III.

Die Neufranken in Frankfurt. -- Cüstine. -- Die Kontribution. -- Die

Mainzer Revolution.

Bald nach Franzens Krönung erschien jenes berüchtigte Manifest des

Herzogs von Braunschweig, der vom Kaiser und König von Preußen den

Oberbefehl über die vereinigten Heere erhalten hatte, in dem man der

guten Stadt Paris mit einer exemplarischen Rache und gänzlicher

Vertilgung von dem Erdboden drohte, wenn sie nicht sofort zur alten

Untertänigkeit und unbedingtem Gehorsam gegen den König zurückkehren

würde, ihr jedoch in diesem Fall versprach, eine kaiserlich königliche

Verwendung bei Ludwig XVI. zugunsten der ungezogenen Pariser eintreten

zu lassen. Dieses Manifest war mit Beihilfe einiger französischer

Emigranten fabriziert worden, denen die guten Deutschen allen Glauben

schenkten, als sie versicherten, das Ganze werde nichts als eine

militärische Promenade sein, und Braunschweig riet den Offizieren, sich

nicht mit zuviel Pferden und Gepäck zu belasten, denn der Spuk werde

nicht lange dauern! -- Auch in Frankfurt glaubte man fast allgemein an

die nahe Zerstörung von Paris, und daß man bald nur noch von dessen

Ruinen sprechen würde, niemand dachte jedoch daran, daß der Ruin des

deutschen Reiches so nahe sei, nur wenige klügere Leute schüttelten hie

und da die Köpfe beim Lesen dieses komisch heroischen Manifestes.

Indessen liefen vom Heer der Verbündeten und dem Herzog von Braunschweig

die allervortrefflichsten Siegesnachrichten ein, die Preußen und

Österreicher standen bereits auf französischem Grund und Boden, nach

ihren Berichten nahm der Feind Reißaus, sobald er eine preußische oder

österreichische Uniform erblickte, und in der Tat schienen die ersten

Waffentaten solche Großsprechereien zu rechtfertigen. Das französische

Korps, welches unter General Dillon über die Grenze gegangen war, hatte

bei der ersten Charge des Feindes unter dem Geschrei: »Wir sind

verraten, wir sind verkauft!« (dieses Geschrei hatten einige königlich

gesinnte Offiziere und bestochene Soldaten absichtlich ausgestoßen, um

die Reihen zu verwirren und mit Furcht und Schrecken zu erfüllen[4]) die

Flucht ergriffen, sodann den General Dillon getötet und zu Lille in

Stücke gerissen und bei einem großen Feuer, das sie auf dem Marktplatz

anzündeten, verbrannt, indem sie schrieen, dies müsse allen Verrätern

widerfahren. Die hintereinander folgenden Eroberungen von Longwy und

Verdun durch die Preußen bestätigten die Nachrichten von dem geringen

Widerstand der Franzosen, und man machte große Wetten zu Frankfurt, daß

binnen sechs Wochen die vereinten Heere in Paris und König Ludwig

befreit und wieder in alle seine Rechte eingesetzt sein würde.

Als man nun die vereinigten Heere im besten Zug auf Paris glaubte, da

kam mit einmal die ganz unerwartete Nachricht, daß sich eine starke

französische Heeresabteilung vor dem nur vierzehn Stunden entfernten

Speier gezeigt habe. Man hatte frühere, für die Verbündeten nachteilige

Gerüchte vom Anrücken der Franzosen und so weiter als lügenhaft

ausgesprengt und böswillig erfunden erklärt. Bald aber kamen

zuverlässige Briefe und Berichte von Mannheim, die nicht mehr bezweifeln

ließen, daß die Neufranken bereits im Besitz vieler speierischer Dörfer

seien, die gebrandschatzt würden, während sie die pfälzischen

verschonten und gegen Mainz marschierten. Mit jeder Stunde lauteten die

Nachrichten jetzt ängstlicher, wobei, wie gewöhnlich, manches

übertrieben wurde. Niemand wußte dies mit der bevorstehenden Einnahme

von Paris zusammenzureimen. Die Österreicher und Kurmainzer, die in

Speier lagen, waren nach kurzer Gegenwehr geschlagen worden, hatten

sich, mehrere tausend Mann, zu Kriegsgefangenen ergeben und waren nach

Landau transportiert worden, ebenso die beträchtlichen Vorräte, welche

die Sieger in Speier vorgefunden hatten. Es hieß zwar, daß das unter dem

Obergeneral Cüstine angekommene Heer nur ein unbedeutendes Streifkorps

sei, andere Nachrichten machten es aber zu einer furchtbaren Armee von

fünfzig- oder gar hunderttausend Mann und so weiter. Diese Ungewißheiten

und sich so oft widersprechenden Nachrichten versetzten die guten

Frankfurter in keine kleine Unruhe, indessen erzählte man sich in

Frankfurt, daß das in einem Lager bei Reims stehende französische Heer

von den Preußen eingeschlossen sei und sich an den König von Preußen

habe ergeben wollen, daß dieser aber unbedingte Streckung des Gewehrs

verlangt und nur wenige Stunden Bedenkzeit gegeben habe; das Gewehr

müsse nun schon gestreckt sein und der Kurier, der die Bestätigung

überbringe, jeden Augenblick eintreffen. Statt dessen trafen jedoch

vierundzwanzig Stunden später Hiobsposten von Mannheim ein, und auf den

Gesichtern der guten Reichsstädter, besonders denen der Reichen und

höhern Beamten, las man große Bestürzung. Besonders unheimlich wurde es

nun auch denjenigen Häusern, die sich allerlei Handel mit den

französischen Assignaten erlaubt und im Verkehr mit französischen

Emigranten gestanden hatten.

[Fußnote 4: Ich habe später zu Paris einen Invaliden gekannt, der mir

erzählte, daß er damals zwölf Livres von seinem Kapitän erhalten habe,

um zu schreien: »_Nous sommes trahis!_«]

Den elften Oktober abends neun Uhr rollte eine vierspännige

Reisekalesche vor unser Haus. Man klingelte heftig an der Haustür und

kündigte meinen Oheim Scholze an, der vor den anrückenden Franzosen die

Flucht ergriffen und mit seiner Familie Schloß Niedesheim eiligst

verlassen hatte. Er und seine junge Gattin wußten viel von ihrem

Abenteuer auf der kurzen Reise und Wunderdinge von den Franzosen bis

nach Mitternacht auszukramen.

Speier und Worms hatten große Kontributionen erlegen müssen, und

außerdem hatten die Franzosen viele ganz neue Zelte für mehrere tausend

Mann in Worms vorgefunden, welche den Emigranten gehörten, die diese

gegen bares Geld versetzt hatten. Übrigens hätte Cüstine sehr strenge

Mannszucht beobachtet und einige dreißig Soldaten erschießen lassen,

unter denen ein Offizier, weil sie sich eigenmächtige Erpressungen

erlaubt hatten, einer davon sollte sogar nur eine Traube entwendet

haben. Dies klang ziemlich beruhigend für die ängstlichen Frankfurter

Gemüter. Andere Leute, die aus jener Gegend kamen, erzählten auch, daß,

wer etwas französisch spreche und sich mit den ungebetenen Gästen

einigermaßen verständigen könne, nichts von ihnen zu befürchten habe,

nur dürfe man ihnen weder das Tanzen um einen Freiheitsbaum, noch den

Ruf: »_vive la liberté!_« versagen. Sobald sie in einem Ort einrückten,

sei ihre erste Sorge, einen solchen Freiheitsbaum aufzupflanzen, diesem

eine rote Mütze aufzusetzen und dann _Ça ira_, die Carmagnole und so

weiter singend, um denselben wie besessen herumzuspringen, und daß sie

dabei jedermann, der ihnen in den Weg komme, ohne Alter, Geschlecht oder

Stand zu berücksichtigen, mit in ihre Ronde zögen. So kam es häufig, daß

in den Reihen der Soldaten der Freiheit Kaufleute, Kapuziner, alte

Weiber, ehrbare Magistratspersonen, junge Mädchen, Geistliche in ihrem

Ornat, Nonnen und Mönche von allen Farben, wie durch Oberons Horn toll

gemacht, in bunter Mischung Hand in Hand die komischsten Bockssprünge

machend, unter wildem Geschrei um die rote Mütze rasen mußten, was einen

recht belustigenden Anblick gewährte. Mein Oheim erzählte, daß er in

einem solchen Kreis einen Domherrn, zwei Freudenmädchen, ein Paar

Hofräte, eine ehrbare sechzigjährige Matrone, ein halbes Dutzend feiste

Franziskaner, ebenso viele Karmeliterinnen samt der Äbtissin und so

weiter recht vergnügt mit den Söhnen der neuen Freiheit habe

herumspringen sehen. Mancher dieser Dämchen geschah wohl auch ein

Gefallen damit, namentlich den jungen Nonnen, so zum Tanzen gezwungen zu

werden.

Die Nachricht, daß Verdun schon wieder in französische Hände gefallen

sei, machte wegen der weit näheren Vorgänge wenig Eindruck; denn mit der

schrecklichen Nachricht, daß die Franzosen vor Mainz ständen, kam fast

zu gleicher Zeit die noch weit schrecklichere, daß sich Mainz bereits

ergeben und Cüstine sein Hauptquartier daselbst aufgeschlagen habe. Dies

war den einundzwanzigsten Oktober abends vorgegangen, und schon den

folgenden Morgen, als in Frankfurt noch jedermann mit dieser

Schreckensnachricht beschäftigt war, stand plötzlich, wie durch einen

Zauber herbeigeführt, schon ein Korps von achthundert Franzosen, von dem

General Neuwinger befehligt, vor den Toren der Reichs- und Wahlstadt und

begehrte Einlaß. Diese Truppen hatten sich einstweilen vor dem

Bockenheimer Tor auf den Rasen gelagert, ihre Toilette machend, während

die Einwohner auf die Wälle geeilt waren und ihnen erstaunt zusahen.

Einige Damen hatten Türme bestiegen, ihre Neugierde an den Fremdlingen

zu befriedigen. Als nach einigem Hin- und Herparlamentieren und nachdem

der französische General der aus der Stadt an ihn gesandten Deputation

erklärt hatte, er habe einen Brief vom Obergeneral Cüstine an den

Magistrat, mit der Order, denselben nur auf dem Rathaus selbst zu

übergeben, man noch einige Schwierigkeiten machen wollte, ihn

einzulassen, kommandierte derselbe, sich gegen seine Truppen wendend:

»Kanonen vor!«, die gegen die noch aufgezogenen Brücken gerichtet

wurden. Bei diesen Worten fielen wie durch einen Zauberschlag die

Zugbrücken nieder, die Tore öffneten sich, und die Neufranken zogen mit

klingendem Spiel und dem Geschrei: »Es lebe die Freiheit!« in die Stadt

und quartierten sich bald darauf selbst zu zwei und zwei in die Häuser

ein, die ihnen anstanden oder gerade in den Wurf kamen, denn ein

Quartieramt war erst noch zu schaffen.

Mein Vater brachte auch ein Paar dieser Gäste mit heim, die ihn

angesprochen hatten, als ihn die Neugierde geplagt, die ersten

Freiheitskämpfer zu sehen.

Den ersten Abend lief noch alles so ziemlich gut ab, und die Wirte, die

sich ihren Gästen verständlich machen konnten, fanden traktable Leute in

ihnen; als aber den folgenden Morgen bekannt wurde, daß Cüstine in

seinem Schreiben eine Kontribution von zwei Millionen Gulden von der

Stadt verlangt habe, weil, wie er in demselben sagte: »der Vorschub, den

dieselbe den französischen Aristokraten geleistet, die Nation

berechtige, Frankfurt feindlich zu behandeln. Der König von Preußen und

der Kaiser haben viele Gelder in der hiesigen Stadt. Die Nation habe

ihren Feinden Rache geschworen, und er fordere zwei Millionen Gulden in

deren Namen als Vergütung des ihr zugefügten Schadens,« -- da gab es

lange und greuliche Gesichter. -- Der Senat sandte nun in seiner

Herzensangst eine Deputation an Cüstine ab, mit dem Auftrag, um einen

Nachlaß dieser Kontribution zu bitten, der ihnen in der Tat auch eine

halbe Million erließ. Hierdurch ermutigt, wurde sogleich noch eine

zweite Deputation abgeschickt, die jedoch nichts mehr herunterzuhandeln

vermochte, der der Obergeneral sehr unfreundlich begegnete und vorhielt,

daß sie Schacherjuden seien, die erst vor ein paar Monaten das Zehnfache

bei der Krönung und an den Assignaten gewonnen, und die Brandsteuer, die

er ihnen als Strafe auferlegt, nicht nach seinem Willen verteilt hätten.

-- Cüstine erließ auch sogleich eine Erklärung, in welcher er sagte:

»Bürger, als ich mich entschloß, im Namen der fränkischen Nation

Frankfurt eine Brandschatzung aufzulegen, um diejenigen zu bestrafen,

deren Anschläge die unverjährbaren Rechte der Völker zu vernichten

zielten, glaubte ich nicht, daß eure Vorsteher ihre Ungerechtigkeit so

weit treiben würden, diese Auflagen von den Dürftigen unter euch zu

erpressen. Nach den Grundpfeilern der Gerechtigkeit, die nunmehr die

Richtschnur unserer Politik ist, befehle ich dem General, den ich in

eure Mauern beorderte, das verlangte Geld nur von den Schuldigen und den

Reichen zu erheben, die ihre Gewalt und ihre Reichtümer mißbrauchen, die

Armen zu unterdrücken, und die offenbaren Feinde aller Gerechtigkeit

sind, und so weiter.

Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 1 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers · 第 8 / 25 题