»Freilich: wenn du dich da wohl fühlst ...«

»Eigentlich ist's langweilig!« sagte Maximiliane. »Aber das liegt

an mir! ... Mir ist, ich möchte sagen, vor zweieinhalb Jahren mein

Daseinszweck in der Hand zerbrochen. Ich steh' und krieg' ihn nicht

wieder zusammen. Ich weiß nicht recht, was ich mit mir anfangen

soll, geschweige denn mit anderen! ... Darum können die mir auch so

wenig helfen ... So furchtbar viel bin ich auch nicht mit Menschen

zusammen. Ich lebe, bei Licht besehen, recht einsam. Wie jeder, der in

Berlin nichts zu tun hat. Dort ist das Gemeinsame die Arbeit. Man muß

Pflichten im Leben haben, Dorle! Das ist das ganze Geheimnis!«

Maximiliane malte mit ihrer Sonnenschirmspitze im Sand vor ihren

langen schmalen Lackschuhen Kreise und Striche und sagte dann

unvermittelt: »Ich will dir was gestehen ... Ich bin ja noch nicht

entschlossen ... aber ich denke seit einem Jahr schon ernstlich daran,

Diakonissin zu werden!«

Die Jüngere schlug entsetzt die Hände zusammen.

»Du?«

»Ja!«

»Maxe! Ich glaub', du bist verrückt!«

»Wieso? ... Wie ich in Straßburg war als junges Mädchen bei Onkel

Bruno, da stand ich auch schon ganz dicht davor, gerade wie mein Mann

um mich anhielt ...«

»Ja, damals ... Ein Mädel ohne Geld ... eine Waise ... Und sonst noch

allerhand auf dem Herzen ... da war's weiter kein so großes Kunststück

... Aber jetzt, in deiner Stellung ... du bist doch selbst so stolz

auf deinen Rang und Titel ...«

Die Generalin von Glümke sah nachdenklich in die Ferne.

»Seinen Stolz muß man eben opfern, Dorle! ... Das ist's ja! Es muß

nur ein Ding sein, das das Opfer wert ist. Groß genug dazu! ... Man

muß nicht hinabsteigen auf eine andere Stufe im Leben, sondern alles

hinter sich lassen, mit einem freien Entschluß, auf einmal. Das könnte

ich wohl, weil das etwas Ganzes ist!«

»Na ... vorläufig bist du ja noch nicht so weit!« lachte Dorle. Sie

nahm die schwermütige Anwandlung der schönen Schwester nicht ganz

ernst, und jene nickte selbst: »Ich sag' dir ja: ich weiß es noch

nicht. Ich habe ja noch ein langes Leben vor mir. Mir ist nur das eine

klar: so ganz leer wie jetzt darf es nicht bleiben. Ich muß ihm einen

Inhalt geben!«

Nun konnte Frau Dorle Grotjan das, was ihr die ganze Zeit schon auf

Herz und Lippen lastete, nicht länger an sich halten: »Zu komisch! ...

An das Nächstliegende denkst du wohl gar nicht, Maxe?«

»An was denn?«

»Herrgott: daß du noch einmal heiratest!«

Ihre Schwester hörte es nicht oder wollte es nicht. Sie blieb bei

ihrem Gedankengang.

»Ich hab' mich diesen Winter schon im Kultusministerium erkundigt!«

sagte sie. »Wegen meiner Diakonissenpläne. Oder vielmehr: wenn --

dann würde ich Johanniterschwester werden! Die Ausbildung geht da

schneller. Nur ein Jahr. Und wo wir die Menge Johanniterritter in

unserer Verwandtschaft haben! Da nehmen sie natürlich Rücksicht --

auch darauf, daß man schließlich doch auch als Exzellenz und Generalin

zu ihnen kommt. Ich kann da vielleicht mit der Zeit einen größeren

Wirkungskreis erhalten ... Oberin werden, oder ...«

Frau Dorle schüttelte ratlos den Kopf.

»Ich denk' immer, ich hör' nicht recht! ... Wenn ich mir vorstelle, du

in der Schwesternhaube ... eine große Dame wie du ...«

»Eben deswegen! Ich habe viel vom Leben und der Welt gehabt! Mehr

als andere! ... Und dies Leben und mein Schicksal hat mich ernst

gemacht. Ich bin doch nicht mehr das dumme, blonde Mädel von vor acht

oder zehn Jahren, wie wir drei es damals waren! ... Ich bin doch ein

gereifter Mensch geworden und hab' Zeit genug gehabt, über vieles

nachzudenken. Jetzt bin ich immer noch jung. Ich seh' gut aus. Die

Leute freuen sich, wenn ich komme. Aber man wird älter! Was tu' ich

denn in späteren Jahren? Soll ich denn da ewig noch, in dreißig oder

vierzig Jahren, als die vor undenklicher Zeit mit achtundzwanzig

verwitwete Exzellenz Soundso herumlaufen und dem lieben Herrgott die

Tage stehlen?«

»Heiraten sollst du!«

»... da will ich mich doch lieber nützlich machen,« schloß

Maximiliane, als hätte sie nichts von den Worten der Schwester

vernommen. »Das kann mir wirklich niemand verargen!«

Die junge Hauptmannsfrau faßte die lange, schmale, weiße Hand der

Älteren und hielt sie zwischen ihren eigenen, molligen, rundlichen

Patschen.

»Nützlich macht man sich, wenn man glücklich macht, Maxchen! Dazu hast

du doch das Zeug wie wenige. Es ist ja jammerschad' um dich! ... Du

mußt dich jetzt an den Gedanken gewöhnen, wieder zu heiraten! ... An

Bewerbern kann es dir doch in Berlin nicht fehlen! Es war doch gewiß

schon mehr als einer da!«

Die Generalin mußte über die Naivität der kleinen Grenzbewohnerin

lachen.

»Einer, Dorle?« sagte sie. »Eine Legion! Ich kann mich gar nicht vor

ihnen retten! Sie laufen mir das Haus ein! Ich mach' schon, wenn ich

Einladungen annehme, bei meinen Freunden zur Bedingung, daß ich nur

verheiratete. Leute zu Tischherren kriege! ... Nein, was das betrifft,

da hätt' ich wirklich die Wahl ...«

»Ja, da wähl doch in Gottes Namen!«

Maximiliane von Glümke war wieder ernst geworden. Sie machte ihre

Rechte frei, legte die Hände im Schoß zusammen und versetzte ruhig:

»Du vergißt immer -- und mir scheint, ihr alle vergeßt es immer ein

wenig, wenn ihr euch meinen Kopf zerbrecht: meine Ehe ist sehr, sehr

glücklich gewesen. Ich kann es wirklich jetzt hinterher noch, wo die

Zeit alles geklärt hat, mit gutem Gewissen sagen. Ich habe nie, auch

nur einen Augenblick, die Stunde bereut, wo ich ›ja‹ gesagt hab',

trotz des Altersunterschieds. Aber daß die Ehe glücklich war, war eben

ein Glück. Das kehrt so leicht nicht wieder!«

»Das kommt nur auf den Zweiten an!«

»Ja eben, Kind! ... Ich kann dir nur wiederholen: ich war in einer

äußerlich glänzenden Stellung. In meiner Zeit als Mädchen hatte ich

in der Hinsicht nur zu gewinnen, jetzt als Witwe hab' ich auch viel

zu verlieren! ... Soll ich mir die Stellung bewahren, die ich jetzt

inne habe ... so muß ich jemanden zum Mann nehmen, der schon in hohem

Amt und Würden ist! ... Es gibt ja solche Leute in der Armee und in

der Verwaltung, die es so eilig hatten, Karriere zu machen, daß sie

darüber das Heiraten vergaßen, bis sie eines schönen Tages vor dem

Spiegel ihre grauen Haare entdecken! ... Solche großen Tiere kommen

wohl auch in meinen Gesichtskreis. Für solch eine Vernunftehe dank'

ich! ... Für eine zweite! ... Da bleib' ich lieber frei und behalte,

was ich ohnedies schon hab'!«

»Es gibt doch auch noch andere Menschen auf der Welt!« sagte Dorle.

»Kind, das verstehst du nicht ... Man kann sich nicht von heute auf

morgen umkrempeln wie einen alten Handschuh und in kleine Verhältnisse

zurück. Wenn man gewöhnt war, daß die Damen einer ganzen Division

einen zuerst grüßten, daß der Regierungspräsident einen zu Tisch

führte und Fürstlichkeiten einem die Hand küßten ... und dann

hinterher ... nein, so bescheiden bin ich nicht ...«

»Aber das hängt doch nur davon ab, Maxe ...«

»Es wäre ein Unrecht an dem Zweiten! Ich habe Angst, was da alles

kommen könnte! ... Nein, lieber nicht! Lieber schon die Einsamkeit, da

bin ich wenigstens nur für mich verantwortlich! ... Warum lachst du

denn auf einmal so dumm, Dorle?«

»Ach ... ich denke mir so mein Teil!«

»Was heißt das?«

Frau Grotjan legte der Generalin die Hand auf die Schulter.

»Du hast ganz recht, Maxe! ... Du bist noch nicht so weit! ... Du mußt

warten, bis der Richtige kommt!«

»Woran erkenne ich denn den?«

Die Schwester lachte wieder.

»Daran, daß du dich in ihn verliebst, du Unglücksgeschöpf ... Aber

gründlich verliebst! Bis über die Ohren! ... Das fehlt dir! ... Das

ist dein ganzes Unglück! ... Verlieb dich nur mal recht herzhaft,

Maxe! Dann sind deine Diakonissengeschichten gleich beim Kuckuck! ...

Dann ist dir's auch ganz gleich, ob er Hauptmann oder General ist. Du,

Hand aufs Herz, Maxe: Hast du denn wirklich gar nichts da im Herzen

drinnen?«

»Nein!« erwiderte Exzellenz von Glümke. In einem plötzlich kalten und

gleichgültigen Ton, vor dessen Abwehr ihre Schwester verstummte, und

stand auf. »Sag mal: wo ist dein Mann denn eigentlich hingeraten, und

die Kinder?«

»Irgendwo voraus! Laß sie doch nur!«

»Nein. Ich finde, es wird kalt hier!« sagte Maximiliane mit sonderbar

unbewegtem Gesicht und frostiger Stimme und knöpfte sich die Jacke zu.

»Die Sonne ist auch schon unter! ... Komm -- wir wollen nach Hause!«

Der Abend verlief still und gemütlich. Die Grotjans waren die rechten

Heimchen am Herde. Natürlich erschienen auch wieder Kameraden mit

ihren Frauen. Das Pionierehepaar konnte sich dies offene Haus leisten,

trotz seiner beschränkten Mittel. Denn hier war die Einfachheit noch

an der Tagesordnung, das berühmte altpreußische Butterbrot, dessen

Name sonst wie eine Sage aus verklungenen spartanischen Zeiten in den

modernen Wohlstand der Armee hineinklang, noch leibhaftig auf der

Schüssel zu schauen. Hinterher tranken die Herren Bier, die Damen

Tee. Die Herren saßen im Zimmer rechts, die Damen im Zimmer links.

Die einen sprachen vom Dienst, die anderen von den Dienstboten.

Maximiliane hörte mit geistesabwesendem Lächeln den Hausstandsorgen um

sie herum zu. Ihre Gedanken waren wo anders. Es war eine Unterströmung

in ihrer Seele -- eine Nachwirkung des Gesprächs von vorhin -- die

alte Traurigkeit und Ruhelosigkeit ... Und dann, mitten in der Nacht,

schlug sie die Augen auf. Sie hatte Herzklopfen. Sie konnte nicht

schlafen. Dies unermüdliche, hastige Hämmern raubte ihr alle Ruhe.

Dabei war gar kein Grund dazu vorhanden. Sie wußte wenigstens keinen.

Sie sah in das Dunkel vor sich empor. Im Wandern ihrer Gedanken hörte

sie wieder die Worte ihrer Schwester: ›Warum heiratest du eigentlich

nicht?‹ Das war der Schlüssel zu dem ganzen Sein und Schicksal. Es

stand einer zwischen ihr und dem Leben und trat immer wieder in ihren

Gesichtskreis und kam jetzt wieder zurück. Sie wollte nichts von ihm

sehen und wissen, und doch ... was sie vorhin sich und der Schwester

verschwiegen und verneint, das sprach jetzt zu ihr die Stille der

Mitternacht: ›Ich liebe ja doch, wenn ich's auch zehnmal abgeleugnet

hab' ... Ich lieb', solange ich zurückdenken kann, lieb' ich den

einen! ... Ich hab' ihn fern von mir gesehen, losgelöst, nur noch

ein Bild heiliger Erinnerung, in den Jahren meiner Ehe ... Jetzt, in

meiner Einsamkeit, ist er wieder da ...‹

Sie stand auf, ging vorsichtig durch das dunkle Zimmer zum Fenster

und schlug den Vorhang zurück. Draußen lag heller Mondschein auf

den breiten, hellen Straßen und Plätzen der Thorner Neustadt.

Drüben schimmerten in dem blauen Dämmern die Dächer und Höfe der

Fußartilleriekasernen. Einsam schildernde Posten vor dem Tor. Der

Pfiff einer Lokomotive vom nahen Stadtbahnhof. Und in ihrem Ohr,

durch das ewige Hämmern des Herzens, etwas wie ein Rauschen --

wie Wellenstrudeln und Windeswehen -- und vor ihren Augen etwas

Unbestimmtes -- eine Rauchwolke dort am Horizont -- ein Dampfer fern

auf dem Meer -- er war in voller Fahrt -- er näherte sich -- er hatte

schon Teneriffa im Rücken ... bald legte er im Heimatshafen an.

Sie atmete schwer auf. Sie sagte sich: Gottlob -- wenn auch Logow

jetzt wieder nach Deutschland kommt, unsere Wege kreuzen sich nicht.

Sie werden ihn irgendwo an den Rhein bringen. Mama schreibt das nicht

umsonst. Sie hat schon ihre Quellen. Da bleibt er. Da mag er mit Ulla

so glücklich sein, als er vermag. Vielleicht finden sich jetzt die

beiden! Ich will das einzige dazu tun, was in meinen Kräften steht:

ich will seine Nähe fliehen. Es ist zu seinem Besten. Und zu meinem

eigenen erst recht ...

Am anderen Morgen merkten ihr die Verwandten nichts von den

durchwachten Nachtstunden an. Sie nahm heiter und unbefangen

Abschied von dem Grotjanschen Hause, küßte die Kinder, beschenkte

die Dienstboten und fuhr dann mit dem Ehepaar auf dem Krümperwagen

über die große Brücke hinüber, nach der Hauptstation. Dort gingen sie

auf dem Bahnsteig auf und nieder und warteten auf den von Rußland

herkommenden Zug. Draußen auf dem freien Gelände zwischen Bahnhof

und Fluß war ein Kommen und Gehen zu den nahen Kasernen. Offiziere

zu Fuß und zu Pferd. Ein Hauptmann sah den Pionier und seine Frau,

blieb grüßend stehen und rief hinüber: »Haben Sie schon 's neueste

Militärwochenblatt gelesen, Grotjan?«

»Nee!«

»Gestern abend erschienen! Warten Sie ... Ich hab's bei mir ... da ist

nämlich was drin, was Sie auch interessiert! ... Sie sind doch nahe

verwandt mit dem Logow, dem bisherigen Chilenen?«

»Ja. Unsere Frauen sind Schwestern!«

»Na -- da sehen Sie ... Glück muß der Mensch haben!«

Er trat heran und zeigte dem andern eine Stelle in der Zeitung, und

Maximilianes Schwager las halblaut: »Von Logow, Hauptmann <f>à la

suite</f> der Armee, bisher in chilenischen Diensten, vom 25. Mai ab

in den Großen Generalstab versetzt!«

»Donnerwetter ja!« sagte er, gab dem Hauptmann, der sich mit erneutem

Gruß entfernte, das Blatt zurück und wandte sich, über sein ganzes

langes, ehrliches Gesicht von neidloser Genugtuung strahlend, zu den

Damen. »Na -- das gönn' ich dem Logow! ... Das gönn' ich ihm von

Herzen! ... Da muß er sich ja riesig wieder herausgemacht haben in

Südamerika! Nun hat er wieder seinen Stein im Brett!«

»Einsteigen!« schrie der Schaffner. Der D-Zug aus Eydtkuhnen war

eingelaufen. Maximiliane von Glümke nahm in ihrem Abteil Platz und

ordnete mechanisch ihre Sachen. Dann beugte sie sich zum Fenster

hinaus. Unten standen die Geschwister und freuten sich noch immer über

die gute Nachricht. Sie waren stolz auf den Schwager.

Der Hauptmann Grotjan rief: »Na ... grüß den Erich schön von uns! Du

wirst ihn ja nun bald zu sehen kriegen! ...«

»Ja ... ich weiß es nicht ...« sagte die Generalin von Glümke. Sie war

blaß geworden. Die fröhlichen Leutchen da unten beachteten es nicht.

Der Pionier lachte: »Wieso? Wo ihr jetzt beide in Berlin wohnt -- die

Logows und du ... Du, hör mal: Erich und seine Frau müssen jetzt uns

auch hier in Thorn besuchen! ... Schärf es ihnen jedesmal ein, so oft

du mit ihnen zusammen bist! ... Vergiß es nicht ...«

»Ich werde daran denken ...« Die Stimme der jungen Frau war tonlos.

Die Räder knarrten. Der Zug setzte sich in Bewegung und rollte in der

Richtung nach Berlin.

20

»Ich finde es ers--taunlich,« sagte John Bannersen, in seinem

kaltblütigen und nachdrücklichen Deutsch von der Waterkant, und

zündete sich seine Nachtischhavanna an, » ... ich finde es offen

ges--tanden ers--taunlich, wie ein Mensch in deinem Alter dies

Nichtstun jahraus jahrein aushält! Als ich in den Dreißig war, mein

lieber Otto, da hab' ich drüben in New Orleans im Baumwollgeschäft

Blut und Wasser geschwitzt! Das war kein S-paß! ... Aber du denkst:

wozu hat der alte Mann da hinten seinen Arnheim s--tehen? Tja ... Aber

wenn der Kasten nun mal verschlossen bleibt? ... Was dann, min Jong?«

Otto von Ottersleben stand am offenen Fenster des Arbeitszimmers

seines Schwiegervaters. Draußen im Vorgarten der Charlottenburger

Villa leuchtete das Sommergrün des Juni in der Sonne. Finkenschlag

und Sperlinggezwitscher klang aus dem Laub der Lindenreihen auf der

Straße, die ihren Schatten über den heißen Asphalt warfen. Sein

hübsches Gesicht war verdüstert. Er drehte sich um und versetzte

heftig: »Ich kann nichts dafür, Papa! Du weißt doch, was für

gräßlichen Ärger ich mit dem Gut gehabt hab'! ... Der Verwalter hat

gestohlen ... ich hab' jedes Jahr ein kleines Vermögen zugesetzt ...

da hab' ich schließlich verkaufen ~müssen~ -- wenn auch mit

Verlust.«

»Eingeseift haben sie den Herrn Leutnant a. D.!« nickte der alte Herr.

»Das kommt davon, wenn man seine Branche im S--tich läßt. Ich bin nun

schon 'n büschen schlecht auf den Augen, aber ich will dir jetzt noch

auf der Liverpooler Baumwollbörse im <f>arbitrationroom</f> auf zehn

Schritte sagen: Das ist <f>good middling</f> und das ist <f>fine</f>

-- da macht mir keiner was vor! ... Du aber vers--tehst nichts von

Landwirtschaft. Seit vorigem Herbst sitzt du nun wieder mit Frau und

Kindern in Berlin! Und was nun weiter ... Hm?«

»Ich weiß nicht!«

»Dat 's ja nun wohl slimm!« versetzte John Bannersen phlegmatisch,

entsandte wieder eine Weile blaue Havannawolken aus den Tiefen seines

Klubstuhls und wurde plötzlich in einer ganz breiten und gelassenen

Art ungemütlich. »Ich hätte mich als junger Mensch geschämt. Ich hätte

lieber Säcke im Hafen getragen oder Holz gehackt, als den ganzen Tag

unserm lieben Herrgott die Zeit s--tehlen!«

»Verzeihung, Papa ... Diesen Umgangston bin ich nicht gewohnt!«

»Das glaub' ich!« sagte John Bannersen mit unerschütterlicher Ruhe.

»Ich hab' auch lang genug gewartet. Ich hab' jahrelang s--till

zugesehen, ich übers--türze nie etwas. Aber nun ist meine Geduld zu

Ende. Leuten, die nicht arbeiten wollen, hänge ich den Brotkorb höher.

Du vers--tehst ...«

Sein Schwiegersohn biß sich auf die Lippen in hilflosem Widerwillen

gegen diese plebejische Auffassung seiner Existenz. Er machte eine

verächtliche Handbewegung und zwang sich zu hochmütiger Ruhe.

»Du entschuldigst, Papa, wenn ich dir auf diese Verkehrsformen nicht

folge! Sie sind mir zu vulgär!«

Der Baumwollschwiegervater lächelte mit breitem Behagen.

»Geldverdienen ist immer vulgär! Geldausgeben immer fein! Nicht

wahr? Aber ich s--pare das Geld lieber für meine Enkel. Ich leg'

es testamentarisch fest, s--tatt daß ich es Leuten geb', die es

verplempern. Wenn du, ein kräftiger Mensch, dich dein Leben lang von

deiner Frau und deinen Kindern ernähren lassen willst ...«

»Adieu!«

Otto von Ottersleben war schon an der Tür. Herr Bannersen erhob sich

erstaunt aus dem Sessel.

»Ja, wenn du freilich mitten aus einer ruhigen geschäftlichen

Bes--prechung davonläufst ...«

»Adieu! Ich hab' genug gehört!«

Der junge Mann schlug dem Schwiegervater die Tür vor der Nase zu,

der drinnen breitbeinig stehen blieb und ihm, die Hände in den

Hosentaschen, voll Seelenruhe nachsah, und trat verstört in ein

Nebenzimmer. Dort saß seine Frau mit ihrer Mutter. Sie schluchzte. Ihr

niedliches Gesichtchen war verweint und verwaschen. Sie flog an seine

Brust.

»Otto! ... Mama sagt ... Papa gibt von heut ab nur noch die Hälfte! Er

sagt, wir täten nichts!«

»Er sagt noch viel mehr!« versetzte Otto von Ottersleben wütend und

schob Adda sanft zur Seite. Er wollte nur fort aus diesem Hause, in

dem man ihn ~so~ behandelte! Er mußte jetzt mit sich allein

sein, um sich klar zu werden, was er sich schuldig war. Er küßte seine

Frau auf die Stirne.

»Auf nachher, Adda! Wir treffen uns bei Maxe und gratulieren ihr zum

Geburtstag! Also in 'ner Stunde! ... Adieu! ...« Er stürmte davon

und lief ziellos, düster, mit dem Spazierstöckchen wippend durch die

sonnenhellen Straßen Berlins. Überall wimmelte es von Menschen. Alle

schienen etwas zu tun zu haben. Sie gingen ruhig, mit geschäftlich

gespannten Mienen. Er sagte sich trotzig: ›Gottlob, daß ich nicht

so zu schuften brauch' wie die Spießer!‹ aber ihm war nicht wohl

dabei zumut. Ihm war, als antwortete ihm die breite schwere Stimme

des Schwiegerpapas: ›Dafür bist du eine Drohne. Du wirst schlecht

behandelt und mußt es dir gefallen lassen!‹ ... Und in ihm war ein

sonderbar katzenjämmerliches Gefühl, inmitten dieser Stadt, in der

alles vom Morgen bis zum Abend, vom Kaiser bis zum Kärrner tätig war.

Er blieb unschlüssig stehen. Er hatte keine Lust, jetzt schon seine

Schwester, die Exzellenz, aufzusuchen. Da saß alles voll Frauenzimmer,

es wurde durcheinandergeschwatzt und Geburtstagskuchen gegessen. Dazu

war er nicht in der Stimmung. Er fühlte das Bedürfnis, sich an irgend

jemandem festzuhalten, mit einem vernünftigen Menschen zu reden.

Hier in der Nähe wohnte sein Onkel Bruno, der Generalleutnant. Er

war lange nicht bei ihm gewesen. Er hatte, als verwöhnter Gentleman

von Paris oder der Riviera heimkehrend, eine unbestimmte, ein wenig

geringschätzige Scheu vor diesem nüchternen, altpreußischen Haus.

Aber heute schien es ihm, in seiner Gekränktheit und Ratlosigkeit, wie

eine Heimat. Er stiefelte entschlossen drauf zu und war froh, als ihm

gemeldet wurde, Exzellenz seien daheim und würden sich sehr freuen.

An dem General Bruno von Ottersleben waren die Jahre scheinbar

spurlos vorübergegangen. Es war immer noch dieselbe aufrechte,

breitschulterige, ein wenig schwere Gestalt, dieselben klugen, etwas

grobgeschnittenen Züge voll ruhigen Wohlwollens und unerschütterlicher

Festigkeit. So hörte er die Klagen an, in denen sein Neffe ihm das

Herz ausschüttete und wütend schloß: »Wenn der Olle mir ~so~

kommt ... mir so ... sozusagen mir nichts dir nichts die Temporalien

sperrt ... ich lass' mir von dem alten Rauhbein nichts gefallen ... da

kennt er mich schlecht! Aber ich sitze ja rein auf dem Pfropfen ...

Wovon soll ich denn leben ... zum Kuckuck ... mit Frau und Kindern?

... Ich bin ja ganz in seiner Gewalt! Schließlich wird er noch

verlangen, ich soll in sein Geschäft eintreten ... Baumwolle zupfen

... hol' mich der Deubel ... ich bin doch ein Ottersleben ...!«

Der Blick des Generals lag ruhig prüfend auf dem aufgeregten,

auffallend hübschen jungen Mann. Er musterte sein Äußeres von Kopf

bis zu Fuß -- den eleganten blauseidenen Knoten des Selbstbinders,

der aus dem Schlitz des hohen Stehumlegkragens hervorquoll, die

geblümte Phantasieweste unter dem taubengrauen Cutaway, die bunten

Sockenzwickel zwischen dem aufgekrempelten Beinkleid und dem

ausgeschnittenen Lackschuh. Er verstand nicht das Geringste von diesen

Dingen vom Zivil, er ahnte nicht, daß dies Ganze ein aus dem Rahmen

einer Schneiderzeitung gestiegenes Musterbild der Mode war -- für

ihn bedeutete es nur ein Gleichnis, und er sagte, nachdem der andere

geendet, ruhig: »Dein ganzes Unglück ist, daß du falsch angezogen

bist, Otto!«

»Ich? Wieso?«

Der Neffe sah erschrocken an sich hinab. Sein Onkel fuhr fort: »Du

sagst selbst, du bist ein Ottersleben! ... Ein junger, gesunder,

kräftiger Ottersleben. Also solltest du von Gottes und Rechts wegen

die Uniform tragen. Dann wäre dir gleich wohler ...«

»Ich bin doch Reserveoffizier bei dem Kü...«

Der General unterbrach ihn mit einer Handbewegung und fuhr fort:

»Hänge du mal den grauen Schwalbenschwanz und die Fastnachtsweste, die

du anhast, an den Nagel und geh und suche dir wieder eine Uniform --

ich will dir helfen ... und wir werden leicht eine finden -- aber ...

eine blaue, mein Sohn, mit schönem schwarzen Kragen ...«

»Ich soll wieder Artillerist werden?«

»Paß mal auf!« sagte der General gelassen. »Wenn du das erste Mal

kommandiert hast: ›Erstes Geschütz: Feuer!‹ -- wie nützlich du dich

gleich nach dem Knall wieder auf der Welt fühlst. Jetzt weißt du ja

nicht, wozu du eigentlich da bist. Und wir anderen offen gestanden

noch weniger!«

»Ja, aber ich in einem Artillerieregiment ... mit dem rasenden Geld

...«

»Wozu brauchst du denn das rasende Geld? Hat dein Schwiegervater

nicht seinerzeit der Form wegen das Kommißvermögen für dich einzahlen

müssen?«

»Ja ... das schon ... aber ...«

»Gut! Dann leb doch mal von den Zinsen des Kommißvermögens! Wenigstens

eine Zeitlang! Pfeif ihm auf seinen sonstigen Krempel! Dann bist du

wahrscheinlich der einzige Mensch, der dem alten Herrn seit fünfzig

Jahren imponiert hat!«

»Ja, aber ... meine Frau ist doch so verwöhnt ...«

»Stell sie doch mal auf die Probe! Sie hat dich doch lieb! Es wird

schon gehen! ... Deine Tante da drinnen und ich, wir haben in unserer

Leutnantszeit überhaupt nicht gewußt, was warmes Abendbrot ist ... Und

wir leben auch noch ... Das ist nicht so schlimm ...«

»Aber es wäre doch furchtbar schwer, Onkel ...«

Exzellenz von Ottersleben langte nach Mütze und Säbel. Er wollte in

den Grunewald reiten. Unten auf der Straße harrte der Bursche mit den

Pferden.

»Ja, wenn das alles so leicht wäre, lieber Neffe!« sagte er, »dann

könnt' es jeder! Das sind eben die Kraftproben! Sieh zu, was in dir

steckt! Vielleicht mehr, als du glaubst und man dir zutraut! ... So --

nun weißt du meine Meinung. Ich muß jetzt fort! Adieu, Mutter!«

Du Schwert an meiner Linken · 第 23 / 27 段