ich doch so manche Kinderfreuden genossen, ohne

großes Leidwesen, denn Homburg hatte einen Magnet, dessen

Anziehungskraft mich alles andere vergessen machte. Pfarrer Breidenstein

war ein noch ganz junger und lebhafter Mann, der, noch unverheiratet,

bei einem alten Schullehrer wohnte, dessen Frau die Wartung der Zöglinge

übernehmen sollte. Als ich zu ihm kam, war ich der erste, der bei ihm

wohnte, die übrigen, sieben bis acht an der Zahl, waren Kinder aus

Homburger Familien, die nur am Tage teil an dem Unterricht nahmen.

Außer meinem Oheim Scholze, den ich noch den Abend nach meiner Ankunft

besuchte, hatte ich noch einen Großoheim zu Homburg, der lutherischer

Oberpfarrer daselbst war. Meine Eltern hatten lange geschwankt, ob sie

mich nicht diesem braven Mann anvertrauen sollten, doch war man in der

Familie dagegen, indem man denselben als zu ernst und zu streng für die

Erziehung eines so lebhaften Knaben wie ich schilderte, und entschied

sich für Breidenstein, obgleich derselbe der reformierten Religion

zugetan, während unsere ganze Familie lutherisch war, weshalb manche

unserer Basen einen Anstand nahmen und dies für eine gottlose und

sündhafte Handlung hielten. Die beiden Konfessionen standen sich damals,

besonders in Frankfurt, noch fast feindlich gegenüber. Ein Reformierter

konnte ebenso wenig wie ein Katholik oder ein Jude in den Senat gelangen

oder ein Amt zu Frankfurt bekleiden, und die Reformierten mußten in dem

hessischen Ort Bockenheim ihren Gottesdienst halten. Später erlaubte man

ihnen Bethäuser, aber ohne Türme, in Frankfurt. Bei diesem Lehrer nun

hatte ich mich fast unbegrenzter Freiheit zu erfreuen und war außerhalb

der Unterrichtsstunden so ziemlich ohne alle Aufsicht, denn des

Schulmeisters Frau, die eine solche über mich üben sollte, achtete ich

nicht, und sie traute sich auch nicht, mir etwas zu wehren. Ich benutzte

nun diese Freiheit in vollem Maß und zum großen Verdruß meines Oheims,

des Oberpfarrers, dem ich auf allen seinen Wegen begegnete, der sich

aber jedes Verweises enthielt, damit es nicht scheinen möge, als fände

er sich zurückgesetzt, daß man mich lieber einem Fremden als ihm

anvertraut habe. Obgleich Breidenstein ein Lebemann war, so hoffte man

doch, er würde meine überschäumende Lebhaftigkeit und frühzeitige

Entwicklung wohl zu zügeln wissen; dies war aber nicht der Fall, und ich

lernte bei ihm, was ich eben lernen wollte. Wie wir gesehen, hatten sich

bei mir allerlei Eigenschaften und Talenten besonderer Art weit früher

entwickelt, als dies bei anderen Menschenkindern gewöhnlich der Fall

ist, und so traten denn auch die sogenannten Flegeljahre viel früher als

bei anderen Jungen bei mir ein.

Es war im Frühjahr, als meine Versetzung nach Homburg stattfand, die

Wiesen prangten mit den buntesten Blumenteppichen, auf den Feldern

schossen alle Pflanzen auf das üppigste empor, Bäume und Wälder waren

mit dem frischesten Grün bedeckt, und mir war es vergönnt, jeden Abend

an Jettchens Hand durch Fluren, Auen und Wälder zu wandeln. Das

Scholzesche Haus war meine zweite Heimat, ja ich war fast mehr in diesem

als bei Breidenstein. Jeden Abend aß ich da zu Nacht, und an Sonn- und

Feiertagen war ich ohnehin ein für allemal auf den ganzen Tag geladen.

Die französische Gouvernante hatte fast zu gleicher Zeit mit ihrer

Herrin das Haus verlassen müssen, man hatte sie im Verdacht des

Einverständnisses mit den Intrigen ihrer Gebieterin. Eine gewisse Frau

Bönig hatte ihre Stelle vertreten und stand der Erziehung der vier

Mädchen vor; sie war schon in etwas gesetzteren Jahren, mehrere dreißig,

und hatte sich bei Herrn Scholze fest einzunisten gewußt, wurde aber von

den Kindern und dem Gesinde nicht mit Unrecht gehaßt.

Bald hatte ich alle Schönheiten, es hat deren wirklich nicht

gewöhnliche, und Merkwürdigkeiten Homburgs kennen gelernt, denn ich

hatte ja einen gar lieben Führer. Die Lage dieser Stadt ist in der Tat

wunderlieblich, und mit vollem Recht sagt der Dichter:

Wie lächelt mir so freundlich und so mild,

Wenn ich hinunter in den Osten sehe,

Mit weißem Turm und lieblichem Gefild

Das Badeörtchen Homburg vor der Höhe.[6]

Die Stadt, die damals ungefähr dreitausend Einwohner zählte, liegt am

Fuß des Taunus, drei kleine Stunden von Frankfurt, und ist die Residenz

des Landgrafen von Homburg, der hier ein geräumiges Schloß hat. Die

Einwohner waren gewerbsame, fleißige, brave und sehr genügsame Leute,

die bei aller Dürftigkeit doch eine glückliche Zufriedenheit besaßen und

ihrem Landesfürsten, dem damaligen Landgrafen Friedrich V., einem

Ehrenmann im vollen Sinne des Worts und trefflichem Fürsten, mit

unbegrenzter Liebe und Hochachtung ergeben waren. Die Umgebungen

Homburgs sind pittoresk und reizend, namentlich die herrlichen

Waldpartien. Der Schloßgarten, halb im altfranzösischen, halb im

englischen Geschmack angelegt, die Anlagen jenseits des großen Teiches

in demselben, der große und kleine Tannenwald, die hohe Pappelallee, die

zu beiden führt, und so weiter bieten die herrlichsten Spaziergänge ganz

in der Nähe. Namentlich war der kaum eine Viertelstunde von der Stadt

entfernte kleine Tannenwald, ein Park mit mannigfaltigen Anlagen, ein

reizender Aufenthalt, in dem sich äußerst geschmackvolle Anlagen mit

japanesischen Häusern, Grotten, dunklen Bogengängen und so weiter

befanden, nebst einem großen Teich, in dessen Mitte eine kleine

Roseninsel lag, aus deren Gebüsch eine Tempelkolonnade malerisch

hervorragte. Diese stille, von der ganzen übrigen Welt abgeschieden

scheinende Insel machte, als ich sie zum erstenmal betrat, einen

unbeschreiblichen Eindruck auf mein junges, wenn auch nicht mehr sehr

unschuldiges Gemüt; eine Brücke führte auf dieselbe zu der von einer

Kolonnade umgebenen Rotunde; es war schon in der Abenddämmerung, als ich

an Jettchens Hand diesen Ort betrat. Die tiefe feierliche Stille, die

hier herrschte, nur von dem Gezwitscher einiger Vögel unterbrochen,

erfüllte mich mit einem namenlosen, fast heiligen Schauer, noch nie

gehabte Empfindungen bemächtigten sich meines sonst eben nicht zur

Schwärmerei geneigten Gemütes, und ich glaubte mich in eines jener

Feengefilde versetzt, die man mir in lieblichen Märchen so oft

geschildert hatte. Lange hielt ich fast atemlos meine liebliche Führerin

umschlungen, und nur die sich durch Geschrei verkündende Ankunft ihrer

Schwestern weckte uns aus dem seligen Vergessen unserer selbst. Indessen

sollten diese Insel und der kleine Tannenwald mit seinen Grotten, Lauben

und so weiter noch gar manchmal Zeugen unserer eben nicht mehr ganz

kindischen Liebe sein.

[Fußnote 6: Leider ist aus diesem Badeörtchen, was es damals noch nicht

war, in neuerer Zeit eine schmachvolle Spielhölle geworden, in welchem

ehrlose Industrieritter die Gimpel zu jeder Jahreszeit rupfen dürfen.]

Friedrich V., der an der Regierung war, als ich in die Pension nach

Homburg kam, war, wie ich schon erwähnt, von seinen Untertanen angebetet

und wie ein Vater geliebt, es war ein wahrhaft patriarchalisches

Verhältnis zwischen ihm und seinem Volke, und er förderte, so sehr es

nur immer die Umstände gestatteten, das Wohl seines Landes. Achtzehn

Jahre alt, hatte er die Regierung angetreten und im einundzwanzigsten

sich mit einer Tochter Ludwigs IX., Landgrafen von Hessen-Darmstadt,

vermählt, einer liebenswürdigen und sehr geistreichen, aber stolzen

Prinzessin, die jedoch ihre großen Schwächen hatte und den kleinen Hof

auf einen sehr großen Fuß eingerichtet haben wollte. Da gab es alle

möglichen Hofchargen, ein Geheimer Rat von Saint-Clair war dirigierender

Minister, da gab es einen Oberhofmarschall von Kickebusch, einen

Oberstallmeister von Reizenstein, einen Oberforstmeister von

Brandenstein; ein französischer Abbé, Herr de Roque, war Oberhofmeister

der Prinzen, ein paar alte Hofdamen, von denen die eine schief, die

andere buckelig, von Donop und von Ziegler, waren die Schönheiten am

Hof. Ein Hauptmann von B... war so eine Art von Oberküchenmeister und

zugleich Generalissimus der Homburger Armee, die aus ungefähr siebzig

Invaliden bestand, von denen der jüngste hoch in den Fünfzigern war und

die der Hoffurier kommandierte und exerzierte, fast alle waren mit

Brüchen oder anderen Leibschäden behaftet, zwanzig davon trugen

Bärenmützen und stellten Grenadiere vor, die anderen fünfzig waren

Musketiere, sie trugen noch eine Uniform wie zur Zeit des siebenjährigen

Kriegs. Alle die Regierungs- und Hofchargen wohnten weit ärmlicher als

ein Frankfurter Handwerksmann und waren noch viel schlechter bezahlt als

der Kommis eines gewöhnlichen Kaufmanns; aber alle diese Chargen sowie

die Geistlichen hatten die Ehre, häufig und besonders Sonntags zur

landgräflichen Tafel gezogen zu werden.

Da ich alles schnell auffaßte und begriff, ja fast leidenschaftlich

betrieb, nur zum Zeichnen fehlte es mir an der nötigen Geduld, so ließ

mir Breidenstein weit mehr Freiheit als den übrigen Zöglingen.

Fast alle meine Mußestunden, und ich hatte deren ziemlich viele, brachte

ich bei Scholzens zu, die zu jener Zeit auch die einzigen waren, die in

Homburg ein Haus machten, und obgleich es nach der Scheidung meiner

Tante und unter der repräsentierenden Frau Bönig bei weitem nicht mehr

den früheren Glanz hatte, so fanden sich doch alle Honoratioren durch

eine Einladung in dasselbe geehrt und freuten sich auf die Leckerbissen,

die da gespendet wurden und eine Abwechslung in ihre gewöhnlich sehr

magere Hausmannskost brachten.

Leider gab es in dem Scholzeschen Hause einen komisch-unangenehmen

Auftritt, in den ich mit verwickelt oder vielmehr zu dem ich die

mittelbare Veranlassung war. Seit kurzem hatte sich unser Institut durch

zwei junge Engländer, Atkinson und Edwards, vermehrt, von denen der

erste siebzehn und der andere achtzehn Jahre alt war; sie sollten die

deutsche Sprache erlernen. Diese beiden jungen Leute hatten sich in zwei

von meinen Cousinen verliebt, die sie aber nur selten sahen und noch

weniger sprechen konnten, da diese kein Englisch und jene noch zu wenig

Deutsch verstanden, einstweilen aber suchten sie sich durch allerlei

Geschenke bei den Mädchen zu insinuieren und erzeigten mir die Ehre,

mich zum Überbringer derselben und so zu ihrem _Postillon d'amour_ zu

machen. Die beiden jungen Leute waren immer reichlich mit Taschengeldern

versehen, und bald waren es seidene Strümpfe mit roten Zwickeln, die sie

dutzendweise kauften, ostindische Foulards, Spitzen, kostbare Bänder und

dergleichen, welche ich den Mädchen in ihrem Namen brachte, wozu ich

mich in aller Unschuld um so lieber hergab, da diese Engländer auch

gegen mich sehr freigebig waren und mir namentlich auf den Homburger

Jahrmärkten alle möglichen Spielereien kauften. Ich teilte nun diese

Sachen nach Gutdünken heimlich an meine vier Cousinen aus, wobei ich

natürlich Jettchen immer am besten bedachte. Die jungen Gänschen nahmen

alles, jedoch mit Zittern und Zagen an, denn sie fürchteten, daß Madame

Bönig oder ihr Vater dahinter kommen könnten, und versteckten die

Geschenke, die manchmal auch mit kleinen englischen Gedichten und

Briefchen mit Goldschnitt begleitet waren, in die Strohsäcke ihrer

Betten, wo sie sie am sichersten vor den Argusaugen der Gouvernante

verwahrt glaubten, denn ihre Kommoden und Schränke wurden von Zeit zu

Zeit von derselben inspiziert und visitiert. Schon waren sie im Besitz

einer ziemlichen Quantität solcher Schätze, als Frau Bönig eines Tages

zufällig beim Bettmachen ein Paar Handschuhe aus einem Strohsack fallen

sah, die das Bettmädchen, die in dem Geheimnis war und so wie alles

Gesinde die despotische Gouvernante verabscheute, schnell wieder

hineinstopfen wollte; aber zu spät, die Dame fiel über den Strohsack her

und fand den ganzen darin verborgenen Plunder. Zornentglüht rief sie nun

Vater Scholze, welcher sich nicht weniger über den unvermuteten Fund

wunderte; man untersuchte nun auch die drei andern Strohsäcke und fand

sie mit gleicher Ware angefüllt. Auf der Stelle ward ein peinliches

Verhör und strenge Untersuchung angestellt, die erschrockenen Mädchen

bekannten und gestanden, daß ich der Überbringer dieser Dinge gewesen.

Man ließ mich sogleich holen, und als ich in das Schlafzimmer meiner

Cousinen trat und die schönen Sachen, wie in einem Laden, alle auf den

Betten ausgebreitet sah, erschrak ich nicht wenig und erblaßte. Frau

Bönig schnauzte mich an, mein Oheim zankte, und ich begriff wohl, daß

hier kein Leugnen mehr helfen würde, und sagte ebenfalls mein _pater

peccavi_. Man packte nun alle diese schönen Dinge zusammen, es gab einen

ziemlich dicken Pack, und schickte sie durch einen Bedienten mit mir zu

Breidenstein, wo mich ein neues Donnerwetter erwartete und mir verkündet

wurde, daß, wenn ich mich noch einmal unterfinge, der Überbringer

solcher Geschenke zu sein, ich das Haus meines Oheims nicht wieder

betreten dürfe.

Mein Verhältnis mit Cousine Henriette fing seit einiger Zeit an, in

gewisser Hinsicht ernstlicher, wenigstens unserem Aussehen nachteiliger

zu werden; wir waren beide um ein paar Jahre älter geworden, und eine

auffallende Blässe, hohle Augen, blaue Ringe um dieselben verrieten, daß

mir wenigstens etwas fehlen müsse. Hofrat M... behauptete, ich habe

Würmer, und verschrieb mir Wurmkuchen aus seiner Apotheke, denn er war

Doktor und Apotheker in einer Person; ich nahm sie jedoch nicht, sondern

fütterte seine Hühner und Gänse damit. Da nun seine Wurmkuchen nicht

halfen und nicht helfen konnten, so sagte er zu Breidenstein, es sei

nicht anders möglich, als ich müsse der Onanie ergeben sein, und empfahl

diesem, zu suchen, doch ja hinter die Sache zu kommen. Mit einem Sohn

des Schullehrers Köhnlein, der noch fort das Institut besuchte, stand

ich auf einem intimeren Fuß als mit den anderen Zöglingen. Dieser Junge,

der sich Konrad nannte, war so halb und halb in mein Verhältnis mit

Henrietten eingeweiht und wußte, daß ich bei den Spielen im Schloßgarten

mich häufig mit dem Mädchen in eine dunkle Laube versteckte, in der er

uns einmal zufällig überraschte, als wir uns gerade recht innig küßten.

Hierdurch sah ich mich genötigt, uns zu entschuldigen, ihn bis zu einem

gewissen Punkt in unsere Verhältnisse einzuweihen, und empfahl ihm dabei

die größte Verschwiegenheit. Als nun Breidenstein in der Absicht, durch

die übrigen Kinder irgend etwas zu entdecken, was M...s Vermutung zur

Gewißheit machen könnte, diese ausforschte, so teilte der junge Köhnlein

seinem schon erwachsenen Halbbruder Georg, der unser Schreiblehrer war,

mit, was er gesehen, und zwar mehr, als er wußte, denn er machte zur

Gewißheit, was er nur vermuten konnte. Kaum hatte Breidenstein diese

saubere Entdeckung gemacht, so eilte er zu meinem Oheim, diesen von

allem zu unterrichtet. Das war nun Wasser auf die Mühle der Madame

Bönig, mit der ich ein paar Tage zuvor einen Strauß wegen Henrietten

gehabt. Henriette wurde sogleich vorgenommen, leugnete jedoch anfänglich

hartnäckig, gestand aber, als man ihr sehr zusetzte, endlich einen

kleinen Teil der Wahrheit ein, womit man sich begnügte und für gut fand,

nicht weiter zu forschen, um uns nicht auf Dinge aufmerksam zu machen,

von denen man hoffte, daß wir noch keine Kenntnis hätten. Ich aber

leugnete standhaft alles, und Breidenstein fand für gut, nicht weiter in

mich zu dringen; die Sache hatte indessen zur Folge, daß mir der Besuch

des Scholzeschen Hauses bis auf weiteres verboten wurde. Unterdessen

ward Breidenstein glücklicherweise der Aufenthalt in dem M...schen Hause

bald ebenso sehr wie mir zuwider; als eines Tages der ziemlich beleibte

Hofrat gerade vor seiner Haustür auf den Allerwertesten, es war

Glatteis, am hellen Mittag hingefallen war und ich sowie die anderen

Kinder, selbst seine eigenen, aus voller Kehle lachten, als es dem guten

Mann, der wie gewöhnlich zuviel geladen hatte, trotz aller Anstrengung

nicht möglich war, wieder auf die Beine zu kommen, bis ihm sein Provisor

aus der Apotheke zu Hilfe sprang, geriet er darob in einen gewaltigen

Zorn, und da er es nun einmal auf mich gepackt hatte, verlangte er von

Breidenstein, daß er mich, weil ich ihn ausgelacht, in seiner Gegenwart

tüchtig mit einem Farrenschwanz, den er selbst gebracht, abstrafen

solle, was aber Breidenstein verweigerte; und nach einem kleinen

Wortwechsel kam es zu einer Aufkündigung der Wohnung, worüber ich

seelenvergnügt war. Dennoch ließ M... seine Knaben Breidensteins

Institut fortbesuchen. Wir bezogen nun ein ganzes Haus am Ende der

Neugasse, wobei sich ein hübscher Garten und gegenüber ein großes

herrschaftliches Baumstück mit einer geräumigen Scheune befand, wo wir

bei gutem und schlechtem Wetter den Tummelplatz unserer Spiele

aufschlugen.

Breidensteins Institut war in Homburg berühmt und gefürchtet, denn die

Zöglinge desselben verübten alle möglichen Teufelsstreiche, aber ein

paar derselben übertrafen alle anderen und verdienen wohl, erzählt zu

werden. Eines Tages kam das ganze Institut von einem Spaziergang, von

seinem Oberhirten geführt, zurück und begegnete ganz in der Nähe des

landgräflichen Schloßgartens einer ebenfalls heimkehrenden Herde zahmer

Schweine, die auch ihren Hirten an der Spitze oder vielmehr an der Queue

hatten. Kaum hatten die beiden uns schon bekannten Engländer Satans

dereinstige Hüllen erblickt, als sie mit einem lauten Hallo und Hussa

das ganze Institut in Alarm brachten und zu einer wilden Jagd auf die

zahmen Schweine anfeuerten, wozu es eben keiner großen Aufmunterung

bedurfte; in weniger als zwei Minuten waren die zweibeinigen Tiere

sämtlich hinter den vierbeinigen drein, die auf nichts mehr, selbst auf

das Gebell des Schweinshirten-Adjutanten, eines gewaltigen

Bullenbeißers, nicht mehr achteten, sondern _pêle-mêle_ mit den

geängstigten Sauen durch das offene Tor des Schloßgartens stürmten,

welches die daselbst postierte Schildwache zwar verhüten und das

Eindringen des wilden Haufens verweigern wollte, dabei aber so

unglücklich war, von einem der größten und fettesten Schweine umgerannt

zu werden, so daß das ganze wilde Heer über des Unglücklichen Körper

wegsetzte, der indessen mit dem bloßen Schreck davonkam, da sämtliche

Jäger zu Fuß und von leichtem Gewicht waren, er also nicht zu befürchten

hatte, von Rosseshufen zerstampft zu werden. Die Jagd hatte sich

unterdessen im ganzen Schloßgarten verbreitet, die schrecklichsten

Verwüstungen angerichtet und einen Lärm gleich dem wilden Heer im

Freischütz gemacht; der Kommandant der Schloßwache sandte nun auf

Ersuchen des Hoffuriers zwei Mann starke Patrouillen nach allen

Richtungen, um die Urheber des Skandals zu fahnden. Man war auch so

glücklich, einen der beiden Engländer und noch ein paar andere der

ungezogenen Zöglinge zu fangen und brachte sie in die Schloßwache, wo

man sie _à vue_ bewachte. Auf des Hofmarschalls Befehl mußte der

Hofgärtner sogleich einen Bericht über den Schaden aufsetzen, welchen

diese extemporierte Schweinsjagd in dem herrschaftlichen Garten

verursacht hatte. Aus diesem ersah man erst, welche ungeheuren

Verwüstungen dies Treibjagen angerichtet hatte. Da war keine Rabatte,

keine Hecke, kein Gebüsch, kaum ein Baum, der nicht beschädigt worden

wäre, alle Blumen waren zerknickt, alle Blumentöpfe umgeworfen und

zerbrochen, ja sogar durch das Treibhaus und die Orangerie war das wilde

Heer gezogen und hatte da die schrecklichsten Spuren seiner

Zerstörungswut hinterlassen. Die meisten Fenster waren zertrümmert, die

Kübel umgeworfen, und Pisangbaum, Zuckerrohr, Kaffeebaum und so weiter

waren gleich Strohhalmen zerknickt, und alle Ananas hatten entweder die

Schweine oder die Zöglinge gefressen. Der Verlust war unersetzlich und

in Jahren nicht wieder gut zu machen. Es war demnach kein Wunder, daß

das Hofmarschallamt die Sache streng untersucht und bestraft wissen

wollte und die eingefangenen Arrestanten nicht nur auszuliefern sich

weigerte, wie Breidenstein verlangte, sondern auch noch den anderen

Engländer und einige der anderen Zöglinge, unter denen auch ich war, auf

die Wache zu setzen begehrte. Man mußte ihm willfahren. Wir waren nun

sieben, welche die Schloßwache in Verwahrung hatte, und sannen darauf,

wie wir durch List unsere Selbstbefreiung erwirken könnten. Wir

konversierten dieserhalb in französischer Sprache, von der unsere

Wächter kein Wörtchen verstanden, sondern sie hielten es für Latein und

uns für sehr gelehrt. Bald waren wir einverstanden, daß wir die ganze

Wache betrunken machen müßten. Die Engländer ließen, als es Abend wurde,

durch den Tambour ein paar Dutzend Flaschen Wein und mehrere Krüge

Branntwein holen und luden die Soldaten zum Mittrinken ein, was diese

sich auch nicht zweimal sagen ließen, sondern so fleißig zusprachen, daß

sie bald alle samt dem Korporal-Wachtkommandanten nicht mehr gerade auf

den Füßen stehen konnten und, als es Nacht wurde und die drei

Schloßschildwachen abgelöst werden sollten, der Gefreite mit seinen drei

Mann kaum mehr die Posten zu erreichen vermochte. Bald lag das ganze

Wachtpersonal samt seinem Kommandanten in Morpheus Armen auf den

Pritschen, ein greuliches Schnarchkonzert aufführend. Wir hätten uns

jetzt ganz gemächlich und unbemerkt entfernen können, aber sich so ruhig

auf echt spießbürgerliche Philisterart und ohne allen Spuk

davonzuschleichen, wie die Mehrzahl von uns Lust hatte, das paßte weder

in meinen noch in der Engländer Kram, sondern wir wünschten die ganze

Begebenheit durch einen recht eklatanten Geniestreich zu krönen. Um uns

zu überzeugen, ob auch alle gehörig schliefen, zerschlugen wir zuerst

mehrere Flaschen und Krüge mit großem Getöse, aber es rührte sich auch

nicht eine Seele von den Eingeschlafenen. Wir verließen nun in aller

Stille die Wachtstube, fanden, wie wir erwartet hatten, die Schildwache

am Schloßtor fest in ihrem Schilderhaus schlafend, und legten dies ganz

sachte samt seinem Inhalte um. Mit der zweiten Schildwache, die an dem

Tor postiert war, das zu dem Teil des Schlosses führte, den das

fürstliche Ehepaar bewohnte, machten wir es ebenso; aber bei der

dritten, die an dem Gartentor stand, das in die Neugasse führte, waren

wir damit nicht zufrieden, denn dieser Soldat hatte uns bei der

Verhaftung am meisten mitgespielt und verdiente deshalb auch eine

besondere Gratifikation. Nachdem wir ihn samt dem Schilderhaus ebenfalls

recht sanft umgelegt hatten, trugen wir beide nicht ohne gewaltige

Kraftanstrengung an den großen Teich und stellten das Häuschen einige

Schritte weit in demselben wieder aufrecht, so daß die Fluten des

Wassers dem unverdrossenen Schläfer die Waden umspülten. Nach diesem

glücklich vollbrachten Streifzug kehrten wir mit schlammigen Füßen, wie

Brunnenfeger aussehend, noch einmal in die Wachtstube zurück, schnitten

der ganzen Garde in Ermangelung eines anderen Instruments mit dem

ziemlich stumpfen Säbel des Korporals sämtliche Zöpfe ab, wobei wir die

Köpfe allerlei komische Bewegungen machen lassen mußten, die aber

nichtsdestoweniger die Augen festgeschlossen behielten, und verließen

sodann unsere bisherige Residenz, die erbeuteten Trophäen mitnehmend,

kletterten über das Hoftor in die Wohnung unseres Instituts, wo man uns

den kommenden Morgen, als die Sonne schon hoch am Horizont stand, noch

in den Federn fand. Aus der über diesen die ganze Stadt in Aufruhr

bringenden Vorfall angestellten Untersuchung ging hervor, daß gegen

Morgen einer nach dem anderen der berauschten Krieger aus dem Schlummer

erwachte, und als sie mit großem Erstaunen unser Verschwinden gewahrten,

sich gegenseitig perplex anstierten. Der Gefreite hörte zu seinem

Schrecken drei Uhr nach Mitternacht schlagen, hatte also die

Schildwachen nicht zur rechten Zeit abgelöst, die schon mehrere Stunden

über ihre bestimmte Zeit gestanden, sie wurden nur alle vier Stunden

sowie die ganze Wache nur alle drei Tage abgelöst, und eilte, die

Mannschaft, an der jetzt die Reihe zum Ablösen war, völlig wach zu

rütteln. Aber welche Feder vermöchte es, die Perplexität dieser Helden

zu beschreiben, als sie inne wurden, daß sie ihrer größten Zierden,

ihrer ellenlangen Zöpfe beraubt waren! Alle brachen in ein lautes Heulen

und Wehklagen aus, das sich in eine stumme Verzweiflung auflöste, wobei

sie sich mit den geballten Fäusten so gewaltig auf die Stirne schlugen,

daß es furchtbar hohl widerhallte, und dabei stießen sie die

gräßlichsten Flüche aus. Um acht Uhr kamen der Hofmarschall von

Kickebusch mit dem Generalissimus des Homburger Heeres, Hauptmann von

B..., auf die Wachtstube und konnten kaum durch das sie umgebende Volk

dringen, das die stupende und mit hundert Varianten vermehrte Nachricht

von dem Spuk der verwichenen Nacht schon herbeigeführt hatte, um sich

von dem Vorgefallenen zu überzeugen. Aber erst nach einer mehrwöchigen

Untersuchung stellte sich der Zusammenhang der ganzen Spukgeschichte

klar heraus. Man fand die Sache indessen auch höchsten Ortes, wo man

sehr aufgeklärt dachte, so belustigend, daß trotz dem Antrag des

Generalissimus, der das ganze Institut samt dem Lehrer auf wenigstens

drei Monate bei Wasser und Brot in den Turm des alten Rathauses gesetzt

wissen wollte, man sämtliche Übeltäter großmütig pardonierte. Nur die

beiden reichen Britensöhne wurden verurteilt, die Kosten des im Garten

verursachten Schadens zu tragen und mußten für die zopflosen Soldaten

englische Patentzöpfe kommen lassen, welche diese so lange hinter den

Ohren befestigen sollten, bis die wirklichen wieder gewachsen seien,

dies war so ziemlich auf Lebenszeit.

Noch immer aus dem Scholzeschen Haus verbannt, war es mir nicht möglich,

lange ohne Mädchenbekanntschaften zu bleiben. In unserer neuen Wohnung

war eine ziemlich bejahrte Köchin Breidensteins, welche die Haushaltung

führte, das einzige weibliche Wesen, dagegen befanden sich in der

Nachbarschaft einige allerliebste Kinder, unter denen ein Julchen

Zimmer, die Tochter eines ganz in der Nähe wohnenden Müllers, ein

Lisettchen Kräh und ein Kätchen Burkhard, die schon fünfzehnjährige

Tochter eines Beamten, zugleich meine Aufmerksamkeit fesselten und mich

mein schönes Cousinchen bald, wenn auch nicht ganz vergessen, doch

weniger vermissen ließen. Alle drei waren mir gleich teuer, mit Julchen

phantasierte ich auf den Wiesen und an der Kunzbach hinter der

Untermühle, mit Kätchen warf ich mich im Heu in der Herrnscheune herum,

und mit Lisettchen schaukelte ich beim Mondschein auf dem nahen

Zimmerplatz.

Unterdessen machte Breidenstein öfters ziemlich große Touren mit seinen

Zöglingen in die umliegende Gegend und das Taunusgebirge zu Fuß und mit

dem nötigen Gepäck auf dem Rücken, was nicht nur eine sehr gesunde

Motion für uns Knaben war, sondern auch unsere Körper gegen Hitze und

Frost, Wetter und Wind, Hunger und Durst, Nässe und Kälte

außerordentlich abhärtete und für die Eindrücke der wechselnden

Witterung unempfindlich machte, da kein Wetter von diesen Partien

abhielt. So besuchten wir nacheinander Friedberg, Nauheim, Hanau,

Wilhelmsbad, Kroneburg, Königstein, Falkenstein, Selters, Eppstein,

Usingen, Wertheim, die Goldgrube und andere im Taunus liegende

Ortschaften, wobei es dann fast nie ohne allerlei oft sehr komische

Abenteuer abging.

Eine äußerst interessante und angenehme Fußreise war die Tour nach dem

durch sein mit Recht weltberühmtes herrliches Sauerwasser bekannten

Niederselters, dessen Brunnen man schon im neunten Jahrhundert kannte

und von dem man jetzt den Krug zu Paris mit drei Franken, in London mit

sechs Schillingen und in Ostindien mit einer Guinee bezahlt, ungefähr

soviel, als er nach dem dreißigjährigen Kriege, während welchem er

verschüttet war, Pachtzins abwarf. Jetzt trägt dieser Brunnen dem Herzog

von Nassau jährlich über hunderttausend Gulden ein. Er entquillt in

einer wild-romantischen Gegend.

Mit großem Vergnügen sahen wir den schmucken, flinken Fülldirnen zu, die

viele tausend Krüge in einer Stunde unter beständigen possierlichen

Bücklingen füllen. Die Krüge tauchen sie auf ein Tempo, wie auf ein

militärisches Kommando, zugleich ein, und zwar eine jede zehn Krüge

zumal; sind sie ermüdet, so werden sie durch andere Füllmädchen abgelöst

und verpichen nun die Krüge. Es sind gewisse Stunden bestimmt, an denen

es jedermann erlaubt ist, Wasser zu holen und so viel zu nehmen, als

einer tragen kann, aber mit Eseln, Pferden oder gar Fuhren darf niemand

kommen. Von Homburg sind es sieben gute Stunden nach Niederselters, ein

sehr angenehmer Weg. Der Ort an und für sich ist unbedeutend und hat

außer dem Brunnen, der nur von wenig Kurgästen besucht wird, keine

besonderen Merkwürdigkeiten aufzuweisen. Das Wasser, an der Quelle

getrunken, hat jedoch einen ganz anderen Geschmack und eine ganz andere

Kraft, als in Krügen versendet.

Die Sommersonntage aber brachte ich gewöhnlich in Berkersheim zu, wohin

ein sehr romantischer Weg über Niedereschbach und Harheim führte, wo ich

meine Eltern und immer große Gesellschaft traf; das Weihnachtsfest und

einen Teil der Messe verlebte ich jedoch in Frankfurt, was mir wegen des

Theaterbesuchs besonders viel wert war.

In Homburg selbst gestaltete sich unterdessen das Leben etwas

geselliger. Breidenstein im Verein mit mehreren anderen Honoratioren

veranstaltete kleine Konzerte, die in dem Hause eines landgräflichen

Dieners namens Zorbuch und später im Saal der herrschaftlichen Meierei,

die ein Franzose namens Hanguard gepachtet hatte, gehalten wurden. Bei

diesen Gelegenheiten war es, wo ich zum erstenmal wieder mit meinen

Cousinen zusammentraf, aber anfänglich wagten wir nur, uns verstohlen

einige Blicke zuzuwerfen, bis wir allmählich dreister wurden und uns die

Tanztouren, denn nach diesen Konzerten wurden gewöhnlich noch ein paar

Anglaisen, von den Engländern angeführt, getanzt, in nähere Berührung

brachten, als einige Zeit darauf ein erfreuliches Ereignis die alte

Vertraulichkeit wieder ganz herstellte.

Leider sollte es mit meinen Homburger Freuden jedoch bald zu Ende gehen,

was ich mir selbst und hauptsächlich durch folgende Veranlassung

zuzuschreiben hatte.

Der Konrektor der Homburger Schule namens Zink hatte ein klavierartiges

Instrument, von dem Orgelbauer Bürgy daselbst erfunden, das in drei

Klaviaturen bestand, eine ziemlich vollständige Harmonie von

Blasinstrumenten bildete und ein angenehmes Flötenwerk hatte, an sich

gebracht. Mit diesem war der Schulmonarch nach Wien auf Spekulation

gereist, um es daselbst bewundern zu lassen und bestmöglich zu

verkaufen. Bei dieser Gelegenheit war es ihm gelungen, eine Audienz bei

der Kaiserin zu erhalten, welche das Instrument für eine namhafte Summe

erstand. Als der Konrektor von seiner Reise nach Wien zurückkam, von wo

er sogar eine Equipage mitbrachte, die er jedoch bald wieder veräußern

mußte, da die Pferde nicht von Harmonien, und wären es auch himmlische

gewesen, leben konnten, erzählte er, daß bei der Unterredung, die er mit

Ihrer Majestät gehabt, allerhöchst derselben eine ganz gewöhnliche

Stecknadel vom Busentuch gefallen sei, die er sogleich aufgehoben und

sich die Gnade erbeten habe, zum ewigen Andenken an diese Stunde und

diese Ehre das Kleinod behalten zu dürfen, was ihm auch holdseligst

lächelnd und huldreichst auf der Stelle bewilligt worden sei. Der brave

Mann hatte die Nadel in einer kleinen Schachtel, an ein Sammetband

gesteckt, bestens aufbewahrt und zeigte nun die kaiserliche Reliquie

allen Homburgern, die er besuchte, der Kaiserin Worte immer

wiederholend. Zufällig befand ich mich gerade bei Silbereisens, als er

auch diesen das kostbare Kleinod zeigte, das von Hand zu Hand ging, und

während er mit dem gehörigen Pathos die Worte, welche er zu Ihrer

Majestät gesprochen, zum drittenmal nachdrucksvoll wiederholte, hatte

ich Silbereisens ältester Tochter, Riekchen, die Schachtel ab- und die

kaiserliche Stecknadel herausgenommen, an deren Stelle jedoch eine ganz

gemeine bürgerliche, die aber gerade so aussah, substituiert, ohne daß

es jemand bemerkt hätte. Als der Konrektor weg war, machte auch ich mich

mit meinem Raub davon und verehrte die Nadel noch denselben Abend

Karolinen von Brandenstein, ihr meinen Diebstahl bekennend, während der

Bestohlene fortwährend von Haus zu Haus mit der untergeschobenen Nadel

wanderte und diese vorzeigte. Aber weder Karolinchen noch ich hielten

reinen Mund, und während sie sich mit dem Besitz der Nadel brüstete,

rühmte ich mich der Entwendung derselben. Die Sache kam bald zu des

Konrektors Ohren, der nun im größten Zorn zu Brandensteins rannte und

auf die Herausgabe der echt kaiserlichen Nadel drang. Karolinchen gab

auf Befehl ihres Vaters zwar eine Stecknadel heraus, jedoch nicht die

rechte, ließ sich aber bald darauf wieder merken, daß sie noch immer im

Besitz der echten sei. Abermaliges Drängen des Konrektors, das echte

Kleinod herauszugeben, worauf Karolinchen ganz naiv gestand, daß sie

dies wenn auch sehr gerechte Begehren nicht zu erfüllen imstande wäre,

indem die Nadel unter die anderen ihres Etuis geraten sei, worauf sie

ihre ganze Nadelbüchse ausschüttete und dem Herrn Zink sagte, er möge

sich die kaiserliche Nadel nun selbst heraussuchen. Dieser geriet in

Zorn und rief aus: »Wie ist es möglich, so wenig Ambition zu haben und

eine kaiserliche Stecknadel mit ganz gemeinen zu vermischen!« -- Was

wollte aber der gute Mann machen, er konnte um so weniger die echte

Nadel herausfinden, als diese gerade nicht unter den vorgeschütteten

war. Auf mich aber, als den Urheber dieses Raubes, der ihm nach seiner

Aussage für Millionen nicht feil gewesen, ging all sein Zorn über und

sogar zum Teil auf meinen Lehrer, dem er vorwarf, einen wahren

Teufelsbraten aus mir zu ziehen. --

Unterdessen hatte diese Begebenheit, wie noch so manche andere Dinge,

meinen Großoheim Oberpfarrer doch endlich veranlaßt, meinen Eltern sehr

ernstliche Vorstellungen wegen meiner Erziehung in Breidensteins

Institut zu machen, wo ich durchaus nichts als Teufeleien lerne und

unter gar keiner Aufsicht sei, und es wurde beschlossen, mich von da weg

und zu einem Hofrat Scherer zu tun, der ein sehr besuchtes Institut zu

Offenbach am Main hatte, wo ich, wenigstens während der Sommerszeit,

unter elterlicher Aufsicht sei, da meine Eltern jetzt die Sommersaison

in Offenbach zubrachten.

Der Abschied von Homburg tat mir in mehr als einer Hinsicht weh, ob ich

gleich, außer einer fast ungezügelten Freiheit, in Breidensteins Haus

gerade nicht wie der Vogel im Hanfsamen saß, da die Frau Hofpredigerin

eine sehr strenge Ökonomie eingeführt, mich und andere auch im Sommer

und Winter in Dachkammern logiert hatte, wo Wind, Regen und Schnee durch

das Ziegeldach drang, im Winter über meiner Bettdecke oft eine andere

von Schnee war und mir vor Frost und Kälte die Zähne klapperten. Da ich

indessen schon früher im elterlichen Hause abgehärtet worden war, so

schadete mir dies nichts und bereitete mich zu den Strapazen, Fatiguen

und Entbehrungen vor, die mir später in reichem Maße werden sollten.

Bald nach meiner Abreise verließ auch mein Oheim Scholze Homburg, um

sich mit seinen Kindern nach Bremen zu begeben. Die Ursache dieser

beschleunigten Abreise war, daß sich Prinz G... sterblich in meine

schöne Cousine Henriette verliebt hatte und ihr bei den Spielen im

Schloßgarten und auch auf Spaziergängen hart zusetzte; das nun mehr als

fünfzehnjährige Mädchen schien auch für die Aufmerksamkeit des Prinzen

eben nicht unempfindlich, weshalb Herr Scholze für gut befand, schneller

als er gewollt seinen Wohnsitz zu wechseln und seine Kinder in der alten

Hansestadt in Sicherheit gegen die verschiedenen Angriffe zu bringen.

Vor ihrer Abreise sah ich meine Cousinen noch einmal in Frankfurt, wo

sie Abschied von uns nahmen; zwei, Sophia und Johanna, sollte ich

gar nicht mehr und Henriette und Mina, die letztere in dem

beklagenswertesten Zustand, erst nach vielen Jahren wiedersehen.

Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 1 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers · 第 12 / 25 题