Schutzmannschaft zurückgedrängt, so daß in der Mitte ein weites
Viereck frei blieb. Auf dem hielten seitlings die Wagen. Am Portal
war in der Maiensonne alles bunt von Uniformen und Damenkleidern,
Roßschweife und Federbüsche wehten im Wind zwischen den farbigen
Sonnenschirmen, Leibjäger liefen mit Mänteln, auf dem Bahnsteig stand
die Ehrenkompanie unter präsentiertem Gewehr. Die Musik spielte. Die
Degen der eingetretenen Offiziere hatten sich gesenkt. Am rechten
Flügel hoben die kotoyierenden Vorgesetzten, Generalleutnant von
Glümke bis zum Bataillonskommandeur hinab, die Rechte an den Helm. Die
Prinzessin, die heute hier ihr Regiment, dessen Inhaberin sie war,
besucht hatte, schritt lächelnd die Front ab. Sie war jung und hübsch
und trug einen riesigen Federhut schräg auf dem Kopf. Neben ihr ging
ihr Mann in Generalsuniform, den großen Hausstern auf der Herzgegend,
dann das Gefolge. Alles strömte zu dem an den fälligen Schnellzug
angehängten Salonwagen, bis zu dessen Stufen sich ein Teppichläufer
unter einem Baldachin erstreckte. Hier harrten die Damen des Regiments
und der höheren Chargen. Die junge Hoheit schüttelte liebenswürdig und
ununterbrochen Hände. Sie dankte der Kommandeuse, der kleinen Frau
von Mensingen, für den freundlichen Empfang. Es war einfach reizend
... die Parade ... das Frühstück ... wirklich alles reizend. Im
nächsten Jahr kam sie wieder! ... Dann wandte sie sich noch einmal an
die große schlanke blonde Dame, die ganz vorne stand, und hielt heiter
deren beide Hände fest: »Adieu, meine liebe Exzellenz von Glümke!
Also, ich hab' Ihr Versprechen: Sie besuchen mich den Sommer einmal
auf unserem Waldschlößchen! ... Der Herr Gemahl wird Ihnen schon
Urlaub bewilligen -- nicht wahr?«
»Wie Hoheit befehlen!« versetzte Olaf von Glümke dienstlich. Er sah,
wie er sich dabei leicht und ritterlich in seiner goldgestickten
Generalspracht verbeugte, jugendlich schlanker aus als alle seine
Brigade- und Regimentskommandeure um ihn herum. Die Prinzessin sprach
weiter mit seiner Frau. Sie hatte Maximiliane in ihr Herz geschlossen.
Wenn das auch die erste Dame der Garnison war -- sie zeichnete sie
doch auffallend aus. Die Abfahrtszeit war schon überschritten, ohne
daß sie darauf achtete. Der Prinz selbst drängte sie mit einem Blick
auf den unruhig strammstehenden, ordengeschmückten Stationsvorsteher
zum Einsteigen. Aus dem Fenster winkte die hübsche junge Hoheit noch
einmal vergnüglich der schönen jungen Exzellenz und den anderen Damen
zu. Die sanken in einer letzten tiefen Verbeugung zusammen. Der Zug
fuhr ab. Das große Ereignis war vorüber und löste sich in ein Gewimmel
aufgeregter, plaudernder, ordensfroher Menschheit auf.
Während der Abschiedsfeierlichkeit waren die Türen des inzwischen
in entgegengesetzter Richtung eingelaufenen Schnellzugs geschlossen
geblieben. Niemand konnte ihn vorläufig verlassen. Die Reisenden
standen neugierig, zum Teil ironisch lächelnd, an den Scheiben und
beobachteten die kleine höfisch-militärische Idylle. In einem Abteil
zweiter Klasse war ein Herr allein. Er trug graues Reisezivil,
einen weichen grauen Filz auf dem vom Felddienst gebräunten Kopf.
Er hielt sich halb in dem Schatten des Fenstervorhangs, so daß
Maximiliane von Glümke, selbst wenn ihr Blick in dem angeregten
Gespräch mit der Hoheit durch Zufall hier herübergeglitten wäre, ihn
nicht hätte bemerken können. Aber seine Augen hingen unverändert an
ihr. Ein trübes, bitteres Lächeln lag unter dem dunklen Schnurrbart
um seine Lippen: Die da drüben, die Exzellenz an der Spitze ihres
halbhundertköpfigen Stabs von Offiziersdamen, die Generalin, mit der
die Prinzessin vertraulich wie mit ihresgleichen plaudert -- die hatte
in ihrem Leben nur die eine große, unerfüllt gebliebene Sehnsucht
gehabt, eine einfache Frau Leutnant oder Frau Hauptmann zu werden ...
seine Frau ...
Erich von Logow wartete, bis das Getümmel auf dem Bahnhof sich
verlaufen hatte. Dann erst verließ auch er die Halle. Draußen
erinnerte nur noch der Fahnenschmuck der Straßen an den fürstlichen
Besuch. Die Wagen waren abgefahren, die Ehrenkompanie mit klingendem
Spiel heimmarschiert -- es war wieder ein Maitag wie sonst. Er
schritt durch die sonnenheißen Straßen dahin und ließ sich von
einer ihm begegnenden Ordonnanz den Weg nach der Wohnung des
Divisionskommandeurs weisen. Das große Gebäude war nicht zu verfehlen.
Ein Schilderhaus stand davor. Der Posten schlenderte mit Gewehr über
auf und ab und sah in müßigem Erstaunen dem Zivilisten nach, der
die breiten Steinstufen emporstieg, oben schellte und seine Karte
hineinschickte.
»Herrjeses!« tönte gleich darauf von innen langgezogen die Stimme des
Generals von Glümke. Er kam selbst mit ein paar Laufsprüngen auf den
Flur, packte den Schwager an den Schultern, rückte ihn ins Licht und
blitzte ihn halb lachend, halb zweifelnd aus seinen feurigen blauen,
von feinen Krähenfüßen umrahmten Augen ins Gesicht. »Na -- nu hört
die Weltgeschichte auf! ... Erich ... bist du das wirklich oder dein
Geist? ... Maxe! ... Maxe! ...« Er verstärkte seine stählerne Stimme,
als kommandierte er eine Divisionsschwenkung. Es schmetterte durch die
ganze weite Wohnung bis in die letzten Ecken. »Maxe! ... Es geschehen
Zeichen und Wunder! ... Der Logow hat auf einmal den Weg zu uns
gefunden! ... Famos! ... Na ... tritt mal ein! Meine Frau pellt sich
offenbar gerade aus ihrer Staatsrobe ... Durchläuchtings waren hier
... eben erst abgegessen und in Gottes Namen expediert ... Wird gleich
kommen! ... Setze dich, mein Sohn! ... Rauche!«
In Olaf von Glümkes stürmischem Temperament hafteten Erinnerungen
unter dem Einfluß eines neuen Eindrucks nicht lange. Er trug nichts
nach. Mochte sich der Schwager damals im Elsaß auch komisch benommen
haben, indem er gar nicht zum Vorschein kam -- na -- da saß er nun --
reuig wie der verlorene Sohn -- und es war gut. Und da erschien auch
die Maxe! ... Famos ... sie tat auch, als sei nichts geschehen! ...
Sie war eben eine Frau, wie man sie sich nur wünschen konnte ... wie
die Prinzessin vorher zu ihm gesagt hatte: Auf Ihre Heirat, Herr von
Glümke, trifft wirklich das Sprichwort zu: Was lange währt, wird gut!
... Sie lachte und reichte Erich von Logow so unbefangen die Hand, als
hätten sie den hereingeschneiten Gast schon lange erwartet. Der selber
war der einzige von den dreien, der ernst, fast gedrückt blieb.
»Wie's Ulla geht?« sagte er. »O, danke! ... Ganz gut! ... Es macht
sich wenigstens! ... Und wo ich selber herkomm'? ... Aus Berlin! ...
Da dacht' ich, ich überspringe hier auf der Rückfahrt einmal einen
Zug, um euch zu sehen. Um sechs Uhr siebzehn muß ich weiter ...«
»Du wirst den Abend hübsch bei uns bleiben!« erklärte Olaf von Glümke
mit großer Bestimmtheit. »Ich lade noch ein paar Leute ein! Für Damen
bist du nicht, du oller Kopfhänger! ... Also ein Männertrunk! ... Aber
der gehörig! Still! ... Abgemacht! ... Keine Widerrede! ... Was hast
du denn in Berlin vorgehabt? ... Dich mal wieder ein bißchen beim
Großen Generalstab in Erinnerung gebracht? ... Sehr recht!«
»Nein. Das hab' ich nicht!«
»Du warst bei keinem von den Herren? ... Auch nicht bei Onkel
Bruno? ... Der kennt doch den Königsplatz wie der Fuchs seinen Bau!
... Erich ... nimm mir's nicht übel: du bist verrückt! Glaubst du
denn, sie werden dich auf den Händen aus deinem Vogesennest dorthin
zurücktragen?«
»Sie haben mich aus dem Generalstab 'rausgesetzt,« sagte Erich von
Logow leidenschaftslos und hart. »Aber sie haben recht gehabt.«
Der General von Glümke warf seiner Frau einen ratlosen Blick zu. Was
war nur mit dem Logow los? Freute sich der noch, daß er eigentlich ein
wenig Schiffbruch gelitten hatte?
Da fuhr der fort, so unparteiisch, als spräche er nicht von sich,
sondern von einem beliebigen Dritten: »Ich bin mit mir ins Gericht
gegangen ... Was hilft es, sich Schwachheiten einbilden? Die
trüben nur den Blick. Und da hab' ich gefunden: Ja. Ich hab' den
Anforderungen nicht entsprochen, die man an mich stellen konnte, und
die ich unter anderen Umständen auch erfüllt hätte. Also mußte ich
fort und einem Besseren Platz machen. Da bin ich viel zu sehr Soldat,
um das nicht einzusehen! Da beklage ich mich mit keinem Wort darüber
...«
»Na -- das macht dir ja alle Ehre ...« meinte der General zweifelnd.
Er wußte nicht: sollte er weiter fragen, was das eigentlich für
hemmende Einflüsse gewesen? Nee -- lieber nicht! Hand von so
Geschichten! Ein Kind konnte sich ja auch sagen, was der einzige
und alleinige Grund war: die unglückliche Ehe mit der Ulla, der
unseligen Schlafmütze! Herr von Glümke lächelte zufrieden und dankbar:
Gottlob! Seine Maxe war anders! ... Die brach nicht ihren Mann! ...
Im Gegenteil: die gab einem Halt. Die hob einen. Gab Zuversicht und
Lebensfreude! Vorwärts -- nur immer vorwärts! ... Deubel ja ... was
machte im Gegensatz dazu der junge Hauptmann vor ihm für ein ernstes
und resigniertes Gesicht! Klug wurde man aus ihm nicht ...
Der Divisionsadjutant hatte sich melden lassen. Olaf von Glümke
stellte die Herren einander vor und erhob sich.
»Du mußt mich eine Stunde entschuldigen, Erich! Hier der Major
Gutgesell, mein chronischer Tyrann, mahnt an die Pflicht. Wir haben
ein paar Herren aus Berlin und vom Generalkommando hier. Besprechung
wegen der Kaisermanöver. Du weißt, sie werden dies Jahr besonders
großartig. Eine ganze Armeeabteilung operiert zwischen Neckar
und Main. Alles, was in Südwestdeutschland Beine hat, kommt mit.
Ihr Elsässer auch. Und wir natürlich erst recht! ... Na ... ich
werde sehen, daß ich es möglichst kurz mache! ... Maxe leistet dir
unterdessen Gesellschaft! ... Schau zu, Schatz, daß er bei uns ein
bißchen fideler wird ... auf Wiedersehen!«
Er eilte elastisch hinaus. Die beiden hörten, wie er im Flur seinen
Generalstabshauptmann begrüßte: »Tag, mein Teuerster! ... Haben Sie
den ganzen Schwamm beisammen in Ihrer Mappe? Schön! ... Dann man
dalli! ...« Das Sporenklirren verlor sich gegen die Treppe hin.
Maximiliane drückte in dem Schweigen, das zwischen ihr und Logow
eingetreten war, auf den Knopf der elektrischen Klingel und beorderte
den eintretenden Diener.
»Ich bin jetzt nicht zu Hause!«
Dann wandte sie sich an ihren Gast: »Sonst werden wir nämlich alle
Fingerlang gestört. Das geht hier zu wie in einem Taubenschlag!«
Sie fühlte, daß Erich von Logow einen besonderen Grund haben müsse,
um so plötzlich bei ihnen zu erscheinen. Aus seinem Gesicht ließ
sich nichts erraten. Das war wie gewöhnlich, undurchdringlich in
seinem harten Ernst. Und auch, was er sprach, waren zunächst keine
großen Neuigkeiten. Er erzählte, daß er in Darmstadt gewesen und die
verwitwete Frau von Ottersleben besucht hatte.
»Mama freut sich schon sehr auf dich! Sie sagt, du kämst im Herbst
während des Manövers zu ihr ...«
»Ja. Es gibt ja einen Riesenrummel! ... In Darmstadt noch nicht so
sehr. Der Kaiser wohnt in Mainz und dann in Frankfurt. Wo mein Mann
mit seiner Division hingerät, wissen wir nicht! ... Es wird alles ganz
kriegsmäßig. Es entscheidet sich immer nur von einem Tag zum anderen.
Aber jedenfalls bin ich dann in seiner Nähe ...«
Der Hauptmann von Logow nickte zerstreut.
»Bei meiner Schwester in Kassel war ich auch!« versetzte er. »Deinen
Bruder Otto hab' ich zufällig in Berlin auf der Straße getroffen.
Schon als angehenden Agrarier. Er will jetzt im Frühjahr ernstlich auf
die Gütersuche.«
»Da hast du ja die reinste Vetternreise im Lande gemacht?«
»Gott ... ich hab' eben überall Abschied genommen!«
Seine Stimme klang gleichgültig. Er wollte nach seiner Art um keinen
Preis, auch nicht mit dem Zucken der Wimper, irgendeine Erregung
zeigen. Maximiliane von Glümke zog erstaunt die blonden Brauen hoch.
»Abschied?«
Und nun sagte er, immer in derselben fast geringschätzigen Ruhe:
»Deswegen war ich in Berlin. Die Geschichte ist von langer Hand
vorbereitet und hat sich nun ganz plötzlich entschieden. Unter den
Militärinstruktoren, die wir nach Chile geschickt haben, ist eine
Stelle frei geworden. Die Wahl ist auf mich gefallen. Ich hab'
mich schon dem chilenischen Gesandten in Berlin vorgestellt. Die
Sache selbst geht telegraphisch durch das Auswärtige Amt und das
Militärkabinett. Ich muß sofort hinaus. Heute über acht Tage schwimm'
ich schon!«
Er sprach von der Fahrt über das Weltmeer so gelassen und obenhin, wie
sie vorher von ihrer Spritztour als Manöverwitwe in die Rheinebene.
Eine Sekunde war tiefe Stille zwischen ihnen. Dann frug die junge Frau
mit leise zitternder Stimme: »Wie lange bleibst du denn da draußen?«
»Vorläufig drei Jahre! Es kann aber nach deren Ablauf auch verlängert
werden. Gefällt's mir da drüben -- finde ich den Wirkungskreis, den
ich suche, so bleib' ich vielleicht dauernd dort und komme wenigstens
endlich zur Ruhe!«
Er wurde lebhafter. Er hob den energischen dunkeln Kopf.
»Hier hab' ich die Ruhe nicht, Maxe, und werde sie nie haben! ...
Der Karren ist nun einmal verfahren ... Ich fühl' es zu deutlich ...
Gründlich verfahren ... Nach jeder Richtung. Ich hab' früher gedacht,
es müsse, wenn ein Mensch nur ordentlich wollte, ihm alles im Leben
nach Wunsch gehen! ... Jetzt hab' ich erkannt: das hängt alles von
Dingen ab, über die wir zum guten Teil gar keine Macht haben ... Von
Entschlüssen, die wir plötzlich fassen und hinterher gar nicht mehr
verstehen ... Von Stimmungen ... die schwinden ... Aber ihre Wirkung
bleibt ... es ist eine Macht über einem ... na ... kurz ... ich bin
bescheiden geworden, Maxe ... Ich will mich gerade nur noch bei den
Chilenen nützlich machen ..., weil es hier bei den Preußen nicht mehr
recht geht ...«
Die Unruhe übermannte ihn. Er stand auf und schritt im Zimmer auf und
nieder.
»Wenn einer von Haus aus ein Esel ist,« sagte er, »und hat nichts dazu
gelernt -- na gut -- verbraucht muß der Kerl werden -- er verschwindet
eben schließlich geräuschlos in der Versenkung. Aber denk nur, was man
von mir erwartet hat! Und mit Recht. Ich kann es leisten. Ich könnte
es jetzt noch ... Ohne die Bleigewichte, die an einem hängen ... Ach
... das drückt einen nieder, das macht alles Mühen vergeblich ... Ich
muß heraus aus allem ... ich muß fort ...«
»Ja, und was sagt denn Ulla dazu?«
»Ulla ...«
Er zuckte die Achseln und setzte sich wieder. Er wurde mit einem
Schlage müde.
»Ulla weiß noch von gar nichts!« versetzte er. »Heute nacht bin ich
daheim. Morgen vormittag sage ich es ihr ...«
»Später als mir und den anderen?«
»Ja, es ist vielleicht nicht recht von mir! ... Aber es ist der
Instinkt der Selbsterhaltung. Einmal wenigstens im Leben wollte
ich mir die Kraft zum Handeln nicht durch ihre Mattigkeit und ihre
Teilnahmlosigkeit lähmen lassen ...«
»Du mußt denken, sie ist krank ... oder wenigstens nie ganz gesund,
Erich!«
Er überhörte es. Ein bitteres Lächeln spielte um seine Lippen.
»Sie hätte es schon lange merken können -- wenn sie eben nicht sie
wäre! Schau mal: du warst im vorigen November noch nicht zwei Stunden
bei uns im Haus, da frugst du mich: ›Was sollen denn die spanischen
Vokabeln auf deinem Schreibtisch?‹ Ulla sieht sie seit Jahr und Tag
daliegen! ... Glaubst du, das wäre ihr je aufgefallen? Sie hätte sich
je mit einer Silbe erkundigt, wozu ich die brauche? ... Es ist ihr
total gleichgültig! Alles ist ihr gleichgültig ... Nee ... Maxe ...
Ich kann nicht mehr ... Ich ersticke einfach ... Ich muß ein Ende
machen ...«
»Und was wird aus ihr?«
»Deswegen war ich ja bei deiner Mutter in Darmstadt. Mama wohnt da
sehr nett -- im Grünen, wie eigentlich die ganze Stadt liegt -- gegen
die Rosenhöhe hin ... in einer Villa ... Ulla ist bei ihr sehr gut
aufgehoben. Beide sind dann nicht mehr allein ...«
Er lachte kurz und gezwungen.
»Ich weiß wohl, was du denkst, Maxe: Man schiebt nicht seine Frau so
in einen Winkel und geht heidi über alle Berge. Ja -- wenn es bei mir
Leichtsinn wäre oder Abenteurerlust -- aber es ist Notwehr ... blanke
Notwehr ...«
»Ich sorge ja für sie, so gut ich kann!« setzte er halblaut hinzu,
sich wie hilfesuchend gegen die junge Generalin vorbeugend. »Ich lasse
ihr selbstverständlich die Zinsen meines ganzen Vermögens. Ich schicke
ihr regelmäßig meinen Gehaltsüberschuß aus Chile herüber. Ich habe
mir eine Lebensversicherung zu ihren Gunsten erwirkt. Was auch kommt,
sie ist reichlich vor jeder materiellen Sorge geschützt. Sie hat ihre
Mutter um sich, ihren Verkehr. Sie findet sich ja nach ihrer passiven
Art in alles. Sie wird sich dort viel wohler fühlen als jetzt, wo wir
uns direkt aneinander aufreiben. Und ich bin frei! ... Frei ... Ich
kann dir nicht sagen, Maxe, was für eine Erlösung in dem Wort für mich
liegt!«
»... Du denkst eben nur an dich ...«
»... Wenn ich's tue, geschieht es nur, weil man noch von mir etwas
verlangt ... Weil ich selber die Verpflichtung in mir fühle, noch
etwas zu leisten! Herrgott ... ich bin doch eben erst über die Mitte
der Dreißig! Das Leben ist doch noch so lang. Ich will es mir doch
nicht ganz zwischen den Fingern klein krümeln lassen. Aber deswegen
muß ich einen Strich unter alles machen! ... Unter alles ... unter
alles!«
Es klopfte. Der Diener trat ein. Maximiliane furchte die Stirne.
»Ich hab' doch befohlen, nicht zu stören!«
»Verzeihen Exzellenz! Es ist eine Nachricht von Exzellenz!«
Sie nickte, entließ den Mann und überflog das Blatt.
»Mein Mann wird länger aufgehalten, als er dachte. Er schreibt: ›Halt
mir ja den Erich bis zum Abend fest, da wir ihn einmal haben, damit er
uns nicht entwischt!‹«
Sie zerriß den Zettel, warf ihn in den Papierkorb und sagte ernst:
»Wenn du meine Meinung hören willst -- die darf ich doch aussprechen,
nachdem du mir das alles erzählt hast -- du hast kein Recht, deine
Frau zu verlassen! Ob deine Ehe glücklich oder unglücklich ist -- ob
Ulla gesund ist oder krank -- es ist deine Frau! Du hast ihr vor dem
Altar die Lebensgemeinschaft zugeschworen, und sie hat dir geschworen,
dir zu folgen. Wenn du sie mit hinübernähmst, das wäre etwas anderes
...«
»Nein ... um Gottes willen ...«
»Aber sich einfach von ihr loszusagen, weil nicht alles so gekommen
ist, wie man dachte ... ja ... das muß man eben tragen, Erich ...
ich bin doch auch damit fertig geworden ... Und du bist ein Mann ...
Gehört sich's denn für einen Mann, vor dem Schicksal zu fliehen und
gerade, wenn dies Schicksal seine eigene Frau heißt? Gesteh es dir
einmal selber ... Kannst. du das verantworten?«
Der Hauptmann von Logow stand auf und griff, um sich zu verabschieden,
nach seinen Handschuhen, die neben ihm auf dem Stuhl lagen. Plötzlich
kam ein unterdrücktes, leidenschaftliches Beben in seine Sprache.
»Ich hab' mir schon mehr gestanden, als ich dir gesagt hab', Maxe! ...
Und ich darf dir auch nicht mehr sagen. Denke dir den Rest. Ich geh'
jetzt. Ich kann nicht warten, bis dein Mann zurückkommt! Grüß ihn,
bitte, von mir und entschuldige mich bei ihm! ... Wir sehen uns jetzt
in diesem Augenblick zum letztenmal, Maxe, auf lange, lange Zeit.
Vielleicht für immer. Wer kann's wissen? Und da, zwischen Tür und
Angel, darf ich's doch sagen: du hast ganz recht! Mit dem Schicksal,
das meine Frau mir bereitet, wär' ich schließlich irgendwie fertig
geworden! Das hätt' ich getragen und mir gesagt: Man ist nicht zum
Vergnügen auf der Welt! ... Aber was ich nicht ertragen kann, was
mich verzehrt, was mir das Hierbleiben unmöglich macht -- das ist der
Gedanke an dich ... das bist du ... das ist deine Nähe ...«
Er legte die Hand auf die Klinke. Er stand schon halb in der Tür.
»Du, Maxe, treibst mich übers Meer! ... Gott helfe mir: ich kann
wirklich nicht mehr anders! Ich muß. Laß es dir gut gehen! Bleib so
glücklich, wie du bist! Ich bin froh, daß du wenigstens nicht in die
Irre gegangen bist! Leb wohl!« --
Es war am anderen Mittag, drunten im Elsaß. In der kleinen Garnison.
Frühlingsblau lugte der Himmel durch die weißen Fenstervorhänge,
maigrün der Wasgenwald, ein schräger Sonnenstreif ließ die Stäubchen
in der Luft flimmern und vergoldete das Gelb des Kanarienvogels im
Käfig. Der schmetterte drauflos. Sonst war kein Laut im Hause. Ulla
von Logow saß am Fenster und stickte. Draußen klirrte ein Säbel. Sie
wunderte sich, daß ihr Mann so früh vom Dienst zurückkam. Eigentlich
wollte sie ihn, als er eintrat, danach fragen. Aber schließlich war es
ja gleich. Sie senkte das dunkle Haupt wieder über die Handarbeit. Er
sah ihr gleichgültiges, klassisch-lebloses Profil. Er ging ein paarmal
unruhig und unschlüssig im Zimmer auf und ab, ohne daß sie irgendwie
darauf achtete, und frug dann, stehen bleibend: »Sind Briefe für mich
gekommen?«
»Ich weiß nicht.«
Er zuckte die Achseln und trat nebenan an seinen Schreibtisch.
Da lag ein ganzer Stoß -- wohl zehnmal so viel als sonst --
eine Depesche aus Berlin -- ein Schreiben mit dem Aufdruck der
chilenischen Gesandtschaft, Drucksachen von Firmen, Kataloge von
Ausrüstungsgegenständen -- seine Frau hatte wieder gar nicht beachtet,
was der Bursche, wahrscheinlich vor ihren Augen, dahin gelegt. Sie
träumte wirklich nur noch ihr Sein. Er seufzte. Dann kehrte er
entschlossen zu ihr in das Wohnzimmer zurück. Die Sonne umgab ihr
Haupt mit einem goldenen Strahlenschein. Es war schön wie immer. Aber
ihm, vor dessen Augen noch Maxes blühendes blondes Leben stand, schien
es älter geworden, wie von herbstlichen Schatten übertönt, krankhaft
in seiner Blässe. Er räusperte sich.
»Da draußen exerzieren sie noch, Ulla!« sagte er. Und wies in der
Richtung nach dem Exerzierplatz.
»So?«
»Aber ich bin vor der Zeit weg. Ich hab' meine Kompanie abgegeben. Ich
bin beurlaubt.«
»Schon wieder?«
Er unterdrückte einen Verzweiflungsanfall angesichts ihrer Stumpfheit.
»Ja ... schon wieder ...,« versetzte er. »Und diesmal auf längere
Zeit. Auf drei Jahre.«
Das fiel selbst seiner Frau auf. Sie hob die schwarzen mandelförmigen
Augen und sah ihn fragend an.
Er fuhr fort: »Und diese Zeit verbringe ich nicht hier und nicht bei
dir. Erschrick nicht, Ulla! Wir müssen nun einmal offen miteinander
reden und ruhig und herzlich ... Komm ... Gib mir einmal deine beiden
Hände ... So ...«
Er hatte sich ihr gegenüber gesetzt und sah ihr ernst in das unbewegte
Gesicht.
»Wir müssen uns wie zwei Kameraden betrachten, Ulla, denen es bisher
leider Gottes auf ihrer Lebensreise zusammen nicht recht gut gegangen
ist. Daraus soll keiner dem anderen einen Vorwurf machen. Es kommt
alles, wie es muß. Die Reue hinterher ändert nichts. Sicher ist nur:
das Glück hat in unserem Hause nicht gewohnt. Du bist kränklich,
meine Karriere ist entzwei, unser Kind haben wir begraben, wir beide
verstehen uns nicht und finden keinen Trost ineinander ... So geht das
nicht weiter. Man sagt immer: Das Allheilmittel ist die Zeit! ... Ich
glaube, das sollten auch wir zwei miteinander versuchen.«
»Du willst weg?« frug sie langsam, wie aus einem Traum erwachend.
»Ich will auf drei Jahre als Instruktor in chilenische Dienste, Ulla!
... Bitte ... höre mich an ... Das soll der Prüfstein sein! Besonders
für mich. Vielleicht bin ich allein an allem schuld. Vielleicht weiß
ich dich nicht recht zu nehmen. Vielleicht läutert mich das Leben
draußen, und ich kehre als ein anderer Mensch zurück, und wir werden
doch noch glücklich miteinander. Ich will es am heiligsten Eifer nicht
fehlen lassen. Ich habe den besten Willen. Nur Zeit mußt du mir
lassen, Ulla! Geduld mußt du haben! ... Und auch selber ein bißchen
tapfer sein und die Prüfungszeit überwinden ...«
»Wo denn?«
Er beachtete ihre Frage nicht. Er hielt immer noch ihre wächsernen
Hände in den seinen und sprach einfach und eindringlich und herzlich.
»Wir wollen uns recht oft schreiben, Ulla!... Vielleicht klärt das
manches in uns -- bringt uns aus der Ferne einander näher. Und wir
wollen recht oft aneinander denken ... Und nicht mit Bitterkeit und
nicht mit Trotz ... Sondern wir wollen in unseren Gedanken einander
verzeihen und Mitleid miteinander haben -- wir sind doch alle arme,
schwache, sündige Menschen -- und aus dem Mitleid heraus ein wenig
Hoffnung -- ein wenig Liebe! ... Die wollen wir hegen und pflegen! ...
Wir wollen das alles groß auffassen ... als ein schweres Schicksal, in
dem man sich aber über sich erhebt -- nichts Alltägliches dazwischen
-- nichts Niedriges ... Nicht wahr, Ulla -- du versprichst mir, daß du
das auch so auffaßt?«
»Wo?«
Er schüttelte den Kopf zu ihrer beharrlichen Frage.