alles gesagt hab'! Du ahnst nicht, wie mir zumut ist. Was glaubst
du, was mich das kostet, jemanden um so etwas zu bitten, weil ich
keinen anderen Ausweg sehe? Du mußt mir doch als meine Schwägerin
zum mindesten deinen guten Willen zeigen, mir zu helfen! Sprich doch
wenigstens einmal mit ihr!«
Sie zögerte.
Er murmelte finster: »Glaub mir, ich bin schon halb entzwei durch
die Geschichte! ... Ich bin nicht mehr der Alte! ... Ich fürchte,
andere merken's auch schon! ... Die Vorgesetzten machen manchmal so
Gesichter. Es ~muß~ anders werden!«
Seine Stimme zitterte. Auf seinem Gesicht lag, soweit sie es in der
Dämmerung noch erkennen konnte, eine Angst, die es ganz fremdartig
erscheinen ließ. Sie kämpfte mit sich. Dann sagte sie mit Überwindung:
»In Gottes Namen: ich will's probieren und mit ihr reden ... Aber nun
möcht' ich nach Hause. Mama wartet!«
Ein paar Tage darauf war heller Frühling über Berlin gekommen. Ulla
von Logow saß zum erstenmal seit ihrer Erkältung in ihrem Heim am
offenen Fenster, am Nachmittagsteetisch, ihrer Schwester gegenüber,
in der wohltuenden Müdigkeit der Genesenden. Die frische Luft belebte
sie. Der feine Duft der von Maxe mitgebrachten Veilchen erfüllte das
Zimmer.
»Ach ja -- meine alte Maxe ...« sagte sie zu der blonden Jüngeren,
zog sie zu sich heran und küßte sie. Sie war heute besonders zärtlich
zu ihr, schwesterlich weich. Dann ruhte sie still, die Hände
verschlungen, und schaute hinaus in den Sonnenschein. Sie seufzte
und strich sich die Haare aus der Stirn. »Gott ja ... Maxe ...«
wiederholte sie träumerisch. Ein leises Husten kam über ihre Lippen.
»Ullchen, du wirst dir wieder was holen in dem Zugwind am offenen
Fenster!«
»Ach -- laß schon!«
»Warte nur, was Erich dazu sagen wird. Wann kommt er denn?«
Sofort flog ein Schatten über die blassen Züge der anderen. Die wurden
plötzlich wieder starr. Sie hob die schmalen, abfallenden Schultern.
»Weiß ich's? Da mußt du am Königsplatz fragen! Dort wohnt er doch!
Hier erscheint er doch nur zum Essen und Schlafen!«
»Ulla -- sei doch nicht so bitter!«
»Ich bin ja schon wieder still!« sagte die junge Frau und hob das
dunkle Haupt gegen eine laue Luftwelle, die der Märzwind durch das
Fenster trieb. »Ach ... der Frühling ... himmlisch ... nicht? ... Aber
was hat man davon hier in Berlin? ... Was hat man überhaupt ...?«
Sie schaute die Schwester an. Ein sonderbares, leidvolles Lächeln
verzog ihre Mundwinkel.
»Du hast schon das beste Teil erwählt, Maxe ... möchtest du noch Tee,
Schatz? ... Nein? ... Du warst schon die Klügere! ... Das heißt: du
wirst ja freilich auch heiraten. Natürlich. Man muß. Was soll man
sonst? Ich wünsch' dir Glück! Es ist reine Glückssache -- weißt du!
... Man tappt mit verbundenen Augen hinein, und dann wird's mal so,
mal so!«
»Man kann doch auch etwas dazu tun.«
»Was denn?«
Maxe Ottersleben rückte sich zurecht.
»Ja -- ich red' ja von der Ehe wie der Blinde von der Farbe ... Ich
meine nur ... Im allgemeinen: die Männer -- wenigstens in unseren
Kreisen, und unter ihnen gerade die Männer, die uns gefallen -- die
haben doch alle was Hartes, Steifnackiges -- die können sich nicht
leicht anpassen ...«
»Untereinander passen sie sich schon an, wenn einer der Vorgesetzte
ist!« sagte die junge Frau phlegmatisch.
»Ja eben! Das sind doch alles Offiziere! Sie haben nicht nur eine
Frau, sondern auch einen Beruf. Dein Mann weiß ja manchmal wirklich
nicht mehr, wo ihm der Kopf steht vor Arbeit ...«
»Ja ... und?«
»Und ... soll ich weiterreden, Ulla?«
»Sprich nur ungeniert!«
»Und ... wenn er nun nach Hause kommt ... er braucht doch Rücksicht
... Er braucht doch Entgegenkommen ... Ulla ... du als Frau mußt das
doch besser wissen ... fühlt man nicht in sich die Pflicht, einen
Mann, wenn man ihn schon genommen hat, auch glücklich zu machen, so
weit man kann?«
»Ja -- wenn ich's nur könnte ...« sagte Ulla von Logow und schob ihre
Tasse weit von sich über den Tisch.
Plötzlich begann sie zu schluchzen. Sie weinte hellauf in den Armen
der Schwester.
»Wenn ich's nur könnte, Maxe! ... Aber ich kann's nicht! Ich bin doch
nicht böse! Ich bin doch ein Mensch wie andere. Ich bin, wie ich bin!
Ich kann mich nicht anders machen. Ich möcht' mich ja gern anders
machen. Ich weiß nur nicht, wie. Man soll es mir nur sagen. Aber er
sagt es mir nicht!«
Die Tränen erstickten ihre Stimme. Sie stammelte in einem halb
kindischen Weinen: »Er steht da und schaut mich an und erwartet Wunder
was von mir! Ich bin doch kein Wundertier. Ich kann nicht hexen. Da
wird man ganz irr. So mutlos. So müde. Und wenn ich mir auch Mühe gebe
-- man macht ihm ja nie etwas zu Dank! Immer hat er sich's anders
vorgestellt, als es dann wird. Da läßt man lieber schon alles, wie's
ist!«
Dann hob sie heftig das Haupt: »Ich langweile ihn! Was ich rede, ist
unter seiner Würde! Er geht weg und läßt mich allein. Daß ich nicht
so bin wie er, begreift er nicht! Glaubst du, der hohe Herr gibt sich
je die Mühe, in ~meine~ Welt hinunterzusteigen? Er denkt nicht
dran! ... Ich sitz' ihm hier lange gut und blase Trübsal! Er hat doch
gewußt, daß ich nicht zu solch einer Hausmutter erzogen worden bin.
Immer wurd' ich daheim auf Bälle geschleppt und ausgestellt! Ich war
das Prunkstück der Familie. Der Mittelpunkt ... das ist doch wahr --
nicht?«
»Ja, gewiß, Ulla!«
»Ja -- und nun? ... Da hock' ich! Manchmal kommt 'ne Woche lang kein
Mensch! Ihn stört's nicht! Er hat ja bis über die Ohren zu tun! Und
ich? Pah -- was kommt's denn auf mich an? Ich kann ja hier gähnen!
... Und ich hab' doch auch Ansprüche ans Leben, Maxe -- so gut wie er
...!«
»Das freilich!«
»Aber das übersieht er eben ganz. Da ist man nun in Berlin! Man ist
jung. Man ist hübsch. Man möchte sich ein bißchen amüsieren. Um einen
sind die Masse Menschen, Geselligkeit -- Feste -- Theater -- Konzerte
-- Basare -- Tees -- was weiß ich ... man kann's mit Händen greifen
... ich hab' gedacht: da komm' ich nun als Frau mitten hinein! -- und
alle Türen stehen einem ja auch wirklich offen -- aber ich kann doch
nicht immer allein hin ... Und er geht eben nicht mit! Ein anderer
hätte doch den Ehrgeiz, eine Frau wie mich zu zeigen! Er wäre stolz
auf mich! Ihm ist's gleich. Er kennt nur seinen Ehrgeiz im Dienst! Ich
bin ihm gerade gut genug, daß die Suppe warm ist, wenn er heimkommt.
Weiter nichts! ... Ich möchte nur wissen, warum er mich eigentlich
geheiratet hat ...«
Sie knirschte es zwischen den zusammengebissenen Zähnen. Sie war
atemlos vom langen Sprechen. Ihre Tränen waren versiegt. Das junge
Mädchen, das neben ihr kniete, strich ihr stumm, beruhigend mit der
schmalen Hand über den Scheitel. In ihr gab etwas der Schwester recht.
Aber sie sprach es nicht aus. Sie wollte nicht noch Öl ins Feuer
gießen. Sie stand auf.
»Ulla! So schroff mußt du nicht sein! Er liebt dich doch! ... Sonst
hätt' er dich doch nicht haben wollen! Schau: du mußt sein Leben mit
ihm teilen -- nicht er deines mit dir. So mußt du das auffassen! ...
Jetzt mache ich aber das Fenster zu ... Es wird kalt!«
Ulla hustete.
»Ich kann doch nicht mit ihm in den Generalstab gehen!« sagte sie
erbittert. »Alle seine Mobilmachungen und Akten und Pläne sind mir
ein Greuel, weil er sich denen widmet und nicht mir! Mit mir kann er
sich nicht unterhalten! Mit seinen Kameraden bis tief in die Nacht! Da
schieben sie ihre Bleiklötzchen auf den Landkarten hin und her. Der
große Eßtisch drinnen wird immer abgeräumt, für das Kriegsspiel. Da
wird er nicht müde! ...«
Maximiliane von Ottersleben wurde wider Willen eifrig: »Du mußt dich
eben auch für diese Dinge interessieren, Ulla! Für alles, was ihn
freut! ... Du mußt versuchen, auf seine Höhe zu kommen. Er hilft dir
gern! Und wenn man nur erst den Schlüssel zu ihm hat, dann kann er
einem doch gewiß so viel geben!«
»Ja, singe du nur sein Lob!«
»Ich sage nur, was alle sagen: Er ist doch ein bedeutender Mensch. Als
solcher hat er natürlich auch seine Fehler. Aber er gleicht sie durch
große Eigenschaften wieder aus. Vielleicht kommt er noch einmal in die
höchsten Stellungen in der Armee -- Papa meinte es immer. Da muß es
dann doch ein glücklichmachendes Gefühl sein, ihn auf solch einem Weg
begleitet zu haben. Darauf kann man dann stolz sein! Dem Gedanken muß
man Opfer bringen, Ulla!«
Das junge Mädchen hatte sich in Eifer geredet. Da fing sie einen ganz
veränderten mißtrauischen Blick ihrer Schwester auf, ein Lächeln: »Du
legst dich ja kolossal für meinen Mann ins Zeug!«
»Ich rede nur, wie ich's meine!«
»Du ... Maxe ...«
»Ja ...«
»Schau mich mal an ... so ... ins Gesicht ...«
»Warum?«
»Sag mal: du hast wohl immer noch was für ihn übrig?«
»Ulla!«
»Von damals her, mein' ich ... Aber was hast du denn? Warum nimmst du
denn deine Jacke? ... Warum willst du denn auf einmal weg?«
Maxe Ottersleben stand blaß, sich zur Ruhe zwingend, vor ihr.
»Natürlich muß ich gehen! ... nachdem du mir ~das~ gesagt hast!«
»Aber Maxe ... liebe Maxe ... Du weißt doch, wie ich bin! ... Ich bin
so nervös! ... so gereizt! ... so ganz auseinander! Maxe ... sei nicht
böse!«
»Nein! Nur traurig! Adieu!«
»Bitte -- bleib! ... Maxchen ... es war doch nur ein Scherz!«
»Mit so was spaßt man nicht, Ulla!« Das junge Mädchen knöpfte sich mit
zitternden Fingern die Jacke zu. »Ich weiß nicht, ob es dir bekannt
ist: Dein Mann hat mir dringend angeboten, ich möchte auf eine Zeit zu
euch ziehen ...«
Ulla hob flehend die Hände.
»Ach ja ... bitte ... bitte ... tu das! Ich wär' so froh! Ich danke
meinem Schöpfer, wenn ich jemand Lieben um mich hab'!«
»Ich hab' gleich ~nein~ gesagt! ~Wie~ recht ich hatte, das
seh' ich erst jetzt! ... Also -- weiter gute Besserung, Ulla!«
Sie eilte aus dem Zimmer. Die junge Frau blieb hilflos sitzen und
brach nach einer Weile von neuem in Tränen aus. Sie weinte noch,
als der Hauptmann von Logow eintrat und, durch die Gewohnheit schon
abgestumpft, nur mit einem schweren Seufzer frug: »Na -- ist die
Wassermühle wieder in Gang? ... Was hat's denn gegeben?«
Da schluchzte sie auf: »Siehst du -- nun hab' ich auch wieder die Maxe
vor den Kopf gestoßen! Sie ist ganz gekränkt weggerannt -- das arme
Schaf! Und dabei war sie so gut und lieb zu mir! Ich bin wirklich eine
unglückselige Person ...«
Den ganzen Abend war sie müde und angegriffen. In der Nacht bekam
sie starkes Fieber. Der aus dem Bett herbeigeholte Arzt machte
ein bedenkliches Gesicht. Er wollte wissen, ob sie irgendeine
Unvorsichtigkeit begangen habe, und erfuhr, daß sie bis in den Abend
hinein am offenen Fenster gesessen.
»Ja -- davon haben wir nun glücklich den Rückfall!« sagte er. »Mit
unserer feuchten Märzluft ist nicht zu spaßen! Wir müssen nun
abwarten, was daraus wird.«
Gegen Ende der Woche saß Maximiliane allein in dem düsteren Hofzimmer
des Hospizes, in dem sie mit ihrer Mutter in Charlottenburg wohnte.
Der Abend dämmerte. Draußen war das Kommen und Gehen einer Pension.
Türenschlagen. Stimmen. Es war viel Landadel im Hause, Pastoren,
ältere Junggesellen. In jedem Zimmer lag eine Bibel. An der Wand
hing ein frommer Spruch. Sie buchstabierte mechanisch: »Volk! Volk!
Höre des Herren Wort!« Da klopfte es. Ein Offiziersbursche stand
auf der Schwelle. Er brachte einen Brief, machte linksum kehrt und
verschwand. Sie hielt das Schreiben in der Hand. Sie erkannte die
Schrift Erich von Logows. Sie trat ans Fenster, öffnete und las:
»Liebe gute Schwägerin Maxe!
»Du weißt schon von dem neuen Pech! Ulla liegt! Wie lange, wissen
die Götter! Sie ist unglücklich, und ich quäle mich mit bei ihren
Klagen, sie sei von früh bis spät mutterseelenallein und fühle sich
verlassen, einer bezahlten Pflegerin anvertraut, und niemand sonst
kümmere sich um sie! ...
»Wer soll da kommen und helfen? Mama ist selbst viel zu angegriffen
und bedarf der Ruhe und Erholung. Hier brauchen wir jemand
Resoluten, der den Kopf oben behält! ... Maxe, kannst Du's denn
wirklich verantworten, uns da im Stich zu lassen? Ist es nicht Deine
Menschen- und Schwesterpflicht, unserer Bitte zu folgen?
»Ulla macht sich Vorwürfe, Du hättest ihr ein unbedachtes Wort
übel genommen. Was es war, will sie mir ums Totschlagen nicht
eingestehen! Es wird schon eine Dummheit gewesen sein. Aber Du
kennst sie doch. Du hast neulich selbst gemeint, sie sei krank
und man dürfe ihr Gerede nicht auf die Goldwage legen. Ich finde,
daß schon Deine kurze Unterhaltung mit ihr neulich sie zu ihrem
Vorteil verändert hat. Sie ist, trotz ihrer Schwäche, seitdem viel
geduldiger und liebevoller gegen mich. Du könntest solch guten
Einfluß auf sie ausüben, mit der Ruhe und Ausgeglichenheit Deines
Wesens, die über Deine Jahre hinausgeht ...
»Setz Dich in meine Lage! ... Heute nacht muß ich wieder abwechselnd
ein Geheimdokument abschreiben, den Eisbeutel füllen und auf dem
Gaskocher Tee machen. Denn die Diakonissin muß doch auch einmal
schlafen! ... An irgendeiner der drei Stellen begeh' ich sicher eine
Dummheit. Und Du hast doch gar nichts vor. Bist ganz frei. Ich bitte
Dich inständig: Hilf mir! ... Komm! Nur auf ein paar Wochen, bis
das Gröbste vorbei ist! ... Ich wäre Dir so dankbar! Ich drücke Dir
schon im voraus von Herzen die Hand als Dein getreuer und ohne Dich
ganz ratloser Schwager
Erich.«
Maximiliane zerdrückte langsam das Blatt in der Hand. Ihre erste
Regung war: Nein! -- Nein ... Es geht über meine Kraft. Es schmerzt zu
sehr.
Sie erhob sich. Sie kämpfte mit sich. Sie schritt auf und nieder.
Sie setzte sich wieder hin, vor ihre Briefmappe, und sann: Welchen
Vorwand kann ich nur finden, um ›nein‹ zu sagen? Es fiel ihr nichts
ein. Und allmählich änderte sich ihre Stimmung. Sie wurde weich. Sie
sah ihn im Geist in seinen Sorgen am Bett der kranken Frau, erschöpft
von Tagesarbeit und Nachtwachen. Er hatte es wirklich nicht leicht im
Leben. Man mußte es ihm nicht noch schwerer machen. Man mußte nicht an
sich denken, sondern an ihn.
Sie kam, wie sie da still mit verschlungenen Händen in der Dämmerung
kauerte, in eine Barmherzige-Schwester-Schwermut hinein, voll
Opferwilligkeit und Entsagung. Voll Schmerz und Lächeln. Voll
Losgelöstsein von sich selber. Voll Erkenntnis, daß es auch eine Lust
im Leiden gibt. Sie erschien sich rein. Sie fand einen Trost darin,
unglücklich zu sein, aber hilfreich und gut. Zu schweigen und zu
dienen. Und die beiden nicht entgelten zu lassen, was sie ihr getan ...
Sie war entschlossen, den Dornenweg zu gehen. Und fand doch immer
noch nicht die Kraft dazu. Sie stand mitten im Zimmer und träumte und
schrak zusammen. Ihre Mutter trat aufgeregt, vom Krankenbesuch bei
Ulla kommend, ein.
»Das sind dort unmögliche Zustände, Maxe ...!« versetzte sie, noch
atemlos vom Treppensteigen. »Alles geht drunter und drüber. Die reine
polnische Wirtschaft. Und du legst hier die Hände in den Schoß. Papa
hätte dich schon lange hinspediert!«
»Ich glaube, Papa hätte das meinem eigenen Pflichtgefühl überlassen,
Mama!«
»Und was sagt dir das?«
Maximiliane zögerte eine Sekunde. Dann versetzte sie ruhig: »Natürlich
muß ich hin! Ich seh's ja ein!«
Ihre Mutter küßte sie. Sie ließ es stumm geschehen. Sie hörte, wie
Frau von Ottersleben dann draußen telephonierte und ihre Ankunft
meldete. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Sie sagte sich: Ich lieb'
ihn -- ich lieb' ihn wirklich -- aus ganzer Seele und aus reinem
Gemüt, sonst würde ich nicht das eine wünschen, daß er nur glücklich
ist -- auch ohne mich -- aber durch mich -- mit ihr. Ich will mich zum
Opfer bringen. Ich will auf Ulla einwirken. Ich will versuchen, ihn
glücklich zu machen mit seiner Frau und durch seine Frau, so gut ich's
vermag ...
7
Der Leutnant Otto von Ottersleben benutzte den Sonntagvormittag zu
einem Spazierritt in den Tiergarten. Er trabte schweigend zwischen
seinen Freunden, dem in seiner blauen Attila weithin leuchtenden
Leutnant von Wrobel und dem Baron Lohgrewe. Hinter ihren Hufen
klatschten die Kotbrocken auf den morastigen Weg. Die Sonne schien
schon warm. Es war Anfang April. Sie kamen am Zoologischen Garten
vorbei zum Hippodrom, galoppierten über die Hindernisse und zurück zum
Wasserturm, alles in stummem Ernst. Dann verfielen sie in Schritt.
Der Baron warf seiner Stute die Zügel über den Hals und wollte sich
oben im Sattel eine Zigarre anzünden. Da fuhren die beiden Offiziere
und er mit zusammen wie beim unvermuteten Anblick eines Vorgesetzten.
Und doch war weit und breit auf der Tiergartenstraße keine Uniform
zu sehen. Nur eine Familie kam ihnen da entgegen, Vater, Mutter
und Tochter, die beiden Damen mit schwarzen kleinen Gesangbüchern
in den Händen, auf dem Rückweg vom Gottesdienst im Dom nach ihrer
Villa am Kurfürstendamm. Kirchlichkeit war vornehm in Berlin, hieß
Respektabilität, und Herr Bannersen, der ein Vierteljahrhundert sich
über See der Baumwollbranche gewidmet hatte, und Frau Bannersen,
Deutsch-Amerikanerin von Herkunft, waren kirchlich. Ihre Tochter war
ein niedliches, kaum mittelgroßes, dunkelblondes Persönchen. Sie
zeigte freundlich lächelnd den drei Reitern die weißen Zähne, und ihr
Vater, ein stämmiger, bebrillter Herr, rief wohlwollend dem viel bei
ihm verkehrenden Kleeblatt in seinem hanseatischen Tonfall nach: »Nun
-- ein S--pazierritt, meine Herren? Viel Vergnügen!«
Ja. Das war nun Bannersen. John Bannersen. Der Millionen-Bannersen.
Der Mann mit der einzigen Tochter. Die drei jungen Leute ritten
so tiefsinnig weiter, als hätten sie das Welträtsel zu lösen. Sie
sprachen nicht. Sie waren jetzt wie drei Füchse, die gemeinsam
jagten, aber sich dabei nicht über den Weg trauten. Besonders Otto
von Ottersleben waren die beiden anderen ein Dorn im Auge. Der
kleine Wrobel bestach von vornherein im Bannersenschen Hause durch
seine Husarenpracht. Lohgrewe hatte sich dort noch kürzlich im roten
Frack und der schwarzen Samtkappe auf dem Weg zur Parforcejagd in
Döberitz gezeigt. Er, der Feldartillerist, konnte dagegen nur seine
schlichte dunkle Linienuniform ins Treffen führen. Und das Schlimmste:
die Familientrauer, in der er sich befand, hinderte ihn, sich in
Gesellschaft zu zeigen. So kam er kaum mehr zu den Bannersens, die
ein großes Haus machten und, wenn sie fünfzehn Leute zum Diner
bei sich sahen, sicher hinterher noch fünfzig zum Tanz eingeladen
hatten. Höchstens am Jour, des Nachmittags, trank er da eine Tasse
Tee, eingekeilt zwischen alten Damen. Und dabei rückte die Zeit mit
Riesenschritten vor. Im Lauf des Mai verließen die Bannersens für den
ganzen Sommer Berlin. Dann hieß es alle Hoffnungen bis auf den Herbst
vertagen, wenn es bis dahin nicht schon zu spät war ...
Da, wo der Reitweg am Platz vor dem Brandenburger Tor endete, standen
harrend die Burschen mit den Decken für die Pferde und den Mänteln
für ihre Herren. Der Baron prüfte, nachdem er abgestiegen, die Beine
der Gäule, für die er im Tattersal die Pension zahlte, ohne daß man
eigentlich wußte, ob sie ihm oder wem sonst gehörten. Unterdessen
stand Otto von Ottersleben mit dem Husaren seitwärts und frug
gedämpft: »Sagen Sie mal, Wrobel ... glauben Sie, daß Lohgrewe schon
einmal energisch vorgegangen ist -- da drüben ...?«
Er winkte dabei mit dem hübschen dunklen Kopf nach Südwesten, nach der
Richtung, wo fern die Bannersensche Villa lag.
Der andere war ein bißchen erstaunt, daß man dies zarte Thema
überhaupt zwischen ihnen berührte. Er erwiderte diplomatisch: »Keine
Ahnung! ... Gott ... der hat Zeit ... der ist frei ... der kann im
Sommer überall hin, wo die sind, aber unsereiner mit dem ollen Dienst
... na ... morgen!«
Er schritt sporenklirrend davon. Der Leutnant und der Baron entfernten
sich nach der anderen Seite. Herr von Lohgrewe war mit allen Hunden
gehetzt. Er hatte immer die Hand in Roßhändeln und auf Rennpferden auf
Halbpart. Man konnte durch ihn sich an englischen und französischen
Turfwetten beteiligen und bei Gelegenheit neue Automobile mit
Preisnachlaß direkt von der Fabrik beziehen. Er vermittelte, rein
aus Gefälligkeit, den Abschuß von Sechserböcken auf schlesischen
Gütern und die Aufnahme in Berliner Klubs. Eigentlich ein langweiliger
Mensch, mit einem länglichen, nüchternen Gesicht. Sie sprachen über
einen irischen Hunter, den er zu verkaufen hatte. Als sie sich
trennten, meinte er: »Nee -- nee -- der kleine Wrobel wird schon mit
dem Schinder fertig! Springen tut das Aas ja tadellos! Ich denke, er
nimmt ihn! Er braucht ihn doch in Hannover!«
»In Hannover?«
»Er ist doch zur Reitschule kommandiert! Mitten im Kursus. Zum Ersatz.
Es sind ein paar dankend zurückgeschickt worden! -- Doppelter Turkel,
was?«
»Doppelt? Wieso?«
»Na -- von Hannover bis Bremen ist doch nur ein Katzensprung, und
den ganzen Sommer über ist doch der alte Bannersen in Bremen. Oder
wenigstens in der Nähe. Auf seiner Besitzung!«
»Ach so!«
Der Leutnant von Ottersleben betrat in sehr gedrückter Stimmung
sein möbliertes Zimmer in Charlottenburg. Er war nervös geworden.
Die beiden Kerle gewannen entschieden einen Vorsprung vor ihm. Er
endete schließlich noch im geschlagenen Felde. Er stand am Fenster
und nagte unschlüssig an der Unterlippe. Schließlich: mehr wie
abblitzen konnte man nicht! Einmal mußte man das Risiko laufen, und
wenn die anderen ihm nicht gute Chancen zutrauten, wären sie doch
schon längst selber zum Angriff vorgegangen! Eine fiebernde Angst
ergriff ihn, hinterher der Dumme gewesen zu sein -- als Gast an der
Hochzeitstafel zu sitzen, statt als Bräutigam! Es wurde ihm plötzlich
rücksichtslos durchgängerisch zumute. Er hatte das Gefühl: Jetzt oder
nie! Er sah auf die Uhr. Es war eins. Die richtige Besuchsstunde.
Er nahm blindlings den Helm und eilte den kurzen Weg hinüber nach
dem Kurfürstendamm. Er wollte wenigstens dort einmal den Kopf
hineinstecken. Dann konnte man ja sehen, was einem der Augenblick
eingab.
Aber die Familie Bannersen war gerade bei Tisch. Der Lakai lispelte
es diskret. Natürlich ... in Berlin war man immer bei Tisch, von halb
eins bis halb sieben -- die eine Hälfte der Leute aß, die andere
war unterwegs, um sie darin zu stören. Der Artillerist war schon im
Vorgarten, da hörte er hinter sich Schritte, der Diener holte ihn
atemlos ein. Die Herrschaften ließen doch bitten!
Und Frau Bannersen streckte ihm bei seinem Eintritt in das reiche
Speisezimmer, in dem sonst nur noch ihr Mann und ihre Tochter waren,
verbindlich die Hand zum Kuß entgegen.
»Man sieht Sie jetzt in Ihrer Trauer so selten, lieber Herr von
Ottersleben ... Man muß die Gelegenheit wahrnehmen! Haben Sie schon
gefrühstückt? Nein! Nun -- das trifft sich ja gut!«
So liebenswürdig war sie noch nie gewesen. Auch ihr Mann schob
freigebig dem Gast die Kiebitzeier über den Tisch zu und goß ihm
Sherry ein.
»Wir haben uns ja heute schon im Tiergarten gesehen!« meinte er dabei
wohlwollend. »Sie steigen wohl leidenschaftlich zu Pferde, Herr
Leutnant!«
»Ja. Die Ottersleben standen früher immer bei der Kavallerie.
Meist bei den Kürassieren, bis wir in der Franzosenzeit unsere
Güter verloren. Hätten wir die noch, so könnte ich jetzt noch jeden
Augenblick übertreten. Man nähme mich gleich ...«
»Oh!« sagte Fräulein Bannersen mit sichtlichem Interesse.
Er betonte: »Meine Mutter stammt doch auch aus der Kavallerie. Mein
Onkel Koninck ist Husar.«
»Wohl auch eine sehr alte Familie?« erkundigte sich Frau Bannersen.
»Rheinisch-niederländischer Uradel, gnädige Frau! Schon auf dem
Turnier zu Mainz unter Barbarossa!«
Es war ein Augenblick Schweigen bei diesem Blitzlicht in die
Jahrhunderte zurück. Otto von Ottersleben hatte das sonderbare Gefühl,
als sei er hier erwartet worden. In ihm wuchs der Wagemut. Sein Puls
schlug unruhig. Er nahm seinen Vorteil wahr. Er lief Sturm mit dem
Gothaer Almanach.
»Wir Ottersleben waren natürlich auch vor den Hohenzollern in der
Mark,« sagte er in einem Ton, als sei bei jedem besseren Menschen
dieser Vorzug selbstverständlich. »Nun sind wir ja klein geworden. Das
heißt: an Zahl nicht! Wir sind augenblicklich einundzwanzig in der
Armee!«
»Und die kennen sich alle untereinander?«
»Wir haben jedes Jahr hier in Berlin Familientag, gnädiges Fräulein,
da kommen immer eine Masse. Die Damen benutzen die Gelegenheit und
lassen sich bei Hofe vorstellen.«
»Darf denn jede Ottersleben zum Kaiser?«
»Jede.«