Nachdenken war die Sache Olaf von Glümkes nicht. Bei ihm setzte sich

der Impuls in Taten um. Zuweilen ging es damit auch schief. Das hatte

er vor zweieinhalb Jahren erfahren. Leider. Er wollte sich nicht

wieder die Finger verbrennen. Und so tat er in seiner Unruhe, was er

sonst nie tat: er zündete sich eine Zigarre an, ging in der Stille des

Herbstabends in seinem Zimmer auf und ab und überlegte.

Und sagte sich: Sie ist doch scheu und spröde. Sie hält sich doch

ängstlich vor mir zurück. Vor den Männern überhaupt. Sie hat da

irgendwo schlimme Erfahrungen gemacht. Sie traut uns nicht mehr. Wenn

sie nun doch nach Metz kommt, auf die Gefahr hin, mir morgen, am

Sonntag, wo alles unterwegs ist, zwischen Montigny und ihrem Hotel in

der Priesterstraße zu begegnen, so fürchtet sie doch diese Möglichkeit

nicht, wenn sie sie auch nicht sucht. Es ist, als wollte sie dem

Schicksal ein Hintertürchen offen lassen ...

Und sagte sich weiter: Ich kann nicht ewig hinüber nach Straßburg!

Es fällt schließlich auf. Im Winter ist auch die Hoffnung, sie auf

der Straße zu sehen, gering. Und ich stehe nicht so mit Ottersleben,

daß ich ihm ohne besonderen Grund einfach ins Haus fallen kann. Vor

vierzehn Tagen war sie schon zur Hochzeit ihres Bruders in Berlin,

über kurz oder lang geht sie ganz aus Straßburg weg. Und ich steh' da

...

Diese Ungewißheit quälte ihn die ganze Nacht. Gegen seine Gewohnheit

fand er kaum Schlaf. Um vier Uhr früh stand er auf, machte Licht,

kleidete sich an und ging durch das tiefe Dunkel hinüber in den

Stall. Den erhellte der matte Schimmer einer Laterne. Fünf von dem

halben Dutzend Gäulen standen. Contessa, sein Liebling, lag, lang

hingerekelt. Das freute ihn. Dann war der gute Kerl heute besonders

frisch. Er trat auf den Fußspitzen in die Box, um die Stute nicht zu

erschrecken, half ihr in die Höhe und sattelte sie, ohne den nebenan

schnarchenden Burschen zu wecken, stieg auf und ritt davon.

Allmählich wurde es morgenhell. Dampfende, weiße Nebel hingen über der

Moselniederung. Herbstlicher Tau glitzerte auf den schon halb kahlen

Bäumen und Büschen. Durch die stille Luft klangen die Frühglocken der

Dörfer. Es war jetzt am Sonntag kaum ein Mensch unterwegs. Der General

von Glümke ließ seinen Gaul ausgreifen. Er trabte die Pappelallee

von Amanweiler her gegen Norden. Dabei schirmte er die Augen mit

der Hand und blickte ungeduldig nach vorne. Vor ihm lag ein kleines

lothringisches Dorf. Nicht anders wie hundert andere, höchstens die

Kirche neu, die Häuser alle wie vor wenigen Jahrzehnten neu gebaut

und gedeckt. Es sah nach nichts aus und hieß doch St. Privat. Und

war einmal für acht heiße Stunden der Brennpunkt der Weltgeschichte

gewesen.

Vor dem Dorf, wo sich eine mächtige Ebene sanft gegen Westen hin

abböschte, hielt, von des Kaisers Hand entworfen, der heilige

Michael mit flammendem Schwerte auf hohem Denkmal Wacht. Ein

junger Infanterieoffizier stand unter ihm, den Blick geradeaus,

in die Betrachtung des Schlachtgeländes versunken. Man konnte aus

seinen Zügen die Empfindung lesen, die jeden Militär an diesem Ort

übermannte: ›Welch eine furchtbare Stellung -- die der Franzosen am

18. August ...‹

Außer ihm war niemand da. Die Züge des Generals von Glümke

verdüsterten sich. Er galoppierte ungestüm heran. Zum Glück hatte er

wenigstens auf den Achselstücken des Leutnants die Nummer 244 erkannt.

Er hob leutselig die Hand zur Mütze.

»Morgen, Herr Kamerad! Haben Sie vielleicht hier irgendwo Ihren

verehrten Oberst gelassen?«

»Zu Befehl, Exzellenz! Der Herr Oberst kommt dort eben!«

Der Offizier trat an das Pferd heran und stand dienstlich da.

»Gestatten Euer Exzellenz, daß ich mich ganz gehorsamst vorstelle: von

Gesierowski, Regimentsadjutant.«

»Danke sehr! ... Glümke!« Der Generalleutnant verbeugte sich leicht

und ritterlich im Sattel. Und schaute dann vor sich, über die weiten

Felder hin. Er kannte längst dies Bild. Und doch ergriff es auch ihn

immer wieder aufs neue. Hier, über diese völlig kahle, schutzlose

Fläche war die Garde zum Sturm auf St. Privat vorgegangen. Es war

nicht nötig, daß man das Generalstabswerk im Kopf hatte. Man brauchte

nur seine Augen aufzumachen, so sah man die Angriffsrichtung all

der Regimenter: denn jeder Truppenteil hatte seine Grabmale auf der

Spur seines Vorwärtsdringens zurückgelassen. Die ganze Ebene war mit

Denksteinen, Marmorkreuzen, bronzenen Adlern, Erdhügeln übersät,

und all diese Linien liefen, von fernher im Halbkreis angesetzt,

unerbittlich, wie von einem unsichtbaren, todesmutigen Willen

getrieben, auf die paar Häusergruppen des ärmlichen lothringischen

Grenzdorfs hier oben zusammen.

Nichts rührte sich auf dieser blutgetränkten Erde, durch die schon

längst wieder der Landmann friedlich seine Pflugschar lenkte und die

Schafherden auf den Stoppeln weideten. Nur ein paar Gestalten bewegten

sich langsam auf St. Privat zu. Olaf von Glümke erkannte den Oberst

von Ottersleben. Er führte Frau Torwart, die vom Grabe ihres Vaters

kam. Hinter ihnen schritt, den Rock wegen des Taues gerafft, sich

ernst nach rechts und links umschauend, ein großes, schlankes, blondes

Mädchen. Wie das Bild des Lebens selbst ging sie, in ihrer Jugend,

im Sonnenschein, in der Frühe des Morgens, zwischen den Gräbern. Sie

lachte, als sie den General sah, der vom Pferd gesprungen war, den

Oberst begrüßte und sich seiner Begleiterin vorstellen ließ, und

sagte, ihm die Hand schüttelnd, ehrlich: »Gott ... Exzellenz ... Sie

sieht man aber doch auch überall!«

Er scherzte ebenso.

»Morgenstunde hat Gold im Munde, Fräulein Maxe! ... Sonst hätt' sie

mich nicht heute durch Zufall gerade hierhergeführt!«

Sie erwiderte nichts. Er ahnte, was sie sich dachte: ›Als ob du nicht

gewußt hättest, daß wir heute hier heraus wollten und wann der erste

Morgenzug von Metz nach Pagny geht. Da war's kein Kunststück, uns hier

beinahe auf die Minute zu treffen!‹ ... Sie schaute zur Seite und

klopfte zerstreut den Hals seines Rappen, der von Schweiß metallisch

glänzte, und hörte neben sich die erläuternde Stimme ihres Onkels:

»Sehen Sie -- drüben, gnädige Frau, gegen den äußersten rechten Flügel

der Franzosen, kam des Abends der Kronprinz von Sachsen und entschied

durch seine Umgehung die Schlacht. Gottlob, wir hatten den Tag über

keine rechten Geschäfte gemacht! Zugleich mit ihm erschienen dort auf

der anderen Seite in letzter Stunde auch noch die Pommern!«

»Nun, haben Sie auch was profitiert, Fräulein Maxe?« forschte der

General von Glümke. Sie nickte nur. Sie war jetzt ganz befangen. Das

plötzliche Ahnen einer nahenden Entscheidung legte sich ihr auf die

Seele. Er stand dicht neben ihr. Er erklärte ihr in seiner frischen,

lebhaften Art: »Da bei den Pappeln, Fräulein Maxe, gar nicht weit von

hier, ist die französische Grenze. Ein paar Jahre nach dem Krieg war

hier Manöver. Da ritt unser alter Kaiser Wilhelm von dort herüber quer

über feindliches Terrain! Er erfuhr erst hinterher, daß das Stück Land

drüben im Frieden wieder an Frankreich gekommen war.«

Es war eine Pause. Maxe Ottersleben las mechanisch auf dem Sockel

des heiligen Michael vor ihr die Inschrift: »Hier verlor das erste

Garderegiment zu Fuß seinen Kommandeur, 38 Offiziere und 1066 Mann.«

Die Zahlen sagten ihr nichts Neues. All die Familien, wie die ihre,

die aus der Garde stammten, hatten hier Väter, Gatten, Brüder, Vettern

liegen. Sie wandte den Kopf nach der von Glümke gewiesenen Richtung

und sagte: »Also von dort kommen die Franzosen?«

»Ach -- wenn sie nur kämen!«

Es lag so viel ehrliche Ungeduld eines Kriegsmannes in diesem

Stoßseufzer, daß sie lachen mußte. Er gefiel ihr in diesem Augenblick

in seiner jugendlichen Kampflust. Er machte ein paar Schritte und zog

den Rappen am Zügel hinter sich her.

»Ich muß dem Gaul ein bißchen Bewegung geben!« erklärte er. »Sonst

erkältet er sich. Der Morgen ist frisch!«

Sie gingen beide langsam längs des Randes von St. Privat hin. Hinter

ihnen trappelte und pustete das Pferd. Olaf von Glümke wies auf das

Dorf.

»Das ist ja nun alles neu!« sagte er. »Sie können sich denken:

das ganze unselige Nest war zuletzt bis auf die Grundmauern

zusammengeschossen und niedergebrannt. Stellen Sie sich vor, daß

abends gegen sieben Uhr über hunderttausend Menschen mit vierhundert

Geschützen um die paar elenden Häuser rangen ... Deubel ja -- wurde

hier gekämpft! ... Mein älterer Bruder war dabei. Mein Vater war zwei

Tage vorher bei Mars-la-Tour gefallen. Mir Unglücksbengel fehlten

daheim noch ein paar Jahre! ... Darüber könnt' ich mir jetzt noch die

Haare ausraufen! Denn seitdem ist die Welt ja blödsinnig friedlich

geworden!«

Sie hatten das Ende der Gehöfte erreicht. Er blieb stehen, ziemlich

weit von den anderen entfernt.

»Aber schließlich müssen wir eben sehen, Fräulein Maxe ... wie wir uns

in dem faulen Frieden einrichten! ... Ich bin so froh, daß ich Sie mal

wiederseh'! ... Ich denk' oft an Sie!«

Das junge Mädchen wurde etwas blaß.

Er fuhr fort: »Wissen Sie, daß ich manchmal ganz plötzlich über meinen

Akten, als Divisionskommandeur und Gerichtsherr und was weiß ich,

mir an die Stirne fasse und mich frag': Herrgott -- was wird denn nu

schließlich mit ihr?«

Sie legte das Haupt in den Nacken.

»Warum zerbrechen Sie sich denn meinen Kopf, Exzellenz?«

»Da haben wir wieder die Exzellenz!« sagte er gottergeben. »Es ist

furchtbar! Das ist Ihre letzte Waffe, daß Sie mir die Exzellenz zu

Gemüte führen! ... Nee, aber im Ernst ...« Er wurde heftig. »Kind ...

wo soll denn das hinaus? ... Haben Sie's denn nicht schon selber dick,

so in der Welt herumgeschubst zu werden wie ein Postpaket -- mal in

Berlin beim Schwager, mal in Straßburg beim Onkel, mal in Darmstadt

bei Muttern -- so als ob niemand Sie recht brauchen könnte. Und aus

Ihnen läßt sich doch so viel machen ... gerade aus Ihnen ...!«

Maxe Ottersleben stand mit festgeschlossenen Lippen. Es war jetzt

schon morgenwarm um sie geworden. Die Sonne schien heiß. Tiefblau

spannte sich der wolkenlose Herbsthimmel. Olaf von Glümke rang, die

Zügel über dem Ellbogen, in seiner Aufregung die Hände.

»Maxe ... ist Ihnen dies Zigeunerleben nicht gräßlich? Ist Ihnen das

nicht zu viel, immer nur zu Gast zu sein bei anderen Menschen? Möchten

Sie denn nicht lieber die Füße unter den eigenen Tisch strecken?«

»Das möchte jeder ... wenn er's eben kann!«

»Ja, warum heiraten Sie eigentlich nicht? ... Verzeihen Sie die

Frage! ... Sie brauchen nicht so ein frostiges Gesicht zu machen! Ich

hab' natürlich nicht das Recht dazu! ... Aber alle Welt wundert sich

darüber!«

»Wenn die Leute nichts Gescheiteres zu tun haben ...«

Neben ihnen begann die Stute friedlich auf dem immer noch nassen Boden

zu grasen. Olaf von Glümke bemerkte das mit Mißfallen und riß sie an

der Trense in die Höhe. Dann fuhr er gedämpft fort: »Sie haben doch

natürlich schon Anträge genug gehabt, Fräulein Maxe ... nicht wahr?«

»Ich! ... Ich hab' doch kein Geld ...«

»Ach ... reden Sie doch nicht! Jemand wie Sie ... das weiß ich besser!

Sie haben also Ihre Gründe gehabt, weswegen Sie nicht ... Gut! ... Ich

ehre das alles! Ich forsche nicht nach! Es ist mir heilig! ... Aber

sehen Sie, Maxe: Sie müssen doch auch an Ihre Zukunft denken und nicht

nur an Ihre gegenwärtige oder vergangene Stimmung ...«

Maxe von Ottersleben schwieg. Aber sie hörte doch zu. Hörte geduldiger

zu, als er gehofft hatte. Er war auf mehr Herbheit und Trotz gefaßt

gewesen. Nun schien sie ihm eher weich, beinahe ängstlich. Seine

Zuversicht stieg. Er wurde eindringlich.

»Von solch einer Stimmung können Sie nicht leben, wenn's mal zu spät

geworden ist! ... Sich der so hinzugeben, ist ein Luxus, den Sie teuer

bezahlen! ... Den Sie einmal bereuen müssen! ... Vielleicht haben Sie

sich in ruhigeren Stunden das alles schon selbst gesagt! ... Nein:

Antworten Sie mir jetzt nichts! Ich bitte darum! ... Ich will Sie

nicht noch einmal überfallen! Ich hab' von damals gerade genug ... Der

heutige Tag ist noch lang ... Ich werde Sie am Abend etwas fragen ...

Sie haben vollauf Zeit, es sich zu überlegen, Fräulein Maxe ... Jetzt

können wir doch nicht weiter reden. Da kommen Ihre Leute ...«

Er ging wohlgelaunt dem Oberst von Ottersleben entgegen und seiner

Begleitung und küßte Frau Oberstleutnant Torwart, einer schmächtigen

kleinen Dame, die noch in Gedanken an ihren Vater Tränen in den Augen

hatte, die Hand.

»Ich bitte, mich jetzt beurlauben zu dürfen, gnädige Frau! Aber nur

mit einer Bitte an die Herrschaften alle ... Ihr Zug nach Straßburg

geht doch erst gegen Abend! Seien Sie, bitte, vorher zu Tisch meine

Gäste ...«

»Ich weiß aber wirklich nicht, Exzellenz ...« begann Herr von

Ottersleben.

General von Glümke legte ihm, schon im Sattel, die Hand auf die

Schulter: »Nee -- nee, mein bester Oberst! Das ist abgemacht! ...

Nicht wahr, gnädige Frau? Fräulein Maxe hat auch nichts dagegen! ...

Also auf Wiedersehen um fünf!«

Er wartete keine Antwort ab, jagte im Galopp davon. Er saß prachtvoll

im Sattel, hochaufgerichtet, ungezwungen, mit langen Bügeln.

Oberst von Ottersleben schüttelte den Kopf.

»Ja, Herrschaften, so 'ne Einladung ist ein halber Befehl. Das hilft

nu nichts!«

Neben ihm stand Maxe und sah stumm dem Reiter nach, der in der

Entfernung zwischen den zerstreuten Gräbern des Totenfeldes immer

kleiner und kleiner wurde und schließlich in einer Talsenkung gegen

den Bois de la Cusse hin verschwand.

Er jagte blind dahin, eine Weile so dicht längs der Grenze, daß er

jenseits auf dem Feldweg den Dreispitz eines französischen Gendarmen

auf kaum hundert Schritt Entfernung sah, durch ein Dorf, rechts

der rot-weiß-blaue, links der schwarz-weiß-rote Pfahl, schwarze

Elsässer Flügelhauben, grüne Zolluniformen, preußische Pickelhauben

in der sonnenflimmernden Weite und da sein Haus in Montigny. In dem

angekommen, schickte er ein paar Zeilen an seinen Generalstabsoffizier

und dessen Frau und an seinen Divisionsadjutanten mit der Einladung,

heute nachmittag auch seine Gäste zu sein, zündete sich eine Zigarre

an und atmete auf. Uff! Nun war der Stein im Rollen. Wenn man nur eine

Ahnung hätte, ob er die rechte Richtung einschlug. Olaf von Glümke

setzte sich, streckte die bespornten Beine weit von sich und nagte

tiefsinnig an dem blonden, leise angegrauten Schnurrbart. Im Spiegel

drüben sah er sein verwegenes, vom Ritt gerötetes Gesicht. Aber auch

die vielen kleinen Fältchen in dessen gesunder Frische. Nun -- er

war kein Jüngling mehr -- und sie wurde sechsundzwanzig. Frage: was

war bei ihr heute stärker: Kopf oder Herz? Das mochte der Kuckuck im

voraus wissen! ... Er stand wieder auf und fuhr sich mit der Hand

zwischen Hals und Kragen. Er war doch wahrhaftig ein Kerl, der den

Deubel selber am Schwanz zupfte, wenn es gewünscht wurde, aber jetzt

hatte er Angst -- lächerliche Angst, vor einem neuen Korb. Und dann

sein altes Gottvertrauen: diesmal wird's schon werden ...

Als die Gäste kamen, hatte Exzellenz von Glümke wieder ganz seine

weltmännisch sorglose Haltung. Er zeigte ihnen, ehe es dunkel wurde,

Haus und Hof, Stall und Park. Da waren die Köter: Bob, der Foxterrier,

Pluto, der sanftäugige Vorstehhund, Herr Meier, der Hanswurst und

Teckel, mit seinem griesgrämigen Spitzbubengesicht. Und da die

Hühner! Sie waren schon schlafen gegangen. Aber er lockte sie durch

eine Handvoll Körner, die er sich im Stall aus der Haferkiste holte,

wieder von der Leiter. Maxe Ottersleben mußte lachen: ein preußischer

General, der Hühner fütterte! Aber er tat es so unbefangen, mit

sachlichem Ernst, er erinnerte hier in Hof und Feld, zwischen seinem

Getier, so sehr, nicht an einen Würdenträger, sondern an einen

einfachen frischen Landedelmann, daß er ihr dadurch menschlich

näherrückte, ihr geradezu gefiel. Und er selber hob den Kopf von der

Spielerei mit dem Geflügel und nickte ihr zu: »Sie sehen, Fräulein

Maxe: ich hab' schon alle häuslichen Tugenden. Ich bin ein Mensch wie

ein Kind ...«

Dann führte er die Herren zu seinem kleinen Pistolenschießstand. Es

gab etwas ganz Besonderes zu sehen: eine neue Art von Aufsatzspiegel

für eine Birschbüchse, die alles Bisherige übertraf. Gerade jetzt,

im Zwielicht, ließen sich die Vorzüge des Apparats erkennen. Die

Offiziere, alle leidenschaftliche Jäger, umdrängten ihn. Sie stritten

und zielten mit ungeladenem Gewehr in die Dämmerung hinein ...

Den Damen war es zu kalt geworden. Sie suchten das Haus auf. Nur

Maxe Ottersleben stand noch für sich allein, etwas abseits, in dem

kleinen Park. Das feuchte Herbstlaub raschelte unter ihren Füßen. Ein

schwerer, würziger Hauch stieg aus ihm empor. Vor ihr ging die Sonne

unter, dort drüben, im nahen Frankreich. Als glühende Purpurscheibe

leuchtete sie, blutige lange Schatten werfend, zwischen den Stämmen.

Die erschienen dagegen tiefschwarz. Weiße Nebel umspannen sie,

rieselten in leisem Tropfenfall -- es war ein Herbstabend wie andere

und doch für sie eine unheimliche, atembeklemmende Stimmung und

Stille. Sie wußte: nun kam die Entscheidung ...

In einem neuen Anfall der Hilflosigkeit, die sie seit vierzehn Tagen,

seit der Rückreise von Berlin, gelähmt hielt, dachte sie sich: Ich bin

so einsam. Ich bin so schwach. Viel schwächer, als ich mir einbildete.

Das Zusammentreffen mit Logow hat es mich gelehrt. Seit er es gesagt

hat, daß er mich ... Das ausgesprochene Wort hat solch eine furchtbare

Macht! Es wird zum Herrn, nicht nur des Mundes und Menschen, der es

sprach -- nein -- auch des anderen, der es hörte, wider Willen hören

mußte, wie ich! Jetzt ist mir, als gehörte ich zu ihm. Und darf

doch nicht. Und will doch nicht! ... Und sträube mich dagegen mit

allen Fibern meiner Seele und fürchte mich doch jetzt schon vor der

Macht der Stunde, die uns einmal wieder zusammenbringen kann und

zusammenbringen muß. Ich brauche eine starke Hand, die mir hilft --

die mich hält ...

Sie trat noch weiter in das vom Abendrot purpurschwarz flimmernde

Gehölz hinein, blieb wieder stehen und sagte sich: Ich brauche einen

Boden unter den Füßen, eine Pflicht vor den Augen, einen Zweck im

Leben. Wenn ich den habe, dann kann ich vielleicht auch wieder froh

werden! Ich war's seit Jahren nicht. Ich möcht' es so gern. Ich möchte

mein Dasein genießen wie die anderen. Und wenn es auch nicht das Glück

ist -- du lieber Gott, wo ist überhaupt das Glück? ... mein Glück? ...

Ihr Herz stand still. Sie sah vom Haus aus durch das Abendgrauen

den General von Glümke auf sich zukommen. Er hatte die Herren

hineingebracht und ging, um sie zu suchen. Sein scharfer Blick hatte

sie schon erkannt. Er näherte sich ihr rasch und elastisch, hoch

aufgerichtet, mit bloßem Kopf. Es war Freudigkeit, Werben in seinem

Wesen. Selbstbewußtsein. Er erschien ihr in diesem Augenblick, wo man

trotz der Dämmerung den leisen Silberglanz auf seinem blonden Scheitel

sah, älter als sonst. Aber gerade das gab ihr ein unerklärliches

Zutrauen.

Er blieb vor ihr stehen und sagte: »Ich hab' die Gesellschaft drinnen

verstaut! Ein paar Minuten haben wir Zeit. Aber lange nicht ...«

Dann nach kurzem Schweigen: »Fräulein Maxe! Sie wissen natürlich

genau, was ich Sie fragen will! Haben Sie es sich überlegt, den Tag

über?«

Sie fing heftig an zu zittern.

Er fuhr fort: »Sonst ... noch einmal dränge ich Sie nicht! Ich will

gern warten, bis Sie mit sich ins reine gekommen sind!«

Er harrte, ob sie sich Bedenkzeit ausbitten würde. Als sie stumm

blieb, meinte er: »Fräulein Maxe ... Sie sind inzwischen doch auch

ein paar Jahre älter geworden! Sie haben Ihren Vater verloren. Sie

haben kein Elternhaus mehr. Sie haben den Ernst des Lebens erkannt.

Sie haben gewiß in dieser Zeit doch auch mehr als einmal gefühlt,

wie einsam man sein kann! ... Sie haben sich gewiß manchmal nach

irgendeinem Menschen gesehnt, der es gut mit Ihnen meint. Sie brauchen

doch Schutz und Schirm ...«

Es war beinahe dasselbe in seinen Worten, was ihr vorhin die eigenen

Gedanken gesagt hatten: das Sich-Flüchten zu einem, bei dem man

geborgen war. Sie konnte sich nicht helfen: sie brach plötzlich in

Weinen aus. Da merkte er, daß er sein Spiel gewonnen hatte. Er faßte

im Halbdunkel ihre Hände und zog sie zu sich heran und sagte: »Und Sie

haben doch Ruhe und Frieden und Liebe so nah, Maxe! ... Wenn Sie nur

wollen ...«

Drinnen in dem Hause, dessen Fenster hell in die Nacht

hinausschimmerten, stockte allmählich das Gespräch zwischen den

Gästen. Der Oberst von Ottersleben in seiner Ahnungslosigkeit

wurde unruhig. Er stand auf. »Ich muß doch mal sehen, wo unser

verehrter Festgeber eigentlich steckt!« sagte er, »und meine Nichte

auch!« Zugleich lachte die am Fenster sitzende junge Frau des

Generalstabshauptmanns.

»Sie marschieren ja schon die ganze Zeit vor dem Haus auf und ab und

erzählen sich was! Arm in Arm!«

»Wer?«

»Exzellenz und Fräulein von Ottersleben! Da sind sie ja!«

Die Tür ging auf. General von Glümke stand triumphierend, mit

blitzenden Augen auf der Schwelle.

»Meine Herrschaften! Gestatten Sie: Meine Braut!«

Einen Augenblick war alles sprachlos. Dann entstand ein Durcheinander.

In ihm die Stimme des Obersten: »Na, das ist allerdings eine

Überraschung!«

General von Glümke schlug ihn auf die Schulter: »Aber 'ne famose! Was?

Ich bin so glücklich! Ich möcht' gleich in die Luft springen!«

Er strahlte und wandte sich an Maxe: »Und gefackelt wird nicht? ...

Nicht wahr? Wir heiraten gleich. In acht Wochen bist du Exzellenz!«

12

Aus der Ferne hätte man glauben können, es bellte nur ein einziger,

atemloser, riesengroßer Hund durch das herbstliche Schweigen des

Waldes. Jetzt, als die Meute in den Anfang der langen Schneise

einbog, sah man: es war ein Dutzend Koppeln, vierundzwanzig schwarze

Nasen streiften im Dahinschießen das betaute Gras mit der Spur des

hindurchgeschleiften Fleischsackes, vierundzwanzig Kehlen wiesen

kläffend dem roten Jagdfeld hinter ihnen den Weg, an dessen Spitze

der Master galoppierte, mit langer sausender Holzpeitsche das Rudel

zusammenhaltend und darüber wachend, daß nicht Roß noch Reiter an

ihm vorbeizog und ein achtloser Pferdehuf das kostbare Hundsgebein

schädigte.

Der Waldweg, durch den es dahinging, war schmal, zu beiden Seiten

von Tannendickicht eingesäumt. Quer über ihn liefen in regelmäßigen

Abständen die kunstvoll aufgebauten Hindernisse: eine Hürde nach

der anderen. Die Hunde wälzten sich wie eine weiße, schwarz und

braun gefleckte Welle darüber hin. In ihr Gejanke klang von hinten

der dumpfe Hufschlag. Gaul auf Gaul schnaufte und flog. Und der

Generalleutnant von Glümke, der ganz vorn, dicht hinter dem Master,

neben dem Onkel seiner Frau, dem Husarenmajor Freiherr von Koninck,

ritt, schrie dem lachend durch den Wind zu: »Heute muß die

Gesellschaft Farbe bekennen! Sonst mach' ich's immer so, daß die

schwächeren Elemente um die Hindernisse herumreiten können. Aber am

Hubertustag gibt's kein Pardon!«

Sie waren aus dem Wald hinaus. Die Fährte bog jäh nach rechts, über

freies Stoppelfeld. Ein Graben war davor am Wege: beide nahmen ihn,

und im gemächlichen Weiterkantern frug der Husar: »Wie lange besteht

euer Schleppjagdverein?«

»Das war mit mein erstes, ihn zu gründen, wie ich vor anderthalb

Jahren meine Division wechselte und die vierundfünfzigste hier bekam!«

sagte Olaf von Glümke. »Drunten im Reichsland ... da ist's ja nichts

damit, überall Tabak, Spargel, Hopfen, Wein ... Da könnte man jede

Minute stoppen und mit den Wackes den Flurschaden berechnen. Hier, auf

unseren ollen ehrlichen Kartoffeläckern hat man doch im Herbst die

Ellbogen frei!«

Er streifte sich im Dahinreiten einen Erdbrocken von der Backe, den

ihm der Huf vom Gaul des Masters vor ihm ins Gesicht geschleudert. Der

Generalleutnant Olaf von Glümke war in den zwei Jahren seiner Ehe nun

doch ergraut. Aber es stand ihm vortrefflich: zu dem rosigen Hauch

des Gesichts, dem feurigen Blau der Augen dieser silberne Schein. Er

verband jetzt Schneidigkeit mit Würde. Wie er da mit seiner straffen

Rassegestalt, im roten Frack und hohen Hut, zu Pferde saß, wirkte er

wie ein vornehmer Herr, ein Großer des Landes, der vor seinen Gästen

meilenweit über eigenen Grund und Boden dahinjagte.

Der Freiherr Wilderich von Koninck war nur zu Besuch von seiner

Garnison herübergekommen. Er wischte sich, die Zügel in der Linken,

den Schweiß von dem rötlichen, vom Monokel überglitzerten Weingesicht.

Du Schwert an meiner Linken · 第 14 / 27 段