Cüstine verlangte auch noch die Kanonen der Stadt Frankfurt und wollte
derselben unter dieser Bedingung noch fünfhunderttausend Gulden von der
Brandschatzung ablassen. -- Einstweilen gab die neue Garnison, die noch
verstärkt wurde, den Einwohnern hinlänglichen Stoff zur Unterhaltung;
sie betrug sich ziemlich manierlich und bestand teils aus französischen
Nationalgarden, teils aus Linientruppen. Die ersteren waren nicht alle
uniformiert, trugen Beinkleider nach eigener Wahl und Pistolen in den
Gürteln. Die Kavallerie, _chasseurs à cheval_, war ziemlich gut
beritten, auch die Artillerie hatte gute Bespannung. Die Zahl der in
Frankfurt liegenden Truppen war nach und nach bis auf viertausend Mann
herangewachsen. Die Bürger konnten sich nicht genug über den ungeheuern
Unterschied zwischen diesen und den österreichischen und preußischen
Soldaten wundern. Sie glaubten, für die stämmigen, steifen,
kaiserlichen, wohlgenährten und wie in eine Form gegossenen Grenadiere
müßte so ein Haufen unansehnlicher Franzosen allerdings nur ein
Frühstück sein, und begriffen nicht, wie es möglich war, sich vor
solcher Bagage zurückzuziehen. Die Gemeinen sprachen mit ihren
Offizieren, ohne wie gelähmte Stöcke und in hündischer Furcht und
Stellung vor ihnen zu stehen, rauchten oder pfiffen wohl auch in ihrer
Gegenwart; dies alles galt als ein Beweis von gänzlichem Mangel an
Subordination. -- Sie zogen auf die Wachen, ihre Lebensmittel auf die
Spitze der Bajonette spießend, verteilten ihre Fleischportionen auf
offener Straße auf einem Stein oder einer Bank, wenn gerade eine
vorhanden war, wuschen ihre schwarzen Hemden und Beinkleider selbst in
den gelben Fluten des Mains, das ça ira fröhlichen Mutes dabei singend
und »_vive la liberté!_« schreiend. Mit Stolz und Selbstgefühl sagten
sie: »_Nous sommes les soldats de la république française, les soldats
de la liberté._« Dies alles stach freilich gewaltig gegen die
Krönungszeremonien ab, die erst vor drei Monaten stattgefunden hatten,
und kam den guten Frankfurtern recht spanisch vor. Ein hochweiser
Senator schrieb damals in allem Ernste an einen Freund: »Oh, wie tief
kann der Mensch doch sinken! Die Franzosen, die alle Völker frei machen
wollen, rauchen und singen in den Straßen und auf den öffentlichen
Plätzen in Gegenwart ihrer Anführer und sind ihre eigenen Waschweiber!«
Indessen hatten alle Manifeste und Erklärungen Cüstines, auch bei den
unteren Klassen der Einwohner Frankfurts, wenig Anklang gefunden und
keinen Eindruck gemacht, man hatte dem Volk plausibel zu machen gewußt,
daß, wenn die Reichen kein Geld mehr hätten, die Armen nichts mehr
verdienen könnten und Hungers sterben müßten, und in Frankfurt war ein
guter Verdienst für jede Art Arbeiter. Daher das Geschrei von Freiheit
und Gleichheit nur taube Ohren fand; zudem fing Handel und Wandel zu
stocken an, und die Lage der Einwohner begann mißlicher zu werden, was
man nicht mit Unrecht den Franzosen zuschrieb. Ganz anders war es in
Mainz, hier war wenigstens ein großer Teil der Bewohner enthusiastisch
für die neue Ordnung der Dinge in Frankreich gestimmt, besonders
wissenschaftlich gebildete und tüchtige Männer verteidigten die neuen
Grundsätze und Handlungen, schlossen sich denselben an und wurden die
Koryphäen der Mainzer Revolution, freilich nicht ahnend, wie schnell die
Pariser in ein blutig scheußliches Ungetüm und Morden ausarten würden.
In Mainz hatte man, Paris nachäffend, ebenfalls Klubs gebildet, in denen
die Freiheit und Gleichheit gepredigt wurde, und die berühmtesten
Gelehrten und Professoren, wie ein Forster, Wedekind, Metternich und so
weiter hatten sich an die Spitze gestellt. Auch die schönen Mainzerinnen
hatte dieser Revolutionstaumel ergriffen, sie übten sich sogar im
Pistolenschießen, tanzten nach Herzenslust mit den Soldaten der Freiheit
um die rote Kappe, hatten dabei Gürtel, welche vorn und hinten
herabhingen; vorn las man das Wort >Freiheit<, hinten >Gleichheit<. Eine
ärgere Satire auf diese Revolution hätte wohl schwerlich der
eingefleischteste Aristokrat erfinden können. Manche Frauen hatten sogar
Säbel umgeschnallt, und man ging bald so weit, eine rheinische Republik
gründen zu wollen und so weiter. Alle Fürsten und der Adel wurden ihrer
Rechte und Besitzungen verlustig erklärt und durften sich bei
Todesstrafe nicht mehr im Gebiete dieser neuen Republik sehen lassen.
Cüstine stattete nun auch in eigener Person der Reichsstadt Frankfurt
einen Besuch ab. Den einundzwanzigsten Oktober kam er mit seinem
Generalstab und dem Doktor Böhmer in die Stadt geritten und hielt vor
der Hauptwache, vor welcher sich eine Menge Volks versammelt hatte, den
Wundermann zu sehen, vor dem sich die Tore der ersten deutschen
Festungen wie durch einen Zauberschlag öffneten. Der Feldherr fragte den
Haufen: »Habt ihr den deutschen Kaiser gesehen?« und erwiderte auf das
Ja, das ihm mehrere Stimmen zuriefen: »Wohlan, ihr werdet keinen mehr
sehen!«, und hierin hatte er recht. In Mainz hatte man ähnliche Anreden
mit donnerndem Applaus und lautem Jubel begrüßt, hier aber blieb das
Volk mäuschenstill. Dies war aus dem so verschiedenartigen Charakter der
Bewohner dieser beiden Städte leicht zu erklären. Die Mainzer haben ein
leicht aufzuregendes Blut, sind heiter und lebensfroh, während der
gewöhnliche Frankfurter ein echter bedächtiger Kalkulationsmensch ist;
der Unterschied zwischen den Einwohnern dieser beiden Nachbarstädte ist
so groß, als lägen sie mehrere hundert Meilen voneinander entfernt.
Außerdem hätten die Frankfurter gerne jedes Jahr so eine goldspendende
Kaiserkrönung gesehen, und es war ihnen schlecht damit gedient, daß sie
keinen Kaiser mehr, aber statt dessen Millionen fordernde französische
Generäle sehen sollten. Ärgerlich über diesen Stumpfsinn des Volkes für
seine Reden, wandte er sich gegen seine Begleitung und sagte: »Diese
Menschen haben nur Sinn für den Schacher und nur Liebe für Geldsäcke,
wohlan, wir müssen sie bei dem, was ihnen am teuersten ist, packen.« Er
ließ die bisherige Garnison durch andere Truppen ablösen, denen er
strenge Mannszucht anbefahl, und begab sich sofort auf den Römer, wo er
den Behörden tüchtig die Meinung sagte. Dann ließ er sich nun Geiseln
ausliefern, unter denen angesehene Kaufleute und zwei reiche Juden
waren. Bevor er wieder abreiste, stattete er auch den braven
Sachsenhäusern einen Besuch ab und ersuchte sie um einen Baum aus ihrer
Waldung, worauf ihm diese Naturkinder erwiderten: »er möge sich nur
einen holen,« was er aber unterließ und die Reichsstadt nicht würdig
fand, mit einem solchen zu schmücken. Ein Jude sagte damals, von diesem
Wahrzeichen der französischen Freiheit sprechend: »'s is ä Bämche ohne
Worzel und ä Käpple ohne Kopp.«
Der Landgraf von Hessen-Kassel hatte indessen bedeutende Streitkräfte
zusammengezogen, in der Hoffnung, vereint mit den preußischen Truppen
den Franzosen endlich ernstlichen Widerstand leisten zu können. Diese
hatten jedoch mehrere hundert Hessen bei Nauheim gefangen, die sie nach
Frankfurt brachten, und Cüstine erließ eine Proklamation gegen den
Landgrafen, in welcher er unter anderm sagte: »Denkt er denn nicht, daß
der jüngste Tag für alle ungerechten Fürsten erschienen ist! Er hofft
seinen wankenden Thron durch das Volk zu befestigen, dessen Blut er
verkaufte, um seine Schatzkammer zu füllen. Schon dieser einzige Umstand
muß das Schicksal dieses Tyrannen entscheiden. Ungeheuer! über das sich
schon längst der Fluch der deutschen Nation, die Tränen der Witwen, die
du brotlos, und das Jammergeschrei der Waisen, die du elend gemacht
hast, gleich schwarzen Gewitterwolken zusammentürmten[5], dich wird die
gerechte Rache der Franken erreichen, die Flucht wird dich derselben
nicht entziehen; wie wäre es auch nur möglich, daß ein Volk in der Welt
einem Tiger, wie du bist, Zuflucht gewähren könnte!« und so weiter.
[Fußnote 5: Cüstine spielt hier auf den Verkauf Hessen-Kasselscher
Untertanen an die Engländer an, für welche der Landgraf einen bestimmten
Preis per Kopf erhielt, und die die Engländer als Soldaten in ihren
Kolonien verwandten. Das ganze Land hatte kaum 400000 Einwohner, von
denen mehr als 20000 der kräftigsten Männer für den englischen Dienst
verhandelt wurden. Die englischen Seelenkäufer kamen nach Kassel, wo sie
Mann für Mann wie erkauftes Vieh untersuchten und betasteten, ob sie
auch tauglich seien! Eltern, die klagten oder murrten, wenn man ihnen
die Kinder mit Gewalt raubte, kamen sofort in Ketten oder ins Zuchthaus.
Daher stammte auch der reiche Privatschatz Georg Wilhelms, den er bei
seiner Flucht dem alten Rothschild in Verwahrung gab, den dieser so gut
verwaltete, daß er selbst Millionen erwarb, und daher datiert sich der
ursprüngliche Reichtum der Rothschilde.]
Frankfurt hatte nun eine Million von der Kontribution bezahlt, die
Geiseln wurden wieder freigegeben, und Cüstine erlaubte dem Magistrat,
um den Erlaß des Restes derselben in Paris nachsuchen zu dürfen, welches
derselbe auch benützte und deshalb eine Deputation nach der unruhigen
Hauptstadt Frankreichs sandte, der er noch eine zweite, die erste zu
unterstützen, nachschickte.
Indessen ergab man sich in sein Schicksal, es war so ziemlich wieder
alles in sein gewohntes Gleis gekommen, und man war darauf gefaßt, die
unwillkommenen Gäste noch lange beherbergen zu müssen, besonders da die
Franzosen infolge der Schlacht von Genappe rasch die österreichischen
Niederlande erobert hatten.