Frau von Ottersleben war so wenig gealtert wie ihr Mann -- eine große,

blonde, hausmütterliche und hausbackene Exzellenz mit den frischen

Wangen und dem glatten Scheitel einer ländlichen Pfarrersfrau. Ihre

beiden Söhne von der Garde-Infanterie, Günter und Busso, waren aus

der fernen Kaserne zu einem Nachmittagsbesuch gekommen und eben im

Begriff, sich zu verabschieden. Otto von Ottersleben schloß sich

ihnen an. Er hatte die beiden jungen Leutnants lange nicht gesehen.

Nachdenklich schritt er zwischen ihnen auf der Straße und hörte den

Vettern zu. Der eine, der ältere, büffelte schon fleißig auf die

Kriegsakademie hin ... Man mußte sich beizeiten heranhalten bei dem

schlechten Friedensavancement! Der andere hatte sich mit Einwilligung

des Vaters zum Dienst nach Südwestafrika gemeldet, um einmal

ordentlich Feldsoldat zu sein. Beide machten einen straffen, festen

Eindruck. Sie wußten genau, was sie wollten. Und Otto von Ottersleben

konnte sich nicht helfen: Wieder beschlich ihn, zwischen diesen

Grünschnäbeln, ein sonderbares Gefühl der eigenen Zwecklosigkeit, und

in seinem Ohr klang es wie aus weiter Ferne: ›Erstes Geschütz: Feuer!‹

Die Leutnants begleiteten ihn zu Maximiliane, um da auch ihre

Geburtstagsaufwartung zu machen. Die Zimmer der verwitweten Exzellenz

waren voll von Blumen und voll von Menschen. Es war ein Gedränge und

Gelächter um den Geburtstagstisch mit seinen einunddreißig Lichtern,

ein Kommen und Gehen. Die beiden Leutnants hörten, während sie

vorgestellt wurden, klangvolle Namen, Titel und Würden. Die junge

Witwe hatte sich in Berlin einen hübschen Kreis geschaffen. Sie war,

so ungezwungen und einfach sie sich auch bewegte, immer noch in

jedem Salon der Mittelpunkt, wie einst an der Spitze der Division.

Man räumte es ihr als etwas Selbstverständliches ein, so wie sie mit

ihrem hohen, schlanken Wuchs die meisten anderen Damen überragte. Sie

war etwas blaß, aber heiter. Busso von Ottersleben beugte sich über

ihre Hand und murmelte ernst: »Maxe ... du wirst immer noch alle Tage

schöner! Wo soll denn das hinaus?«

Sie entzog dem Schwerenöter ihre Rechte.

»Busso -- das ist 'ne gräßliche Art! Schrecklich, wenn sich ein Mensch

dümmer anstellt, als er ist! Weißt du denn gar nichts Besseres?«

»Ich?« Der junge Krieger richtete sich auf und wurde stolz. »Ich

weiß wohl, was ich tu'! Ich geh' doch nach Südwest! ... Es ist schon

entschieden!«

Das Wort Südwest zündete. Die Umstehenden traten interessiert hinzu.

Eine alte Dame klagte: »Ach Gott ... die Schutztruppe! ... Wieviel

Herren haben wir da schon gelassen!«

»Dazu sind wir da, gnädige Frau!«

Und ein alter General nickte.

»Nur immer 'raus! Ist den jungen Leuten sehr gesund!«

»Nicht wahr?« meinte der angehende Schutztruppler eifrig. »Das hab'

ich mir eben auch gesagt! ... Wenn ich nur zum Beispiel an den Erich

Logow denke! In was für 'ner Verfassung ist der vor drei Jahren

hinüber nach Chile! Und nun wieder so famos zurück! ... Gesund ...

Fidel ... Wieder im Großen Generalstab ... in allem tiptop ... Findest

du nicht auch, Maxe?«

»Ich weiß nicht. Ich hab' ihn noch nicht gesehen!«

»Wieso? Er ist doch schon seit drei Wochen in Berlin!«

»Aber bei mir war er nicht!«

»Komisch! Hat dir Ulla nicht verraten, warum?«

»Ulla war auch noch nicht da!«

»Hört mal, Kinder: ihr seid aber merkwürdig! Da würde ich doch an

deiner Stelle einmal ...«

Maximiliane von Glümke schnitt ihm das Wort ab.

»Laß sie doch machen, was sie wollen! Ich lass' mir keine grauen Haare

drüber wachsen. Hast du schon Peters Braut guten Tag gesagt?«

Der kleine Grenadier, Maxes jüngster Bruder, war aus seiner

schlesischen Garnison mit seiner künftigen Frau und ihrer Mutter

herübergekommen. Die kleine Gräfin war ein niedliches Ding, mit rundem

Stupsgesicht und großen Kinderaugen. Sie und ihr Verlobter saßen Hand

in Hand. In acht Wochen sollte auf dem elterlichen Schloß die Hochzeit

sein. Jetzt eben wurde in Berlin die bescheidene Aussteuer besorgt,

und Edith Spalck, die Braut, sprang plötzlich stürmisch empor und

faßte die Hausfrau um die Taille.

»Also, Maxe ... du kommst mindestens acht Tage vorher zu uns hinüber!

Du mußt's mir versprechen! Du hast doch sonst nichts zu tun!«

Die junge Exzellenz lächelte. Es lag einen Augenblick ein

schmerzlicher Schatten auf ihrem schönen Gesicht.

»Da hast du recht, Edith!« sagte sie. »Ich weiß wirklich nicht, wozu

ich auf der Welt bin! Was bringen Sie da, Minna?«

»Eine Depesche, Exzellenz!«

Sie war aus Darmstadt, von der Mutter: »Tausend Glückwünsche und

herzliche Grüße an Dich und die anderen Kinder und die liebe Edith und

den guten Erich! Eure alte Mama.«

»Danke schön!« versetzte die kleine Gräfin Spalck, die vor wenigen

Wochen erst als Braut in den Familienkreis getreten war und noch nicht

mit allen Zweigen der Verwandtschaft Bescheid wußte. »Aber wer ist

denn Erich?«

Maximiliane von Glümkes Züge blieben unverändert.

»Erich ist mein Schwager Logow!« sagte sie. »Aber wie du siehst, ist

er nicht hier, und so kann ich ihm die Grüße nicht bestellen! ...

Guten Tag, Onkel! ... O, die schönen Blumen!«

Der Oberstleutnant a. D. Herr Wilderich von Koninck, der in der

geöffneten Flügeltür erschien, hatte etwas Feierliches an sich. Er war

Bräutigam auf seine alten Tage. Neben ihm wandelte seine Erwählte.

Groß, blond, von stattlichen, frauenhaften Formen, nicht mehr jung,

nicht mehr hübsch, aber sehr energisch. Sie wurde den Damen als

Fräulein von Hornschuh vorgestellt. Hinter ihr machten die Leutnants

vergnügte Gesichter, und Busso murmelte: »Na ... der Olle steckt fest

im Eisen!«

Herr von Koninck setzte sich mit seinem Brigittchen -- so nannte er

die strenge, die Länge eines Potsdamer Flügelmanns erreichende Braut

-- neben Maximiliane und erzählte ihr seine Zukunftspläne, und daß

sie in Anbetracht der Sandwege auf ihrem märkischen Gut kein Auto

anschaffen, sondern bei den ollen ehrlichen Gäulen bleiben würden,

und von der anderen Seite berichtete ihr ihr Bruder Otto von den

Feindseligkeiten, die der Schwiegervater plötzlich aus heiterem Himmel

eröffnet. Und die junge Witwe hörte zerstreut zu und nickte, den Kopf

müde von den vielen Geburtstagsbesuchen, die sich jetzt allmählich

verloren. Es wurde leerer in dem kleinen, blumengeschmückten Zimmer.

Auch die alte Gräfin Spalck mit ihrer Tochter und dem zukünftigen

Schwiegersohn empfahl sich. Maximiliane stand noch im Gespräch mit ihr

auf der Schwelle, da hörte sie draußen eine Stimme -- die Männerstimme

eines Neuangekommenen, der gedämpft mit dem Mädchen redete -- drei

Jahre hatte sie diese Stimme nicht gehört und erkannte sie auf den

ersten Ton. Ihr Herzschlag stockte. Sie zwang sich, ein unbewegtes

Gesicht zu machen. Sie blieb immer noch plaudernd mit dem Rücken gegen

die Tür und gab der kleinen Gräfin einen Abschiedskuß und meinte auf

deren Frage lächelnd: "Für wen ich die Kuchenstücke da einpacke? ...

Für Ottos Kinder!« und vernahm im selben Augenblick, wie jemand hinter

ihr rief: »Na, endlich! Da ist der Logow ja ... na -- nu mal 'ran, du

oller Deserteur! Wo hast du denn die Ulla gelassen?«

Sie wandte sich um. Da stand er. Ihr erster Eindruck beim Anblick

seiner gebräunten Züge war eine Erleichterung, eine selbstlose

Genugtuung. Wie gut sieht er aus!... Wieviel frischer und freier! Das

allzu Harte an ihm hatte sich da draußen in die Ruhe eines Mannes

ausgeglichen, der viel von der Welt gesehen und sich in ihr bewährt

hatte. In seinen dunklen Augen lag ein kaltblütiges Kraftbewußtsein.

So hatte sie ihn nur einmal, vor langen Jahren, gesehen -- es schoß

ihr durch den Kopf -- wenige Tage hindurch -- als er innerhalb von

vierundzwanzig Stunden zum Hauptmann befördert, in den Generalstab

versetzt und Ullas Bräutigam geworden war. Sie fühlte einen Stich im

Herzen. Sie lächelte und streckte ihm die Hände hin.

»Ich dachte, ihr beiden hättet mich überhaupt schon ganz vergessen,

Erich!«

Sie merkte, wie schwer es ihm fiel, vor den anderen auf ihren leichten

Ton einzugehen. Und doch: es war ein Segen, daß andere im Zimmer

waren. Sie wäre sonst geflohen. Sie spürte es. Sie hätte es nicht

ausgehalten. Es erschreckte sie. Sie hatte weniger Widerstandskraft,

als sie gedacht. Er sah ihr grade ins Gesicht und sagte scherzend:

»Hab' du mal meinen Dienst, Maxe!... Jetzt geht das Schuften wieder

los!... Na ... du kennst ja die Generalstabsarbeit! Du warst ja schon

einmal als Mädel mein Adjutant!«

Er lachte dabei. Er beherrschte sich. Sie auch! Aber in ihr war bei

seinen Worten der Schmerz, der verzweifelte Schmerz: Nun hub das

wieder an. Nun war das bißchen Frieden vorbei. Nun stöhnte wieder der

Sturm und schüttelte zwei Seelen.

»Gott ... das ist so ewig lange her!« meinte sie. »Das ist mir schon

wie aus einem anderen Leben! ... Sag mal: Wo steckt denn Ulla?«

Er zuckte die Achseln.

»Sie liegt wieder auf der Nase! ... Sie läßt dich herzlich grüßen ...

Es ist immer die alte Geschichte! Ich verderb' euch nur damit die

Feststimmung. Laß mal lieber schauen, was du Schönes gekriegt hast,

Maxe!«

Er trat mit ihr in den Nebenraum, in dem der Geburtstagstisch

stand. Außer ihnen war niemand im Zimmer. Vor dem Kuchen mit den

Lebenslichtern blieb er stehen. Aber er achtete nicht auf den bunten

Tand von Rosen, Handarbeiten, Fruchtkörbchen, Büchern, der ihn

umrahmte. Er legte einen Busch weißer Lilien, den er bisher, ohne

daran zu denken, in der Linken gehalten, achtlos zu den übrigen

Blumen, und schaute Maximiliane an. In diesem Augenblick sahen sie

sich erst wirklich wieder. Beide wurden blaß und ernst.

»Setz dich doch endlich!« sagte sie.

Er nahm auf dem Sofa Platz. Sie neben ihm. Die Tür zu dem anstoßenden

Gemach stand offen. Dort hatte man sich um Otto gedrängt, der seinen

Zwist mit dem Schwiegervater dem Familienrat unterbreitete. Die hier

innen hörten, wie die kleine Frau Adda leidenschaftlich ausrief: »Ich

geh' mit meinem Mann durch dick und dünn! ... Da werden wir eben in

Gottes Namen Artilleristen!... Ich verkauf' meinen Schmuck. Das Auto

auch. Papa soll nur sehen!«

Und sie mußten, trotz der zitternden Spannung zwischen ihnen, lächeln,

und Erich von Logow sagte: »Ich wär' froh für deinen Bruder, wenn ich

ihn wieder in Uniform sähe. Das Nichtstun taugt den Teufel was! ...

Man muß sich Aufgaben stellen -- so schwer wie möglich -- und sie

zu lösen suchen! Was darin für ein Segen liegt, das hab' ich in den

drei Jahren erkannt ... Ich hab' allen Grund, mit der Zeit da drüben

zufrieden zu sein ... Wie ich neulich so frühmorgens zum erstenmal

nach drei Jahren die europäische Küste wiedergesehen hab', da hab'

ich gar nicht begriffen, daß das noch derselbe Kerl sein sollte, der

damals so verzweifelt ins Aschgraue hinübergefahren ist! Jetzt hab'

ich, gottlob, meine alte Spannkraft wieder!«

»Bewahr sie dir nur, Erich!« versetzte sie leise mit einem kaum

merklichen Zucken um die Lippen. »Bewahr sie dir ja!«

Sein Antlitz hatte sich plötzlich verdüstert.

»Ja ... und nun sieh mal, wie das geht: Ulla hatte mir versprochen,

mich in Hamburg zu erwarten. Sie ist auch rechtzeitig aus dem Süden

dorthin gereist ...«

»Ja. Mama hat es mir geschrieben.«

»Nun stand ich, wie das Schiff im Hafen festmachte, ganz vorne --

unten auf dem Kai alles schwarz von Menschen -- und hab' mir die Augen

ausgeschaut. Umsonst! Im Hotel hab' ich Ulla dann getroffen. Im Bett.

Wieder krank! Der rasche Klimawechsel war ihr zu viel gewesen!«

»Ach, du Armer ...«

»Da war man so grade im Mai wieder daheim in Deutschland -- bei blauem

Himmel -- ganz geladen mit gutem Willen und Hoffnungen auf die Zukunft

... Und gleich die erste Nacht mußte ich im Hotel wach sitzen und

Ulla pflegen, bis ich sie wieder nach Berlin bringen konnte. Ja -- da

spürte man wieder die alte Kugel am Bein ...«

»Du mußt Geduld haben, Erich!«

»Wenn sie's nur mit mir haben! Schau: jetzt haben sie's noch einmal

mit mir versucht. Ich bin wieder im Generalstab. Ich hab' noch einmal

die Klinke zur großen Karriere in der Hand. Versag' ich diesmal, ja,

dann sagen sie sich: ›Der Mann hat zu viel anderes im Kopf! Für den

ist das zu schwer!‹ Und stecken mich einfach in die Front. Da kann ich

dann mein Bataillon drillen und sachte meinen Abschied nehmen und grau

und alt werden an Ullas Krankenbett ...«

Plötzlich wurde er leidenschaftlich.

»Und was das Schrecklichste ist, Maxe: Sie verzehrt sich auf ihrem

Krankenbett auch noch vor Eifersucht! ... Vor grundloser, sinnloser

Eifersucht! Denn wir beide, du und ich, haben uns doch seit Jahren

nicht mehr gesehen und keine Zeile miteinander gewechselt! Das hab'

ich ihr geschworen, und sie glaubt es mir auch. Aber es ist ihr nicht

genug. Sie will bis in meine Gedanken eindringen. Ich soll ihr eigen

sein mit Herz und Seele! ... Sie quält sich und mich bis aufs Blut.

Und macht uns beide krank und elend! ... Das ist der Grund, warum du

mich heute zum erstenmal siehst! ... Einmal mußte ich ja schließlich

kommen!«

Er reckte sich in den Schultern und hob den dunklen energischen Kopf.

»Eine Zeitlang geht's ja! Da hält der Kraftvorrat vor, den ich

heimgebracht hab'! ... Aber schließlich höhlt es einen aus, Tropfen um

Tropfen, man wird mürbe. Man sieht's kommen! Ich weiß nicht, warum ich

dich auch noch damit quäle! ... Du kannst doch nicht helfen. Aber dir

muß ich das alles sagen! Du bist ja das alles!«

»Schweig!« versetzte sie hastig, hart und leise. Von nebenan näherten

sich Stimmen. Otto von Ottersleben und seine Frau traten über die

Schwelle. Er schwenkte die Rangliste, in der er schon nach für ihn

passenden, billigen Artillerieregimentern gesucht hatte.

»Na, adieu, Schwesterchen!« sagte er aufgeregt und erhitzt von dem

großen Entschluß, mit dem er kämpfte. »Und vergiß in Zukunft deine

darbenden Verwandten da unten bei den Kassuben oder Masuren nicht! Wir

gehen jetzt dem Hungertuch entgegen! Der olle Bräsig hat ganz recht:

Die Armut kommt von der Poverteh! Macht nischt! Auch recht! Mal was

Neues im Leben!«

»Also willst du wirklich wieder eintreten!«

»Nu grade! Und wenn der Schwiegerpapa zehnmal vor Schreck vom Stengel

fällt!« Der hübsche junge Mensch stand lässig und trotzig lächelnd

vor seinem auf dem Sofa sitzenden Schwager, schaute auf dessen

Achselstücke hinunter und machte plötzlich große Augen. »Du, Mensch

... seh' ich denn recht? ... Du trägst ja die dicken Epauletten ...«

»Ja. Seit vorgestern bin ich Major!«

Major! Ein Aufschrei ging durch das ganze Zimmer. Otto von Ottersleben

legte dem andern beinahe feierlich die Hand auf die Schultern.

»Herrschaften: er ist doch offenbar ein Kirchenlicht vor dem Herrn!

Man sieht's ihm nicht an, aber in der großen Bude müssen sie's ja

wissen! Wieviel Vorderleute hast du denn diesmal übersprungen?«

»Ein paar Hundert!«

»Na, Gott segne deine Studia!« sagte der Oberleutnant der Reserve

von Ottersleben in stiller Wehmut, beim Gedanken an seine eigene

rückständige Laufbahn.

Die übrigen drängten sich um den neuen Major. Es war ein

Händegeschüttel und Glückwünschen. Alles machte frohe Gesichter. Erich

von Logow lachte mit. Er war aufgestanden. Seine Augen blitzten.

Unruhig spielte der Ehrgeiz über seine energischen Züge. Sein

häusliches Elend war vergessen. Er war in dieser Minute ganz Offizier.

Ganz Wille und Selbstbewußtsein. So blieb er, während sich allmählich

der Schwarm der Besucher verlor. Nun gingen endlich die letzten. Er

fand sich mit Maximiliane allein. Die sinkende Sonne schien schrägen

Strahls durch die offenen Fenster. Draußen verblaßte der blaue

Sonnenhimmel über den Dächern und Telephondrähten Berlins. Sie standen

nebeneinander auf dem Balkon und schauten hinaus in diese steinerne

Weite, in der zu Hunderttausenden und Millionen die Menschen gleich

ihnen lebten und ihr Leid trugen. Um sie grünten und blühten auf dem

schmalen Sims umher die Blumen. Ein süßer, schmeichelnder Duft stieg

von ihnen auf, umwehte sie in dem lauen Abendwind. Maximiliane hätte

gewünscht, daß ihr Gast sie jetzt verlassen möge. Aber sie wagte es

ihm nicht zu sagen. Es schien ihr wie ein Eingeständnis von Schwäche.

Die durfte er bei ihr vor allem nicht sehen. Sie wollte von etwas

Gleichgültigem zu reden anfangen, da drehte er den Kopf zu ihr und

sagte rasch: »Verzeih ... ich hab' vorhin immer nur von mir gesprochen

... das kommt davon, wenn man sich so in sein Schicksal verbockt und

verbiestert! Man kommt davon nicht los!«

»Sprich mir nur von Ulla, wenn es dir das Herz leichter macht!«

Er schüttelte das Haupt, als wollte er sagen: Es hilft ja doch nichts!

Dann frug er, nach einer Weile, vor sich hin: »Nun bist du schon lange

Witwe, Maxe ...«

»Bald werden's drei Jahre!«

Sie verstummten wieder. Endlich versetzte er: »Denke dir: ich hab' es

erst beinahe nach einem halben Jahr erfahren: so tief im Innern war

ich damals in Chile. Seitdem hab' ich so oft an dich denken müssen

...«

Er brach ab und fügte dann hinzu: »Das heißt: vorher ebenso oft!«

Sie machte eine Bewegung, vom Balkon zurückzutreten. Er verstand sie.

Er murmelte: »Ja, ja ... ich bin schon still ...«

Wieder war um sie nur das Fächeln des Windes, von der Straße her das

unbestimmte Brausen Berlins. Dann forschte er trocken, anscheinend

wieder völlig Herr seiner selbst:

»Wie lebst du nun denn so eigentlich, Maxe?«

»Du siehst's ja, Erich! Ich kann nicht klagen!«

»Also bist du zufrieden?«

Sie zeigte ihm ein ruhig lächelndes Gesicht.

»Es ist mir ja noch manches geblieben nach dem Schicksalsschlag! Vor

allem die Erinnerung an einen Menschen, der's so gut mit mir gemeint

hat und mich so geliebt hat wie gewiß keiner wieder auf der Welt. Ich

bin viel durch ihn geworden, -- glaub mir! Das wirkt jetzt noch nach.

Das hat mir die Kraft zum weiteren Leben gegeben. Ich hab' die Trümmer

gesammelt. Es ist doch hier ganz nett um mich -- nicht?«

Er nickte.

»O gewiß,« meinte er. »So für die erste Zeit ... bis das Schwerste

überwunden ist ... Aber dann ...«

»... aber dann?«

»Du kannst doch nicht immer so weiterleben ... Das kann dir doch nicht

genügen!«

Ihre Stirn blieb heiter, ihre Augen klar.

»Was soll denn noch Großes kommen? Ich erwarte mir nichts mehr.«

»So? Nun -- das freut mich!«

Er sprach es bitter und wandte sich ab. So setzte er hinzu, während

es düster unter seinem Schnurrbart zuckte: »Aber ich glaub' es nicht,

Maxe!«

Maximiliane von Glümke lächelte wieder.

»Glaub ruhig daran, was du von mir siehst und hörst! Woher willst du

denn sonst etwas wissen? Und nun wird's Zeit. Geh heim zu Ulla und

grüße sie schön von mir!«

Er erwiderte nichts.

»Und richt ihr aus, ich käme morgen nach ihr schauen und wünschte gute

Besserung. Adieu jetzt, Erich! Sie wartet gewiß schon auf dich!«

»Ich geh' ja schon ...«

Erich von Logow sprach es finster und zerstreut, ohne sich von

seinem Platz zu rühren. Endlich trat er vom Balkon in das schon halb

dämmerige Zimmer zurück. Da blieb er wieder stehen. Sein Auge irrte

ziellos durch den kleinen, von Blumenduft und Geburtstagsschmuck

erfüllten Raum. Es schien, als suche er nach einem Anlaß, noch länger

zu verweilen. Die junge Exzellenz stand vor ihm und wartete, daß er

sich verabschieden würde. Plötzlich seufzte er schwer auf.

»Wenn man so denkt, Maxe .... ein einziger Fehltritt im Leben ... oder

vielmehr eine wahnsinnige Blindheit in der entscheidenden Stunde ...

Und nun bis an sein seliges Ende darunter leiden zu müssen ... jahraus

... jahrein ..., wo man alles so viel besser und schöner hätte haben

können ...«

»Gute Nacht, Erich!«

»... siehst du ... wenn ich darüber nachdenke, dann verlier' ich

wieder allen Mut, alle Kraft ... Es ist gräßlich ... Es erscheint

einem alles so unnütz, was man tut und soll ... fremde Pflichten von

außen, wo man mit sich selber nicht fertig wird! ... Sei du froh,

Maxe, und danke deinem Schöpfer, daß du dies Kunststück fertig bringst

...«

»Gott sei Dank hab' ich meine Ruhe gefunden!«

Er schaute sie wieder wie vorhin zweifelnd an.

»Eigentlich sieht dir's gar nicht ähnlich! Du warst doch früher so wie

ich: Alles oder nichts! Freilich, das Leben nimmt einen hart in die

Lehre. Man wird bescheiden. Oder sollte es wenigstens endlich sein ...

Also adieu, Maxe!«

Die Generalin von Glümke wollte klingeln, um das Mädchen draußen zu

benachrichtigen, daß der letzte Besucher ginge. Da trat diese eben

über die Schwelle. Sie brachte einen Brief. Maximiliane öffnete ihn

und sagte, während jene sich zurückzog: »Von der Dorle! Die Grotjans

lassen dich auch schön grüßen, Erich, und dir zum Major Glück

wünschen. Sieh mal an: da wußten die das schon in Thorn!«

»Das ist ja kaum möglich!«

»Doch: da steht's!«

Sie zeigte ihm mit dem Finger die Stelle. Er blickte über die Schulter

und versetzte plötzlich: »Was ist denn da für eine Nachschrift?«

»Wo?«

»Da am Rand ...«

Er las rasch, halblaut, die paar Zeilen vor: »Was machen denn deine

Diakonissenpläne? Denkst du wirklich noch daran, der Welt zu entsagen?

Hoffentlich nicht! Nochmals tausend Grüße! Dein getreues Dorle.«

Die junge Frau ballte hastig den Brief zusammen, als wollte sie ihn

verstecken. Eine flüchtige Röte schoß über ihre Wangen. Erich von

Logow blieb eine Zeitlang stumm. Endlich frug er mit trockener Kehle:

»Was heißt denn das, du willst Diakonissin werden?«

»Nein, Johanniterschwester!«

»Das ist doch dasselbe!«

»Ungefähr ja.«

»Ich denke, du fühlst dich hier ganz wohl ...«

Sie gab keine Antwort.

»Du behauptest doch, du seist so zufrieden ...«

Sie hatte sich von ihm abgewandt. Er sprach langsam: »Mir scheint, mit

deiner Seelenruhe ist es doch nicht so weit her, Maxe ...«

Zum erstenmal verlor sie die Fassung. Sie warf gereizt den Kopf in den

Nacken.

»Das geht dich nichts an, was ich tu' und lasse! Gar nichts ...

verstehst du?«

»O ja, ich verstehe.«

»Du hast daraus keine Schlüsse zu ziehen ...«

»Ich tu' es doch!«

Er trat näher. Sie wich vor ihm zurück. Er folgte ihr. Er stand dicht

vor ihr. Beide waren sie geisterbleich geworden in der Dämmerung.

Maximiliane von Glümke nahm ihre äußerste Kraft zusammen.

»Geh!« sagte sie heiser. »Zum letztenmal: geh zu deiner Frau!«

Diesmal gehorchte er. Er gab ihr nicht die Hand. Er drehte sich

schweigend um und nickte ihr auf der Schwelle durch das Zwielicht

traurig zu, wie einem Kameraden. Sie rührte sich nicht. Sie

holte kaum Atem. Sie stand unbewegt, wie eine Statue, bis er das

Zimmer verlassen. Dann stürzte sie auf das Sofa nieder und barg,

aufschluchzend, das Antlitz in die Hände.

21

Es war eine der nüchternsten Stadtgegenden, in der Major von Logow

diesmal sein Berliner Heim aufgeschlagen, im Nordwesten draußen,

zwischen der Spree und Altmoabit, mit dem Blick auf Kohlenlager und

Speicherschuppen, die den trüben Spiegel des Flusses verdeckten.

Aber auf dessen anderer Seite, kaum zehn Minuten entfernt, lag das

Generalstabsgebäude. Und zudem: die Wohnung war billig. Das fiel jetzt

auch ins Gewicht. Denn Ullas Leiden kostete Geld. Immer mehr Geld,

jahraus, jahrein.

Und ihre Schwester Maximiliane dachte sich, während sie am nächsten

Morgen durch den Tiergarten zu dem Krankenbesuch gen Norden ging, --

selbst gesund, straff und mit flüchtigen Schritten: wenn nicht einmal

dieser wunderbare Mai ihr neue Lebenskraft bringt, wann -- wann soll

sie denn dann je genesen?

Um sie war frisches Grün, blauer Himmel, goldene Sonne. Sie hatte den

Großen Stern und das Schloß Bellevue hinter sich gelassen und auf der

eisernen Brücke die Spree überquert. Nun stand sie vor dem Logowschen

Haus, einer grauen Mietskaserne wie tausend andere. Da wohnten sie

zwei Treppen hoch. Sie brauchte nur zu klingeln und hinaufzugehen. Sie

fand die Kranke sicher daheim. Und sicher allein. Ohne ihren Mann.

Den hielt der Dienst den ganzen Tag außer Hause fest.

Und doch zögerte sie in einer unbestimmten Scheu. Irgend etwas hemmte

sie, auf den Knopf am Haustor zu drücken. Der alte Schuhmacher, der

da drinnen mit gekreuzten Beinen auf dem Tisch saß, blinzelte aus

seiner Portierloge neugierig zu ihr heraus. Sie zauderte noch immer.

Es war wie eine jähe Anwandlung von bösem Gewissen. Ein Schuldgefühl.

Eine Erinnerung. Sie dachte sich: Jedesmal, wenn ich die Schwelle der

Logows überschritten hab', hab' ich Unglück in ihr Haus gebracht.

Immer war ich das Trennende. Immer trat ich zwischen ihn und sie,

zwischen Gesundheit und Siechtum, zwischen Kraft und Schwäche. Soll

ich denn ewig das Werkzeug ihres Verhängnisses sein? Und des meinen

dazu?

Du Schwert an meiner Linken · 第 24 / 27 段