Durch die Hülle des Millionärs und Dandys hindurch regte sich in ihm

beim Anblick des Waffentreibens da unten das kriegerische Blut seines

Stammes. Die Tür zum Nebenzimmer ging auf. Ulla von Logow kam herein,

den Brief ihres Mannes in der Rechten. Sie ging auf Maxe zu und

reichte ihr gleichmütig die Hand in einer Art von geistesabwesender

Ruhe, die nichts Feindseliges an sich hatte. Sie erzählte ganz

unbefangen von dem, was Erich von Logow ihr schrieb. Jeden Monat

einmal kam ein Brief von ihm. Es stand ungefähr immer dasselbe drin,

wie heute: Viel Dienst -- viel Ärger -- viel Strapazen -- etwas Erfolg

-- annähernd so eben das, was er sich gewünscht und erwartet hatte.

Ihr, seiner Frau, schien es mit der Gesundheit besser zu gehen. Sie

sah wohler aus, sie war etwas lebhafter als früher und schlug selbst

nach Tisch, als der Himmel sich aufzuhellen begann, ihrer Schwester

Maximiliane, die sie seit fast einem Jahre, seit ihrer schweren

Krankheit, nicht mehr gesehen, einen Spaziergang vor. Es war dabei

etwas in ihren dunklen, ruhigen Augen, das hieß: Ich habe mit dir zu

sprechen. Die beiden jungen Frauen machten sich fertig und traten

vorsichtig, die Röcke zwischen den Regenpfützen raffend, hinaus in das

Straßengewühl.

Ringsum war heller Jubel. Ein Lärm wie noch nie. Die einheimischen

Truppen marschierten durch, die Regimenter der fünfundzwanzigsten

Division, die bisher in Oberhessen im Manöver gewesen. Zwar die

Kavalleriebrigade, die russischgrünen Dragoner mit ihren roten und

weißen Krägen, war schon längst voraus in der Rheinebene, wo der

Vortrab der Reiterschwärme seit dem Morgen mit dem Gegner plänkelte

und seinen Vorpostenschleier zu zerreißen suchte, aber die ganze

Straße hinunter war alles voll von den Hundertfünfzehnern und ihren

weißen Gardelitzen und ihrem klingenden Spiel. Auf Hunderten und

aber Hunderten von Helmen schimmerte unter dem hessischen Löwen die

Jahreszahl »1621« des zweitältesten Regiments der Armee, das noch

den Beginn des Dreißigjährigen Krieges gesehen, die langen Kerle

der Leibkompanie grinsten und nickten in die Menschenmauern, Zurufe

und Scherze flogen, Gejohle, Mädchengekreisch -- die Babettchen und

Sannchen am Küchenfenster winkten ihren Gardisten und Gardefüsilieren

zu. Und hinterdrein fluteten die weißen Achselklappen der Gießener,

die blauen Mainzer, die gelben Offenbacher -- ferne Musik kündete

das Nahen immer neuer Truppenteile -- es hatte den Anschein, als

höre das nun überhaupt nicht mehr auf, als würde, so wie ein Strom

tagaus tagein durch sein Bett fließt, die deutsche Armee ohne

Ende ihre bunten Fluten hier vorüberwälzen. Die beiden, Frau von

Glümke und Frau von Logow, hatten eine Weile mit unwillkürlichem

Sachverständnis dem Vorbeimarsch zugeschaut. Dann wandten sie sich

ruhigeren Gassen zu nach der Altstadt und, an der verlassenen Kaserne

des Leibgarderegiments vorbei, durch die Dieburger Straße hinaus

ins Freie. Hier war es mit einem Schlag einsam und still: schwach

violett, sanftgestreckt, zum Greifen nah, lagen in der klaren Luft

die Odenwaldberge. Ein Sergeant in blauer Feldlitewka kam mit

einer Meldung von dort, von Osten her, in rasender Eile auf einem

knatternden Motorzweirad, heran und flitzte wie ein Schatten vorbei

-- dann zwei, drei Militärradfahrer -- Es war hier wie ein Verklingen

des großen kriegerischen Schauspiels in der Ferne -- Nun rührte sich

wieder nichts. Noch prangte das bunte Laub an den Bäumen und zeigten

im Geäst auf den Feldern die Äpfel ihre roten Backen. Aber mehr als

ein welkes Blatt kreiste bei jedem Luftzug zu Boden, deckte die Erde,

daß man beim Gehen das herbstliche Rauschen unter den Füßen hörte,

wie eine Mahnung: die grauen Tage sind nah. In dies leise, müde

Knistern klangen jetzt von ferne her dumpfe, hallende Schläge. Sie

waren viele Stunden weit entfernt. Man hörte sie nur, wenn gerade der

Wind aus Südwesten kam. Dann war es, als grollte dort drüben über der

Rheinebene ein Gewitter: die beiden Schwestern waren stehen geblieben

und horchten, und Maxe sagte: »... Kanonen! ... Jetzt geraten sie

schon ordentlich aneinander ...«

Und dann im Weitergehen: »Möchte nur mein Mann so recht tüchtig nach

vorn 'rankommen! ... Unter den Augen von Majestät!«

»Er wird schon!« meinte Ulla phlegmatisch.

»Ja -- wenn alle Leute die Dinge so pomadig ansähen wie du! ... Glück

muß der Mensch haben! ... Gottlob ... Olaf hat's eigentlich immer!

... Er ist so veranlagt! ... Er zwingt sich's herbei ...«

Die blasse brünette Frau neben ihr nickte. Sie sagte gepreßt, in einem

Ton, der ihre eigene Schicksalslast verriet: »Freilich ... du bist zu

beneiden, Maxe ...«

Nach einer Weile setzte sie schleppend und traurig hinzu: »Du weißt ja

gar nicht, wie gut du es hast!«

Sie waren dicht vor dem Waldrand der Fasanerie. Aus dem schoß jäh

ein Automobil, stutzte an der Wegkreuzung und stand still. Ein

älterer, vornehmer Herr in der Uniform des Freiwilligen Automobilkorps

führte es. Neben ihm und hinter ihm im Wagen saßen gedrängt

Generalstabsoffiziere mit umgeschnallten Feldstechern und Landkarten

auf den Knieen. Er lüftete seine Kappe: »Bitte, meine Damen! Ist das

der nächste Weg nach Darmstadt? ... Ja? ... Danke gehorsamst! Danke!«

Und schon war alles wieder in Rattern und Benzindampf um die Ecke.

Ulla von Logow ließ im Weitergehen den Kopf hängen. Ihre dunklen,

schwermütigen Augen hafteten am Boden. Sie sah ihre Schwester nicht an.

»Wenn man so zurückdenkt, wie das alles so gekommen ist, Maxe,« sagte

sie. »Und wenn man sich mit dir vergleicht ... ich bin doch in einer

recht elenden Lage -- nicht? In einer lächerlichen: wenn ich Witwe

wäre, so wär' ich frei. Wenn ich geschieden wäre, so wär' ich frei!

... Wenn ich du wäre oder die Dorle, so hätt' ich meinen Mann. So aber

hab' ich keinen Mann und bin doch nicht frei! Ich hab' nur das Elend

von beidem. Und weiter nichts! ... Das ist doch eine Lage, in der

sonst niemand ist ... Ich kann mir das gar nicht erklären ... Ich hab'

immer das Gefühl, daß irgendwie ein großes Unrecht an mir begangen

worden ist!«

Sie kämpfte mit sich und setzte mit Überwindung hinzu, während es vor

Bitternis um ihre Lippen zuckte.

»Siehst du, Maxe -- so weit bin ich schon gekommen -- so verlassen und

überflüssig fühle ich mich ... daß ich mich schon an dich klammere ...

An dich! ... Ich muß mir selber immer klar machen, was das heißt! ...

Denn du bist doch meine natürliche Feindin im Leben ...«

»Ich bin deine Schwester, Ulla ...«

»Ach Gott ja ... deswegen gehen wir doch an dir zugrunde, er und

ich -- und es drückt mir das Herz ab, und ich kann es niemandem

ausschütten als dir ... ausgerechnet dir ... ich muß ... wenn ich

dich seh', muß ich von ihm sprechen! ... Ich hab' gar keinen Stolz --

nicht?«

Sie lachte verzweifelt auf und fuhr fort: »Ja. Es war damals eine

Vernunftpartie. Aber du hast nachher doch auch eine gemacht --

sogar noch viel offenbarer -- warum ist's nun bei dir damit so gut

ausgegangen und bei mir so jammervoll? Das möcht' ich bloß wissen!«

»Vielleicht, weil ich vorher mein Herz hab' zum Schweigen bringen

müssen!« sagte Maximiliane. »Das ist dir erspart geblieben! ... Du

hast ja nie in deinem Leben wirklich geliebt -- höchstens dich lieben

lassen ... Du weißt nicht, was man da durchmacht ...«

Die beiden jungen Frauen schwiegen. Sie schritten unter den hohen

Buchen des Waldes dahin. Hier merkte man nichts mehr von dem Krieg im

Frieden draußen. Kein Mensch war zu sehen. Ulla schaute noch immer vor

sich, auf die knorrigen Wurzeln, die quer über den Pfad liefen und den

Fuß hemmten. Dann hob sie plötzlich den Kopf und sagte: »Du meinst,

ich hätte nie geliebt! Weißt du, daß das ein schreckliches Wort ist,

wenn's wahr ist?«

»Ja.«

»Aber es ist nicht wahr!«

Sie holte tief Atem.

»Weißt du, Maxe ... wie du damals anfingst, auf ihn Eindruck zu

machen, da kam's über mich! Da fing ich an und wollt' ihn selber

haben. Da war's schon zu spät. Da entglitt er mir. Es war ein

verzweifelter, aussichtsloser Kampf all die Jahre -- eigentlich nicht

gegen ihn, sondern gegen dich. Du warst mein Verhängnis ... Sei nicht

böse ... Ich mein' es auch nicht böse. Du kannst ja nichts dafür.

Ich hab' es wohl auch nicht richtig angepackt. Ich hatte Zeiten der

Mutlosigkeit und Verbitterung ... Da hab' ich die Hände in den Schoß

gelegt und die Dinge laufen lassen, wie sie wollten, und ihn durch

meine Gleichgültigkeit erst recht wieder abgestoßen, zu dir hin ...

immer zu dir ... ach Gott, Maxe -- was hab' ich gelitten durch dich

... Und du warst unterdessen in Glück und Glanz!«

»Komm, wir wollen umdrehen, Ulla,« sagte die Generalin. »Es wird zu

spät. Ich versäume sonst noch in der Stadt meinen Mann!«

Die beiden Schwestern schlugen den Rückweg ein. Nach kurzer Pause hob

Frau von Logow wieder an: »Ja, dein Mann ... du hast einen Mann! Aber

ich ... meiner ist fern ... und seit er fern ist, weiß ich erst ganz,

was ich an ihm hab'! Glaub mir, Maxe -- diese Zeit unserer Trennung

-- die hat aus mir einen anderen Menschen gemacht. Ich bin so weich

geworden -- so voll Sehnsucht ... ich fühle mich so verlassen ... ich

lieb' ihn so ... ich hab' ihn schon die Jahre geliebt -- aber nie so

wie jetzt ... jetzt ist das alles erst ganz in mir wach geworden ...

ich weiß jetzt, daß ich im Leben nie mehr etwas ohne ihn anfangen

kann, nie mehr froh werden ohne ihn ... Ich denke nur an ihn ... ich

zähle die Tage, bis die Post aus Südamerika kommt ... Gottlob ...

seine Briefe sind immer lang und freundlich ... er ist gut zu mir

übers Meer ... ich bin so glücklich, wenn ich sitzen und ihm schreiben

kann ... ich rechne mir jetzt schon immer aus: In zweieinhalb Jahren

ist's überstanden. Dann kommt er zurück. Dann hab' ich ihn wieder ...«

»Aber warum fährst du denn nicht jetzt gleich zu ihm hinüber? Es hält

dich hier doch nichts?«

Ein tiefer Kummer legte sich über Ullas bleiche Züge.

»Ich hab' zwei, drei Ärzte gefragt! Immer dasselbe: Mit meiner Lunge

geh' ich in dem Klima da drüben in kurzem drauf. Oder wenn nicht ganz,

so doch halb! Darunter hat er schon hier genug gelitten. Was macht er

erst dort mit einer siechen Frau, ohne rechte Pflege? Das darf ich ihm

nicht aufpacken! Da verliert er wieder seine Spannkraft. Daran will

ich nicht schuld sein. Ich muß schon hier bleiben und warten. Ich

entziehe ihm ja dadurch nichts. Er braucht mich ja nicht. Nur ich ihn

...«

Ein warmer Schimmer durchleuchtete ihre großen dunklen Augen. Um ihre

blassen Lippen spielte ein hoffnungsvolles Lächeln.

»Wenn er dann wieder daheim ist, dann kommt meine Zeit! Dann will ich

alles daran setzen, um alles wieder gutzumachen. Dann muß er mein sein

und bleiben. Ich möchte bloß leben bleiben, um das Glück zu erleben!«

Sie blieb stehen und faßte die Hand der Jüngeren.

»Und das, Maxe -- das ist der Segen für mich, daß ich mich auf dich

verlassen kann. Du hast ja alles in der Hand. Aber du hast ihn nie mit

einem Blick, mit einer Silbe auf etwas anderes als auf seine Pflicht

hingewiesen! Und das hat mir den Mut gegeben, jetzt mit dir so offen

darüber zu reden. Ich weiß: wenn er zurückkehrt, wirst du, die du

selbst so glücklich bist, mein Glück nicht stören ...«

»Da sei Gott vor!« sagte Maximiliane von Glümke leise und ernst.

Die zwei jungen Frauen blickten sich an und beugten sich dann, von

der gleichen Eingebung ergriffen, mit einem schmerzlichen Lächeln

gegeneinander und gaben sich einen stummen, schwesterlichen Kuß. Beide

hatten Tränen in den Augen. Still kehrten sie in die Stadt zurück.

Dort war immer noch dasselbe Bild: Menschenmauern, über ihnen, in

rastlosem Dahingleiten, die Züge der Pickelhauben und Gewehrläufe,

Pferdeköpfe, eine in schwarzes Wachstuch gewickelte Fahnenstange

-- der Schellenbaum mit Glöckchengeklingel und Roßschweifwehen --

Paukenschlag und Trompetengeschmetter -- immer neue Regimenter

und Bataillone. Von den Fenstern der Otterslebenschen Wohnung sah

man nicht mehr auf sie hinunter. Alle standen und musterten ein

paar sonderbare, kreisende Libellen fern in der Luft, über dem

Waldsaum, der den Exerzierplatz hinter dem Bahnhof abschloß. Das

waren Militärflugzeuge, die vom Griesheimer Sand herüberkamen. Sie

flatterten, verschwanden wieder in der Richtung gegen den Rhein,

und während noch die Blicke der Familie an den Luftseglern hingen,

wandte sich Maximiliane mit einem plötzlichen leisen Aufschrei der

Freude um und lief nach der Tür. Sie hatte draußen die Stimme ihres

Mannes gehört. Fast zugleich stand er schon auf der Schwelle, streckte

lachend die Arme aus und zog sie stürmisch an sich.

Exzellenz von Glümke war feldmarschmäßig gestiefelt und gespornt,

so wie er eben aus dem Sattel gestiegen. Sein Gefolge hielt als ein

stattlicher Reitertrupp, Generalstäbler, Adjutant, Stabsordonnanzen,

Burschen mit Handpferden, vor dem Hause inmitten einer rasch

zusammengeströmten Menge von Neugierigen. Er war seiner nachrückenden

Division vorausgaloppiert. Ein Hauch von Herbstluft und Stoppelwind,

von Frohsinn und Frische des Manövers umwitterte ihn. Seine Wangen

waren gerötet. Seine blauen Augen blitzten. Jetzt, wo der Helm das

angegraute Haar bedeckte, glich er in der Lebhaftigkeit seiner

Sprache, dem Ungestüm seiner Art weniger einem preußischen General der

schweigsamen, gemessenen Moltkeschen Schule als einem Napoleonischen

Marschall, einem der verwegenen Troupiers, die auf Mord und Kaput

die Truppen mit sich in das Feuer und zum Siege rissen. Er goß ein

Glas Wein herunter, das ihm seine Frau gebracht, wischte sich den

Schnurrbart und lachte.

»Na -- nu geht's los! ... Eine Riesenwirtschaft ... Drüben am Main, wo

ich herkomm', ist alles himmelblau von Bayern. Die sind noch zurück.

Aber sie schließen mit einem Nachtmarsch auf. Morgen wird was an

Pulver verknallt ...«

»Schade nur, daß du so weit hinten bist!« meinte Maximiliane betrübt.

Er verneinte eifrig.

»Schadet gar nichts, Schatz! Die Teten beißen sich doch am Feinde

fest. Die kommen doch nicht vorwärts. Aber wir marschieren am Flügel

auf ... Ich hab' so die Idee, daß wir uns bei Weinheim seitwärts

in die Büsche schlagen ... das wäre ein Spaß: über den Odenwald

urplötzlich morgens die Württemberger und Badenser aus ihren Biwaks

kitzeln ... na ... Gott geb's!«

Er küßte seine Frau zum Abschied.

»Also hört mal ... wer von euch morgen was sehen will -- meine

Heldentaten im Gebirge könnt ihr doch nicht verfolgen --

immer dahin, wo Seine Majestät ist ... in die Rheinebenelinie

Heidelberg--Ladenburg--Mannheim -- sag mal, Otto ... schämst du dich

nicht an so 'nem Tag wie heute bis in die Knochen, als freiwilliger

Ziviliste? Junger, gesunder Kerl und spielt den Schlachtenbummler und

läßt sich von uns alten Leuten was vorschwitzen und vorgaloppieren

... Unter den Augen des Kriegsherrn?«

Otto von Ottersleben wandte sich finster ab. In der Tür erschien die

Gestalt des Divisionsadjutanten.

»Ich bitte gehorsamst um Entschuldigung, gnädige Frau! ... Exzellenz:

die Spitzen der Division sind schon...«

Von unten klang neue, rasch näherkommende Musik durch den ewigen,

gleichmäßig schütternden Marschschritt der Bataillone. General von

Glümke winkte.

»Ja ... ich komm' schon, mein lieber Gutgesell! Adieu, Kinder! ...

Gott ... wird das morgen famos!«

Er eilte die Treppe hinab. Unten auf der Straße ertönten die gellenden

Rufe: »Achtung!« Und pflanzten sich weithin über die marschierenden

Kolonnen fort, um dem Divisionskommandeur den Weg links frei zu

machen. In sausendem Galopp flog der General von Glümke mit seinem

Stab an ihnen vorbei, gegen Süden, in der Richtung wider den Feind.

17

Gegen Mitternacht hörte endlich der Durchzug des Heerwurms durch

Darmstadt auf. Es wurde allmählich sonderbar still. Nur noch

vereinzelte Nachzügler tröpfelten hinterher -- Zahlmeister und

geheimnisvolle graue Karren, die die Kriegskasse oder sonst etwas

bargen, Offiziere, die noch hinter der Front mit dem Etappenwesen

zu tun hatten, Telegraphenbeamte, Gendarmen zu Pferde und zu Fuß.

Und schon sandte in den frühen Morgenstunden das Manöverfeld seine

ersten Gefechtsschlacken zurück -- einen Leiterwagen voll fußkranker

Soldaten, Reservisten, Unteroffiziere, Einjährige, Gemeine bunt

durcheinander auf dem Stroh, huflahme Gäule, die unwillig über

das Pflaster hinkten, ein Bernerwägelchen mit einem an Kopf und

Arm verbundenen Husarenleutnant, der beim Aussteigen vor dem

Garnisonlazarett zu dem Assistenzarzt lachte: »Heute kriegen Sie noch

mehr unter die Finger, Doktor ... Die Gäule stürzen bei dem nassen

Boden wie die Deubels!«

Von dem Kampfe selbst merkte man in den Vormittagsstunden in der

Stadt nur den fernen Kanonendonner. Von wo er kam, ließ sich nicht

sagen. Das Wetter grollte überall. Es brummte aus den Odenwaldtälern,

es böllerte an der Bergstraße, es dröhnte von der Rheinebene, selbst

jenseits des Stroms, bis zum blauen Haardtgebirge hin murrte es tief

und schwer, wie sonst bei elektrischer Schwüle im Hochsommer. Den

ganzen Mittel- und Unterlauf des Neckars entlang, von Württemberg

und durch Baden bis in die bayerische Pfalz, feuerten Hunderte von

Geschützen. Viele Stunden weite Strecken gab es dazwischen, tiefe

Waldeinschnitte des Flußbetts, in denen man nichts von dem Manöver

sah, und auch in dem Teil der Rheinebene hinter Darmstadt, durch

den Otto von Ottersleben sein elegantes Automobil lenkte, war es

menschenleer. Der Kasten kostete ja jährlich eine Stange Gold.

Aber wozu hatte man den reichen Schwiegerpapa? Zwei bebrillten

Eisbären ähnlich, saßen er und seine Frau mit dem Chauffeur auf den

Vorderplätzen, dahinter Maximiliane und die Grotjans, Ulla hatte

nicht mitkommen wollen. Es regnete nicht. Aber der Himmel war grau,

die Luft undurchsichtig. Schlechtwetterwind blies von Südwesten, von

den Vogesen her. Man hörte überall da vorn die Schlacht, aber man

konnte nicht erraten, wohin sie sich zog. Die Wälder von Obstbäumen

und Hopfenstangen, die vielen Dörfer versperrten die Aussicht. Auf

der niedrigen Hügelfläche von Lorsch stoppten sie unter dem Torbogen

aus Karolingerzeit, der allein an die einstige Klosterherrlichkeit

erinnerte. Auch von da sah man nichts als zwei oder drei große Fische

in der trüben Luft schwimmen -- lenkbare Luftschiffe, die über den

Heeren kreuzten -- dort, über dem Fabrikqualm von Mannheim, an seiner

schlanken Weiße kenntlich, ein nachts von Metz durch Lothringen

herübergeflogener Zeppelin, hier, eilig neckaraufwärts, gen Osten

steuernd, je nach der Beleuchtung bald eisengrau, bald hellgelb

schimmernd, die plumper geformten Parsevals und Groß'.

»Hier ist nichts los!« sagte Otto. »Weiter!« Er ließ den Motor laufen

und wandte sich nach einer Weile befriedigt zu den anderen. »Na

endlich doch mal Menschen!«

Die weite Wiesenfläche rechts vor ihnen war bunt von Kavallerie. In

zwei, drei Staffeln hintereinander hielten in langen, in der Ferne

verschwindenden Reihen die Regimenter, Dragoner, Husaren, Ulanen --

eine ganze Division, die Mannschaft abgesessen, die Pferde mit träge

hängenden Köpfen, an langen Zügeln, hinter der Front das eilige

Hämmern und der heiße Hornspangeruch der Feldschmiede, eine Gruppe

Veterinäre um einen am Boden liegenden, in Kolik um sich keilenden

Gaul, am Weg ein Trupp Leutnants von den reitenden Batterien,

von denen ein paar ihren einstigen Kameraden Ottersleben von der

Militärtechnischen Akademie in Berlin erkannten. Einer der Herren

meinte: »Was wir hier tun? Sie sehen's ja: vorläufig nischt!«

Und ein anderer setzte hinzu: »Wenn Sie was sehen wollen, Sie

Zivilstratege, dann kantern Sie mit Ihrer Benzindroschke immer der

Nase nach. Bei der Ladenburger Brücke vor uns ist der Hauptklimbim!«

Hier, gegen den Neckar zu, kam man allmählich in den Hintergrund der

Schlacht. Große Munitionsparks standen seitwärts in den nassen, von

Rädern kreuz und quer zerfahrenen Äckern, Gruppen von Neugierigen

säumten die Straßen -- ein Zug von Leiterwagen mit kriegsgemäß

requirierten Balken und Holzwerk arbeitete sich, von berittenen

Pionieroffizieren angetrieben, unter Geschrei und Peitschengeknall

vorwärts, und der die Oberaufsicht führende Generalstabsoffizier, der

gestern Maximiliane den Weg durch den Train am Darmstädter Schlosse

freigemacht, sprengte heran und erwiderte lachend auf ihre Frage: »Bin

leider nicht ganz auf der Höhe der Situation, Exzellenz! Habe die

angenehme Aufgabe, mich hier mit diesen vierräderigen Angelegenheiten

hinter der Front zu befassen. Aber was von da durchsickert: danach

fällt die Entscheidung, ob wir die Neckarlinie forcieren, auf den

linken Flügel ... Man rechnet da sehr auf den Herrn Gemahl, Exzellenz

... Wenn Exzellenz sich da den Hügel hinauf bemühen, da hat man einen

guten Überblick! ... Gendarm ... lassen Sie bitte die Herrschaften

durch! ...«

Als die drei Offiziersfrauen oben standen und die Ebene überschauten,

machten sie erstaunte Gesichter. Sie waren sämtlich mit Heeresdingen

vertraut. Sie wußten: so wie man sich ein Manöver gemeinhin

vorstellte, so war es längst nicht mehr. Es gab keine Bajonettangriffe

mit klingendem Spiel und wehenden Fahnen, keine Führer hoch zu Roß,

mit gezogenem Säbel, keine Karrees, an denen die Reiterschwärme

brandeten. Aber doch war ihnen der Anblick hier oben verblüffend: das

ganze Schlachtfeld war leer! Die Dörfer, die Obstwälder, die Felder

lagen wie sonst in der trüben grauen Herbstluft. In der hörte man wohl

schweres, wie unterirdisches Dröhnen der Geschütze und dazwischen

ein schwaches, rastloses, unsichtbares Gehämmer und Geplacker des

Kleingewehrfeuers, so als stiegen fortwährend Hunderte von Blasen

aus einem siedenden Kessel -- aber dabei blieb diese unheimliche,

rätselhafte Öde, diese scheinbare Abwesenheit von Mann und Roß, und

der Generalstabsmajor Eberwein, der abgesessen und den Damen gefolgt

war, erläuterte: »Streng kriegsgemäß! ... Alles platt am Boden --

eingebuddelt wie die Maulwürfe ... in den neuen grauen Felduniformen

... bitte ... hier ist mein Glas, Exzellenz!«

Jetzt, mit bewaffnetem Auge, erkannte Maximiliane die dünnen, wie

Herbstspinnweb über den Äckern hin eingenisteten Schützenschwärme,

dahinten die großen dunklen, am Boden niedergeduckten Massen der

Regimenter, hinter einem Hause, jedem Blick des Feindes entzogen,

ein Stab -- ledige Pferde, Offiziere um einen mit Karten bedeckten

Tisch, vorn, bäuchlings im Kartoffelkraut, ein Adjutant, das

Fernrohr vor dem Gesicht -- wenn man schärfer hinschaute, wimmelte

es auf einmal auf den Stoppeln hinter dem schwachen Dunst der

Schützenlinie von Tausenden von bedächtig kriechenden Schnecken.

Die Unterstützungstrupps schoben sich behutsam wie Indianer auf dem

Kriegspfad vor. Über dem allen ruhte, unter dem bleigrauen Himmel, ein

sonderbarer Schauer, ein atemloses Bewußtsein: wer nur eine Sekunde

aufrecht steht und dem Feind das Antlitz zeigt, ist ein Kind des Todes

... ein Zweidecker flatterte wie ein großer, geängstigter Vogel über

dem schweigenden Bild dahin, nach rückwärts, nach dem Hauptquartier.

Der Generalstabsoffizier schirmte die Augen mit der Hand und

beobachtete es.

»Donnerwetter -- der Aeroplan kam quer über den Odenwald! Alle

Achtung! ... Das sind Nachrichten von unserem linken Flügel. Wenn der

nur ordentlich um den Königsstuhl herumlangt und den Feind auf die

Flanken drückt, dann kriegen wir hier vorne auch Luft. Ja, ich muß

mich nun beurlauben! Empfehle mich gehorsamst, Exzellenz ...«

Du Schwert an meiner Linken · 第 20 / 27 段