Verkörperung preußischer Zucht in diesem Lande. Sie frug ihn nach der
Wohnung des Hauptmanns von Logow. Er wies ihr die zweite der vier
oder fünf Villen am Wege. Regenverwaschen, mit offenem Gittertor und
herbstlich ödem Vorgarten lag dieses kleine Haus freudlos da. Zwei
Damen traten aus der Tür, offenbar Offiziersfrauen, die sich nach dem
Befinden der Patientin erkundigt hatten, und warfen den neugierigen
Blick von Kleinstädterinnen, die plötzlich ein fremdes Gesicht sehen,
auf Maximilianes elegante Erscheinung. Sie schritt an ihnen vorbei in
den Flur. Ihre Mutter hatte sie vom Fenster aus gesehen und kam ihr
entgegen.
»Wie geht's, Mama?«
»Immer gleich! Vor morgen, sagt der Stabsarzt, kann man nichts wissen!
...«
»Ist Erich da?«
»Nein. Im Dienst! Was soll er auch hier? Wir können nichts tun als
warten. Aber leg doch ab, Kind.«
Es dämmerte in den niederen Wohnräumen. Die junge Generalin setzte
sich ermüdet hin. Ihre Mutter ging ab und zu, um Kaffee für sie zu
besorgen. Inzwischen sah sie sich stumm in Erich von Logows vier
Wänden um. Sie kannte alle diese Dinge: die Rehgehörne und Waffen, das
altväterische Schreibpult, die Büsten Napoleons und Friedrichs des
Großen, die Briefbeschwerer und Granatsplitter wurden lebendig. Sie
flüsterten von der Vergangenheit. Die Lampe auf dem Tisch erzählte von
stillen Mitternachtstunden in Berlin. Das war schon so endlos lange
her -- scheinbar ein halbes Menschenleben und mehr. Es war alles so
anders geworden -- so seltsam. Maximiliane dachte sich: Was machen die
beiden nur, Erich und seine Frau, hier, ganz aufeinander angewiesen?
Ulla hat keine geistigen Interessen. Sie ist nicht musikalisch.
Sie treibt keinen Sport. Sie ist nur schön. Und dazu braucht sie
einen anderen Hintergrund als diesen weltfernen Vogesenwinkel. Um
den herum schweigen die Wälder, der Wind pfeift, der Regen rauscht,
auf dem Exerzierplatz blasen und trommeln die Spielleute, von den
Schießständen kommt ein ferner Knall nach dem anderen -- sonst dringt
kein Laut von außen in diese Herbsteinsamkeit. Hier müssen zwei
einander schon sehr, sehr lieb haben, damit ihnen die Tage nicht lang
werden. Erich hat ja noch seinen Dienst, seine Kompanie. Aber trotzdem
... auch seine militärische Laufbahn hat er sich anders, ganz anders
gedacht ...
Womit beschäftigte er sich wohl, wenn er nicht seine Leute drillte
oder auf die Jagd ging? Sie trat an den Schreibtisch. Auf dem lag
eine aufgeschlagene spanische Grammatik. Wie kam er gerade auf diese
Sprache, die für die deutsche Armee doch völlig belanglos war?
Nebenan am Boden lehnte der große Andrésche Handatlas. Er war bei der
politischen Karte von Südamerika aufgeklappt. Sonderbar. Sie wandte
sich ab und schaute durch das Fenster. Weit drüben bogen sich die
Zypressen des Kirchhofs im Sturm. Es fiel ihr ein, daß die Logows
dort vor dreiviertel Jahren ihr einziges Kind begraben hatten. Es
hatte nur vierzehn Tage gelebt. Es war schon wahr: sie fanden hier
nicht Glück noch Stern! Und wer mochte wissen, wie lange sie hier
noch bleiben mußten und ob man ihn je wieder in den Generalstab
oder die Adjutantur berief. Das hier, das war so recht ein Ort zum
Vergessenwerden ...
Nebenan lag still die kranke Frau. Maximiliane hatte ein paarmal
behutsam durch die Türspalte hineingeblickt. Sie hatte das schlafende,
schöne Antlitz geschaut, das jetzt in der Fieberröte so unheimlich
verändert und belebt aussah. Sie drückte leise wieder die Klinke zu
und begann sich nützlich zu machen. Sie schrieb einen Stoß Depeschen
und Briefe an die Verwandten und trug sie selbst in das Städtchen
hinein, auf die Post. Dann kehrte sie auf demselben Weg zurück.
Dabei erschrak sie plötzlich. Sie ging über das freie Feld, der
Exerzierplatz lag weitab zur Linken. Ein Fußpfad führte von ihm
herüber. Auf ihm näherte sich ein Offizier. Sie erkannte den Hauptmann
von Logow. Er schritt rasch und gleichmäßig dahin, den Blick am
Boden, dessen lehmige Wasserlachen seine hohen Stiefel bis zum Knie
bespritzten. Der Regen schlug ihm gerade in das strenggeschnittene,
finstere, schnurrbärtige Gesicht. Er achtete nicht darauf. Er sah
auch, in seine Gedanken versunken, Maximiliane noch nicht. Sie hätte
noch umdrehen können. Aber sie sagte sich entschlossen: ›Wozu? Einmal
müssen wir uns doch begegnen!‹ und setzte ruhig ihren Weg fort.
Da riß er plötzlich die Augen auf, machte halt und starrte sie an
wie einen Geist, der im Zwielicht aus Nebel und Regengrau vor ihm
aufgestiegen war. Er stand da. Er wußte nicht, was er sagen sollte.
Sie gab ihm die Hand.
»Guten Tag, Erich! Ich bin lieber gleich einmal herübergekommen!
Gottlob ist es ja nicht schlimmer geworden ...«
»Nein! ... Bis jetzt nicht ...«
Sie gingen zusammen weiter. Sie schwiegen beide. Ein stöhnender
Windstoß glitt über sie. Nässe umsprühte sie. Am Himmel flogen
die Regenwolken, hingen schwer zu Tal. Ein altes Schloßgemäuer
schimmerte grau und zerfallen hoch oben am Berghang. Es war schon halb
verschwommen. Alle Dinge umher schattenhaft, unwirklich im Nahen der
Nacht ...
Er erzählte von Ulla und ihrer Krankheit in einer kalten,
trocken-sachlichen Art. Dann brach er plötzlich geistesabwesend ab und
schaute von Maximiliane weg ins Leere, so müde, wie sie es an ihm nie
gesehen. Eine Hauptmannsfrau seines Regiments kam ihnen entgegen. Er
sprach mit ihr beiseite. Seine Schwägerin hörte seine Bitte, ihm doch
eine Matratze oder so etwas zu schicken, daß er sich für die Nacht
irgendwo auf dem Boden ein Lager machen könne. Sie hätten das ganze
Haus voll -- Schwiegermutter, Schwägerin, die Barmherzige Schwester --
er wisse nicht mehr, wo ihm der Kopf stehe ...
Er tat ihr so leid, mit diesen Lasten des Alltags, die ihm wohl auch
in Ullas gesunden Zeiten niemand abnahm. Da vor dem Hause stand schon
wartend der Feldwebel mit seiner Brieftasche. Eine Sekunde war Erich
von Logow bei seinem Anblick nervös. Dann sagte er mit dienstlicher
Ruhe: »... Abend, Krause! ... Morgen ist Sonntag ... Also nur nach dem
Kirchgang Appell im Ausgehanzug. Dazu Herr Oberleutnant Kupper. Ich
für meine Person möchte gern morgen etwas Ruhe. Ist die Schießkladde
drinnen? Der Strafrapport für den Monat auch? ... Schön! ...«
Der Feldwebel machte linksum kehrt und verschwand schweren Schrittes
im Dunkel der Nacht, die nun schon alles umhüllte. Nur vor dem Eingang
der Villa zitterte das Licht einer Laterne. An der schritten sie
beide vorbei und wieder zurück, ein-, zweimal. Er konnte sich nicht
entschließen, mit ihr einzutreten. Er kämpfte mit sich. Plötzlich
blieb er stehen und versetzte hastig: »Bevor du mein Haus betrittst,
Maxe ... und mir damit einen Vertrauensbeweis gibst, den ich
eigentlich nicht um dich verdient hab' ... Ich hab' nicht gedacht,
daß du dich je so weit überwinden könntest, noch einmal zu uns zu
kommen ... Also vorher bin ich dir etwas schuldig: Ich bitte dich um
Verzeihung ... Wegen damals ... Ich war wie verrückt ... Ich versteh'
es jetzt selbst nicht mehr ...«
Er hielt inne und setzte dann stockend, aber entschlossen hinzu:
»Jetzt hab' ich mich besser in der Gewalt! Man lernt manches! Das
Leben macht einen mürbe! Ich gebe dir mein Wort: es kommt nicht wieder
vor! ... Mit keinem Blick und mit keinem Ton. Du kannst ruhig mein
Gast sein. Verzeih mir!«
Maximiliane von Glümke erwiderte nichts. Sie ging einfach vor ihm
ins Haus. Unter der Laterne sah sie auf der Türschwelle, daß er ganz
rot geworden war. Da färbten sich plötzlich auch ihre Wangen. Sie
blickten einander nicht mehr an. Stumm traten sie in den Flur und
von da auf den Fußspitzen in das Krankenzimmer. Ulla lag noch immer
apathisch, mit fieberheißem Kopf da. Ihre großen dunklen Augen waren
offen. Sie ruhten mit einem schläfrigen, undurchdringlichen Glanz auf
dem Paar am Bettende. Niemand konnte sagen, ob sie die beiden erkannte
oder nicht. Es schien doch nicht der Fall. Sie seufzte plötzlich
tief auf, wie von Schmerzen geplagt, und wurde unruhig. Die Wärterin
huschte wie ein Schatten aus dem Dämmerlicht hinzu, und die zwei,
Erich von Logow und Maximiliane, zogen sich geräuschlos zurück. Und
selbst dies leise Zumachen der Tür, dies Flüstern beklemmte sie. Es
war, als hätten sie etwas miteinander vor andern zu verbergen.
Stumm saßen sie mit Frau von Ottersleben beim Abendbrot. Draußen
heulte der Sturm und goß der Regen. Man ahnte durch die Nacht die
unwirtlichen Grenzgebirge ringsumher. Es war einem zumut wie am Ende
der Welt. Erich von Logow hatte etwas Finsteres, Verächtliches in
seinen Zügen. Er aß fast nichts, langte aber, gegen seine frühere
Gewohnheit, ziemlich häufig nach der Flasche mit rotem Elsässer Wein.
Er war froh, als seine Schwiegermutter gleich nach Tisch gute Nacht
sagte. Maxe wollte ihr folgen. Er stellte sich neben sie und bat
halblaut: »Bleib doch noch ein bißchen!«
Sie zögerte.
Er setzte hinzu: »Du bist doch gekommen, um uns zu helfen. Ulla kannst
du's vorderhand nicht! Aber mir!«
Er trat mit ihr in sein Arbeitszimmer. Dort zündete er sich eine
Zigarre an und stand düster da, ihren Blick vermeidend. Sie
wollte dies gefährliche, so vielsagende, an so viel erinnernde
Schweigen zwischen ihnen nicht aufkommen lassen. Sie griff nach dem
Nächstliegenden und frug, auf die Grammatik auf dem Tische weisend:
»Erich, warum lernst du denn um Gottes willen Spanisch? Lohnt sich
denn das der Mühe?«
Er drehte ihr sein energisches, wettergebräuntes Antlitz zu.
»Für mich schon!«
»Willst du denn einmal nach Spanien fahren?«
»Weiter!«
Er ging durch das Zimmer, blieb vor ihr stehen und versetzte,
plötzlich in einen raschen, gleichgültigen Gesprächston verfallend:
»In Chile wird Spanisch gesprochen. Und es sind doch immer eine ganze
Reihe von deutschen Offizieren in die chilenische Armee kommandiert.
Diese Armee ist ganz nach unserem Muster gebildet. Ihr höchster
General ist -- das weißt du vielleicht -- seit vielen Jahren ein
preußischer Leutnant. Das ist also ein Land, wo man sich nützlich
machen kann ...«
»Und da ...«
Sie vollendete die Frage nicht. Er beantwortete sie selbst.
»Ich weiß es noch nicht!« versetzte er. »Ich trag' mich nur mit dem
Gedanken. Ich bereite mich wenigstens auf alle Fälle vor. Stände ich
allein -- ja, dann wüßt' ich wirklich nichts, was mich zurückhielte,
auf Jahre hinaus das Meer zwischen mich und ... und das alles hier zu
legen. Das begreift wohl kein Mensch besser wie du, nicht wahr?«
Er nahm seine Wanderung durch das Zimmer wieder auf. Er sprach vor
sich hin, wie in Gedanken mit sich selber kämpfend.
»Aber da ich doch einmal mit deiner Schwester Ulla verheiratet bin,
ach Gott, Maxe ... Ich weiß ja ... Ich sollte über das alles nicht
reden, am wenigsten zu dir ... Und kann doch nicht anders und danke
meinem Schöpfer, daß ich endlich einmal reden darf, statt mich immer
nur einsam zu quälen ... Denn wer versteht mich denn ... Wer kennt
mich denn ... außer dir? ... Nein ... Bleib nur ruhig sitzen, Maxe! Du
hast doch mein Wort! Du sollst nichts hören, was du nicht hören darfst
...«
Er atmete auf und streifte seine Zigarrenasche ab.
»Darf ich übers Meer in fremde Dienste und meine Frau hier lassen?
Das ist die Frage, über die ich schon seit einem halben Jahr nicht
wegkomme! Mitnehmen kann ich sie nicht. Da schlepp' ich nur unser
ewiges Elend von den Vogesen nach den Kordilleren, damit ist nichts
geholfen. Da bleib' ich lieber gleich hier: und hier bleiben kann ich
nicht ... Die Aussicht, acht Jahre noch in diesem Nest zu hocken,
allen Ehrgeiz zu begraben, den man noch vor kurzem und mit Recht
gehabt hat ... es ginge ja noch -- es ließe sich ertragen, wenn man
in seinen vier Wänden als Ersatz dafür das Glück fände! ... Aber da
fehlt es eben, und weil es fehlt, darum habe ich auch dienstlich den
Erwartungen nicht entsprochen. Das hängt alles zusammen -- eines
bedingt das andere -- und für mich gibt es nur eine Rettung, so wie
ich hier gestrandet bin -- heraus aus allem! ... Aus allem ... aus
allem ... Ich muß vergessen lernen, Maxe -- das vergessen, wovon ich
eben gesprochen habe, und noch mehr das, wovon ich dir nicht sprechen
darf! ... Und wenn man ins Weite will, hat man die Kette am Bein. Man
kann nicht fort!«
Von drüben über dem Flur her hörte man das schwere Aufhusten der
Kranken. Erich von Logow ging leise hinüber, öffnete den Türspalt und
überzeugte sich durch einen Blick, daß alles beim Alten war. Dann
kehrte er zurück und lachte bitter auf.
»Ja -- du hast's gut, Maxe! Du sitzest da und legst die Hände in den
Schoß und siehst mich seelenruhig an und hörst zu, was ich dir da
vorheule! ... Du warst tapfer und hast aus deinem Leben alles gemacht,
was zu machen war. Aber unsereiner ... Man sollte natürlich eigentlich
die Zähne zusammenbeißen und das Maul halten und seinen Dienst tun
und seine kranke Frau pflegen, die in gesunden Tagen viel, viel
unausstehlicher ist wie jetzt, wo sie still daliegt ... Aber manchmal
drückt es einem die Seele ab ... Da ist man Mitte der Dreißig, hat
noch ein langes Leben vor sich ... und in dem Leben nichts, nichts ...
Nichts von alledem hat sich erfüllt, was ich vor zwei, drei Jahren
noch mir als absolut sicher gedacht hab'. Ich bin in der Ulla ihre
Schönheit hineingeflattert wie die Motte ins Licht ... und nicht nur
aus Liebe -- nein -- auch aus Eitelkeit und Selbstgefälligkeit -- ich
dachte, für jemandem wie mich sei die Schönste im Lande gerade gut
genug, um mit ihr Staat zu machen. Das muß ich nun büßen ... Man
versauert hier in dem Hundenest, man wird als Major abgehalftert,
man trägt sein Hauskreuz bis an sein seliges Ende ... Ach ... es ist
gräßlich ...«
Er hielt inne, holte sich aus dem Nebenzimmer den roten Elsässer und
trank wieder hastig ein Glas. Es war nicht der Wein, der ihm zu Kopf
stieg. Die innere Erregung glänzte fiebrig aus seinen dunkeln Augen.
Dabei waren seine Wangen blaß. Er schwieg. Maximiliane auch. Sie wußte
nicht, was sie ihm hätte erwidern sollen. Sie konnte nur hier sitzen
und seine Beichte mitanhören. Mehr wollte er auch nicht. Er hub wieder
an.
»Ist das nicht schrecklich ... Maxe ... solch eine Ehe, wo beide Teile
manchmal denken müssen, es wäre besser, einer von ihnen wäre nicht
mehr? ... Und der andere wäre frei ...?« Er merkte eine erschrockene
Bewegung der jungen Generalin. »Mißversteh mich nicht ... Ich brauche
ja nicht der zu sein, der frei wird ... Ich könnte ja auch der sein,
der frei macht ... Mir wär's gleich ... Mir liegt gar nichts am Leben
... Wenn mich in Chile der Teufel holte, wär's mir auch recht! ...
Aber ist man nicht schon rein mit sich und allem zu Ende, wenn man
überhaupt so etwas denken kann? Sage ehrlich ...«
Maximiliane von Glümke schüttelte bang das blonde Haupt.
Er murmelte zwischen den Zähnen weiter: »Es ist doch solch ein
Widersinn: zwei Menschen sind auf Lebenszeit zusammengekoppelt, machen
sich bloß gegenseitig das Leben schwer, machen einander für das Leben
untauglich und können nicht auseinander ... Und ziehen immer weiter
an dem verfluchten Karren ... Immer weiter, bis er schließlich ganz
im Dreck festsitzt ... Entschuldige ... Ich verbauere hier schon so
sachte ... Ich spreche ja eigentlich nur noch auf dem Exerzierplatz
zu meinen Kerlen -- sonst mit keiner Menschenseele ... Ulla schweigt
ja. Sie schweigt immer. Sie sitzt am Fenster und starrt in den Regen
hinaus. Stundenlang. Es ist zum Haarausraufen.«
Nun entschloß sich Maximiliane zum erstenmal zu reden.
»Eines versteh' ich dabei aber nicht, Erich! Wenn eure Ehe so
unglücklich ist, warum laßt ihr euch denn dann nicht lieber in Gottes
Namen scheiden?«
Der Hauptmann von Logow zuckte die Achseln und lehnte sich
aufseufzend an das Fenster. Vor dem war kein Laden. Man sah draußen
die unbestimmten Umrisse der Nacht -- die Ballen von Regenwolken am
Himmel, die Schattenkronen kahler, vom Sturm schief gewehter Bäume.
Weit und breit kein Lichtpunkt auf Erden, kein Stern da oben.
»Das ist nicht so leicht, Maxe!« versetzte er. »Im Gegenteil ... das
ist furchtbar schwer! Finde du einmal bei zwei Menschen, die an sich
anständig sind, und anständig leben und eben nur das Unglück haben,
daß sie absolut nicht zueinander passen -- finde du da einmal einen
genügenden Grund, daß ich vor Gericht gehen kann und sagen: so, jetzt
will ich meine Freiheit wieder! ... Solch einen Grund gibt mir Ulla
nie und wird sie mir Gott sei Dank nie geben, und ich selber werde
ebensowenig je der Schuldige sein!«
Die junge Generalin war erstaunt.
»Ich hab' aber doch immer gehört, daß zum Beispiel, wenn ein Teil aus
dem Hause weggeht und der andere läßt sich das nicht gefallen und
klagt, daß dann ...«
»Ja. Dazu gehören eben zwei.«
»Ihr seid doch zwei! Und seid doch beide, wenn auch nicht in anderen
Dingen, so doch darin einig, daß ...«
»Nein. Das sind wir nicht!« Erich von Logow holte tief Atem und
streckte die Arme aus, als wollte er eine unsichtbare Kette zerreißen.
»Nein! Das ist eben das Letzte und Tollste: Ulla gibt mich niemals
freiwillig los. Niemals! Sie will lieber unglücklich sein und mich
unglücklich machen, als mich gar nicht haben!«
»Mein Gott ... was sind das alles für Sachen!« sagte Maximiliane von
Glümke bang und stand auf.
Er nickte. »Wie ich Ulla heiratete, Maxe -- da war ich verliebt!
Blindlings, wahnsinnig ... und sie hat sich weiter nicht viel aus mir
gemacht. Ich wußt' es auch! ... Dann hat sich das Blatt gewendet. Ich
bin allmählich erkaltet, an ihrer Gleichgültigkeit. Sie blieb, wie
sie war. Sie war ja meiner sicher. Und dann eines Tages ... da sah
sie, daß sie im Begriff war, mich zu verlieren -- nein -- daß sie mich
verloren hatte ... auf immer! ... Ich kann es nicht ändern. Und sie
-- sie kann es nicht fassen. Jetzt will sie das Versäumte nachholen.
Seitdem kämpft sie um mich. Seitdem klammert sie sich an mich --
verzehrt sich.... nicht eigentlich in Liebe -- wenn sie mich liebte,
ließe sie mich frei -- nein -- in Eifersucht! ... Sie will nicht
hergeben, was ihr gehört ... Sie pocht auf ihr gutes Recht. Innerlich
gibt sie sich gar keine Mühe, mich zu gewinnen! Sie hat mich ja ...
auf Lebenszeit! ... Das ist ihrer Selbstsucht genug ... So ... Maxe
... da hast du die ganze Tragik meines Lebens ...«
»Ich weiß ja: sie ist krank!« fing er nach einer langen Pause an, in
der wieder der Husten von drüben durch die Stille der Nacht geklungen
war. »Ich sag' es mir ja auch immer zum letzten Trost: es ist alles
krankhaft, ihre Teilnahmlosigkeit -- ihr Trübsinn -- diese blinde
Zähigkeit, mit der sie mein Leben aussaugt, aushöhlt, von innen heraus
ganz zunichte macht. Sieh mal, Maxe: wenn einer aus Liebe alles
opfert, und alles hinschmeißt, daß die Scherben fliegen, und sagt:
›Hol's der Deubel ... Ich kann nicht anders!‹ -- Na schön ... das ist
groß! ... Das verstehe ich ... Aber die Ulla und ich -- wir gehen
zugrunde ohne Liebe! Das ist's, worüber man verrückt werden könnte!«
»Und doch hätten wir all diese Kälte und Freudlosigkeit noch
miteinander ertragen,« sagte er endlich, »wenn nicht von einer anderen
Seite her die Liebe in unser Leben gekommen wäre, Maxe! ... In
~mein~ Leben! ... Sei unbesorgt ... du hast mein Wort ... Es gibt
Dinge, die braucht man nicht auszusprechen ... Aber das war der Stoß
ins Herz für mich und unsere Ehe -- die Strafe, weil ich blind gewesen
war. Wir verbluten uns hier, in den Vogesen, fern von der Welt, still
an einer, die nichts dafür kann -- die das Glück hatte, stärker zu
sein als wir -- die über uns ihren Weg weitergegangen ist, zu Glanz
und Ehren -- der ich allen Segen und alles Gute für ihren Lebensweg
vom Himmel wünsche -- obwohl sie mein Schicksal war und weiß Gott kein
gnädiges ... Verzeih mir, Maxe ... und hab' Dank, daß du mich das
hast aussprechen lassen! ... Du warst so oft in meinen Gedanken mein
lebendes Gewissen ... Nun hab' ich dir das endlich einmal sagen dürfen
... So ... nun ist's vorbei ...«
Sie senkte den Kopf, damit er den feuchten Schimmer in ihren Augen
nicht sähe. Sie wagte nicht zu sprechen. Er trat auf sie zu und gab
ihr die Hand.
»Gute Nacht, Maxe!« sagte er leise. »Es ist bald Mitternacht. Du wirst
schlafen wollen!«
Er sah sie nicht an. So zog er sich zurück. Sie hörte, wie er langsam
hinüber in das Krankenzimmer ging. Dort schickte er die Wärterin zur
Ruhe, rückte einen Stuhl an das Bett, setzte sich nieder und bewachte,
das Kinn in die Hand und den Arm auf das Knie gestützt, still bis zum
Morgengrauen den Fieberschlaf seiner Frau.
Frühmorgens kam der Stabsarzt. Er machte ein ernstes Gesicht. Die
Krisis war da. Nun frug es sich, wieweit die Kräfte der Kranken
standhielten. Den ganzen Vormittag herrschte im Hause die gedämpfte,
gequälte Unruhe des Abwartens. Schleichende Schritte, flüsternde
Worte. Draußen, auf der gepflasterten Landstraße, lag Stroh. Es
wäre kaum nötig gewesen. Heute, am Sonntag, rührte sich nichts in
dem stillen Vogesennest. Der Himmel war novembergrau, die Wolken
hingen an den Bergflanken tief zu Tal, unten im Grunde brummte und
summte vom Städtchen her eine Kirchenglocke durch den weißen Dunst
... sie verstummte -- wieder das Schweigen -- ein Aufhusten aus dem
Krankenzimmer -- ein Windstoß, der vereinzelte Strohhalme von der
Villa weg über die Felder trieb -- unheimlich -- gerade nach dem fern
unter Zypressen dämmernden Kirchhof zu -- dann wieder die Stimme des
Doktors, der alle zwei, drei Stunden nachsah.
»Ich bleibe jetzt vorläufig hier! Herr von Logow -- tun Sie mir den
einzigen Gefallen und gehen Sie inzwischen wenigstens auf eine halbe
Stunde an die frische Luft und erholen Sie sich -- Sie halten mir das
sonst nicht mehr aus -- nach dem Dienst am Tag und der Nachtwache
hinterher ... Ich bitte gehorsamst: Helfen Sie mir, Exzellenz! ...
Oder noch besser ... nehmen Sie ihn einfach mit! Exzellenz sind ja
seine Vorgesetzte! Ihnen muß er gehorchen!«
Erich von Logow half seiner Schwägerin schweigend in die Jacke. Und
warf sich den Mantel um die Schultern. Sie gingen aus dem Hause, über
Wiesen, den Berg hinauf, durch Rebhalden. Keine Seele war weit und
breit. Der Boden dampfte feucht. Der Nebel braute um das kahle Geäst
der Nußbäume. Er bildete eine weiße, zähe zurückweichende Wand, in die
man hineintauchte, die hinter einem zusammenschlug. Man konnte kaum
auf zehn, zwanzig Schritte vor sich sehen.
»Wird es dir zu viel mit dem Steigen?« frug er. Sie verneinte stumm.
Der Wald nahm sie auf. Sie wanderten den schmalen Pfad dahin: Aus dem
Dämmern tauchten zwischen den kahlen Stämmen Trümmerwerk und Gemäuer
auf. Eine der unzähligen Burgruinen des Elsaß. An einem klaren Tag
hatte man hier wohl einen weiten Rundblick über die Tiefe. Jetzt
war da nur ein grauer Schein. Der Hauptmann von Logow schaute,
schwindelfrei, hart am Abgrund stehend, gleichgültig hinunter und
sagte zwischen den Zähnen: »Bis morgen oder übermorgen weiß ich
wenigstens, ob ich ein Witwer werden soll oder nicht ...«
Ein Wort des Trostes lag ihr auf den Lippen. Aber dann fiel ihr etwas
Schreckliches ein, wovon er gestern gesprochen, in der Stille der
Nacht: Der Tod im Hintergrund ... als Erlöser einer unglücklichen Ehe
... Gewiß: Er hatte nicht seine Frau gemeint ... sondern viel eher
sich selbst ... Aber trotzdem ... es überlief sie kalt ... bei dem
Gedanken, was alles in einer Menschenbrust möglich war -- was am Ende
gar in ihr auch schlummerte und erwacht wäre, wenn es das Schicksal
mit ihr nicht so gnädig gemeint hätte. Sie blickte zu Boden, auf den
steinigen Steg, und schwieg. Er hatte die Mütze abgenommen und gab,
während sie den Rückweg antraten, seinen dunklen, wettergebräunten
Kopf dem Herbstwind preis. Nach einer Weile begann er: »Ich hab' dir
alles erzählt, Maxe! Und du mir nichts!«
»Was willst du denn von mir wissen?«
»Ich bin ein recht unglücklicher Mensch geworden! ... Ich möchte von
dir hören, wie's dir geht.«
»Gut, Erich!«
»Bist du zufrieden?«
»Ja. Die Wünsche, die ich überhaupt noch ans Leben hatte, die haben
sich erfüllt. Sogar hundertmal reichlicher und größer, als ich es
erwarten durfte und als ich es verdiene.«
»Freilich ... du bist Exzellenz ...«
»Nicht nur dies Äußerliche, Erich! ... Mehr: Ich liebe meinen Mann. Er
ist es wert. Er trägt mich auf den Händen. Es ist um mich herum klar
und heiter ... Und ich selber bin's auch ...«
Er senkte das Haupt und lächelte bitter. Und sprach kein Wort mehr.
Sie kämpfte mit sich und sagte: »Ich weiß wohl, was du dir jetzt
denkst, Erich! ... Aber es ist nicht richtig! Ich hab' dich nicht
vergessen ...«