sie zu. Am Ende war es Logow selbst. Er hatte ein wichtiges Aktenstück
daheim vergessen und holte es sich. Oder er schaute nach seiner Frau.
Eine plötzliche sinnlose Angst ergriff sie. Sie kehrte um. Sie eilte
von dem Hause weg, als ob sie da ein Verbrechen hätte begehen wollen,
und in entgegengesetzter Richtung den Bürgersteig hinunter. Erst
nach ein, zwei Minuten warf sie, den Fahrdamm überschreitend, einen
bangen Seitenblick zurück. Der Offizier setzte immer noch ruhig seinen
Weg fort. Er hatte die Logowsche Wohnung längst hinter sich. Er war
untersetzt und rundlich und trug einen grauen Schnurrbart. Es war
lächerlich, daß sie sich in ihm ein Trugbild ihres Schwagers Erich
vorgespiegelt hatte.
Aber das wiederholte sich heute den ganzen Tag. Immer wieder stand
Erich von Logow vor ihr. Er hatte heute viele Doppelgänger in
Berlin oder wenigstens Menschen und Dinge, die sie ständig an ihn
erinnerten. Sie erblickte auf dem Rückweg von der Spreebrücke aus
das Dach des Generalstabsgebäudes und fragte sich: Ob er wieder die
Mobilmachungsarbeiten unter sich hat, mit den eingerahmten Vierecken,
wie damals? Sie sah, während sie in der Leipziger Straße Besorgungen
machte, ein paar Offiziere mit karmesinroten Beinkleiderstreifen aus
dem Kriegsministerium treten, und es ging ihr durch den Kopf: ›Das
sind wohl Kameraden von ihm. Aber er sieht besser aus, frischer!‹ Sie
nahm zu Hause die Zeitung zur Hand mit dem bewußten Vorsatz: ›Ich muß
doch einmal nachschauen, ob seine Beförderung schon drin steht!‹ Und
zwang sich, die Seiten umzublättern, und ertappte sich darauf, wie
sie unter den Depeschen nach Neuigkeiten aus Chile suchte, als könnte
unter ihnen vielleicht noch, als Nachhall seines dortigen Wirkens,
sein Name genannt sein.
Sie saß bei Tisch, den Kopf in die Hand gestützt, und ließ die
Speisen unberührt wieder abtragen. Diese einsame Mahlzeit stimmte sie
so trübe, trüber wie je. Man war so allein, so mutterseelenallein.
Draußen lockte der Maientag. Sie machte sich wieder zurecht und ging
spazieren und beneidete alle die Menschen, die zu zweien waren, und
wenn auch nur ein Pärchen aus dem Volk da Hand in Hand auf der Bank
saß, oder eine Arbeiterfrau ihrem Mann das Mittagbrot auf den Bauplatz
brachte und neben ihm stand, während er schweigend löffelte. Alle
diese Leute waren glücklicher als sie, die Exzellenz. Jeder von ihnen
hatte seinen andern. Sie hatte nichts. Jeder von ihnen sah sein
bißchen Tagwerk und Abendfrieden vor sich. Ihre Stunden waren leer. Es
war ganz gleichgültig, was sie trieb, heute, morgen, immer. Sie rief
keine Pflicht. Niemand verlangte nach ihr. Außer dem einen! Immer dem
einen. Und sie nach ihm. Sie hemmte mitten auf dem Weg ihren Schritt
und schloß die Augen, daß die Frühlingshelle um sie in einem dumpfen,
rötlichen, geheimnisvollen Dämmern verschwand. Seit gestern, seit sie
ihn wiedergesehen, war alles, alles wieder wach ...
Zu Hause blieb sie vor dem Bild ihres verstorbenen Mannes stehen und
schaute ernst, mit ineinandergelegten Händen zu den ritterlichen,
leise gefurchten Zügen des Generals von Glümke hinauf, als müsse sie
vor allem seine Verzeihung erbitten für das, was in ihr war, immer
gewesen war, schon ehe er gekommen. Sie lächelte schmerzlich und
nickte ihm zu und sagte sich: ›Nein. Ich habe mir nichts vorzuwerfen!
Ich war dir treu! Immer! Du hast mich nie gefragt und es nie wissen
wollen, wer der erste in meinem Leben war. Aber daß einer dagewesen,
das wußtest du wohl! Ich hab's in deiner Nähe, unter deinem Schutz,
verschmerzt und vergessen. Daß es jetzt in der Witwenstille wieder
auflebt, da kann ich nichts dafür. Ich hab' dich von Herzen lieb
gehabt, so, wie ich dir versprach. Geliebt hab' ich im Leben nur
einen, einen andern -- vorher -- und nun wieder mit alter Macht. Ich
bin dir aus tiefstem Herzen dankbar. Dein Bild steht verklärt vor
mir. Es tröstet mich noch aus der Ferne. Aber ich kann von Erinnerung
nicht leben. Ich bin zu jung. Das Sein verlangt sein Recht.‹
Es kam Besuch. Nachzügler mit Geburtstagsglückwünschen. Befreundete
Damen. Maximiliane von Glümke saß mit ihnen zusammen und bot ihnen
Tee an und hörte zu und sprach selber und lachte und frug sich
dabei innerlich voll Staunen: Was soll das nur? Warum tu' ich da
mit? Es ist ja alles so leer, so nichtig. Es kann doch nicht immer
so weiter gehen! Auf einmal wurde ihr klar, daß sie diese ganzen
letzten Jahre nur in einem Zwischenzustand gelebt hatte, in einer
unbewußten Erwartung, daß Erich von Logow wiederkäme und sie dann
erst dem Schicksal würde standhalten müssen. Bis dahin hatte sie sich
schonen und unter dem Trauerschleier die Tage verträumen können. Sie
zuckte zusammen. Da wurde schon wieder sein Name genannt. Ihre Tante,
die Generalin von Ottersleben, sprach ihn aus. Sie erwähnte seine
Beförderung in ihrer gesunden, hausmütterlichen Art.
»Mein Mann und ich haben den Erich gestern noch unseren Jungens als
Vorbild hingestellt!« sagte sie. »Und dabei kann er einem so leid tun!
So viel Erfolg im Dienst und so viel Elend daheim! Bruno meint auch,
er habe es doppelt so schwer wie andere!«
Dann glitt die Unterhaltung wieder auf andere Familiennachrichten
und Neuigkeiten aus nahen und fernen Garnisonen hinüber. Nur in
Maximiliane zitterte es nach. Sie konnte es kaum mehr erwarten, bis
ihre Gäste gingen. Und als endlich die letzten weg waren, aus diesem
kleinen, netten Kreise, den sie sich in Berlin geschaffen, und an
dem sie sonst ihre Freude hatte, da wußte sie wieder nicht, was sie
mit sich nun anfangen sollte. Und sehnte sich Menschen herbei, nur
um nicht allein zu sein, und sehnte sich doch nur, in neuem wilden
Schluchzen in der Dämmerung nach dem einen, dem, wenn er kam, ihre Tür
verschlossen geblieben wäre ...
Endlich hielt sie sich und diesen Zustand nicht mehr aus. Sie wollte
sich ablenken. Sie fuhr in das Theater. Eine befreundete Familie hatte
eine Loge im Opernhaus. Da saß man still im Dunkel. Aber da unten auf
der Bühne, im »Fliegenden Holländer«, sang wieder der Steuermann vom
Schiff herauf mit heller, wohltönender Stimme:
»Über turmhohe Flut vom Süden her --
Mein Mädel, ich bin da!«
und sie biß die Zähne zusammen und krampfte die Hände ineinander und
hatte, als der Vorhang fiel und es hell wurde, zwei Tränen auf den
bleichen Wangen, und ihre Freundin meinte erstaunt: »Herrgott, Maxe --
das hab' ich gar nicht gewußt, daß du so musikalisch bist!«
Sie zwang sich zu lächeln.
»Ich hab' ein bißchen Kopfweh,« sagte sie. »Seid nicht böse, wenn ich
nachher nicht mit zu Borchardt komme! ... Ich will lieber gleich nach
Hause und mich hinlegen!«
Daheim fand sie einen Brief. Der Bursche von Frau Major von Logow habe
ihn gegen Abend abgegeben, meldete ihr das Mädchen. Sie las:
»Liebe Maxe!
Erich hat mir gesagt, du wolltest heute zu mir kommen ... Ich hab'
den ganzen Tag gewartet. Aber Du bist nicht gekommen. Warum nicht?
... Bitte, komm! Wir müssen uns sprechen. Ich kann nicht zu Dir. Ich
liege fest. Ich bin wieder ganz elend. Sonst wäre ich schon bei Dir
gewesen. Erich hat Dir's ja ausgerichtet. Komm recht bald. Komm,
wenn Du kannst, morgen! Bitte, bitte ... Ich habe heute bitterlich
geweint, weil Du nicht gekommen bist. Ich bin schon manchmal wie ein
kleines Kind, so schwach.
Tausend Grüße von Deiner armen kranken Schwester
Ulla.«
»Nachschrift: Bitte, komm, wenn Du kannst, vormittags. Gegen Abend bin
ich immer so dumm. Da hab' ich immer ein wenig Fieber und schreib'
dann so konfuses Zeug wie jetzt!«
Genau um die gleiche Zeit wie tags vorher stand Maximiliane von
Glümke wieder vor der Mietskaserne in Moabit. Diesmal brauchte der
alte Pförtner auf seinem Schustertisch nicht lange zu warten. Sie
klingelte entschlossen und stieg die zwei Treppen hinauf und harrte
in dem Salon, bis sie der Kranken gemeldet wurde. Ein schwermütiges
Lächeln spielte um ihre Lippen, während sie sich umsah. Wie gut kannte
sie diese Gegenstände umher, die mit den Logows von einer Garnison
zur anderen gewandert waren. Da nebenan, in dem offenstehenden
Arbeitszimmer: die beiden Granatsplitter von Wörth als Briefbeschwerer
auf den Generalstabsakten, die beiden Bronzebüsten der beiden
Kriegsgötter, Napoleon I. und Friedrich der Große, rechts und links
auf dem Schreibtisch, darüber der Stahlstich des alten Kaisers im
breiten Eichenrahmen. Alles weckte Erinnerungen. Da trat das Mädchen
wieder ein.
»Gnädige Frau lassen Exzellenz bitten!«
Ulla von Logow sah nicht eigentlich wie eine Leidende aus. Von
dem weißen Kissen, in dem sie, in einem weißen Morgenkleid auf
der Ottomane ruhend, ihr dunkles, klassisch wie eine antike
Gemme geschnittenes Haupt gebettet hatte, hoben sich die großen,
mandelförmigen Augen in einem feuchten Glanz, die Wangen in einem
leisen Rot ab, während sie ihre Rechte der schlanken blonden Schwester
entgegenstreckte. Die kannte diese Zeichen trügerischer Gesundheit.
Es hätte des kurzen, trockenen Hustens der jungen Frau in den
Polstern nicht bedurft. Sie setzte sich an Ullas Lager und hielt
ihre alabasterne Hand zwischen den ihren. Etwas von der strömenden
Sonnenwärme draußen war noch um sie, ein Hauch von Licht und Lenz und
Leben. Ulla von Logow atmete das tief ein. Dann frug sie leise: »Warum
bist du denn gestern nicht gekommen?«
»Ich wußte nicht, ob es dir recht sein würde!« »Ich bin froh, wenn
sich ein Mensch um mich kümmert ... Ich bin immer allein. Ich lieg' so
da. Ich bin's schon gewohnt. Es ist nicht schön, Maxe!«
»Danke!« sagte sie dann matt und nahm aus den Händen der Generalin
einen Blumenstrauß entgegen und senkte mit einem schwachen Lächeln ihr
Antlitz in das Duftgewirr von Rosen, Maiglöckchen und Veilchen. »Das
ist lieb von dir! Du bist selber wie ein Stück Frühling, Maxe!«
Die Leidende sah die andere seltsam vergeistigt an.
»Entsinnst du dich, Maxe, wie wir noch Mädels waren -- Gott ... 's
ist so ewig lange her -- bald zehn Jahre -- da war ich die Schönheit
der Familie. Alles hat sich um mich gedreht. Es war unrecht von den
Eltern. Auch an mir. Ich hab' ja denken müssen, daß Gott weiß was
aus mir werden würde. Nun bin ich in den Dreißig und schon verblüht
... Wenn ich in den Spiegel schau, wird mir so jämmerlich herbstlich
zumute ...«
»So mußt du nicht denken, Ulla! Es kommt doch nicht bloß auf das
Äußere an!«
»Bei mir schon! Was hab' ich denn sonst gehabt? Ich hab' mir immer
eingebildet, wenn man so ausschaut wie ich, gehört man in die große
Welt, unter Menschen in die Salons. Nie hab' ich das gehabt. Sogar
darum hat mich das Schicksal geprellt. Immer hab' ich allein gesessen
-- hier in Berlin und unten in den Vogesen und in Darmstadt bei Mama
und in Hotels und Sanatorien im Süden -- immer unnütz -- immer das
fünfte Rad am Wagen -- und du warst inzwischen das Sonntagskind! Dir
flog alles zu ... es ist so seltsam, Maxe, wie das Schicksal spielt.«
»Ich hab' weiß Gott dem Schicksal auch meinen Tribut bezahlt!«
»Ja. Das hast du. Du bist Witwe. Aber vor dir liegt noch das Leben.
Vor mir nicht. Du bist gesund. Ich werd' es nie mehr ganz ...« Frau
von Logow hustete, sah ihrer Schwester in das ernste, schmale,
schöngeschnittene Gesicht und sagte dann langsam: »Weißt du: Man hat
Zeit, nachzudenken, wenn man so die Nächte schlaflos daliegt. Ich war
ja ein furchtbar oberflächlicher, selbstsüchtiger, eitler Mensch.
Durch das Nachdenken wird das ein bißchen besser. Man kommt ein wenig
über sich selbst hinaus. Man sieht freier. Wenn man so viel zu leiden
hat wie ich, begreift man allmählich manches.«
»Arme Ulla!« sprach die junge Exzellenz sanft, beugte sich nieder und
küßte die Ältere. Die machte sich leise frei und fuhr fort: »Lieg' mal
immer so mit wachen Augen im Dunkel -- und draußen ist alles still ...
Da geht einem manches durch den Kopf ... Man frägt sich manches ...
Ich hab' mich gefragt: ›Es muß doch eine Gerechtigkeit auf der Welt
geben. Warum geht es nun zum Beispiel mir so schlecht und der Maxe so
gut?‹«
»Ach ... Ulla ...«
»Doch, doch. Es geht dir immerhin noch sehr gut! ... Du bist so viel
und hast noch so viel. Dich hat das Leben in jeder Hinsicht reich
gemacht -- auch in seinen Schmerzen -- mich nur arm! Es war für mich
immer nur eine große Enttäuschung -- ohne Anfang und ohne Ende. Und
siehst du, wenn ich mich da gefragt hab', warum werd' ich bestraft und
meine Schwester nicht? da hab' ich das jetzt erkannt -- so viel klarer
und so viel strenger gegen mich bin ich allmählich geworden: Weil sie
in ihrem Leben nie eine Schuld auf sich geladen hat: Ich aber wohl!«
»Ulla ...«
»... ich hab' den zum Mann genommen, den sie geliebt hat! Und hab's
gewußt und bin über sie weg. Das rächt sich, Maxe! Das rächt sich
unerbittlich an uns beiden, seit Jahren und Jahren ... Immer weiter
und weiter! Aber vor allem an mir!«
»Wollen wir wirklich darüber reden, Ulla?«
»Ja. Wir müssen!«
Die Kranke stützte sich mit einer plötzlichen Bewegung auf den
Ellbogen und hob sich empor. Ihre Stimme war gepreßt und zitternd.
»Wir müssen einmal!... Die Angst drückt mir sonst das Herz ab ... Ich
will dir ja nicht bloß diese Beichte ablegen, Maxe, daß ich unrecht an
dir gehandelt hab'!... Ich will ja mehr von dir!«
»Wer weiß, ob du damals an mir unrecht getan hast!« sagte Maximiliane
von Glümke. »Er wäre ja doch an mir vorbeigegangen ... Er hat mich ja
noch gar nicht gesehen ... damals ...«
»Einerlei, was er damals fühlte oder nicht ... aber was du fühltest,
das hätte mir heilig sein müssen als Schwester! ... Da hätt' ich
verzichten müssen!... O doch: ~Eine~ Entschuldigung hätte es für
mich gegeben: wenn ich ihn geliebt hätte ... so heiß ... so mit allem,
was in einem ist ... so wie du ... aber das war ja nicht!... Ich
wollt' ihn bloß haben!... Daß eine andere sich nach ihm verzehrte, das
hat mir seinen Besitz nur noch erhöht! Ich war schlecht damals, Maxe!
... Da lieg' ich nun!«
Die Jüngere schüttelte stumm das Haupt. Ulla von Logow wiederholte,
erschöpft in die Kissen niedergleitend: »Da lieg' ich!... Ich werd'
auch wieder aufstehen und mich wieder hinlegen! Das geht so fort. Das
ist mein Leben. In dem hab' ich rein gar nichts mehr, keine Freude und
keine Hoffnung und keine Zerstreuung. Weißt du, was ich den Tag über
tu'? Er ist heute früh um acht Uhr in den Dienst! Am Nachmittag um
fünf kommt er wieder. Bis dahin zähl' ich die Minuten, bis ich seinen
Schritt höre -- siehst du: dort an der Wand hängt die Uhr -- und freu'
mich darauf wie ein Kind auf Weihnachten. Da setzt er sich dann eine
Stunde zu mir und hält meine Hand und ist immer lieb und gut. Da bin
ich dann so glücklich, so glücklich, Maxe, daß ich weinen könnte!...
Und abends, nach dem Essen, eh' er sich wieder an den Schreibtisch
setzt, da ist er auch eine Zeitlang bei mir und liest mir etwas vor
und wir plaudern ... Die paar Stunden -- das ist mein Tag -- das
ist mein Leben, Maxe! ... Das andere ist ein dummes Hinvegetieren!
Das rechne ich nicht. Nur das bißchen Zeit, wo ich ihn hab'! Für
mich! Ganz für mich! Ich lieb' ihn ja so heiß ... Ich lieb' ihn so
wahnsinnig ... Er ist mir alles auf Erden ...«
Die junge Generalin schwieg erschüttert. Ihre Schwester fuhr mit einem
verzweifelten Lächeln um die Lippen fort: »Ich lieb' ihn! Und er hat
mit mir Geduld! ... Er pflegt mich! Aber mehr als Pflicht ist's bei
ihm nicht und tut mir doch so wohl, Maxe!... Es hat sich alles ins
Gegenteil verkehrt ... bitte ... bitte ... bleibe, Maxe! Ich weiß: ich
tu' dir weh! Aber es muß gesagt sein!«
»Ich geh' nicht weg!« versetzte Maximiliane ruhig. »Sprich nur weiter!«
Die Kranke holte tief Atem.
»Gott straft mich mit dem, Maxe, was ich gefehlt hab'! ... Ich hab's
an der Liebe fehlen lassen! ... Nun hat er sie mir auferlegt! ... Nun
weiß ich, wie's tut. Und was ich dir angetan hab' seinerzeit ... Und
was ich ihm angetan hab' und noch tu'! ... Ich weiß ja, wie er unter
mir leidet ... Und man ist doch so grausam, wenn man liebt ... Und
vielleicht auch grausam, wenn man krank ist ... Ich kann mir nicht
helfen: ich klammere mich an ihn! ... Jetzt, wo ich so schwach und
elend und schmerzbeladen und von Gott und der Welt verlassen bin, ist
er mein einziger Halt -- mein einziger Trost ... ich würde verzweifeln
... ich würde wahnsinnig werden -- ohne ihn ... Ich weiß gar nicht,
was ich täte ... bei dem bloßen Gedanken daran steht mir das Herz
still ... ich brauch' ihn, Maxe ... ich brauch' ihn ... ich hab' auf
ihn gewartet, mit Zittern und Beben, diese drei langen, furchtbaren
Jahre, in denen hab' ich viel bereut und will's nun besser machen. Ich
brauch' ihn, Maxe!«
Sie starrte bang und fiebernd, mit weitaufgerissenen Augen, der
Schwester ins Gesicht. Die hatte sich erhoben und sagte nur ruhig: »Es
nimmt ihn dir ja auch niemand, Ulla!«
Aus den angstvollen Zügen unter ihr wich die Spannung. Es war wie ein
Schimmer von Erlösung in Ullas dunklen Augen -- eine Weichheit und
Dankbarkeit. Sie lächelte in einem jähen Umschwung ihrer Stimmung.
»Gott sei Dank! Es gibt nur einen Menschen, der ihn mir nehmen kann!
Und der tut es nicht! Du warst mir immer eine gute Schwester, Maxe! Du
hast immer gewußt, was deine Pflicht war, und hast sie untadelhaft
erfüllt und immer alles aufgeboten, was in deiner Macht lag ... Ich
hab' es dir früher schlecht gedankt und war hart und häßlich gegen
dich. Aber jetzt hab' ich einsehen gelernt, wieviel ich dir schuldig
bin und immer schuldig sein werde. Auch in Zukunft!«
Sich von der Ottomane aufrichtend, legte sie, in ihrer Schwäche
nach einer Stütze suchend und in schwesterlichem Zutrauen den Arm
um die andere. In ihrem weißen Gewand stand sie, hell von der
Frühlingssonne beschienen, mitten im Zimmer. Es war eine gläubige,
träumerische Hoffnung auf ihrem Gesicht. Sie legte die abgemagerten
Hände ineinander. Sie sagte innig: »Schau, Maxe: Ich hab' so jetzt das
felsenfeste Zutrauen: die Zeit der Prüfungen ist bald vorbei, und nun
kommt es besser mit Erich und mit mir! ... Er findet allmählich den
Weg zu mir zurück. Es hat eine Zeit gegeben ... lang ist's her ... da
hat er mich so unendlich geliebt ... ich hab's verscherzt ... durch
meine eigene Schuld ... aber es kann doch wiederkehren ... nicht wahr?
... wenn ich es so von Herzen bereue ... wenn ich mir so recht Mühe
gebe ... wenn ich zum lieben Gott drum bete ... nicht wahr? ... sag
doch ja, Maxe ... mach mir nur ein bißchen Mut ...«
Frau von Logow hustete und fuhr in leidenschaftlicher Verklärtheit
fort: »Ich gewinn' ihn mir wieder! Ich fühl' es! Ich bin schon auf dem
Weg. Ich merk' es an tausend kleinen Zeichen. Es ist bei ihm nicht
bloß Mitleid, nicht bloß Pflichtgefühl, daß er so gut zu mir ist. Er
kann sich doch nicht verstellen! Das kommt bei ihm aus dem Herzen!
Das wird wachsen ... Tag für Tag ... Maxe ... warum sprichst du denn
kein Wort?«
Maximiliane schwieg. Sie fühlte an ihrer Brust das Zittern der
Schwester. Verängstigt, schwach, liebebedürftig, vertrauend hing
die ihr am Halse. Und legte ihren Kopf an den ihren. Und lachte mit
nassen Augen und schluchzte mit lächelnden Lippen und entwaffnete sie,
indem sie das Beste in ihr wachrief: »Nicht wahr, Maxe ... du ... du
tust nichts, um das zu stören. Du bleibst so stolz und rechtlich wie
bisher. Und gönnst mir mein Glück. Endlich ein bißchen Glück! ... Wenn
ich nur das von dir weiß, dann bin ich schon ganz ruhig. Niemand außer
dir kann mir im Leben was zuleide tun! Und auf dich verlass' ich mich
so ganz! ... Du hast dich immer so bewährt! ... Du bist meine gute,
liebe Schwester ... Vor dir hab' ich keine Scheu! Du begreifst, was es
heißt, wenn ich bei dir um meinen Mann bitte! ... Du gibst ihn mir! Du
läßt ihn mir! Nicht wahr?«
Immer noch hielt sie die Jüngere zitternd umfangen. Die fühlte die
Last an ihrer Schulter und hatte Mühe, selbst aufrecht zu bleiben. Sie
löste sich leise aus den Fesseln der beiden Arme und half der Kranken,
sich erschöpft wieder niederzusetzen. Dann sagte sie: »Sei unbesorgt,
Ulla! ... Du sollst kein Hindernis auf deinem Weg finden. Es wird
alles Nötige geschehen!«
»Du brauchst ja gar nichts Besonderes zu tun, Maxe! ... Verstehe mich
um Gottes willen nicht falsch. Es ist nur ...«
»Doch! Ich schiebe einen Riegel vor! Der hält!«
Die junge Frau beugte sich nieder und küßte die ältere Schwester noch
einmal. Sie war ebenso ruhig, wie jene zwischen Lachen und Weinen
schwankte.
»Erlaub, daß ich nun gehe, Ulla! ... Gute Besserung ... Auf
Wiedersehen!«
Die Generalin von Glümke verließ das Zimmer. Draußen auf dem
Treppenflur blieb sie eine Sekunde stehen, stützte sich an dem
Geländer und schloß die Augen in einer Schwächeanwandlung, die
blassen Züge von Schmerz versteinert. Dann hörte sie Schritte. Ein
Herr kam die Stufen herauf. Er warf einen forschenden Blick auf die
hohe, elegante Gestalt und grüßte dann sehr höflich. Sie erkannte den
Hausarzt der Logows, der Ulla schon bei ihrem ersten Aufenthalt in
Berlin vor Jahren behandelt hatte. Sie frug: »Wie geht's eigentlich
meiner Schwester?«
»Entschieden besser, Exzellenz! Ich habe jetzt mehr Zuversicht als
je. Die Rückkehr ihres Mannes hat sie belebt -- in ganz unerwarteter
Weise. Psychische Einflüsse tun da oft Wunder. Wenn diese Krise jetzt
überwunden ist, dann sind wir, denk' ich, endgültig über den Berg ...
Ganz robust wird die gnädige Frau ja nie werden. Sie wird sich immer
schonen müssen. Aber innerhalb dieser Grenzen, wenn wirkliche grobe
Dummheiten, wie schwere Erkältungen und derlei vermieden werden, liegt
eigentlich kein Grund vor, warum sie nicht so alt werden sollte wie
Sie oder ich ... Ich habe die Ehre, Exzellenz ...«
»Guten Morgen, Herr Doktor!«
Maximiliane von Glümke winkte draußen vor dem Hause das nächste
Automobil heran, fuhr nach Westen, in der Richtung nach
Charlottenburg. Dort bewohnte ihr Onkel, der Oberstleutnannt a. D.
Freiherr von Koninck seit seiner Verabschiedung ein Junggesellenheim.
Nicht mehr auf lange. Er war schon mit einem Fuß auf dem Standesamt
und erwartete jetzt eben, nur noch vierzehn Tage vor der Hochzeit,
den Besuch seiner Braut und ihrer Mutter, die ihn zu Besorgungen
abholen wollten, und steckte, das Klingeln draußen hörend, mit einem
zärtlichen »Brigittchen?« den Graukopf durch den Türspalt und machte
große Augen, als die schlanke blonde Dame in dem Halbdunkel gelassen
sagte: »Ich bin's bloß, Onkel! ... Die Maxe! ... Hast du 'nen Moment
Zeit für mich?«
»Für solchen Besuch immerzu!« Der alte Schwerenöter lachte. »Bitte
Euer Exzellenz gehorsamst, einzutreten! ... Wie kommt solch Glanz in
meine niedere Hütte?« Er änderte, da er Maximilianes ernstes Antlitz
sah, den Ton und frug besorgt: »Aber ... verzeih ... Ist irgend etwas
passiert?«
»Nein. Gar nichts! Sag mal, Onkel Wilderich, ... du bist doch irgend
so ein großes Tier im Johanniterorden -- nicht wahr ...«
»Ja ... das heißt ... ich hab' in der Ballei Brandenburg ...«
»Also jedenfalls kannst du da, wenn du willst, für jemanden ein gutes
Wort einlegen?«
»Frägt sich nur, wer es ist!«
»Ich!«
Herr von Koninck musterte seine schöne Nichte erstaunt: »Du? Was
willst du denn? Na -- komm mal, bitte, mit in mein Arbeitszimmer!«
Da blieben sie lange Zeit. Seine Braut, Fräulein von Hornschuh, und
ihre Mutter, die inzwischen erschienen, mußten warten. Endlich kam
Maximiliane von Glümke wieder heraus. Sie begrüßte freundlich die
beiden Damen und verabschiedete sich. Es war ihr nichts Besonderes
anzumerken, und Frau von Hornschuh sagte mit merklicher Schärfe zu
ihrem künftigen Schwiegersohn: »Ich weiß nicht, ob das unbedingt nötig
war, uns hier quasi antichambrieren zu lassen ...«
Der Freiherr von Koninck machte eine abwehrende Handbewegung. Der alte
Husar war für seine Verhältnisse ungewöhnlich ernst, fast ergriffen.
Er wandte sich an seine Verlobte: »'s ist doch eigentlich eine
komische Welt, Brigittchen!« versetzte er. »Wo die einen anfangen,
hören die anderen auf! ... Wir beide, du und ich, wir packen jetzt
erst das Leben ordentlich bei den Hörnern, und die Maxe, die so viel
jünger ist als wir, und es am wenigsten nötig hätte, die sagt ihm so
gewissermaßen Ade ... Sie will bei den Johanniterschwestern eintreten
-- ich hab's ihr in die Hand versprechen müssen -- und gleich jetzt
auf der Stelle ...«
»Sie wird sich schon noch besinnen!« meinte Frau von Hornschuh.
Aber Maximilianes Onkel verneinte: »Da kennen Sie sie flach, verehrte
Schwiegermama! ... Ich kenn' sie doch von klein auf. Die tut's! ...«
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