»Nein!« sagte er mit verblüffender Offenheit. »Es kam mir wie gerufen.

Ich wollt' schon lange mal vernünftig mit Ihnen reden, Fräulein Maxe

-- wegen damals -- Sie wissen schon ... Ein anderer an meiner Stelle,

der wäre ja wütend, nach dem, was ihm passiert ist ... der sähe Sie

gar nicht mehr an ...«

»Das verlange ich ja auch gar nicht, Exzellenz!«

»Ach -- seien Sie doch nicht so schnippisch, Kind! ... Lassen Sie das

doch den kleinen Mädchen! Es steht Ihnen gar nicht. Sie haben den

großen Stil ... Sie sind die geborene große Dame! Ja -- was ich sagen

wollte ... Ich hab's mir nachträglich überlegt ... Es war natürlich

eine Dummheit von mir. Ich hätte Sie nicht so überrumpeln dürfen. Ich

hätte mir sagen sollen, daß man damit bei einem Dickkopf wie Ihnen

nur das Gegenteil erreicht. Na -- es hat eben nicht sein sollen. Ich

hab's jetzt verwunden. Es war ja ein recht kräftiger Stoß gegen meine

Eigenliebe. Aber ich denke jetzt ruhiger darüber. Ich bin Ihnen nicht

mehr böse ...«

»Das freut mich von Herzen, Exzellenz!«

»Lassen Sie doch die ewige ›Exzellenz‹! Das ist ja gräßlich. Das ist,

wie wenn ich mit einem von meinen Leutnants spreche. Ihnen gegenüber

komme ich mir nicht so würdevoll vor. Sagen Sie wenigstens: Herr von

Glümke!«

»Wenn Ihnen das lieber ist ...«

»Ja! Wir wollen doch wieder gute Freunde werden, wie früher! ...

Wir wollen die Geschichte wegwischen aus dem Gedächtnis, nicht wahr

...? Kommen Sie ... geben Sie mir mal die Hand, Fräulein Maxe ...

fürchten Sie sich doch nicht, Kind ... ich tue Ihnen doch nichts ...

So ... ganz kameradschaftlich ... Und nun bilden wir uns ein, es

wäre überhaupt nie etwas anderes gewesen! ... Ich hab's schon total

vergessen! Sie nicht?«

Maxe Ottersleben mußte lachen.

»Ja!« sagte sie.

Sie gingen weiter. Eigentlich war jetzt auch ihr wieder leichter

zumut. Nun hatte sie Olaf wieder ganz gern, wo er nicht mehr ihr Mann

werden wollte. Er war doch immer der alte verrückte Kerl. Es ging

Feuer und Leben von ihm aus. Sogar jetzt, wo er merklich hinkte,

schritt er immer noch rascher und elastischer als im Durchschnitt

einer seiner Stabsoffiziere.

»Warum ich rechts schone?« meinte er auf ihre Frage. »Einer

meiner Gäule ist mit mir abgeschrammt ... heidi ins Unterholz ...

Kniekaltschale an den Bäumen ... na ... ich danke ...«

»Reiten Sie denn immer noch so junge Pferde, Exzellenz?«

»Kind: wenn Sie noch mal Exzellenz sagen, kriegen Sie einen Klaps auf

die Hand! Was freut Sie denn so an der Exzellenz? Sie haben's ja nicht

werden wollen! Meine Pferde? ... Schade, daß ich sie Ihnen nicht mal

zeigen kann! Famos! ... Woran soll ich mich denn sonst noch freuen --

so 'n armer oller Kriegsknecht wie ich.«

Er schirmte die scharfen Augen mit der Rechten und blickte hinüber

nach Westen in den fahlen Glanz der untergehenden, von Wetterdunst

blutig verschleierten Sonne. Grau und ehrwürdig stand, weiter nach

links, der mächtige Turm des Münsters, wie ein dräuendes Bollwerk und

Wahrzeichen des Reiches im bleichen Abendlicht. Es war unheimlich

still umher. Selbst die Vögel schwiegen.

»Ich wollte, die Rothosen kämen mal wieder 'rüber!« sagte Olaf von

Glümke. »Haben sich noch eigens seinerzeit das schöne Loch in den

Vogesen bei Belfort frei gelassen und benutzen es nun nicht! ... Da

wüßte man doch mal, wozu man eigentlich auf der Welt ist und seinem

Herrgott die Tage stiehlt. So wird man schließlich mal eingebuddelt

und hat zeitlebens kein Pulver gerochen!«

Er wurde ernster.

»Mein Vater ist bei Mars-la-Tour gefallen!« versetzte er nach einer

Pause. »Damals war ich ein Bengel von dreizehn Jahren. Seine letzten

Worte waren: ›Grüßen Sie meine Frau und meinen Jungen! ... Er soll an

mich denken und ein tüchtiger Offizier werden, an dem der König seine

Freude hat! ...‹ Na ... ich hab' mir ja Mühe gegeben! Es ist ja ganz

nett gegangen. Ich bin ja so weit oben! Und ich hab' so ein freches

Gottvertrauen in mir: Vielleicht wird es auch noch mehr!«

»Da seien Sie doch froh, Herr von Glümke!«

»Jawohl: im Dienst, gutes Kind! ... Aber außer Dienst: Essen Sie mal

jeden Tag allein zu Haus, ein Mensch wie ich, um den 'rum ewig was los

sein muß! ... Ich kann doch nicht stillsitzen ... das wissen Sie doch!

... Und ins Kasino, zu den jungen Dächsen, kann ich doch nicht! ...

Und des Abends: die ganze hohe Generalität ist natürlich ordnungsgemäß

verheiratet! ... Will ich 'ne Menschenseele sehen, so muß ich mich zu

Gast ansagen und die Beine unter einen fremden Tisch strecken, und

sie machen noch Umstände ... äh pfui ... Mir kribbelt's manchmal in

den Fingerspitzen vor Ungeduld. Sagen Sie mal: Wie lange bleiben Sie

eigentlich noch in Straßburg, Fräulein Maxe?«

»Ich weiß noch nicht.«

»Mir scheint, Sie wissen überhaupt nicht recht, was aus Ihnen werden

soll!«

Maxe Ottersleben antwortete nichts. Er wiederholte nach einer Weile

die Frage.

»Oder haben Sie eine Ahnung, wo der liebe Gott schließlich mit Ihnen

hinaus will ...?«

»Zerbrechen Sie sich doch nicht meinen Kopf, Herr von Glümke.«

Er nickte nachdenklich.

»Freilich!« sagte er. »Mich geht's nichts an ...!« Dann lachte er vor

sich hin. »Erinnern Sie sich, wie Sie damals im Wald, im Winter nach

der Felddienstübung, böse waren, wie ich Sie frug, wann die blonde

Maxe heiraten würde? Ach ... ich fürchte, die blonde Maxe heiratet

überhaupt nicht!«

»Ich glaub's auch!« sagte das junge Mädchen.

»Ja, aber erlauben Sie mal ... das ist doch ...«

»Was denn, Exzellenz?«

»Nichts ... nichts ... Wenn Sie ›Exzellenz‹ sagen, bin ich schon still

... ich rede keinen Ton mehr ... ich denke mir für mich mein Teil ...«

»Das kann ich nicht verhindern! Aber lassen Sie mir jetzt bitte meine

Ruhe ...«

Er schwieg. Er schüttelte den Kopf, als wollte er sagen: »Irgend

etwas ist da nicht in Ordnung!« Sie hatten den Ausgang der Orangerie

erreicht. Er blieb stehen und blickte sie von der Seite an: »Mein Gott

ja ...« sprach er förmlich andächtig. »Wie sehen Sie aus ... Schon

jetzt da in dem schlichten Hundstagfähnchen. Wie haben Sie sich in den

zwei Jahren herausgemacht! ... Wer hätte geahnt, daß Sie ~so~

schön werden würden ...«

»Exzellenz ... nun aber bitte ...«

Er beachtete es nicht. Er ließ das Auge verloren auf ihr ruhen.

»Ich bin der einzige gewesen, der's gewußt hat, Fräulein Maxe ...«

sagte er langsam. »Immer ... Sie wären wie geschaffen gewesen zu ...

na ... lassen wir's! ... Es hilft ja nichts!«

Stumm gingen sie nebeneinander weiter, den breiten Weg hinab, den

Blick auf das Häusermeer Straßburgs in der Ferne, über dessen Giebeln

schon scheinbar greifbar noch das Unwetter lastete. Aus dieser Stille

vor dem Sturm, der Verfinsterung umher, dem Verschwimmen von Licht

und Schatten in einer sonderbaren schwefelgelben Dämmerung ward in

ihnen, zwischen ihnen eine Beklommenheit wach. Sie mußten sich eilen,

um dem Regen zu entfliehen. Sie machten lange Schritte. Einmal frug

er: »Geht's zu schnell?« Sie verneinte und fuhr nervös bei einem roten

Blitzgeschlängel in der schwarzen Wolkenwand vor ihnen zusammen.

Wieder war das Schweigen. In ihm ihre gleichmäßigen Tritte, ein

schwerer Windstoß, der heulend Staubwolken aufpeitschte und drüben

die uralten Baumkronen des Contades zauste und schüttelte, die

ersten Tropfen -- in Maxe Ottersleben eine eigene Empfindung: Es ist

doch manchmal gut, sich unter Schutz und Schirm zu wissen. Manchmal

fürchtet man sich doch allein ...

Aber nun hatten sie schon die Stadt erreicht. Olaf von Glümke blieb

stehen.

»Ich will Sie lieber hier von meiner Gegenwart befreien!« sagte er.

»Es ist besser, wir marschieren nicht so nebeneinander durch alle

Straßen! Gruß zu Hause! Adieu, Fräulein Maxe ...!«

»Adieu!«

Sie reichte ihm rasch, mit einem freundlichen Lächeln die Hand. Er

merkte, daß sie wie erlöst war bei dem Gedanken, von ihm wegzukommen.

Er schaute ihr nach, wie sie den Bürgersteig hinabeilte und mit

gesenktem Haupt gegen die Windstöße ankämpfte. Ihre mädchenhafte

Gestalt bog sich in einer schlanken Linie nach vorne, ihr weißes Kleid

flatterte und flog. Nun war sie um die Ecke ... Da seufzte er und

setzte seinen Weg einsam fort.

Maxe von Ottersleben stand unterdessen schon daheim am Fenster und

sah in das Rauschen des Wolkenbruchs hinaus. Die Begegnung in der

Orangerie war ihr schon wieder wie im Winde draußen verflogen, ihr

Eindruck auf sie wie weggewaschen durch diese strömenden Fluten. Sie

mußte immer an etwas anderes denken: an den flüchtigen Satz in dem

Briefe Logows von heute früh: ›Hoffentlich hat sich Maxe bei Euch

gut eingelebt.‹ Es waren kurze Worte. Ganz er selbst. Hart. Kalt.

Willensbewußt. Es gab für ihn eine Grenze. Die war aufgerichtet. Die

blieb. Und sie hob trotzig den blonden Kopf. Was er konnte, konnte sie

auch! Erst recht! Aus eigener Kraft!

»Na, Maxe!« sagte an einem der nächsten Tage Frau von Ottersleben mit

einem mütterlichen Lächeln. »Nun wird's Zeit, daß wir uns nach einem

hübschen Kleid für dich umtun!«

Sie zeigte ihrer Nichte einen heute gekommenen Brief des Bruders Otto,

des Feldartilleristen und glücklichen Bräutigams, mit der Einladung an

sie alle drei zur Hochzeit nach Berlin. Der Tag war nun festgesetzt:

der erste Oktober. Natürlich, der Trauer wegen, nur eine kleine

Feier, lediglich im Kreise der beiderseitigen Verwandten. Aber ein

bißchen Freude und Frohsinn sollte doch herrschen. Das hätte der gute

Papa, wenn er es hätte voraussehen können, gewiß selbst am meisten

gewünscht. Deswegen sollte, nach allgemeinem Familienübereinkommen,

für diesen Tag die Halbtrauer abgelegt und etwas Buntes getragen

werden.

»Ich meine, wir wählen für dich Hellgrün!« schlug die Tante vor, »es

steht dir gewiß ganz apart!«

»Ja. Ich werde Grün nehmen!« sagte Maxe Ottersleben. Ihr Herz schlug

ruhig. Sie war gefaßt auf dies Wiedersehen mit Erich von Logow. Sie

hatte den Zeitpunkt ja unerbittlich heranrücken sehen, den ganzen

Sommer lang, durch Wochen und Monate. Es gab keinen möglichen Grund,

abzusagen und als Schwester nicht zur Hochzeit zu fahren. Es mußte

eben überstanden werden. Zum Glück ließ Onkel Bruno -- das wußte sie

-- sein neues Regiment nicht eine Minute länger als unbedingt nötig im

Stich. Sie war also nur kurze Zeit mit dem Oberst von Ottersleben und

seiner Frau dort drüben in Berlin. Es war vielleicht nicht mehr als

ein einziger schwerer Tag ...

10

Der Standesbeamte, ein würdiger älterer Militär a. D. in schwarzem

Leibrock, räusperte sich, nachdem die beiden »Ja« verklungen, machte

hinter seinem grünen Tisch eine feierliche Kunstpause und sagte dann

in gewöhnlichem Ton: »So erkläre ich Sie hiermit nach den Vorschriften

des Bürgerlichen Gesetzbuches für ehelich verbunden.«

Damit waren der Leutnant von Ottersleben und Fräulein Adda Bannersen

Mann und Frau. Es war alles so freudlos umher, der kahle Raum, die

Unterschrift unter das Protokoll, das unfestliche Äußere der paar

Trauzeugen: die trockene Nüchternheit des auf Verstandesbegriffen

aufgebauten Staates legte sich ihnen unbewußt auf die jungen Seelen.

Sie hatten Mühe, sich vorzustellen, daß jetzt schon drüben in der

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ein Hain von Palmen ihrer harrte und

die Orgel schon feierlich Probe summte und in wenigen Stunden die

mächtigen Glocken über den Berliner Westen hallen würden, ihnen zu

Ehren. Vorläufig war da draußen auf der Straße noch der Alltag im

Gang, die Herbstsonne schien hell auf den reinlichen Asphalt, ein

Schutzmann stritt sich mit einem heiser schimpfenden Bierkutscher --

sie beide, das Ehepaar, waren förmlich erschrocken, wie wenig sie

und ihr bißchen Schicksal doch eigentlich in der Welt bedeuteten.

Halb glücklich, halb betäubt fuhren sie zusammen heim, nach dem

Gesetz verheiratet, nach Sitte und Herkommen noch nicht ganz, in der

seltsamen Übergangsstimmung zwischen Standesamt und Altar.

In dem Hause der Brauteltern am Kurfürstendamm war der junge Ehemann

jetzt eigentlich das fünfte Rad am Wagen. Es ging alles über seinen

Kopf weg. Adda war ihm sofort von einem Haufen Brautjungfern,

Schneiderinnen und Zofen entrissen worden, um für die Kirche fertig

hergerichtet zu werden. Er selbst hatte inzwischen nichts weiter zu

tun, als mit Hilfe seines Burschen in einem der Fremdenzimmer seinen

Interimsrock mit der Paradeuniform zu vertauschen.

Dabei geriet er, nachdem er das drückende Gefühl seiner allgemeinen

Entbehrlichkeit überwunden hatte, wieder in die rosigste Stimmung. Er

pfiff leise beim Umziehen vor sich hin, er sang schließlich halblaut,

er war glücklich. Der Himmel hing ihm voll Geigen. Er sah eine

prunkvolle Wohnung vor sich, hell von Licht, voll von Gästen, in der

Mitte, unter dem Kronleuchter, seine süße kleine Frau. Der Herr, der

mit ihr sprach, trug den Stern eines Hausordens. Es war ein Fürst.

Solche Leute empfing man bei Otterslebens. Unten hatte man das eigene

Automobil. Einen Pferdestall mit englischem Trainer. Dienerschaft

... Das einzige, was ihn in seinem Höhenrausch wieder ernüchterte,

war ein Blick auf das schlichte Dunkelblau und Samtschwarz seiner

Linienfeldartillerieuniform im Spiegel. Nein, das ging nicht. Dienen

mußte man natürlich, ob mit einer Million in der Tasche oder mit

Kaisers Zulage. Man war doch ein Ottersleben! Aber standesgemäß mußte

man von jetzt ab dienen! Das war auch klar. Darauf hatte man ein

Anrecht.

Es war langweilig da oben. Er stieg hinunter in das Erdgeschoß. Dort

war alles voll Blumen. Depeschenboten liefen, Stubenmädchen huschten.

Halbfrisierte Köpfe schauten aus Türspalten. Er war wieder überall

im Wege. Eigentlich der unnützeste Mensch unter Gottes Sonne. Und

ohne ihn ging es doch nicht. Nur im Rauchzimmer war noch ein Rest von

Vernunft. Da saßen die männlichen Verwandten beisammen, deren Frauen

sich da drinnen um das zarte, in Spitzen und weiße Seide gehüllte

verschleierte Gebilde scharten, das nun schon Adda von Ottersleben

hieß: seine Onkel Bruno und Kaspar, Freiherr von Koninck, der Bruder

seiner Mutter, seine Schwäger Logow und Grotjan, der kleine Bruder

Peter von den schlesischen Grenadieren.

Der Husarenmajor Wilderich von Koninck lachte breit beim Eintritt des

Neffen. Er war noch dicker geworden in diesen Jahren -- viel zu dick

für einen Ziethen aus dem Busch. Ein Monokel schimmerte in seinem

roten Bonvivantgesicht. Er klopfte dem hübschen, vor Aufregung blassen

jungen Mann auf die Schultern.

»Na -- du frischgebackener Ehekrüppel ... Wie fühlst du dich nun so,

mein Sohn -- he?«

Otto von Ottersleben antwortete nur mit einem schwachen Lächeln

und stellte sich in die Ecke des Zimmers, das ganz bunt war vom

Schwarz und Rot der Krägen, dem Himmelblau des Attila, dem Karmoisin

des Generalstabs, den breiten Ordensreihen auf der Brust der

Stabsoffiziere. Man schonte seine Empfindungen. Das Gespräch lenkte

sich von ihm ab. Dann öffnete sich die Tür. Dorle Grotjan, geborene

von Ottersleben, die Frau des Pioniers, schaute herein. Sie war in

der Ehe noch rundlicher und molliger geworden. Ein appetitliches

Hausmütterchen mit pausbackigem, von blonden Wuschelsträhnen umrahmten

Kindergesicht.

»Also: Adda ist ein Traum!« meldete sie aufgeregt und verschwand

sofort wieder. Die Herren lachten. Der junge Gatte nicht. Er war stolz

auf seine Frau. Ihm fiel das alles hier wie Geschenke vom Himmel in

den Schoß. Mitten in dieser Feststimmung beschlich ihn hier die Unruhe

von vorhin: ich muß doch auch etwas dazu tun!

Im selben Moment sagte, als habe er seine Gedanken erraten, der

Freiherr Wilderich von Koninck mit wohlwollend schlauem Augenblinzeln:

»Na -- du angehender junger Knallprotz: wenn du künftig anständige

Gäule brauchst, dann kommste dreist zu mir! Wirst reell bedient. Dein

alter Onkel ist kein Pferdeschmeißer!«

Otto von Ottersleben ergriff hastig die Gelegenheit. Er zuckte beinahe

bitter die Achseln.

»Was tu' ich bei der Feldartillerie mit Vollblut? Ich werde da

überhaupt viel Schwierigkeiten haben! Ich kann nichts dafür, daß ich

in Zukunft aus dem Rahmen des Regiments falle!«

Das war ein Lieblingsausdruck, den er sich in letzter Zeit eingeprägt

hatte. Er fügte hinzu: »Es ist mir nicht wegen mir, sondern wegen

meiner Frau! Die kann doch Ansprüche stellen! Der bin ich Rücksichten

schuldig. Es könnte jetzt, wo ich ein Vierteljahr auf Urlaub gehe, so

viel vermittelt werden, durch euch ...«

»Der Bengel will nun mal zur Kavallerie!« sagte der Husar, und sein

Neffe ergänzte flehend: »Vorläufig nur ein Jahr zur Dienstleistung --

natürlich ... nachher kann man ja weitersehen!«

Es war eine kurze Pause. Dann versetzte der Oberst von Ottersleben:

»Bleib du bei deinem Geschütz! ... Es ist eine schöne Waffe, mein

Junge! Napoleon war auch Artillerieleutnant und hat auch 'ne reiche

Frau geheiratet und es mit beiden ganz nett weit gebracht!«

Auch Erich von Logow erhob den Kopf. »Und wenn du meine Meinung hören

willst: Ob du reich oder arm heiratest, ist deine Sache! Aber auf den

Dienst darf das nicht abfärben! Wem das geschieht, der denkt nicht so

soldatisch, wie er soll!«

Der hübsche junge Artillerist biß sich auf die Lippen und wandte sich

wieder bittend und halblaut an Herrn von Koninck: »Du bist doch ein

vernünftiger Mensch, Onkel! Nicht so 'n lederner Kommißhengst, wie der

Erich dort drüben ... Du bist doch selbst Kavallerist! Großpapa war

Kürassier! Du wirst begreifen, daß ich zu der alten Waffe zurück will!«

Der dicke blaue Husar hatte auf dem Rauchtisch eine Kognakkaraffe

entdeckt. Er goß sich ein Gläschen ein, wischte sich den grauen

Schnurrbart und sagte gutmütig: »Ja -- das sind nun so Sachen, mein

<f>filius</f>! Im Militärkabinett sind sie bei solchen Gelegenheiten

höchst säuerlich. Sie lieben's nun nicht! Mit Recht! Ich könnte mich

höchstens an den ollen Hundsfeldt wenden! Mit dem bin ich durch einen

Scheffel Erbsen verwandt. Er hat die Holsteinschen Kürassiere! Die

Zwölfer! ... Au ... Donnerwetter ... Zerquetsch mir nicht so die Hand!«

Der alte Herr Bannersen war eingetreten, schon feierlich im Frack und

weißer Binde des Brautvaters. Er war betroffen.

»Nun -- was s--pringst du so herum, mein Sohn? Um Gottes willen -- er

verliert den Vers--tand! ... Was hast du denn?«

»Hurra! wir haben Aussicht ... Wir werden Kürassiere ... Adda und ich

...«

»Das ist ja ers--taunlich!« sagte der Baumwollmann trocken. Er erfaßte

nicht ganz die Größe der Situation. Für ihn waren Soldaten eben

Soldaten. »Geh lieber und erzähl es der Adda! Sie wartet drüben auf

dich!«

Das ließ sich der Leutnant von Ottersleben nicht zweimal sagen und

verschwand. Onkel Emil, der Schwager des Hausherrn, ein Bankdirektor

aus Westfalen, blickte ihm nach. Er war ein silberhaariger, kleiner

Herr. Auf seinem Frack hing das Eiserne Kreuz. Er meinte: »Na ...

ich hab' mir meine Chassepotkugel Anno siebzig als ganz gemeiner

Sandhase geholt! Und nachher war es ganz gleich, neben wem man auf

dem Verbandplatz auf dem blutigen Stroh lag. Da hielt sich keiner für

besser als der andere. Aber jetzt geht's wieder nach Gardelitzen und

Haarbüschen. Das macht der lange Frieden!«

»Ja ja! Wir kennen dein S--prüchlein!« versetzte der alte Herr

Bannersen. »Aber bitte, sei jetzt s--till!«

Er wandte sich lebhaft an Erich von Logow. »Nun sagen Sie mal, mein

bester Hauptmann, wo haben Sie denn die Maxe gelassen, das liebe

Mädel? Warum ist sie denn nicht mit Ihnen gekommen, gnädige Frau?«

Ulla von Logow war mit ihrer Schwester Dorle Grotjan eingetreten,

schon fertig, frisiert und ganz in matter, weißer Seide, als Umrahmung

ihrer bleichen, dunkeln Schönheit. An ihrer Stelle antwortete Oberst

von Ottersleben: »Maxe wohnt mit uns im Hotel. Sie wartet dort mit

meiner Frau auf meine beiden Jungen aus Lichterfelde. Sie fahren dann

alle zusammen direkt in die Kirche.«

»Ach!« sagte Herr Bannersen erstaunt. »Ich dachte, Fräulein Maxe wäre

wieder bei Ihnen abges--tiegen, Herr von Logow! Im Frühjahr war sie

doch so lange Ihr Gast!«

Erich von Logow schüttelte den Kopf.

»Aber diesmal nicht! Ich hab' sie noch gar nicht gesehen, seit sie

hier ist!«

»Wie komisch!« Seine Schwägerin Dorle, die kleine Pioniersfrau, riß

ihre runden blauen Augen auf. »Bei uns war sie gestern gleich! ... Und

da -- wart mal -- natürlich ... ich erinnere mich doch ... da wollte

sie noch extra an euch telephonieren und des Abends auf ein paar

Stunden zu euch kommen!«

»Sie hat beides nicht getan!« versetzte der Hauptmann.

Zugleich sagte seine Frau gleichgültig, in ihrem nachschleppenden,

müden Ton: »Doch! Telephoniert hat sie schon! Ich hab' selbst mit ihr

gesprochen!«

»Ja, nun ... und, Ulla ...?«

»Es machte sich nicht recht mit der Zeit. Da hat sich's eben

zerschlagen!«

Ein allgemeines »Ah!« der Bewunderung ertönte im Kreis. Die junge Frau

Adda von Ottersleben erschien am Arme ihres Mannes, blaß und weiß,

im Myrtenkranz und Schleier und langer Schleppe, Brautjungfern um

sie, Brautführer mit Buketts, kleine, trippelnde Mädchen, ein ganzer

Hofstaat. In dem Getümmel des allgemeinen Aufbruchs zog Erich von

Logow seine Frau zur Seite. Seine Stimme zitterte.

»Was heißt das, Ulla? Maxe hat zu uns kommen wollen?«

»Ja.«

»Und was hast du ihr geantwortet?«

»Es ginge nicht! Du hättest Dienst, und ich sei nicht wohl!«

»Und dann?«

»Sie hat's schon verstanden! Sie ist vom Telephon weg. Sie hat nichts

weiter gesagt!«

»Und das hast du gewagt -- sie von uns fern zu halten -- einen Gast,

der zu uns kommt ... meine eigene Schwägerin?«

»Als meine Schwester steht sie mir wohl noch näher!«

»Und trotzdem beleidigst du sie ...«

Um sie war niemand mehr. Die Wagen rollten draußen vor der Rampe. Man

fing an, einzusteigen. Es war ein Hin- und Herlaufen und Rufen auf

Gängen und Treppen. Ulla schaute aus ihren großen dunklen Augen um

sich. Sich unbelauscht wissend, fuhr sie plötzlich leidenschaftlich

auf.

»Sie soll nicht zu uns kommen! Ich will nicht!«

»Ulla!«

»Ich will nicht! Sie hat schon genug Unheil bei uns angestiftet! Ich

wehr' mich gegen sie! Sie soll sich hüten!«

»Sei nicht so laut! Nimm dich doch wenigstens zusammen!«

»Ach -- mir ist's gleich! Mir ist überhaupt alles gleich. Aber die

Maxe will ich nicht mehr sehen!...« Sie stampfte mit dem Fuß. Ein

Aufflammen von Zorn, wie es ihr Mann noch nie an ihr erlebt und nie

für möglich gehalten, veränderte ihr regelmäßiges, wie aus Marmor

gemeißeltes Gesicht und ließ es in seiner jähen Vermenschlichung

beinahe unheimlich schön erscheinen. »Ich hasse sie! Ich hasse die

Maxe! Ich wollte, sie wäre tot und läge in Straßburg begraben und käme

nie wieder!«

»Um Gottes willen ...«

»Ja, dir wäre das freilich nicht recht! Aber mir! Dann hätt' sie's!...

Sie hat das letzte bißchen Glück aus unserm Haus mit sich genommen!

Das bleibt sie mir schuldig! Das verzeih' ich ihr nie ...«

»Komm jetzt zu dir! Mach hier keine Szene!«

Die junge Frau wehrte sich gegen seinen Arm. Sie stieß ihm

leidenschaftlich die Worte ins Gesicht: »Ein schöner Dank: ich nehm'

sie auf, um Gottes Barmherzigkeit, nach Papas Tod, weil kein Mensch

wußte, wohin mit dem Unglückswurm ... Ich lieg' krank und elend zu

Bett, und die Zeit benutzt sie, um ... um ... ich spreche es nicht aus

... du verstehst mich schon ...«

»Nein! Ich versteh' dich nicht. Nie ist etwas vorgekommen, solang'

sie da war, und seit beinahe einem halben Jahr hat sie unser Haus

verlassen!«

Ulla von Logow lachte wild auf.

»Und du? ... Wo bist du denn seitdem? ... Bist du bei mir? ... Hab'

ich dich? Nein! ... Glaubst du denn, ich sei taub? ... Glaubst du, ich

sei blind, daß ich das nicht merke? ... Bist du nicht ganz verändert?

Mit allen deinen Gedanken in Straßburg statt in Berlin? ... Nein

-- laß mich ausreden! ... Ißt und trinkst du denn überhaupt noch?

Schläfst du noch? ... Nichts! Wie ein Nachtwandler läufst du umher!

... Jeder schüttelt den Kopf. Deine Vorgesetzten. Deine Verwandten.

Deine Freunde. Keiner weiß was! Nur ich, deine Frau! Ich kenne deine

Krankheit. Vorhin hab' ich sie mit sehenden Augen erkannt. Verliebt

bist du! Aber nicht, wie es sich von Gottes und Rechts wegen gehörte,

in mich, deine Frau, sondern in deine Schwägerin! Und das bis über die

Ohren!«

»Hör auf ... um Gottes willen ... Berufe das nicht ...«

»Nein. Ich rede ...«

»Still ... still ... Ulla ... du steckst ja unser Haus in Brand!«

Du Schwert an meiner Linken · 第 12 / 27 段