»Pscht! ... Es ist ein Klaps am Herzen! ... Vom Ärger im Dienst

stammt der nicht, seit der Glümke seit 'nem Jahr seine Division im

Elsaß hat und mich schon vorher in Ruhe gelassen und auch nicht mehr

zu uns ins Haus gekommen ist. Mit seinem Nachfolger hab' ich mich

vorzüglich vertragen. Und Mama mit ihr auch. Alle Vorgesetzten haben

mir das Leben leicht gemacht. Aber der Mensch wird eben alt, mein

Sohn. Er nutzt sich ab. Nachtwächter kann man in der Armee nicht

brauchen! Ob man hinterher noch ein bißchen länger oder kürzer in

Berlin oder Wiesbaden spazieren kraucht -- als alter Soldat muß man

auf den Tod gefaßt sein. Nur schade, daß man in die Grube fährt, ohne

einmal wirklich Pulver gerochen zu haben -- nach siebenunddreißig

Jahren Dienstzeit -- das ist der lange Frieden. Wenn ich denke: drei

Ottersleben sind allein bei Zorndorf gefallen -- andere bei Hochkirch

-- einer schon bei Fehrbellin ...«

Seine Gedanken verloren sich eine Sekunde in die Weite. Über seinen

Zügen, die das Lampenlicht hell beschien, war ein seltsamer,

vergeistigter Schimmer. Dann war er wieder ganz der Alte, nahm einen

Schluck Bier und fuhr fort: »Gott sei Dank, ich kann ja ohne Sorgen

gehen! Mein Haus ist geordnet. Mama hat ihre Pension. Die Ulla ist

bei dir gut aufgehoben, das Dorle bei ihrem Mann ebenso. Meine beiden

Jungen tragen den bunten Rock. Alles ist schön ... Bis auf das

eine ... Bis auf die Maxe! Und da hab' ich nun eine Bitte an dich,

mein lieber Erich! Sieh: du bist nach meinem Tode quasi das Haupt

der Familie, denn die andern ... der Otto ist ein Windhund, sein

Bruder noch das reine Kind -- der Grotjan ein guter Kerl, aber kein

Kirchenlicht ... Also, da muß ich mich schon auf dich verlassen ...«

»Unbedingt, Papa -- wenn je einmal der Fall ...«

»... und da binde ich dir die Maxe auf die Seele! Schau, daß noch was

Vernünftiges aus dem Mädel wird. Nimm sie möglichst mal zu euch ins

Haus. Und sorge, daß sie noch ein bißchen unter Menschen kommt und

'nen ordentlichen Mann kriegt. Es ist ja furchtbar schwer mit ihr, ich

weiß. Sie ist ja verdreht. Diesen Winter wollte sie überhaupt kaum

mehr ausgehen. Dabei hat sie es weiß Gott nicht nötig, die Flinte ins

Korn zu werfen. Im Gegenteil: du wirst dich wundern, wie hübsch sie

geworden ist. Sie hat sich merkwürdig herausgemacht in den letzten

Jahren!«

»Ja, es ist nur das eine, Papa!« sagte der Hauptmann von Logow. »Ich

hab' sie die ganze Zeit nicht gesehen. Sie besucht uns ja nie. Sie hat

etwas gegen uns ...«

»Ach -- höchstens gegen die Ulla!« meinte der Oberst treuherzig. »Das

sind so Nücken. Das gibt sich von selber, wenn sie auf einmal kein

Elternhaus mehr hat. Dann wird sie froh sein, wenn sich noch jemand um

sie kümmert. Seid dann recht freundlich zu ihr! Versprich mir das!«

»Mein Wort, Papa! ... Aber gottlob hat es ja noch keine Not!«

Herr von Ottersleben hatte die Hand seines Schwiegersohns gedrückt und

sich mühsam erhoben. Er gähnte leise und müde.

»Nun kann ich ruhig schlafen gehen,« sagte er. »Vorher schreib' ich

noch das Gesuch. Oder schließlich: es hat ja noch bis morgen früh

Zeit. Jetzt flimmert es mir so komisch vor den Augen. Da mach' ich

heilig noch 'nen Fehler, und radieren darf man in so 'nem Dings doch

nicht ...«

Er küßte seine Tochter, die in das Zimmer getreten war, und begab sich

zur Ruhe. Das Ehepaar Logow sah sich, allein geblieben, stumm und

besorgt an. Dann gab Ulla ihrer beider Gedanken Ausdruck und sagte:

»Ein Glück, daß unter uns im Hause ein Arzt wohnt, falls Papa in der

Nacht etwas brauchen sollte.«

Wirklich wurde der Doktor nach kaum einer Stunde heraufgeholt. Herr

von Ottersleben war im Bett von einer schweren Ohnmacht befallen

worden, die erst nach geraumer Zeit den belebenden Mitteln wich.

Nun war er wieder bei sich und versicherte freundlich mit seiner

stoischen Ruhe aus den Kissen: »Es ist nichts, Kinder, geht doch

schlafen!« Aber der Arzt machte im Nebenzimmer eine bedenkliche Miene.

Er meinte, als man ihn frug, es sei doch vielleicht angezeigt, die

nächsten anderen Angehörigen bald zu benachrichtigen, und Erich von

Logow sagte zu seiner Frau: »Ich fahre am besten jetzt gleich in die

Französische Straße und telegraphiere an Mama und Maxe! Es ist jetzt

dreiviertel elf. Da können sie noch den Nachtschnellzug benützen und

sind morgen früh kurz vor sieben hier. Ich hole sie dann auf dem

Bahnhof ab.«

Die Nacht, in der das Ehepaar Logow wenig Schlaf gefunden, und immer

abwechselnd, auf den Fußspitzen schleichend, nach dem Vater gesehen

hatte, verlief ohne Zwischenfälle. Das erste Morgengrauen dämmerte

fahl über dem Häusermeer des Ostens, als der Hauptmann von Logow,

den roten Kragen seines Mantels hochgeschlagen, in der bitteren

Winterkälte harrend auf dem Bahnhof auf und ab ging, auf dem die

farblosen Massen der mit den Vorortzügen kommenden Arbeiter seine

leuchtende Uniform umströmten. Mißgünstig, mit Blicken finsterer

Neugier, Menschen einer anderen Welt, schoben sie sich an dem

Generalstabsoffizier vorbei. Er beachtete sie nicht. Er stand, die

Hände in den Taschen, und schaute ungeduldig in das trübe Zwielicht

hinein, in dem rot, grün und gelb, von fließenden Nebelkreisen

umrahmt, die Hunderte von Lichtern des Bahnhofes funkelten. Und dann

in der Ferne ein paar behutsam nähergleitende runde Feueraugen --

eine Dampfwolke -- der Zug hielt. Er erkannte an einem Fenster Frau

von Otterslebens bleiches und übernächtiges Gesicht und half ihr

heraus und hinter ihr Maximiliane, und selbst in diesem Augenblick

der Aufregung und Sorge, während er, die eiskalte Hand seiner

Schwägerin stützend in seiner behandschuhten Rechten hielt, und sie

mit wirrem Haar, blaß von der Nachtfahrt, schweigend vom Trittbrett

auf ihn niederschaute, selbst da mußte er an die Worte ihres Vaters

denken, wie hübsch sie geworden sei. Das war nicht mehr der scheue

unregelmäßige Reiz eines Mädchengesichts. Ihre Züge hatten sich

ausgeglichen und veredelt. Sie ähnelte jetzt in ihrem hohen, schlanken

Wuchs der klassischen Schönheit der Schwester -- nur daß sie ein

lebender Mensch war und nicht eine müde Statue.

Sie sprachen wenig, in ihrer Unruhe, bis sie die Wohnung erreichten.

Dort kam ihnen Ulla leise auf dem Flur entgegen.

»Gottlob -- es geht besser!« flüsterte sie.

»Schläft Papa noch?«

»Nein. Denkt euch nur: vorhin -- ich glaubte, mich rührt der Schlag,

kommt er in Uniform ins Zimmer, als ob gar nichts wäre! Er ist

heimlich in aller Frühe aufgestanden und war auch nicht dazu zu

bringen, sich wieder hinzulegen. Er habe jetzt zu tun, sagte er. Er

hat sich aus Erichs Schublade Papier geholt. Er sitzt drüben und

schreibt ...«

Vorsichtig näherten sie sich der Tür und öffneten sie, da auf ihr

Klopfen kein ›Herein‹ erklang, und Ulla raunte: »Nun ist Papa

glücklich wieder eingeschlafen! Ich dacht' es mir doch!«

Der Oberst von Ottersleben saß in voller Uniform in den Stuhl

zurückgelehnt vor dem Tisch. Das Morgenlicht umspielte sein feines,

müde nach vorn gesunkenes Haupt. Er rührte sich nicht, auch als sie in

die Nähe kamen, ihn leise anriefen. Sie sahen sich erschrocken an. Der

Arzt von unten war ihnen gefolgt. Er drängte sich an ihnen vorbei und

beugte sich zu dem Schlummernden nieder. Eine bange Minute verstrich.

Dann richtete er sich empor und sagte sehr ernst: »Seien Sie gefaßt:

der Herr Oberst wacht nicht mehr auf!«

Es war ein tiefes Schweigen. Der Oberst von Ottersleben saß

ruhig in seiner Uniform. Vor ihm, auf dem Tisch, lag das fertige

Abschiedsgesuch an seinen Kriegsherrn.

6

Zwei lange Trauerflore wehten im Wind. Von dem trüben, noch ganz

winterlichen Märzhimmel Berlins sanken vereinzelte Schneeflocken auf

sie nieder, umspielten die beiden schwarzgekleideten Frauengestalten,

übersilberten den etwas eingesunkenen, mit vergilbten Kränzen

überhäuften, vorläufigen Grabhügel. Frau von Ottersleben hielt ihr

Tuch vor dem Gesicht und weinte leise. Maximiliane stand neben

ihr. Auch sie hatte feuchte Augen. Stumm schaute sie während des

Schluchzens der Mutter vor sich hin -- auf die kahlen Bäume, die

bereisten Leichensteine, die aufgeweichten Kieswege. Drei Wochen waren

nun schon vergangen, seit man Papa hier zur Ruhe gebettet. Ringsumher

war alles voll gewesen von Uniformen -- das halbe Offizierkorps der

Hundertachtundachtziger -- Generalstäbler, Grenadier-, Artillerie- und

Pionieradjutanten mit Kränzen, aus den Truppenteilen der Söhne und des

Schwiegersohns -- die Husaren des Schwagers -- Lichterfelder Kadetten

-- draußen die Bataillone der Leichenparade -- Massen von Neugierigen

-- nun war das alles schon verweht und halb vergessen, die Welt ging

ihren Gang -- vor den Gittern des Friedhofs hörte man den dumpf

brausenden, millionenfachen Atem von Berlin. Fern in der Provinzstadt

führte ein anderer das Infanterieregiment Burggraf Friedrich von

Nürnberg. Die Witwe seufzte und schob sich den vom Wind zerzausten

Schleier zurecht.

»Wir wollen gehen, Maxe!« sagte sie. »Es zieht hier furchtbar. Da hat

sich auch Ulla die Erkältung geholt, neulich ...«

Ulla von Logow hatte sich am Tage nach dem Begräbnis ihres Vaters mit

einer schweren Grippe legen müssen. Jetzt war keine Besorgnis mehr.

Aber sie hustete immer noch, und der Arzt ließ sie nicht aus dem

Zimmer. Die beiden Damen, Mutter und Tochter, gingen lange schweigend

durch die freudlosen Straßen des Berliner Nordens in der Richtung nach

der Spree. Frau von Ottersleben verschluckte wieder Tränen.

»Ach, Kind ... Mir ist's immer noch wie ein Traum ... Wie wir jetzt

wieder daheim waren in der leeren Wohnung, wenn sich was rührte,

lag es mir auf den Lippen, zu rufen: ›Thilo ...‹ Ich dachte, es

~müßte~ Papa sein! ... Sonst sieht man doch ein Unglück kommen.

Man hat Zeit, sich vorzubereiten. Aber so auf einmal, über Nacht ...

Papa hat mir kaum ordentlich adieu gesagt, wie er nach Berlin fuhr.

Und es war das letzte Mal ...«

Ihre Augen waren naß. Sie nickte trübe.

»Ich bin froh, daß wir nun drüben in der Garnison mit allem fertig

sind und nie wieder hinkommen. Ich hab' es gestern kaum mehr erwarten

können bis zur Abfahrt. Mir war die Wohnung schrecklich, ohne Papa ...

mit all den Erinnerungen ...«

»Es war immerhin ein Glück, Mama, daß wir die Wohnung haben gleich an

den neuen Oberst weiter vermieten können und die Pferde gut verkaufen

und alles ...«

»Ja. Das schon!« sagte die Witwe, während sie beide die weite,

windüberpfiffene, unwirtliche Fläche vor dem Lehrter Bahnhof

durchquerten. »Aber was nun? ... Jetzt sitzen wir hier in Berlin

wie Schiffbrüchige auf einer Insel. Ewig können wir in dem

Charlottenburger Hospiz nicht bleiben. Es ist auch zu teuer, Kind!«

»Ja, Mama -- da mußt du dich nun entscheiden!«

Frau von Ottersleben schüttelte mutlos den Kopf.

»Ach ... ich kann nichts entscheiden, Maxe! Quält mich nicht. Immer

hat dein guter Papa für uns vorgesorgt. Ich muß mich erst daran

gewöhnen, daß ich auf einmal allein stehe und mir selber sagen muß:

›Tu das und tu jenes!‹ Ich glaub', ich ziehe schließlich doch nach

Darmstadt! Was meinst du?«

»Mir ist alles recht, Mama!«

»Aber jetzt noch nicht, Maxe! ... Ich muß erst zu mir kommen. Der

Gedanke an einen Umzug mit Möbeln, Wohnungmieten, fremde Gesichter

-- das ist mir jetzt schrecklich. Ich brauche vor allem Ruhe und

Pflege und ein bißchen Liebe. Ich möchte am liebsten vorläufig zu den

Grotjans nach Thorn. Dorle und ihr Mann schreiben mir immer so nett

und herzlich ...«

»Und ich, Mama? Für mich haben sie nicht auch noch Platz.«

»Ich dachte mir, du bleibst inzwischen hier, bei den Logows, bis wir

uns endgültig zu etwas entschlossen haben. Da hast du doch auch ein

bißchen Ablenkung in Berlin und ...«

»Nein!«

Es klang so schroff, daß Frau von Ottersleben ihre Tochter verwundert

ansah.

Die wiederholte: »Nein, Mama!«

Sie hatten die Alsenbrücke überschritten. Hinter ihnen ragte das

Generalstabsgebäude. Die Witwe meinte: »Gerade wo er den ganzen Tag da

über seinen Schreibereien sitzt und sie bis Mittag im Bett liegen muß,

kannst du dich auch im Haushalt ein wenig nützlich machen, Kind!«

»Ich will nicht, Mama!«

»Ja ... ›ich will nicht‹ ... das ist leicht gesagt. Vergiß nur nicht:

du bist Waise, und ich bin Witwe. Es ist nicht mehr wie früher, Maxe!

Wir müssen uns nach der Decke strecken. Wir haben gerade knapp zu

leben. Wir werden jeden Groschen umdrehen müssen. Was hast du denn

gegen die Logows?«

»Gar nichts!«

»Nun also!«

Die beiden Damen schwiegen eine Weile, im Gehen. Dann versetzte Frau

von Ottersleben aus ihren Gedanken heraus: »Du hättest heiraten

sollen, Kind!«

»Das hast du mir schon oft erzählt, Mama!«

»Du hättest heiraten sollen, eh' dein guter Papa abberufen wurde. Da

hätt' es sich leicht gemacht, gerade wie bei deinen Schwestern --

besonders, wo du in den letzten Jahren so auffallend hübsch geworden

bist. Nun ist's viel schwerer.«

»Ich will auch gar nicht!«

»Ja, worauf wartest du denn nur? ... Wenn ich so denke ...: es waren

doch wirklich in den beiden letzten Jahren so nette Leute da -- du

hast dich rein an dir versündigt, Maxe! ... Noch diesen Herbst ... der

Hauptmann von den Jägern ... So ein frischer, flotter Mensch! ... Der

schöne alte Name! Da könntest du jetzt schon Majorin sein!«

Maximiliane von Ottersleben erwiderte nichts. Sie dachte sich: ›Wenn

ich ~das~ gewollt hätte, dann wär' ich heute schon Exzellenz

-- aktive Exzellenz -- hochgebietend und umschwärmt, da unten in

Lothringen, wo der Generalleutnant von Glümke seine fünfundvierzigste

Division führt, statt daß ich hier trübe in Schnee und Nebel gehe und

mich schließlich noch nach einer Stellung als Gesellschafterin oder

Reisebegleiterin umschau'!‹ In einer plötzlichen Aufwallung, einem

Nachzittern dieser unfreiwilligen Opfertat, sagte sie unvermittelt und

heftig: »Also ich geh' ~nicht~ zu den Logows, Mama!«

Sie waren vor deren Haus im Hansaviertel stehen geblieben. Frau von

Ottersleben zuckte hoffnungslos die Achseln. Sie kannte den Dickkopf

der Tochter.

»Schau wenigstens einmal auf einen Sprung hinauf, wie's steht!« bat

sie. »Mir sind die drei Treppen zu viel! Ich bin so matt. Da fällt mir

die Ulla so auf die Nerven. Ich geh' unterdessen voraus ins Hospiz!

Auf Wiedersehen!«

Maximiliane von Ottersleben stieg leichtfüßig die vielen Stufen empor

und trat in das Zimmer der Schwester. Die bleiche, brünette junge Frau

lag auf einem Diwan, trotz der Hitze der Warmwasserheizung noch in ein

Plaid gewickelt, ein weißes Kissen unter dem Kopf.

»Gott, Maxe!« sagte sie, ohne ein Zeichen von Freud oder Leid und

reichte ihr im Liegen die Rechte. »Seid ihr wieder zurück nach Berlin?«

Das junge Mädchen nahm Platz.

»Ist's dir auch recht, daß ich da bin?«

»Gewiß!«

»Oder soll ich lieber gehen?«

»Wie du willst!«

»Ulla -- sei doch nicht so stumpfsinnig! Und was du für kalte Hände

hast ...«

»Ich friere! Ich frier' immer, wenn ich mich langweile! ... Ich

langweil' mich gräßlich!«

Die Jüngere zog ihr Jäckchen aus und hängte es über den Stuhl.

»Ein Hundewetter ist draußen!« sagte sie dabei.

»Das ist recht. Es soll nur tüchtig regnen. Ich bin auch nicht

vergnügt!«

»Ulla, du bist wirklich in einer greulichen Verfassung!«

»Lieg du mal so den ganzen Tag! Und schau dir die Stuckdecke da oben

an. Ich ärgere mich schon seit heute früh über das dumme Füllhorn in

der Mitte!«

Maxe beugte sich vor und legte ihr die schmale Mädchenhand auf die

Schulter.

»Nimm dich doch zusammen, alte Heulsuse! Schäm dich! Nächste Woche

gehst du doch wieder aus und bist gesund! Da würd' ich mich doch

freuen, an deiner Stelle!«

Aber Ulla blieb eigensinnig.

»Ach -- es ist ja ganz gleich,« sagte sie müde, »ob ich auf oder im

Bett bin!«

Die Tür hatte sich geöffnet. Ihr Mann war, vom Dienst kommend,

eingetreten. Er nickte Frau und Schwägerin zu, während er seine

Aktenmappe mit Geheimdokumenten, die kein anderes Auge als das eines

deutschen Offiziers sehen durfte, vor sich auf den Tisch legte. Das

Antlitz Ullas belebte sich bei seinem Anblick nicht. Es war blutleer,

von der Krankheit angegriffen. Tiefe blaue Schatten, die sie viel

älter erscheinen ließen, unter den dunklen Augen. Und doch ging von

ihrem Lager ein Hauch von Frische, von kalter Luft und Gesundheit

aus. Maxe Ottersleben hatte ihn mitgebracht. Er haftete noch an

ihren Kleidern, an ihrem Blondhaar, wie sie jung und elastisch, mit

vom Gehen leichtgeröteten Wangen vor ihrer Schwester stand, die ihr

altes Klagelied weiter spann, ohne sich viel um die Anwesenheit des

Hausherrn zu kümmern.

»Es ist ja ganz gleich, ob ich gesund oder krank bin. Und ob ich so

bin oder so. Es ist überhaupt alles gleich! Mir wenigstens!«

»Na, du bist ja wieder in einer netten Laune!« versetzte ihr Mann.

»Siehst du, Maxe, so wird man nun empfangen, wenn man kaput vom Dienst

heimkommt!«

Ulla achtete nicht darauf. »Das beste ist, wenn man schläft!« sagte

sie zu ihrer Schwester. »Ich wollt', ich könnte den ganzen Tag

schlafen. Und die Nacht auch!«

»Ach, du Faultier!«

»Es ist nicht Faulheit. Es ist nur, wenn man so gar nicht weiß, was

man anfangen soll. Rat mir doch! Mir fällt nichts mehr ein!«

»Gräßlich!« sagte der Hauptmann und ging in das Nebenzimmer, um seine

Papiere zu verschließen. Maxe gab ihrer Schwester die Hand.

»Na, Kopf hoch, Ullchen! ... Ich muß jetzt zu Mama. Adieu!«

Als sie sich im Flur vor dem Spiegel den Schleier umband, stand

plötzlich Erich von Logow neben ihr, zog seinen Mantel an und sagte:

»Ich bring' dich hinüber zum Hospiz, Maxe! Es wird bald schummerig. Da

darfst du nicht allein durch den Tiergarten!«

Rasch kam in ihre Augen ein feindseliger Glanz.

»Ach, mich wird schon keiner stehlen!«

»Ich geh' aber doch lieber mit.«

»Es ist wirklich nicht nötig!«

Er wurde nervös.

»Gönn mir doch das bißchen frische Luft! Es ist ja nicht zum Aushalten

da drinnen, mit dem ewigen Gejammer! ... Ich weiß nicht, was du

eigentlich immer gegen mich hast, Maxe! ... Ich beiß' dich doch nicht!«

Sie schwieg. Sie hatte Angst, irgend etwas zu verraten, wenn sie noch

weiter widersprach. Als sie miteinander die Treppen hinabstiegen,

versetzte sie: »Du mußt Ulla nicht unrecht tun! Sie ist krank. Sie hat

vor drei Wochen ihren Vater verloren ... Sie ist doch nicht immer so

wie jetzt.«

»Ungefähr doch!« sagte er, und machte eine sonderbare Bewegung mit

Kopf und Schultern, als wollte er sich eine unsichtbare Last von der

Seele schütteln. Dann wechselten sie nur gleichgültige Worte im Gehen.

Er blickte sie von der Seite an. Er sah die schlanke Neigung ihres

Nackens im Kampf gegen den Wind, das Gekräusel der blonden Strähnen

unter dem Schatten des dunklen Hutes, den herben Jugendreiz ihres

Profils mit dem eigenwilligen Kinn hinter dem Trauerflor. Es fiel ihm

ein, was ihm sein Schwiegervater wenige Stunden vor seinem Tod von

ihr gesagt: Sie war wirklich ein schönes Mädchen. In Erinnerung an

dies Gespräch hub er an: »Ich möchte mal ein vernünftiges Wort mit

dir reden, Maxe ... Ich komm' ja sonst nie dazu! Du bist ja nicht

festzukriegen. Also hör mal: Was sind denn nun so eigentlich deine

Zukunftspläne?«

»Gar keine!«

»Du mußt dir aber doch irgendeine Vorstellung gemacht haben, was ...«

»Ach, sorg dich nur nicht um mich! Ich bin nicht wie die Ulla, daß ich

mich hinsetz' und heule. Ich schlag' mich schon durch!«

»Aber etwas Bestimmtes hast du nicht im Sinn?«

»Nein!«

»Nun -- dann, liebe Schwägerin -- da du doch irgendwo bleiben mußt,

bitte ich dich dringend und lade dich ein: komm vorläufig zu uns! Es

ist ja nicht sehr amüsant. Aber doch besser als nichts!«

Sie warf gereizt den Kopf in den Nacken.

»Aha! Du hast wohl mit Mama gesprochen?«

Erich von Logow verneinte erstaunt.

»Ich habe mit deiner Mutter keine Silbe darüber gewechselt, Maxe! Sei

so gut und lächle nicht so ungläubig. Ich bitte, daß man mein Wort

respektiert, wie ich das deines Vaters. Denn darum handelt es sich.

Seine letzte Bitte an mich war: daß wir, Ulla und ich, dir zur Seite

stehen möchten. Das hab' ich ihm in die Hand versprochen!«

Sie schwieg.

Er fuhr fort: »Ich dränge mich dir nicht auf, Maxe ... Aber sag

selbst: was willst du denn in irgendeinem Nest in der Provinz

verkümmern? Hier bist du doch wenigstens unter Menschen, in Berlin,

kannst dein Leben genießen, und bist bei uns willkommen! ... Herzlich

willkommen! Ich mache keine Redensarten!«

»Ich auch nicht! Ich danke schön! Ich will euch nicht stören!«

»Von Stören ist gar keine Rede! Im Gegenteil: du würdest mir damit

eine wahre Wohltat erweisen, Maxe!«

Sie sah ihn betroffen an.

Er nickte mit umwölkten Zügen und wiederholte: »Eine Wohltat, Maxe ...«

»Ja, aber wieso denn?«

Sie gingen weiter. Er versetzte: »Wenn ich dir anbiete, mein Haus

mit uns zu teilen, muß ich auch offenherzig sein. Du würdest es auch

bald selber merken. Es ist in dem Hause nicht alles so, wie es sein

sollte. Es ist da ein Geist des Unmuts -- der Leere -- ich weiß nicht

... ich hab' ja nie recht ein Elternhaus gekannt. Aber ich habe euer

Familienleben gesehen. Ich habe gehofft, ich würde es einmal gerade so

haben. Ja, und nun? ... Da liegt die Ulla! ... Du warst ja eben bei

ihr ... es muß da etwas geschehen! So geht das nicht weiter ... Das

hält kein Mensch auf die Dauer aus. Sie nicht und ich nicht!«

»Ich bin sechzehn Stunden täglich im Dienst!« hub er nach einer Weile

wieder an. »Ich kann mich nicht immer um sie kümmern. Und sie selber

macht nichts aus sich. Es ist ihr nicht gegeben! Und komm' ich dann

heim, ja, du lieber Gott ... Wenn ich nur an diese stumpfsinnigen,

schweigsamen Mahlzeiten denke ...«

»Ja, warum redet ihr denn nichts zusammen?«

»Über was denn?«

»Zum Beispiel über deinen Dienst! Papa tat's doch auch oft mit Mama!«

Er lachte erbittert auf. Er brach los. Sie merkte ihm an, daß er,

der sich sonst nie gehen ließ, jetzt seiner Bewegung nicht mehr Herr

werden konnte.

»Ja, liebe Maxe: wenn das der Ulla nicht so völlig wurst wäre! Wann

hat sie je ein bißchen Verständnis für mich -- Rücksicht für mich --

ich möchte sagen, in dem Punkte Liebe für mich? Sie denkt nur an sich.

Ich verlange ja eigentlich gar nichts für mich als Menschen, nur für

den Königsplatz da drüben, der mir Zeit und Nerven nimmt. Dafür bin

ich Offizier. Sie ist doch selbst Offizierstochter. Sie weiß, was ein

Generalstäbler zu tun hat. Sie hat mich schon vor dem Generalstab

jahrelang gekannt. Sie hat gesehen, daß ich ein ernster Mensch bin und

kein Salonfatzke -- keiner von der Sorte, mit der sie sich so und so

viel Ballwinter um die Ohren geschlagen hat -- ein Mensch, der sich

nicht leicht anschmiegen kann, der streng gegen sich ist und von sich

und anderen viel verlangt -- so war ich doch -- nicht wahr?«

»Ja.«

»Nun schön! Du siehst's! Jeder sieht's: ihr ist's ganz egal.« Er

redete sich in steigende Heftigkeit hinein. Er sprach schneller und

schneller. »Ihr wär's lieber, ich wäre der dümmste Kerl und wir liefen

jeden Abend irgendwohin, um uns zu amüsieren, statt daß ich jetzt bis

nach Mitternacht in meinem Arbeitszimmer sitz'. Und wenn sie mich mal

dort aufsucht, so geschieht's nur, um mich zu stören. Dann werd' ich

heftig und sie übler Laune, und so wird das schlimmer Tag für Tag.

Meine Laufbahn geht dabei noch vor die Hunde. Ich hab' eine wahre

Angst. Maxe -- komm doch zu uns -- nur kurze Zeit ... Du siehst, es

tut not, daß jemand da ist ...«

Er bat jetzt förmlich.

»Maxe ... zu dir hab' ich so Zutrauen! ... Du mußt ihr andere

Anschauungen über mich und über ihre Pflicht und über das Leben

beibringen. Du bist ein vernünftiger Mensch! Du nimmst das Leben nicht

leicht. Man sieht's dir an. Du wirst solch einen guten Einfluß auf

sie haben! Es mildert sich von selbst alles durch die Gegenwart eines

Dritten! Traurig, wenn man das von einer Ehe sagen muß. Ich hab's auch

so unverhohlen noch niemandem gesagt wie dir! ... Ich kann's auch nur

einer Schwester meiner Frau sagen. Denn zu meiner Schwiegermutter hab'

ich kein Zutrauen. Und die Dorle ist doch ein Schaf! Die kommt nicht

in Frage. So fällt's eben auf dich ...«

»Ich danke dir für dein Vertrauen!« sagte Maximiliane von Ottersleben.

»Aber ich fürchte, wenn ich auch wollte, ich fände Ullas Vertrauen

nicht. Wir sind zwei zu verschiedene Menschen. Wir haben uns schon

als Mädchen nie sehr nahe gestanden. Ich bin die Jüngere. Ich bin

unverheiratet. Ich hab' von jeher eine Nebenrolle neben ihr gespielt.

Sie wird von mir nichts annehmen. Das weiß ich von vornherein!«

Er biß sich auf die Lippen.

Du Schwert an meiner Linken · 第 7 / 27 段