Er schaute rasch auf und beinahe ängstlich in ihr schönes Gesicht, das

seine Ruhe bewahrte.

»Vielleicht hab' ich die Pflicht, Erich, gegen dich auch ganz offen zu

sein, und weiß, du wirst es nicht mißverstehen ... Am Anfang meines

Lebens hast du gestanden. Und wirst für mich in der Erinnerung immer

da stehen und, im letzten Sinn, das Bestimmende, das Schicksal für

mich gewesen sein. Aber dies Schicksal hat sich eben erfüllt, ohne

meine Schuld und ohne mein Zutun. Es liegt hinter mir.«

Sie suchte, während sie durch das stille Nebelland weitergingen, nach

den richtigen Worten und schloß: »Was es mich gekostet hat, das ist

ein Ding für sich. Das gehört nur mir. Das ändert sich nicht mehr. Es

ist mir ein Heiligtum der Vergangenheit. Es hat nichts mehr mit dir

jetzt und mit der Gegenwart gemein. Es war mir die höchste Weihe des

Lebens -- es war ~mein~ Wunder -- ~mein~ Erlebnis, das nie

wiederkehrt. Ich bereue die Schmerzen nicht! ... Durch die bin ich

erst ganz Mensch geworden und reif für das, was ich jetzt bin. Aber

ich brauche diese Schmerzen und diese Erinnerung mit niemandem zu

teilen -- am wenigsten gerade mit dir! ... So -- und nun wollen wir's

für immer begraben sein lassen, Erich ...«

Als sie beide wieder im Abendgrauen die Villa erreichten, empfing

sie der Stabsarzt. Gottlob, es ging besser. Die Hoffnung stieg. Die

Patientin war bei Besinnung. Sie hatte schon nach den Ihren verlangt.

»Schauen Exzellenz doch einmal zu ihr hinein,« flüsterte er. »Aber

nicht viel sprechen! ... Nur einen Augenblick! Nicht wahr?«

Maximiliane von Glümke trat geräuschlos in das verdunkelte

Krankenzimmer. Im Schein des Lämpchens sah sie die blassen Züge ihrer

Schwester. Die großen dunklen Augen sahen sie erstaunt und ungläubig

an. Dann hörte sie Ullas traumbefangene Stimme:

»Bist du das, Maxe?«

»Ja, Ulli!«

»Du bist hier?«

»Seit gestern schon!«

»Warum bist du hier?«

»Um ein bißchen zu helfen. Wir wollen dich doch recht bald wieder

gesund pflegen!«

Ein Schatten von Unruhe und Angst glitt über das Antlitz der

Leidenden. Ihre Pupillen belebten sich in einem feindseligen Glanz.

»Erich pflegt mich! ... Erich ist gut zu mir! ... Du brauchst mich

nicht zu pflegen!«

Sie flüsterte es mit Anstrengung und versuchte sich aufzurichten: »Du

brauchst hier nicht zu sein, Maxe ... Ich will nicht, daß du hier im

Haus bist! ... Geh ...«

Ein Hustenanfall schüttelte sie. Sie sank erschöpft, von der

herbeigeeilten Pflegerin unterstützt, in die Kissen zurück. Von der

Tür her mahnte der eingetretene Arzt: »Nur ja keine Aufregung für die

Patientin! ... Kommen Sie rasch, Exzellenz ... Kommen Sie! ... Das

hab' ich natürlich nicht gewußt, daß Ihr Anblick solch eine Wirkung

haben würde!«

Am anderen Morgen packte Maximiliane von Glümke ihren Koffer.

»Das einzig Richtige ist, ich fahre mit dem nächsten Zug!« sagte sie

zu ihrer Mutter. »Ulla frägt ja fortwährend, ob ich noch da sei ...

Und es geht ihr ja auch viel besser!«

»Außer Gefahr ist sie immer noch nicht ganz!«

»Eben darum muß alles weg, was ihren Zustand wieder verschlimmern

könnte. Also auch ich!«

Frau von Ottersleben rang die Hände.

»Ja, was hat sie denn nur gegen dich um Himmels willen?«

»Laß das nur gut sein, Mama!« Die junge Generalin schloß ihr kostbares

Necessaire aus Krokodilleder. »Sie ist krank! Weiter nichts!«

Ein paar Stunden darauf reiste sie ab. Erich von Logow brachte sie

an die Bahn. Er half ihr in das Abteil erster Klasse und schaute,

untenstehend, mit einem schwermütig sehnsüchtigen Lächeln, das

plötzlich sein düsteres Antlitz erhellte, zu ihr empor, während sie

sich aus dem Fenster herauslehnte und der Zug sich langsam in Bewegung

setzte.

»Ach ja ... du mein altes blondes Mädel ...« sagte er. »Du lieber

Kamerad von einst ... Weißt du noch? In Berlin? ... Jetzt bist

du Exzellenz und eine große Dame! Fahr nur wieder heim in deine

Herrlichkeit! Denk nicht mehr an uns hier in dem Nebelloch. Es ist das

beste!«

Die Wagen rollten rascher dahin. Maximiliane von Glümke sah zurück.

Dort hinten auf dem Bahnsteig war noch ihres Schwagers Gestalt, im

roten Mützenrand und hellgrauen Mantel. Er stand und blickte ihr

nach und wurde immer kleiner und undeutlicher in der trüben Luft und

verschwand.

14

»Nein, mein Lieber, du warst das Karnickel!« sagte der Generalmajor

Bruno von Ottersleben in seiner Wohnung im Westen Berlins zu seinem

Gegenschwager, dem Freiherrn von Koninck. »Du hast seinerzeit den Otto

bei den Kürassieren untergebracht!«

Er legte die Depesche, die er in der Hand hielt, auf den Tisch.

Der ruhige, klug und wohlwollend blickende Mann, dessen stattliche

Schwerfälligkeit überhaupt nicht zu altern schien, trug in seinem

beinahe maschinenmäßig schnellen Aufrücken auf der Stufenleiter der

Armee jetzt schon die Scharlachbeinstreifen der Generalität. Er

kommandierte die siebente Gardeinfanteriebrigade. Herr von Koninck

ihm gegenüber prangte immer noch im Blau des Attila, der seinen

stattlichen Korpus viel zu eng umspannt hielt und hinten eine

beträchtliche, wie ausgepolstert wirkende Rückseite den Blicken

preisgab. Er war inzwischen auch um einen Stern in den Achselstücken

-- bis zum Oberstleutnant vorgerückt. Aber nur zum Oberstleutnant zur

Disposition. Sein Frontdienst war zu Ende. Er gehörte dem Heer nur

noch als Pferdevormusterungskommissar an. Er schüttelte nachdenklich

das weinrote Gesicht und überlas murmelnd das Telegramm: »Kommt

womöglich hierher und helft. Otto hat schon wieder Krach. Bin in

tausend Ängsten. Adda Ottersleben.«

»Ja -- da müssen wir wohl fahren!« meinte der Husar.

Auf dem Bahnhof des kleinen holsteinschen Fleckens, in dem nur eine

einzige Schwadron der zwölften Kürassiere lag, erwartete sein Neffe

Otto die Ankunft der beiden Oheime. Der hübsche junge Mensch, der

immer noch mit seinem schwarzen Haar, seinen großen dunklen Augen,

seinem hohen, schlanken Wuchs an die Schönheit seiner ältesten

Schwester Ulla erinnerte, war sehr erregt. Er sprach hastig im Gehen.

»Zwei Jahre und länger sind wir nun Kürassiere!« sagte er. »Und vom

ersten Tag ab hatten wir die Geschichten! Das ist nun schon die dritte

Schwadron, die mir blüht! Schön sind doch diese kleinen Lausenester

von Schwadronen nicht! ... Mit den Spießern im Städtchen kann man

nicht umgehen. Landadel gibt's nicht in der Nähe -- nur dickköpfige

Großbauern. Man ist also ganz auf den Verkehr im Regiment angewiesen

... Die Adda und ich haben uns solche Mühe gegeben, nett zu sein ...

Aber ich weiß nicht ... wir mögen tun, was wir wollen -- wir machen es

nun einmal nicht recht!«

»Und was ist denn nun jetzt passiert?«

»Eine dumme Affäre ...« Otto von Ottersleben hatte mit seinem

Rittmeister Baron Ostrach im Dienst einen Zusammenstoß gehabt. Es

schien, daß er dem Eskadronchef öfter und nachlässiger geantwortet

hatte, als nötig. Jedenfalls hatte ihn der dem Regiment gemeldet.

Da lag die Sache nun. An sich eine Kleinigkeit. Aber es war schon

das dritte oder vierte Mal. Der Kommandeur, Graf Hundsfeldt, hatte

schon früher Äußerungen fallen lassen von Versetzung, wenn derlei

sich noch einmal wiederholen würde. Und wo man dann hinkam ... Sie,

die Otterslebens, verzehrten sich vor Sorge, in ein minderes Regiment

verschlagen zu werden! ... Womöglich wieder aus der Kavallerie heraus!

... Da konnte nur der Onkel nutzen! Wenn der ein gutes Wort einlegte,

renkte sich die Geschichte noch einmal ein ...

»Deswegen hättet ihr mich wirklich nicht aus Berlin herzusprengen

brauchen!« versetzte der Generalmajor mißmutig und trat mit seinem

Neffen in dessen Haus am Marktplatz. Es war das größte des ganzen

Fleckens, hochgiebelig, aber doch ein alter Kasten, zu dessen

Äußerem der verschwenderische Luxus der ganz modernen Berliner

Inneneinrichtung wie die Faust aufs Auge paßte. Ein glattrasierter

Diener öffnete mit einer tiefen Verbeugung die Tür. Man schritt durch

eine ganze Flucht von Gemächern. Ölgemälde, Palmen, Marmorwerke

füllten das dämmerige, gelangweilte Schweigen, in dem sich Herr von

Ottersleben mit seiner spartanischen Nüchternheit kopfschüttelnd

umsah. Ihm ahnte nun schon, wo eigentlich das ganze Übel steckte. In

dem letzten der Gemächer, einem blauseidenen Boudoir, saß die kleine

Frau Adda und empfing schluchzend die Verwandten.

»Papa hat mir nichts gesagt ... Mama hat mir nichts gesagt ... der

Otto hat mir nichts gesagt ... huhu ... Ich hab' nicht wissen können,

daß ich bei den Damen hier das fünfte Rad am Wagen sein würde ... es

sind lauter Adelige im Regiment ...«

»Nun -- du bist doch auch eine Frau von Ottersleben!«

»Das hilft nichts ... huhu ... das rechnen sie nicht für voll ... ich

soll eine geborene ›von‹ sein ... huhu ... sie sind's alle, schon seit

dem fünfzehnten Jahrhundert ... und ich kann doch nichts dafür, daß

der Papa mit Baumwolle ... huhuhu ...«

»Das ist ja auch nichts Schlimmes, Kind ...«

»Doch! Doch, Onkel! Hier wohl ... Huhu ... immer lassen sie mich's

fühlen ... und sagen Sachen, die mich ärgern ... und halten zusammen

wie die Kletten ... huhu ... und der Otto hilft mir auch nicht,

sondern reizt nur die Vorgesetzten und macht's noch schlimmer ...

huhuhu ...«

Der Generalmajor mußte wider Willen lachen.

»Bleib du mal hier bei den unseligen Leutchen!« sagte er zu seinem

Schwager. »Ich fahre jetzt gleich ins Stabsquartier und sehe, was der

Kommandeur zu der welterschütternden Geschichte meint.«

Eine Stunde darauf saß er dem grauköpfigen hageren Grafen Hundsfeldt

gegenüber. Der zog die Schultern hoch und meinte in seiner trockenen

Art: »Ganz richtig: an sich ist die Sache ja ohne Bedeutung, Herr

General! Der Rittmeister von Ostrach ist ein guter Kerl. Man muß ihn

nur kennen. Er ist ein Bullrian! ... Er geht drauf los ... Er meint

es nicht bös. Niemand hier. Ich will nur das Beste mit Ihrem Neffen.

Wir alle. Ich hab' ihn mit Absicht in das ganz miteinander vervetterte

und verschwägerte Regiment genommen, um ein bißchen frisches Blut

hineinzubringen. Ich hatte mich auf unseren gemeinsamen Verwandten

Koninck verlassen. Der Wilderich ist gut im Sattel und hinter der

Pulle und sieht 'nem Pferd Mauke und Spat auf hundert Schritte an,

aber zu so was hat er eben nicht den Grips!«

»Woran läßt es denn nun mein Neffe fehlen?«

»Sehen Sie, Herr General, ich hab' vier Söhne in der Armee. Da langt

es bei mir zu Tisch nur zu saurem Mosel. Wir sind alle hier im

Regiment mit Glücksgütern nicht übermäßig gesegnet. Anständig zum

Leben -- ja. Aber dann Schluß. Nu kommt Herr von Ottersleben ... Daß

er Geld hatte, wußt' ich ja ... Aber dieser Train ... Automobil ...

Kammerdiener ... Wohnung von zwanzig Zimmern ... Diners von zehn

Gängen ... die Gattin für drei Rittergüter Schmuck am Leibe ... ja,

wir kennen doch die Luxuserlasse Seiner Majestät! Wie soll ich denn

das verantworten? Und wie sollen denn die anderen Familien im Regiment

solch eine Geselligkeit erwidern? Sie vermögen's nicht! Also zogen

sie sich zurück. Nun hielten sich die Otterslebens für isoliert und

merkten nicht, daß sie nur selber daran schuld waren!«

Der alte Kürassier bot seinem Besucher eine neue Zigarre an und fuhr

fort: »Rennurlaub? ... Kriegt bei mir jeder von den Herren! ...

Jagdurlaub? ... Soweit möglich, mit großem Vergnügen! ... Urlaub auf

die Güter? ... Auch ganz gerne! ... Aber Urlaub nach Berlin, wie

ihn sich Herr und Frau von Ottersleben in ihrer Vereinsamung nun

allmählich so wöchentlich angewöhnten -- dort 'rumbummeln ... im

Esplanade oder bei Adlon schlampampen -- nee ... da schob ich 'nen

Riegel vor und hab' ihn zu dem Ostrach in meine strammste Schwadron

gesteckt. Und hilft das nicht, so zieh' ich noch ganz andere Saiten

auf. Ich lasse mir den Geist meines Regiments nicht verderben! Ich

hoffe, Sie werden mir das nicht verargen, Herr General, ob es sich nun

um Ihren Neffen handelt oder wen sonst!«

»Im Dienst habe ich keine Söhne und keine Neffen! Sie haben völlig

recht, Herr Graf!« sagte der Brigadekommandeur, und die beiden

drückten sich, als sie sich nach einem längeren Gespräch trennten,

kräftig die Hand. Herr von Ottersleben begab sich wieder in die

Garnison seines Neffen. Dort hatte er mit ihm eine ernste Unterredung.

»Ich fahre jetzt gleich nach Berlin zurück!« schloß er. »Ich kann dir

hier nicht helfen! Nur du dir selber! Du bist auf dem Holzweg, mein

lieber Otto! Glaub mir! Gerade wie der Logow! ... Euch beiden sitzt

der Hochmutsteufel zu sehr im Genick. Dir der gesellschaftliche,

überall die erste Rolle zu spielen, deinem Schwager Logow, der mehr

taugt als du, der militärische Ehrgeiz, um jeden Preis Karriere zu

machen! Ja ... und nun? Er sitzt in den Vogesen -- du hier ... Beide

seid ihr nicht zufrieden ... Eure Frauen auch nicht ... Die Ulla heult

und deine baut daneben scheint's auch schon wieder ans Wasser ...

Komm, Schwager! Wir sind hier überflüssig!«

Otto von Ottersleben kehrte in gedrückter Stimmung vom Bahnhof heim.

Er war überzeugt, daß ihm bitteres Unrecht geschah. Seine Frau weinte

immer noch und klagte: Was hatte man hier vom Leben? Sie war doch

stets in Berlin gewesen als Mädchen, oder in Bremen. Unter Menschen.

Sie hatte sich nicht träumen lassen, daß sie als Frau würde in der

Einsamkeit verkümmern müssen. Dort in den Schränken hingen die

schönsten Toiletten, zum Teil noch von der Aussteuer her. Sie waren

unmodern geworden, ohne daß sie je recht Gelegenheit gefunden, sie

zu tragen. Ihre Hüte auch! Was sollte man hier, am Ende der Welt,

mit Reihern und Federn? ... Da hatte sie ihren Schmuck! Wenn sie den

anlegte, freute das keinen Menschen, sondern sie kriegte noch eins auf

den Kopf. Mitten in ihren Jeremiaden erschien der Diener und meldete

lispelnd: »Herr Leutnant von Le Simonnier de St. Jean!«

Das war der Regimentsadjutant. Trotz seines Refugiénamens baumlang,

weißblond, mit schmalen Schultern, vom pommerisch-schwedischen

Typus. Er trug Dienstuniform. Der Hausherr empfing ihn allein mit

umwölkter Stirne. Er wußte schon, woran er war: Acht Tage Stubenarrest

vom Regiment, wegen ungehörigen Verhaltens im Dienst gegen einen

Vorgesetzten! Er wartete das: »Darf ich um Ihren Degen bitten?« des

Adjutanten nicht erst ab, sondern reichte ihn ihm und sah finster

zu, wie jener ihn unter seinen Mantel nahm und draußen damit in

den harrenden Krümperwagen stieg. Dann ging er finster in Litewka

und Hausschuhen, die Hände in den Hosentaschen, die Zigarette im

Mundwinkel, die lange Flucht der Wohnzimmer auf und ab. Eine zu dumme

Situation! Er konnte sich doch nicht ins Bett legen und krank stellen

vor den Dienstboten! Und tat man das nicht, so merkte der Bursche

natürlich, was los war. Er erzählte es den anderen. Es sprach sich

herum, daß man eingesperrt war. Man wurde zum Kinderspott im ganzen

Städtchen. Der Käsekrämer und die Fischweiber grinsten hinter einem

her, wenn man sich endlich wieder im Helm im Freien zeigte, um sich

wie ein armer Sünder bei den Vorgesetzten zu melden. Es war doch solch

ein demokratischer Geist hier im Volke. Kein Respekt vor dem Höheren!

Und die arme Adda mopste sich erst recht. Zu der einzigen Dame am

Ort, Frau von Ostrach, konnte sie doch nicht gehen. Man verkehrte

mit Rittmeisters nur noch dienstlich. Und der zweite Leutnant war

unverheiratet. Da unten schmetterten eben die Trompeten um die Ecke

und klapperten die Hufe auf dem Markt und flogen die weiß-schwarzen

Fähnchen. Die Schwadron rückte aus. Voran Baron Ostrach --

breitschultrig und riesenhaft, auf ebenso mächtigem Gaul. Der junge

Kürassier durchmaß mit langen Schritten seine Räume. Zu lächerlich!

Er wollte Dienst tun und schwitzen und Staub schlucken -- und durfte

nicht ... Andere dankten ihrem Schöpfer, wenn sie nicht krank waren.

Er mußte hier Hexenschuß oder Influenza heucheln. Er redete sich

immer mehr in eine stille Wut hinein: Was tat er eigentlich in dem

Nest hier, in dem sich höchstens die Flundern wohlfühlten? Wozu hatte

er's nötig, sich schlecht behandeln zu lassen -- er, ein Ottersleben

und mit dem Einkommen eines Millionärs? Weshalb sollte er sich denn

aufdrängen, wenn man ihn nicht haben wollte? Schön. Da konnte er ja

gehen! Tränen weinten sie ihm hier nicht nach. Das wußte er.

Er stand gerade vor einem großen Wandspiegel. Er erschien sich in

seiner dunklen, schmucklosen Litewka wie ein Strafgefangener. Draußen

blinzelte sacht die Sonne über Land und See. Es war ein erster

ahnender Vorfrühlingstag. Er riß das Fenster auf. Lauer Märzwind wehte

herein, gleich einem Gruß vom Süden. Er brachte einen Hauch von Leben

mit sich ... vom großen Leben draußen ... der bunten, lockenden Welt

... die stand einem offen ... man rutschte im eigenen Auto nach Rom

-- man fuhr mit seiner kleinen Frau nach Paris ... man badete sich im

Winter im neuberlinisch-amerikanischen Gesellschaftsleben, man ritt im

Sommer als Großgrundbesitzer über seine eigene Scholle irgendwo drüben

in der Ostmark -- war ein ganz anderer Kerl als hier der kleine, in

Stubenarrest gesteckte Leutnant Ottersleben! ...

Eigentlich war man doch ein Esel, wenn man es nicht tat! ... Adieu

Küraß und Koller -- Pallasch und Helm! ... Die Armee hielt keinen, der

gehen wollte. Im Gegenteil, sie schickte alljährlich Hunderte in das

Schattenreich des Zivils, die um ihr Leben gern noch weiter gedient

hätten ... Otto von Ottersleben preßte die Lippen zusammen. Er dachte:

Wenn mein Vater noch da wäre, dürfte ich es nicht. Der würde es mir

nie verzeihen! Onkel Bruno auch nicht. Keiner von den anderen. Aber

schließlich ist sich jeder selbst der Nächste. Diesen verfluchten

Stubenarrest hier sitzt auch kein Fremder für mich ab. So stand er und

sann und sann, ohne zu einem Entschluß zu kommen, und die Dämmerung

senkte sich hernieder.

Eine Woche später riß gegen Abend auf der Friedrichstraße zu Berlin

der kleine Leutnant Peter von Ottersleben, der zurzeit aus seiner

schlesischen Grenadiergarnison zur Zentralturnanstalt kommandiert

war, erstaunt die Augen auf. Er erkannte seinen Bruder Otto, der da

in modischem englischem Frühjahrszivil flanierte, einen spiegelnden

Zylinderhut auf dem Kopf, Gamaschen über den Lackstiefeln, auf die die

Bügelfalte fiel.

»Wo ich herkomm', Peter?« sagte er nachlässig. »Das werd' ich dir

gleich erzählen! Wo gehst du denn hin? Ins Pschorr! ... Schön!«

Im Hintersaal des Pschorrbräu, wo die einzelnen Regimenter ihre

langen, hölzernen Stammtische besaßen, hatte sich der Grenadier mit

seinen beiden Vettern, den Söhnen des Generals von Ottersleben,

verabredet. Die zwei waren nun auch schon aus Lichterfelde heraus und

Offiziere in der Garde-Infanterie -- zwei schlanke, gut aussehende,

trotz ihrer bartlosen Gesichter ernste junge Leute. Otto, der Ehemann

und Weltmann in Zivil, kam sich unter diesen drei Dächsen sehr groß

und gönnerhaft vor.

»Also erschreckt nicht, Kinder -- ich hab' meinen Abschied

eingereicht!« sagte er kaltblütig. »Übertritt zur Reserve natürlich.

Bis das Gesuch bewilligt ist, hab' ich Urlaub! ... Wir werden uns

ankaufen. Mit einer erstklassigen Jagd. Ihr dürft jeder bei mir, wenn

ihr kommt, einen Sechserbock schießen. Im Winter sind wir hier in

Berlin!«

»Aber wie verfällst du denn auf die Kateridee, den Dienst zu

quittieren?«

»Mein Gott, mir war's nachgerade zu bunt! Ich will einmal mein eigener

Herr sein! Und nicht immer nach fremder Pfeife tanzen. Wir leben doch

nicht mehr zur Zeit Albrechts des Bären! Heutzutage ist der Mensch

doch nicht mehr bloß ein Kommißknüppel, sondern eine Persönlichkeit

und hat sein Recht ...«

Zu seinem Erstaunen hob sein Vetter Busso, der blutjunge Fant, den

Kopf: »Pardon, Otto! Da bin ich ganz anderer Ansicht. Gerade heute

soll man dienen ... Leute wie wir ...«

»Warum denn?«

»Ja, wenn jeder so dächte wie du, was machen wir denn dann, wenn es

mal losgeht? Einmal kommen die Franzosen oder sonst wer doch wieder!

... Da würden wir was Schönes erleben!«

Und sein Bruder Günter fügte hinzu: »Dazu sind wir da. Die Ottersleben

haben immer gedient. Die werden doch alle auch gewußt haben, warum?

Ich bilde mir nicht ein, gescheiter zu sein als unsere Vorfahren ...«

»Na ja, ihr seid Musterknaben!« meinte der hübsche Exkürassier

mitleidig. »Euer Oberst ist sicher stolz auf euch. Aber kleine

Philister seid ihr doch.«

»Nee, gar nicht! Wir amüsieren uns schon! Bloß nicht den ganzen Tag!«

»Und du, Otto, hast jetzt gar nichts mehr zu tun!« fügte Busso, der

schroffer als sein Bruder veranlagt war, hinzu. »Und das mißfällt mir!«

»Still, du Dachs!«

»Ich kann gerade so gut reden wie du! ... Mag einer Sekt aus Kübeln

saufen und Automobil fahren, so viel er will, das geht mich nichts

an. Aber wenn er dann kommt und will mir damit imponieren ...«

»Zum Donnerwetter -- das verbitt' ich mir ...«

»... und protzt damit, daß der Schwiegerpapa Geld hat -- nee, das kann

jeder!«

»Das find' ich auch!« ... versetzte der kleine Grenadier Peter, der

bisher geschwiegen, mit plötzlicher Entschlossenheit. Auch seine

Bewunderung für den älteren Bruder hatte einen Stoß erhalten.

»Kellner, zahlen!«

Otto von Ottersleben stand auf, fuhr in seinen großkarrierten Ulster

und drückte sich die Zylinderkrempe in die Stirne.

»Ihr seid altmodische Kerlchen!« sagte er. »Ihr habt ja ganz recht: es

muß ja auch Leute wie euch geben! ... Bloß heute abend seid ihr mir

ein bißchen zu langstielig. Nehmt mir's nicht krumm! Gute Nacht!«

Er gab ihnen die Hand und ging. Draußen war das Gewimmel der

Friedrichstraße. Wie er sich in dem verlor und an das uniformierte

Kleeblatt drinnen im Pschorr dachte, kam etwas über ihn -- es war

nicht Reue -- kein Drang zur Umkehr -- aber ein eigenes Gefühl der

Verlassenheit zwischen den Massen -- der Trennung von der Armee -- der

Einsamkeit, und er eilte sich, um in das Hotel und zu seiner Frau zu

kommen.

Auch die drei jungen Leute verließen bald darauf das Lokal. Sie

hatten sich entschlossen, noch auf ein Stündchen bei ihrem Vater, dem

General, im Berliner Westen, vorzusprechen und noch ein Glas Bier bei

ihm zu trinken, nachdem das Beisammensein im Pschorr verdorben worden

war. Er liebte es, wenn sich die Söhne recht oft freiwillig bei ihm

sehen ließen und auch den Vetter von der Turnanstalt mitbrachten. Er

saß dann mit ihnen zusammen, rauchte und plauderte, wie ein älterer

Kamerad.

Er goß selbst den jungen Leuten Bier ein, ließ sich von ihnen die

Geschichte von Ottos Dienstüberdruß und Abschiedsgesuch erzählen,

und sagte dann in seiner langsamen und schweren, unerschütterlichen

Art: »Der Otto war immer ein Windhund. Der hat nie begriffen, worauf

es bei uns ankommt. Wißt ihr, Jungens ... so wie bei St. Privat --

in Reih und Glied ... mit wehenden Fahnen, alle Vorgesetzten vor der

Front, die Feldgeistlichen mit dem Kruzifix voraus -- sich für König

und Vaterland totschießen lassen, das ist kein Kunststück. Das kann

jeder. Das muß jeder. Aber wenn du an 'nem Wintermorgen faul in der

Kaserne im Bett liegst, mein Sohn, und weißt, der Hauptmann kommt doch

nicht, und die Unteroffiziere fangen unten die Instruktionsstunde

auch ohne dich an und bläuen den Rekruten die einzelnen Gewehrteile

in die Mostschädel ein -- und du hältst es doch nicht aus und bist

Punkt sieben unten in der Mannschaftsstube unter der Petroleumfunzel

in dem Gestank -- dann stehst du auf dem richtigen Boden. Das ist

die Grundlage der Armee. Das ganze Geheimnis. Das machen sie uns

nicht nach: Pflichterfüllung, die keiner sieht! Wenn uns das nicht in

Fleisch und Blut übergegangen wäre, dann hätten Moltke und Roon und

der alte Herr weiß Gott umsonst gelebt!«

»Und wenn jemand sich vor euch mit seinem Geld aufspielt,« schloß er,

»dann schaut nur auf euer Portepee und denkt euch: der Kerl kann alles

in Berlin zusammenkaufen, was gut und teuer ist. Aber für alle Schätze

der Welt ist das kleine silberne Ding in keinem Laden zu haben! Er

kriegt's nicht, und wenn er sich auf den Kopf stellt! Es wird nur

verdient und verdient! Und wenn ihr das so auffaßt, Jungens, dann

könnt ihr euch getrost reicher vorkommen als irgendeiner.«

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Du Schwert an meiner Linken · 第 17 / 27 段