Stimme der jungen Frau. »Und ich will Herr in meinem Hause bleiben!
Sie kommt mir nicht über die Schwelle! Ich lasse sie dir nicht! Ich
wehr' mich! Ihr beide sollt mich noch kennen lernen ...«
Sie brach atemlos ab. Ein Hustenanfall schüttelte sie und warf eine
flüchtige Röte über ihre bleichen Wangen. Erich von Logow blickte sie
entsetzt an. In die plötzliche Stille zwischen ihnen tönten rasch
näherkommende Schritte. Onkel Emil, der Festordner, erschien. Seine
Frackschöße flatterten in der Eile.
»Schönste Frau, Sie müssen Ihre Gardinenpredigt vertagen!« rief er
lachend. »Es ist allerhöchste Zeit! Sie kommen sonst zu spät zur
Trauung!« Und während Ulla schweigend sich zur Abfahrt fertig machte,
stieß er draußen vor dem Haus den Hauptmann vertraulich in die Seite.
»Ich gratuliere, Verehrtester!«
»Wieso?« sagte Erich von Logow geistesabwesend.
»Na -- wenn eine Frau ihrem Herrn und Gebieter noch ~die~ Augen
bei einem kleinen ehelichen Zwist macht, dann -- verzeihen Sie einem
alten Greis und Praktikus die Randbemerkung -- hat sie noch viel für
ihn übrig! ... Zu viel! Besser als zu wenig, nicht wahr? ... Hä ... hä
... ich an Ihrer Stelle fühlte mich geschmeichelt durch so viel Verve!
... Bitte ... Kommen Sie, gnädige Frau!«
Er geleitete Ulla an den Wagen und verabschiedete sich. Das Ehepaar
fuhr allein zur Kirche. Sie wechselten unterwegs kein Wort. Erich von
Logow saß, ohne sich zu rühren. Ihm war, als ob er träumte. Es war
eine Erkenntnis, ein Schrecken ... er sagte es sich und glaubte es
selbst noch nicht: das Unerwartete ... das Unerhörte ist geschehen!
Meine Frau ist auf einmal zum Leben erwacht! Sie fühlt und leidet wie
andere Menschen. Ich bin ihr etwas! Die Eifersucht spricht aus ihr.
Jetzt will sie besitzen, was sie verloren hat ... Jetzt, wo es zu spät
ist, kommt bei ihr die Liebe ...
Sie traten eben noch vor Beginn der Trauung ein. Gerade vor ihnen war
der Altar. Dort oben saß das Brautpaar, rechts und links von ihm im
Halbkreis je drei Brautführer und -führerinnen. Und unter ihnen --
Erich von Logow zuckte zusammen -- da zur Rechten die vorderste -- das
war seine Schwägerin Maxe ...
Sie hielt sich ruhig und aufrecht und hatte einen großen, weißen
Rosenstrauß im Schoß. Lichtgrüner Seidenflor, unter dem ein weißes
Unterkleid schimmerte, überrieselte sie in durchsichtigen, an das
Plätschern eines Bergbachs erinnernden Wellen. In dem blonden Haar
trug sie einen dicken Kranz von weißen Rosen. Sie sahen wie Seerosen
aus. Sie gaben ihr etwas Nixenhaftes, Geheimnisvolles. Sie war
weitaus die Schönste. Er verschlang sie mit den Augen. Er fühlte
einen brennenden Neid gegen den neben ihr sitzenden, ihm unbekannten
Brautführer, einen Herrn im Frack, ohne Orden, also jedenfalls von der
anderen Seite, aus dem Lager der Bannersen.
Die Orgel spielte. Die kirchliche Handlung begann. Er faltete
mechanisch die Hände. Er sah vor sich, oben auf den Stufen, Maxe von
Otterslebens gesenktes Profil. Er mußte es sehen. Er konnte den Kopf
nicht nach rechts oder links wenden und angesichts aller derer, die
hinter ihm die Bänke erfüllten, unaufmerksam erscheinen. Er prägte
sich andächtig dies Bild ein, das er seit einem halben Jahr und mehr
im Traum geschaut: diese eigenwillig geschwungenen, kühnen Züge
von der niederen Stirn bis zu dem etwas vorspringenden Kinn -- den
herben Reiz der Linie, in der ihre schlanke Gestalt sich etwas nach
vorne bog. Er trank es stumm mit seinen fiebernden dunklen Augen
in sich ein. Seine Frau saß mit starrem Gesichtsausdruck neben
ihm. Einmal entfiel ihr ihr Tuch. Er bückte sich und hob es auf.
Sie dankte mechanisch. Dabei trafen sich ihre Blicke. Unheimlich,
halb voll Angst, halb im Aufkeimen einer verzweifelten Feindschaft
zwischen ihnen, im Kampfe um die dritte ... Der Pfarrer oben predigte
mit wohltönender, starker Stimme vom Segen der Ehe. Von der Braut
vor ihm sah man eigentlich nur Schleppe und Schleier. Jetzt erhob
sie sich. Eine zarte Wolke von Weiß. Mit ihr ihr Mann. Es war
feierliche Stille. Der Ringewechsel. Das laute und das leise Ja!
Maxe von Ottersleben hatte eine rasche Bewegung nach vorne gemacht
und ihrer Schwägerin Strauß und Spitzentaschentuch abgenommen. Sie
stand dicht neben ihr. Nun sah Logow ihre ganze hohe, biegsame
Erscheinung -- ein Widerschein von Blond und Grün auf weißem Grund.
Verklärender, gedämpfter Lichtschein fiel von oben durch die gotischen
Fensterwölbungen auf sie nieder -- märchenhaft stand sie vor seinen
Augen -- ein Wunder -- ein Traumbild, das ihm nicht von dieser Welt
schien -- streng, jungfräulich, unnahbar wie eine Göttin, ohne sich
um die Versammlung unten zu kümmern, den Blick nur hilfsbereit auf
der Braut, ein schwaches, schwesterliches Lächeln um die halboffenen
Lippen. Die junge Frau von Ottersleben kniete mit ihrem Gatten nieder.
Der Geistliche hob die Hände zum Segen ... Vorne in der ersten Reihe
weinten die älteren Damen. Die Orgel setzte brausend ein. Die Trauung
war zu Ende. Draußen in der Sonnenhelle des Herbsttages standen
Hunderte von Menschen und waren enttäuscht, daß es sich nur um eine
so kleine Hochzeit handelte. Denn es waren keine vierzig Gäste, die
sich im Festsaal des Hotels wieder zur Tafel zusammenfanden, und unter
ihnen herrschte eine gedämpfte, mehr höfliche als fröhliche Stimmung.
Das machte nicht nur die Halbtrauer, sondern auch die ungleichartige
Zusammensetzung der Tischrunde. Die Bannersen und die Ottersleben
mit ihrem Anhang verhielten sich zueinander wie Öl und Wasser. Sie
vertrugen sich gegenseitig, aber sie mischten sich nicht.
Während Erich von Logow eine ihm unbekannte Bremenserin zur Tafel
führte, glitt sein Auge hastig über den Tisch, an dem sie entlang
gingen. Er hatte eine zähe Hoffnung, der Zufall würde Maxe in seine
Nähe bringen. Nein! Da saß sie bereits. Sie zog sich eben die langen
Handschuhe aus und plauderte, ohne ihn zu sehen. Er kam dicht an ihr
vorbei. In ihm war eine Verzweiflung: Ich muß sie sprechen! Dann die
Stimme der Vernunft: Was willst du ihr denn sagen? Das, was du auf
dem Herzen hast, doch nicht! Und trotzdem -- die quälende Sehnsucht
blieb. Vor ihm schritt, breit und groß, sein Oheim, der Oberst von
Ottersleben, mit einer älteren Dame. Er konnte sich nicht halten.
Er raunte ihm von hinten zu: »Du, Onkel -- wie lange bleibst du
eigentlich in Berlin?«
Und der Straßburger Regimentskommandeur wandte den Kopf. »Nur bis
morgen mittag!«
»Und deine Damen reisen mit dir?«
»Na, meine Frau auf alle Fälle! Ohne die kann ich alter Ehekrüppel
mich nicht behelfen. Aber was unsere Vizetochter betrifft ...« Er
blieb vor dem Stuhl des jungen Mädchens stehen. »Du, Mäxchen ... hast
du Lust, noch ein bißchen in Berlin zu bleiben? Da ist gerade der
Erich! Den kannst du um Freiquartier bitten!«
Maximiliane von Ottersleben drehte sich um und reichte unbefangen
ihrem Schwager im Sitzen über die Stuhllehne die Hand. »Tag, Erich!
... Sieht man dich endlich einmal!« Und dann zu dem Oberst: »Nein,
danke schon, Onkel! Ich hab' hier nichts verloren! Ich geh' wieder mit
euch!«
Erich von Logow mußte weiter. Sein Herz zitterte. Er hatte ihre
Stimme gehört, dies schöne, ruhige Mädchenantlitz gesehen, und auf
ihm -- nur ihm bemerkbar, wie ihm schien -- eine plötzliche Blässe,
die ihre heiteren Worte Lügen strafte. Er nahm Platz, ganz am anderen
Ende der Tafel, weit von ihr entfernt. Sie schwatzte da drüben und
lachte ein paarmal hellauf. Ihr Tischnachbar, der Mann mit dem
Kaufmannsgesicht, mußte einen eigenen, trockenen und drolligen Humor
besitzen. Sie unterhielt sich offenbar sehr gut mit ihm. Er war der
einzige Sohn eines Bremer Millionärs. Seine Nachbarin verriet es ihm.
Sie lächelte dabei verstohlen. Natürlich: ohne Grund setzte man solch
schönes Mädchen nicht mit solch reichem, jungem Mann zusammen. Die
Brautmütter hatten da schon ihre stillen Absichten und mischten die
Karten. Brütende Eifersucht gegen diesen Unbekannten bemächtigte sich
Logows. Dies schien ihm selber lächerlich. Er fing an, Angst vor sich
selber zu empfinden und vor dem, was nachgerade aus ihm wurde. Er fuhr
sich mit der Hand über die Stirne. Er trank rasch ein Glas Wein. Er
bemühte sich, eine Unterhaltung mit seiner Tischdame anzuknüpfen.
Sie war ganz lebhaft und empfänglich, aber das Gespräch schlief doch
immer wieder ein, und die Hanseatin wandte sich schließlich resolut zu
ihrem Nachbar zur Rechten. Auf Logows anderer Seite saß ein junger,
stumm und unermüdlich kauender Kadett, um den er sich nicht zu kümmern
brauchte. So konnte er ungestört seinen Gedanken nachhängen und
blickte immer wieder flüchtig auf Maxes blondes Haupt mit den weißen
Rosen dort drüben. Auf seiner eigenen Hochzeit hatte sie auch einen
solchen Kranz auf dem Scheitel getragen. Der war rosafarben gewesen
und ebenso ihr Kleid. Er erinnerte sich wohl. Das war nun Jahre her
und Jahre. Und neben ihm, auf dem Ehrenplatz, hatte damals seine junge
Frau gesessen. Zum erstenmal heute suchte sein Auge Ulla an der Tafel.
Sie saß Maxe schräg gegenüber, gleichgültig und stumm. Ihr Tischherr
gähnte eben verstohlen. Natürlich. Es war kein Vergnügen, dies Bild
von Stein statt eines Wesens von Fleisch und Blut neben sich zu haben.
Das wußte niemand besser als er selber, ihr Mann! Aber heute -- heute
hatte sich etwas in ihr enthüllt -- ein Mensch hatte plötzlich aus
ihr aufgeschrieen in seiner Not -- in Angst -- in Eifersucht auf
die eigene Schwester ... Wieder verwirrten sich seine Gedanken und
hefteten sich an Maxe. In einem Zittern: Morgen reiste sie ab. Und
kehrte dann überhaupt nicht wieder. Diesmal hatte sie gezwungen kommen
müssen. Aber er kannte sie zu gut. Freiwillig fand sie nicht mehr den
Weg in eine Stadt, in der er war ...
Die Tafel war schon vorgerückt, die Trinksprüche zu Ende, die
Stimmung belebter geworden. In der Heiterkeit und dem Gläserklingen um
ihn her bemühte sich Logow noch einmal, zum letztenmal, einen Blick
von Maxe zu erhaschen. Es war umsonst. Er bildete sich ein, daß ihr
Auge absichtlich das seine mied. Und schon stand man auf, und seine
Tischdame meinte mit einem Aufseufzen der Erleichterung: »Sie haben
wohl schrecklich viel zu tun, Herr Hauptmann!«
»Warum, gnädiges Fräulein?«
»Na -- weil Sie so einsilbig sind!«
»Bitte, seien Sie mir nicht böse!« sagte er, und sie lachte.
»Ach wo! ... Ich denk' nicht dran! Und jetzt wird getanzt!«
Erich von Logow stand, unruhig suchend, im Nebenraum, wo man Kaffee
nahm. Dort in der Ecke war Maxe. Sie saß an einem Tischchen, das nur
für zwei Platz bot, ihr gegenüber ihr jüngster Bruder Peter. Die
Geschwister hatten sich lange nicht gesehen. Es schien, daß ihr der
kleine rotwangige Grenadier in Kürze einen Überblick über seinen
bisherigen Lebenslauf im Regiment gab. Logow hörte beim langsamen,
scheinbar unabsichtlichen Nähertreten, wie jener eifrig, immer noch
mit seinen runden, erstaunten Kinderaugen, berichtete.
»Also der Oberst ist kolossal nett! Na -- und mit dem Hauptmann
geht's! Er kolkt immer davon, ich sei so schwach im Felddienst! Ja,
woher soll ich's denn haben -- frisch von der Selekta ins Regiment?
... Nächsten Sommer wird's schon besser! Da hab' ich keine Sorge! Und
was den Major betrifft ...«
Zwei lange, aufgeschossene Kadetten, die Söhne des Obersten Bruno
von Ottersleben, drängten sich heran, um den Vetter zu begrüßen, mit
dem sie im Korps in Lichterfelde zusammengewesen waren. Der Leutnant
erhob sich und empfing sie mit gönnerhafter Herzlichkeit. Sie zogen
sich zusammen zurück. Logow atmete auf. Er hätte den kleinen Mann am
liebsten mit Gewalt von seinem Platz neben Maxe verjagt. Jetzt ließ
er sich hastig da nieder, ehe sie ihm noch entfliehen konnte, und
seltsam: im Augenblick, wo er nun am Ziele war, legte sich eine tiefe
Ruhe über ihn, wie Stille nach dem Sturm. Oder vor dem Sturm. Er wußte
es nicht ... Er fühlte sich willenlos ... Irgend etwas war in ihm
... Irgend etwas trieb ihn ... Er rückte ein wenig seinen Stuhl. Nun
konnte sie überhaupt nicht mehr aus ihrer Ecke an ihm vorbei. Sie war
seine Gefangene. Sie schien nicht darauf zu achten. Sie hob den Kopf
und sah ihn freundlich ruhig an. Es war wie eine Frage: Was willst du
hier? Beide lächelten. Menschen waren in Menge um sie und sahen sie.
Es war eine Pause. Dann versetzte er: »Guten Tag, Maxe!«
»Guten Tag!«
»Wie geht's dir denn?«
»Danke!«
»Gefällt dir Straßburg?«
»O, ganz gut!«
»Und Onkel und Tante sind nett zu dir?«
»Wie zu einem eigenen Kind.«
»Da wirst du wohl da bleiben?«
»Ich weiß noch nicht ...«
Nach einem neuen Schweigen fügte sie hinzu: »Wenn Mama wirklich am
ersten Januar nach Darmstadt zieht, wie sie mir eben gesagt hat, dann
muß ich ja wohl zu ihr!«
»Ist dir das lieber?«
»Es ist doch jedenfalls meine Pflicht!«
Vom Nebensaal hörte man das Stimmen der Instrumente. Er beugte sich
vor und sagte leise: »Maxe ... du bist damals ohne Abschied von mir
fort ...«
Sie erwiderte ihm nichts.
»Maxe ... möchtest du nicht wieder zu uns?«
Es kam keine Antwort.
»Maxe ... nur ein bißchen ... nur für ein paar Wochen ... Du ahnst
nicht, was das für mich heißt ...«
Nun sagte sie ruhig: »Du weißt so gut wie ich, daß das ganz unmöglich
ist!«
»Wieso?«
»Schon nach der Art, wie Ulla mich ansieht oder vielmehr nicht
ansieht, seit ich heute hier bin ... Wenn es noch überhaupt eines
Gegengrundes für mich bedürfte! Aber das tut nicht einmal not!«
»Gestern wolltest du doch zu uns kommen?«
»Ich muß doch höflichkeitshalber. Wo ich so lange euer Gast war. Aber
ihr wart verhindert ...«
»Das hat Ulla gelogen. Wir waren wohl zu Hause!«
Eine Sekunde wurde Maxe Ottersleben bleich. Dann sagte sie, ohne daß
der Ausdruck ihrer Züge sich veränderte: »Nun -- da siehst du ja
wieder, daß das eine wahnsinnige Idee ist ... von dir ... Also laß
mich! Und bitte, laß mich jetzt überhaupt ...«
Sie wollte aufstehen, um zu gehen. Er machte ihr nicht Platz. Sie
konnte sich nicht vorüberdrängen, ohne Aufsehen zu erregen. Sie mußte
sich in Geduld fassen und blieb seufzend sitzen. Er frug nach einer
Weile leise: »Bist du auch so traurig auf einer Hochzeit, Maxe?«
»Warum?«
»Auf meiner warst du traurig ... Ich weiß es ... Ich weiß es ... Ulla
hat es mir gesagt ...«
»Ach ... immer Ulla ...«
Sie preßte finster die Lippen zusammen.
Er fuhr fort: »Aber freilich: Du hast nichts zu bereuen, so wie ich
... Mein Leben lang! Ich war ein blinder Narr, Maxe ... Ich hab' es
dir ja schon einmal gesagt, dieses Frühjahr ...«
»Weil du es mir gesagt hast, deswegen bin ich ja fort!«
Es schien, als ob Erich von Logow das überhörte. Sein dunkles, heißes
Auge irrte durch den Saal.
»Ja, solch eine Hochzeit!« sagte er. »Da wird nun wieder ein
Menschenschicksal geschmiedet! Für immer! Man denkt hinterher über so
vieles nach! ... Man möchte so vieles ungeschehen machen! Du kannst
dich besser als ich verstellen, Maxe!«
»Was heißt das? Ich geb' mich, wie ich bin ...«
Er sah sie so durchdringend an, daß sie die Augen niederschlug.
»Das ist nicht wahr, Maxe! ... Ich weiß es besser! Du hast keine
Geheimnisse vor mir. Und ich nicht vor dir, wenn wir's uns auch nie
gesagt haben!«
»Ich denke, wir hören jetzt auf, Erich!«
Er achtete nicht darauf. Er fuhr langsam fort: »Ich hab' gezittert
und gebebt vor Glück, bis ich jetzt endlich in deine Nähe gekommen
bin. Und jetzt bin ich schon wieder traurig, daß ich dich in ein paar
Minuten wieder hergeben muß ...«
»Ja. Das mußt du! Geh jetzt! Dort steht deine Frau!«
»Ach, meine Frau!« Er machte eine Bewegung der Ungeduld. »Aber
ich will nicht ungerecht sein: eigentlich macht sie mich nicht
unglücklich, sondern ich hab's selbst getan! Ich hab's selbst gewollt.
Ich hätte sie ja nicht zu nehmen brauchen, sondern ... weißt du, was
die einzige glückliche Zeit in meiner Ehe war, Maxe?«
»Laß mich jetzt und geh zu deiner Frau!«
»Das war die Zeit, wo du bei uns warst, als mein lieber, blonder
Kamerad! ... Ach, die paar armen Wochen! ... Die goldene Zeit ...
Das bißchen Sonnenschein .. das bißchen Lebensfreude ... Ich bin ein
harter Mensch. Damals hab' ich mein Herz gefunden, Maxe! Es tut weh.
Furchtbar weh! Das weißt du auch, das weißt du Ärmste viel, viel
länger als ich. Wir sind zwei unglückselige Schicksalsgenossen.«
»Soll es denn durchaus hier ein Aufsehen geben, Erich? Ich erzwinge
mir jetzt den Ausweg, wenn du nicht ...«
»Nein! Bleib! Bleib! Ich hab' dir noch so viel zu sagen!«
»Wir haben uns gar nichts zu sagen! Dort ist deine Frau! Sie sieht
uns!«
»Maxe! Ich kann's nicht ändern! Meine Spannkraft ist zu Ende. Meine
Karriere ruiniert. Ich komme nicht mehr vorwärts. Ich kann mich
nicht mehr zusammenraffen. Der Mühlstein um den Hals zieht mich in
die Tiefe. Es hat sich furchtbar an ihr und mir gerächt, Maxe! ...
Sie hat mich ohne Liebe genommen, obwohl sie gewußt hat, daß du ...
gleich am ersten Tag unserer Verlobung hat sie mir's mitgeteilt ...
Ja, schrick nur zusammen, mein armes Herz ... Es wäre besser gewesen,
ich hätt' es nie erfahren! Und dann bist du dies Frühjahr gekommen und
hast mir das letzte genommen, was mir aus dem großen Schiffbruch noch
übriggeblieben war!«
Maxe Ottersleben warf heftig das Haupt zurück.
»Nun soll auch ich noch schuld sein!« sagte sie. »Das ist zu viel! Ich
bin mir keines Unrechts bewußt. Du allein spielst fortwährend mit dem
Feuer! Und nun mach ein Ende! Sei ein Mann! Gib mir den Weg frei!«
»Nein!«
»Ja, was willst du denn noch?«
Sie frug es halb verzweifelt.
Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß es selbst nicht,« murmelte er.
Auf einmal erfaßte sie die Angst. »So komm doch zu dir! ... Du hast ja
ganz irre Augen ... Um Gottes willen ...«
Da fuhr er zu ihr herum. Er raunte es zwischen den Zähnen: »Ich will
nur hier sitzen und dich anschauen und dir sagen, daß ...«
»Sei still!«
»Ich will dir's sagen ... Weißt du, Maxe ... eigentlich müßte ich mich
umbringen für meine Dummheit damals ...«
»So hör doch endlich auf! Quäle mich doch nicht so entsetzlich! Ich
bin doch auch nur ein Mensch! Ich kann ja bald nicht mehr an mich
halten! Ich fang' an zu weinen ...«
Er musterte sie mit fiebrigglänzenden Augen wie ein Verzückter. Seine
Stimme war leise.
»Damals hast du rote Rosen getragen und warst schön! Jetzt hast du
weiße und bist viel schöner! Die Schönste von allen!«
»Hör auf ... Was soll denn das um Jesu willen werden?«
»Verrückt werd' ich! Oder bin's schon! Verrückt ... Aus Liebe zu dir
...«
Sie fuhr empor. Er erhob sich auch. Sie standen sich gegenüber.
»Ich lieb' dich, Maxe ... Ich lieb' dich ... Ich sag's tausendmal: ...
Ich lieb' dich ... Ich möchte dich küssen vor all den Leuten ... dich
auf den Arm nehmen und mit mir forttragen ... Ich lieb' dich ... Ich
lieb' dich!«
Das Tischchen zwischen ihnen schwankte. Eine Tasse klirrte. Maxe
Ottersleben hatte sich gewaltsam frei gemacht. Es hatte niemand darauf
geachtet. Man tanzte schon. Im Saal drehten sich die Paare.
Eine fremde Dame rang die Hände: »Ach Gott ... das schöne Kleid ...
über und über ...« Sie wies auf die Kaffeeflecken in der grünen Seide.
Zugleich sagte Frau von Ottersleben, die eben über die Schwelle
getreten war, erschrocken: »Komm nur rasch! Wir waschen es gleich aus!«
Sie führte Maxe nach hinten. Als sie nach geraumer Zeit zu ihrem Mann
zurückkehrte, war sie ganz erregt.
»Du, Bruno ... das hätt' ich doch nie geglaubt ... Die Maxe ist doch
sonst so vernünftig ... Daß sich die über ein verdorbenes Kleid so
aufregen könnte ...«
»Was ist denn geschehen?«
»Denk dir: sie ist direkt draußen in Ohnmacht gefallen! ... Ich hab'
sie gerade noch aufgefangen! Jetzt eben erst kommt sie wieder zu
sich!«
11
Die Esplanade von Metz war an dem schönen Sonnabendnachmittag farbig
von Uniformen, Offizieren und ihren Damen des Waffenplatzes an der
Westgrenze, in dem jeder dritte Mensch Soldat war. Es war schon in der
zweiten Hälfte Oktober, aber in dieser Gartengegend Lothringens schien
die Herbstsonne noch mild und golden über dem tief eingeschnittenen
Tal der Mosel, die dort unten strömte. Blaßblau spannte sich der
Himmel über dem mittelalterlichen Gassengewirr der grauen Grenzfeste.
Trotzig ragte drüben der St. Quentin, das festeste der festen Werke,
zu ihm empor. Der leise Rauch einer Militärbäckerei kräuselte sich auf
ihm hoch oben aus dem Fort Friedrich Karl.
Es war eine Bewegung unter dem bunten Tuch. Ein Grüßen von rechts
und links. Der Generalleutnant und Kommandeur der fünfundvierzigsten
Infanteriedivision Exzellenz Olaf von Glümke kam, die Hände in den
Paletottaschen, von der Innenstadt aus quer über den Platz. Er hatte
im Gegensatz zu anderen Herren seines Ranges etwas Nonchalantes in
seiner Haltung. Er ging wie ein eben aus dem Sattel gestiegener
Kavallerist und dankte auf die Honneurs der dunkelblauen preußischen
und der himmelblauen bayerischen Infanterie, der hellblauen Dragoner
und hechtgrauen Maschinengewehrmannschaften, der dunkeln sächsischen,
preußischen, bayerischen Fußartilleristen, der Pioniere und Kanoniere
von der Feldartillerie und der Fähnriche der Kriegsschule, die alle
Uniformen der preußischen Armee durcheinander trugen.
Eine Abteilung der Metzer Garde, des Königsinfanterieregiments,
marschierte vorbei. Augen rechts! Die Beine flogen im Parademarsch. Er
dankte den Hundertfünfundvierzigern, winkte ab und dann lebhaft nach
vorn. Er hatte da jemanden entdeckt, der ihn höchlichst interessierte,
einen großen, breitschultrigen, ruhig, beinahe etwas schwerfällig
gehenden Obersten von der Infanterie. Er beschleunigte jugendlich
lebhaft seinen Schritt.
»Ottersleben!« schrie er. »Ottersleben! Kriegt man Sie endlich mal zu
Gesicht?«
Der Oberst Bruno von Ottersleben wandte sich um und stand militärisch
stramm vor dem General, der ihm lachend die Hand drückte.
»Ist das nun nett? Seit fünf Tagen krauchen Sie in Metz und Umgebung
herum und lassen sich bei mir nicht sehen?«
»Exzellenz ... Ich mache mit einer Anzahl meiner Herren aus Straßburg
eine kleine taktische Übungsreise über die Schlachtfelder ...«
»Weiß! Weiß! Keine Zeit. Natürlich. Na -- und wie steht's denn sonst
bei Ihnen? Gattin munter? Bitte, mich zu Füßen zu legen! Fräulein Maxe
auch wohl?«
»Eben hol' ich die auf dem Bahnhof ab!«
Olaf von Glümke riß seine feurigen blauen Augen auf.
»Nanu! Was tut denn die schöne Nichte hier?«
»Sie begleitet auf meinen Wunsch eine Dame, die wir in Straßburg
zu Besuch haben, eine Frau Oberstleutnant Torwart. Die mochte gern
die Stelle sehen, wo ihr Vater 1870 bei St. Privat fiel. Morgen ist
Sonntag. Da fahr' ich dann mit ihnen heim!«
»So ... so ...« meinte der andere, anscheinend zerstreut. Aber die
paar Worte staken ihm merkwürdig in der Kehle. »Na -- famos! ...
Wo sind Sie denn da morgen früh? ... Am üblichen Standort ... beim
heiligen Michael? ... Aha! ... Aber lassen Sie sich nicht aufhalten,
lieber Oberst! Sie versäumen sonst noch den Zug!«
Olaf von Glümke setzte langsamer als bisher seinen Weg nach Hause
fort. Er bewohnte mit seiner Dienerschaft und seinen Pferden eine
eigene Villa draußen in Montigny. Es war ein geräumiges Gebäude, noch
aus Fachwerk wie die meisten, hier im ehemaligen Festungsbereich
gelegenen Häuser. Das hohe Gehölz eines Parks überschattete das Dach
mit seinem herbstlichen Laub. In der tiefen Stille klirrten die Sporen
des Generals weithin auf dem Kies des Weges. Das Haus schwieg wie
ausgestorben. Es schien ihm feucht in den Zimmern. Der französische
Kamin rauchte. Der Diener Joseph, ein früherer Bursche, war dümmer
als je. Die Mappe voll Schriftstücken auf dem Tisch barg eine Masse
dienstlichen Ärgers. Im Stall hustete Diana, die Fuchsstute. Das
Wasser im Saufeimer war zu kalt. In dem Hafer, den er aus der hohlen
Hand blies, fanden sich weiß Gott schwarze Wicken. Schweinerei
überall! Es schien Olaf von Glümke, als ginge gerade heute alles gegen
den Strich. Und er hatte niemanden, mit dem er über solch kleines
Ungemach lachen konnte. Er speiste allein zu Abend. Es schmeckte ihm
nicht. Er sah über die Tafel hinweg drüben im Leeren immer noch ein
zweites Antlitz, ein schmales, unregelmäßig reizvolles Mädchengesicht,
mit blonden Haaren -- nein -- kein Mädchen -- eine Frau. Eine junge
Frau. Maximiliane von Glümke ... Es klang ihm gut. Eine junge
Exzellenz. Kaum sechsundzwanzig. Und eine schöne ...