In dem niedlichen Puppengesicht des jungen Mädchens vor ihm belebten

sich die Augen eine Sekunde in träumerischem Glanz. Während man nach

Tisch im Palmengarten Kaffee trank, tauschten sie und die Mutter

einen Blick. Der Vater unterdrückte ein Gähnen. Er war ein kurzes

Mittagschläfchen gewohnt. Er zog sich geräuschlos zurück. Und der

sonderbare Zufall wollte es: Frau Bannersen mußte draußen einen Besuch

empfangen. Nur auf einen Sprung. Dieser Gast war gar nicht vorhanden.

Statt dessen trat sie zu ihrem Gatten in das Rauchkabinett. Sie

brauchte ihn nicht zu wecken. Er fand heute, trotz seines Phlegmas,

keinen Schlummer, sondern ging, mit den Händen in den Hosentaschen, im

Zimmer herum.

»Sie sind allein drüben im Wintergarten!« sagte sie aufgeregt.

John Bannersen nickte nur. Und vertiefte sich in die wählerische

Untersuchung einer Havannakiste. Sie schwiegen beide. Was sollte man

sich noch viel erzählen? Die Sache war in der Familie ja schon lange

spruchreif. Wohl eine Viertelstunde saßen sie stumm beisammen. Dann

hörte man drüben vom anderen Ende der Zimmerflucht Stimmen. Rasch sich

nähernde Mädchenschritte. Die Portiere flog zurück.

»Papa ... Mama ... bitte, seid mir nicht böse: ich hab' mich eben

verlobt! Da ist Otto!«

Die Mutter schloß die Kleine weinend in die Arme. Der Alte erhob sich,

legte seine Upmann weg und dachte sich philosophisch: Nun soll ich

auch noch so tun, als ob ich mich wunderte! Vor ihm stand der Leutnant

von Ottersleben, hochrot im Gesicht, ganz verwirrt, und stammelte:

»Verlobt darf ich es wohl noch nicht nennen ... Ich mochte nur ganz

gehorsamst um die Hand Ihres Fräulein Tochter ...«

»Kommen Sie mal bitte da herein, Herr von Ottersleben!« sagte John

Bannersen mit geschäftlicher Gelassenheit und führte ihn in ein

Seitenkabinett. Sie blieben darin eine geraume Zeit, in einem Gespräch

unter Männern. Als sie wieder herauskamen und der junge Ottersleben

stürmisch in die Arme seiner Braut flog, sagte sein künftiger

Schwiegervater gedämpft und mit hochgezogenen Brauen zu seiner Frau:

»Ein merkwürdiger junger Mensch! Er hat keine Schulden! Er hat mir

sein Ehrenwort darauf gegeben.«

»Das ist ja reizend, Johny!«

Aber der alte Bannersen war klüger als seine Frau. Er schüttelte

bedächtig das graue Kaufmannshaupt und meinte: »Ein Leutnant ohne

Schulden! ... Der wird mich ein schönes S--tück Geld kosten!«

Es war schon gegen acht Uhr abends, als Otto von Ottersleben das Haus

seiner Braut verließ. Er hatte den ganzen Tag dort zugebracht. Man

hatte alles besprochen: die Verlobung sollte jetzt gleich bekannt

gegeben, die Hochzeit nach dem Manöver gefeiert werden. Er lief

wie berauscht durch die dämmernden, frühlingswarmen Straßen dahin,

er glaubte noch kaum an sein Glück. Er hätte jeden Vorübergehenden

umarmen mögen. Er mußte unter Menschen. Zu seinen Nächsten. Er rannte

durch den Tiergarten in das Hansaviertel, zu den Schwestern und dem

Schwager.

Die saßen gerade beim Abendbrot. Ulla in der Mitte, in einem

Lehnstuhl, ein Kissen hinter sich, noch schwach von der überstandenen

Krankheit, aber mit einem sanften und freundlichen Ausdruck auf den

klassischen Zügen. Neben ihr Maxes lachende, blauäugige Jugend. Und

zwischen dem blonden und dem schwarzen Kopf der Schwestern Erich von

Logows streng geschnittenes, aber jetzt auch lächelndes Profil mit

dem kurzen dunklen Schnurrbart. Die Lampe goß von oben ihr gedämpftes

Licht über die gemütliche kleine Tafelrunde.

»Hurra, Kinder ... ich hab' mich verlobt!«

Es platzte wie eine Bombe in diesen Frieden von Tee und kaltem

Aufschnitt. Es war ein Aufspringen, ein Gedränge, ein Gefrage. Der

junge Leutnant schüttelte Hände, lachte, sah triumphierend um sich,

setzte sich, aß, trank, erzählte in einem Atem, sich an seinen eigenen

Worten begeisternd.

»Na -- wie steh' ich jetzt da? Großartige Geschichte -- nicht? ...

Also ... wißt ihr ... die Adda ist überhaupt süß! Das wird 'ne famose

kleine Frau! Sie läßt euch grüßen. Sie läßt dir, Ulla, und der Maxe

sagen, sie hätt' euch jetzt schon so lieb. Na -- wenn ihr sie nun erst

kennen lernt ... Mir ist ganz schwindlig zumut! Das ging heut wie

Ziethen aus dem Busch! Drauf und hat ihm schon!«

»Ja -- wie ist denn das so rasch gekommen?«

Der Leutnant lächelte geringschätzig.

»Na also ... Die Adda und ich ... wir lieben uns ... Wir lieben uns

also einfach ... das ist die ganze Chose ... das heißt: wir lieben

uns kolossal ... eigentlich ist's natürlich von Haus aus 'ne reine

Herzenssache! Maxe, sei so gut und lach nicht so dumm ... Hast du

dich schon mal verlobt? Nee -- also! Da sei du mal still! ... Gib

mir lieber den Schinken ... Ich hab' seit heute früh nichts mehr

gegessen vor Aufregung ... Danke ... Ja, die Adda mag mich, und das

Schwiegermamachen leckt sich alle zehn Finger nach mir ... Und mit dem

<f>beau-père</f> läßt sich's brillant reden! ... Der alte Herr hat so

vernünftige Vorstellungen vom Leben! Wißt ihr -- was er uns für den

Anfang gibt? -- Na -- ihr erratet's ja doch nicht -- dreißig Mille ...

Da möcht' man vom Stuhl fallen ... nicht?«

»Ach, du lieber Gott! Nicht mehr?«

»Was?«

»Da kannst du ja noch gar nicht heiraten! Das ist ja noch nicht die

Hälfte vom Kommißvermögen!«

Otto von Ottersleben legte seiner Schwester beinahe feierlich die Hand

auf den blonden Scheitel.

»Gott erhalte dir deine Einfachheit, Maxe!« sprach er. »Wie kann man

nur so hübsch sein wie du und dabei so dumm! Die Dreißigtausend sind

doch die Zulage jährlich ... die Zu--la--ge! Der alte Bannersen ist

ein merkwürdiger Mensch! Mir gefällt er! Und die Adda ist ein süßes

Deubelchen! Du bist feierlich zu uns eingeladen, Maxe, wenn wir mal

verheiratet sind! Du wirst dich wundern, mein Kind!«

Seine schlanke blonde Schwester lachte, und goß den deutschen Sekt

in die Gläser. Sie hatte ihn selbst aus dem Keller geholt. Sie war

ein wenig atemlos, ihre Wangen rot vom Treppenlaufen. Die Hängelampe

vergoldete ihr blondes Haar, während sie dastand und behutsam, mit

ernsthaft zusammengepreßten Lippen den weißen Schaum in die Kelche

fließen ließ. Ihr Bruder Otto fand sie in seiner rosigen Stimmung in

diesem Augenblick wirklich reizend. Ihm schien, die anderen auch. Er

fiel ihr um den Hals und gab ihr einen stürmischen Kuß.

»Na -- du alter Pascha!« meinte er, nachdem man angestoßen und sich

wieder gesetzt hatte, vergnüglich zu seinem Schwager. »Wie fühlst

du dich denn so zwischen den beiden Schönheiten? Das ist doch was

anderes, als so 'n klateriger Junggeselle sein! Zu nett ist's hier! Es

hat mir hier noch nie so gefallen wie heute.«

Wieder ließ er den Blick durch die Räume schweifen. Eigentlich hatte

sich nichts verändert, und doch war alles anheimelnder geworden.

Frühlingsblüten und Palmkätzchen standen umher, Blumentöpfe am

Fenster. Den Tisch deckte ein gestickter Läufer. Kleine, mattgelbe

Seidenhüllen milderten das grelle elektrische Licht. Es gab nette

Zutaten zum Essen. Drollige Kissen waren bequem für Ulla auf dem

Diwan aufgestapelt. Nebenan, im Rauchzimmer, waren die Möbel ein

wenig gerückt, so daß der Stuhl für den Hausherrn bequemer stand.

Die Abendzeitung lag davor. Auf dem Tischchen brannte die Kerze zum

Anzünden der Verdauungszigarre. Es war überall mollig. Der Leutnant

von Ottersleben nickte befriedigt seiner älteren Schwester zu.

»Na -- Ullimaus -- wie geht's? Drei Wochen war der Frosch sehr krank

-- jetzt lacht er wieder, Gott sei Dank! ... Fabelhaft hast du dich

'rausgemausert, seit ich das letztemal hier war.«

»Sie pflegen mich ja auch so gut!« sagte die blasse junge Frau. Ein

freundlicher Blick streifte dabei ihren Mann. Der erwiderte ihn.

Sie lächelten sich in stillem Einverständnis zu. Der Leutnant traute

seinen Augen nicht.

»Kinder -- das ist ja zu nett, wie ihr euch da so anplinkert ... ich

will meine Frau auch immer riesig gern haben! ... Kann sie verlangen!

... Na ... Prost, ihr lieben Leute! ... Und auf deinen unbekannten

Zukünftigen auch, Maxe! ... Weißt du übrigens, Erich, daß du auch viel

besser aussiehst, gegen früher? ... So noch vor vier Wochen konnte man

wirklich in Angst um deine Gesundheit sein. Nun ist wohl die tollste

Arbeit im Generalstab vorüber?«

»Ach wo -- rasend hat er zu tun!« rief Maxe eifrig über den Tisch.

»Bei den Eisenbahnleuten stoppt's jetzt vielleicht!« sagte Logow.

»In meiner Abteilung ist die Tretmühle immer gleich. Aber die Nerven

gewöhnen sich allmählich daran. Besonders, wenn man sonst seine Ruhe

hat ...«

Maxe kam eben geschäftig aus dem Nebenzimmer.

»Du, Erich: ich hab' deine Schreibereien doch lieber in die Schublade

getan. Eure Minna versteht zwar nicht Russisch, aber immerhin ...

Vorhin hat auch eine Ordonnanz etwas gebracht. Es liegt unter deinem

Briefbeschwerer rechts. Ich hab' hineingeschaut. Es ist wegen der

Generalstabsreise ...«

»Danke schön!« sagte Erich von Logow in einem Ton, der verriet, daß er

an diese kleinen Hilfeleistungen schon gewöhnt war.

Als er wieder allein mit seinem Schwager bei der Zigarre zusammen saß,

meinte der erstaunt: »Also dafür interessiert sich die Maxe bei euch

auch? Komisch: zu Hause hat sie doch nie viel getan!«

»Hier macht sie einfach alles!« sagte Erich von Logow, »sie ist

unermüdlich! Ich weiß nicht, wie ich ihr danken soll für das, was

sie in diesen Wochen geleistet hat. Sie war uns wirklich ein treuer

Kamerad in der schweren Zeit ...«

Sein Schwager bejahte.

»Ich will dir's ehrlich gestehen: früher war's bei euch ungemütlich.

So etwas Kaltes. Woran es lag, weiß der Kuckuck. Aber man fühlte so:

es hatte niemand so rechte Freude daran ...« er erhob sich und rief

ins Nebenzimmer: »Du, Maxe ... klingen dir nicht die Ohren? ... Hier

wird eben auf dich geschimpft ... nach Noten ...«

»Stör' mich jetzt nicht ...« Maximilianes helle Stimme antwortete es

von drinnen. »Ich muß Ulla ihre Tropfen geben!«

Sie beugte sich über die andere und flößte ihr vorsichtig mit einem

Teelöffel die Arznei ein, nicht wie eine wirkliche, sondern wie eine

barmherzige Schwester. Von nebenan sah ihr Erich von Logow zu. Dann

wandte er sich zu seinem Schwager.

»Das Pflichtbewußtsein hätt' ich der Maxe allenfalls zugetraut. Aber

daß man dabei merkt: sie tut's freiwillig! ... gern! ... Nie sieht man

bei ihr eine saure Miene -- auch wenn Ulla einmal unausstehlich ist --

was übrigens bei ihr kaum mehr vorkommt! ... Die Maxe ist wirklich ein

ganzer Kerl! Wer die mal kriegt, kann sich gratulieren!«

»Aber Zeit wär's nachgerade!« meinte der Leutnant nachdenklich

und rüstete sich zum Gehen. »Wißt ihr eigentlich, warum sie ums

Totschlagen nicht heiratet?«

»Nein. Von sich spricht sie nie. Sie ist darin merkwürdig

verschlossen, trotz ihrer Heiterkeit. Na, gute Nacht, Otto!«

»Gute Nacht! ... Ja ... mein alter Erich, nun tret' ich in deine

Fußtapfen ...«, Otto von Ottersleben küßte galant Ulla die Hand, »...

und hoffentlich mit demselben Glück! Und dich, Maxe, bringen wir jetzt

auch unter die Haube! Wart nur, Schwesterchen! Ist ja schade um dich!

Adieu!«

Sein Schwager geleitete ihn selbst hinunter, um ihm die Haustür

aufzuschließen. Als er zurückkam, fand er Ulla allein im Zimmer.

Maximiliane war drüben beschäftigt, den Tisch abzudecken und das

Geschirr fortzustellen. Denn das Mädchen hatte heute, am Sonntag,

Ausgang, und der Bursche zerschlug ihr zu viel. Erich von Logow

schaute sich behaglich in seinen vier Wänden um. Die paar Gläser

Sekt hatten ihn, der oft die ganze Zeit hindurch keinen Alkohol

trank, angenehm angeregt. Er war gesprächiger als sonst. Er ging, die

Zigarre in der Hand, auf und ab und plauderte mit seiner Frau. Zuerst

natürlich von der Verlobung. Im Grunde seines Herzens billigte er ja

diese für einen Offizier zu reiche Partie nicht, aber schließlich: der

Otto war großjährig. Der mußte selber wissen, was er tat.

»Jedenfalls hat's mich gefreut, daß er heut hier alles so nett

gefunden hat!« meinte er. »Gut, wenn man's auch mal aus anderem Munde

hört! Ich hab' mir schon manchmal gedacht, es ist bei mir bloß

Einbildung, wenn ich mich jetzt daheim so pudelwohl fühle, bei euch

... die ganze verfluchte Mietwohnung hat ein anderes Ansehen! ... Und

wenn's zehnmal alles nur Kleinigkeiten sind -- Herrgott ... aus denen

setzt sich das Leben zusammen. Die großen Tage sind rar!«

»Ja! die Maxe versteht's ...« sagte Ulla. Sie blickte mit einem

eigenen, träumerischen, aber ganz freundlichen Lächeln in das

verschleierte Lampenlicht, in dessen Dämmerung ihr schöner Kopf matt

wie Marmor schimmerte. Er beugte sich zu ihr nieder und gab ihr einen

Kuß.

»Du verstehst's auch, Schatz!« versetzte er.

»Ich? ... Was kann denn ich tun? ... Ich bin ja krank ... Ich sitz'

nur da und lege die Hände in den Schoß ...«

»Aber innerlich hast du dich ganz umgekrempelt!«

Er blickte ihr ermutigend in die schwermütigen Augen. »Fühlst du das

nicht selber, wie dich die Maxe mit ihrem Gewirtschafte und Gesinge

und ihrem Frohsinn allmählich angesteckt hat? Komisch, wie so was

unbewußt in einem vor sich geht! ... Du bist ja wie ausgetauscht,

Herz!«

»Merkst du das wirklich?«

Sie sprach das leise und hob langsam die dunkeln Wimpern zu ihm empor.

Er ließ seine Rechte auf ihrer Schulter ruhen. Er bejahte eifrig und

freundlich

»Na -- du lachst doch seitdem wieder! ... Du schaust einen mal lieb

an! Du hast ein gutes Wort für mich ... Kind ... Dafür ist man doch so

dankbar ... das vermißt man doch so ... Was hat man denn sonst vom

Leben, außer der ewigen Schinderei im Dienst? ... Ich seh's doch sogar

daran, wie du dir die Frisur machst ... und wie du dich anziehst, daß

du wieder ein bißchen Freude an dir hast und mir durch dich Freude

machen willst! In Worte läßt sich das nicht so fassen ... es ist so

etwas Unbestimmtes ... So wie es eben sein soll und leider Gottes

zwischen uns nicht mehr war.«

Er setzte sich neben sie und faßte ihre Hände.

»Große Worte wie eben kann man ja nicht immer machen! ... Aber die

hundert alltäglichen kleinen Geschichten, die reden auch ihre Sprache.

Die sind wie ein Gleichnis dafür, daß man sich gern hat. Glaub mir:

man ist dafür empfänglich, auch wenn man es nicht sagt, es kaum zu

bemerken scheint!«

»Ach -- du bemerkst es wohl. Alles, was sich die Maxe so ausdenkt! ...

Sie ist ja auch kolossal erfinderisch darin, es dir bequem zu machen

...«

Die junge Frau lächelte müde. Er sah sie befremdet, etwas ernüchtert

und aus seiner gehobenen Stimmung gerissen, an und sagte dann

nachdrücklich: »Ich rede jetzt gar nicht von mir! Bei dir bemerke ich

die segensreiche Veränderung! ... Die kann ich nicht mir zuschreiben,

sondern deiner Schwester. Wir alten Eheleute können wirklich von

ihr lernen, wie man das Leben von der rechten Seite nimmt! Sie gibt

uns das gute Beispiel, weil sie den guten Willen hat! Darauf kommt

schließlich alles an, Ulla!«

»Ja. Lob sie nur ...«

»Aber Ulla -- was ist denn das für eine Empfindlichkeit?«

»Sie ist eben gesund, und ich bin krank!«

»Und ich danke meinem Schöpfer, daß ich sie, wie du krank warst,

gebeten hab', zu kommen und dich wieder gesund zu machen. Sie wird

auch einmal wieder gehen. Aber wir wollen für uns die Lehren aus der

Zeit ziehen, liebste Ulla ...«

Sie erwiderte nichts, sondern blickte still und leer, mit einem

Anflug ihrer früheren Teilnahmlosigkeit vor sich hin. Er erhob sich

achselzuckend und nahm seine Wanderung durch das Zimmer wieder auf.

In der Ferne hörte man durch die geschlossenen Türen Tellergeklapper

und Maxes leichte, geschäftige Schritte im Flur. Ihre Schwester wandte

einen Moment aufhorchend, unruhig den Kopf und ließ ihn dann müde

wieder sinken.

»Lehren aus der Zeit?« wiederholte sie, halb geistesabwesend. »Wie

soll ich denn das machen?«

Er unterdrückte eine Ungeduld, daß er gerade jetzt, in dieser seltenen

Feiertagstunde zwischen ihnen, wieder an ihrem Ohr vorbeisprach. Sie

verstand auch nie, den rechten Augenblick bei ihm wahrzunehmen. Er

trat näher zu ihr heran.

»Einfach dir sagen: was die Maxe gekonnt hat ...«

»Du machst mich schon ganz nervös mit der ewigen Maxe ...«

»Bitte, laß mich ausreden: was die Maxe gekonnt hat, das kann ich

auch! In Zukunft hier im Hause frisch und frei und fröhlich sein,

dich auch ein bißchen um meinen Beruf kümmern -- meine dienstlichen

Interessen teilen, wie es die Maxe tut -- ein gemeinsames Leben mit

mir führen!«

»Das Leben ist so schwer!«

»Aber wir haben uns nun einmal gelobt, es Hand in Hand zu gehen!

Schau, Ulla: du hast in diesen letzten Wochen so einen guten Anfang

gemacht, zum erstenmal in unserer Ehe -- ich hab' wohl gefühlt, wie du

dich manchmal, trotz deiner Schwäche, zusammengenommen hast ... Ich

bitte dich, bleib so ... bleib auf dem Weg, auf den dich schließlich

eben doch die Maxe gebracht hat -- bleib nicht wieder stehen, wenn sie

uns mal verläßt ... Mir ist schrecklich zumut bei dem Gedanken, daß

dann das alte Elend wieder anfangen könnte ...«

Sie sagte langsam, mit einem forschenden Blick von unten: »Möchtest du

denn, daß sie fort wäre?«

»Einmal wird sie's natürlich tun! Je länger sie bleibt, desto lieber

ist mir's ...«

»Das glaub' ich ...« Sie murmelte es vor sich hin.

Er überhörte es. Er fuhr fort: »Denn desto mehr befestigt sich der

gute Geist, der durch sie in unser Haus gekommen ist! ... Paß nur mal

auf, Ulli -- nun wird alles gut!«

Er zog ihre Hand an die Lippen und drückte einen Kuß darauf. Sie ließ

es geschehen. Sie stak mit der Hartnäckigkeit der Kranken in ihren

eigenen Gedanken fest.

»Ich hoff' es ja auch, Erich! Aber wenn du mit mir zufrieden bist --

warum du mir da eigentlich immer und immer wieder die Maxe als Vorbild

vor Augen stellst ...«

»Ich spreche gar nicht von der Maxe! Du fängst immer an!«

»Nein. Du!«

Er beherrschte seinen Unmut.

»Von Vorbild ist gar nicht die Rede! Ich meine nur: wenn sie das hier

spielend, im Handumdrehen fertig bringt -- das ist doch ein Beweis,

daß du als meine Frau in unseren vier Pfählen erst recht Sonnenschein

verbreiten kannst, wenn du nur willst. Ich hab' mir schon manchmal

gedacht: es fehlt dir nur an Mut! Du traust dir nicht so viel zu! Aber

du kannst mir so unendlich viel sein! Ich muß es dir in dieser Stunde

sagen. Es gibt Stunden -- in denen muß man reden!«

»Nun -- hauptsächlich redest du ja von der Maxe.«

»Aber ... Ulla ...«

»Sie kann wirklich stolz darauf sein, wie du sie bewunderst!«

Er zog unmutig die Brauen hoch.

»Ich begreife dich nicht! Ich hab' ihr selber nie ein Wort darüber

gesagt! Du auch nicht! Aber wenn wir hier unter uns sind, müssen wir

es uns doch eingestehen: mit solchem Pflichtgefühl wie sie hat man

doch vollen Anspruch auf unsern Dank!«

»Schau mal her!«

»Wieso?«

»Ach -- laß mal! ...«

»Was soll denn das nun wieder heißen, Ulla?«

»Nichts!«

»Du bist wirklich komisch!«

»Du auch!« sagte die junge Frau mit einem gepreßten Seufzer. Und nach

einer Weile seltsamen Schweigens setzte sie hinzu: »Jedenfalls hab'

ich jetzt genug von der Maxe und ihrem Pflichtgefühl gehört.«

»Warum betonst du denn das Wort ›Pflichtgefühl‹ so ironisch?«

»Gott -- ich denk' mir mein Teil!«

»Findest du denn nicht, daß sie ihre Pflicht in vollem Umfang tut?«

»Oh -- noch viel mehr als das!«

»Nun also! Das muß man doch auch anerkennen.«

»Mir tut sie leid ...« Ulla lächelte sonderbar vor sich auf den Boden

nieder.

»Das braucht sie gar nicht! Sie fühlt sich ganz wohl in ihrer Haut.

Ich hab' alle Hochachtung vor dem Mädel! Ulla ... verzeih ... aber du

hast wirklich auf einmal einen Gesichtsausdruck an dir ... Ich weiß

nicht, wie ich den deuten soll.«

Es zuckte fiebrig um ihre Mundwinkel. Die bewahrten dabei immer noch

das rätselhafte Lächeln.

»Ach, komm, wir wollen schlafen gehen!« sagte sie aufstehend und

unterdrückte ein Gähnen. »Ich bin müde. Und du bist ein blinder Hesse

... Also gut!«

Sie schritt nach der Tür. Er stellte sich mit gerunzelter Stirn vor

sie hin. Seine Stimme klang unangenehm fest.

»Nee -- bitte gehorsamst ... Mit diesen undeutlichen Anspielungen

sagen wir uns nicht gute Nacht! Nun gefälligst heraus mit der Sprache!

Was meinst du eigentlich?«

Da warf sie den Kopf zurück und lachte gereizt auf.

»Bildest du dir wirklich ein, die Maxe drängte sich überall so zur

Hilfeleistung wie hier? Ach, du lieber Gott! Ich kenne sie doch!

Länger als du! Besser als du! Sie ist so wenig ein Engel wie wir

andern! Sie ist auch nur ein Mensch! Sie weiß schon, warum sie sich

dir so aufopfert! Und ich weiß es auch!«

Er trat einen Schritt zurück.

»Ulla -- um Gottes willen ... Überlege, was du da sagst.«

Sie erwiderte nichts. Sie nagte nervös an der Unterlippe, als bereute

sie schon ihre im Zorn herausgestoßenen Worte.

»Ulla -- ich weiß nicht, ob ich dich recht verstehe? Was meinst du

damit?«

»Nichts! Gar nichts! Ich hätt' überhaupt still sein sollen! Es wäre

besser gewesen! Ich hab' auch gar nichts gegen die Maxe! Sie ist ja

wirklich so gut und nett. Aber du ärgerst mich nun schon seit einer

geschlagenen Stunde mit ihr ...«

»Bitte, jetzt keine Umschweife! Was war der Sinn deiner Antwort

vorhin?«

»Gott ... ich hab' es dir ja schon seinerzeit einmal gesagt -- gleich

am Tag nach unserer Verlobung -- sie hätte was für dich übrig!«

»Ja, damals hast du diesen Unsinn behauptet!«

»Und sie hat's noch! Sehr sogar! Mehr als mir lieb ist!«

»Ulla!«

»Wenn ich in so was bösartig wär', hätt' ich längst Lärm geschlagen.

Aber ich bin nicht so ...«

»Ulla ... wenn du das dir einbildetest, hättest du es mir beizeiten

sagen müssen!«

»Habt ihr mich denn gefragt? Ich war ja krank, wie sie kam!«

Weicher, die Hände bittend gefaltet, setzte sie hinzu: »Und ich kenn'

dich doch: Erich! Ich weiß ja: ich kann ruhig sein! ... Schau mich nur

nicht so an! Gott ... hätt' ich doch nicht geredet!«

Die Tür ging auf. Eine helle Mädchenstimme rief: »Du, Erich ... da ist

noch viel Bier in der Flasche! Willst du's nicht austrinken?«

Maxe stand auf der Schwelle. Sie hatte sich die Tür mit dem Ellbogen

aufgeklinkt. In den Händen hielt sie ein Tablett. Ihr fröhliches

Gesicht veränderte sich. Sie sah die beiden, wartete umsonst auf

Antwort, merkte, daß man von ihr gesprochen. Sie verfärbte sich

langsam. Er gab sich alle Mühe, sich zu beherrschen.

»Danke schön!« sagte er mit ruhiger Stimme und goß sich ein. Während

er trank, schaute er über das Glas hinweg auf sie. Ihre Blicke trafen

sich und irrten blitzschnell auseinander. Es war ein Schweigen ...

8

Der Hauptmann von Logow hatte länger als gewöhnlich im Dienst zu tun

gehabt. Die Uhr zeigte Mitternacht, als er sein Haus im Hansaviertel

betrat. Oben im Flur war es totenstill. Alles schlief schon. Auf den

Fußspitzen, um niemanden zu wecken, durchmaß er den dämmerigen Salon,

in den von nebenan, aus seinem Arbeitszimmer ein Lichtschimmer fiel.

Denn auf seinem Tisch brannte ein für allemal jeden Abend in Erwartung

seiner Rückkehr die Lampe und harrte seiner das Schreibwerk in der

großen, festverschlossenen ledernen Mappe.

Aber heute war der Stuhl davor nicht leer. Auf der Schwelle stehend,

sah er über dessen Lehne einen blonden Mädchenkopf, der sich emsig

über ein Blatt Papier auf der Tischplatte beugte. Ein Aktenstück war

davor, schräg gegen die Lampe gestellt. Sie schrieb es ab, ruhig,

gleichmäßig, ohne einmal anderswohin als nach dem militärischen

Dokument vor ihr aufzublicken. Unter der grünen Glocke her umwob

das elektrische Licht ihr Haupt mit einem goldenen Schimmer, in dem

einzelne verirrte Haarsträhnchen durchsichtig wie gesponnene Seide

schimmerten. Ihr schmales, hübsches Gesicht, von dem er nur das

Halbprofil sah, trug einen aufmerksamen Ausdruck. Sie war mit tiefem

Ernst bei der Sache, um nichts zu verfehlen. Zuweilen wiederholten

ihre Lippen murmelnd ein schwieriges Wort und prägten es sich so

besser für das Abschreiben ein. Ihre weiße Hand glitt regelmäßig auf

dem schimmernden Blatt hin und her. Das leise Knirschen der Feder war

der einzige Laut in der Stille der Mitternacht, in der sie dasaß und

für ihn wachte und für ihn tätig war.

Du Schwert an meiner Linken · 第 9 / 27 段