Maximiliane von Glümke schaute, nachdem der Major Eberwein sich

wieder auf sein Pferd geschwungen, stumm in den finsteren, eintönigen

Ernst des Kriegsbildes vor ihr. Es fiel ihr ein: So wie dieser

Generalstäbler da, so würde auch Logow jetzt hier herumreiten und

im Vaterland seine Pflicht erfüllen, statt fern überm Meer gleich

einem Landsknecht in fremdem Sold und Dienst, und würde es seinen

Vorgesetzten zu Dank machen und wäre wie früher ein Muster an Schneid

und Eifer für die anderen, wenn ich nicht wäre! Ich hab' ihn von hier

vertrieben. Ich bin der stete Stein auf seinem Wege! Der Gedanke

erfüllte sie mit einer plötzlichen unendlichen Traurigkeit. Es mochte

auch die Umgebung sein: der schweigende Himmel -- die schweigende

Schlacht -- die schweigenden Tausenden da auf der Erde -- alles

so seltsam -- so unwahrscheinlich ... dann merkte sie: es war der

Nachhall des Gesprächs mit ihrer Schwester gestern. Sie hatte der

armen Strohwitwe so viel Trost gegeben, als sie vermochte. Aber ihr

selber war zumut, als sei erst seitdem, seit diesen Worten im Walde,

Erich von Logow ganz aus ihrem Leben weg, gestorben da drüben in

Chile, gestorben für sie ...

Die anderen hatten sich neben dem Auto auf die Plaids gesetzt und

frühstückten. Ihr Schwager, der biedere, lange, sommersprossige

Pionierhauptmann, hob lachend und mit vollen Backen seinen Becher:

»Prost, Maxe: die vierundfünfzigste Division macht's!« Sie lächelte

dankbar. Sie dachte an ihren Mann. Sie fühlte sich plötzlich

erlöst. Er war ja da. Sie hatte ihn, und er hielt sie. Er hatte

sie nie gefragt, was hinter ihr lag. Sie verschlang die Hände im

Stehen und schaute weich und traumverloren hinüber nach den fernen,

rotschimmernden Sandsteinbrüchen von Heidelberg und weiter nach den

Odenwaldshöhen, aus denen er jetzt seine Regimenter wie Ziethen aus

dem Busch dem Feind in den Rücken führte und hoffentlich recht viel

Ruhm und Ehre vor Majestät und der Armee errang ...

In der Nähe vorn entstand ein abscheuliches Rasseln und Knattern.

Die Maschinengewehre traten in Tätigkeit. Man konnte deutlich

sehen, wie da hinten in der Talsenkung die zweispännigen Wagen

hielten, wie die Grauröcke die mörderischen Kugelspritzen Stück für

Stück herabhoben, auf das niedrige Schlittengestell legten, es,

paarweise auf dem Bauche rutschend, mit den Schultern in die Stellung

schoben, wie dort das endlose Patronenband seitwärts abschnurrte

und der Lärm der Mitrailleusen alles andere übertönte. Dabei war

der Kanonendonner rechts immer stärker geworden. Dichte Rauchmassen

ballten sich da zu weißen Wolken. Fernes Hurrageschrei erklang. Es

schien, daß sich der Schwerpunkt des Treffens in den Neckar- und

Rheinwinkel bei Mannheim hineinzog. Im Hintergrund ritt jetzt auch

die Kavalleriedivision von vorhin in dieser Richtung ab. Die langen

schimmernden Linien schaukelten im Trab. Die Trompeten schmetterten.

Die prunkvollen Uniformen wirkten ganz unwahrscheinlich, wie

Spiegelbilder vergangener Zeit, wie verklungene Reiterherrlichkeit

von Hohenfriedberg und Roßbach, von Liebertwolkwitz und Mars-la-Tour,

inmitten der Burentaktik, der wissenschaftlichen Nüchternheit einer

modernen Schlacht. Otto von Ottersleben stand, die Hände in den

Taschen des Automobilzivils und starrte tiefsinnig darauf hin. Sein

Herz klopfte plötzlich: Da war die Lust der Waffen -- die alten

Regimenter -- die deutschen Fürsten -- das Reich in Wehr -- und

dazwischen er, ein Ottersleben, als Zaungast, als frühstückender

Schlachtenbummler, und er sehnte sich wider Willen nach einem Gaul

zwischen den Schenkeln, einem Säbel in der Faust, nach dem Brausen der

Attacke, und dachte sich voll ärgerlichen Mißbehagens: Ich war doch

eigentlich ein rechter Esel, daß ich im Frühjahr so über Hals und Kopf

quittiert hab'!

»Otto! ... Otto!« rief eine helle Stimme. Maximiliane trat zu ihm,

der Chinchillapelz hing ihr lose um die Schultern. Darunter leuchtete

das Violett ihres Herbstkleides. Ein violetter Schleier umrahmte ihr

blondes Haupt und flatterte mit den Zipfeln im Winde. Sie lachte --

von dem Trübsinnsanfall von vorhin schon befreit. Er war ihr Bruder.

Aber auch ihm ging es beim Anblick dieser leuchtenden blauen Augen,

dieser hohen, schlanken Gestalt durch den Kopf: Was ist sie doch für

eine schöne Frau! ...

Neben ihr hielt der Major Eberwein auf seinem rauchend nassen Gaul und

rief ihr aufgeregt zu: »Machen Sie, daß Sie nach Mannheim kommen!«

»Über den Neckar?«

»Wir gehen schon überall hinüber! ... Rot baut ab nach allen Regeln

der Kunst! ... Sie müssen eine Mordsschweinerei von uns Blauen besehen

haben -- da droben, auf ihrem rechten Flügel ... Nu bringen wir ihnen

hier mit Macht die Flötentöne bei ... da sehen Sie doch nur ... da

drüben bei Käfertal! ...«

Mächtige weiße Dampfwolken stiegen dort auf und überqualmten die

Ebene. Man hörte keine einzelnen Kanonenschüsse mehr. Ein einziger

ununterbrochener Donner rollte und brüllte aus den Schwaden, durch ihn

das gellende, nervenrüttelnde Rattern der Kugelspritzen, das atemlose,

tausendfache Hämmern der Magazingewehre, ganz von ferne, halb

schattenhaft, ein gedämpftes Hurra aus unzähligen Kehlen -- irgendwo

blies es: »Geht langsam vor!« -- Weithin widerhallten die Hörner:

»Geht langsam vor! Geht langsam vor! Geht langsam und bedächtig vor!«

Der Generalstäbler schrie: »Sie kommen gerade noch zurecht! Der Kaiser

und alle Fürsten sind schon vorhin durch Mannheim durch! ... Wie

gesagt: Rot ist im Wurstkessel! ... Viel Vergnügen!«

Otto von Ottersleben drehte das Auto, beschrieb im

Sechzigkilometertempo einen weiten Bogen hinten um die schwarzen

Schlangen und Linien von Pickelhauben herum, die jetzt auf einmal,

wie aus dem Boden gewachsen, wimmelten und tausendfach über alle

Felder gegen Mannheim zogen, und raste nach kaum einer Viertelstunde

über das Pflaster der pedantischen Stadt mit ihren sich unerbittlich

rechtwinklig schneidenden Häuservierecken. Anfangs waren die statt mit

Namen nur mit Buchstaben und Zahlen bezeichneten Straßen menschenleer.

Aber bald wurden sie schwarz vom Gewühl. Eine Völkerwanderung strebte

da hinaus ins Freie. Ganze Reihen von Automobilen schossen dahin, mit

ihnen die Equipagen reicher Fabrikherren -- Bauernwägelchen aus den

Dörfern ... Taxameter ... Reiter, Radfahrer, Züge von Schuljungen

unter Führung ihrer Lehrer, alles strömte in die Rheinebene ...

Um einen Hügel herum staute es sich da, tausendfach Kopf an Kopf.

Seitlings, hinter der Gendarmenkette, standen, eine Musterkarte aller

Herren der Welt, die fremden Militärbevollmächtigten. Man sah über der

Menge das Käppi des Franzosen und die Hahnenfedern des Italieners, die

schwarze Lammfellmütze des Russen und die Tschakos der Österreicher,

den Messinghelm des Briten und den Fes der Türken und der deutschen

Paschas! Dazwischen Uniformen, die selbst die preußischen Offiziere

nicht kannten, ungewohnte Gesichter -- gelbliche Südamerikaner, ein

frierender siamesischer Prinz -- ein chinesischer Mandarin, da -- im

Mittelpunkt des Staunens -- drei kleine, schwarzgekleidete, rätselhaft

lächelnde Japaner! Oben, auf der flachen Kuppe, war ein Gewimmel

von Mann und Roß, als hielte da ein aufgelöstes Kavallerieregiment.

Aber dieses Regiment bestand nur aus Generalen und Generalstäblern,

die meisten Gesichter martialisch unter ergrauten Schnurrbärten

verwittert, andere anscheinend viel zu jung für ihren hohen Rang, die

Haussterne fürstlicher Herkunft auf der Brust. Ein paar gebieterische

Greise mit Marschallsabzeichen ganz vorne trugen das Eiserne Kreuz

Erster Klasse. Sie hatten noch Gravelotte und Sedan mitgeschaut und

mitgefochten.

Durch die freigehaltene Gasse der Menschenmasse jagten

Ordonnanzoffiziere auf und nieder. Reitende Feldjäger. Mannschaften

der kaiserlichen Leibgarde. Dort oben, wo der weiteste Überblick

war, zeichnete sich einsam die Reichsstandarte vom Nebelgrau des

Himmels ab. Zwei, drei Offiziere hielten da, weit abseits von den

anderen. Einer von ihnen war der Kaiser. Er beobachtete die Attacke.

Heute hüllte nicht wie sonst der Staub die Reitergeschwader in

hochaufschlagende Wolken. Man sah weithin, scheinbar unendlich sich

in das feuchte Regengrau hinaus verlängernd, die langen, dünnen

Linien -- zwei, drei in Staffeln hintereinander, man sah sie langsam

im Schritt anreiten, im Trab, im Galopp, mit eingelegten Lanzen

und flatternden Fähnchen, man sah die Kommandeure mit gezogenem

Säbel vor ihren Regimentern -- diesen farbig schimmernden, über

das Blachfeld hinschießenden blauen, roten, grünen, flatternden

Riesenbändern, die sich in der Karriere des Anlaufs fächerartig

aufblätterten und auseinanderzogen und durch erneuten Anprall der

folgenden Geschwader ausgefüllt und weitergerissen wurden, man hörte

das Attackengeschmetter von Hunderten von Trompeten, das Stampfen von

Tausenden von Pferdehufen ... man erkannte die Lücken durch Stürze

... da ein Dutzend und mehr auf einmal kopfüber -- ein Gekrabbel am

Boden -- gebrochene Lanzen -- reiterlose Pferde -- und jetzt da vorn

weißlicher Dunst -- das wütende Kugelspeien der Infanterielinien, der

Hagel der Maschinengewehre, die Kartätschenlagen der Batterien ...

»Kei' Floh blieb' am Leben!« meinte tiefsinnig ein Bayer neben

Maximiliane, und ein Preuße lachte: »Na ... ob mit oder ohne Attacke

... gewonnen haben wir den Tag! Wir haben den Roten tüchtig in die

Suppe gespuckt! ... Ich glaube, hinter Heidelberg herum setzen die

Schiedsrichter schon ganze Bataillone außer Gefecht ...«

»Wenn Glümke so weiter arbeitet wie bisher, dann gewiß!« nickte ein

anderer höherer Offizier und klappte sich, durchfroren von langer

Autofahrt, den Mantelkragen hoch. »Er hat rein den Deubel im Leib --

er und seine Kerls ... Er kann sich zum heutigen Tage gratulieren!«

Maximiliane vermochte sich nicht zu halten. Sie wandte sich an den ihr

unbekannten Oberst.

»General von Glümke hat es so gut gemacht -- sagen Sie?«

Der Oberst lachte.

»Na -- tadellos! ... Ich komm' eben von dort!«

Dann fügte er, immer noch lächelnd, hinzu: »Interessiert Sie der so?«

»Ich bin doch seine Frau!«

Im selben Augenblick nahm der Stabsoffizier eine andere Haltung an und

verbeugte sich.

»Gestatten Exzellenz, daß ich mich vorstelle: von Herbersdorf!«

Neben ihm legte der bayerische Major die Hand an den Helm.

»Gestatten Exzellenz: Ritter von Raimoser!«

Dann berichtete der erste wieder: »Der Nachtmarsch heute durch den

Odenwald ... Auf dem Krähenbergpaß stieg Exzellenz vom Pferd und half

eigenhändig die Kanonen schieben. Vierzig Mann mit Hurra an jedem

Geschütz. Da ging's! ...«

»Das sieht ihm ähnlich!« lachte die junge Generalin stolz.

Der Generalstäbler fuhr fort: »Und im Morgengrauen ... am Neckar

... Exzellenz ... die Gäule wollten nicht gleich in das kalte Bad

-- aber Ihr Herr Gemahl einfach zu Pferd -- bis an den Sattel im

Wasser, voraus. Alles hinterher -- wir waren drüben, ehe der Feind

noch abgekocht hatte -- nein! Die vierundfünfzigste Division hat eine

schöne Leistung hinter sich, das muß ihr der Neid lassen! ... Ich

empfehle mich gehorsamst, Exzellenz! ...«

In der Freude ihres Herzens reichte Maximiliane von Glümke dem Oberst

freundlich die Hand. Zugleich meldete ihr Bruder Otto: »Du, Maxe ...

eben rief mich der olle Schaftenburg an ... du weißt: der Intimus von

Papa und Onkel Bruno ... Er ist nun schon Divisionär ... Er hat mir

aufgetragen, ich möchte dir gratulieren! Von heut ab hätte dein Mann

die Anwartschaft auf ein Armeekorps sicher in der Tasche! Unter den

großen Bonzen auf dem Hügel sei darüber nur eine Stimme!«

Es war ein ehrfurchtsvolles Schweigen. Dorle Grotjan sagte zu ihrem

Mann: »Hans ... so weit bringen wir's nicht!«

Und selbst die kleine Frau von Ottersleben wurde plötzlich

mißvergnügt: »Wir avancieren überhaupt nicht mehr, Otto! Wir von der

Reserve!«

Ihr Mann ärgerte sich.

»Na ... hat's etwa der Logow mit all seiner Weisheit so wunderweit

gebracht? Es kann doch nicht jeder Napoleon Konkurrenz machen! Die

Maxe ist nun einmal der Glanzpunkt der Familie!«

»Kinder, ~ich~ kann doch nichts dafür!«

Die junge Generalin lachte.

In ihrem Inneren ergänzte eine ernste Stimme: ›Und ich hab' dafür

bezahlt ...!‹ Dann war das wieder vorbei. Der Herbstwind trug es

über die Stoppeln davon. Es verwehte im Blasen der Trompeten da

vorn, dem Rauschen der vorbeimarschierenden Bataillone, dem fernen

Geschützdonner, dem ganzen Glanz und stürmenden Lebensatem des Kriegs

im Frieden. Wie gestern, so brach auch heute jetzt, bald nach Mittag,

die Sonne durch das Gewölk. Sie überflutete mit ihren Strahlen die

nassen Felder, die nassen Menschen und Pferde -- sie trocknete die

Generalsachselstücke und die Schulterklappen der Trainfahrer, die

Geschützrohre und die Blechmündungen der Regimentskapellen, die Seide

der Fahnen und die Leinwand der Lagerzelte, die Generalstabskarten

wie das Biwakstroh. Sie beschien die dampfenden, atemlosen

Reitergeschwader da vorne -- die Husaren und Dragoner, die Ulanen

und die grünen bayerischen Chevaulegers -- die erdbefleckten

Infanteristen, die pulvergeschwärzten Kanoniere, die starken Pioniere

und kecken Luftschiffer und grünen Jäger, das ganze große deutsche

Heer. Es kam allmählich Ruhe über die Hunderte von Schwadronen und

Kompanien und Batterien. Der rote Feind war gegen Karlsruhe zu in

Aufnahmestellungen zurückgewichen. Das Plackern des Kleingewehrs

verstummte. Nur noch in langen Zwischenräumen rollte, wie von einem

abziehenden Gewitter, da vorn der Donner der Geschütze. Für heute war

die Schlacht zu Ende.

Es ging schon gegen Abend. Die letzten Strahlen der tiefstehenden

Sonne flimmerten schräge fern drüben im Osten über den Hügelwellen

des badischen Baulands. Dort lagerte Olaf von Glümkes sieggekrönte

vierundfünfzigste Division. Sie hatte den Neckar längst im Rücken. Zur

Linken blaute schattenhaft am Horizont über den schwäbischen Rebhügeln

die Rauhe Alb. Aber aller Augen waren nach rechts gerichtet. Man war

noch immer hart am Feind. Man wich ihm nicht von der Klinge. Er wurde

den lästigen Seitendruck nicht los. Durch die breite, fruchtbare Lücke

zwischen Königstuhl und Schwarzwald bedrohte man nach wie vor auf

Karlsruhe zu seine rechte Flanke, zwang ihn zu immer weiterem Rückzug.

Leicht konnte heut nacht ein verzweifelter Gegenstoß erfolgen. Man war

auf der Hut. Fieberhaft arbeiteten die todmüden Truppen mit Schaufel

und Spaten. Ganze Regimenter gruben sich geräuschlos in ihre Deckungen

hinter den Hügelkämmen ein. Dichte Vorpostenketten spannten sich vorn

als undurchdringliches Netz. In fliegender Eile wurde abgekocht. Wenn

es erst dunkel wurde, sollte kein Schein eines Biwakfeuers, kein

Lichtpunkt einer glimmenden Zigarre dem Feinde die Stellung verraten.

»... 'n Abend, Leute!«

»Guten Abend, Euer Exzellenz!«

Dröhnend scholl es, wo Generalleutnant von Glümke auf seinem

dampfenden riesigen irischen Schweißfuchs die Linien abritt. Die

Gesichter strahlten. Die gemeinen Soldaten lachten, die Einjährigen,

die Unteroffiziere, die Herren Hauptleute und Leutnants. Alle waren

stolz auf den heutigen Tag und auf ihren Führer.

Olaf von Glümke war am Flügel der Stellung angekommen. Er hob die

Hand und winkte kameradschaftlich einer Gruppe von Offizieren zu, die

vom Weg her stillstehend grüßten. Heute machte er keine Unterschiede.

Sie hatten ihm alle, alle nach Kräften geholfen. Dann unterdrückte er

ein leises Gähnen. Wenn er überdachte: Eigentlich war er seit gestern

früh, seit sechsunddreißig Stunden, nicht mehr zur Ruhe gekommen.

Sogar die Nacht durch im Sattel. Ein bißchen viel. Eine Sekunde fühlte

er seine Jahre. Aber nur eine Sekunde. Dann leuchteten seine feurigen

blauen Augen wieder in alter Kriegslust, und um seinen Mund spielte

sein gewohntes verwegenes Lächeln.

»Ich will jetzt noch rasch zu den Vorposten da hinüber, mein lieber

Gutgesell!« sagte er zu dem neben ihm haltenden Adjutanten und

deutete gen Westen, wo sich die Sonne unheimlich blutrot zwischen den

nachtdunklen Stämmen einer Baumgruppe abhob. »Schaffen Sie's noch über

das infame Terrain? Ihr Schinder kommt wohl nicht mehr recht vorwärts?«

Der Adjutant hob die Hand an den Helm.

»... Wollen nicht auch Exzellenz vorher das Pferd wechseln? ...

Exzellenz reiten es schon seit zehn Stunden. Es scheint mir auch nicht

mehr ganz kapitelfest auf den Vorderbeinen!«

Olaf von Glümke lachte und klatschte dem Tier auf den Hals. Er sprach

zu ihm wie zu einem guten Freund.

»Das könnt' dir passen, alter Schwede -- was? Aber dir sollen heut

mal deine Mucken gründlich vergehen! ... Nee -- lieber Gutgesell --

das dauert mir zu lang. Inzwischen wird's dunkel. Vorwärts!«

Er jagte über das steinige, von Baumstöcken und Wurzeln durchsetzte

Blachfeld hin. Er kümmerte sich wenig um die Hindernisse. Er hatte

in seinem langen Reiterleben schon andere überwunden. Sein Herz war

leicht, seine Brust weit von dem heutigen Tag. Da hatte man doch,

soweit es in dem ewigen faulen Frieden möglich war, gezeigt, was man

konnte -- da wußte man doch, wozu man auf der Welt war. Er richtete

sich im Sattel auf. Er holte tief Atem. Ja -- das war schön -- diese

Stunde -- war wie eine Erfüllung des Besten in einem -- den Wind um

die Ohren, den Gaul unter sich, der Sonne und dem Feind entgegen,

hinter sich, durch dick und dünn, die treuen Kerle, vor sich noch ein

Jahrzehnt und länger einer glänzenden Karriere, dort drüben, am Rhein

die schöne, junge, geliebte Frau -- in seiner Seele, die sonst Handeln

und nicht Sinnen hieß, stieg ein Gefühl der Andacht empor. Er dachte

sich: ›Herrgott ... ich danke dir, daß du mich leben ließest ... Die

Welt ist schön ...‹

In dem holperigen Weidegrund zu seinen Füßen aber hatte, unbekümmert

um Krieg und Kriegsgeschrei, aus dem Dunkel des Schicksals heraus ein

Maulwurf seinen Haufen aufgeworfen. Der ermüdete Gaul galoppierte

unsicher. Er merkte zu spät die Gefahr. Er trat mit dem rechten

Vorderhuf in die lockere Erde und brach durch und ging vornüber, und

Roß und Reiter taten einen schweren Sturz ...

18

Der Mond war noch nicht aufgegangen. Er stieg erst lange nach

Mitternacht von Osten her über den kalten, sternklaren Himmel. Tiefe

Nacht ruhte über der Rheinebene, und doch kein Dunkel. Da, wo sonst

selten einmal der spärliche Lämpchenschein aus einem Bauernhaus die

weite Finsternis unterbrach, da flammten heute Hunderte und Tausende

von Lichtern, regelmäßig in feurige Linien und Staffeln geteilt, die

Biwakfeuer des Heeres. Sie waren jetzt schon halb erloschen. Die

Mannschaft schlief. Spärlich einmal fielen fern, ganz fern Schüsse

durch die Stille. Aber im Rücken der Stellung war es auch jetzt

lebendig. Ein Knattern und Knarren, ein Rasseln und Rumpeln war auf

allen Straßen. Schwerfällig schoben sich die mächtigen Trainkolonnen

durch die Nacht. Die Leiterwagen hielten im Dunkel nicht ordentlich

Vordermann. Sie füllten, rechts und links fahrend, den ganzen Weg.

Es war schwer, an ihnen vorbeizukommen. In kurzen Zeiträumen ließ

Otto von Ottersleben immer wieder die Hupe seines Automobils ertönen,

das mit seinen beiden Flammenaugen zornig in das Schwarz vor sich

leuchtete, den Schlammboden in den Glanz einer Schneelandschaft

verwandelnd.

An einem Kreuzweg hielt, in einen Mantel gewickelt, ein höherer

Offizier, Mann und Roß wie ein Schattenriß vom Dämmern des Himmels

abgehoben. Er rauchte eine Zigarre. Sie leuchtete eine Sekunde auf

und erhellte sein bärtiges Gesicht. Der junge Sportsmann stoppte sein

Auto. Er lüftete, die eine Hand am Steuer, mit der anderen seine Kappe.

»Ach ... Verzeihung ... Ich möchte um Auskunft bitten ... Ich fahre

hier mit meiner Schwester, der Generalin von Glümke, durch die Nacht

... Es ist ein Gerücht verbreitet, Exzellenz von Glümke habe oben im

Kraichgau ein Unglück mit dem Pferde gehabt ...«

»Oh ... doch hoffentlich nichts Ernstes, Exzellenz?«

Der Oberst sprach von seinem Rappen in das Dunkel des offenen Autos

hinein, in dem er irgendwo Frau von Glümke vermutete.

Sie stand auf. Ihre Stimme zitterte.

»Ich weiß nicht! Ich will hin! In einer Stunde ist man doch dort! Aber

mein Bruder behauptet ...«

»Erst müssen wir wissen, Maxe, wo die vierundfünfzigste Division

augenblicklich steht!«

»Und das kann uns hier niemand sagen?«

Der Oberst zuckte bedauernd die Achseln.

»Hier in der Front kaum, Exzellenz! ... Das verschiebt sich ja

unaufhörlich, in der kriegsmäßigen Lage, in der wir uns befinden. Da

kennt man die Stellung der Truppenteile nur im Hauptquartier.«

»Dahin will ich ja eben!« rief Otto von Ottersleben.

»Fahren Sie nur immer noch weiter zurück -- die große Straße entlang.

Sie sehen schon von ferne die vielen Lichter!«

Das Automobil schoß davon, daß der Kot weithin von den Pneumatiks

spritzte. Nach kurzem wurde es vorn hell. Strohwische loderten

an langen Stangen rechts und links vom Wege. In dem unsicheren

Flackerschein huschten immer zahlreicher schattenhafte Reiter,

Radler, Motorfahrer vorüber. Auf dem Kartoffelacker drüben waren

Stimmen und Fackeln. Eine Telegraphenabteilung legte bei Nacht eine

Kriegsdrahtleitung querfeldein. Nun zeichneten sich hohe Giebeldächer

im Dunkel ab -- Schartenmauern -- Türme -- Parkwipfel -- ein

schloßartiger Gutshof irgendwo mitten in der Rheinebene, alle Fenster

des dreistöckigen Herrenhauses hell, als feiere man da drinnen ein

Fest. Vor der Anfahrtsrampe brannten rechts und links Pechflammen.

In ihre düstere Purpurglut getaucht, hielt da eine Wagenburg von

Militärautomobilen, standen Dutzende von gesattelten Pferden, von

Kavalleristen gehalten. Ein unaufhörliches Laufen von Unteroffizieren,

Ordonnanzen, Burschen erfüllte treppauf treppab den Eingang. Einige

Herren vom Luftschifferbataillon standen plaudernd seitlings,

des Mondes und des neuen Aufstiegs harrend, und schauten bald

hinüber auf das Feld, wo in verschwommenen Umrissen, von schwarzen

Musketierklumpen an Tauen gehalten, der Riesenkörper eines Parseval

frei in der Luft schwebte und im Nachtwind schwankte, bald wieder

sahen sie nach rechts empor. Dort tönte, von unsichtbar hoher Stange,

das Rasseln des Slabyapparats durch das Dunkel, der die drahtlosen

Depeschen empfing und weitergab. Ein junger Leutnant trat zu den

anderen heran und lachte.

»Wir fangen fortwährend Meldungen von drüben ab. Ganze Haufen! Aber

der Deubel soll sie enträtseln ...!«

Das Ganze hatte nichts eigentlich Kriegerisches mehr an sich. Die

Truppen waren ja auch alle viele Stunden weiter vorn. Bis hierher

drang kaum mehr der Laut eines Kanonenschusses. Es war, als sähe man

einen großen, wissenschaftlichen Fabrikbetrieb mitten in der Nacht in

methodischer Tätigkeit. In den ersten Zimmern des taghell mit Lampen,

Kerzen, Stallaternen erleuchteten Schlosses, das Maximiliane mit ihrem

Bruder betrat, saßen Reihen von Offizieren, die Stirnen gerunzelt, den

Bleistift in der Hand, Geheimtabellen vor sich, mit der Chiffrierung

und Dechiffrierung von Depeschen beschäftigt. Nebenan tackten, von

Unteroffizieren bedient, rastlos die Telegraphenapparate. Soldaten

kamen und gingen, brachten die abgerollten, mit geheimnisvollen

Chiffrebuchstabengruppen bedeckten Streifen und nahmen ebensolche

Blätter entgegen.

Daneben, im großen Saal, war die Befehlsausgabe. Es standen da

an die hundert Offiziere, die meisten die Adjutantenschärpe von

der rechten Schulter zur linken Hüfte, die hohen Stiefel mit Kot

bespritzt, die Gesichter übernächtig von Mangel an Schlaf nach der

Mühe des Tages, alle stumm im Stehen in ihre Bücher notierend und

stenographierend, was die Stimmen der Generalstäbler in ihrer Mitte

langsam, nachdrücklich, durchdringend klar, diktierten. Ein Geruch von

nassem Tuch, von Pferdeschweiß, von flackernden Dochten war in dem

Raum. Unwillkürlich wandten sich all die scharfen, schnurrbärtigen

Köpfe einen Augenblick vom Ernst zur Sache nach der ungewohnten

Erscheinung einer schönen jungen Frau, hier mitten in der Nacht in

den geheiligten Räumen des Armeeabteilungskommandos, in denen alle

Linien von dem weit ausgedehnten Kampfplatz draußen im Spinnennetz

zusammenliefen. Ein höherer Adjutant hatte die Generalin empfangen.

Er verbeugte sich tief, eilte voraus und führte sie und ihren Bruder

durch weitere Räume voll schreibender, mit dem Zirkel auf der

Generalstabskarte messender, rechnender und brütender Offiziere bis in

das vorletzte Gemach der langen Zimmerflucht.

Da waren Generale. Wohl ein halbes Dutzend und mehr. Grauköpfe und

Kahlschädel. Derbe, altpreußisch-kriegerische Züge und glattrasierte,

strenge Gelehrtengesichter. Sie saßen und standen -- sie lasen und

schrieben -- sie blätterten nachdenklich in Stößen von roh mit

Buntschrift ausgeführten Feldkrokis, die vor ihnen lagen -- sie

schwiegen und warteten auf etwas da drinnen, hinter der Tür links zum

Allerheiligsten ...

Du Schwert an meiner Linken · 第 21 / 27 段