Heidenlärm der Hunde.
Olaf von Glümke nickte. »Erstens hab' ich da nicht zu fragen, sondern
geh dahin, wo's der Allerhöchste Herr befiehlt. Und zweitens: wenn ich
meine Frau hab', meine Pferde und meine Division, dann kann mir der
Rest der Welt überhaupt gestohlen werden!«
Sie mußten stoppen. Das Gelände war auf eine Strecke hin zu miserabel.
Hinter ihnen kam die Jagd heran. Das weite Ackerfeld war rot von
Fräcken und bunt von Uniformen. Rappen und Füchse, Braune und Schimmel
stürmten um die Wette. Es waren an die vierzig Reiter, zwischen
ihnen auch einige Damen. Der General strahlte plötzlich. Er wies auf
Maximiliane, die auf einem hochbeinigen, kastanienfarbenen irischen
Hunter unter den vordersten Herren die sanft abfallende Fläche
heraufgaloppierte, die schlanke Gestalt elastisch im Sattel gebogen,
den blonden Kopf gegen den Wind geneigt, die Wangen unter dem Schleier
von der Herbstluft gerötet.
»Nu sieh dir mal die Maxe an! Hand aufs Herz, alter Schwede: ist sie
nicht einfach famos?«
Wilderich von Koninck, der graue Junggeselle, mußte über den
verliebten Ehemann lachen. Aber innerlich gab er ihm recht: die
junge, blonde, rotbefrackte Exzellenz im Sattel da hinten war eine
entzückende Frau.
Olaf von Glümke ließ das Auge nicht von ihr, voll Stolz: »Und wie
sie reitet! ... Furcht kennt sie nicht! Vor zwei Jahren, wie wir
heirateten, da hatte sie noch nie im Sattel gesessen. Du weißt: ihr
Vater, der olle Ottersleben, war nicht sehr für die Gäule! Der hielt's
nur mit dem Schießen! Aber sie hat's spielend nachgelernt.«
Sie konnten jetzt schon wieder traben. Die Hunde waren unsichtbar. Man
hörte sie nur hinter einem dicken Buschwald. Die ganze Gegend war voll
Hecken und eingeschnittene Bäche.
»So ungefähr sah das Vergnügen in Lothringen aus!« sagte Olaf von
Glümke zu dem Husaren. »An sich ist's ja eine Ehre, in Metz auf
Vorposten zu stehen! ... Aber 's war für mich auch noch ein besonderer
Grund, der mir das Scheiden erleichterte: mein Schwager Logow! Du
weißt: den haben sie bald nach meiner Heirat doch als Hauptmann und
Kompaniechef in so ein verfluchtes lothringisches Grenznest versetzt!
... Da sitzt der Mann nun -- in einer Gegend, in der sich tatsächlich
Fuchs und Wolf gute Nacht sagen!«
»Ein verfluchter Sprung -- vom Generalstab in Berlin!«
»Na ... sollte sich lüften! ... Macht auch nichts! ... Eine Weile
Frontdienst tut immer gut. Ich bin auch Frontsoldat. Ich möchte jetzt
noch beinahe heulen, wenn ich mich hinsetzen und Berichte schreiben
muß. Aber glaubst du, der Logow oder seine Frau hätten je in den vier
Monaten, die ich nach unserer Hochzeitsreise noch in Metz war, den Weg
zu uns gefunden? Oder sonst was von sich hören lassen?«
»Nanu?«
»Schnitten uns! Schnitten uns nach allen Regeln der Kunst! Was wir
ihnen getan haben, wissen die Götter. Schließlich: er war ja nicht in
meiner Division. Aber ich bin General und er Hauptmann. Man kam sich
schon ganz dumm vor, wenn man nach den sonderbaren Leuten gefragt
wurde!«
Olaf von Glümke schüttelte sich, mit einer flotten Kopfbewegung, die
ganze Geschichte aus dem Sinn. Wozu auch Grillen fangen? Über einem
war der Himmel blau, die Mittagsonne vergoldete heiß die Heide, dort
bellten die Hunde, da war seine Frau, das Leben war so schön! Er
drückte sich die Hutkrempe fester in die Stirne und sprengte wieder
zum Galopp an.
»Nu kommt der Hauptspaß! Das Hubertushindernis! Da: beim Försterhaus!«
Das Gebäude lag einsam im Walde. Ein umfriedeter Obstgarten davor.
Die Meute sprang mit den Vorderpfoten an den Rand der Steinmauer,
arbeitete sich hinüber und verschwand. Hinterher die ersten Pferde.
Freiherr von Koninck sah sich ratlos zwischen den Bäumen.
»Gerechter Strohsack -- wo geht's denn weiter?«
»Da, mitten durchs Haus!« Der Generalleutnant strahlte. Das hatte er
sich so ausgedacht und dem Förster dafür hundert Mark gegeben. Er hob
warnend die Hand. »Achtung! ... Bücken! ... Nicht oben anstoßen!« Die
Hufe der Pferde donnerten auf den Backsteinen des Flurs, als wäre man
mitten in einer feuernden Batterie. Schattenhaft flogen Dinge vorbei
-- Hausgerät -- ein paar Kindergesichter hinter dem verschlossenen
Küchenfenster. Dann führte es auf der anderen Seite durch das breite
Tannentor wieder ins Freie. Der Obstgarten hinten war rot von
Reitern. Immer neue flogen herüber. Die Backsteinsplitter der Mauer
deckten weithin das Gras. Jenseits von ihr war Geschrei und Gelächter.
Helle Damenstimmen dazwischen. Ein paar Rosse waren abgeschrammt und
wollten nicht über das Hindernis. Ein dicker Herr saß auf dem Boden
und hielt krampfhaft an langen Zügeln sein Roß fest, das sich um ihn
drehte, als wollte er's longieren. Ein Fähnrich stand neben seinem
Rappen und rieb sich mit schmerzlicher Heiterkeit das Schlüsselbein,
das seinen ersten Knacks in seiner Kavalleristenlaufbahn abbekommen
hatte. Über das Feld hin lief eilig ein reiterloser Gaul in der
Richtung auf die Stadt, als habe er dort dringend im Stall zu tun. Vor
dem Engpaß des Hausflurs staute es sich in einem Gedränge, daß man
nur noch im Schritt hindurchreiten konnte. Von drüben hörte man die
dumpfen Hufschläge des Angaloppierens. Es galt, den niederen, schon
vielfach zersplitterten Staketenzaun am Weg zu nehmen. Der General
von Glümke war schon drüben. Da sah er seine Frau, im Begriff, das
Hindernis zu überspringen, und machte eine plötzliche abwehrende
Bewegung.
»Nein -- du nicht ... Reite lieber ganz langsam hier durch die Lücke!«
Einen Augenblick zuckte es in ihr von Reiterlust. Dann gehorchte sie
ohne Besinnen. Man sah: sie war es gewöhnt, sich ihm vertrauensvoll
unterzuordnen.
»Du -- warum soll ich denn auf einmal den Drückeberger spielen?« frug
sie lachend im Herankommen.
Sein scharfes Auge haftete prüfend an den Beinen ihres Braunen.
»Die ›Griseldis‹ lahmt! ... Da ... jetzt sieht man's. Ganz deutlich!
Du kannst nicht weiter reiten, Kind! Das Biest gehört schleunigst in
den Stall. Hilft nichts! ... Marsch! Wir müssen heim!«
Sie sah die Betrübnis auf seinen Mienen. Es tat ihr leid, daß er seine
geliebte Hubertusjagd, auf die er sich seit Wochen gefreut hatte,
nicht zu Ende reiten sollte.
»Schau, daß du den anderen nachkommst!« sagte sie. »Die haben schon
einen mächtigen Vorsprung! Da ... Herr Gutgesell begleitet mich gewiß
gern nach Hause!«
»Selbstverständlich, Exzellenz!«
Der Divisionsadjutant, Major Gutgesell, verbeugte sich im Sattel. Olaf
von Glümke ließ sich das nicht zweimal sagen. Der Jagdeifer zitterte
in ihm und seinem Gaul. Er gab dem mächtigen Wallach den Kopf frei und
schoß, gleich einem roten Blitz, durch das krachende Unterholz hinter
dem Felde her, das gottlob gerade eben vor einer jähen Bodensenkung
den Galopp verlangsamte.
»Gruß an Mama!« schrie er noch zurück und dann lachend zu dem Major
von Koninck, der bis dahin auch bei seiner Nichte geblieben war:
»Komisch: so ein alter Kerl wie ich und noch 'ne Schwiegermutter! ...
Aber ich komm' ganz gut mit deiner Schwester aus! Wir haben sie schon
vier Wochen zu Besuch!«
»Na -- natürlich hat sie vor dir einen Heidenrespekt!«
»Vor mir nicht den geringsten!« sagte der General von Glümke
kaltblütig. »Aber die Maxe ... die imponiert ihr! Denk mal: drei
Töchter -- die eine 'ne kleene Hauptmannsfrau, die andere 'ne kleene
Leutnantsfrau, und nun die mittelste, dies vermeintliche Entenküken,
Exzellenz! ... Nee -- sie ist wie Zucker! Ich kann nicht klagen!«
Sie kamen eben noch bei dem Abstoppen zurecht und mischten sich unter
die Rotröcke. Dann verlor sich das ganze Hussa und Hallo über den Kamm
abwärts, und es wurde totenstill, während Maximiliane von Glümke und
ihr Begleiter im Schritt den Rückweg antraten. Eine halbe Stunde ging
es. Da hielt sie an und ließ sich von ihm aus dem Sattel helfen.
»Die ›Griseldis‹ quält sich zu sehr! Am besten ist's, Sie reiten
voraus und holen für mich einen Wagen. Ich warte unterdessen hier!«
Der Divisionsadjutant gehorchte und sprengte davon. Maximiliane
ließ sich auf einem durchsonnten Baumstumpf am Rande einer Lichtung
nieder. Das Pferd stand friedlich neben ihr, mit langen Zügeln an
einer Wurzel am Boden befestigt, und graste. Es war eine tiefe,
feierliche Ruhe umher. Ganz in der Ferne lärmte und krächzte ein
Flug Holzhäher in alten Eichen. Dann verlor sich auch das. Manchmal
ein leises Schnauben des Gaules und wieder die traumhafte Stille, so
unwahrscheinlich für die Ohren, in denen immer noch Hufschlag und
Hundegebell nachzitterten, um die immer noch der Wind zu fegen schien,
während doch da draußen in der lauen, unbewegten Luft die weißen
Sommerfäden kaum merklich dahintrieben und höchstens einmal ein leises
Zittern durch die braunen und bunten Blätter ging. Silbern spannte
sich der Himmel. Die Sonne schien, nicht mehr mit sengender Glut, nur
milde und wärmend. Und die Seele der jungen Frau, die ruhig, den
blonden Kopf gesenkt, in ihrem leuchtendroten Frack und dunkeln Kleid,
die Hände im Schoß verschlungen, auf dem Baumstumpf saß, war wie ein
Widerschein dieses Herbsttags, klar und heiter. Es war ihr neu, diese
plötzliche Einsamkeit. Sie konnte sich kaum erinnern, seit langem je
so mit sich allein gewesen zu sein, immer waren in diesen zwei Jahren
ihrer Ehe Menschen um sie gewesen, immer etwas los, immer schlang sich
das Morgen an das Heute, in ewiger glitzernder Kette. Zum Besinnen war
eigentlich nie Zeit an der Seite eines so ungestüm lebenden Mannes
wie Olaf von Glümke. Der riß einen mit sich fort. Man mußte die Augen
zumachen und lachen und sich dahintragen lassen. Es war wie eine
einzige wilde Jagd. Es war auch gut so. Zum Kopfhängen war da kein
Platz. Und kein Grund. Und gar keine Lust ... Sie hatte ihren Mann. Er
war immer da. Sie hätte ihn hier an ihrer Seite haben können, wenn sie
gewollt hätte. Und so würde es bleiben, so lange er lebte. Man war so
geborgen bei ihm. Man stand neben ihm hoch über der Menge. Man hatte
Grund, dem Schicksal dankbar zu sein.
Der Gaul erschrak über etwas und machte einen Sprung am Zügel. Sie
hob ärgerlich den Kopf und rief: »Steh still, du alte Rammsnase!« Sie
war böse auf das Tier, daß es ihr das Jagdvergnügen gestört hatte,
und gestand sich gleich darauf selber: wenn einem so was noch Kummer
bereitet, dann hat man wirklich keine großen Sorgen im Leben! -- Ihre
Züge wurden dabei ernster. Sie saß mit halbgeschlossenen Lidern und
träumte. Es war so wundersam, dieser Frieden, diese Einkehr, dies
Schweigen im Walde. Es war wie eine verwunschene Welt. Die Gegenwart
weg. Man schaute hellsehend auf sich und sein bißchen armen krausen
Lebenslauf zurück und konnte die Hände falten und sich in der Stille
sagen: ›Gottlob -- ich hab' mich nicht in mir verzehrt! Ich hab' die
Kraft gefunden, über mich und meinen Schmerz hinauszukommen. Das
Irren und Sehnen liegt hinter mir. Ich hab' begraben, was mir nicht
beschieden war. Mein Mann ist mir nah. Ich steh' mit beiden Füßen fest
im Leben, und meine Augen sind klar.‹
Aus der Ferne tönte, rasch näherkommend, das Rollen eines Jagdwagens.
Der Major Gutgesell lenkte ihn selbst. Ein Bursche mit einer
Stalldecke saß hinten. Maximiliane von Glümke fuhr sich mit der Hand
über die Wimpern und wurde wach. Und während sie sich elastisch erhob,
atmete sie tief auf und sagte sich noch einmal: »Ja. Es war besser so.
Tausendmal besser!«
Zu Hause eilte sie, so wie sie war, das kurze Reitkleid raffend,
in hohen Stiefeln und Sporen, den Hut schief auf den zerzausten
blonden Haaren, aus denen die Hälfte der Nadeln beim Galoppieren
herausgeflogen war, den dünnen Reitstock in der Hand, hinüber in das
Gastzimmer zu ihrer Mutter und rief schon beim Eintreten: »Was hör'
ich denn da, Mama? Die Leute sagen, du packst? Was ist denn passiert?«
Frau Oberst von Ottersleben war in den Jahren nach dem Tode ihres
Mannes, seitdem nicht mehr die Sorgen des großen Hausstandes auf
ihr lasteten und die Kinder alle untergebracht waren, eher jünger
geworden. Sie hatte noch die hohe, schlanke Gestalt ihrer Tochter und
sah mit ihren verwitterten, aber vornehmen Zügen so aus, als sei sie
in ihrer Jugend ebenso schön gewesen wie jene. Sie nickte, neben einem
offenen Koffer stehend, der jungen Exzellenz zu. »Ich bin zu besorgt,
Maxe ... Vorhin ist ein Brief von Ulla gekommen. Sie schreibt, es gehe
ihr seit ein paar Tagen ganz elend! Oder vielmehr -- sie schreibt
nicht selbst. Es ist eine fremde Hand. Nicht die Erichs. Sie diktiert
offenbar einer Pflegerin. Das ängstigt mich zu sehr! Wenn sie dort
schon so weit sind ...«
»Mama ... Ulla fehlt doch immer etwas!«
»Ja, aber das klingt diesmal anders, Maxe! Ich kann mir nicht helfen
... Ich fahr' mal hin!«
Frau von Ottersleben packte weiter.
»Ihr Mann klagt doch immer, daß sie mit ihrer Gesundheit so dumme
Streiche macht!« meinte sie dabei. »Es ist ja überhaupt eine unselige
Ehe! ... Wenn ich an die stillen, zufriedenen Grotjans denke ...
Oder nun gar an dich ... Man muß nur nicht unfreundlich gegen seine
Geschwister sein, wenn man so hoch gestiegen ist wie du. Dann gerade
nicht!«
»Das liegt auch wirklich nicht in meiner Art, Mama! Sag mir nur, wo
ich helfen kann!«
»Ach ... helfen ... Kind ... nur ein gutes Wort mal an rechter Stelle
... Ein wenig freundliches Entgegenkommen ... Sieh mal ... Den Logows
geht es wirklich nicht gerade gut. Sie sitzen da in einer Garnison,
die schauerlich ist -- und vielleicht auf lange Jahre ... Denn wer
weiß, ob Erich je wieder in den Generalstab zurückkommt? Mir scheint,
seine Aktien stehen nicht sehr günstig ...«
»Auf das alles kann ich doch keinen Einfluß nehmen, Mama ...«
»Nein ... ich meine nur ... Wenn ich jetzt hinkomme, könnte ich
vermitteln ... Du könntest den ersten Schritt tun ... ihnen die
Hand hinhalten ... denn es ist doch irgend etwas vorgekommen ... Es
~muß~ etwas gewesen sein zwischen euch ...«
»Nicht das Geringste!«
»Aber ihr habt euch doch seit zwei Jahren, seit Ottos Hochzeit, nicht
mehr gesehen ...«
»Kann ich dafür? Von ihrer Garnison nach Metz waren es zwei Stunden
Eisenbahnfahrt. Sie sind nie gekommen. Ich hab' im Lauf der Zeit
dreimal an Ulla geschrieben. Sie hat nie geantwortet. Ja, ich kann
ihnen doch nicht nachlaufen!«
»Freilich nicht!« pflichtete Frau von Ottersleben bei. Sie war
schließlich immer der Meinung der Tochter, die sie jetzt als das
eigentliche Familienhaupt betrachtete. Sorgenvoll fuhr sie mit ihr zum
Zug und freute sich doch in ihrem Mutterstolz über die ehrerbietigen
Blicke, die sich von überallher auf die blonde Exzellenz richteten.
Die stand auf dem Bahnsteig und winkte ihr nach. Und mit dem rasch
kleiner werdenden, in die Dämmerung hinausrollenden Wagen flogen
auch Maximilianes Gedanken noch einmal hinüber in das Reichsland.
Aber das war so fern. Die Vergangenheit dort in der Weite schlief.
Die Maxe Ottersleben von einst war tot. Um sie war die Gegenwart.
Und die Gegenwart hatte recht. Die schöne junge Generalin von
Glümke hatte ihren Wagen vorausgeschickt und schritt zu Fuß durch
das Menschengewimmel der Straßen nach Hause. Die Damen, die ihr
begegneten, neigten eilig zuerst den Kopf, die Offiziere grüßten in
jähem, beinahe dienstlichem Zusammenfahren, die Herren vom Zivil
mit tiefem Hüteabnehmen. Die Geschäftsinhaber verbeugten sich in
ihren Ladentüren, Stadträte machten im Vorbeigehen ihren Bückling,
Dienstmänner und Droschkenkutscher lüfteten ihre roten Kappen und
weißen Zylinder -- sie war die erste Dame nicht nur der Garnison,
sondern der ganzen großen Stadt. Denn der Regierungspräsident, der dem
Divisionskommandeur im Range gleichstand, war Witwer.
Ein Krümperwagen mit einem Dragoner auf dem Bock rasselte vorbei.
Innen saßen, dicht aneinandergeduckt, ein paar der Rotröcke in dicken
Mänteln, mit hochgeschlagenen Kragen, und eine kleine, in einen
Automobilpelz eingemummelte Blondine. Die Jagd war zu Ende. Frau
von Glümke blieb stehen und rief mit ihrer hellen Stimme: »Liebste
Mensingen ... Ist mein Mann schon zurück?«
»Eben ist er in Ihr Haus, Exzellenz!« klang es aus dem Pelzgewirr.
Maximiliane eilte sich, heimzukommen. Oben auf der Treppe traf sie
den General und fiel ihm lachend um den Hals. Er küßte sie zärtlich.
Er war in rosigster Laune. Die Hubertusjagd war herrlich verlaufen.
An Akzidents nur ein angeknicktes Schlüsselbein und ein gequetschter
Knöchel. So fiel kein Schatten auf den Ball heute abend.
»Da wirst du die Schönste sein,« sagte er strahlend. »Immer bist du
die Schönste! ... Was? Mama ist abgereist? So -- so? Na ... Das ist nu
ja recht schade!«
Er heuchelte Kummer über die fehlende Schwiegermama. Er baute als
Militär dem fliehenden Feind goldene Brücken. Innerlich dankte er
seinem Schöpfer, daß er mit Maxe wieder allein war. Er faltete
vor Entzücken die Hände, als er sie ein paar Stunden später in
ihrem Ballstaat vor sich sah, in einem ausgeschnittenen schwarzen
Seidenkleid, das, mit einem zarten Rankengeflecht weißer Rosen bemalt,
ihre blonde Schönheit umschloß.
Maximiliane hatte ein paar fast gleichaltrige Freundinnen unter
den höheren Chargen der Garnison. Der Zufall wollte es, daß Frau
Generalmajor Klober erst zu Mitte der Dreißig stand, und Frau Oberst
von Mensingen sogar noch ein paar Jahre weniger zählte. Die jungen
Spitzen der Gesellschaft bildeten auf dem Ball eine Ecke, Hauptmanns-
und Leutnantsfrauen um sie herum. Und in dem Gefächel und Geschwatze
eine ewige Reihe von Anliegen, Bitten, kleinen und großen Sorgen und
Noten, die sich an Maximiliane drängten. Eine grauhaarige Matrone
hielt ihre Hände fest und dankte herzlich: »Es ist wirklich zu gütig,
Exzellenz, wenn Sie meine Tochter mit zum Ball des Kommandierenden
nehmen! Das wird das arme Kind ein bißchen aufheitern! Exzellenz
wissen ja ...«
»... daß man den nicht immer kriegt, den man haben möchte!« sagte
Maxe leise. »... Ja ... leider ... das ist der Lauf der Welt.«
Sie wandte sich zu einer anderen. »Ja -- natürlich komm' ich zur
Einsegnung Ihrer Grete -- das fehlte noch! ...« und nickte dann
einem jungen ernsten Offizier zu, der sie schweigend, fast ängstlich
ansah. »Ich denke, wenn Sie durchaus auf acht Wochen nach England
zu Studienzwecken müssen, wird man höheren Orts wohl nichts dagegen
haben!« Und noch im Weggehen fügte sie lachend und leise hinzu: »Aber
zu Ihrer Hochzeit mit Miß Jones laden Sie mich dann ein, Herr von
Petersheim! Das bitt' ich mir aus!«
»Maxe ... du mußt das Protektorat über den Basar am Fünfundzwanzigsten
übernehmen!« rief Frau Klober ihr entgegen, als sie zu den Damen
zurückkehrte, und die Generalin von Glümke seufzte: »Kinder ...
ich glaub', es ist dies Jahr schon der elfte! Und drei Tage später
drüben der Ball beim Oberpräsidenten! Da gehen immer zwei Tage drauf,
mit der Eisenbahnfahrt und dem Übernachten! Der Divisionsball dort
steht auch noch aus. Ich kann mich doch bald auf mein Zimmer Nummer
Fünfundvierzig im ›Deutschen Kaiser‹ abonnieren.« Sie setzte sich
und strich sich die rosenbemalten Seidenfalten ihres Rockes glatt.
»Wißt ihr, wieviel Leute ich den Winter einladen muß? Nicht will,
sondern muß? Ratet mal: Vierhundertelf! Angenehm? Nicht? ... Nächste
Woche hab' ich die Regierung bei uns ... Herrenessen ...« Sie drehte
das blonde Haupt zu einer Dame, die hinter ihr stand. »Ja natürlich,
Liebste, geb' ich den großen Saal in unserer Dienstwohnung zur
Tanzstunde! Schickt nur eure Lämmer! ... Aber nachgerade wird's mir
schon ein bißchen schwubblig!«
»Wart nur, bis du erst Kommandierende bist!« meinte die Generalin
Klober, und Maxe lachte und spitzte die Lippen.
»Tü -- tü ... um Gottes willen, beruf's nicht! Wenn das mein Mann hört
... Der ist darin abergläubisch wie ein Türke ... vorläufig bin ich
auch so zufrieden!«
»Das glaub' ich!« sagte Frau von Mensingen zu ihrer Nachbarin. »Noch
nicht achtundzwanzig und schon zwei Jahre Exzellenz ...«
Die Nacht war weit vorgerückt. Ein feiner Hauch von Staub, ein
Zittern von Hitze, eine helle Flut von Licht lag über dem Wiegen der
Walzertakte, dem Wirbeln und Schleppenfegen der Paare. Maximiliane von
Glümke tanzte, von der Jagd noch müde, weniger als ihr Mann. Sie sah
seinen ritterlichen Graukopf drüben im vollen Trubel.
Eigentlich war das Fest schon zu Ende, der Schlußgalopp getanzt, die
meisten brachen auf. Aber Olaf von Glümke hatte noch lange nicht
genug. Er etablierte mit seiner Frau, deren Freundinnen und der
jungen Welt eine Kaffeeecke. Aus dem Kaffee wurde unter seinen Händen
Sekt. Immer neue Flaschen! ›Herrgott, Kinder -- nu mal los! Nur keine
Müdigkeit vorgeschützt! ...‹ Seine Augen blitzten. Er lachte. Er trank
den Damen zu. Er schwatzte Unsinn. Der Morgen graute schon, als man
endlich nach dem Bahnhof schickte, um Nachtdroschken zu holen. Denn
ehe er die eigenen Pferde im Winter stundenlang warten ließ, wäre der
General lieber mit seiner Frau zu Fuß im Schnee heimgegangen.
Im ersten Dämmern fuhren sie durch die menschenleeren Straßen nach
Hause. Er sprach unterwegs in einem fort. Er war unermüdet. Der
anstrengende Tageslauf -- gerade jetzt vor vierundzwanzig Stunden
heraus -- ein Morgenritt über die Exerzierplätze der verschiedenen
Waffen, Aktenarbeit mit dem Adjutanten, die Hubertusjagd, wieder
nachmittags Schreibwerk mit dem Generalstabshauptmann und nun der Ball
-- das alles war beinahe spurlos an seiner Elastizität vorübergegangen.
Sie hatten ihre Dienstwohnung erreicht. In der Vorhalle lag eine
uneröffnete Depesche. Exzellenz von Glümke hauchte den verschlafenen
Burschen an.
»Warum hab' ich die nicht gleich nachgebracht gekriegt -- he? Du
möchtest wohl abgelöst werden, mein Sohn? ... Du sehnst dich wohl
danach, draußen mal wieder so recht nach Herzenslust Griffe zu kloppen
-- was?«
»Nein, Exzellenz!«
»Na -- dann ab!« Der General öffnete das Telegramm. Sein Gesicht wurde
ernst. Er reichte das Blatt seiner Frau.
Sie las: »Bin soeben hier angekommen. Finde Ulla zwischen Tod und
Leben. Plötzliche schwere Lungenentzündung. Mama.«
Die beiden Gatten sahen sich stumm an. Dann sagte er: »Ja -- da hilft
nichts! Wie sich die Logows sonst zu uns gestellt haben, das ist in so
'nem Moment ganz egal! Du mußt hin ... Schon, um deine Mutter in einer
so schweren Stunde nicht allein zu lassen! ... Ich kann dich beim
besten Willen nicht begleiten, mit der Rekrutenvereidigung morgen ...
Ich komme, so bald ich kann, nach ...«
Er sah seine Frau forschend an. Es wunderte ihn, daß er ohne Antwort
blieb. Aber da versetzte sie schon ruhig: »Du hast recht! Da gibt's
keine Wahl. Ich fahre mit dem nächsten Zug.«
13
Spät am Nachmittag hielt der Eilzug zum Wagenwechsel an einer
winzigen elsässischen Station. Von hier führte eine kleine Stichbahn
in das Vogesental hinein. Langsam rollten die Wagen dahin. Durch
die vom Regen blinden Scheiben glitt vor Maximiliane von Glümke
schattenhaft draußen das graue Land vorbei, auch jetzt noch, im
trüben Herbstdämmern, südlicher als sonst das Deutsche Reich. Kahle
Rebengelände, entblätterte Edelkastanien, Fabrikschlote, auf den
Bahnhöfen deutsche und welsche Leute durcheinander -- man war hier
kaum weiter als eine Stunde von Frankreich entfernt. Es troff immer
dichter vom Himmel. Es war kalt. Die junge Frau schloß ermüdet die
Lider und fuhr aus dem Halbschlaf wieder empor und schaute um sich und
frug: »Herrgott -- wo bin ich denn?« Und dann wußte sie es wieder:
dieser weltverlassene Flecken da vor ihr im nebligen Talkessel, dem
sich die Lokomotive in fortwährendem, aufgeregtem Pfeifen näherte, mit
seinen mächtigen, funkelnagelneuen, ziegelroten Kasernen und den paar
Offiziersvillen dicht dabei und der weiten, kahlen, pappelumstandenen
Fläche des Exerzierplatzes da drüben, das war die Garnison der Logows
in den Vogesen.
Sie hatte ihnen ihre Ankunft nicht gemeldet. Niemand empfing sie.
Auch kein Wagen war zu finden. Sie ließ ihr Gepäck auf der Bahn und
schritt zu Fuß im Regengeriesel den kotigen Weg über die Felder zur
Stadt.