Sommeranzug, den weichen grauen Filzhut auf dem Kopf, sah er verändert
aus. Und doch -- das war er. Immer er. Er blieb, was er war. Für sie
blieb er's ... Sie stand und schaute den beiden nach und nickte ihnen
noch einmal mechanisch zu. Dann rasselte der Wagen um die Ecke, und
in demselben Moment zog ihr eine blinde, alles verachtende, alles
mit Füßen tretende, alles gleichgültig in die Ecke schleudernde
Verzweiflung das Herz zusammen.
Der General von Glümke hatte sich ihr genähert. Er murmelte: »Maxe ...«
Da schüttelte sie starr den Kopf, ohne ihn nach ihm zu wenden.
»Ich kann nicht.«
»Aber, um Gottes willen ... Maxe ...«
»Ich kann nicht!«
Er rang die Hände ineinander: »Was haben Sie denn gegen mich?«
»Nichts. Gar nichts, Herr von Glümke.«
»Warum wollen Sie denn dann sich und mir das Leid antun?«
Sie rang mit sich. Sie rang nach Luft.
»Ich möcht' ja gern! Ich tät' es ja gern! ... Aber ich kann nicht ...«
»Auch nicht, wenn Sie es sich noch einmal überlegen, Fräulein Maxe?«
»Ich hab's mir ja überlegt! Nein ... Auch dann nicht! ... Bitte, gehen
Sie ... Quälen Sie mich nicht mehr ... Und seien Sie mir nicht böse
... Ich kann nicht ...«
Sie hatte es kaum mehr hörbar zwischen ihren blassen,
zusammengepreßten Lippen gemurmelt. Er stand noch ein paar Sekunden
und wartete. Dann, da sie schwieg, war es auch für ihn entschieden.
Er machte eine leichte, höfliche Verbeugung, wandte sich auf dem
Absatz um und trat in das Haus. Von dort tönte die Tanzmusik.
Um sie wiegten sich leise die grünenden Knospen im Maiwind. Ein
feiner, süßer Frühlingsduft stieg vom Hyazinthenbeet am Boden.
Schmetterlingsgegaukel wiegte sich darüber im Sonnenschein. Sie stand
still und schloß die Augen. Es war alles wie ein Traum ...
5
Vom Königlichen Schlosse zu Berlin kommend, schritt der Oberst
Bruno von Ottersleben über die Spreebrücke nach den Linden zu. Er
war in großer Paradeuniform, mit Helm und Schärpe, eine glitzernde
Ordensreihe auf der Brust, die der trotz der Februarkälte nur lose
über die Epauletten geworfene hechtgraue Mantel freiließ. Er ging
langsam, fast ein wenig schwerfällig, in seiner breitschultrigen,
würdevollen Stattlichkeit. Sein kluges, derb geschnittenes Gesicht,
mit den aufmerksamen Augen, trug einen wohlwollenden Ausdruck. Ein
anderer älterer Militär mit silbergesticktem Kragen und Gardesternen
kam ihm entgegen. Er winkte schon von weitem: »'Morgen, Ottersleben!
... Na -- auch mal wieder in Berlin! Famos! ... Wie -- nur auf
vierundzwanzig Stunden? ... Ach nee ... machen Sie keine Späße ... Wo
haben Sie denn Ihre Generalstabstreifen gelassen? Nicht mehr bei den
Halbgöttern? -- Was?«
»Augenblicklich nicht! Ich hab' ein Regiment gekriegt. Die
Zweihundertvierundvierziger in Straßburg! Eben hab' ich mich bei
Majestät gemeldet!«
»Gnädig?«
»Sehr.«
»Famos! ... So ... so ... Straßburg ... na -- grüßen Sie dort die
Müritzens von mir -- und was ich sonst noch von der Blase kenne
... und bitte mich gehorsamst der Gattin zu Füßen zu legen ... Auf
Wiedersehen!«
Oberst von Ottersleben setzte seinen Weg fort. Er stieß hier in
Berlin, wo er viele Jahre in der Garde und im Generalstab gestanden,
auf Schritt und Tritt auf Bekannte. Seine Mienen erhellten sich
plötzlich. Zwei hochaufgeschossene junge Lichterfelder Kadetten
schritten da eilig und gleichmäßig die Linden hinauf. Seine Söhne. Er
hatte, in der Zeit gedrängt, gebeten, sie ihm auf eine Stunde nach
Berlin hereinzuschicken, damit er sie wenigstens zu Gesicht bekäme.
Vor dem historischen Eckfenster Unter den Linden trafen sie sich.
Er freute sich über die Jungen und ging mit ihnen in die Habelsche
Weinstube zu ihrer Linken frühstücken, wo er als junger Gardeleutnant
schon vor Jahrzehnten gesessen, noch zur Zeit des großen Kaisers, und
den Scherzen und Späßen der alten Flügeladjutanten und Generale an
ihrem berühmten runden Stammtisch nebenan zugehört hatte, damals, als
1870 noch beinahe wie ein Traum von gestern war. Er fütterte seine
Sprößlinge und schmunzelte, wie sie gleich jungen Wölfen einhieben. So
hatte er es in seiner Kadettenzeit auch gehalten, wenn er, noch ein
halbes Kind, am Sonntag zu Großpapa Exzellenz durfte, dem uralten,
hoch in den Achtzigern stehenden Herrn, der noch Napoleon mit eigenen
Augen gesehen und unter Blücher gefochten hatte und nach Tisch davon
erzählte, wie sie, die Ostpreußen voran, am Abend des zweiten Tages
der Völkerschlacht das Grimmasche Tor in Leipzig erstürmt hatten.
Und wie der Oberst von Ottersleben daran zurückdachte, erschien ihm
diese ganze Folge von Generationen als eine aus Erz geschmiedete
Kette -- endlos, sich immer wieder aus sich erneuernd, wie die Armee
selbst, und er war nur ein einzelnes, zufälliges und hoffentlich ein
nützliches Glied in dieser langen Reihe und wollte seine Söhne eben
dazu erziehen.
»Ich hab' hier ein bißchen auf den Busch geklopft!« sagte er beim
Aufbruch, nachdem ihm Günter und Busso immer abwechselnd das Frühstück
hindurch, der eine kauend, der andere sprechend, alles Neue von ihrem
Leben im Korps, den Erziehern, den Kameraden, den Zivillehrern, der
Tanzstunde und dem Ball in voriger Woche erzählt hatten. »Es ist
Aussicht, daß ihr beide seinerzeit in mein altes Regiment hier kommt,
das ja euer Großvater auch schon geführt hat ... Aber nun haltet auch
die Ohren steif und macht mir keine Dummheiten, sonst ist's Essig mit
der Gardeinfanterie!«
Die beiden lachten. Sie wußten: Ihnen war die Garde sicher! Sie gingen
rechts und links von ihrem Vater die Linden hinunter, lang und dünn
wie die Heringe, neben seiner breiten, ordensbedeckten Brust. Es war
ein Bild des Nachwuchses der Armee. Vorüberkommende sahen beifällig
auf den Oberst und seine Söhne. Am Brandenburger Tor präsentierte der
Posten das Gewehr vor ihm. Er winkte ab und verabschiedete sich von
den jungen Kriegern. Die mußten zum Potsdamer Bahnhof und von da nach
Großlichterfelde zurück. Er selber schlug den Weg zur Rechten nach dem
Königsplatz ein.
Alle Straßen trugen hier die Namen preußischer Siege, preußischer
Feldherren. Die schweren Goldmassen der Viktoria schimmerten auf der
vom Erz eroberter Geschütze umgürteten Siegessäule. In der trüben
Luft ragten drüben die Denkmäler Moltkes und Roons. Gerade hinter
der Statue des großen Kriegsministers erhob sich ein nüchternes,
vielfenstriges Backsteingebäude: der Sitz des Generalstabs.
Der Oberst von Ottersleben war in diesen hellen, schmucklosen
Korridoren, diesen Reihen von einfachen Schreibstuben, die
ebensogut irgendeiner beliebigen preußischen Behörde hätten dienen
können, seit langem zu Hause. Er wußte, wo er einen jeden fand,
den er suchte. Er meldete sich bei einem der Oberquartiermeister,
der seit langem sein Gönner war, er schaute zu alten Kameraden
in den Nachrichtenabteilungen in die Stuben, er traf in der
Eisenbahnabteilung einen dort über der Mobilmachung brütenden
Oberleutnant seines neuen Regiments, der noch dessen Uniform trug,
und ebenso ein paar Vettern in der trigonometrischen und der
kartographischen Abteilung der Landesaufnahme. Und überall fand er
dasselbe: straffe, schweigende, unermüdliche Arbeit ... Nun betrat
er, mit den sonstigen Zwecken seines Kommens zu Ende, das Zimmer des
Hauptmanns von Logow. Der drinnen war so in seine Tätigkeit vertieft,
daß er das Klopfen und Öffnen der Tür überhörte. Er saß an einem
großen, mit Papieren und Haufen von ausländischen Zeitungen bedeckten
Tisch und schrieb. Beim Klang einer fremden Stimme schob er mechanisch
vor allem das sekrete Schriftstück, das er unter den Händen hatte,
zwischen zwei Löschblätter, um es vor unberufenen Augen zu verdecken.
Dann erhob er sich.
»Ach -- du bist's, Onkel Bruno,« sagte er lachend. »Na -- da hätt'
ich's nicht nötig gehabt! Du kennst ja den Zauber ... das ist ja nett
... komm ... setz dich!«
Der Oberst von Ottersleben war stehen geblieben.
»Ich werd' mich hüten und dir die Zeit stehlen. Du hast hier mehr zu
tun! Ich wollt' nur im Vorübergehen fragen: wann trifft man dich denn
zu Hause?«
»Abends immer!«
»Schön! Da komm' ich heute auf ein Butterbrot. Wie geht's denn deiner
Frau?«
»Ausgezeichnet!«
»Und dir?«
»Mir dito! ... Warum?«
»Na -- du schaust ein bißchen elend aus!«
Erich von Logow stand am Fenster, hell vom Grau des Wintermittags
beschienen. Es lag noch die alte Festigkeit und Spannkraft auf
seinen Zügen. Aber in seinen Augen war etwas, das seinem Oheim nicht
gefiel. Sie blickten nicht mehr mit dem früheren, gleichgültigen,
unerschütterlichen Selbstbewußtsein in die Welt. Eine leichte Unruhe
oder Müde spiegelte sich darin. Der junge Hauptmann zuckte die Achseln
und schob eine Nummer des ›Russischen Invaliden‹, die vor ihm lag,
über die Tischplatte.
»Ja, Gott -- was Nerven sind, das lernt doch fast jeder hier kennen,
Onkel ... Ich bin doch nun -- wart mal ... laß mich rechnen ... also
's sind nun auf den Kopf zwei Jahre, daß ich im Generalstab bin ...
Man gewöhnt sich hinein ... schließlich ist das hier auch reines
Training! Nee -- nee -- Onkel, mir geht's ganz ausgezeichnet ...«
»Na, um so besser!« sagte der Oberst. »Also auf Wiedersehen heute
abend! Grüße Ulla!«
»Danke!« Sein Neffe geleitete ihn zur Tür und wiederholte dort
hartnäckig und eigentlich ohne Not: »Ich steh' hier schon meinen Mann.
Ich denke, man ist mit mir so weit zufrieden ...«
Als der Ältere wieder auf den Königsplatz hinaustrat, klang ihm im
Ohr, was er heute in dem großen Haus da innen an verschiedenen Stellen
über Erich von Logow gehört: Zufrieden? ... O ja -- gewiß. Es ist
nichts zu sagen. Eine außerordentliche Arbeitskraft. Ein kluger Kopf.
Ein ernster, tadelloser Charakter. Nur eben ...
Ja -- dies ›nur‹, in dem sie einig waren: nur -- wir haben den
Eindruck: er gibt nicht sein Bestes! Sein Letztes! Er lebt unter einem
gewissen Druck. Was es ist, wissen wir nicht ...
Herr von Ottersleben schüttelte etwas sorgenvoll den Kopf, während
er eine Droschke heranwinkte. In der Gegend der Hardenbergstraße
in Charlottenburg stieg er aus und klopfte in einem der großen
Miethäuser an eine Treppentür, an der außen die Visitenkarte: ›Otto
von Ottersleben, Leutnant im Feldartillerieregiment Nummer 86,
kommandiert zur militärtechnischen Akademie‹ angenagelt war. Sein
Neffe war daheim. Bei ihm zwei Freunde, die mit ihm Zigaretten
geraucht und Schnäpse getrunken hatten. Er stellte sie vor: den einen,
den kleinen blauen Husaren mit dem Monokel, als Leutnant von Wrobel,
den anderen, den glattrasierten Zivilisten in Trauerweidenhaltung
und streng englischem Klubschnitt, als Baron Lohgrewe -- auch früher
aktiv bei den neunundzwanzigsten Ulanen. Und noch dort in Reserve,
wie er schnell hinzusetzte. Denn er merkte, daß das nicht recht eine
Erscheinung nach dem altpreußischen Herzen seines Onkels war, und der
frug auch, kaum daß sich die beiden Herren empfohlen, unbehaglich:
»Wer ist denn das? Was treibt er denn?«
»Gott ... er geht so in Berlin herum.«
»Hat er denn Geld genug dazu?«
»Es scheint doch.«
»Und der andere, der Husar?«
»Der kommt immer mal so aus seiner Garnison herüber!«
Oberst von Ottersleben schaute dem hübschen, dunkeläugigen Offizier
scharf ins Gesicht und forschte gedämpft: »Junge -- du bist doch nicht
unter die Spieler geraten?«
Der andere lachte. »So dumm bin ich nicht, Onkel!«
»Aber warum verkehrst du nicht lieber mit deinen Kameraden?«
»Tu' ich auch. Aber die sitzen des Abends im Bräu. Das ist
stumpfsinnig. Ich will unter Menschen. Leute wie der kleine Wrobel und
Lohgrewe kennen ganz Berlin. Die haben mich überall eingeführt!«
Sein Oheim musterte eine mit Visitenkarten und Einladungen gefüllte
Schale auf der Kommode. Es waren lauter bürgerliche Namen aus Berlin
<f>W</f>. Er kannte keinen einzigen davon. Es schien sich um reiche
Leute zu handeln. Man las häufig den Titel: Generalkonsul -- Geheimer
Kommerzienrat -- Generaldirektor. Ganz zuoberst lag eine Karte: »Herr
und Frau John Bannersen bitten Herrn Leutnant von Ottersleben auf
Sonnabend, den 4. Februar, zum Ball.«
Sein Neffe erläuterte: »Da steckt ein klotziges Geld, Onkel Bruno! ...
In Baumwolle zusammengeschuftet! Nun hat sich's der Alte in Berlin
bequem gemacht. Eigentlich ist er Bremenser.«
»Sag mal: sind da auch Töchter im Haus?«
Der junge Ottersleben mußte über die Naivität dieser Frage beinahe
lachen.
»Eine! Mehr haben sie nicht!«
»Ach so!«
Der Oberst setzte sich und fuhr fort: »Weißt du, ich an deiner Stelle
würde den Verkehr in den Häusern dieser Millionäre aufstecken! Das ist
nichts für uns, Otto -- glaub es mir!«
»So? Und übers Jahr sitz' ich wieder in der Provinz!« sagte der
junge Leutnant, nervös vor Ungeduld. »Dann ist's mit allem vorbei!
... Mir hat man überhaupt unrecht getan, Onkel! ... Du warst in der
Garde. Den Günter und den Busso steckst du in die Garde. Papa war in
der Garde. Meinen jüngeren Bruder, den Peter, hat er jetzt bei den
dreizehnten Grenadieren untergebracht -- dem bildschönen schlesischen
Feudalregiment! Ich, der älteste, mußte seinerzeit da draußen in die
Linienartillerie ... warum? Da hieß es: sparen ... sparen ... wir
haben die drei Mädels auf dem Hals! Nun, wo zwei davon versorgt sind
und nur noch die Maxe übrig ist, da ist's für mich zu spät. Und wenn
ich mich dann aus eigener Kraft ein bißchen aufrappeln will und nicht
gerade ein Unmensch bin, wenn sich mir hier in Berlin <f>W</f>. etwas
bieten sollte, ist's auch nicht recht!«
Er brach ab und setzte dann trotzig, seine letzten Ziele verratend,
hinzu: »Ich will doch nicht den Abschied nehmen und faulenzen! Ich
will doch bloß zur Kavallerie ...«
Es war eine Pause. Dann hub der Oberst an: »Und was sagt denn dein
Vater dazu?«
»Papa? ... Mit dem hab' ich darüber nicht gesprochen. Ich war schon
ein halbes Jahr nicht mehr daheim. Ich muß wirklich mal nächstens
hinüber. Unter uns: es geht Papa gar nicht gut mit der Gesundheit ...«
»Ja, leider. Ich hab's gehört!«
Der ältere Ottersleben schwieg. Ihm gefiel das alles nicht. Er zündete
sich eine Zigarre seines Neffen an und meinte nach den ersten blauen
Wolken beiläufig: »Kommst du oft zu Logows, Otto?«
»Nee!«
»Warum denn nicht?«
»Es ist zu langweilig! Entweder sie zanken sich, oder haben sich
gerade gezankt, oder werden sich nächstens zanken! Dann hockt
er finster da, und die Ulla mault. Und du machst als Gast ein
geistreiches Gesicht. Nee -- gemütlich ist's bei den Logows nicht! Das
kannst du mir glauben, Onkel!«
»Hm -- hm ... also du meinst wirklich, es ist da nicht alles, wie es
sein sollte? Ich frage nicht bloß aus verwandtschaftlichem Interesse,
mir liegt wirklich auch viel an Erichs Karriere!«
»Ja, Gott! Er hat eben bis über die Ohren zu tun, und sie mopst sich
unterdessen, und wenn sie dann beisammen sind, haben sie sich nichts
zu sagen.«
»Das ist aber recht traurig!«
»Ja, ich weiß auch nicht, was sich Logow von der Ulla eigentlich
versprochen hat! Ich, als Bruder, hab' sie ja immer mordend
langstielig gefunden, und die Kameraden auch! Sie sitzt eben da und
ist schön. Viel mehr kann man mit ihr nicht anfangen. Sie gehört
mitten in einen Ballsaal und hundert Menschen um sie 'rum! Dann ist
sie in ihrem Element ... Ja -- das kann er als Generalstäbler nicht,
und sie haben's auch nicht dazu. Sie hat sich gedacht: Berlin -- das
ist so das große Leben! Aber in den kleinen Garnisonen amüsieren sich
die Leute oft viel besser! Na: die Ulla ist apathisch von Natur. Die
findet sich schließlich in alles! Es ist nicht so schlimm.«
»Hoffen wir's!« sagte der Oberst von Ottersleben sehr ernst und
verabschiedete sich.
Als er einige Stunden später des Abends bei den Logows saß, war er
eigentlich angenehm enttäuscht. Es machte alles einen ganz netten
Eindruck. Seine Nichte und ihr Mann kamen nicht nur ihm freundlich
entgegen, sie waren es auch untereinander, kein Ehepaar voll eines
überströmenden Glücks, aber eines, das sich schließlich ineinander
gefunden zu haben schien, wie tausend andere. Er beobachtete im
stillen Ulla, während sie mit ihren ruhigen, gleichmäßigen Bewegungen
am Teekessel hantierte. Sie hatte in ihrer Erscheinung als Frau
nicht ganz das gehalten, was sie als Mädchen versprach. Sie war auf
jener Entwicklungsstufe eines schönen lebenden Bildes oder leblosen
Bildes stehen geblieben, das er von früher her kannte. Die Reife der
Durchgeistigung fehlte. Im Dunkel ihrer großen, mandelförmigen Augen
lag zuweilen eine bleierne, leer in sich verträumte Teilnahmlosigkeit,
namentlich wenn Erich von Logow sich einmal aus seiner gewohnten
Schweigsamkeit aufraffte und jedesmal auch gleich vom Dienst sprach.
Dann hörte sie sofort nicht zu und ließ, die Hände im Schoß, ihre
Blicke müde durch das Zimmer schweifen. Er schien das schon gewohnt,
und der Oberst sagte sich: So sitzen sie wahrscheinlich des Abends
beisammen, wenn kein Gast da ist, und haben einander absolut nichts
mehr mitzuteilen ... Er wollte diese Stimmung nicht aufkommen lassen
und frug: »Na -- und und was hört ihr von zu Hause, Kinder ... Euer
guter Papa macht euch leider Sorgen -- nicht wahr?«
Die junge Frau nickte und holte einen Brief ihrer Mutter hervor. Die
Nachrichten waren schlimm. Papa hatte Schwindelanfälle. Neulich war er
gerade auf der Treppe gestürzt. Es kostete ihn immer mehr Mühe, sich
in den Sattel zu schwingen. Aber als der Bursche einmal den Gaul an
einen Prellstein im Hofe geführt hatte, war er wütend geworden. Er sei
noch kein Spitalbruder! Warum man ihm nicht lieber gleich eine Leiter
brächte? Er verbäte sich diesen Unfug!
Es war eine sorgenvolle Pause. Dann forschte der Regimentskommandeur
in seiner frischen unmittelbaren Art: »Na -- und was macht denn
eigentlich die Maxe? Seht ihr sie oft? Kommt sie mal zu euch 'rüber?«
»Wir sind jetzt fast zwei Jahre verheiratet!« sagte Logow. »Aber seit
meinem Hochzeitstag hab' ich die Maxe nicht mehr gesehen!«
»Nanu?«
»Jawohl! Die beiden Male, wo wir inzwischen drüben zu Besuch bei ihren
Eltern waren, war sie jedesmal gerade in Thorn, bei Grotjans. Bei
denen ist sie oft. Die liebt sie! Aber von uns will sie nichts wissen.«
»Komisch! Man sollte doch meinen, ein junges Mädel müßte froh sein,
wenn sie Berlin so bequem vor der Nase hat. Übrigens: so ganz jung
ist sie ja auch eigentlich nicht mehr ... Sie wird doch mit Gottes
Hilfe dies Jahr fünfundzwanzig ... Hört mal: warum heiratet sie denn
eigentlich nicht?«
Er wandte sich dabei an Ulla. Sie goß ihm Tee ein und erwiderte kühl:
»Das frägst du mich auch zu viel, Onkel Bruno! Ich weiß es nicht!«
Sie mußte plötzlich husten. Es dauerte ziemliche Zeit. Ihr Mann sah
sie dabei schweigend und eigentümlich besorgt an. Dann meinte sie,
noch mit geröteten Wangen und feuchten Augen, zu ihrem Onkel: »Das ist
nun mein üblicher Winterkatarrh. Den krieg' ich im Oktober und werde
ihn vor Mai nicht los. Das war voriges Jahr gerade so. Du, Erich ...«
»Ja ...«
»Mir ist mit Papa so ein bißchen bang! Am liebsten führe ich morgen
mal hinüber ...«
»Ja, tu das nur!« versetzte ihr Mann gleichgültig.
Der Oberst von Ottersleben merkte aus den paar Worten: Die beiden
stritten sich nicht mehr, wie es sein Neffe, der Artillerist, von
früher her behauptet. Sie waren aneinander müde geworden. Sie ließen
einander gehen, wie sie wollten. Er wartete, bis die junge Frau das
Zimmer verlassen hatte. Dann wandte er sich an Logow, der in seinem
schweigenden Brüten, abgespannt von der Arbeit des Tages, dasaß: »Na,
Erich -- nun sind wir unter uns! Nun können wir vom Kommiß reden, ohne
deine bessere Hälfte zu langweilen ... Nu sag mal: was machst du für
Geschäfte in Berlin?«
Im Augenblick hatte Erich von Logow sich gesammelt und seine Nerven
und seinen Willen in der Hand.
»Ich hab's dir ja heute mittag schon gesagt. Ich bin schon auf dem
rechten Weg. Die Karre läuft schon, wie sie soll!«
»Es fehlt dir gar nichts?«
»Was sollte mir wohl fehlen?«
Der junge Hauptmann sprach es sehr kühl und fügte hinzu: »Sei nur
unbesorgt! Es ist alles in schönster Ordnung!«
»Ich hab' ja auch nie das Gegenteil behauptet, mein Sohn!« versetzte
der Oberst gelassen. »Nimm mir mein Interesse, als älterer
Generalstäbler für einen jüngeren, nur nicht gleich übel!«
»Ich bin dir dankbar dafür, Onkel ... Nur ... ich spreche ungern
viel von mir selber! ... Sag mal: ist dir das Teegesöff da nicht zu
labberig? Möchtest du nicht lieber ein Glas Bier? ... Warte -- ich
hol's dir rasch ...«
Er stand auf. Draußen schrillte die Flurklingel.
»Nanu?« murmelte er. »Was ist denn das? Noch um neun Uhr abends?«
Fast zugleich klang im Korridor ein Aufschrei Ullas.
»Papa ... um Gottes willen ... Papa ...!«
Und dann die völlig ruhige Stimme ihres Vaters, zugleich mit dem
Klirren eines an den Haken gehängten Säbels.
»Nun ja, Mieze! ... Tu doch nicht so, als wär' es mein Geist! Ich
bin's wirklich!«
Der Oberst Thilo von Ottersleben stand auf der Schwelle, im
Interimsrock seines Infanterieregiments Burggraf Friedrich von
Nürnberg. Er sah ganz wie gewöhnlich aus, höchstens daß die
hellbraunen Augen etwas leidend blickten. Er war im letzten Jahr sehr
gealtert. Er hatte noch mehr Fältchen auf den feinen und klugen, an
einen Gelehrten erinnernden Zügen bekommen und mußte sich Mühe geben,
um sich in den Schultern straff aufrecht zu halten. Er begrüßte Bruno
und Schwiegersohn, als wäre gar nichts Besonderes geschehen, und
setzte sich. Er war von dem kurzen Treppensteigen sehr außer Atem.
»Warum ich auf einmal hier bin, Kinder?« sagte er. »Na, das will ich
euch verraten: also -- es ging auf einmal nicht mehr! ... mitten
auf dem Exerzierplatz ging mir heute morgen die Puste aus ... es
war ein Schwindel ... schwarz vor den Augen ... ich hab' mich vor
der Mannschaft geschämt, aber es half nichts ... ich mußte 'runter
vom Pferd -- sie haben mich fast gehoben -- und mich auf den Arm
vom Adjutanten stützen und nach Hause gehen ... Nun frag' ich euch:
kann ich's in der Verfassung noch vor Seiner Majestät verantworten,
ein Regiment zu kommandieren? ... Ich sage: nein! ... Du hast eben
die Zweihundertvierundvierziger gekriegt, Bruno, und ich gebe die
Hundertachtundachtziger ab! Das wird das Ende vom Lied sein!«
»Ich will nicht warten, bis man höheren Orts meldet: Der Kerl kann
nicht mehr kriechen!« fuhr er fort. »Unser guter Stabsarzt versteht
vom Whistspielen mehr als von so 'nem inneren Knacks ...« Er lachte
plötzlich leise und geheimnisvoll in sich hinein. Sein Antlitz zeigte
eine geisterhafte Blässe. Er schien denen um ihn auf einmal verändert.
»Ich bin nämlich schon seit heute mittag in Berlin, Kinder! Und um
halb sechs bin ich zu 'ner Autorität in die Sprechstunde gestiefelt
... Wollte mal Gewißheit haben. Der berühmte Mann hat die längste Zeit
an mir 'rumgeklopft und 'rumgehorcht. Und das Ergebnis: Du mußt mir
nachher einen Bogen Papier geben, Erich! Ich schreibe heute noch mein
Abschiedsgesuch.«
»Und du mußt mich für heute nacht hier aufnehmen, Mieze!« sagte er
beinahe bittend, in dem tiefen allgemeinen Schweigen zu Ulla. »Ich
hab' heute so einen merkwürdigen Widerwillen gegen ein Hotel. Ich weiß
lieber jemand wie Erich in der Nähe! Der Professor wollt' es auch.
Ich kann ja auch auf dem Kanapee da schlafen. Da stör' ich euch dann
nicht!«
»Das fehlte noch, Papa!« Erich von Logow legte selbst mit Hand an und
trug gemeinsam mit dem Burschen eines der schweren Betten aus dem
Schlafzimmer hinüber in den Salon. Ulla und das Mädchen machten dem
Hausherrn unterdessen an der leeren Stelle ein Notlager auf dem Boden
zurecht. Ihr Vater saß in dem Getriebe still und freundlich, müde da,
als ob es ihn eigentlich gar nichts anginge. Sein Bruder reichte ihm
die Hand.
»Ich geh' jetzt, Thilo! ... Wir sehen uns noch morgen früh! Laß es dir
gut gehen!«
Der andere hatte sich erhoben. Die beiden Brüder und
Regimentskommandeure standen einander gegenüber.
»Lasse ~du~ es dir gut gehen!« sprach er laut. »Bringe ~du~
unseren Namen weiter zu Ehren! Du bist der Mann dazu! Du kommst noch
hoch hinauf in der Armee. Das wünscht dir niemand mehr von Herzen als
ich! Gute Nacht, mein guter Bruno! Und nun komm einmal her, Erich! ...
Ich habe mit dir unter vier Augen zu sprechen, solange deine Frau noch
draußen herumkramt! Die Frauenzimmer brauchen nicht alles zu wissen,
die machen nur ein unnützes Geschrei. Wir sind Männer. Also: der
Professor heute hat mir reinen Wein eingeschenkt. Wer weiß, wielange
ich noch leb' ...«
»Aber Papa ...«