II.

Kleinkinderjahre mit großen Episoden. -- Die letzte deutsche

Kaiserkrönung (Franz II.). -- Die französischen Emigranten. --

Die Frankfurter Juden. -- Der alte Rothschild und sein Vater.

Der junge Schreihals, der in so heiterer Gesellschaft getauft worden war

und dem man den Namen seines Großvaters mütterlicher Seite, des Schöffen

Weller, Karl Ferdinand, gegeben hatte, war kein anderer als der, welcher

diese Denkschriften niederschrieb, das heißt, ich selbst, und die im

vorhergehenden Kapitel mitgeteilten Begebenheiten hörte ich wohl

hundertmal von meinen Verwandten als gewaltige Merkwürdigkeiten

erzählen.

In dem verhängnisvollen Jahr siebzehnhundertneunundachtzig geboren, wäre

es kein Wunder, wenn ich ein rechter Revolutionsmensch geworden wäre,

doch mein guter Stern hat mich vor so heillosen Gedanken bewahrt.

Das erste Ereignis von Wichtigkeit, das mir noch aus meiner frühen

Kindheit, wenn auch in etwas verworrenen Bildern, vorschwebt, ist die

letzte deutsche Kaiserkrönung. Obgleich ich damals noch nicht vier Jahre

zählte, sind mir doch mehrere Einzelheiten jener Begebenheit, die einen

besonders lebhaften Eindruck auf mich machten, vollkommen im Gedächtnis

geblieben.

Es gehört nicht hierher, eine ausführliche Beschreibung der damaligen

Krönungsfeierlichkeiten zu geben, wer eine solche wünscht, findet sie ja

ausführlich und langweilig genug in den Krönungs-Diarien, auch hat sie

Goethe in »Dichtung und Wahrheit« anschaulich beschrieben; hier also nur

das Hauptsächlichste und Interessanteste von der letzten deutschen

Kaiserkrönung.

Die Unruhen und die trüben Aussichten auf den bereits erklärten Krieg,

eine Folge der französischen Revolution (der Landgraf von Hessen-Kassel

hatte zum Schutz der Krönung ein Lager von zehntausend Mann bei Bergen

aufgeschlagen), waren Ursache, daß die Wahl- und Krönungszeremonien bei

weitem nicht mehr mit den bedächtigen und großen Weitläufigkeiten, wie

das bei den früheren Krönungen der Fall war, vorgenommen wurden, auch

hatten sich zum großen Leidwesen der edlen Bürgerschaft weit weniger

Fremde von Rang und Reichtum als sonsten eingefunden. Man beeilte sich,

die Sache so schnell als möglich zu beendigen, als fürchtete man, das

aufrührerische Frankreich möchte sonst den guten Deutschen den ganzen

Spaß verderben. Viele Dutzend der damaligen deutschen Souveränchen

blieben aus, und von den Kurfürsten hatten sich nur die geistlichen

Herren eingefunden. Das Leben und Treiben in den Straßen und auf den

öffentlichen Plätzen war indessen immer noch lebhaft und tumultuarisch

genug, das Zusammenströmen der Bewohner der Umgegend außerordentlich,

und dazu kamen fortdauernd starke Durchmärsche österreichischer und

preußischer Truppen, die sich nach der Grenze von Frankreich begaben. In

den Familien, Gasthöfen und Weinstuben sprach man zwar viel von der

bevorstehenden Krönung, allein die täglich von Paris kommenden

hochwichtigen Nachrichten machten, daß man sie fast nur als eine

Nebensache betrachtete. Eine gewisse Ängstlichkeit hatte sich der

aristokratischen Gemüter der Reichen der Stadt bemächtigt, welche ihnen

die bevorstehenden Feierlichkeiten und Freudenfeste sehr verbitterte.

Die Meinungen der Bewohner Frankfurts über die französische Revolution

waren zwar sehr verschieden, doch waren im allgemeinen die Patrizier und

wohlhabenden Spießbürger der guten Reichsstadt bis zu den geringern

Ständen herab gegen dieselbe eingenommen, nur einzelne Familienglieder,

unter denen viele Frauen, waren zum Teil enthusiastisch für diese

Umwälzung und für die neue Freiheit. So waren in unserer ganzen Familie

meine Mutter, deren beide Brüder Franz und Fritz und eine hübsche

Cousine, Jakobine Fahrtrapp, die einzigen, welche sich für die

Neufranken erklärten und die französischen Revolutionslieder >_Ça ira_<

und so weiter am Klavier spielten und sangen, was oft zu Neckereien

Veranlassung gab, die selten ohne Bitterkeiten abliefen. Obgleich mein

Vater die Notwendigkeit einsah, den heillosen Zustand der fast in

Sklaverei schmachtenden Völker zu verbessern, und zugab, daß es endlich

an der Zeit sei, einmal den Plunder veralteter Schnurrpfeifereien und

Vorurteile auf die Seite zu schaffen und die jedem Menschen zustehenden

Rechte geltend zu machen, so war er doch durchaus gegen jede gewaltsame

blutige Umwälzung, die meistens das Übel nur verschlimmert, und wollte

alles nur durch heilsame Reformen bewirkt wissen. In vielen Häusern

Frankfurts war es so, das Ansehen des Oberhaupts reichte nicht immer

aus, um den Hausfrieden zu erhalten, und häufig fanden unangenehme

Auftritte deshalb statt.

Indessen waren die fürtrefflichen Herren Wahlbotschafter samt ihrem

zahlreichen Gefolge nach und nach in der alten Wahl- und Krönungsstadt

eingetroffen und durch die Deputationen eines hochedlen Magistrats

untertänigst und krummrückig genug bekomplimentiert und empfangen

worden, ebenso des Reichs Erbmarschall Graf von Pappenheim Exzellenz.

Die üblichen feierlichen Auffahrten fanden statt, die Wahlkonferenzen

begannen, und nachdem die Staatswagen und Pferde des _nolens volens_ zu

wählenden Kaisers angekommen, wurde unter Trompetenschall verkündet, daß

die Wahl, bei der man keine Wahl mehr hatte, vor sich gehen würde.

Einige Tage vorher legte die ehrsame Bürgerschaft sowie der ganze

Magistrat in Gegenwart der fürtrefflichen, höchst ansehnlichen Herren

Wahlbotschafter den Schwur und Sicherheitseid mit der gebührenden Demut

ab, und die Herren Kurfürsten, von denen nur die von Mainz, Köln und

Trier in höchst eigener Person gekommen waren, hielten ihre Einzüge in

sechsspännigen Galawagen unter dem Donner der Kanonen, wie dies so

gebräuchlich, und der Paradierung der edlen Bürgerschaft. Auch sie

wurden von einer Senatsdeputation mit untertänigstem Respekt

bewillkommt. Endlich verkündeten den fünften Juli, nachdem die Glocken

schon eine Weile die Mittagsstunde angezeigt, dreihundert

Kanonenschüsse, daß das schwere Werk der Wahl vollbracht und Seine

Majestät der König von Ungarn und Böhmen unter dem Namen Franz II. zum

Schutz und Schirm und Vermehrer des Reichs erwählt sei, das er jedoch

weder zu schützen noch zu schirmen und am allerwenigsten zu vermehren

vermochte. Zwei Tage darauf trafen auch die Reichsinsignien glücklich

und wohlbehalten von Aachen und Nürnberg ein, unter denen die

Reichskrone, die angeblich noch vom großen Karl herrühren sollte, sowie

dessen Schwert, ein Kästchen, in welchem sich Erde, mit dem Blut des

heiligen Stephan getränkt, befindet und so weiter. Diese kostbaren

Reliquien wurden von einer Magistratsperson an der Spitze der

bürgerlichen Reiterei in Empfang genommen. Den elften Juli abends kam

der Erwählte selbst nebst seiner Gemahlin und hohem Gefolge in Frankfurt

an und wurde vom guten Volk wie herkömmlich mit erstaunlichem Jubel

empfangen, ungeachtet er im strengsten Inkognito angekommen sein wollte.

Den folgenden Tag verfügte sich ein hochedler Magistrat _in corpore_ zu

Seiner Majestät und bezeugte Allershöchstderselben das Entzücken, in

welches die getreue Wahlstadt ob seiner glücklichen Ankunft geraten sei.

Hierauf beschwor Franz, auch unter dem Akkompagnement von hundert

Kanonenschüssen und der Glocken, die Wahlkapitulation in der St.

Bartholomäuskirche und schenkte dem Reichserbmarschall, Grafen von

Pappenheim, eine kostbare, goldene, reich mit Brillanten besetzte Dose,

deren Wert man auf zwanzigtausend Gulden schätzte. Derselbe war Seiner

Majestät entgegengeritten, ihr die glücklich vollbrachte Wahl zu

verkünden. Diese Dose mußte später Hebräisch lernen und fiel in oder

ging vielmehr durch die Hände des Juden Mayer Amschel Rothschild, Vater

der jetzigen Häuser Rothschild, der ein ziemliches Profitchen an diesem

Kleinod machte und so in den Stand gesetzt wurde, seinen kleinen Negoz

mit Umwechseln verschiedener Geldsorten und mit alten Gold- und

Silbersorten, die er einhandelte, zu erweitern.

Während nun rasch die Vorbereitungen zur Krönung des neuen Kaisers

gemacht wurden, marschierten unaufhörlich preußische Truppen durch die

Stadt, in der Absicht, eine Promenade nach Paris zu machen, um den armen

Ludwig XVI. aus den Händen der abscheulichen Jakobiner zu befreien, was,

wie man die guten Leute versichert hatte, nur ein Kinderspiel sein

sollte.

Endlich brach der Morgen des zur Krönung bestimmten und ersehnten Tages,

der vierzehnte Juli siebzehnhundertzweiundneunzig, an, der Jahrestag, an

dem drei Jahre früher das Pariser Volk die Bastille erstürmt hatte.

Mehrere schwachköpfige Aristokraten hatten sich stark gegen die Wahl

dieses Tages erklärt und behauptet, daß er von einer schlimmen

Vorbedeutung für das heilige römische Reich sein könnte, und diesmal

hatten diese Unglückspropheten recht, dagegen hatten aber andere

starksinnige Geister eingewendet, man müsse dem Volk gerade zeigen, daß

man sich nicht fürchte, und ihm zum Trotz diesen Tag wählen, und diese

Meinung drang durch.

Kaum fing der Tag zu grauen an, als in Häusern und Straßen auch alles

lebendig wurde, und das Gedränge nahm nun von Minute zu Minute zu. Unter

dem unaufhörlichen Geläute aller Glocken versammelte sich die

buntgekleidete und bewaffnete Bürgerschaft aller vierzehn Quartiere und

verfügte sich gehorsam an die ihr zur Aufrechthaltung der Ordnung

angewiesenen Plätze, die meisten von ihren Weibern, Kindern und

Schwestern begleitet, die da hofften, durch die Protektion der Väter,

Gatten und Brüder ihre Schaulust besser befriedigen zu können.

Das Haus meiner Eltern, unser Schiff, lag glücklicherweise in einer der

Hauptstraßen, der alten Fahrgasse, durch welche sich der Krönungszug

bewegte. Um zehn Uhr kam er denn auch an unserm Haus vorüber, dessen

Fenster mit Bekannten und Verwandten bis in das fünfzehnte Glied

garniert waren, denn bei solchen Gelegenheiten entsinnen sich auch die

vergeßlichsten Vettern und Muhmen der alten Verwandtschaft, und alle

Bekannten werden zu intimen Freunden. Mein Vater hatte außerdem auch,

dem Beispiel anderer Hauseigentümer folgend, noch Brettergerüste für die

Zuschauer vor seiner Wohnung aufschlagen lassen. Unter beständigem

Läuten und Schießen nahte der Zug. Fürsten und Reichsgrafen eröffneten

ihn, diesen folgte der Wappenkönig mit den Herolden zu Pferd, sodann

kamen die Wahlbotschafter nach ihrem Rang, einer hinter dem andern

geritten. Ihnen folgten ebenfalls zu Pferde und in spanischen Mänteln

der Reichserbschatzmeister mit der Krone, der Reichskämmerer mit dem

Zepter, der Reichserbtruchseß mit dem Reichsapfel auf Kissen von rotem

Sammet, sodann der Reichserbschenk und der Reichserbmarschall mit dem

Schwert, alle zum letztenmal ihre Funktionen verrichtend. Endlich kam

der Kaiser unter einem Baldachin von gelbem Damast, auf dem der

österreichische Doppeladler gestickt war, reitend. Zehn hochweise

Magistratspersonen eines edlen Rats, sie hatten schön gepuderte Perücken

mit Haarbeuteln, trugen die Last des wandernden Baldachins mit

entblößtem Haupt. Als der Kaiser in die Nähe unserer Wohnung gekommen

war, da insinuierte mir meine schöne Tante Scholze, die ebenfalls von

Niedesheim gekommen war, der seltenen Feierlichkeit beizuwohnen, mich im

Arm haltend, jetzt müsse ich Vivat schreien, und ich schrie mit den

andern aus vollem Hals mein »Vivat Franziskus!«, und zwar so lange, als

ich den Gegenstand sah, dem es galt. Dieser Augenblick und eine Szene

auf dem Römerberg ist es, was ich mir noch am lebhaftesten von jenem

Ereignis vorstellen kann. Indessen hatte trotz allem Vivatrufen die

ganze Zeremonie einen etwas sehr düsteren Anstrich, und ein gewaltiger

Platzregen, der fiel, ehe der Kaiser noch den Dom erreicht hatte,

durchnäßte den ganzen Zug bis auf die Haut. -- Es gab Leute, die damals

prophezeiten, dies sei der Leichenzug des heiligen römischen Reichs --

und auch diese Propheten hatten wahrgesagt. Um ein Uhr war endlich die

Krönungsfeierlichkeit vorüber, und der Zug begab sich aus dem Dom in den

Römer und schritt über rotes, gelbes und weißes Tuch, womit die Straßen

belegt waren, durch die er kam. Der Gekrönte hatte jetzt die schwere

Reichskrone auf dem Haupte und war mit dem kaiserlichen Pontifikalium

bekleidet, er ging nun zu Fuß und hielt in der einen Hand das Zepter und

in der andern den Reichsapfel. Das kurfürstliche Trifolium hielt die

Zipfel seines Mantels, und kaiserliche und kurfürstliche Garden machten

den Beschluß. Kaum war der letzte Mann derselben vorüber, so fiel das

gute Volk über das ihm preisgegebene Tuch her und riß es in Stücke. Der

schließende Offizier mußte beständig rückwärts wie ein Krebs marschieren

und mit seinem Degen abwehren, wollte er nicht, daß er und vielleicht

die ganze Prozession von denen, welche das Tuch abrissen und

abschnitten, über den Haufen geworfen würde.

Während die Salbung und die andern Verrichtungen im Dom vorgingen, hatte

mich mein Vater mit auf den Römerberg genommen, und ich wurde daselbst

durch Vergünstigung eines bürgerlichen Kapitäns, der unser Haus mit

gutem Ochsenfleisch versorgte, auf eine von Trommeln errichtete Pyramide

gesetzt, von welcher Höhe herab ich das Gewühl der Menge, die bretterne

Hütte, in welcher der mit Geflügel, Hasen und Spanferkeln gespickte

Ochse gebraten wurde, und den Springbrunnen mit dem doppelten Adler, aus

dem sehr christlich getaufter roter und weißer Wein sprang, wohl

übersehen konnte. Als sich jedoch der aus der Kirche kommende Zug

näherte und die Tambours nach ihren Trommeln griffen, mußte ich meinen

hohen Standpunkt verlassen und würde schwerlich die weiteren Zeremonien

gesehen haben, wenn sich nicht wieder eine Dame, und zwar die Frau

Oberst Schulter, Goethes Tante, die wir schon bei der Taufe kennen

lernten, meiner angenommen hätte. Die gute Frau befand sich nämlich in

einem auf dem Römerberg gelegenen uralten Haus, welches wegen dem

reichen und künstlichen Schnitzwerk, mit dem seine ganze Fassade

verziert ist, eine der Merkwürdigkeiten Frankfurts ausmacht, hatte mich

bemerkt und ließ mich zu sich in den zweiten Stock dieses Hauses holen,

von wo ich nun abermals den ganzen Zug von dem gegenüberliegenden Markt

ankommen sah. Dafür mußte ich aber auch meine Lunge wieder gehörig mit

Vivats anstrengen, als sich Franz dem Römer näherte. Schon von weitem

begrüßte ihn hier die Kaiserin und der Erzherzog von einem Balkon des

Hauses Limburg. -- Ich sah nun zu meiner Freude recht gemächlich, wie

sich das gute Volk um den Hafer balgte, nachdem der Reichserbmarschall

dem Kaiser ein silbernes Maß voll davon vorgehalten und wieder

ausgeschüttet hatte, wie der Reichstruchseß ein Stück von dem gebratenen

Ochsen samt einem Spanferkel in einer vergoldeten Schüssel für die

kaiserliche Tafel empfing, worauf der Überrest des Tieres von der

kräftigen und ehrsamen Zunft der Fleischer, jedoch nicht ohne harten

Kampf erbeutet wurde; wie der Reichserbschatzmeister keinen Platz-,

sondern einen etwas dünngesäten Gold- und Silberregen um sich her

verbreitete, den zu empfangen tausend Hände sich in die Lüfte erhoben,

sodann die als Gold- und Silbermünzen auf den Boden fallenden Tropfen

aufsuchten und sich darum ebenso sehr, wie endlich noch um den leeren

Beutel rissen. Auch ein Wagen voll weißes Brot wurde unter das wilde

Volk geworfen, wonach es jedoch weniger gierig haschte als nach einem

Becher Wein von dem einzigen Brunnen, der solchen lieferte. Indessen

speisten Seine Majestät Franz II. mit echt österreichischem Appetit in

dem Kaisersaal auf dem Römer, was nach den gehabten Fatiguen sehr

natürlich war, ebenso die Herren Kurfürsten, die an besondern Tafeln

schmausten und von denen der geistliche Herr von Köln, seines

stattlichen Bauches wegen, eine wahre Kuriosität war. -- Es wurde auch

nicht vergessen, auf die Gesundheit des neuen Oberhaupts Deutschlands

gehörig zu trinken, und die Vivats und der Kanonendonner erschütterten

das glückliche Frankfurt in seinen Grundfesten. Daß bei einbrechender

Nacht große Illumination und allerlei Feuerwerk war, versteht sich von

selbst. Der Fürst Esterhazy, der in der ganzen Stadt kein Haus gefunden

hätte, dessen Fassade würdig gewesen wäre, mit der von ihm projektierten

Illumination zu prangen, ließ zu diesem Zweck ein besonderes von

Brettern und gemalter Leinwand auf dem Roßmarkt erbauen und setzte die

guten Frankfurter dadurch in Erstaunen und Verwunderung.

Den folgenden Tag schwuren Magistrat und Bürgerschaft, dem neuen

Herrscher treu, hold und gewärtig zu sein, und leisteten den

Huldigungseid, den Seine Majestät auf einem mit rotem Tuch behangenen

Balkon und einen mit Imperialfedern geschmückten Hut auf dem Haupt,

unter einem Baldachin allergnädigst anzunehmen geruhten.

Trotz dem Verbot hatten sich dennoch mehrere von den in Koblenz ein

wüstes Leben führenden französischen Emigranten bei der

Krönungsfeierlichkeit in Frankfurt eingeschmuggelt, namentlich auch die

Mätressen des Grafen Artois (nachherigem Karl X.), deren er ein halbes

Dutzend mit von Paris gebracht hatte. Er selbst fuhr in einer

illuminierten Gondel mit Musik bei Nacht auf dem Main und durch die

Bogen der Brücke mit diesen Damen. Die sauberen Herren führten in

Koblenz ein wahres Luderleben, der Kurfürst von Trier war nicht mehr

Herr in seinem Lande, und dabei benahmen sie sich auf das

unverschämteste. Der beste Wein aus den kurfürstlichen Kellern war ihnen

kaum gut genug, um sich mit ihren Mätressen darinnen -- zu baden! und

selbst die Kammerjungfern dieser Weiber besudelten die kurfürstlichen

Gerätschaften auf das frechste. Dieser französische Adel, der hier ein

Frankreich außerhalb Frankreichs bilden wollte, erlaubte sich die

größten Ungezogenheiten und sogar Mißhandlungen gegen die Einwohner des

Landes, wo er so großmütig und gastfreundlich aufgenommen worden war,

und mit Klagen gegen diese Herren war nichts auszurichten. Nichts war

ihnen gut genug, nicht selten warfen sie die Schüsseln mit den Speisen

den sie darbringenden Dienern an den Kopf, indem sie sagten, dies wäre

Kost für deutsche Schweine, aber nicht für französische Seigneurs. Sie

mißbrauchten die deutsche Gutmütigkeit auf das schändlichste, sich alles

erlaubend, und doch waren es Almosen, die man ihnen reichte, denn man

war ihnen nichts schuldig. Sie waren meistens gratis logiert und ebenso

genährt. Sie nannten sich nur den Hof, hielten ein paar Dutzend

französische Köche und gebrauchten fünftausend Livres täglich, welche

ihnen deutsche Dummheit lieferte, ohne das Fleisch, Brot, Wein und

Gemüse zu rechnen, das man ihnen schenkte. -- Ein gewisser Dominique,

damals allmächtiger Minister des sonst eben nicht freigebigen Kurfürsten

Clemens von Trier, war es, der ihnen so zu hausen gestattete und die

Mittel dazu verschaffte. Aber diese Herren waren auch lauter Dücs,

Marquis, Grafen, Vicomtes, Barone und Chevaliers d'Industrie. Besser

hatte es der Kurfürst von Köln verstanden, sie sich vom Leibe zu halten,

er warf ihnen einen Zehrpfennig hin, den sie auch gütigst anzunehmen

geruhten, und schickte sie weiter. Schnell hatte sich aber auch das

Mitleid und die Teilnahme, die man anfänglich für sie fühlte, in Abscheu

und Verachtung verwandelt. Dazu kamen noch ihre ebenso lächerlichen als

nichtigen Großsprechereien und das jämmerliche Aussehen dieser an Leib

und Seele gleich ausgemergelten Helden, welche Mühe hatten, die großen

Säbel zu schleppen, an die sie sich gebunden. Wenn man sie hörte, so war

ihre Rückkehr nach Paris nichts als eine Reihe von Triumphen, die damit

endigen würden, daß sie all die bürgerlichen Kanaillen hängen ließen,

die sich unterstanden, einer hochadeligen Tyrannei ein Ende zu machen.

»Werden wir uns diesen Winter zu Paris sehen?« fragte einer den andern

und erhielt zur Antwort: »das versteht sich,« oder: »_je ne vois point

d'inconvenient_,« und begab sich einer von ihnen in eine andere Stadt,

so nahm er mit den Worten: »Auf Wiedersehen zu Paris!« von den übrigen

Abschied. -- Sie sollten jedoch bald für ihre Missetaten und für ihren

Übermut schrecklich gezüchtigt und der Spott der deutschen Bauern

werden, und zeigten sich dann sehr dankbar, wenn man ihnen eine

Brotrinde zuwarf.

Mehrere dieser Herren, welche zu ihrer Zerstreuung oder Geschäfte halber

nach Frankfurt gekommen waren, wußten sich daselbst durch einige

Bankiers und namentlich vermittelst gewinnsüchtiger Juden nicht

unbedeutende Summen zu verschaffen, indem sie ungeheure Zinsen

verschrieben und außerdem noch große Belohnungen versprachen, sobald sie

wieder in ihre Güter und Rechte eingesetzt sein würden, woran damals

fast niemand in Frankfurt zweifelte, und was man sehr nahe glaubte, da

man so viele stattliche Truppen nach der französischen Grenze

marschieren sah. Die Wucherer ließen sich dadurch blenden und schossen

die verlangten Gelder vor. -- Außerdem hatte man in Frankfurt viele

falsche Assignaten in Umlauf gesetzt, deren Ursprung, als die Sache

entdeckt war, man jedoch nicht erforschen konnte. Dies alles sowie die

Gefälligkeit der Wucherer sollte die Stadt teuer bezahlen, wozu noch

kam, daß auch die Frankfurter Zeitungen so unklug waren, sich sehr

unvorsichtig gegen die neue Ordnung der Dinge in Frankreich und gegen

das französische Volk auszusprechen, woran der Magistrat sie nicht nur

nicht hinderte, sondern sein Wohlgefallen zu haben schien.

Auch der Judenschaft in Frankfurt wurde die hohe Gnade zuteil, dem

kaiserlichen Ehepaar Geschenke zu machen und durch eine Deputation

untertänigst huldigen zu dürfen, jedoch nahm ihnen diese Huldigung ein

kaiserlicher Hofrat im Namen seines Herrn ab und versprach ihnen in

demselben Namen Schutz und Gunst, weshalb die guten Hebräer eine große

Freude hatten und ihre Augen von Tränen glänzten.

Dies war kein Wunder, denn die armen Juden waren damals zu Frankfurt

wirklich in einer höchst bedrängten Lage und bedurften allerdings eines

mächtigen Schutzes; sie wurden fortgesetzt von den intoleranten Christen

mißhandelt, gegen die sie sich freilich auch gar manchen Betrug und

Spitzbübereien erlaubten. Jeden Augenblick war der Senat genötigt,

Verordnungen zu erlassen, in denen er bekannt machte, daß in Zukunft

diejenigen, welche sich Mißhandlungen gegen die Juden erlaubten oder sie

prügelten, auf das strengste bestraft werden sollten. Aber ungeachtet

dieser Drohungen wagte man es nicht, die Schuldigen zu bestrafen, und

die Juden wurden nach wie vor auf alle Weise mißhandelt. Sie waren

damals gezwungen, ohne Ausnahme ihr jeden Abend geschlossenes Quartier

zu bewohnen, das fast nur aus einer einzigen, ziemlich langen, aber sehr

engen Straße bestand, in welcher an achttausend Seelen hausten, die

jeden Tag bei einbrechender Nacht sowie an allen Sonntagen und sonstigen

christlichen Feiertagen eingesperrt wurden. Die Luft in diesem Stadtteil

war daher verpestet, und wehe dem armen Juden, den man nach

Sonnenuntergang noch in den übrigen Straßen Frankfurts getroffen hätte.

Zu keiner Zeit durften sich diese Unglücklichen in den öffentlichen

Spaziergängen der Stadt und auf gewissen Plätzen, wie dem Römerberg und

so weiter, blicken lassen, der Pöbel würde sie halbtot geschlagen haben.

Sah man an Sonn- oder Feiertagen durch die Ritzen der geschlossenen Tore

des Judenquartiers, so stellte sich den Blicken ein scheußliches

Schauspiel dar. Die Straße wimmelte von unsauberen, ekelhaften Menschen,

die kaum Platz genug hatten, sich von der Stelle zu bewegen, und aus

jedem Fenster bis zu den Dachluken der ziemlich hohen Häuser ragte Kopf

über Kopf heraus und schien nach verdorbener und stinkender Luft zu

schnappen. Diese braun und schwarz geräucherten Häuser gewährten einen

grausigen Anblick und waren wahre mit Schmutz angefüllte Kloaken. Die

Juden waren gezwungen, kleine Mäntel mit einem gelben Läppchen zu

tragen, damit man sie schon von weitem als solche erkennen konnte, sie

hatten sämtlich ein höchst elendes, kränkliches Aussehen, eine

braungelbliche Hautfarbe, und waren fast alle mit ekelhaften Krankheiten

und mit der Krätze behaftet, die natürlichen Folgen dieses Einsperrens

in ungesunder Luft. Auch während der Krönungsfeierlichkeiten durfte kein

Jude sein Quartier verlassen ohne eine besondere Erlaubnis des

Magistrats, und selbst mit einer solchen konnten sie sich nicht unter

die Masse des Volks wagen, das sie erdrückt haben würde. Der alte

Rothschild hatte durch Vermittlung meines Großvaters, da er durch meinen

Vater empfohlen war, eine solche Erlaubnis am Krönungstag Franz II.

erhalten, und er sah dem Krönungszug aus einem Dachfenster unseres

Hauses zu; noch andere Juden mußten sich begnügen, aus den Kellerlöchern

wenigstens die Beine der vorüberziehenden Herrschaften betrachten zu

können. Rothschild war ziemlich gut in unserm Hause angeschrieben, er

kam in der Regel jeden Montag auf das Kontor meines Vaters, wo er kleine

Geschäfte, namentlich mit Auswechseln von Münzsorten, besonders Dukaten

und anderm Gold machte. Man bot ihm einen Stuhl an und nötigte ihn zum

Sitzen, eine Ehre, die ihm nicht leicht in andern Häusern widerfuhr und

die er hoch anschlug; auch verehrte er mir eines Tages, als er gerade

durch meinen Vater ein gutes Geschäftchen gemacht, ein kleines

Goldstückchen, etwa einen Gulden an Wert. Der Vater dieses Amschel war

früher ein gewöhnlicher Schacherjude gewesen, der mit dem Zwerchsack auf

der Schulter in den Straßen Frankfurts mit dem bekannten Ausruf: »Hahnt

er was zu hahnle« (habt ihr was zu handeln) vom Morgen bis zum Abend

herumstrich, während dessen Frau ebenfalls mit einem großen Sack, aber

mit einer goldgestickten Haube, wie sie früher die Judenweiber in

Frankfurt trugen, in die Häuser der christlichen Bürger ging, mit deren

Frauen schacherte und ihnen alte Kleider, Borden und so weiter

abhandelte. Ich entsinne mich, diese Frau öfters bei meiner Großmutter

ihren Sack voll der seltenartigsten Dinge ausschütteln gesehen zu haben.

Dies waren die Großeltern der jetzigen Barone Rothschild.

Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 1 Hinterlassene Papiere eines französisch-deutschen Offiziers · 第 7 / 25 题