Jetzt öffnete sich die. Ein eleganter Generalmajor vom Gardetypus trat

heraus. Einen Augenblick sah man in das Innere, in eine große Stube,

die bis aufs Letzte kahl ausgeräumt war. Kein Tisch, kein Stuhl in

der Ecke war geblieben. Von der Decke sandte ein Kronleuchter seinen

hellen Schein in alle Ecken und auf den Boden. Den deckte ein Netz

aneinandergefügter Generalstabskarten -- das ganze Manövergelände im

kleinen, von der Kocher und Jagst bis über den Rhein, von dem Main bis

an die Murg. Kleine bewimpelte Nadeln staken an einzelnen Stellen in

den Plänen und zeigten den augenblicklichen Standort der Truppen an.

Davor lag auf dem Bauch, die Ellbogen aufgestützt, den Kopf in den

flachen Händen, jemand am Boden, lang auf den Holzdielen ausgestreckt.

Man sah von hinten sein kurzgeschnittenes schlohweißes Haar, das

Funkeln der goldenen Raupen auf den Schultern, das Glitzern der Sporen

an den Reitstiefeln. Neben sich hatte er rechts und links auf der Erde

ein brennendes Licht stehen, um besser die Karten lesen zu können.

Das war der Höchstkommandierende. Sein Wille lenkte wie durch einen

Fingerdruck auf einen elektrischen Knopf den ganzen mächtigen Apparat

da draußen. Er sann über den morgigen Tag. Stumm lag er da und rührte

sich nicht. Hinter ihm stand sein Adjutant und schwieg. Die Tür schloß

sich.

Nebenan hatte der blonde Gardegeneral inzwischen erfahren, um was

es sich handelte, und versetzte, halblaut -- denn in diesen Räumen

wurde nur flüsternd gesprochen: »Nach unseren bisherigen Meldungen,

Exzellenz, hat Ihr Herr Gemahl allerdings leider einen bösen Sturz

getan. Er liegt noch in dem Pfarrhaus des Dorfes, in dessen Nähe das

Malheur geschah ...«

»Und was sagen die Ärzte?«

»Vorläufig nichts Bestimmtes, Exzellenz! ...«

Der Generalmajor zuckte vielsagend die Schultern und wandte sich an

Otto von Ottersleben.

»Sie scheinen mir ja militärisch geschult: Ich werde Ihnen auf der

Karte den nächsten, für Automobile praktikablen Weg dorthin zeigen und

telephonisch Order vorausschicken, daß man Sie an der Heidelberger

und der Eberbacher Brücke sofort durch die Trainkolonnen, die Sie da

kreuzen müssen, durchläßt!«

Der Mond war aufgegangen. In silbernem Blau lag die Pfalz. Die

Heidelberger Schloßruine träumte im Dämmerschein über der Neckarstadt,

durch deren Gassen das aus der Rheinebene heranrasende Automobil

in das Flußtal hineinschlüpfte, das Rauschen der Stromschnellen

zur Linken, durch das schlafende, mittelalterliche Neckargemünd,

vorüber an dem geheimnisvoll im Mondschein ragenden Geviert der

Landschadenburgen -- zuweilen, an den Neckarübergängen, plötzlich,

jäh, aus der Nacht heraus, der Trubel des Scheinkriegs, Fackeln,

lange Wagenzüge, Geschrei und ebenso rasch wieder tiefe Stille --

Menschenleere -- Mondschein -- ein Reh über den Waldweg. Kühle. Herber

Hauch von den Höhen, über denen wieder eine riesenhafte altersgraue

Burgruine dräuend wie ein Drache zu Tal hing. Auf dem Fluß rasselte

es in langer Lichterreihe und kläfften die Schifferspitze. Ein

Schleppzug fuhr bergwärts. Er verlor sich um die Biegung. In den

dunklen Massen des Waldes da oben kreischten und johlten unheimlich

die unsichtbaren Nachtkäuzchen. Es war wie ein böses Vorzeichen.

Weiter! Nur weiter! ... Aus der Odenwaldenge heraus, aus den ewigen,

zeitraubenden Windungen des Flusses! Eine Schwenkung nach rechts. Dort

drüben, über dem Massiv des Katzenbuckels, färbte sich der Himmel

von feierlicher Röte. Lange Purpurstreifen zogen sich quer durch das

Grau des Ostens. Die Sonne ging auf. Man ließ sie halb im Rücken.

Man fuhr endlich den geraden Weg, den bisher die Berge versperrt,

nach Süden, in das fließende Nebelgrau der Dämmerstunde hinein. Dann

zerteilten sich die feuchten Schleier. Der Himmel blaute. Man konnte

bei Tageslicht leichter die Karte und die Wegweiser lesen als bisher

beim Windgeflacker des Wachsstreichholzes. Geräuschlos rollte das Auto

über die weichen Ackerpfade. Ein einsamer Einjährig-Freiwilliger kam

herangehumpelt, fußkrank, auf dem Weg zur Etappe. Er hatte Schmisse

im Gesicht und trug einen Zwicker. Otto von Ottersleben rief ihn an:

»Wissen Sie, wie's Herrn General von Glümke geht?«

»Ich fürchte, gar nicht gut. Es sagen's wenigstens alle im Biwak!«

»Ist's noch weit?«

»Dort sehen Sie schon den Kirchturm über dem Hügel!«

Hinter diesen Höhen war das Biwak des Gros' der vierundfünfzigsten

Division. Die Truppen waren noch nicht angetreten. In langen Reihen

schimmerten die Pyramiden der zusammengesetzten Gewehre. Die

Mannschaften standen am Wege, gegen das Dorf zu, Tausende und aber

Tausende, mit dem blauen Schein der Waffenröcke die Felder füllend,

da und dort die Offiziere dazwischen, und überall war das gleiche,

seltsam-ernste, wie angstvolle Schweigen. Das Automobil konnte nur

noch ganz langsam fahren. Maximilianes Auge ruhte leer auf der

menschenerfüllten Gasse vor ihr. Was war das nur alles? ... Diese

Morgenröte hier ... das fremde Dorf ... die vielen Leute? ... Ihr

schien es wie ein böser Traum der Nacht. Man wachte auf, und er war

verflogen. Nein: das war Wirklichkeit. Da war die Kirche. Daneben

das Pfarrhaus. Auf dem Platz davor, unter der herbstbunten Linde,

Offiziere, Offizierspferde, Offiziersburschen, wieder Offiziere --

auf den Torstufen -- auf der Schwelle -- im Flur. Hier kannte man die

Frau des Divisionskommandeurs. Ehrerbietig machte alles Platz. Stumm

hoben sich die manöver-dunkelbehandschuhten Hände an die Helmbänder.

Sie stieg aus. Ihr Bruder stützte sie. Sie sah sich ratlos um. Es war

solch ein sonderbarer Ausdruck in all den sonnengebräunten Gesichtern,

solch eine drückende Stille ... Sie ging in das Haus -- in einem

ungläubigen Staunen: Sie hatte noch nie Männer weinen sehen. Aber die

zwei, drei Offiziere, die da standen, hatten Tränen in den Augen,

hier der Oberst von Mensingen, da der Divisionsadjutant, der Major

Gutgesell. In der Ecke heulten die Glümkeschen Burschen, Mannhardt,

der erste Pferdebursche, und Hinsch, der andere, als sie ihre Herrin

erblickten. Und sie dachte sich befremdet: Was bedeutet das alles? und

wußte es doch, noch ehe plötzlich der Divisionspfarrer vor ihr stand

und stumm ihre Hand ergriff und langsam die Tür öffnete.

Die helle Morgensonne lag in trügerischem Rot auf dem ernsten Antlitz

des Generalleutnants Olaf von Glümke. Ihn störte der Glanz des neuen

Tages nicht mehr. Seine Lider waren geschlossen. Es war, als ob er

schliefe, das von weißen Mullstreifen umwundene Hinterhaupt auf das

weiße Kissen gebettet, die Orden auf der Brust, die weißbehandschuhten

Hände, zwischen denen ein kleines Kruzifix lag, über dem Säbelknauf

verschlungen, in einer feierlichen Ruhe, die von seinem Totenbett

ausging und das Gemach erfüllte. Von draußen, aus dem Flur, tönte

wieder Schluchzen, und weiterhin, im Freien, von den Feldern und Wegen

ein unbestimmtes, tausendfaches Summen und Murmeln und Brausen von

Stimmen. Dann trat der Generaloberarzt hastig über die Schwelle:

»Rasch ... Wasser ... Ihre Exzellenz ist ohnmächtig geworden ...«

In einem Nebenraum bemühten sich die Ärzte, die Schwester und die

Schwägerin um Maximiliane. Sie lag bewußtlos. Sie hörte nicht, wie

fern ein dumpfer Kanonenschlag erscholl, zwei, drei -- ein ganzes

Geböller, stürmisch aufflackerndes Kleingewehrgeplacker bei den

Vorposten -- Hornsignale -- ›An die Gewehre!‹ -- ›An die Pferde!‹

-- ›An die Geschütze!‹ -- Ein Laufen und Rennen -- ein Jagen von

Adjutanten, von denen einer einem anderen durch Hufschlag und

Säbeltanzen an der linken Pferdeflanke zurief: »Man merkt schon, daß

Glümke nicht mehr kommandiert! Wir müßten schon seit zwei Stunden

unterwegs und dem Gegner im Rücken sein ...«

»Ja, aber das Unglück ...«

»Wenn er noch hätte reden können, hätte er gesagt: Kinder ... Krieg

ist Krieg! ... Kümmert euch nicht um mich ... Vorwärts! ... Spuckt den

Roten gehörig in die Morgensuppe, daß sie noch einmal an mich denken!

...«

Nun brüllten da vorn schon überall die Kanonen. In langen Schlangen

setzte sich die Division in Bewegung. Von der Rheinebene grollte es

dumpf herüber. Luftschiffe und Flugzeuge erschienen schwimmend und

suchend am Himmel -- das Kaisermanöver ging seinen Gang, die Massen

waren im Fluß -- der Tod eines einzelnen konnte dies Widerspiel

von Krieg und Tod nicht hemmen. Die Scheiben des Zimmers, in dem

der General von Glümke ruhte, zitterten leise im fernen Donner der

Geschütze.

19

Und wieder war der Mai im Land ... der Mai im äußersten Osten des

Reiches, mit kaltem Steppenhauch von drüben aus der russischen Weide,

mit Nachtfrösten und Wetterschauern -- aber doch der Frühling ... das

erste Grün an Baum und Strauch, die ersten warmen Sonnenstrahlen vom

blaßblauen Himmel.

Dort, fern am anderen Ufer der Weichsel, lag malerisch das altersgraue

Thorn mit seinen Mauern und Zinnen aus der deutschen Ordenszeit,

seinen spitzen Giebeln und Backsteinmassen mittelalterlicher Kirchen.

Von ihnen klangen die Sonntagsglocken. Der Wind trug den Schall

über das flache Land, er ließ da unten die lehmgelben Wellen des

Flusses weiß aufheulen und pfiff ungestüm in dem Eisengitterwerk

der Riesenbrücke, die einen Kilometer lang sich anscheinend fast

unabsehbar über den Grenzstrom spannte.

Maximiliane von Glümke schritt auf ihr dahin, das blonde Haupt gegen

den Sturm vorgeneigt, daß die Enden ihres blauen Schleiers flatterten:

sie trug kein Schwarz mehr. Schon vor anderthalb Jahren hatte sie nach

Ablauf des Trauerjahres den Flor abgelegt. Aber jetzt noch zeigte

ihre Kleidung in ihrem einfachen tiefen Violett die Zurückhaltung

der Witwe und der Exzellenz. Sie war mit dem kleinen Dampfboot über

den Fluß gefahren und kehrte von ihrem einsamen Spaziergang in das

Grotjansche Haus zurück, in dem sie, von Berlin aus, zu Besuch weilte.

Sonntagsausflügler kamen ihr entgegen, polnische Bauern, Soldaten vom

Infanterieregiment von Borcke, dessen Kasernen hinter ihr wie ein

Brückenkopf halb in den Wäldern verborgen lagen, andere vom Regiment

von der Marwitz, von den Ulanen, Fußartilleristen und Pioniere der

großen Grenzfeste. Dann ein Keuchen und Poltern. Ein Eisenbahnzug

rollte langsam vom Stadtbahnhof nach der Station Thorn hinüber.

Eydtkuhnen-Berlin stand auf den Wagen. Fremdartige Gesichter sahen

heraus. Die Brücke zitterte leise. Ein vorbeireitender junger Offizier

hatte Mühe, sein schnaubendes Pferd auf den glatten Holzbohlen

des Bodenbelags neben dem Schienenstrang versammelt zu halten. Er

hatte nicht aufgepaßt gehabt. Beinahe wäre das Tier gestrauchelt.

Maximiliane ging weiter. Der Zwischenfall hatte ihr einen Stich in das

Herz gegeben. Er hatte sie an den Sturz und Tod ihres Mannes erinnert

... Vor zweieinhalb Jahren ...

Die Generalin von Glümke ging und ging. Wohl fünf Minuten schritt

ihr Fuß schon über diese Brücke. Aber das andere Ufer schien immer

noch gerade so fern wie zuvor. Ihr dünkte das, in der Schwermut der

Frühlingsstimmung, wie ein Sinnbild des Seins. Man wanderte -- man

hatte keinen Gefährten zur Seite -- da vorn verlor sich vor den

Augen ein Ziel -- man wanderte und erreichte es nicht ... Die Sonne

tröstete mit mildem Strahl -- da unten spielten die Wellen -- Menschen

kamen vorbei -- lachend -- schwatzend -- im Sonntagsstaat -- aber

selber war man allein und wanderte, das Auge auf der Stadt da drüben

mit ihren grauen Türmen, im Ohr die Glocken, im Herzen ein trübes,

unbestimmtes Sehnen der Verlassenheit ... Sie blieb stehen und blickte

zurück. Die dunklen Streifen am Horizont, keine zwei Stunden entfernt,

das waren schon die Grenzwälder. Gleich dahinter begann das heilige

Rußland. Dem Blick verborgen, dehnten sich davor in weitem Halbkreis

die deutschen Forts. Sie trugen die Namen der Ordenshochmeister, von

Hermann von Salza bis zu Dietrich von Plauen, all der Großen mit dem

schwarzen Kreuz auf weißem Mantel, die trotz Tannenberg den Heiden

und Slawen die Ostmark abgerungen. In Metz hießen die Forts nach den

Helden des siebziger Kriegs. Metz ... der Abend im Garten der Villa

in Montigny stand vor ihr -- die rote Glut der sinkenden Oktobersonne

zwischen den hohen Bäumen -- damals hatte sich ihr Schicksal

entschieden. Sie hatte ihr »Ja« nie bereut. Sie war glücklich gewesen

mit ihrem Mann. Nun war das alles schon wieder vorbei, verschollen,

verronnen wie die Wogen der Weichsel unter ihr.

Im Weitergehen schaute sie über das Geländer in die Tiefe: schwer

wälzten sich da in rastlosem Schwall die Wellen. Graue Inseln oder

Sandbänke lagen scheinbar da und dort verstreut in ihrer gelben Flut.

Aber wenn man näher hinsah, waren es die kurzen plumpen Holzflöße der

Flissaken, deren Räubergestalten da unten, in einer Buschlichtung

des Überschwemmungslandes, um ein Feuer lagerten. Darüber hinaus

verlor sich der Fluß in die Weite ... in den bläulich verdämmernden

Horizont. Und ebenso endlos dehnte sich vor ihr die Brücke. Sie ging

und ging, nun schon eine gute Viertelstunde, immer über den Strom,

immer die Stadt vor Augen -- in der Seele die Frage: Wozu das alles?

... Man wandert und wandert ... das ist das Leben ... und vor einem

steht etwas wie ein Traumbild -- und weicht zurück ... und schließlich

ist das Leben zu Ende ...

Da war das Ende der langen Brücke. Die Straßen von Thorn. Sie

überquerte den Marktplatz, wo sonst an Wochentagen die russischen

Bauern mit ihren Gänsen unter den Armen standen. Vor dem Theater

hielten Krümperwagen. Offiziersdamen holten sich da für den heutigen

Sonntagabend ihre Eintrittskarten. Bald dahinter begann die Neustadt,

in der die Grotjans wohnten. Ihre Schwester Dorle, die mollige kleine

Hauptmannsfrau, empfing sie mit einem Seufzer der Erleichterung: »Na

... Gott sei Dank! Ich hatte schon Angst, die Kalbskeule wird zu

braun!«

Die sonntägliche Kalbskeule -- das war ein Ding von Bedeutung für den

Familienkreis. Frau Dorle, ihr Mann, vier hungrige kleine Mäuler unten

am Tisch. Er, der Hauptmann Grotjan, von den dreißigsten Pionieren,

saß zufrieden in der Mitte der Seinen. Er war immer ein wenig befangen

in Gegenwart seiner schönen Schwägerin, der Exzellenz. Und auch in

Gedanken an ihre anderen Verwandten: Otto, den Millionär, und Peter,

den kleinen Grenadier und glücklichen Bräutigam einer schlesischen

Gräfin, und Onkel Bruno, den Divisionskommandeur, und Erich von Logow,

den Weltumsegler, der jetzt eben, irgendwo auf dem Meere schwimmend,

auf dem Rückweg von Chile in die Heimat war. Das alles stimmte nicht

zu seinem schlicht bürgerlichen Sinn und Sein. Er kam sich manchmal

wie ein Eindringling in die Familie vor. Aber es schmeichelte ihm

doch. Er war der Generalin von Glümke dankbar, daß sie jedes Jahr

seit dem Tod ihres Mannes auf eine Woche zum Besuch der Schwester von

Berlin zu ihnen herüberkam. Es war dann immer eine eigene feierliche

Stimmung im Hause. Es strahlte immer noch ein Glanz auch von dem

Witwentitel ›Exzellenz‹ aus. Selbst Kraninski, der Bursche, ging auf

den Fußspitzen und machte ein blöde andächtiges Gesicht.

»Bist du denn wirklich satt?«

Maximiliane nickte zerstreut. Sie dachte sich in der alten Schwermut,

im Gefühl des Alleinseins, inmitten dieser Grotjanschen Gemeinsamkeit:

›Ach ja, Kinder -- ihr seid satt! ... Euer Kreis ist geschlossen,

euer Schicksal erfüllt. Ihr habt's gut ...‹ Und in ihr war wieder das

Sehnen -- die Unruhe -- das Unbestimmte -- Dunkel über dem Meer, wie

Rauschen und Wandern von Wellen ...

»Du mußt eben vorlieb nehmen, Maxe! ... Bei dir daheim bist du's

natürlich besser gewöhnt!«

Sie mußte halb lachen und strich sich mit der Hand die blonden Haare

aus der Stirn.

»Ich? Mit meiner Gartenwohnung in Charlottenburg und einem Mädchen?

Glaubst du, eine Generalswitwe sei bei uns mit ihrer Pension so auf

Rosen gebettet? Und Schätze hat mein Mann mir nicht hinterlassen! Dazu

hatte er eine viel zu sorglose Hand in Geldsachen. Ich komme gerade

so mit Anstand durch. Aber auch nicht mehr!«

Der Tisch war abgeräumt. Dorle Grotjan las einen vormittags

angekommenen Brief ihrer Mutter vor, die nach wie vor zurückgezogen in

Darmstadt in ihrem Kreis von Generalinnen z. D. und Kommandeusen a. D.

ihren Lebensabend verbrachte. Jeden Winter und Sommer kamen ein paar

neue hinzu, blieben ein paar in aller Stille weg. So schlossen sich

die Lücken, rollten die Tage in Frieden dahin. Sie schrieb:

»... daß Otto und seine Frau wieder einmal in Paris sind, habt ihr

wohl schon gehört. Mir scheint, sie wissen jetzt, nachdem sie ihr Gut

wieder verkauft haben, gar nicht mehr, was sie anfangen sollen. Aber

eine große Freude habe ich vorige Woche gehabt. Ulla ist eingetroffen,

auf der Reise vom Süden nach Hamburg, wohin sie ihrem Mann

entgegenfährt. Sie ist immerhin frischer, als wie sie im Herbst nach

Mentone ging. Es hat ihrer Brust gewiß gut getan. Es war ja nun schon

ihr zweiter Winter an der Riviera. Sie freut sich so, endlich nach

drei Jahren, ihren Mann wiederzusehen. Ich gönn' es ihr von Herzen!

Möge nun alles gut werden, besser als in der trüben Zeit zuvor. Die

Jahre waren für beide wohl eine harte Lehre. Husten tut sie freilich

immer noch. Ich hoffe, sie nehmen im Militärkabinett darauf Rücksicht

und stecken Erich jetzt nicht gleich nach seiner Heimkehr nach

Ostpreußen oder an das Stettiner Haff oder sonst eine rauhe Gegend.

Ihm soll der Aufenthalt da draußen ja vorzüglich bekommen sein -- das

sagen alle -- neulich noch hörten wir über Berlin, wie zufrieden man

mit seinen Leistungen gewesen sei -- Ich denke mir immer, die Kinder

kommen hier in meine Nähe, irgendwo an den Rhein. Das wäre zu schön!«

Es folgten noch Familiennachrichten aus dem weiten Geschwister- und

Verwandtenkreis, von Onkel Wilderich, dem Husaren a. D., von dem

Gerüchte umliefen, daß er trotz seiner grauen Haare auf seine alten

Tage noch in Breslau auf Freiersfüßen ging, dann Langes und Liebes

von der künftigen Schwiegertochter, der kleinen schlesischen Gräfin,

die die Witwe bisher nur aus Briefen und Photographien kannte -- noch

ganz jung, blond -- vom Lande -- wenig Geld -- aber gewiß das Rechte

... »Sie paßt auch so gut ins Regiment, so frisch von der väterlichen

Klitsche hinein, und die Damen freuen sich schon alle auf sie,

schreibt Peter. Der Junge ist im siebten Himmel!«

Und dann ein Nachwort: »Denkt euch: diesen Augenblick kommt eine

Kabeldepesche aus Teneriffa! Erichs Schiff hat dort angehalten. So

weit ist er nun schon auf dem Heimweg. Ulla ist außer sich vor Freude!«

Es war ein kurzes Schweigen nach dem Brief. Dann meinte Frau Dorle:

»Wenn die beiden nur nicht in einem Vierteljahr wieder wie Hund und

Katz miteinander stehen!«

»Beruf es nicht, Dickchen!« sagte ihr Mann. »Die Ulla hat auch für

ihre Fehler gebüßt!«

Es erschien Besuch. Am Sonntagnachmittag ging es bei den Grotjans

immer zu wie im Taubenschlag. Damen vom dreißigsten Pionierbataillon,

die Kommandeuse, Frau Major Große selbst, Frau Hauptmann Paulitschek,

Frau Leutnant Breitscheidt -- es war ein Geschwatze und Gelache

-- Kirchturminteressen -- Neuigkeiten von Bekannten aus Danzig und

Metz, aus Köln und Magdeburg, aus Straßburg und Mainz, und wo überall

Pioniere in den Festungsgarnisonen lagen -- die junge Generalin,

die zwischen den eifrig plaudernden und kaffeetrinkenden Damen saß,

hatte gar kein Interesse an diesen Sachen. Aber sie wollte nicht,

daß man ihr Schweigen als Hochmut auslegte, und beteiligte sich am

Gespräch, so gut es ging. Es war nicht leicht. Sie war ja Witwe --

eine gestürzte Größe, deren Lächeln niemandem mehr nutzte, deren

Ungnade keinem mehr schaden konnte, aber immerhin -- sie war Exzellenz

-- anders als die anderen -- auch im Äußerlichen. Sie war immer noch

die große Dame. Und um sie herum der leere Raum. Eigentlich überall im

Leben. Es war immer ein Abstand zwischen ihr und den Dingen. Wieder

empfand sie das Frösteln der Verlassenheit. Mit einer jungen Frau,

die später als die anderen gekommen war, unterhielt sie sich ganz

gut. Aber als jene harmlos fragte: »Steht Ihr Herr Gemahl bei den

Gardepionieren, gnädige Frau?« und sie wahrheitsgemäß antworten mußte:

»Er ist schon vor ein paar Jahren als Divisionskommandeur gestorben!«

da wurde die Ahnungslose puterrot: »O, Pardon, Exzellenz!« und war von

da ab nicht mehr recht aus sich herauszubringen.

Maximiliane war froh, als gegen Abend das Geschwurbel aufhörte und man

noch einen Spaziergang unternahm. Sie gingen durch die sonntäglich

belebten Straßen. Das weiche singende Westpreußisch schlug an ihr

Ohr. Dazwischen polnische Laute. Von dem Hügelgelände der alten

Festung schauten sie auf die Stadt nieder: es war einsam da oben,

dem Zivil der Zutritt zu dem Bollwerk verwehrt, das längst schon

seine militärische Bedeutung an den stundenweit entfernten Fortgürtel

abgetreten hatte. Die Kasematten dienten jetzt zur Unterkunft von

Infanterie und lagen heute, wo alles bunte Tuch ausgeschwärmt war,

still und verlassen. Die Gräben waren zu Schießständen eingerichtet.

Auf den leeren Geschützbänken darüber wuchs das Gras. Die beiden

Schwestern hatten sich, die anderen weit vorausgehen lassend, dahin

gesetzt. Rundherum lag weit im Abendrot, am Horizont schon im Dämmern

verschwimmend, die Ostmark. Trotzig wie in alten Ordenszeiten, hielt

da drüben Thorn die Wacht an der Weichsel. Es war eine Stimmung

ähnlich der am anderen Ende des Reiches, wo dräuend der St. Quentin

über Metz und Mosel hinweg gen Westen, nach Frankreich blickte. Hier

im Osten war nicht die lachende, üppige Hügelgegend Lothringens.

Platt, einförmig, schon wie im Vorahnen der endlosen russischen Ebenen

und Wälder, dehnte sich das Land. In breitem Band schlängelte sich die

Weichsel dahin. Ihre Krümmungen glänzten silbern im Abendlicht. Über

der Riesenbrücke, die sie überspannte, ballten sich kleine, wandernde

Dampfwolken in der Luft. Ein Verbindungszug rollte von der Stadt zur

Hauptstation am anderen Ufer. Maximiliane sah darauf hin und sagte

dann: »Morgen reise ich nun auch wieder ab, Dorle!«

»Bleib doch noch ein bißchen! In Berlin hast du doch auch nichts

verloren!«

»Nein. Aber irgendwo muß man doch sein!«

Die jungen Frauen schwiegen und blickten in den feuerroten Sonnenball,

der langsam, feierlich, in Glut gebadet, in der Grenzlinie zwischen

Himmel und Erde versank. Dann frug Dorle Grotjan: »Warum bist du

eigentlich gerade nach Berlin gegangen, Maxe?«

Die schöne junge Generalin zuckte die Achseln.

»Weißt du, Dorle ... in der ersten Zeit -- da war mir überhaupt alles

gleich ... Da war ich so ... ich weiß nicht, wie ich's nennen soll ...

Trauer ist zu wenig ... Ich war so aus allen Himmeln gerissen ... Ich

hab' alle Leute immer nur erstaunt angesehen ... Ich hab' gar keine

Menschen vertragen können ... ich war ja das ganze erste Jahr auf

Reisen ... aber du könntest mich totschlagen, wenn ich dir noch recht

sagen könnte, wie und wo ... Und da sah ich schließlich ein, daß ich

mich irgendwo seßhaft machen muß ...«

»Aber warum nicht zusammen mit Mama und Ulla?«

Maximiliane von Glümke beugte den blonden Kopf vor und strich die

Falten an ihrem Rock glatt.

»Liebes Kind: Ulla und ich -- das ist ein Kapitel für sich. Es

ist besser, wir sind nicht beisammen! Und dann: ich kann doch

nicht so einfach wieder quasi als Haustochter in Mamas Darmstädter

Bekanntenkreis untertauchen! Ich kann doch nicht da so eine Nebenrolle

spielen, wie Ulla. Ich bin doch schließlich Exzellenz!«

Es war dabei ein unwillkürlicher Hochmut in ihren Worten und in ihren

Zügen. Sie fuhr fort: »Eigentlich ist's ja ein Widerspruch! Man

schmückt sich als Frau von dreißig mit einem Titel, der einem Mann von

fünfzig gebührt -- man wird dadurch selber älter vor der Zeit oder

kommt sich wenigstens so vor -- ja -- aber was soll ich machen? Ich

hab' die Gesetze nicht erlassen, nach denen ich meinen Platz in der

Welt einnehmen muß ...«

Dorle Grotjan machte eine lebhafte Bewegung, als wollte sie etwas

sagen. Aber sie besann sich und schwieg.

Ihre ältere Schwester schloß: »Und diesen Platz finde ich eben noch

am ersten in Berlin, weil man da nicht auf einen bestimmten Kreis

angewiesen ist, sondern sich wenigstens die Menschen aussuchen kann,

mit denen man umgeht. Ich hab' da wirklich sehr netten Verkehr

gefunden!«

Du Schwert an meiner Linken · 第 22 / 27 段