zog sich ihm das Herz plötzlich in einem wilden Weh zusammen. Er
hätte auflachen können über sich, über das Schicksal, über Gott und
die Welt. Nein. Nein. Über sich nur. Er allein war schuld. Er hörte
ein leises Blättern. Maxe Ottersleben schlug eine Seite um und fing,
immer mit derselben Pflichttreue, die nächste an. Es war bei ihr keine
Spielerei einer müßigen Stunde. Sie war offenbar entschlossen, das
Schriftstück heute nacht noch zu Ende zu bringen. Der hinter ihr, am
Eingang, legte die Hände ineinander. Seine Züge waren düster. Er sagte
sich: Dich hätte ich haben können! Du hast auf mich gewartet! Denn
du hast gewußt, daß du die Rechte für mich warst, für einen Mann wie
mich. Du hättest mich verstanden. Du hättest meine Arbeit geteilt, wie
du sie jetzt freiwillig teilst. Du wärst mein Kamerad geworden. Alles
wäre anders geworden in meinem Leben durch dich ...
Das junge Mädchen war so in ihre Tätigkeit versunken, daß sie
sein schweres Atmen, das leise Klirren eines Sporns bei einer
unwillkürlichen Bewegung nicht hörte. Sie schrieb unermüdlich, und
sein Auge hing an ihr, in hoffnungsloser Bitternis und Reue: Ich wär'
ein anderer Mensch geworden, der, der ich zu werden hoffte. Stark und
in mir einig und geschlossen, tüchtig zum Leben und zum Dienst. Was
mir fehlte, hättest du in mir ergänzt. Ich aber war blind. Und bin an
dir vorbeigegangen und habe das Geheimnis deiner scheuen blauen Augen
nicht begriffen. Hätte ich damals gewußt, was ich jetzt weiß ...
Maxe Ottersleben schüttelte, ihm den Rücken zudrehend, den Kopf, um
eine zudringlich summende Fliege zu verscheuchen. Es war wie eine
Abwehr == eine Bewegung des Entsagens: Zu spät! Zu spät! Nebenan
schläft deine Frau. Sie weiß nichts von dir. Sie weiß nichts von
deinem Dienst. Sie gähnt, wenn du nur davon sprichst. Sie ahnt nichts
von deinem Wesen und Streben, über sie hinaus. Es erschreckt sie nur
-- macht sie mutlos -- müde -- krank. Aber es ist deine Frau. Du hast
sie gewählt. Du bist an sie gebunden auf Lebenszeit ...
Er preßte die Hände ineinander, um einen Anfall von Verzweiflung
beim Gedanken an die Zukunft zu bemeistern. Seit jener Aussprache
vor vierzehn Tagen, in der ihm Ulla das Geheimnis ihrer Schwester
verraten, war sie wieder ganz in sich zusammengesunken, stumpf
geworden. Sie gab sich keine Mühe mehr. Es ging alles seinen
alten Gang. Und da drüben am Tisch saß ein junger, lebensstarker,
tatenfroher Mensch, dürstend danach, zu helfen, zu dienen, zu lieben,
und verblühte ... Erich von Logow schaute sie an und sagte sich
wieder: ~Du~ bist Geist von meinem Geist. In dir erkenn' ich
mich! Du hättest mich ergänzt. Und ... deine Schwester war schön ...
aber du bist es auch ...
Vorsichtig, als müsse dies blonde lebende Bild vor ihm am Tisch bei
seinem Nahen wie ein Traum der Nacht zergehen, trat er heran. Sie
drehte sich um und fuhr hastig empor. Sie legte die Linke ans Herz,
während die Rechte noch die Feder hielt.
»Herrgott ... hast du mich erschreckt ...«
Das schöne, in seinem Reiz immer noch ein wenig unregelmäßige
Mädchengesicht vor ihm war wirklich blaß geworden. Sie war nervös
durch die stundenlange, anstrengende Arbeit, mit der sie, wie ihm
ein Blick auf die angefangene Seite zeigte, beinahe zu Ende war. Er
gab ihr die Hand und frug gedämpft -- seltsam, wie die Stimme in der
Stille des Hauses, der Ruhe des nächtlichen Berlins vor den Fenstern,
widerhallte: »Maxe -- was machst du denn da?«
Sie warf bei seinen fast strafend klingenden Worten trotzig den Kopf
zurück, mit jener Bewegung verschlossenen Willens, die ihr von jeher
eigen war. Seitdem sie neulich in das Zimmer getreten war und das
Ehepaar in dem Gespräch über sie getroffen hatte, war sie gegen ihn
herbe und scheu, manchmal beinahe feindselig, so als ahnte sie, daß er
etwas wußte ...
»Friß mich nur nicht gleich!« sagte sie schroff zu ihrem Schwager. »Du
hast doch heute mittag geklagt, daß du zu der vielen Eisenbahnarbeit,
die sie dir in Vertretung aufgehalst haben, noch diese rückständige
Abschrift auf der Seele hättest. Na -- da hab' ich mich eben flugs
hingesetzt! Das ist doch weiter kein Verbrechen!«
»Doch! Es ist eigentlich verboten!« Er hielt die Blätter in der Hand
und ließ sie durch die Finger gleiten. »Da darfst du als Zivilist von
Rechts wegen nicht die Nase hineinstecken!«
Das junge Mädchen zuckte die Achseln und lächelte zu ihm in befangenem
Spott: »So? Na -- da nimm dich nur in acht: ich steck's morgen noch
der französischen Regierung! Ich hab' schon meine Verbindungen in
Paris ... Schad' nur, daß ich die Geschichte nicht ganz kapiere ...«
Dann wurde sie plötzlich ernst und heftig.
»Du sollst jetzt schlafen, Erich! Du brauchst deine Nerven besser als
für so 'ne Tretmühle von Abschrift! Da bin ich gut genug dazu!«
»Und deine eigene Nachtruhe?«
»Was kommt's denn auf mich an? Ich kann morgen bis zehn in den Federn
bleiben, wenn ich mag! Ich hab' ja auf Gottes weiter Welt nichts zu
tun. Ich will mich doch ein wenig nützlich machen, wo ich euch nun
schon einmal im Hause das Brot wegess'! ... Und nun störe mich bitte
nicht! Sonst verschreibe ich mich gerade noch zu guter Letzt!«
Sie setzte sich und vollendete die Schlußseite. Er stand schweigend
daneben und sah ihr zu. Nach kurzem erhob sie sich mit einem Seufzer
der Erleichterung und dehnte sich in den schmächtigen Schultern.
»Da!« sagte sie wenig liebenswürdig, ihm die Arbeit hinschiebend.
»Gute Nacht! Du mußt mir versprechen, daß du auch schlafen gehst!«
»Erst muß ich noch die Abschrift vergleichen! Sie ~muß~ morgen
früh weg!«
»Ich wußt's doch! ...«
Maxe Ottersleben machte eine ungeduldige Bewegung und meinte dann
nach einer Pause: »Ich hab' auf alle Fälle Kaffee warm gestellt ... Du
kannst ja nicht mehr aus den Augen schauen ... Wart, ... ich bringe
dir ...«
Sie lief davon und kam nach kurzem mit der dampfenden Kanne und zwei
Tassen zurück. Sie goß ihm im Stehen ein. Ihre Hände berührten sich,
als er den Schalenrand ergriff, und zuckten so rasch auseinander, daß
der Löffel klirrte. Auch ihre Blicke mieden sich. Sie waren wie zwei
gute Freunde, die Angst voreinander hatten, ohne einander zu verraten,
warum. Und um sie das feierliche, fast geheimnisvolle Schweigen. Man
hörte förmlich die Stille in diesen Stunden zwischen Mitternacht und
Morgen.
Er setzte sich in einen Lehnstuhl, zog die Brauen hoch und begann,
Maximilianes Werk nachzuprüfen.
Sie stand am Tisch. Sie meinte gleichgültig, geschäftsmäßig: »Du --
gib mir unterdessen doch ein paar von den Tabellen ...«
»Jetzt noch? Bist du verrückt? Nee -- Kind: jetzt heißt's marsch in
die Baba!«
Aber sie beharrte: »Ich muß erst wissen, ob die Abschrift ordentlich
geworden ist! Inzwischen kann ich schon noch Kästchen machen!«
Und mit einem halben, nicht ganz freien Lachen fügte sie hinzu: »Ich
krieg' doch von dir zehn Pfennig für jede Seite. Zusammen ist das für
mich 'ne Masse! Ich spar' schon auf einen Sommerhut in 'nem Laden in
der Potsdamer Straße. Den hab' ich mir dann ums Vaterland verdient!«
Er tat ihr den Willen und reichte ihr die Bogen. Sie nickte
verständnisvoll und saß neben ihm wie sein Adjutant und begann, was
sie ›Kästchenmachen‹ nannte: sie umrahmte mit geübter Hand gewisse
Vierecke in den Listen einer Mobilmachungsänderung. Er hatte sich in
den umfangreichen Bericht vertieft. Beide waren stumm. Zwischen ihnen
braute der Kaffeedampf. Die Uhr tickte. Fern verkündeten Schläge von
einem Turm schwer dröhnend die zweite Stunde. Alles schlief. Nur sie
-- der Mann und das Mädchen -- wachten, für die Sicherheit des Reiches
...
Endlich sprang er auf, klappte den Aktendeckel zu und verschloß alles
im Schreibtisch.
»Gut so!« sagte er laut und befriedigt. »Du machst das wirklich wie
ein Alter! Da ist mir wirklich eine Last von der Seele! ... Mir hat
vor dieser Büffelei geradezu gegraut! Ich danke dir!«
Er drückte ihr die Hand.
»Gute Nacht!« sagte er hastig. »Gute Nacht, liebe Maxe!«
Er vermied es dabei, ihrem Blick zu begegnen. Er wandte sich so rasch
ab, daß er ihr leises ›Gute Nacht‹ kaum mehr hörte, und ging mit
langen Schritten aus dem Zimmer und im Dunkeln auf den Fußspitzen
weiter über den Flur. Sie stand und schaute ihm nach. Ein banges
Frösteln überlief ihre schlanke Gestalt. Sie atmete schwer auf. Dann
löschte sie das Licht, das er in seiner Eile, seiner förmlichen
Flucht, auszudrehen vergessen, und schritt langsam, mit gesenktem
Haupt hinüber in ihre Stube.
Am übernächsten Mittag kam Peter Ottersleben, ihr jüngster Bruder,
von den dreizehnten schlesischen Grenadieren, der für ein paar Tage
in Berlin auf Urlaub war, zu Tisch. Er erzählte als neugebackener
Leutnant eifrig von seiner Garnison und seinem Regiment. In dem waren
zwei Herren, die der Hauptmann von Logow von früher, vom gleichen
Cötus in der Kriegsakademie her, kannte. Sie ließen ihn grüßen. Erich
von Logow fuhr aus seinen Gedanken auf und sagte hastig: »Ja ... ja
... natürlich ... da hast du recht!«
Der junge Schwager lachte.
»Du hast ja gar nicht zugehört!«
»Ja ... verzeih ...«
»Du bist überhaupt so geistesabwesend diesmal! Was hast du denn im
Kopf?«
»Er ist müde!« sagte Maxe. »Laß ihn doch!«
Fast zugleich versetzte Ulla, die die ganze Zeit über wie gewöhnlich
geschwiegen, über ihren Suppenlöffel hinweg: »Ja -- verteidige du ihn
nur immer ...«
Es waren an sich belanglose Worte. Nur eine sonderbare kalte Betonung.
Einen Augenblick flog ein Engel durch das Zimmer. Der kleine Leutnant
merkte nichts. Er meinte harmlos: »Du, Erich! Was machst du nur, wenn
die Maxe mal weggeht?«
Logow zog die Augenbrauen hoch und goß ihm Wein ein.
»Wieso?« frug er dabei schroff.
»Na -- du bist doch so an sie gewöhnt! Sie ist doch deine rechte Hand
...«
»Wer behauptet denn das?«
»Ja. Das merkt man doch! ... Vorhin hättest du sehen sollen, wie sie
auf deinem Schreibtisch abgestaubt hat, so behutsam, als ob jedes
Blättchen von Gold wäre! ... Ich weiß nicht, Maxe -- früher warst du
doch nicht so furchtbar ordentlich ... Ist das erst so, seit du im
Großen Generalstab bist?«
Seine blonde Schwester fuhr ihm mit der Hand über den Kopf wie einem
Kind.
»Ich denk' immer, du spielst noch mit Bleisoldaten, Peterchen ... Und
dabei macht der kleine Mann schon Witze! Na -- sie sind auch danach!
Sei lieber still!«
Sie redeten von anderen Dingen. Aber beim Kaffee fing der junge Bruder
wieder an: »Gestern war ich bei Ottos Schwiegereltern! Du, Maxe --
bei denen hast du den Vogel abgeschossen! Die finden dich reizend!
Besonders der Alte! Der meinte, sie hätten dich zu gern mal bei sich
in Bremen auf Besuch. Aber ich hab' gleich gesagt: Nee! Die darf
nicht! Die hat mein Schwager zu nötig. Die gibt er nicht her!«
Er lachte unbefangen und fuhr dann verblüfft zurück und setzte sich
aufrecht. Der Hauptmann von Logow hatte auf den Tisch geschlagen, daß
die Tassen klirrten.
»Zum Donnerwetter, Peter ... was ist denn das für eine dumme Art? Sei
so gut und hör jetzt mal auf!«
Solch ein Zornausbruch war bei seiner eisernen Selbstbeherrschung
etwas ganz Unerhörtes. Ulla und Maxe schauten schweigend vor sich hin.
Der Kleine saß still wie ein begossener Pudel. Erst als sein Schwager
zu einer Ordonnanz in den Flur gerufen war, forschte er kleinlaut:
»Was ist denn nur mit dem Erich? So kenn' ich ihn ja gar nicht ...«
Ulla stand auf und ging in das Nebenzimmer. Maxe, die sitzen
geblieben war, versetzte ruhig: »Warum ärgerst du ihn aber auch
unnütz, Peterchen?«
»Ich mein' es doch nicht bös! ... Wenn ich ein paar harmlose Späße
darüber mach', daß ihr so ein Herz und eine Seele seid -- wie's alle
tun ...«
»Wieso -- wie's alle tun?«
»Herrgott ... du erschrickst einen ja, Maxe! Sieh einen doch nicht so
an!«
»Du hast eben gesagt: ›Wie's alle tun!‹ ... Also hast du's auch von
anderen gehört?«
»Vielleicht mal ... Aber da ist doch nichts weiter dabei!«
»Nein! Ich wollt' es auch nur wissen!« sagte Maximiliane von
Ottersleben. Sie hatte schon wieder ganz ihre gelassene und hier im
Hause immer dienstwillige Art. Sie wandte den hübschen Kopf zur Tür.
»Gut, daß du kommst, Erich! Der arme Peter sitzt da und hat keinen
Kognak und hat nichts zu rauchen!«
Es war wieder eine Woche später, da trat sie eines Abends gegen zehn
Uhr in das Arbeitszimmer ihres Schwagers. Sie wußte nicht, ob er darin
war. Niemand hatte auf ihr zögerndes Klopfen geantwortet. Innen blieb
sie mit großen, bangen Augen stehen. Erich von Logow saß an seinem
Tisch, im hellen Schein der Lampe. Aber er schrieb nicht. Er hatte
die Arme auf die grünüberspannte Platte gelegt und die Stirne, mit
vornübergesunkenem Haupt, darauf gepreßt. Es war, als ob er schlafe
... oder Schmerzen habe ... oder irgendwie mit sich ringe ... Bei
ihrem Eintritt drehte er sich um und stand langsam auf. Sein dunkles
Haar war verwildert, sein Blick unstet.
»Was willst du denn?« frug er kurz und rauh.
»Erich,« sagte sie leise. »Warum bist du denn so unwirsch mit mir?«
»Verzeih!« Er fuhr sich mit der Hand über die Augen, wie um da
etwas zu verscheuchen, und ging auf sie zu. Nun sah sie deutlich
die Verwüstung auf seinen Zügen. Er lächelte. Er zwang sich zur
Freundlichkeit. »Was möchtest du denn gern, Maxe?«
»Dir helfen -- wie gewöhnlich ...«
»Heute gerade ist nichts zu tun, Kind ...«
»Aber dein ganzer Tisch liegt ja voll ...«
»Das sind leider alles Sachen, an die sogar du nicht heran darfst! Ich
allein! ... Ich dank' dir schön ... Gute Nacht!«
Er gab ihr die Hand. Ihre Finger legten sich ineinander. Die seinen
waren eiskalt. Sie glaubte zu fühlen, wie sie zitterten. Sie ging
nicht. Sie machte noch einen letzten Versuch.
»Es ist aber schon seit einer Woche nichts mehr für mich zu tun,
Erich!«
»Ja. Die gröbste Arbeit ist jetzt Gott sei Dank vorbei!«
»Ach wo! Du warst gestern nacht wieder bis um drei Uhr auf. Ich hör'
dich doch! ... Ich schlaf' ja oft die halbe Nacht nicht ...«
Er erwiderte nichts.
Sie fügte hinzu: »... und ich könnte so gut in den Stunden, wenn alles
so hübsch still ist, sitzen und für dich schreiben. Ich hatte so
Freude daran. Ich war so stolz darauf. Du kränkst mich, wenn du mir
das entziehst ...«
»Es ist besser, wir lassen's!«
Er sprach es kurz. Sie wandte sich um. Beide schwiegen. Sie hörte aus
seinen Worten das nachklingen, was er eigentlich meinte: ›die Leute
reden schon darüber. Die Unbefangenheit zwischen uns ist weg! ...‹ Sie
stand, von ihm abgekehrt, und spielte mechanisch mit der Quaste des
Kanapees neben ihr. Sie fühlte: jetzt schaut er mich wieder von der
Seite an -- lange -- seltsam -- nicht so, wie ein Mann die Schwester
seiner Frau ansehen sollte -- nein -- das ist mehr -- das ist das
andere ...! Eine unermeßliche, grenzenlose Angst hob sich in ihr, hob
sie selbst über sich hier empor, immer höher -- bis zur Betäubung, daß
sie wie in einem Schwindel schwebte, alle Dinge unter sich, in Rausch
und Todesangst vor dem Sturze in die Tiefen. Ein Schauer überlief
sie. Unwillkürlich schloß sie die Augen. Dann vernahm sie hinter sich
eine leise Bewegung. Sie hielt es nicht mehr aus. Sie wandte sich um.
Das Zimmer war leer. Er hatte es schweigend verlassen. Aber in der
Stille der Luft lag es noch wie ein unheimliches Zittern ... Und sie
stand da, das Haupt gesenkt, die Hände gefaltet, mit starren Augen und
halboffenen Lippen, ein Entsetzen vor dem Wunder ...
Als bald darauf ihr Bruder Otto bei ihnen war, frug sie: »Du, sag
mal: ich hatte dich doch gebeten ... hast du nicht auch einmal an
Mama geschrieben, was nun eigentlich mit ihr wird? Sie soll sich doch
einmal über ihre Zukunftspläne entscheiden! Ich krieg' nichts aus ihr
heraus ...«
Der hübsche Artillerist bejahte. Die Mutter erachtete sich vorläufig
noch in Thorn, wo man bei Grotjans Familienzuwachs erwartete, für
unentbehrlich. Sie wollte bis in den Herbst hinein dort bleiben und
dann weiter sehen. Er las den Schluß ihres Briefes vor:
»Maxe ist ja in Berlin so gut aufgehoben, daß ich mich wegen ihr nicht
zu beunruhigen brauche. Sie hat sich wohl jetzt dort ganz eingelebt,
und ich gönne ihr von Herzen die vielen Anregungen und Zerstreuungen.
Sie wird gar keine so große Lust haben, die glänzende Reichshauptstadt
zu verlassen, und nach Ablauf des Trauerjahres mit mir in irgendein
stilles Pensionopolis zu ziehen, wie etwa, woran ich immer mehr denke:
Darmstadt. Was meint Ihr Kinder dazu? Herzliche Grüße an Euch alle!
Eure alte Mutter.«
Maxe senkte den Kopf. Die Hoffnung, anderswo als hier ein Heim zu
finden, war wieder weit hinausgerückt. Ihr Bruder lachte. Er war in
rosiger Laune, wie jetzt immer als Bräutigam. Er wollte jedem etwas
Angenehmes sagen. Erst machte er Ulla Komplimente über ihr Aussehen.
Dann wandte er sich an die jüngere Schwester: »Du, Maxe -- weißt du,
daß du anfängst, in Berlin aufzufallen? Ich bin schon ein paarmal
gefragt worden: wer ist denn die reizende junge Dame in Trauer, die
man jetzt immer mit den Logows sieht?«
»Ach, kümmere du dich um deine Braut.«
Er befühlte den schwarzen Stoff ihres Kleides.
»Ist das das berühmte Kostüm, Maxe?« neckte er.
»Ich weiß nicht, welches du meinst!«
»Erich erzählte mir neulich, wie ich ihn vom Generalstab abholte, ein
Langes und Breites, du hättest eine Toilette -- in der sähst du ganz
besonders gut aus ...«
»Erich fand ein halsfreies Kleid bei Maxe so nett!« versetzte Ulla.
»Seitdem trägt sie alles halsfrei. Heute auch!«
Maximiliane von Ottersleben saß ein paar Sekunden in dem allgemeinen
Schweigen hilflos still. Dann überfiel sie ein Zittern. Sie wurde
plötzlich blutrot. »Das ist nicht wahr!« sagte sie hart und gepreßt,
stand auf und verließ das Zimmer.
Eine Stunde später, nachdem Otto gegangen, suchte sie ihre Schwester
auf. Sie fand sie allein.
»Ich muß mit dir sprechen, Ulla!« begann sie ohne Einleitung. »Was
habt ihr gegen mich? Ihr seid verändert -- in letzter Zeit. Und
täglich mehr. Immer unfreundlicher. Es ist eine Unruhe im Haus.
Ich kann nichts dafür. Und doch ist es für mich wie ein Vorwurf.
Fortwährend. Seit heute kommt nun die offene Kränkung! Von dir aus!
... Und deine Ungerechtigkeit dazu: ich bin nicht kokett. Das weißt
du. Und am wenigsten gegenüber deinem Mann! Aber was heißt das,
jemanden so verletzen, der auf euren Schutz angewiesen ist und unter
eurem Dach wohnt? Ihr braucht mir nur ein Wort zu sagen, so geh' ich.
Wenn ich auch noch nicht weiß, wohin. Ich werd' schon ein Plätzchen
finden! Ich will euch wirklich nicht zur Last fallen, Ulla!«
Die bleiche junge Frau ihr gegenüber war schon wieder dem Weinen nahe.
Sie hatte einen trostlosen Ausdruck in den großen dunklen Augen. Sie
streckte flehend im Sitzen beide Hände nach dem jungen Mädchen aus und
zog sie zu sich heran.
»Es war ja nur wieder eine unbedachte Redensart von mir, Schatz!
Verzeih!«
Ihre Schwester blieb vor ihr stehen und schaute ernst auf sie nieder.
»Ich will hier nicht anklagen und nicht verzeihen! Ich will nur
wissen, wie du auf so was kommst ... Du mußt doch einen Grund haben,
mich kränken zu wollen ...«
Ulla von Logow brach plötzlich in verzweifelte Tränen aus. Sie ballte
die Fäuste, warf sich in den Sessel zurück, zerwühlte, von einem
Weinkrampf geschüttelt, in den Kissen ihr Haar, stieß leidenschaftlich
mit den Füßen gegen den Teppich. Ihre Lippen zitterten, ihr Leib
bebte. Maxe konnte ihr Stöhnen kaum verstehen.
»Ach ... ich ... ich ...«
»Was denn, Ulla?«
»Ich war so dumm! ... So wahnsinnig dumm ...«
»Was heißt das?«
»So dumm kann nur ich sein ... Jetzt büß' ich's ... es geschieht mir
recht ...«
»Ich begreife dich nicht ...«
»Das fehlte auch noch! ... Ach ... Ich Unglücksmensch bin an allem
schuld! Immer mach' ich's falsch ...«
»Was hast du denn falsch gemacht?«
Ulla hörte sie nicht.
»Ach ... hätt' ich nur damals geschwiegen!« murmelte sie verstört
vor sich hin, die Hände ineinandergepreßt. Sie wagte nicht, die
Schwester anzusehen, die sich, die Hand auf ihrer Schulter, forschend,
mit schreckensbangen Augen über sie beugte. Und plötzlich wurde es
Maxe klar: Das war es, wovon sie neulich über mich mit ihrem Mann
gesprochen hat! ... Sie hat in ihrer Eifersucht mein Letztes und
Heiligstes preisgegeben ... Da stieß sie einen halb unterdrückten Laut
des Schmerzes aus. Sie hörte nicht, was ihr Ulla nachrief. Sie floh
aus dem Gemach.
In ihrem Zimmer verriegelte sie die Tür hinter sich, warf sich
erschöpft auf einen Stuhl, stützte den Kopf auf die Hand und sann.
Und was sie auch an Möglichkeiten der Reihe nach an ihrem Geist
vorüberziehen ließ: es blieb schließlich immer nur die eine übrig,
die sie in letzter Zeit schon oft bei sich erwogen. Sie kümmerte sich
nicht darum, daß es bei ihr außen klopfte. Sie erkannte Ullas Stimme.
Sie bat, man möge sie in Ruhe lassen. Als die Schritte im Flur wieder
verhallt waren, faßte sie ihre Kraft zusammen. Sie rückte ihren Sessel
nach dem Ecktisch herum, nahm entschlossen die Feder zur Hand und
schrieb zuerst, militärisch genau als Soldatentochter, die Adresse auf
dem Umschlag.
»An den Königlichen Oberst und Kommandeur des 9. Unterelsässischen
Infanterieregiments Nr. 244, Ritter hoher Orden,
Herrn von Ottersleben
Hochwohlgeboren
Straßburg i. Elsaß.«
Dann den Brief selbst -- so, wie ihn Onkel Bruno in seiner nüchternen,
klaren und bestimmten Generalstabsart liebte, ohne viel Umschweife.
Gleich zur Sache.
»Lieber Onkel!
Seit Papas Tod habe ich kein Heim, sondern muß vorläufig bei den
Verwandten hospitieren. Erichs hier sind sehr lieb gegen mich. Aber
ich war nun lange genug hier. Ich möchte einmal anderswohin. Darf
ich Euch ein bißchen in Straßburg zur Last fallen? Bitte, sag es mir
offen, wenn ich Euch zu viel bin. Ich scheue keine Tätigkeit, vom
Staubwischen bis zum Abschreiben für den Großen Generalstab. Nicht
wahr, Du gibst mir bald Bescheid? Mit herzlichen Grüßen an Dich und
Tante
Deine getreue Nichte
Maxe.«
Sie ging die beiden nächsten Tage wenig aus ihrem Zimmer. Bei Tisch
saß sie still und aß nichts. Des Abends, wenn man beisammen war,
sprach sie kein Wort. Und da Erich von Logow von Natur einsilbig
war und seine Frau sich in die schweigende Teilnahmlosigkeit ihrer
Ehe hineingewöhnt und hineingedämmert hatte, so merkte man jetzt
recht, wie sehr dies stumme Haus bisher durch Maxes gute Laune und
Arbeitsfrische belebt worden war. Die waren nun dahin. Beide, Schwager
wie Schwester, bemühten sich, sie wieder zu erwecken. Sie waren
freundlich zu Maxe, voll einer beinahe ängstlichen Rücksichtnahme, sie
lächelten ihr zu, schlugen ihr Vergnügungen vor, aber sie wich ihnen
scheu aus. Sie war nicht mehr zu fassen. Sie war froh, wenn sie wieder
allein war, und atmete auf, als sie endlich die postwendend pünktliche
Antwort des Onkels in Händen hielt:
»Meine liebe Maxe!
Das war ja eine überraschende und erfreuliche Neuigkeit! Wenn Du
wirklich dem Sündenbabel an der Spree den Rücken kehren willst und
Dich vor uns zwei gesetzten Leuten und der Straßburger Hitze und
den Rheinschnaken nicht fürchtest, wir hängen Dir ein Schild an die
Tür: ›Herzlich willkommen!‹ Seit meine beiden Jungen im Korps sind,
ist unser Haus leer. Wir freuen uns auf ein bißchen Jugend darin und
ernennen Dich feierlich zu unserer Vizetochter! Zu nett von Dir! Wir
danken Dir dafür! Komm bald!
Dein Dich liebender Onkel.«
Und darunter in kräftiger Damenhandschrift: »Und dito Tante!«
Maximiliane von Ottersleben verschloß den Brief sorgfältig und ging
hinüber zum zweiten Frühstück. Das war ein zeitlich schwankendes
Ereignis, je nachdem ihr Schwager vom Dienst kam oder zum Dienst
mußte. Meist wartete man lange auf ihn. Auch heute erschien er
abgearbeitet, schon die Mappe für den Nachmittag in der Hand, und aß
zerstreut und hastig, alle paar Minuten nach der Uhr sehend. Am Schluß
der schweigsamen und ungemütlichen Mahlzeit sagte das junge Mädchen
plötzlich: »Bitte -- versprecht mir, daß ihr jetzt keine Geschichten
macht. Ich dank' euch herzlich für eure Gastfreundschaft. Aber alles
auf der Welt muß ja leider einmal ein Ende haben ...«
»Wieso denn?«
Die Wanduhr schlug dreiviertel Zwei. Erich von Logow sprang mit dem
letzten Bissen im Munde auf und griff nach seinen Akten.
»Wieso denn?« wiederholte er, halb schon im Geiste beim Dienst. »Was
ist denn geschehen?«
»Nichts! Ich fahre nur heute nachmittag nach Straßburg zu Onkel Bruno.
Ich packe jetzt gleich meine Sachen. Geld hab' ich.«
Ulla saß sprachlos da. Ihr Mann riß seine dunklen Augen auf, in
maßloser Verblüffung und Ungeduld zugleich. Er mußte zum Dienst! Er
kam zu spät! Konnte diese Bombe nicht zu einer anderen Zeit platzen?
Und dabei war es doch nur ein Schreckschuß! Er nahm ihn nicht ernst!
So aus heiler Haut reiste man doch nicht plötzlich in die Weite! Das
war nur, um ihm dies alles hier noch schwerer zu machen! Er runzelte
die Stirne.
»Na -- darüber reden wir noch!« sagte er, seinen Überrock zuknöpfend
und den Säbel umschnallend. »Das ist ja heller, lichter Unsinn! Das
weißt du ja selbst!«
»Da gibt's nicht mehr viel zu reden, Erich!«