nun so zumute! ... Ein nasses und ein heiteres Auge! ... Hart, seine
lieben Mädels so auf einmal alle wegzugeben! Nicht?«
»Eine haben wir ja noch!«
»Aber wie lange?«
Frau von Ottersleben warf einen Blick auf ihre mittlere Tochter.
»Die Maxe wird nicht leicht unterzubringen sein, Herr von Glümke!«
sagte sie.
Er riß seine blauen Augen auf. »Die? ... Na -- da muß ich doch lachen!«
»Denken Sie nur: Wie schwer hatte sie's bisher neben Ulla ... Wenn
eine gewisse Ähnlichkeit zwischen zwei Schwestern vorhanden ist und
die eine ist dabei eine ausgesprochene Schönheit ...«
»Schönheit in Ehren ...« Der General ließ den Blick nicht von dem
schweigsamen, kühlen Mädchenkopf da unten. »Aber Schönheit allein ist
langweilig. Es gehört doch noch was dazu ... Rasse! ... Sehen gnädige
Frau doch nur: Eigentlich ist sie doch einfach reizend!«
»Ja, ich finde es heute ja auch!« gestand Frau von Ottersleben. »Es
haben's mir auch schon andere gesagt ...«
»... und wird noch viel reizender! ... Dafür hab' ich doch Augen! ...«
Er schaute träumerisch zwischen den beiden Blumenaufsätzen hindurch.
Maxes Mutter seufzte. »Und trotzdem ... ich wäre ja froh ... aber das
Mädchen ist so sonderbar! Sie macht sich gar nichts aus den jungen
Leuten. Das erschwert es so! ... Beobachten Sie sie einmal: Sie ist
direkt unliebenswürdig zu ihrem Tischherrn. Das sind so ihre Mucken.
Sie kann unausstehlich gegen Herren sein, wenn sie will ...«
Und wieder dachte sich der General von Glümke voll Unruhe: Jawohl. Die
hat schon ihren Knacks im Herzen weg. Die weiß: Es geht nicht alles so
mit Lenz und Liebe! Die ist bereits auf dem Weg zur Vernunft ...
»Sie bekommen ja auf einmal einen ganz roten Kopf, Herr von Glümke
...« sagte neben ihm die Dame des Hauses.
Er fuhr zusammen und lachte: »Wissen Sie, warum? ... Ich war
heilsfroh, daß unserem tüchtigen Divisionskommandeur die ehrenvolle
Aufgabe der Festrede zufiel. Nun kriegt der aus heiterem Himmel wieder
mal sein Podagra, und ich muß hier aus dem Stegreif einen Speech
loslassen ...«
»Es wird schon gehen!«
»Na, es ~muß~ gehen!« sagte Olaf unbekümmert, klopfte an sein
Glas und erhob sich.
Es war still geworden. Seine helle Kommandostimme hallte durch den
weiten Saal.
»Ja ... meine verehrten Herrschaften ... das wußt' ich ja ... ich seh'
aller Augen vorwurfsvoll auf mich gerichtet. Die Damen scheinen mich
sämtlich mit ihren Blicken zu durchbohren: Was haben denn Sie elender
alter Junggeselle einen Toast auf Neuvermählte auszubringen? Was
verstehen denn Sie davon? ... Stimmt! ... Ich habe einen unterdrückten
Neid gegen meine beiden glücklichen jungen Kameraden da vor mir, Herrn
von Logow und Herrn Grotjan. Ich hab', wie ich in deren Alter war,
leider den Anschluß verpaßt. Aber warum? Sehr einfach! Es wollt'
mich keine haben! ... Jetzt darf ich's ja sagen! Nee -- lachen Sie
nicht: das ist eine sehr traurige Geschichte ... und ich finde es
eigentlich furchtbar nett von mir, daß ich mich trotzdem hier zum
Sprecher aufgeschwungen habe, um unser aller Empfindungen Ausdruck zu
verleihen, den Glück- und Segenswünschen für das Haus Ottersleben! ...«
»Meine Damen und Herren ... im Ernst gesprochen: Ich hab' immer einen
Riesenrespekt vor diesem Hause gehabt, meine unbegrenzte Verehrung
für dies schöne vorbildliche Familienleben, gerade weil es mir selber
versagt geblieben ist -- für Sie, mein lieber Herr Oberst, und Sie,
meine verehrte gnädige Frau! ... Und ich hab' mich immer gefreut, wenn
ich mit den Truppen unten vorbeigekommen bin und an den Fenstern drei
Köpfe gesehen hab' -- einen schwarzen, 'nen blonden und einen noch
blonderen ...«
Er machte eine Pause und fuhr dann gelassen fort: »Anderen Leuten
haben die auch gefallen! Sehr begreiflich! Und zwei von ihnen ziert
nun heute der Myrtenkranz. Mein lieber Logow ... dumm sind Sie nicht,
nach dem allgemeinen Urteil Ihrer Vorgesetzten -- heute dürfen die
Ihnen ja ausnahmsweise auch einmal etwas Schmeichelhaftes sagen -- Sie
sind -- nehmen Sie mir's nicht übel -- sogar ein verflucht gescheiter
Kerl. Aber das Gescheiteste in Ihrem Leben haben Sie heute getan.
Und Sie, mein lieber Herr Leutnant Grotjan ... ich habe ja nicht das
Vergnügen, Sie so gut zu kennen wie Ihren nunmehrigen Schwager -- aber
ich bin überzeugt: Sie auch! ...«
Er wandte sich an die jungen Frauen.
»Und Sie, meine verehrte Frau von Logow, und meine verehrte Frau
Grotjan -- ich weiß, Sie werden Ihre Wahl nicht bereuen! Wir Männer
sind ja durch die Bank ein mangelhaftes Stück Schöpfung. Man muß uns
nun mal nehmen, wie wir sind. Aber die beiden da sind, wie ich schon
sagte, relativ gelungen. Ihnen hat sicher Ihr Gefühl das Richtige
eingegeben, als Sie sich sagten: Für den und keinen anderen verlasse
ich mein Elternhaus ...«
Der General von Glümke schwieg einen Moment und ließ das Auge über die
Tischgesellschaft gleiten. Er zögerte. Maximiliane hatte die Lippen
zusammengepreßt und die Augen gesenkt. Sie wußte: nun kam wieder die
unvermeidliche Anspielung auf sie -- der heute schon zehnmal gehörte
Vergleich mit ihren Schwestern: ›Ich sei, gewährt mir die Bitte --
in eurem Bunde die Dritte!‹ -- Aber nein: Olaf warf seinen Kopf
zurück. Seine Stimme wurde markig und ernst: »Meine Herrschaften ...
der Sekt wird warm, der Braten kalt ... ich will Ihre Geduld nicht
überspannen! Ich hebe mein Glas, und hinter mir steht im Geist die
Armee, stehen all die Menschen, die Sie kennen und schätzen, und
hundert und tausend Stimmen rufen Ihnen, den jungen Paaren, durch mich
zu: ›Alles Gute! Alles Schöne! Glück und Segen auf dem neuen Weg!‹
Ich bin kein Bibelheld und hab' daheim nicht mehr nachschlagen können
-- aber irgendwo steht's geschrieben, womit ich meine Rede schließen
möchte und die ich, wie Sie inzwischen leider bemerkt haben werden,
unvorbereitet begonnen hab': Fürchtet Gott! Ehret den König! ... Habt
einander lieb! Mehr kann das Leben uns nicht geben! ... Meine Damen
und Herren: Wir leeren unser Glas: Herr und Frau Hauptmann von Logow,
Herr und Frau Leutnant Grotjan ... Hurra! Hurra! Hurra!«
»Uff!« sagte er dann lachend, sich in dem allgemeinen Tumult und
Gläserklirren setzend, und sonderbar: zu gleicher Zeit sah er einen
Blick Maximilianes von drüben auf sich gerichtet. Den ersten. Es war
wie ein Dank. Dann schaute sie wieder weg und gleichgültig vor sich
hin, während an der Tafel allmählich Ruhe eintrat.
Sie dachte auch gar nicht mehr an den General von Glümke, sondern nur:
›Gott sei Dank ... nun ist bald alles vorbei! Er ist fort ... Dann
hab' ich Ruhe! Ich werde ihn mir aus dem Kopf schlagen, so wie er sich
nie um mich gekümmert hat. Ich werde vergessen, was er mir war. Er ist
nur noch mein Schwager, den ich alle Jubeljahre mal irgendwo auf kurze
Zeit sehe. Weiter nichts ...‹
Ihr Tischherr gab sich Mühe, sie zu unterhalten. Er erzählte ihr von
der beabsichtigten Verlegung des dreißigsten Pionierbataillons nach
Thorn, wo schon die Siebzehner standen. Da würde die Frau Schwester
bis an die Weichsel verschlagen, bis an die russische Grenze.
Und sie erwiderte zerstreut: »Ach ... die Dorle ist eine fidele Haut!
Die fühlt sich überall wohl!«
Sie sah von ihrem Platz aus Logows scharfes schnurrbärtiges Profil.
Er wandte sich gegen seine Frau. Er lächelte und flüsterte ihr etwas
zu. Einen Augenblick waren seine Züge sonnenhell. Dann legte sich
wieder die gewohnte Ruhe darüber. Ein ehernes Selbstbewußtsein, das
heute etwas Feierliches an sich hatte und noch gehoben war durch
die Generalstabsuniform, die außer ihm im Saal nur noch sein Onkel
Bruno trug. Wieder fuhr es ihr durch den Kopf: ›Bald ist er fort!‹ Es
war so unwahrscheinlich: dies Gefühl der räumlichen Entfernung. Alle
diese Jahre hatte sie ihn neben sich in derselben Stadt gewußt, ihn
in Gedanken über die paar Gassen und Plätze hinweg in ihre Nähe rufen
können. Er war erreichbar ... sichtbar gewesen. Auch als Bräutigam
war er im letzten Vierteljahr noch jeden zweiten Sonntag von Berlin
herübergekommen. Nun wurde er für sie eine Erinnerung ... Und die
blieb ...
Es wurden die eingelaufenen Glückwunschdepeschen verlesen. Otto von
Ottersleben hatte den ganzen Stoß vor sich liegen und verkündete
sie der Reihe nach: lange und kurze, in Vers und Prosa, ernste
und heitere. Ein paarmal lachte Logow herzlich zu irgendwelchen
Anspielungen der Kameraden. Sie hörte nicht zu. Seine gute Laune tat
ihr im tiefsten Herzen weh. Sie sagte sich: ›Ich muß etwas tun. Ich
muß mich gegen ihn wappnen. Gegen mich. Ich kann doch nicht ewig an
ihm kranken. Es ist ja schrecklich, welche Macht er über mich hat --
jetzt noch mehr -- wo ich weiß, daß ich ihn verloren hab' -- jetzt
gerade -- aus purer Verzweiflung ...‹
Sie fröstelte bei der Vorstellung der Öde, die von morgen ab kam:
Die Schwestern aus dem Hause, Papa im Dienst, Mama in der Stadt auf
Besorgungen -- da saß man nun, die Hände im Schoß. Wozu war man
eigentlich auf der Welt? Wie füllte man seine Tage aus? Und die
dehnten sich ohne Ende vor einem, in schnurgerader Linie, wie die
Kilometersteine an der Chaussee ... Sie hatte ihren Zorn gegen sich,
daß sie von dieser Furcht vor dem Nichts nicht loskam. Sie hatte
sich so gewünscht, daß die Prüfung vorüber sein möge. Aber nun stand
dahinter erst, noch viel schlimmer, das Morgen.
Diakonissin? Im Gelächter und Stimmengewirr um sie her, dem Schmettern
der Musik, dem Duft der Blumen, sah sie einen stillen, dämmerigen
Saal vor sich, Kranke in den Betten, durch den Mittelgang schreitend,
unhörbar, in dunkler Tracht jemanden -- das war sie -- nein -- das
war nicht sie ... der Trotz bäumte sich in ihr auf ... Selbstgefühl
... Daseinslust trotz alledem ... sie wollte nicht ihr Leben lang
Trauer tragen für einen, dem sie nie etwas gewesen war ... das war
ein unnützes Opfer. Sie stand hastig mit den anderen auf -- denn nun
endlich, endlich wurde die Tafel aufgehoben -- und nahm den Arm ihres
Tischnachbarn, der sie in die Nebenräume führte.
Dort trank man den Kaffee. Unter dem großen Kronleuchter stand das
junge Ehepaar Logow und hielt eine Art Cour ab. Von allen Seiten
wurden sie umdrängt. Um die Grotjans kümmerte man sich weniger. Ulla
erschien jetzt, wo sie allmählich ihre Farbe zurückgewonnen hatte,
wieder viel reizvoller. Sie strahlte in ihrer tannenschlanken,
tiefdunklen, schwermütigen Schönheit. Ihr Mann wurde hinausgerufen und
kam lachend, einen mächtigen Blumenstrauß in der Hand, zurück.
»Die Unteroffiziere meiner alten Kompanie lassen schönstens Glück
wünschen!« sagte er. »Eben war eine Deputation mit dem Feldwebel an
der Spitze da. Heute in aller Gottesfrühe ist schon mein verflossener
Bursche im Hotelzimmer bei mir angetreten. Auch mit 'nem Bukettchen
in der Faust, der biedere Kerl! ... Anhängliche Leute -- nicht,
Neugereuth?«
»Ja -- die Mannschaft hatte Sie furchtbar gern in der Kompanie
...« bestätigte sein ehemaliger Hauptmann. Eine Stimme rief:
»Silentium!« Eine Depesche vom Sitz des Generalkommandos war, etwas
verspätet, eingetroffen. Der Allgewaltige des Armeekorps sandte seine
Glückwünsche zur Otterslebenschen Hochzeit, und Erich von Logow
verbeugte sich beim Anhören leicht, mit einem ehrerbietigen Lächeln,
als stände die Exzellenz selber vor ihm.
Und Maximiliane dachte sich in ihrer Ecke: ›Er ist doch schon so
glücklich! Was braucht man es ihm noch aufzudrängen, um ihn herum zu
wetteifern, vom Kommandierenden bis zum Musketier? Warum verwöhnen ihn
alle Menschen so? Und warum nimmt er das so hin, als ob sich das von
selbst verstände, und zertritt dabei gerade mich? Warum büße ich für
alle, die hier fröhlich und zufrieden sind?‹
Sie wandte sich zur Seite, um ihr leeres Mokkatäßchen wegzustellen,
und erblickte den Generalmajor von Glümke, der neben sie getreten
war. Er schüttelte das Haupt, sah auf sie hinunter -- er überragte
sie trotz ihres hohen Wuchses noch um einen guten Kopf -- und meinte
halblaut: »Na ... Sie armes Aschenbrödel ...«
Es war, als wollte er sie absichtlich reizen. Ihr Stolz flackerte auf.
Sie furchte die Stirne und blickte ihn feindselig an: »Herr von Glümke
... was heißt denn das? ... Warum seckieren Sie mich denn fortwährend?
Ich hab's jetzt satt!«
Er wurde noch leidenschaftlicher als sie. Er zog die Augenbrauen hoch,
eine Bewegung, auf die im Dienste ein furchtbares Donnerwetter folgte,
schaute sich um, ob niemand in der Nähe sei, beugte sich ein wenig zu
ihrem Ohr und versetzte mit unterdrücktem Grimm: »Ja ... ist's denn
nicht wirklich toll? Die verkehrte Welt! Sie ... Sie ... Sie stehen da
in der Ecke, und da drüben springen sie und tanzen ... Und alles hat
nur Augen für Ihre Schwestern, statt daß man sich um Sie reißt? Ja,
sind die Leute denn alle blind? ... Rein von Gott verlassen ist ja die
ganze Gesellschaft ...«
Sie wandte sich zum Gehen.
»Herr von Glümke ... jetzt hab' ich aber genug gehört ...«
Er stellte sich vor sie. Er, der abgebrühte alte Junggeselle und
Damenheld, war plötzlich blaß geworden. Er drängte -- er befahl
förmlich: »Nee -- bleiben Sie mal, Kind! Ich muß Ihnen einen Vorschlag
machen! Etwas sehr Wichtiges!«
Dabei lachte er verwegen unter seinem kurzen, blonden, kaum merklich
angegrauten Schnurrbart. Dieser Gesichtsausdruck war so recht Olaf,
der Mann der tausend Streiche, den man trotz Rang und Würde außer
Dienst nie ganz ernst nahm. Sie mußte unwillkürlich mitlachen.
»Das wird wieder was Rares sein, Herr General!«
Er machte eine geheimnisvolle und aufgeregte Miene. Er schien ihr mit
einemmal verändert, obwohl er immer noch lächelte.
»Also, hören Sie mal, Fräulein Maxe ... Es liegt in Ihrer Hand,
diese blinden Hessen hier alle zu strafen -- die ganze Blase einfach
niederzuschmettern ... Ein Trompetentusch ... ein Hallo ... Und der
ganze Zauber da vor uns ist wie weggeblasen! ... Sie sprengen das
alles in die Luft. Sie steigen -- wie heißt das Fabelwesen doch
gleich? -- wie der Phönix aus der Asche! ... Sie sind mit einem Schlag
der Mittelpunkt! Sie sind die Königin ...«
Sie schaute ihn mißtrauisch an. Hatte er doch am Ende ein Gläschen zu
viel erwischt? Aber den Eindruck machte er eigentlich nicht. Er sah,
trotz seiner Erregtheit und überhasteten Sprechweise, merkwürdig ernst
aus. Sie erwiderte kühl: »Ich versteh' kein Wort, Herr General, was
Sie da ...«
Olaf von Glümke ließ sie nicht weiterreden. Er hob die Rechte: »Nee
-- nee ich sag' Ihnen ja ... Es liegt in Ihrer Hand -- weil ich Ihnen
die Hand dazu biete ... Sie bitten möchte ...« Es war ein plötzliches
werbendes Flackern in seinen blauen Augen, seine Stimme flüsterte
eindringlich: »... weil ich Sie inständig bitten möchte ... Fräulein
Maxe ... verstehen Sie mich? ... Ich kann nicht so viel Worte machen
... Es sind zu viel Leute hier im Saal ... Fräulein Maxe ... ich
mache Sie zur ersten Dame hier im Saal ... in der ganzen Stadt ...
der Divisionär ist ja Witwer -- weit und breit sind Sie die Erste ...
In 'nem Jahr sind Sie Exzellenz, wenn's unserem Herrgott und Seiner
Majestät gefällt ...«
»Um Gottes willen -- hören Sie auf, Herr von Glümke!«
»Nee ... ich fang' erst an! ... Denken Sie: so mit einem Schlag über
Ihre Schwestern -- Ihre Freundinnen -- ganz oben! Denken Sie, wie sich
Ihre Eltern freuen würden! ... Ach, was red' ich da! Was liegt an den
ollen Herrschaften -- an dem ganzen Klimbim hier? Auf Sie kommt's an
...« Er sprach leidenschaftlich und gedämpft. Beide standen mit leerem
Lächeln, eine Maske vor dem Gesicht, um kein Aufsehen zu erregen. »Sie
sind das Mädchen danach! Ich würd' es keiner anderen sagen. Aber Sie
sind anders als die anderen. Das hab' ich Ihnen auch schon gesagt!
Wissen Sie -- damals im Wald! ... Das war die entscheidende Stunde.
Seitdem hab' ich kein Auge von Ihnen gelassen, seitdem hab' ich immer
mehr ... Kommen Sie, Fräulein Maxe ... Ich bitt' Sie ... Kommen Sie
...«
»Wohin?«
»Zu Ihren Eltern! ... Denken Sie: wenn wir auf einmal dastehen ...
mitten im Saal ... und der Jubel losbricht ...«
Maximiliane antwortete nicht. Sie war völlig betäubt. In willenloser
Angst folgten ihre Augen seinem Blick, der kriegerisch ihre Eltern
suchte. Da war Mama. Sie kam gerade auf sie beide zu, wie durch ihn
gerufen. Er lachte. Ein Schein von Triumph glitt über seine Züge. Nun
war er des Erfolges seines Husarenritts schon halb sicher. Er raunte:
»Darf ich reden, Maxe?«
»Nein ... nein ...«
»Aber warum noch warten ... es ist gerade der Moment ...«
»Sie müssen mir doch Zeit lassen ... Sie überrumpeln mich da auf
einmal ... Ich bin ja wie aus den Wolken gefallen ... Ich weiß gar
nicht, ob ich wache oder träume ... ob Ihnen das überhaupt ernst ist
...«
»Aber ... Maxe ...« Er sah sie vorwurfsvoll und zugleich aufmunternd
an. Er nannte sie einfach beim Vornamen. Es fehlte wenig, so nannte er
sie schon Du. Er betrachtete sie schon halb als sein Eigen. Wenn sie
auch noch nicht ›ja‹ gesagt hatte, eines ›Nein‹ war sie nicht fähig.
Das merkte er. Dazu war sie zu erschrocken. Oder geblendet von der
Zukunft, deren Vorhang er mit einem Griff vor ihr weggerissen. Sie
schwieg und zitterte. Über ihre Wangen jagte eine fliegende Röte und
machte tiefer Blässe Platz. Frau von Ottersleben kam an sie heran.
»Ach ... verzeihen Sie einen Augenblick, Herr von Glümke! Du hör
mal, Maxe ... die Dorle ist in allen Zuständen. Sie zieht sich eben
oben im Hotel um, und nun fehlt die kleine goldene Brillantuhr, das
Geschenk von Onkel Bruno. Zum Brautkleid hat sie sie natürlich nicht
angehabt, und in dem Korb mit den Sachen aus der Wohnung ist sie nicht
mitgekommen. Sie schwört, die Uhr müsse dort noch irgendwo liegen! ...
Geh! ... Sei lieb und fahr rasch hin und hol sie!«
»Aber das kann doch auch einer von den jungen Leuten besorgen!« sagte
der General. Er hatte einen roten Kopf bekommen und trat vor Ungeduld
von einem Fuß auf den anderen.
»Ach, die finden doch nichts! ... Nein ... es ist schon besser ... Du
bist ja in fünf Minuten wieder da, Kind ...«
Maximiliane ließ es sich nicht zweimal sagen. Sie lief förmlich davon.
Sie dankte ihrem Schöpfer, daß sie Zeit gewonnen hatte. Sie schlüpfte
atemlos in einen der geschlossenen Wagen draußen. Der rasselte mit
ihr dahin. Sie saß aufrecht und still, die Hände zwischen den Knieen
zusammengepreßt, den Rosenkranz auf dem blonden Scheitel. Ihr Herz
hämmerte. Auf der Straße gingen die Leute. Die Läden waren offen. Die
Kinder kamen aus der Schule. Es war ein Werktag wie sonst. Und in ihr
eine Empfindung, als sollte die Welt untergehen. Sie war nahe daran,
in ihrer Ratlosigkeit und Hilflosigkeit in Weinen auszubrechen. Sie
fühlte sich so schwach. Gerade heute. Glümke hatte sich den Tag gut
gewählt. Dann unterdrückte sie ihre Tränen. Sie nötigte sich zur Ruhe,
zur Überlegung. Sie sagte sich immer wieder: Ich lasse mich nicht
zwingen. Ich hab' mein Schicksal in der Hand ...
Die Droschke hielt vor dem Elternhaus. Sie stieg die Treppen hinauf
und öffnete mit dem Drücker die totenstille Wohnung, in der alles in
der Unordnung der Festvorbereitungen durcheinander stand und lag.
Mitten auf dem Tisch natürlich Dorles Uhr. Sie steckte sie zu sich.
Dann setzte sie sich auf einen Stuhl und versank in Sinnen. Es war
kein Mensch in den Räumen. Niemand störte sie. Sie war mit sich allein
...
Eine fremde Stimme von irgendwoher frug sie: Wie lange willst du
eigentlich allein bleiben? Doch nicht dein ganzes Leben hindurch?
Die Eltern werden eines Tages von dir weggehen. Sie hinterlassen dir
nicht einmal genug Geld. Du wirst in die Welt hinausgestoßen, um dir
dein Brot zu verdienen als alte Jungfer -- wegen eines Mannes, der
von deinem Opfer nichts ahnt, dem du so gleichgültig bist, wie dir
die Spatzen da vor dem Fenster. Nein. Lieben kannst du freilich nie
mehr. Aber heiraten wirst du doch -- rein aus Vernunft, gerade wie die
Ulla ... Und auf wen anderen willst du dann noch warten? ... So etwas
bietet einem das Schicksal nur einmal. Gerade er, der da drüben, denkt
in seinen Jahren nicht mehr daran, daß du dich noch über die Ohren
in ihn verlieben könntest. Dazu ist er viel zu erfahren. Er schlägt
dir einen ehrlichen Handel vor. An ihm begehst du kein Unrecht ... im
Gegenteil: du versündigst dich an dir und deiner Zukunft und deinen
Eltern, wenn du ~diesen~ Antrag nicht annimmst ...
Schon aus Trotz! Schon aus einer Art Rache! Sie erhob sich. Jetzt
wurde auch das in ihr lebendig. Dann glaubte kein Mensch mehr, daß sie
je an einen Hauptmann von Logow gedacht -- sie, die Generalin -- über
ihre Schwestern, ihre Freundinnen -- über Mama selber. Man würde sie
bewundern ... beneiden ... sie hatte ihre Netze gut ausgeworfen, in
aller Stille ... Erich von Logow mußte sich dann selbst gestehen: sie
hätte ihn nie genommen -- auch wenn er je um sie geworben hätte ...
Das alles war kein Trost. Aber es erzeugte in ihr immer wieder dies
dumpfe, nicht abzuschüttelnde Bewußtsein: Du mußt! Du mußt ›ja‹ sagen.
Und dadurch kommst du wirklich und endgültig von jenem anderen los,
von dem Mann deiner Schwester -- wenn du selber einen Mann hast, der
dich beschirmt und auf den du dich stützest ... Sie seufzte schwer
auf. Es mußte sein. Was sie sich nicht hätte träumen lassen, das
erfüllte sich: ehe die Sonne heute über den Dächern da gegenüber sank,
war sie auch Braut ...
Sie sah auf die Uhr und erschrak. Fast eine halbe Stunde hatte sie
hier gesessen und gesonnen. Sie mußte sich eilen und stieg doch
langsam, mit gesenktem Haupt, in ihrem rauschenden Festkleid, die
Treppe hinunter, wie zu einem schweren Gang, und fuhr in einer
eigenen, eiskalten Ruhe, in der sie das Herz in sich tot und ihren
Kopf klar und lebend fühlte, in das Hotel zurück.
Ihre Mutter empfing sie mit Vorwürfen, wo sie denn nur um Gottes
willen gesteckt habe? Grotjans seien schon auf dem Bahnhof. Dabei gab
sie die Uhr einem der Kadetten. Er solle rennen und sie ihnen noch an
den Zug bringen. Maximiliane hatte kaum zugehört. Sie trat mit einem
leeren, zerstreuten Lächeln auf den Lippen in den Saal. Da wurde jetzt
getanzt. Die Regimentskapelle spielte. Die Paare flogen vorbei. Immer
irgendeine Uniform und ein Flattern von Rosa oder Blau oder Weiß. Sie
sah es geistesabwesend. Dann packte sie plötzlich jemand und walzte
lachend mit ihr los. Es war ihr Bruder Otto, der schon einen kleinen
Hieb hatte. Er wirbelte sie wie rasend einmal rundherum, bis sie sich
von ihm befreien konnte. Sie blieb schweratmend stehen. Es drehte sich
ihr alles vor den Augen. Und da -- in diesem Nebel -- war auf einmal
der General von Glümke da und sagte zu ihr, mit einer Stimme, die wie
aus weiter Ferne zu klingen schien: »Kommen Sie, Maxe ... Wir wollen
ein bißchen da hinaus.«
Er nahm ihren Arm und führte sie in den Garten hinter dem Hotel, da,
wo zuvor die Gruppenaufnahme stattgefunden hatte. Es war ganz still
zwischen den grünen Büschen. Die Sonne schien heiß auf die Kieswege.
Über ihnen blaute die Himmelswölbung. Er sprach gedämpft, herzlich,
bittend ihren Arm an sich drückend: »Maxe ... liebe Maxe ... nun sagen
Sie ›ja‹.«
Sie rang danach. Sie brachte es noch nicht heraus. Sie gingen die
paar Schritte weiter bis zur rückwärtigen Gitterpforte, vor der eine
leere Droschke hielt, und kehrten wieder um.
»Maxe ... nur das eine kleine Wort ...«
Sie wollte es aussprechen und blieb stehen. Es kam ihnen da jemand
vom Hotel her auf dem Weg entgegen, nach dem Wagen zu. Ein Paar. Ihre
Schwester Ulla, in grauem Reisekleid und Hut und Schleier, und neben
ihr in Zivil ihr Mann. Sie wählten den Hinterausgang, um unauffällig
zu verschwinden. Der General trat diskret seitlich, in einen
umbuschten Rundpfad zurück.
Ulla von Logow küßte hastig ihre Schwester: »Herrgott -- da sehen wir
uns doch noch! Mama sagte vorhin, du seist in der Wohnung! Adieu,
Schatz! Adieu! Adieu!«
Dann reichte ihr der Hauptmann von Logow heiter und eilig die Hand.
»Adieu, Maxe! ... Laß dir's gut gehen! Mach's bald nach, so wie die
Ulla und 's Dorle! Und besuch uns recht oft in Berlin, wenn wir zurück
sind ... hörst du? ...«