IV.

Wiedereinnahme Frankfurts durch die Preußen und Hessen. -- Franzosen

durch den Pöbel niedergemacht. -- Schreckliche Lage der Frankfurter

Abgeordneten zu Paris, aus der sie mein Oheim befreit. --

Eindruck, den die Nachricht von der Hinrichtung Ludwigs XVI.

macht.

Die anscheinende Ruhe Frankfurts war nicht von langer Dauer. Gegen Ende

November verbreitete sich die Nachricht, daß die Preußen und Hessen im

Anmarsch, schon in der Nähe der Stadt und im Besitz ansehnlicher

Streitkräfte seien. Die französische Besatzung Frankfurts war kaum

tausend Mann stark und hatte nur zwei Kanonen. Der Kommandant, General

Helden, erwartete Truppen und Artillerie, die ihm Cüstine zur

Verstärkung versprochen und ihm zugleich befohlen hatte, sich im Fall

eines Angriffs des Zeughauses zu bemächtigen und die Frankfurter

Stadtsoldaten, die bis jetzt noch ihren Dienst in Gemeinschaft mit den

Franzosen versehen hatten, zu entwaffnen und sich auf das äußerste zu

verteidigen. Dem Magistrat wurde bekannt gemacht, daß man die Stadt mit

Feuer und Schwert verheeren würde, wenn man sich beikommen ließe, etwas

gegen die Besatzung zu unternehmen. Da aber die versprochene Verstärkung

ausblieb, so hätte Helden wenigstens Moses' Wunderstab haben müssen, um

die erhaltenen Befehle zu vollziehen. Die Frankfurter Heeresmacht, etwa

sechshundert Söldner, aus aller Welt zusammengerafftes Gesindel, war

freilich nicht sehr zu fürchten, aber man traute der Stimmung der

Einwohner nicht, und zwar mit Recht. Den achtundzwanzigsten November

erschien der preußische General von Kalkreuth an der Spitze der

preußisch-hessischen Avantgarde vor dem Friedberger Tor, stellte seine

Truppen in Schlachtordnung auf, sandte sodann einen Stabsoffizier an den

französischen Kommandanten, der von dem Volk mit Jubel begrüßt wurde,

und ließ den General Helden auffordern, Frankfurt zu übergeben. Dieser

wies die Aufforderung mit der Erklärung zurück, er würde sich bis auf

den letzten Mann verteidigen, und meldete, was vorgefallen war, sogleich

nach Mainz. Cüstine nannte die Aufforderung eine preußische Impertinenz

und sagte: »ein freier Republikaner dürfe nicht mit Despotenknechten

unterhandeln.« -- Helden hatte unterdessen die den Frankfurtern

gehörenden Kanonen aus dem Zeughaus (dem Rahmhof) daselbst wollen

wegnehmen lassen, da sich das Volk jedoch schwierig zeigte und

zusammenrottete, so gab er das Vorhaben auf und erklärte die Sache für

ein Mißverständnis. Cüstine kam noch an demselben Tage nach Frankfurt

und versprach dem auf dem Römer versammelten Magistrat, daß er die Stadt

im unglücklichsten Fall keiner Belagerung aussetzen wolle; auf diese

Versicherung erließ derselbe eine Proklamation, in welcher er die Bürger

zur Ruhe und Ordnung ermahnte.

Unterdessen waren die wohlhabenderen Einwohner der Stadt in banger

Erwartung und sahen sorgenvoll den Dingen entgegen, die da kommen

sollten. Es war der zweite Dezember, ein Sonntag, die meisten Bürger

befanden sich gerade bei dem Gottesdienst in den Kirchen, als man mit

einem Mal einen starken Kanonendonner ganz in der Nähe vernahm.

Jedermann verließ schnell die Kirche und eilte erschrocken nach Haus, wo

man erfuhr, daß die Preußen und Hessen die Stadt mit Kanonen und Mörsern

beschössen und von zwei Seiten angriffen. Von allem, was in der Stadt

vorging, waren die Preußen auf das genaueste unterrichtet, da die

Einwohner bis zum letzten Augenblick die Freiheit gehabt hatten, vor den

Toren spazieren zu gehen, wo sie sich stundenlang mit den Belagerern

unterhielten, ohne daß die Franzosen Notiz davon nahmen.

Das Schießen währte ununterbrochen fort, meine Eltern saßen noch bei

Tische und sahen sich nach dem eben beendigten Mittagsmahl mit banger

Bekümmernis an, als einer der Handlungsdiener nach Hause kam und

erzählte, daß bereits mehrere Bürger verwundet worden und Kugeln und

Bomben in verschiedenen Häusern niedergefallen seien. -- »Gott bewahre

uns vor einem solchen Unglück!« rief meine Mutter aus, die mich auf ihre

Knie genommen hatte. Kaum hatte sie das Wort ausgesprochen, als ein

furchtbarer Schlag ganz in unserer Nähe fiel, dem ein längeres

Geprassel, wie von herabfallenden Schiefersteinen veranlaßt, folgte. In

demselben Augenblick stürzte das Gesinde leichenblaß in das Speisezimmer

mit dem Ausruf: »Es hat bei uns eingeschlagen!« Meine arme Mutter war

einer Ohnmacht nahe, und ich lag auf dem Boden. Schnell war das Zimmer

mit allen Hausbewohnern angefüllt, die verzweiflungsvoll untereinander

schrieen, und jeder schien Rat und Hilfe von dem andern zu erwarten, sie

fragten sich untereinander, was zu tun sei, aber keiner war imstande,

ein vernünftiges Wort hervorzubringen, alle hatten den Kopf verloren.

Einige wollten, daß man in die Kellergewölbe, andere, daß man auf die

Straße flüchten solle, und Frauen und Mägde weinten. Mein Vater, der

hinausgegangen war, um nachzusehen, was eigentlich geschehen, kam nach

einigen Minuten mit den tröstenden Worten zurück: »Beruhigt euch,

Kinder, ein Stück Bombe hat nur das Dach unsers Regenfasses im Hof

eingeschlagen, der Schaden ist nicht groß.« Nachdem man sich überzeugt

hatte, daß es wirklich so war, erholte man sich nach und nach von dem

Schreck, und da das Schießen immer schwächer wurde und bald ganz

aufhörte, so beruhigte man sich völlig, und das ganze endigte damit, daß

man sich gegenseitig foppte, jeder dem andern den größten Teil der

gehabten Furcht in die Schuhe schob und sogar Gebärde und Mienen

vormachte, die er in dem Schreckensmoment gezeigt haben sollte.

In der Stadt waren indessen ganz andere und sehr ernsthafte Szenen

vorgefallen. Die wenigen Franzosen hatten sich auf den Wällen sehr

tapfer unter beständigem Feuern verteidigt. Aber die beiden Geschütze,

welche der General Helden auf die Wälle beordert hatte, wurden von

zusammengelaufenem Pöbel und Handwerksburschen, die dazu von mehreren

Bewohnern angereizt worden, angefallen, und da ihre Bedeckung sehr

schwach war, so bemächtigten sich die Volkshaufen derselben, schlugen

die Räder und Lafetten entzwei, hieben die Stränge der Pferde ab und

drohten, den Kommandanten, dem wirklich durch den Hut geschossen wurde,

zu ermorden. Das Volk öffnete nun die Stadttore mit Gewalt, die Riegel

mit Beilen und Äxten sprengend, während sich die Franzosen auf den

Wällen, von diesen Vorgängen nichts ahnend, noch immer tapfer

verteidigten. Preußen und Hessen stürzten zu dem geöffneten Friedberger

Tor herein, machten ohne Pardon zu geben nieder, was ihnen von Franzosen

begegnete, die jedoch, namentlich auch die Nationalgarden, ihr Leben

teuer verkauften, auch oft keinen Pardon begehrten. Die Truppen der

Verbündeten waren wegen des heftigen Widerstands, den man ihnen

geleistet hatte, höchst erbittert. Zweihundert Hessen bedeckten mit

ihren Leichen das Schlachtfeld vor den Toren, über siebenhundert

Franzosen gerieten samt dem General von Helden in Gefangenschaft. Die

Körper der niedergesäbelten Franzosen, die in den Straßen lagen, waren

zum Teil schrecklich verstümmelt, einigen war der ganze Hinterkopf

abgehauen, anderen war der Schädel gespalten und so weiter. Alle wurden

schnell und ganz in der Stille beerdigt, nur ein kleiner Teil der

Garnison war entkommen und hatte sich nach Höchst flüchten können. Auch

einem Bürgerssohn hatte seine Neugierde das Leben gekostet.

Der König von Preußen, Friedrich Wilhelm II., gewöhnlich der dicke

Wilhelm genannt, hielt nun mit dem Herzog von Braunschweig an der Spitze

seiner Generalität und der Truppen seinen Einzug und wurde von den

Frankfurter Bürgern, die sich jetzt befreit glaubten, mit großem

Vivatgeschrei freudig jubelnd empfangen. Fortwährend blieb die Menge vor

dem Roten Haus, damals der erste Gasthof der Stadt, in welchem der König

abgestiegen war, versammelt, dem gnädigen König unaufhörlich ein

Lebehoch bringend, so oft derselbe geruhte, sich dem guten Volk auf dem

Balkon zu zeigen. An selbigem Tage hatte eine halbe Stunde von

Frankfurt, zwischen den Flecken Bockenheim und Rödelheim, ein scharfes

Gefecht mit einer Abteilung von Cüstines Truppen stattgefunden, bei dem

der preußische General von Eben verwundet wurde.

Der König von Preußen besuchte noch den nämlichen Abend das Theater, wo

er abermals mit großem Enthusiasmus empfangen wurde. Frankfurt erhielt

nun eine preußische und hessische Besatzung zur Einquartierung, unter

der sich besonders die preußischen Garden auszeichneten.

Nachdem jedoch der erste Sieges- und Freudenrausch verschwunden war und

die Überlegung nach und nach zurückkehrte, fing man doch zu fürchten an,

daß die Geschichte wohl noch schlimme Folgen für die gute Stadt

Frankfurt und ganz besonders für die sich noch zu Paris befindliche

Deputation derselben haben könne. Was man im ersten Augenblick als eine

Heldentat sondergleichen, die man denen eines Horatius Cocles und Mutius

Scävola zur Seite setzte, angesehen, nämlich das Zertrümmern der

Kanonenlafetten und das Zerschlagen der Torschlösser, wollte bald

niemand mehr getan oder nichts davon gewußt haben, und mit Grauen und

Schaudern dachte man an die Folgen bei einer möglichen Wiederkehr der

Franzosen. Dem Freudentaumel folgte schnell eine düstere Stimmung und

Grabesstille, und die Besorgnis der ängstlichen Gemüter wurde noch um

vieles vermehrt, als man wenige Tage darauf in der >Mainzer

Nationalzeitung< vom sechsten Dezember einen Bericht las, der die

Überschrift führte: >Frankfurter Adventsfeier, ein Gegenstück zur

Bartholomäusnacht und zu der sizilianischen Vesper< und dessen Verfasser

ein Adjutant Cüstines, Daniel Stamm, war. In demselben wurde unter

anderm gesagt:

>Der zweite Dezember, als der erste Adventssonntag, wurde zum Mordtag

ausersehen. Frankfurter! diesen Tag werdet ihr trotz euren feilen

Zeitungen nicht aus den Jahrbüchern eurer Geschichte löschen! Buben

werden euch auf den Straßen anspeien, der Name Frankfurt wird der

Nachwelt ein Abscheu sein, der Franke ist verabscheuungswert, der euch

ansehen kann, ohne euch zu würgen! Euch und euern Namen zu vertilgen,

sei der Schwur, den jeder freie Mann auf dem Vaterlandsaltar ablegen

wird! Ich tue ihn freiwillig, und ich werde ihn halten.<

Doktor Böhmer in Mainz schrieb in dieselbe Zeitung: >Plötzlich wurden

sie (die Franzosen) von einem mit Mordgewehren aller Art versehenen

Haufen von Frankfurter Banditen überfallen, mit einer Wut, deren nur ein

Frankfurter Reichsstädter fähig sein kann, gemißhandelt und in solcher

Anzahl getötet, daß von zwei Bataillonen der größte Teil ein Opfer

dieser Henkersknechte wurde. Die französischen Krieger setzten sich

mutig zur Gegenwehr, waren aber zu schwach, um acht- bis zehntausend

bewaffneten Bösewichtern Widerstand leisten zu können. Kaum hörte dies

der General Cüstine, als er morgens gegen elf Uhr mit einem großen Teil

seines Heeres und einer Menge von Belagerungsgeschütz vor die Stadt

rückte. Er hat erklärt, daß er entweder selbst vor ihren Mauern sterben,

oder die Stadt in Staub und Asche verwandeln wolle.<

Die allgemeine Administration zu Mainz, um die Wut der französischen

Armee noch zu steigern, befahl, daß für die zu Frankfurt gemordeten

Franzosen ein großes feierliches Totenamt gehalten werden solle.

Man kann sich denken, welche Angst bei dem Lesen solcher Zeitungsartikel

-- die Mainzer hatten dafür gesorgt, daß diese sogleich gehörig in

Frankfurt verbreitet wurden -- sich der armen Kaufmannsseelen daselbst

bemächtigte, die eigentlich an dem Vorgefallenen sehr unschuldig waren,

das außerdem ebenso entstellt wie übertrieben wurde. In allen Familien

war jede Lebenslust wie weggeblasen, und diejenigen, deren Angehörige

bei der fatalen Mission zu Paris waren, gaben sich der Verzweiflung hin.

Ein reicher Kaufmann, der uns denselben Abend, als die Preußen in die

Stadt eingerückt waren, einen Besuch gemacht und sich dabei gerühmt

hatte, aus seinem Haus habe man auf seinen Befehl siedendes Wasser auf

fliehende Franzosen gegossen und >die Kerls gehörig gebrühet<, wobei er

und seine Frau tätig gewesen seien, kam einem Gespenst gleich ein paar

Tage darauf zu meinen Eltern, um sie zu fragen, ob sie seine Fabel

weiter erzählt hätten, er habe dies alles nur im Scherz gesagt, es sei

nur ein dummer Spaß von ihm gewesen, er selbst könne nicht begreifen,

wie er zu einem so elenden Geschwätz gekommen sei, seine alberne Gans

von einer Frau sei an dem ganzen Eselsstreich schuld. Mein Vater suchte

den reichen armen Teufel möglichst zu beruhigen, er hatte jedoch noch

lange an seinem Angstfieber zu laborieren.

Magistrat und Bürgerschaft wetteiferten nun, diese gräßlichen

Beschuldigungen von sich zu weisen und sie für abscheuliche

Verleumdungen zu erklären, was sie denn zum größten Teil auch waren.

Eine Unwahrheit war es, daß ein förmliches Mordkomplott stattgefunden

habe, und eine große Lüge, daß man zehntausend Mordmesser zu diesem

Zweck habe verfertigen lassen, von denen Cüstine sogar eines an den

Konvent nach Paris sandte.

Um diesen furchtbaren Anklagen zu begegnen, machte der Magistrat

von Frankfurt bekannt, daß derjenige eine Belohnung von

vierundzwanzigtausend Livres erhalten solle, der beweisen könne, daß ein

Mordkomplott in Frankfurt stattgefunden und die Bürger Franzosen mit

Mordgewehren oder Messern getötet hätten. Aber niemand konnte

dergleichen dartun; das Wahre an der Sache war, daß mehrere wohlhabende

Bürger, der Hingebung des Augenblicks folgend, verschiedene Individuen

aus den niedern Ständen zur Zertrümmerung der Kanonen und zum Eröffnen

der Tore aufgemuntert hatten, sowie, daß aus einzelnen Häusern siedendes

Wasser auf die Fliehenden gegossen worden war. Aber auch schon das war

hinreichend, um unter solchen Verhältnissen und in einem solchen Krieg

den Ruin und die Zerstörung einer Stadt herbeizuführen, und dies, fühlte

man wohl, wäre auch das unvermeidliche Schicksal Frankfurts gewesen,

wenn der Feind damals schnell zurückgekehrt wäre. Aller Enthusiasmus für

die Sieger war indessen nach ein paarmal vierundzwanzig Stunden

verschwunden, und man hörte keine Vivats mehr.

Zu Paris hatten sich diese Vorfälle, greulich ausgemalt und durch

gräßliche Zusätze vermehrt, schon verbreitet, noch ehe ein offizieller

Bericht daselbst angekommen war. Als Cüstines Berichte eintrafen,

beschloß der vollziehende Staatsrat vorerst, die Frankfurter Deputierten

in ihren Wohnungen in strengem Verhaft zu halten und auf das schärfste

bewachen zu lassen. Diese sahen sich nun mit einem Mal von all ihren

dortigen Bekannten verlassen und befanden sich in der Tat in einer

schrecklichen Lage, und dies zu einer Zeit, wo man in Paris

Menschenköpfe gleich Mohnköpfen abschlug. Unter ihren Fenstern verkaufte

man Extrablätter unter dem Ruf: >Getreue Erzählung, wie durch die

Frankfurter Banditen tausend Franzosen ermordet wurden, Frankfurter

Mordgeschichten< und so weiter. Keine französische Zeitung wollte etwas

zur Verteidigung der armen Deputierten aufnehmen, welche jeden

Augenblick fürchteten, zur Guillotine geschleppt zu werden. Unter den

vielen Mitteln, die man anwendete, jene gehässigen Anklagen zu

widerlegen und als nichtig darzustellen, wurde eines ergriffen, das

guten Erfolg hatte: man ließ nämlich die französischen Gefangenen,

Offiziere und Gemeine der Nationalgarde und Linientruppen, Erklärungen

und Briefe schreiben, in welchen sie die treffliche Behandlung, welche

ihnen von der Frankfurter Bürgerschaft und dem Magistrat zuteil wurde,

hochrühmten und auf das dankbarste anpriesen. Sie bekräftigten in

denselben, daß sich der Magistrat alle mögliche Mühe gegeben habe, dem

Auflauf des Pöbels zu steuern, und daß Bürger selbst vor den

eindringenden Hessen Pardon für mehrere ihrer Landsleute erwirkt hätten.

Man schob überhaupt die ganze Schuld auf fremde Handwerksburschen, diese

armen Teufel mußten jetzt alles auf ihre Schultern nehmen. Dies

vermochte indessen nicht, die in Paris gefangenen Frankfurter

Deputierten, unter denen auch einer vom Senat war, aus ihrer

hochnotpeinlichen Lage zu befreien, was für den Augenblick das

Wichtigste war, da sie in augenscheinlicher Lebensgefahr schwebten, denn

man spielte ja in Frankreichs Hauptstadt um Köpfe wie um Dreier, und die

Familien der Abgeordneten waren in unaufhörlicher Höllenangst, sahen in

banger Verzweiflung jeden Tag der ankommenden Post entgegen,

schreckliche Nachricht befürchtend, und gingen dem hochedlen Magistrat

Tag und Nacht zu Leibe, damit er die baldigste Befreiung ihrer

Angehörigen bewirken möge. Dies war eben keine leichte Aufgabe. Mein

Großvater Weller hatte den Herren des Rats den Rat gegeben, man müsse

schleunigst suchen, jemand ohne allen offiziellen Charakter ganz

insgeheim und mit hinlänglichen Mitteln versehen nach Paris zu schicken,

um das Terrain daselbst zu rekognoszieren, die Deputierten gehörig von

allem zu unterrichten und von dem fatalen Vorfall und der Sachlage in

Kenntnis zu setzen, sodann aber deren Befreiung um jeden Preis zu

erwirken suchen. So einleuchtend es auch war, daß sich nur einzig von

diesem Mittel einiger Erfolg erwarten ließ, so waren doch mehrere

Hohlköpfe des hochgelahrten und wohlfürsichtigen Magistrats und selbst

einer der wohlregierenden Bürgermeister dagegen und meinten, man müsse

sich nicht in neue Fatalitäten verwickeln, sondern, da es doch einmal

nicht anders sei, der Sache ihren Lauf lassen, das heißt, die armen

Teufel zu Paris ihrem Schicksal überlassen. Glücklicherweise war der

bessere Teil der Herren anderer Meinung und drang, jedoch nicht ohne

einige derbe Kraftäußerungen und sogar Drohungen ausgestoßen zu haben,

durch. So weit war man nun gekommen, aber wen absenden? Von den

hochweisen Herren des Magistrats wollte sich keiner zu dieser Mission

verstehen, sie liebten alle zu sehr, was unter ihren Perücken und

Haarbeuteln vegetierte, es mochte auch noch so unnützes Unkraut sein.

Alle hatten ihre triftigen Entschuldigungsgründe, die übrigens auch wohl

vollgültig sein mochten. Die einen schützten ihr respektables Alter,

fast alle ihre Unkenntnis der französischen Sprache vor, was bei den

meisten auch der Wahrheit gemäß war, denn nur wenige der gebildeteren

Klasse der Einwohner Frankfurts sprachen damals außer ihrer

Muttersprache, dem abscheulichen Frankfurter-Deutsch, noch eine andere;

höchstens warfen einige hochgelahrte Herren mit ein paar Brocken

Küchenlatein um sich, mit dem freilich in Paris nichts anzufangen war.

Mein Großvater, der die Verlegenheit, in der sich die guten Väter des

Vaterlands befanden, sowie die traurige Lage, in der es sich selbst

befand, erwog und sich zu Herzen nahm, sprach zu ihnen: »Ich bin zwar zu

alt, kränklich und schwach« -- er hatte noch nicht lange einen

Schlaganfall gehabt -- »um die Reise nach Paris unternehmen zu können,

sonst würde ich mich der Sache gern unterziehen, aber mein Sohn Fritz,

das ist ein gewandter Bursche, spricht geläufig französisch, weiß sich

zu drehen und zu wenden, der soll es wagen, nach dem Teufelsnest zu

reisen, unsern armen Landsleuten Trost und wo möglich Rettung zu

bringen.«

Mein Oheim Fritz zählte kaum einige zwanzig Jahre, bei jeder anderen

Gelegenheit würden die hochweisen Herren (sie waren damals alle

gepudert, und die meisten trugen Perücken) einen solchen Antrag unwirsch

zurückgewiesen haben, aber hier galt es, seine Haut zu Markte zu tragen,

und auch die Vorlautesten waren mäuschenstill. Nur einer unter ihnen,

ein Schöffe, Wallacher, äußerte: »Da man doch niemand habe, der fähiger

sei, so müsse man das Anerbieten des jungen Wellers wohl annehmen.«

Die Sache wurde nun noch in geheimer Sitzung verhandelt und beschlossen,

daß mein Oheim ganz insgeheim nach Paris reisen solle. Auf sein

Verlangen wurde ihm ein Paß von der Isenburger Regierung, um nicht als

Frankfurter bezeichnet zu sein, in der Eigenschaft eines spekulierenden

Buchhändlers ausgestellt, der sich in Privatgeschäften nach Paris

begebe.

Als alles in gehöriger Ordnung und mein Oheim mit Geld, Wechseln und

Empfehlungen reichlich versehen war, denn Gold durfte nicht gespart

werden, wollte man die Kerkertüren sprengen, -- reiste er ganz in der

Stille ab, kam glücklich über die Grenze und ohne besondere Zufälle in

der stürmischen Hauptstadt Frankreichs an, wo er vorgab, gekommen zu

sein, um die merkwürdigsten Szenen der französischen Revolution an Ort

und Stelle zeichnen lassen, die dann später in Kupfer für ein deutsches

Werk gestochen werden sollten, das die Heldentaten dieser Revolution dem

deutschen Volk recht anschaulich machen und dasselbe zur Nacheiferung

aufmuntern werde. Dies war freilich nicht der Wille des Magistrats

gewesen, aber mein Oheim fand es der Klugheit gemäß, so zu handeln, um

jeden Argwohn zu entfernen. Indessen traf er auf manche große, nicht

vorhergesehene Schwierigkeiten, doch bahnten ihm seine Empfehlungen,

eigene Geschicklichkeit und vor allem der mitgebrachte goldene Talisman

den Weg. Einmal lief er jedoch Gefahr, für einen Spion gehalten, als

solcher verhaftet und folglich um einen Kopf kürzer gemacht zu werden,

aber durch seine Geistesgegenwart wußte er sich im kritischsten

Augenblicke aus der fatalen Lage zu ziehen. Er unterhielt sich nämlich

eines Abends mit einem andern Deutschen in seiner Muttersprache über die

neuesten Vorfälle der Revolution, wobei sie auch mehrmals die Worte:

Monsieur und Graf Artois hatten fallen lassen. Ein Jakobiner aus dem

Elsaß, der hinter ihnen drein gegangen war und einen Teil dieser

Unterredung gehört hatte, schrie plötzlich: »_Voila des espions

autrichiens, qu'on les arrête._« Mein Oheim dreht sich um und sieht, wie

der Kerl auf ihn losspringt, um ihn zu packen, er gibt ihm jedoch einen

gewaltigen Faustschlag auf die Brust, der Jakobiner prallt ein paar

Schritte zurück, stolpert, stürzt, und mein Oheim wirft ihm jetzt

schnell seinen Mantel über das Gesicht, aus allen Kräften »_au voleur!_«

schreiend. In einem Augenblick waren eine Menge Menschen um den

Gefallenen versammelt, unter die sich der junge Weller sogleich mit

seinem Begleiter mischte, sich gleich den anderen erkundigend, was da

vorgehe, und dann, den Mantel im Stiche lassend, unbemerkt wegeilte,

sich glücklich preisend, mit dem Verlust dieses Kleidungsstückes davon

zu kommen. Aus einiger Entfernung durch die Schatten der Nacht

begünstigt, sah er, wie der arme Teufel von Jakobiner, den die Menge

festhielt, ihn wirklich für einen Dieb haltend, große Mühe hatte, sich

zu rechtfertigen und den Leuten den wahren Hergang der Sache begreiflich

zu machen, worauf sich alle nach dem vermeintlichen Aristokraten

umsahen, den sie jedoch nicht mehr entdecken konnten.

Ein paar Tage nach seiner Ankunft zu Paris war es meinem Oheim gelungen,

sich mit den gefangenen Deputierten, die einen rettenden Gott in ihm

sahen, heimlich in Verbindung zu setzen. Man beriet sich

gemeinschaftlich über die Art und Weise, wie ihre Befreiung zu bewirken

sei, und nachdem der junge Mann das Terrain hinlänglich sondiert, gelang

es ihm, einige einflußreiche Mitglieder des Konvents für sich zu

gewinnen, das heißt, zu bestechen, indem er hier und da, wo es nötig

war, mit aller Vorsicht seine goldenen Minen springen ließ, andere

gewann er durch eine der Wahrheit gemäße einfache und einleuchtende

Darstellung der Sache. Bei dieser Gelegenheit kam er auch mit Danton,

Robespierre Camille Desmoulin, Vergniaud, Brissot und anderen berühmten

Konventsmitgliedern in nähere Berührung. Das Unternehmen gelang über

alle Erwartung, der Konvent verfügte die Freilassung der Verhafteten,

und diese kamen gegen Ende Januar siebzehnhundertdreiundneunzig wieder

glücklich und wohlbehalten mit ihren, sich jetzt wieder außer Gefahr

befindenden Köpfen in Frankfurt an, während Ludwig XVI. unter der Zeit

den seinigen durch das Beil des Henkers verlor. Die Geretteten konnten

nicht genug rühmen, was der junge Weller für sie getan, und sie und

deren Familien, unter denen auch die G...sche war, gaben ihm bei jeder

Gelegenheit Beweise ihrer Erkenntlichkeit. Nachdem der schwierige

Auftrag so glücklich vollzogen, hörte man von mehr als einer Seite, wenn

des jungen Wellers lobend erwähnt wurde von manchen superklugen,

hochweisen Lippen die Worte fallen:

»Mit solchen Mitteln versehen, gehörte eben keine große Kunst dazu!«

Mein Oheim hatte seinen Freunden und Verwandten mehrere hübsche

Geschenke von Paris mitgebracht, darunter ein kostbares

Porzellanservice, das der unglücklichen Maria Antoinette gehört und das

er verstohlen um einen hohen Preis erstanden hatte.

Die Frankfurter Vorfälle hatten für niemand ersprießlichere Erfolge als

für die französischen Gefangenen, die von jetzt an, so oft deren nach

Frankfurt kamen, von der Stadt und ihren Bewohnern reichlich beschenkt

und trefflich verköstigt wurden, was denn jedesmal in den Zeitungen

gehörig ausposaunt ward, da man im Geiste schon wieder die französischen

Heere und ihre erzürnten Krieger racheschnaubend vor den Stadttoren sah.

Die Nachricht von der Hinrichtung des unglücklichen Königs von

Frankreich hatte einen höchst peinlichen Eindruck in Frankfurt sowie in

ganz Deutschland gemacht, man wollte lange nicht an die Möglichkeit

dieser Greueltat glauben und hatte Mühe, sich von der Wahrheit dieser

Tatsache zu überreden, die man sich nur mit dem Ausdruck des Schmerzes

und des Kummers mitteilte. Diese Begebenheit wandelte mehr als einen

Demokraten zum Aristokraten um, sowie überhaupt der Gang und die

Richtung, welche die Dinge in Frankreich nahmen, viele frühere Freunde

der französischen Revolution zu deren erbitterten Feinden umschuf; von

dem Glück einer Freiheit, die nur Mord, Raub, Brand, die blutigsten

Greuel und scheußlichsten Würger hervorrief, konnte sich kein Mensch,

der noch einen Funken gesunde Vernunft besaß, einen Begriff machen,

dennoch behielt sie auch in Frankfurt manche Anhänger, und sogar in

unserer Familie.

Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 1 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers · 第 10 / 25 题