»So? ... Na -- heute abend wasch' ich dir den Kopf! Aber gehörig --

Jesus nein ... ist das eine Idee ...«

»Heute abend bin ich nicht mehr hier!«

»Natürlich bist du's!« Er raffte Mappe, Mütze, Handschuhe zusammen.

»Herrgott ... ich versäum' den Vortrag! Der General ...« Plötzlich

wurde er zornig und fuhr seine Frau an. »Und du sitzt natürlich wieder

da und döst, als ginge dich das gar nichts an! Wann wirst du mir je im

Leben ein bißchen helfen! ... Schau, daß sie keine Dummheiten macht,

bis ich heimkomm'! Auf Wiedersehen, Maxe! Bitte ... werde unterdessen

vernünftig! Ich muß jetzt fort!«

Er stürzte davon. Er kürzte heute seine Arbeit am Königsplatz

möglichst ab. Aber es wurde doch Abend, bis das Nötigste erledigt war.

Er hatte, obwohl er sich selbst über seine grundlose Unruhe ärgerte,

doch ein sonderbares Gefühl der Beklemmung, als er seine Wohnung

wieder betrat. Die lag im Dämmern des Frühlingsabends. Seine Frau saß

allein am Fenster, die Hände im Schoß, den Blick ins Leere. Er trat

auf sie zu.

»Wo ist Maxe?«

»Abgereist!«

Sie sagte es müde, ohne ihre Stellung zu verändern. Er glaubte es im

ersten Moment nicht. Er fuhr vor Schrecken zurück.

»Und du hast sie fortgelassen?«

»Wie kann man einen erwachsenen Menschen halten, wenn er gehen will?«

Nun kam der Zorn über ihn. Eine heiße Blutwelle färbte sein

scharfgeschnittenes Gesicht.

»Als ob man so da durchs Fenster wegflöge! Man muß doch 'ne Droschke

holen, Koffer 'runterschleppen -- was weiß ich! ... In der Zeit

hättest du mir doch zehnmal telephonieren können, oder den Burschen

mit einem Zettel schicken! ... Dann wär' ich gekommen und hätt' es

verhindert ...«

Die junge Frau rührte sich immer noch nicht. Ihr blasses Gesicht war

steinern. Sie sagte langsam und dumpf: »Vielleicht war es besser so!«

Er biß sich auf die Lippen und schwieg. Es war eine Stille.

Dann setzte sie hinzu: »Du wirft sie freilich sehr vermissen ... Zu

sehr ...«

Er wandte sich ab. Er gab ihr keine Antwort. In dem schweren Schweigen

zwischen den beiden Gatten klang plötzlich als einziger Laut ihr

leises, helles, verzweifeltes Weinen.

9

Die bleierne Schwüle der Hundstage brütete über der Rheinebene.

Die Sonne stand schon tief am Horizont, jenseits des fernen,

blauflimmernden Walls der Vogesen, hinter dem Frankreich lag --

Frankreich und ihm gegenüber, hier, als des Reiches Trutzwehr,

das letzte der mächtigen, waffenstarrenden Bollwerke am deutschen

Strom von Holland bis zur Schweizer Grenze, turmüberragt, das alte

Straßburg. Der Himmel im Westen war flammend rot, wie vom Widerschein

des vielen Blutes, das seit Jahrhunderten Deutsche und Welsche

um die Vorherrschaft am Rheinufer vergossen. Von drüben, aus dem

hochgiebeligen Häusermeer der einstigen Reichsstadt, klangen die

Abendglocken. Da, wo früher die inneren, nun niedergelegten Wälle die

engen Gassen und Laubengänge umschlossen hatten, stand jetzt, auf dem

freien Platze, wuchtig, massig gebietend, die Kaiserpfalz als Sinnbild

der neuen Zeit.

Die beiden jungen Mädchen schritten daran vorbei, der Stadt zu. Sie

hielten die Schirme schief nach rechts gegen die schräg stehende

Sonne, die lange Schatten über den Staub der Stadt warf. Der hob sich

zuweilen und tanzte in kleinen Wirbeln, von einer Brise hochgefegt.

Man atmete bei dem schwachen Luftzug auf. Jetzt, im Hochsommer, kühlte

es sich sogar in den Nächten nicht ab, aber man mußte doch hinaus,

ins Freie. Innen, in den Wohnungen der Altstadt, war es noch heißer.

»Ja -- daran mußt du dich gewöhnen, Maxe!« sagte Fräulein von Müritz.

»Ich kenn's! Das geht so bis in den September hinein!«

Sie war die Nichte eines Majors bei den Zweihundertvierundvierzigern,

auch eines Herrn von Müritz, eines alten Junggesellen, dem sie, eine

Doppelwaise, die Wirtschaft führte. Maximiliane von Ottersleben

hatte sich ihr, bald nach ihrer Ankunft in Straßburg, angeschlossen.

Sie verkehrten nun schon seit einem Vierteljahr freundschaftlich

miteinander, obwohl jene ein gutes Stück älter war. Aber Maximiliane

kam sich selber auch älter vor als ihre Jahre. Sie fand sich nicht

mehr in das Gekicher und Geflirte der Regimentstöchter. Und zudem war

sie immer noch in Trauer um den Vater.

Die beiden schlenderten langsam die Straßen entlang. Um sie war der

Lärm der großen, unter der neuen Herrschaft mächtig aufgeblühten

Stadt. Es wimmelte von Uniformen. Von deutschen Beamten, Studenten,

Damen. Wer noch Französisch hören wollte, mußte in die Vororte gehen.

Hier klang umher nur noch Elsässerdütsch und scharfes Preußisch,

zuweilen gemütliches Schwäbisch und Bayerisch der süddeutschen

Besatzungstruppenteile. Die Inschrift auf allen Läden war deutsch.

Vor manchen blieben die beiden Damen stehen und musterten die

Auslagen. Thekla von Müritz wies auf ein Diamantenkreuz in einem

Juweliergeschäft und meinte im Spaß: »Das kannst du mir zum

Geburtstag schenken, Maxe! Nächsten Monat ...«

Sie gingen des Wegs. Die andere frug: »Du -- wie alt wirst du da

eigentlich?«

»Fünfunddreißig! ... Aber sag's nicht weiter ...«

Dann nach einer Weile: »Oder sag's doch! ... Es ist ja ganz egal ...«

Dabei beschleunigte das späte Mädchen seine Schritte.

»Ich muß nach Hause! ... Sonst schimpft der Onkel. Er meint's nicht

bös. Aber er ist gräßlich knurrig!«

»Du bist schon lange bei ihm?«

»Seit meine Eltern tot sind ... seit neun Jahren ...«

»Und wenn er mal stirbt ... Hat er denn was? Hinterläßt er dir was?«

»Keinen Groschen!«

»Aber was machst du denn dann mal nach seinem Tod?«

»Ich weiß nicht. Ich denk' nicht darüber nach. Es hilft ja doch

nichts.«

Eine stumpfe Ergebung war in ihren Worten. An der Straßenecke blieb

sie stehen, gab der Freundin die Hand und sagte: »Ja, so ist das Leben

an einem vorbeigegangen! Heirate du nur, solange du noch so jung und

hübsch bist! Na ... Adieu, Maxchen ... Schöne Grüße zu Hause ...«

Maximiliane setzte allein ihren Weg fort. Sie neigte mechanisch auf

die Grüße begegnender Offiziere den blonden Kopf. Ein tiefer Ernst lag

auf ihren schönen, jugendlich strengen Zügen. Immer wieder mußte sie

an die Freundin denken: Ja, so ist das Leben an einem vorbeigegangen

... es klang so rätselhaft. So schrecklich. Alles vorüber mit

fünfunddreißig Jahren ... Es war unwahrscheinlich und doch wahr. Was

hatte Thekla Müritz noch vom Dasein zu erwarten? Essen, Trinken,

Schlafen! Das freilich noch ein Menschenalter oder länger. Aber war

solch Sein der Mühe wert? Lohnte es die Enttäuschungen?

Fünfunddreißig ... Maxe Ottersleben sagte sich: wie alt bin ich

selber? Fünfundzwanzig. In zehn Jahren bin ich gerade so weit.

Plötzlich schien ihr diese Zeit unheimlich nahe gerückt. Sie stand

wie ein Schreckgespenst vor ihr, als wachte man im Handumdrehen eines

schönen Morgens als alte Jungfer auf. Du lieber Gott: zehn Jahre waren

rasch verseufzt und verträumt und vergähnt. Und dann? Sie sah förmlich

in der heißen Augustluft die weißen Fäden des Altweibersommers

fliegen. Ein Grauen vor dem fernen Herbst überlief sie. Sie schritt

mit gesenktem Kopfe weiter. Sie sagte sich, heute, in der allmählich

gewonnenen Straßburger Ruhe, zum erstenmal ganz klar und deutlich:

So geht das nicht mit mir in alle Ewigkeit! ... Ich verhunze mir ja

mutwillig selbst mein bißchen Leben ... Von Glück will ich schon gar

nicht reden. Aber ich muß doch irgend etwas aus mir machen. Ich darf

nicht so hindämmern. Ich muß mich frei machen. Innerlich frei von ihm

... Wenn ich nur könnte ...

Sie hatte den Broglieplatz erreicht. Das war der Mittelpunkt der

Stadt. Rechts war ein Kommen und Gehen von Infanterieuniformen am

Eingang der großen Offizierspeiseanstalt, dahinter bildeten die

Leute im Abenddämmer schon Kette am Theater, wo eine französische

Operettentruppe gastierte. Auf einmal blinkte da, mitten im

Deutschtum, ein Stück französische Unterwelt auf -- Knebelbärte

-- westlich-lebhafte Augen und Hände, das schnelle Pariserisch

eingeborener Notabeln. Links waren die beiden Kaffeehäuser mit

ihren Stühlen im Freien unter schattigen Bäumen -- das eine für die

Elsässer, das andere für die Altdeutschen.

An einem der Tischchen saß ein straffer, jugendlich schlanker General

vor seinem Glase Bock. Sein blonder Schnurrbart war aufgedreht, sein

helles Haar kaum merklich angegraut. Wer vorbeikam, war erstaunt, wenn

er die feierlich leuchtenden scharlachroten Klappen des Überrocks

und auf dessen goldenen Achselstücken den Stern, das Zeichen der

Exzellenz, sah. Man kannte den Würdenträger hier nicht. Er mußte von

auswärts gekommen sein. Er rauchte seine Zigarre, hatte ein Bein über

das andere geschlagen und legte unaufhörlich, bald verbindlich die

ganze rechte Hand, bald nachlässig den Zeigefinger an den Mützenrand,

je nachdem es Offiziere oder Mannschaften waren, die grüßend an ihm

vorübergingen. Dann hob er das gebräunte, von fast unmerklichen

feinen Fältchen durchzogene Antlitz, auf dem trotz der dienstlichen

Strenge eine jugendliche Verwegenheit schlief. Seine feurigen blauen

Augen hatten drüben, auf dem Bürgersteig, etwas entdeckt. Noch ganz

hinten. Er sah scharf wie ein Luchs. Er stand langsam, unauffällig

auf, zahlte, ging über den Platz und schlenderte die Häuser entlang.

Nach etwa hundert Schritten blieb er scheinbar nachsinnend vor der ihm

begegnenden jungen Dame stehen.

»Ist's denn die Möglichkeit! Guten Abend, Fräulein von Ottersleben!«

Maximiliane hatte, in ihren Gedanken versunken, auf nichts geachtet.

Sie schrak zusammen. Die Stimme kannte sie, dies übermütige Lächeln.

Der General von Glümke hatte sich in den zwei Jahren nicht im

geringsten verändert. Er war aus zähem Holz geschnitzt. Er blieb,

wie er war. Er tat, als sei nie etwas zwischen ihnen vorgefallen. Er

reichte ihr die Hand. Sie nahm sie und sagte stockend, blaß geworden:

»Guten Abend, Exzellenz!«

Sie fühlte seinen prüfenden Blick auf sich ruhen. Sie dachte sich mit

Herzklopfen: Was braucht er mich nur um Gottes willen anzusprechen,

statt mir aus dem Weg zu gehen, wie es jeder sonst täte? Aber er

macht ja immer alles anders als andere Leute. Dann hörte sie seine

gleichmütigen Worte: »Na ... sehen Sie, Fräulein von Ottersleben: die

Welt ist klein! ... Nu hat uns der liebe Gott glücklich beide in die

Reichslande verschlagen. Sie nach Straßburg und mich nach Metz. Ich

hab' nämlich dort 'ne Division. Die fünfundvierzigste.«

»Ja. Ich weiß, Exzellenz!«

»Da bin ich heute mal auf einen Sprung herübergerutscht. Dienstliche

Geschichten ...« Er brach ab und wartete, ob sie auch etwas sagen

würde. Aber sie schwieg. So fuhr er fort. Er wurde schon lebhafter.

Sein Naturell brach durch: »Na -- wie gefällt's Ihnen denn hier unten

bei den Wackes, gnädiges Fräulein?«

»O, ganz gut, Exzellenz!«

Sie antwortete einsilbig. Sie war beklommen. Sie hatte förmlich

Angst vor Olaf von Glümke. Es war ihr so sonderbar, daß dieser Mann

plötzlich wie aus dem Boden gewachsen vor ihr stand.

Er lächelte. »Und wie geht's dem Onkel Bruno? Zieht er seinen

Zweihundertvierundvierzigern tüchtig die Hammelbeine lang? Tut not.

Unter uns: Sein Vorgänger war ein bißchen 'n Susemiehl! ... Drum haben

sie ihm gerade das Regiment gegeben! Tantchen auch wohl -- ja?«

Woher wußte er nur, daß sie hier bei ihren Verwandten war? So wichtig

war das doch nicht, daß man bis nach Metz hin davon sprach! Sie dachte

sich: Wenn er mich nur schon gehen ließe! Aber von sich aus konnte

sie, ein junges Mädchen, einen Würdenträger wie den Generalleutnant

von Glümke nicht auf der Straße stehen lassen. Sie mußte warten, bis

er sich selbst von ihr verabschiedete.

Er schien ihre Ungeduld zu merken. Er schüttelte ihr wieder unbefangen

die Rechte: »Na -- hat mich sehr gefreut! ... Wir sind doch zwei alte

Freunde, Fräulein von Ottersleben -- nicht wahr?«

Sie zögerte. Aber was sollte sie denn machen? Sie antwortete scheu:

»Jawohl, Exzellenz!«

»... Also schöne Grüße daheim! ... Und auf Wiedersehen!«

Auch noch auf Wiedersehen ... das quälte sie auf dem kurzen Weg bis

zu ihrer Wohnung am »Eisernen Mann«. Sie hatte den General von Glümke

doch damals derart vor den Kopf gestoßen ... Ein anderer würde es ihr

nie verziehen haben ... Er stellte sich jetzt an, als wäre das nur ein

Spaß zwischen ihnen gewesen. Vielleicht hatte er es nachträglich auch

so aufgefaßt. Er war ja unberechenbar ...

Aber dann wußte sie doch: Es hätte sie damals nur ein Wort gekostet

und alles war entschieden ... Sie dachte sich in einer wilden

Bitterkeit, die sie plötzlich überfiel: Ich hätte ihn haben können

-- eine Partie, um die mich jede in der Provinz beneidet hätte! Oder

es brauchte gar nicht ein General, ein großes Tier zu sein. Nur

irgendeiner. Ein Mann, der mich liebt und ich ihn! Und ich wäre jetzt

eine glückliche Frau und nicht ein einsames, verwaistes, in der Welt

herumgestoßenes Mädchen, das nicht weiß, was es mit sich und seinen

Tagen beginnen soll. Ich wäre so zufrieden wie tausend andere, wenn

~er~ mir nicht in den Weg gekommen wäre! Immer ~er~! Er hat

mich an allem gehindert! Er steht ewig zwischen mir und dem Sein ...

Sie machte halt, in einer hilflosen, verzweifelten Erbitterung gegen

den Hauptmann Erich von Logow, der um die gleiche Zeit, fern von hier,

im Generalstabsgebäude zu Berlin vor seinen Akten saß und schrieb

und schrieb. Neben ihr, auf dem Platz in Straßburg, schimmerte das

Himmelblau bayerischer Uniformen von der Hauptwache. Der Marschall

Kleber sah von seinem Sockel hernieder auf verwehte ›<f>gloire</f>‹

und wiedererstandene deutsche Kraft. Hinten hob sich das Rote Haus,

noch von den Blutschatten der großen Revolution umweht. Maximiliane

Ottersleben sah erstaunt um sich. Sie war in ihrer Geistesabwesenheit

einen falschen Weg gegangen und drehte jetzt um, und in ihr brannte

etwas, während sie zurückschritt -- schwelte unheimlich wie

unterirdisches Feuer: Er war dein Schicksal. Aber seit er es weiß,

bist du auch seines geworden. Hast dieselbe geheimnisvolle Macht über

ihn gewonnen wie er seit Jahren über dich. Es hat sich an ihm gerächt,

ohne dein Wissen und Wollen ...

Zu Hause saß ihre Tante, Frau von Ottersleben. Sie war zu Anfang

der Vierzig, groß, blond, stark -- mit rosigen vollen Wangen,

wirtschaftlichem Blick, arbeitsfrohen, großen weißen Händen, die Haare

schlicht in der Mitte gescheitelt, glich sie mehr einer pommerschen

Pastorenfrau als einer Kommandeuse. Das junge Mädchen setzte sich

still zu ihr. Eine Weile häkelte die eine und stickte die andere. Dann

hob Maxe Ottersleben den Kopf und versetzte unvermittelt: »Du, Tante

... ich bin nun mit Gottes Hilfe fünfundzwanzig ...«

»Na ja ... Maxe ... das weiß ich ...«

»Es wird doch Zeit ... Es muß einmal etwas mit mir geschehen ... Ich

muß mich irgendwie im Leben nützlich machen!«

»Mach du dich nur deinem Mann nützlich! Das ist vollauf genug!«

Das junge Mädchen mußte lachen: »Ich hab' doch keinen ...«

»Sollst aber einen kriegen! ...«

»Ich mag gar keinen ...«

»So hab' ich auch geredet!« sagte die Kommandeuse gleichmütig. »Das

macht auf mich gar keinen Eindruck. Laß du mich nur sorgen! ... Wenn

erst dein Trauerjahr vorbei ist ...«

»Du denkst doch nicht, daß ich euch hier auf Jahr und Tag zur Last

fallen will ...«

»Na natürlich gehst du bei uns hier aus, wo wir ohnehin ein Haus

machen müssen ... Das hätt' ich mir nicht träumen lassen, daß ich, mit

meinen zwei Jungens, noch mal auf meine alten Tage Ballmutter würde!

...«

»Ich mag aber nicht wieder auf dem Heiratsmarkt ausgestellt werden,

Tante! Es hat keinen Zweck, ich heirate doch nicht!«

»Was willst du denn sonst?«

»Diakonissin werden!« sagte Maximiliane Ottersleben kurz und trotzig.

Sie hatte sich das schon seit einiger Zeit überlegt. Aber es prallte

an Frau von Otterslebens Ruhe ziemlich ab. Die schlug nur gutmütig die

starken Hände ineinander.

»Maxe ... du und Diakonissin! Das gäbe 'ne schöne Bescherung! ... Du

verdrehst ja allen Doktoren den Kopf und machst die Patienten dazu

rappelig! Ich glaube manchmal wirklich, du weißt selber nicht, wie

hübsch du bist! Nein, Kind: Des Lebens Mai blüht einmal und nicht

wieder. Bei dir steht er noch vor der Tür. Da verlaß dich auf mich.

Und nun nimm mal den Kopf hoch ... so ... da kommt der Onkel! Der

kann's nicht leiden, daß man ihn daheim mit 'ner Leichenbittermiene

empfängt. Er nimmt sich auch zusammen, wenn er Ärger im Dienst gehabt

hat ...«

An solchem Verdruß fehlte es dem Oberst Bruno von Ottersleben nicht.

Er widmete sich seinem Regiment mit dem Feuereifer des Generalstäblers

und der Freude am praktischen Dienst nach der Stubenhockerei. Aber

er bewahrte dabei seinen vollen Gleichmut. Er hatte gute Nerven.

Es lag ein stetes ruhiges Wohlwollen auf seinen klugen, etwas

grobgeschnittenen Zügen. Groß, breitschultrig, bedächtigen Ganges trat

er ein, begrüßte seine Frau, mit der er, wie er selbst sagte, in einer

lächerlich glücklichen Ehe lebte, klopfte der hübschen Nichte auf die

Schulter und sagte, sich setzend, behaglich: »Wißt ihr, wer mir eben

über den Weg gelaufen ist? Olaf selbst! Der Glümke! Bummelt hier in

Straßburg herum! Merkwürdig, wie stürmisch er mich begrüßt hat!«

»Kennt er dich denn, Onkel Bruno?«

»Ich war mal, wie er Major war, vor vielen Jahren ganz kurze Zeit

mit ihm im selben Regiment!« sagte der Oberst, der als Springer

des Generalstabs viele Truppenteile kennen gelernt hatte. »Sehr

schmeichelhaft, daß er sich meiner noch erinnert! ... Er scheint

übrigens nicht mehr ganz so toll wie früher. Er kriegt allmählich

etwas Gesetztes! ... Na ... Zeit wird's!«

Er lachte und ging auf andere Dinge über. Er hatte immer viel mit

seiner Frau zu bereden. Er nahm seine Stellung als Regimentskommandeur

auch außerdienstlich ernst. Er wollte erzieherisch wirken. Er

haßte jeden Luxus. Er verachtete ihn als eine Verweichlichung. Die

altpreußische Einfachheit war bei ihm kein leerer Wahn. Es gab

wirklich noch des Abends ein Glas Bier und ein Butterbrot für seine

Gäste und ernste Worte an die Leutnants dazu: »Mit der Sektflasche

ist unsere Armee nicht großgezogen worden. Von Scharnhorst bis Roon

...! Nein -- wahrhaftig nicht, meine Herren! -- Ich erinnere mich

noch an die Zeit, wo wir als junge Leute in der Garde mit zehn

Talern monatlich auskamen!« Man hörte ihm respektvoll zu. Mancher

jugendliche Offizier fühlte wirklich den Hauch Kaiser Wilhelms des

Ersten und seiner Paladine, der von den Worten seines Obersten

ausging. Andere machten dienstlich stumme Gesichter und blickten

dabei verstohlen nach der hübschen Nichte des Hauses. Das war immer

vergeblich. Die tiefe Gleichgültigkeit, mit der Maxe von Ottersleben

jedem sich ihr nahenden Leutnant oder Hauptmann begegnete, entwaffnete

von vornherein. Es machte sie ungeduldig, daß die Tante immer wieder

geräuschlos wie im Vorpostenkrieg bald diesen, bald jenen Freier

in ihren Gesichtskreis vorschob und wieder verschwinden ließ und

durch einen neuen ersetzte, immer in der Hoffnung: Einmal kommt

doch der Rechte! Das war eine fortwährende Unruhe, eine Abwehr

wie vor den lästigen Stechfliegen, die einem bei Tag und Nacht um

die Ohren summten und immer blutdürstiger und zahlreicher wurden,

je mehr der Sommer sich seinem Ende zuneigte und die Zeit der

Manöver nahte. Nun warf die schon ihre Schatten voraus: Die dritte

Garnitur Reserveleutnants hatte sich zum Dienst gemeldet, auf dem

Schreibtisch des Obersten lagen Karten und Pläne der Westgrenze mit

rot eingezeichneten Hieroglyphen, er selbst war noch öfter als sonst

im Stall, kniete in der Streu neben seinen Schlachtgäulen nieder, hob

die Hufe, um den Strahl zu sehen, und fuhr auf der Suche nach Gallen

prüfend mit Daumen und Zeigefinger die Sehnen der Hinterbeine hinab

zu den Fesseln. Dann nickte er zufrieden. Seine Pferde waren wie ihr

Herr: ›Verläßlich bis zum letzten!‹

»Nu -- endlich mal ein Lebenszeichen von den Logows!« sagte er gegen

Ende August, am Frühstückstisch einen Brief aus Berlin entfaltend.

»Ich fand es eigentlich nicht nett, daß sie sich den ganzen Sommer

so gar nicht nach dir erkundigt haben, Maxe! Aber die Ulla ist 'ne

Schlafmütze ... Da schreibt er nun selber!« Er räusperte sich und

las die knappen Zeilen des Hauptmanns von Logow vor: sachliche

Dienstneuigkeiten und Personalnachrichten vom Königsplatz und aus

der Behrenstraße, wie sie die beiden, den jüngeren und den älteren

Generalstäbler, interessieren. Zum Schluß noch ein paar trockene

Worte: »Uns geht es soweit wohl. Ulla hustet leider wieder ein

bißchen. Sie läßt Euch Alle herzlich grüßen und ich schließe mich an.

Hoffentlich hat sich Maxe bei Euch gut eingelebt. Dein treuer Neffe

Erich.«

Am Nachmittag desselben Tages ging Maximiliane Ottersleben

mutterseelenallein weit draußen vor Straßburg in dem Grünen und Blühen

der Orangerie spazieren. Eigentlich hatte sie eine Verabredung mit

Freundinnen gehabt. Ein paar Leutnants waren natürlich auch bei der

Partie. Man wollte mit der Bahn bis zur Kehler Brücke fahren und

da im Rhein schwimmen, oder zu dem Schleusenwirtshaus am Illkanal

hinausradeln, um dort Matelotte zu essen -- sie wußte es selbst

nicht mehr recht. Sie hatte keine Lust gehabt. Sie war einfach

ferngeblieben. Sie mochte in ihrer heutigen Stimmung, die durch

den Brief aus Berlin in ihr wieder wach geworden war, niemanden um

sich sehen -- eine Stimmung -- sie hatte vorhin wieder in einem

dunkelschnurrbärtigen, straffen Offizier, der rasch die Straße

herunterkam, aus der Ferne Erich von Logow zu erblicken geglaubt ...

sie war vor atemlosem Schrecken stehen geblieben.. sie hätte jetzt

noch, nachträglich, hellauf weinen mögen vor Hilflosigkeit ... er war

immer da ... er kehrte immer wieder ... er ließ sie nicht ...

Um sie war kein Mensch. Es war noch viel zu heiß für die Besucher

der Gartenwirtschaft. Eine lähmende Schwüle lag in der Luft. Drüben

am Bergrand, gerade über St. Odilien, verfärbte sich der Horizont

bleigrau. Dort brütete ein Gewitter. Es blitzte und donnerte jetzt

täglich in der breiten Ebene zwischen Vogesen und Schwarzwald. Man sah

jeden Nachmittag die dunkle Wand aus stundenweiter Ferne aufziehen.

Das junge Mädchen warf einen prüfenden Blick nach dem Himmel und ging

dann langsam weiter. In ihrem weißen, schwarzgarnierten Sommerkleid

hob sie sich, schmal und schlank, den blonden Kopf vom weißen Schirm

überschattet, von den zopfig regelmäßigen Reihen der Orangen- und

Zitronenbäume des altfranzösischen Parkes ab, die sich in ihren Kübeln

vor den Glashäusern sonnten. Ihre Halbschuhe knirschten leise in

flüchtigem Schreiten auf dem Kies des Weges. Das und das eintönige

Summen der Mücken war der einzige Laut umher. Und dann etwas anderes

... hinter ihr: ein Sporenklirren, das rasch und energisch näher kam.

Sie dachte sich noch: ›Ich möchte wohl wissen, wer von der Garnison

jetzt da draußen bei der Hitze spazieren läuft!‹ Und fast zugleich

hörte sie an ihrem linken Ohr eine helle, vergnügte Stimme: »Na -- so

menschenscheu, Fräulein Maxe ...«

»Oh ... Exzellenz ... Sie ...«

Olaf von Glümke nickte, gab ihr die Hand und ging neben ihr hin, als

ob sich das von selbst verstünde.

»Ja! Ich! Ich mußte nämlich mal wieder nach Straßburg ... Dumme

Geschichten ... In meiner Eigenschaft als Gerichtsherr ...«

Es fuhr ihr, dem Soldatenkind, durch den Kopf: Seine Division ist ja

in einem anderen Armeekorps! Er hat bei unserem Kommandierenden gar

nichts zu suchen. Das stimmt doch nicht!

Er sprach unbekümmert weiter: »Na ... und da ich erst mit dem

Abendzuge heimfahre und vorher ein bißchen frische Luft schnappen

wollte ...« Er lachte plötzlich, angesichts des tiefen Mißtrauens in

ihren Zügen. Er war nicht im geringsten verlegen. Der alte Schalk

blitzte in seinen großen, blauen, übermütigen Augen. »Nee -- also --

wir wollen mal lieber hübsch bei der Wahrheit bleiben! Ist netter

-- nicht? Also ich saß vorhin wieder im Café am Broglie und sah Sie

vorübergehen, in der Richtung hier heraus! Da dacht' ich mir: Wozu hat

der Mensch die Straßenbahn? ... Vielleicht hab' ich Glück und hol' sie

irgendwo ein ... Und so bin ich nun mit Gottes Hilfe hier!«

»Hatten Sie wirklich nichts Wichtigeres zu tun, Exzellenz?«

Du Schwert an meiner Linken · 第 11 / 27 段