Die Neufranken in Frankfurt. -- Cüstine. -- Die Kontribution. -- Die
Mainzer Revolution.
Bald nach Franzens Krönung erschien jenes berüchtigte Manifest des
Herzogs von Braunschweig, der vom Kaiser und König von Preußen den
Oberbefehl über die vereinigten Heere erhalten hatte, in dem man der
guten Stadt Paris mit einer exemplarischen Rache und gänzlicher
Vertilgung von dem Erdboden drohte, wenn sie nicht sofort zur alten
Untertänigkeit und unbedingtem Gehorsam gegen den König zurückkehren
würde, ihr jedoch in diesem Fall versprach, eine kaiserlich königliche
Verwendung bei Ludwig XVI. zugunsten der ungezogenen Pariser eintreten
zu lassen. Dieses Manifest war mit Beihilfe einiger französischer
Emigranten fabriziert worden, denen die guten Deutschen allen Glauben
schenkten, als sie versicherten, das Ganze werde nichts als eine
militärische Promenade sein, und Braunschweig riet den Offizieren, sich
nicht mit zuviel Pferden und Gepäck zu belasten, denn der Spuk werde
nicht lange dauern! -- Auch in Frankfurt glaubte man fast allgemein an
die nahe Zerstörung von Paris, und daß man bald nur noch von dessen
Ruinen sprechen würde, niemand dachte jedoch daran, daß der Ruin des
deutschen Reiches so nahe sei, nur wenige klügere Leute schüttelten hie
und da die Köpfe beim Lesen dieses komisch heroischen Manifestes.
Indessen liefen vom Heer der Verbündeten und dem Herzog von Braunschweig
die allervortrefflichsten Siegesnachrichten ein, die Preußen und
Österreicher standen bereits auf französischem Grund und Boden, nach
ihren Berichten nahm der Feind Reißaus, sobald er eine preußische oder
österreichische Uniform erblickte, und in der Tat schienen die ersten
Waffentaten solche Großsprechereien zu rechtfertigen. Das französische
Korps, welches unter General Dillon über die Grenze gegangen war, hatte
bei der ersten Charge des Feindes unter dem Geschrei: »Wir sind
verraten, wir sind verkauft!« (dieses Geschrei hatten einige königlich
gesinnte Offiziere und bestochene Soldaten absichtlich ausgestoßen, um
die Reihen zu verwirren und mit Furcht und Schrecken zu erfüllen[4]) die
Flucht ergriffen, sodann den General Dillon getötet und zu Lille in
Stücke gerissen und bei einem großen Feuer, das sie auf dem Marktplatz
anzündeten, verbrannt, indem sie schrieen, dies müsse allen Verrätern
widerfahren. Die hintereinander folgenden Eroberungen von Longwy und
Verdun durch die Preußen bestätigten die Nachrichten von dem geringen
Widerstand der Franzosen, und man machte große Wetten zu Frankfurt, daß
binnen sechs Wochen die vereinten Heere in Paris und König Ludwig
befreit und wieder in alle seine Rechte eingesetzt sein würde.
Als man nun die vereinigten Heere im besten Zug auf Paris glaubte, da
kam mit einmal die ganz unerwartete Nachricht, daß sich eine starke
französische Heeresabteilung vor dem nur vierzehn Stunden entfernten
Speier gezeigt habe. Man hatte frühere, für die Verbündeten nachteilige
Gerüchte vom Anrücken der Franzosen und so weiter als lügenhaft
ausgesprengt und böswillig erfunden erklärt. Bald aber kamen
zuverlässige Briefe und Berichte von Mannheim, die nicht mehr bezweifeln
ließen, daß die Neufranken bereits im Besitz vieler speierischer Dörfer
seien, die gebrandschatzt würden, während sie die pfälzischen
verschonten und gegen Mainz marschierten. Mit jeder Stunde lauteten die
Nachrichten jetzt ängstlicher, wobei, wie gewöhnlich, manches
übertrieben wurde. Niemand wußte dies mit der bevorstehenden Einnahme
von Paris zusammenzureimen. Die Österreicher und Kurmainzer, die in
Speier lagen, waren nach kurzer Gegenwehr geschlagen worden, hatten
sich, mehrere tausend Mann, zu Kriegsgefangenen ergeben und waren nach
Landau transportiert worden, ebenso die beträchtlichen Vorräte, welche
die Sieger in Speier vorgefunden hatten. Es hieß zwar, daß das unter dem
Obergeneral Cüstine angekommene Heer nur ein unbedeutendes Streifkorps
sei, andere Nachrichten machten es aber zu einer furchtbaren Armee von
fünfzig- oder gar hunderttausend Mann und so weiter. Diese Ungewißheiten
und sich so oft widersprechenden Nachrichten versetzten die guten
Frankfurter in keine kleine Unruhe, indessen erzählte man sich in
Frankfurt, daß das in einem Lager bei Reims stehende französische Heer
von den Preußen eingeschlossen sei und sich an den König von Preußen
habe ergeben wollen, daß dieser aber unbedingte Streckung des Gewehrs
verlangt und nur wenige Stunden Bedenkzeit gegeben habe; das Gewehr
müsse nun schon gestreckt sein und der Kurier, der die Bestätigung
überbringe, jeden Augenblick eintreffen. Statt dessen trafen jedoch
vierundzwanzig Stunden später Hiobsposten von Mannheim ein, und auf den
Gesichtern der guten Reichsstädter, besonders denen der Reichen und
höhern Beamten, las man große Bestürzung. Besonders unheimlich wurde es
nun auch denjenigen Häusern, die sich allerlei Handel mit den
französischen Assignaten erlaubt und im Verkehr mit französischen
Emigranten gestanden hatten.
[Fußnote 4: Ich habe später zu Paris einen Invaliden gekannt, der mir
erzählte, daß er damals zwölf Livres von seinem Kapitän erhalten habe,
um zu schreien: »_Nous sommes trahis!_«]
Den elften Oktober abends neun Uhr rollte eine vierspännige
Reisekalesche vor unser Haus. Man klingelte heftig an der Haustür und
kündigte meinen Oheim Scholze an, der vor den anrückenden Franzosen die
Flucht ergriffen und mit seiner Familie Schloß Niedesheim eiligst
verlassen hatte. Er und seine junge Gattin wußten viel von ihrem
Abenteuer auf der kurzen Reise und Wunderdinge von den Franzosen bis
nach Mitternacht auszukramen.
Speier und Worms hatten große Kontributionen erlegen müssen, und
außerdem hatten die Franzosen viele ganz neue Zelte für mehrere tausend
Mann in Worms vorgefunden, welche den Emigranten gehörten, die diese
gegen bares Geld versetzt hatten. Übrigens hätte Cüstine sehr strenge
Mannszucht beobachtet und einige dreißig Soldaten erschießen lassen,
unter denen ein Offizier, weil sie sich eigenmächtige Erpressungen
erlaubt hatten, einer davon sollte sogar nur eine Traube entwendet
haben. Dies klang ziemlich beruhigend für die ängstlichen Frankfurter
Gemüter. Andere Leute, die aus jener Gegend kamen, erzählten auch, daß,
wer etwas französisch spreche und sich mit den ungebetenen Gästen
einigermaßen verständigen könne, nichts von ihnen zu befürchten habe,
nur dürfe man ihnen weder das Tanzen um einen Freiheitsbaum, noch den
Ruf: »_vive la liberté!_« versagen. Sobald sie in einem Ort einrückten,
sei ihre erste Sorge, einen solchen Freiheitsbaum aufzupflanzen, diesem
eine rote Mütze aufzusetzen und dann _Ça ira_, die Carmagnole und so
weiter singend, um denselben wie besessen herumzuspringen, und daß sie
dabei jedermann, der ihnen in den Weg komme, ohne Alter, Geschlecht oder
Stand zu berücksichtigen, mit in ihre Ronde zögen. So kam es häufig, daß
in den Reihen der Soldaten der Freiheit Kaufleute, Kapuziner, alte
Weiber, ehrbare Magistratspersonen, junge Mädchen, Geistliche in ihrem
Ornat, Nonnen und Mönche von allen Farben, wie durch Oberons Horn toll
gemacht, in bunter Mischung Hand in Hand die komischsten Bockssprünge
machend, unter wildem Geschrei um die rote Mütze rasen mußten, was einen
recht belustigenden Anblick gewährte. Mein Oheim erzählte, daß er in
einem solchen Kreis einen Domherrn, zwei Freudenmädchen, ein Paar
Hofräte, eine ehrbare sechzigjährige Matrone, ein halbes Dutzend feiste
Franziskaner, ebenso viele Karmeliterinnen samt der Äbtissin und so
weiter recht vergnügt mit den Söhnen der neuen Freiheit habe
herumspringen sehen. Mancher dieser Dämchen geschah wohl auch ein
Gefallen damit, namentlich den jungen Nonnen, so zum Tanzen gezwungen zu
werden.
Die Nachricht, daß Verdun schon wieder in französische Hände gefallen
sei, machte wegen der weit näheren Vorgänge wenig Eindruck; denn mit der
schrecklichen Nachricht, daß die Franzosen vor Mainz ständen, kam fast
zu gleicher Zeit die noch weit schrecklichere, daß sich Mainz bereits
ergeben und Cüstine sein Hauptquartier daselbst aufgeschlagen habe. Dies
war den einundzwanzigsten Oktober abends vorgegangen, und schon den
folgenden Morgen, als in Frankfurt noch jedermann mit dieser
Schreckensnachricht beschäftigt war, stand plötzlich, wie durch einen
Zauber herbeigeführt, schon ein Korps von achthundert Franzosen, von dem
General Neuwinger befehligt, vor den Toren der Reichs- und Wahlstadt und
begehrte Einlaß. Diese Truppen hatten sich einstweilen vor dem
Bockenheimer Tor auf den Rasen gelagert, ihre Toilette machend, während
die Einwohner auf die Wälle geeilt waren und ihnen erstaunt zusahen.
Einige Damen hatten Türme bestiegen, ihre Neugierde an den Fremdlingen
zu befriedigen. Als nach einigem Hin- und Herparlamentieren und nachdem
der französische General der aus der Stadt an ihn gesandten Deputation
erklärt hatte, er habe einen Brief vom Obergeneral Cüstine an den
Magistrat, mit der Order, denselben nur auf dem Rathaus selbst zu
übergeben, man noch einige Schwierigkeiten machen wollte, ihn
einzulassen, kommandierte derselbe, sich gegen seine Truppen wendend:
»Kanonen vor!«, die gegen die noch aufgezogenen Brücken gerichtet
wurden. Bei diesen Worten fielen wie durch einen Zauberschlag die
Zugbrücken nieder, die Tore öffneten sich, und die Neufranken zogen mit
klingendem Spiel und dem Geschrei: »Es lebe die Freiheit!« in die Stadt
und quartierten sich bald darauf selbst zu zwei und zwei in die Häuser
ein, die ihnen anstanden oder gerade in den Wurf kamen, denn ein
Quartieramt war erst noch zu schaffen.
Mein Vater brachte auch ein Paar dieser Gäste mit heim, die ihn
angesprochen hatten, als ihn die Neugierde geplagt, die ersten
Freiheitskämpfer zu sehen.
Den ersten Abend lief noch alles so ziemlich gut ab, und die Wirte, die
sich ihren Gästen verständlich machen konnten, fanden traktable Leute in
ihnen; als aber den folgenden Morgen bekannt wurde, daß Cüstine in
seinem Schreiben eine Kontribution von zwei Millionen Gulden von der
Stadt verlangt habe, weil, wie er in demselben sagte: »der Vorschub, den
dieselbe den französischen Aristokraten geleistet, die Nation
berechtige, Frankfurt feindlich zu behandeln. Der König von Preußen und
der Kaiser haben viele Gelder in der hiesigen Stadt. Die Nation habe
ihren Feinden Rache geschworen, und er fordere zwei Millionen Gulden in
deren Namen als Vergütung des ihr zugefügten Schadens,« -- da gab es
lange und greuliche Gesichter. -- Der Senat sandte nun in seiner
Herzensangst eine Deputation an Cüstine ab, mit dem Auftrag, um einen
Nachlaß dieser Kontribution zu bitten, der ihnen in der Tat auch eine
halbe Million erließ. Hierdurch ermutigt, wurde sogleich noch eine
zweite Deputation abgeschickt, die jedoch nichts mehr herunterzuhandeln
vermochte, der der Obergeneral sehr unfreundlich begegnete und vorhielt,
daß sie Schacherjuden seien, die erst vor ein paar Monaten das Zehnfache
bei der Krönung und an den Assignaten gewonnen, und die Brandsteuer, die
er ihnen als Strafe auferlegt, nicht nach seinem Willen verteilt hätten.
-- Cüstine erließ auch sogleich eine Erklärung, in welcher er sagte:
»Bürger, als ich mich entschloß, im Namen der fränkischen Nation
Frankfurt eine Brandschatzung aufzulegen, um diejenigen zu bestrafen,
deren Anschläge die unverjährbaren Rechte der Völker zu vernichten
zielten, glaubte ich nicht, daß eure Vorsteher ihre Ungerechtigkeit so
weit treiben würden, diese Auflagen von den Dürftigen unter euch zu
erpressen. Nach den Grundpfeilern der Gerechtigkeit, die nunmehr die
Richtschnur unserer Politik ist, befehle ich dem General, den ich in
eure Mauern beorderte, das verlangte Geld nur von den Schuldigen und den
Reichen zu erheben, die ihre Gewalt und ihre Reichtümer mißbrauchen, die
Armen zu unterdrücken, und die offenbaren Feinde aller Gerechtigkeit
sind, und so weiter.