»Das ist ja gleich, wo jeder von uns wieder mit sich ins reine und

innerlich mit dem anderen zurechtzukommen sucht. Das steht bei dir! Am

besten wohl in Darmstadt bei deiner Mutter ...«

Er kam nicht weiter. Ulla entwand sich seinen Händen. Sie sprang empor

und er erschrocken mit ihr. Sie lachte auf. Sie warf den Kopf zurück.

Sie war ganz verändert.

»So mußte es kommen!« sagte sie mit funkelnden Augen. »Ich hab's ja

gewußt ... das ist das Ende ... Das ist das letzte, was du mir noch

antun konntest ...«

»Was hab' ich dir denn getan?«

Sie fuhr auf ihn los. Sie keuchte ihm ins Gesicht.

»... das ist der Schluß ... man wird einfach bei der Mutter abgestellt

wie ein alter Koffer ... da kann man verschimmeln ... Und du amüsierst

dich irgendwo da draußen ... Dort braucht ja niemand zu wissen,

daß du eine Frau in Deutschland hast ... Deswegen hab' ich dich

wohl geheiratet, he? ... Ich möchte wohl wissen, weswegen ich dich

geheiratet hab'! Es war so dumm von mir ... So dumm! ... Aus Liebe

nicht! ... Das bilde dir nicht ein ...«

»Sei still, Ulla!«

»... sondern ich hab's mir damals lange überlegt ... sogar mit der

Maxe zusammen ... dem blonden Schaf ... und hab' mir gesagt: der

bringt mich wenigstens unter die Menschen, ins Leben hinaus ... ich

bin doch schön! Da soll man's auch sehen! Jawohl ... wie die Eulen

haben wir gelebt in Berlin ... Kein Mensch bei uns als die Maxe ...«

»Hör endlich mit der Maxe auf!«

»... dann hierher ... in dies Jammernest ... weil du die Maxe im Kopfe

hattest und nicht deinen Dienst ... Das mußt' ~ich~ büßen ... und

wieder als Besuch die Maxe, bis ich sie aus dem Haus geschickt hab'

...«

»Laß das jetzt ...«

»Und nun, zu guter Letzt völlig in die Rumpelkammer ... Zu Mama nach

Darmstadt ... Und du fährst mit deiner geliebten Maxe im Herzen nach

Afrika oder Asien übers Meer ...«

»Hör auf! Rühre mir nicht daran! Oder 's gibt ein Unglück!«

»Und sie rauscht in Darmstadt bei uns herein -- großartig ... als

Exzellenz ... zwanzig Menschen hinter ihr ... und du bist der Dumme

... Und ich bin die Dumme ... Und sitze als elende Strohwitwe daneben

und werd' noch ausgelacht hinter meinem Rücken, daß mein Mann mir

ausgekniffen ist ... Großer Gott ... Wodurch hab' ich das nur

verdient? Warum geht's nur der Maxe so gut? Und warum müssen wir beide

ewig für sie leiden? ... Ich bin immer der Sündenbock ... Und hab'

doch niemandem was getan!«

Ihre Aufwallung war verflogen. Die Tränen kamen wie der Platzregen

nach Blitz und Donner. Sie warf sich auf den nächsten Stuhl. Ein

Weinkrampf schüttelte sie. Ihr wildes Schluchzen übertönte das

unbekümmerte Schmettern des Kanarienvogels. Sie stampfte mit den Füßen

auf die Erde. Sie stieß ihren Mann, der sich über sie beugte, mit dem

Ellbogen zurück.

»Laß mich!« murmelte sie zwischen den Zähnen und verstärkte ihre

Tränen. Es waren seltsame, kindische, ihr sonst ganz fremde

Klagelaute, die sich ihren Lippen entrangen. Sie preßte beide Hände

an die Ohren, um Erich von Logows Worte nicht zu hören. Sie machte

die Augen zu, um ihn nicht sehen zu müssen. Endlich hörte sie auf

zu weinen. Sie war erschöpft. Sie wurde ruhiger. Er hatte solange

gewartet und in düsteren Gedanken dagestanden. Nun hob er den Kopf

und sagte: »Es tut mir leid, daß ich dir solchen Schmerz zufügen muß.

Ich habe nicht gedacht, daß es dich so treffen würde ...«

Sie lachte wieder, mit nassen Wangen und feuchten Augen.

»Das glaub' ich! Wann denkst du denn je an mich? Du denkst ja nur an

die Maxe ... An die denkst du bei Tag und Nacht ... Wo du gehst und

stehst ... Meinst du, ich wüßte das nicht? Da müßtest du dich besser

verstellen können ...«

»Ulla ... laß endlich den Namen ... hab' doch ein bißchen Erbarmen mit

dir und mir ...«

»Und dann wirfst du mir vor, ich zerstörte unsere Ehe! ... Haha! ...

Es wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Weinen wäre ...«

»Ich hab' das nie behauptet, Ulla! ... Ich hab' mit dir nicht

gerechtet! Ich hab' mich nicht in Schutz genommen! ... Ich weiß, daß

ich schuldig bin -- nicht in Werken, aber in Gedanken. Das will ich ja

eben sühnen ... Da drüben ...«

Er überlegte und setzte nach kurzem Kampf hinzu: »Zurück kann ich

nicht mehr, selbst wenn ich wollte. Es ist alles schon abgemacht! ...

Ich bin gebunden. Ende der Woche muß ich schon in Hamburg aufs Schiff

...«

»Ja ... beeile dich nur, von mir wegzukommen! ... Jeder Tag ist da zu

viel!«

Der Hauptmann von Logow unterdrückte eine Bewegung des Zornes. Er

fuhr mit unveränderter Stimme fort: »Aber vielleicht hast du recht

mit dem, was du vorhin sagtest: ich hab' kein Recht, dich hier allein

zu lassen. Ich will nicht schuld sein, daß du dich unglücklich und

verraten fühlst! ... Also komm in Gottes Namen mit mir, Ulla! ...

Oder noch besser ... folg mir in ein paar Monaten nach, wenn ich mich

drüben ein bißchen eingerichtet habe!«

»Wo?«

»In Chile. Weißt du nicht, wo Chile liegt?«

»Irgendwo da drüben ...« Sie zuckte die Achseln. Ganz klar war es

ihr nicht. »Es ist ja auch gleich, wohin wir zusammen vor der Maxe

davonlaufen ...«

»Ja ... wenn du's nicht anders auffassen kannst ...«

Er ging finster in dem Zimmer auf und ab. Nach einer Weile wandte er

den Kopf zu ihr und frug kurz: »Also du fährst mit?«

»Ist's denn weit von hier?«

»Natürlich ist's weit.«

»Und wo wohnen wir denn da?«

»Das weiß ich nicht!«

»Vielleicht auch wieder in einer ganz wilden, einsamen Gegend?«

»Es kann sein!«

»Und du bist auch wieder den ganzen Tag außer Hause?«

»Freilich hab' ich Dienst! Dort erst recht ...«

»Was sprechen denn da die Leute für eine Sprache?«

»Spanisch!«

»Davon versteh' ich doch kein Wort! ... Da hab' ich ja keine

Menschenseele, mit der ich reden kann!... Da bin ich ja erst recht

verraten und verkauft ... Wie fange ich's da mit den Dienstboten an?

Hier bleiben sie mir ja schon nicht ...«

»Herrgott, sei doch nicht so schlapp!«

»Und was mach' ich denn da, wenn ich wieder krank werde? Vielleicht

ist da gar kein Arzt in der Nähe! Da sterb' ich und werd' im Urwald

begraben! Dann seid ihr mich los!«

Er bemühte sich immer wieder, geduldig zu bleiben.

»Ich kann die Lebensbedingungen drüben nicht ändern!« sagte er. »Ich

kenne sie nicht, aber natürlich werden sie nicht ein Viertel so

schlimm sein, wie du dir das einbildest! ... Du mußt nur ein bißchen

mehr Mut und Selbstvertrauen haben!«

»Nein. Ich fürchte mich davor!«

»Ulla!«

»Ich fürchte mich vor der Seefahrt ... Und ich fürchte mich vor den

Leuten drüben! Ich fürchte mich vor allem auch vor dem Alleinsein mit

dir! ... Ich bin ja dort ganz hilflos in deiner Hand! An mir läßt du

dann alles aus ...«

»Nein, Ulla -- das versprech' ich dir ...«

»Und dann wird's schlimmer wie je! Und die Maxe ist ja doch immer da!«

»Wenn du das Wort noch einmal aussprichst, verlass' ich das Zimmer!«

»... und ich seh' nicht ein, warum ich mich von der Maxe bis ans Ende

der Welt jagen lassen soll, während sie hier herrlich und in Freuden

lebt! ... Den Gefallen tu' ich ihr nicht! ... Hier ist's immer noch

besser! Hier hab' ich wenigstens Menschen ... Die Mama ... Ich bleibe

...«

Es war eine Pause. Dann sagte er: »Wie du willst! ... Überleg es dir!«

»Nein. Ich bleibe!«

Eigentlich fiel ihm ein Stein vom Herzen. Ihm graute nachträglich bei

dem Gedanken, daß sie gemeinsam ihr Elend hätten übers Meer schleppen

sollen. Er wartete die nächsten Tage hindurch auf eine Gelegenheit zu

einer neuen Aussprache mit seiner Frau. Er hoffte, sie würde ihm von

sich aus einen Anlaß dazu geben. Aber Ulla tat nichts dergleichen. Sie

war etwas lebhafter als sonst und wirtschaftete mehr im Hause herum.

Auf ihren Zügen lag dabei eine kalte Abwehr. Wenn sie mit ihm zusammen

war, redete sie hartnäckig kein Wort, sondern starrte an ihm vorbei

ins Leere. An einem Morgen hielt er's nicht mehr aus.

»Ulla -- so können wir nicht auseinandergehen ... Wir müssen noch

zusammen über die Zukunft einig werden! ... Ich schreibe dir

vielleicht am besten von drüben, wie alles ist, und du kannst dir dann

immer noch überlegen, was du tust!«

Sie erwiderte nichts. Nach einer Weile erhob sie sich und verließ

das Zimmer. Nun gab er es auch auf. Den Rest des Tages verbrachten

beide stumm in der kleinen Villa, in der schon überall halbgepackte

Koffer, geöffnete Schubladen, gähnende Schränke die nahe Auflösung des

Haushalts verrieten.

Am Abend war Abschiedsessen im Kasino. Erich von Logow war im Regiment

nie so recht warm geworden. Er hatte, in der trüben Unruhe, die ihn

seit Jahr und Tag erfüllte, nicht viel Verkehr mit den Kameraden

gesucht, und in diesem Grenztruppenteil wieder, der hier wie ein

Vorposten die Wacht am Ende des Reiches hielt, hatte man nie erwartet,

daß er lange bleiben würde. Er stammte aus dem Generalstab. Er

war ein Springer. Er kam und ging. So hatte die Feier nicht das

Herzliche wie sonst in der großen Familie eines Regiments, wo man den

Scheidenden seit so und so viel Sommern und Wintern als Kameraden

kannte. Aber sie war trotzdem würdig und nett verlaufen. Der Oberst

hatte gesprochen und den neuen Militärinstruktor ermahnt, auch da

drüben in Südamerika den preußischen Waffenruhm in Ehren zu halten und

die Chilenen auf die Höhe des alten Landsknechtsspruchs zu bringen:

»Wer im Krieg will Unglück ha'n,

Der fang' ihn mit den Deutschen an!«

und der Hauptmann von Logow hatte gedankt und gelobt, sein Bestes zu

tun, und sein Glas bis auf die Nagelprobe auf das Wohl des Regiments

geleert.

Sonst hatte er, nach seiner Gewohnheit, nur ganz wenig getrunken. Sein

Kopf war frei, während er von dem Liebesmahl durch die stockdunkle

Nacht nach seinem Hause vor der Stadt schritt. Der Wind pfiff über das

weite Feld, die Pappeln rauschten rechts und links am Wege. Man mußte

den genau kennen, um ihn nicht in der Finsternis zu verfehlen. Ein

schwacher Lichtschein da drüben wies die Richtung. Dort brannte eine

Kerze im Flur. Erich von Logow trat ein, legte Helm, Säbel und Mantel

ab, und öffnete leise die Tür zum Schlafgemach. Es war schon spät.

Er wollte Ulla nicht wecken. Aber das Zimmer war leer! Sollte sie

aufgeblieben sein, um ihn zu erwarten? Das war doch sonst nicht ihre

Art. Er ging hinüber in den Wohnraum. Auch da niemand. Aber nebenan,

auf seinem Schreibtisch, lag im hellen, gelben Strahlenkreis der

Lampe ein geschlossener Brief. Ohne Aufschrift. Offenbar von ihr. Er

riß ihn auf. Es waren die Schriftzüge seiner Frau. Er las:

»Wenn wir uns schon trennen sollen, weil es Dir so beliebt, so will

ich wenigstens nicht die sein, die zu Schimpf und Spott in dem leeren

Haus sitzen gelassen wird. Dann will ich es wenigstens sein, die Dich

verläßt und die zuerst das Haus verläßt, und Du magst dann selber den

Schlüssel abziehen. Gib ihn bitte an Frau Hauptmann von Japorski. Sie

hebt ihn schon auf und sieht in der Wohnung nach dem Rechten. Sie soll

so gut sein und tüchtig lüften, damit die Nordseite nicht muffelt!

Sonst habe ich mit dem Hauswirt Ärger, wenn ich zum Umzug zurückkomme.

Vorläufig gehe ich zu Mama nach Darmstadt und bleibe, bis Du unterwegs

bist. Ich fahre jetzt, während Du im Kasino bist, zum Abendzug auf den

Bahnhof. Das habe ich mir schon seit Tagen überlegt. Weiter habe ich

Dir jetzt nichts zu sagen. Du willst ja auch von mir nichts wissen.

Also leb vorläufig wohl!

Ulla.«

Der Hauptmann von Logow faltete langsam den Brief zusammen. Das

Frösteln der Einsamkeit überlief ihn. Draußen schwieg die Nacht.

Das Haus lag still und verlassen und blieb es, bis er am nächsten

Abend mit einem schweren Aufatmen das Flurtor hinter sich ins Schloß

drückte. Am Vormittag hatte er sich überall abgemeldet. Eigentlich

sollte er erst am kommenden Morgen fahren. Aber er wollte nicht die

Kameraden an der Bahn haben, kein lärmendes Abschiednehmen vor allen,

keine erstaunten und neugierigen Fragen nach seiner Frau, deren Fehlen

verriet dann im letzten Augenblick manches, was sonst hier allen für

immer ein Geheimnis blieb. So hatte er eben an den Regimentsadjutanten

ein paar flüchtige Zeilen mit der Bitte um Entschuldigung gesandt,

daß er so plötzlich ohne Abschied abreise, um sich mit seiner schon

vorausgefahrenen besseren Hälfte bei deren Mutter zu treffen. Er stand

vor dem Hause mit den geschlossenen Fensterläden, aus dem seine Frau

schon vor ihm gegangen war; er blickte hinüber nach dem Kirchhof, wo

sein Kind begraben lag -- alles hier war eine große Trümmerstätte

von Hoffnung und Glück. Er drehte ihr den Rücken und schritt dem

Bahnhof zu. Die Abendsonne sank hinter den Vogesen und wies ihm in

geheimnisvollem Leuchten den Weg gen Westen, übers Meer, in das neue

Land.

Achtundvierzig Stunden später stand er an Bord des großen gelben

Hamburger Dampfers, der langsam die Elbe hinabfuhr. Der Hafen lag

schon hinter ihnen. Rechts glitten die Höhenzüge vorbei, die Parks und

Schlösser, Flottbeck, die Teufelsbrücke, Blankenese mit seinem hohen

Wartturm. Links ragte aus der weiten Ebene der Fischermastenwald,

die niederen Dächer von Finkenwerder. Und breiter und breiter ward

der Strom. Er weitete sich zum Haff. Dort, schon in der Ferne, über

der unruhig gewordenen See, lag Cuxhaven. Ein paar Ozeanriesen der

Hamburg-Amerika-Linie davor.

»Das ist die alte Liebe!« sagte jemand neben ihm und erklärte,

so heiße dort der Pier -- der äußerste des Festlandes -- die

Abfahrtsstelle über das große Wasser. In Erich von Logow klang das

Wort nach: Alte Liebe ... ja ... das war der letzte Ruf aus der Ferne

-- das war es, was ihn in die Weite trieb. Darin war alles beschlossen

-- des Lebens Rätsel und des Lebens Qual. Er schaute zurück, und es

lag stumm auf seinen Lippen: Du alte Liebe ... du ewig neue ...

Nun war der Küstenstreifen schon beinahe ganz verdämmert. Europa

versank. Der Wind pfiff stärker und knarrte im Takelwerk. Die Möwen

kreisten und schrieen. Das Schiff schwankte, und so weit das Auge

reichte, rauschte grauzerpflügt das Meer ...

16

»Morgen marschieren wir,

Ade -- ade -- ade -- ade!

Morgen marschieren wir --

Ade -- ade -- ade ...

Wie schön schlug heut' die Nachtigall

Vor meiner Liebsten Haus ...«

Hunderte von rauhen Kehlen sangen, die Gewehre starrten kreuz und

quer über den regennassen Helmen, es ging ohne Tritt mitten durch die

Straßen von Darmstadt. Kriegsgemäß. Es war Manöver. Kaisermanöver.

Dort im Süden, gegen den Neckar zu, stand der Feind.

In grauen Strähnen strömte der Herbstregen herunter. Der Boden

war ein zäher Brei, aufgeweicht von Nagelstiefeln, Rossehufen und

Kanonenrädern der endlos von Frankfurt her durchrückenden Kolonnen,

die Bürgersteige, die Fenster und Balkons schwarz von Menschen.

Undurchdringliche Schilddächer von Regenschirmen säumten die

Wegkreuzungen ein. Über ihnen sah man nur die Pferdeköpfe und die

Oberkörper der berittenen Offiziere vorbeigleiten. Maximiliane von

Glümke versuchte, vom Darmstädter Bahnhof kommend, seit zehn Minuten

vergeblich, den Schnittpunkt der Rhein- und der Neckarstraße am

Zivilkasino zu überschreiten, nachdem ihr Suchen nach einem Wagen

heute vergeblich gewesen war. Sie stak, das Reisetäschchen in der

Hand, ihre Jungfer neben sich, mitten in der Masse. Vor ihr zog

es immer weiter vorüber: Generale mit ihrem Stab -- Lanzenwälder,

Pausen, in denen nur das dumpfe Poltern auf dem Pflaster verriet,

daß Artillerie durchpassierte, und wieder schwere, schulternde

Infanteriemassen. Es war ohne Anfang, ohne Ende. Es schien das

achtzehnte Armeekorps zu sein. Maximiliane erkannte durch die

Lücken der Menschenmauern zuweilen die Uniformen der nassauischen

und kurhessischen Regimenter -- das Artillerieregiment Oranien

-- die Wiesbadener und Homburger Füsiliere. Jetzt eben entstand

im Vorbeimarsch der Einundachtziger, der Frankfurter, ein Halt.

Sie benutzte die Gelegenheit und ging mit der Sicherheit einer

Soldatenfrau zwischen den Sektionen hindurch. Auf der anderen Seite

der breiten Rheinstraße war auch noch alles voll von Menschen,

die ganze Stadt in festlich verregneter Stimmung, aber man kam

doch vorwärts. Beim weißen Turm trat die junge Generalin in einen

Blumenladen ein und kaufte einen Strauß zur Begrüßung für ihre Mutter,

zu der sie heute für einige Zeit auf Manöverbesuch kam. Während sie

auf das Binden wartete, schaute sie durch die regenblinden Scheiben

ins Freie hinaus. Soldaten ... immer wieder Soldaten ... auch hier

... nicht die gewohnten Truppenteile, die man im Frieden sah, sondern

ganz sonderbare Formationen aus der probeweisen Mobilmachung eines

Armeekorps mit kriegsstarkem Train -- lange ernste Munitionskolonnen,

rauchende Feldbäckereien auf Rädern, Reservehufschmieden, Ambulanzen

mit dem roten Genfer Kreuz, fauchende Lastautomobile, dann, von

Pionieren bewacht, eine Karrenreihe mit großen, darauf verpackten

Trögen, ein Pontonbrückentrain, rechts, um die grauen Massen des

Schlosses herum, am Theater vorbei bis in die Altstadt hinein,

Hunderte von stillhaltenden Leiterwagen mit Heu und Stroh, von

Odenwälder Bauern mit Vorspannpferden geführt -- ein Bild wie aus dem

Dreißigjährigen Krieg. Die junge Frau riß plötzlich die Glastür auf

und rief: »Dorle ... Dorle ...!«

Eine kleine rundliche Dame und ein zwei Köpfe größerer, knochiger Herr

in Zivil drehten sich um. Jawohl: sie waren es ...! Dorle Grotjan

stieß einen Schrei des Entzückens aus und flog ihrer schönen Schwester

entgegen. Ihr Gatte, der nun schon Hauptmann bei seinen dreißigsten

Pionieren in Thorn war, küßte ihr, der Exzellenz, respektvoll die Hand.

»Ja ... unsere Festungsübungen an der Weichsel waren vorgestern zu

Ende. Da sind wir rasch mal hier zu Muttern 'rüber!« sagte er ganz

aufgeregt auf ihre Frage. »So was sieht unsereins nicht alle Tage ...

Schau nur die Brückentrains ... der Neckar wird morgen an fünf Stellen

zugleich von fünfzigtausend Mann überschritten! Großartig! ... was?«

»Ach, das ist noch nichts!« rief Dorle dazwischen. »Von der Rosenhöhe

aus solltest du einmal sehen! ... Die ganze Rheinebene, bis Frankfurt

hin -- alle Straßen schwarz!«

Und ihr Mann ergänzte begeistert: »Das ist das elfte Korps. Und heute

nacht ist das ganze bayerische Armeekorps mit Sack und Pack, Pferden

... allem ... in achtzig Zügen von München hier herüber. Sie schiffen

sich eben zwischen Aschaffenburg und Frankfurt aus ...«

Das Ehepaar war wie berauscht. Die junge Exzellenz blieb kühler, an

kriegerischen Trubel im großen Stil gewöhnt. Sie frug: »Wo ist denn

der Kaiser?«

»Der Kaiser ist noch in Mainz! Das Hauptquartier geht morgen von

dort direkt gegen den Neckar, in die Gegend von Ladenburg ...

Der Großherzog von Hessen ist auch drüben in Mainz. Eine Menge

Fürstlichkeiten! Wir waren gestern in Mainz ... Ich sage dir: die

Stadt steht auf dem Kopf! Ein Menschengewühl ... ein Leben ... alles

voll Fahnen ...«

»Dabei nichts mehr zu essen und zu trinken!« lachte Frau Dorle. »Die

Leute übernachten im Freien!«

»Und wir kommen hier auch nicht von der Stelle,« sagte die Generalin

etwas ungeduldig. Im selben Augenblick hatte ein höherer Offizier zu

Pferde, ein früherer Untergebener ihres Mannes, sie erkannt. Er grüßte

Maximiliane ehrerbietig und wetterte dann den nächsten Ulanenleutnant

an, der, das Reservekreuz auf der Tschapka, sehr mißvergnügt, weil er

und viele Leidensgefährten, statt vor der Front querfeldeinzusprengen,

hier Fuhrknechte und Karren bewachen mußte und teilnahmslos von seinem

durchnäßten Gaul über diese vierräderige Trübsal hinweg ins Graue

blickte.

»Zum Donnerwetter, Herr ... wozu hat Sie denn der liebe Gott

erschaffen und hierher gestellt, wenn Sie sich um nischt kümmern? ...

Da steht Ihre Exzellenz womöglich schon seit einer Stunde und wartet

auf Durchlaß ...«

»Oh ... Pardon ...«

Der Reserveleutnant riß, zu plötzlichem Eifer erwacht, höchst

eigenhändig den nächsten Karrengaul zur Seite. »Platz für Ihre

Exzellenz!« befahl er. Hinter dem Wagen schrie ein Unteroffizier:

»Platz für Exzellenz!« Andere Stimmen wiederholten es: »Platz für

Exzellenz!« Niemand wußte mehr, wer die Exzellenz war. Aber es bildete

sich eine Gasse, durch die hindurch die drei in ruhigere Straßen und

zum Hause der verwitweten Frau von Ottersleben gelangen konnten.

Maximilianes Mutter wohnte mit ihrer ältesten Tochter außerhalb der

eigentlichen Stadt gegen die Bessunger Kasernen zu. Es waren helle,

freundliche Zimmer. Im vordersten stand, im eleganten Zivil, Otto

von Ottersleben mit seiner Frau, und schaute tiefsinnig auf den

Heereszug hinunter. Die Scheiben klirrten von dem dröhnenden Schritt

der Bataillone, die Fensterrahmen zitterten unter dem Gerümpel der

Geschützräder -- jetzt setzte die Musik ein -- ein Reitermarsch

schmetterte durch Grau und Regen ... lieber Gott ja -- so war man

früher auch mit hinausgezogen, hatte sich den Landstraßendreck ins

Gesicht spritzen lassen und die Flöhe im Bauernbett gezählt und im

Stall drauflos gedonnert, weil der Einjährige Meier die Roßäppel

nicht mit seinen eigenen verehrlichen Pfoten zusammenkratzen wollte.

Jetzt war man ein freier Mann -- konnte tun und lassen, was man

mochte. Besaß sein eigenes Rittergut in der Ostmark. Aber auf Otto von

Otterslebens hübschem Gesicht lag ein Schatten, während er sich von

den Soldaten unten ab- und den Seinen im Zimmer zuwandte.

Dort hatte Maximiliane inzwischen lachend die Mutter umarmt. Frau von

Ottersleben erwiderte ihre Küsse. Dann entschuldigte sie die Älteste:

»Ulla kommt gleich! Sie hat eben einen langen Brief gekriegt von ihrem

Mann, aus Südamerika.«

»Wie geht's ihm denn?«

»Es scheint ganz gut, Maxe! ... Aber 's ist doch recht traurig! ...

Da sitzt die arme Ulla nun hier ... Ich bin ja froh! Ich habe dadurch

Gesellschaft! Ihr andern kommt ja doch nur alle Jubeljahre mal! ...

Sogar du, Maxe!«

»Ja, eben wegen der Ulla, Mama!« sagte die junge Exzellenz, ernst

geworden. »Ich bin ihr doch ein Dorn im Auge!«

»Warum denn nur, Kind?«

»Ich weiß nicht! ... Ich geh' ihr aus dem Weg, wo ich kann. Aber heute

ist's mir gleich. Ich muß dabei sein, wenn mein Mann ... o Gott ...

was werden die Leute draußen naß!... Er natürlich auch!... Er schont

sich ja nie ...«

Schallend dröhnte es unten aus der grauen Flut von Helmen,

Gewehrläufen und gerollten Mänteln:

»Der Hauptmann, der führt uns,

Er geht uns kühn voran.

Wir folgen ihm mutig

Auf blutiger Siegesbahn ...«

Und während die eine Kompanie da vorn im Regen verschwand, hallte

schon der Chor der nächsten:

»Er führt uns jetzt

Zu Kampf und Sieg hinaus,

Er führt uns deutsche Brüder

Ins Vaterhaus!«

Und der gestrenge Kompaniechef, der in seinem nassen Mantel vor den

Seinen ritt, wandte wohlwollend den Kopf im Sattel zurück, zufrieden,

daß seine Kerls trotz des Schweinewetters fidel waren, und die jungen

Leutnants, die leichtfüßig, mit ihrem kleinen Tornister auf dem

Rücken, neben ihren Sektionen schritten, sangen aus Langeweile mit,

während es sich weit, weit in der Ferne in tausendstimmigem Chor

verlor:

»Und wer den Tod

Im heilgen Kriege fand, ja fand,

Ruht auch in fremder Erde

Im Vaterland! ..«

Dann plötzlich Stille unten. In der Menschenmenge ein beinahe

ehrfürchtiges Schweigen. Ein Generalkommando kam vorbei. Vorne der

Kommandierende im Auto mit dem Chef und den Herren seines Stabes.

Ein hellblauer, blondbärtiger, von Aschaffenburg herübergekommener

Bayer ritt nebenbei und stenographierte sich im Gespräch mit einem

der Adjutanten im Sattel Notizen in sein Taschenbuch. Dahinter die

Ordonnanzoffiziere, die Stabsordonnanzen in schimmerndem Stahlhelm,

berittene Burschen mit Handpferden, und weiter, zu Roß und zu Wagen,

all das Gefolge: Militärintendanten, Stabsärzte, Kriegsgerichtsräte,

Feldgeistlichkeit, Stabsveterinäre, Aktenfuhrwerk, eine Abteilung

eines Telegraphenbataillons mit Sack und Pack -- es dauerte lange, bis

der Zug des Allgewaltigen vorbei war, und eben sagte Dorle Grotjan,

die kleine Hauptmannsfrau, mit einem Anflug von Neid und Bewunderung

zu ihrer Schwester: »So weit werdet ihr nun auch bald sein, Maxe!«

»Oder wir gehn in Wiesbaden unterm Regenschirm spazieren!« lachte die

junge Exzellenz. »Wir sind auf alles gefaßt!«

Neben ihr versetzte ihr Bruder Otto: »Und ich hab' manchmal umgekehrt

förmlich wieder Lust, ein bißchen mitzumachen!«

Du Schwert an meiner Linken · 第 19 / 27 段