Fersen, eilte sie wieder durch den Wald zurück, hinter den Geschützen
vorbei, nach der anderen Seite -- voll stummer, verbissener
Leidenschaft, sich nicht hemmen zu lassen, ihr Schicksal zu erzwingen
... Aber da drüben in der freien Ebene, auf der weißen Fläche, längs
der Ufer, bildeten dunkle Punkte und rote Flaggen eine lange, dünne,
langsam vorschreitende Linie. Es war Infanterie vom Regiment ihres
Vaters. Sie erkannte die Achselklappen. Sie sah das Aufblitzen der
Schüsse. Auch von rechts, wo die Dragoner gewesen, knatterte jetzt das
Kleingewehrfeuer, und weiterhin, jenseits des Sees, war alles schwarz
von Soldaten. Sie war mitten in die Felddienstübung des Generals von
Glümke hineingeraten.
Sie blieb ratlos, in sich zusammenfröstelnd, im Schnee stehen. Der
Weg zum See war ihr mit Waffengewalt versperrt. Das Gefecht näherte
sich mehr und mehr. Es schien, daß Papa mit seinem Regiment eine
weitausgreifende Umfassung vorbereitete. Sie glaubte ihn fern unter
einem einzelnen Baum an seinem Pferd, der guten alten Rappstute Bella,
zu erkennen, die so phlegmatisch im Kugelregen stand. Sie wandte sich
um und ging langsam, wie vor den Kopf geschlagen, längs des Waldsaums
dahin. In ihr war immer noch der verzweifelte, nachtwandelnde Drang:
›Ich kann mir nicht helfen. Ich muß jetzt Schlittschuhlaufen. Weit
weg. Ganz weit ... Wer weiß, wann ich wieder die Kraft dazu habe.‹
In einer Aussichtshütte, die am Wege stand, ließ sie sich nieder und
saß da, ohne sich zu rühren. Hier störte sie keiner. Sie hatte die
Hände zusammengelegt und den Kopf geneigt. Sie war unendlich traurig.
Über ihr war in der Holzwand von sommerlichen Ausflüglern ein Herz
eingeschnitten. ›Paul -- Emma. 1900.‹ stand darin. Das machte sie auf
einmal beinahe weinen. Alle Menschen liebten sich, jedes fand den
Seinen oder die Seine. Nur sie war verlassen. An ihr ging man achtlos
vorbei. Es war so grausam -- so demütigend. Sie ertrug es vor sich
selber nicht. Sie seufzte schwer, mit düsterem Gesicht. Sie dachte
sich: Es muß ja nicht heute sein! Der Winter ist ja noch lang. Es
kommen noch mehr solche Tage ... Das gab ihr einen trüben Trost. Sie
fühlte sich ruhiger. Sie erhob sich und drehte nun endgültig dem
Gefechtsfeld den Rücken und schlug die Richtung nach Hause ein.
Hinter ihr klang es, fern im Wind, aus vielen Hörnern: ›Gewehr in
Ruh'!‹ Es wurde plötzlich ganz still. Die Übung war doch früher zu
Ende, als sie geglaubt. Hoffentlich hatte Papa gut abgeschnitten.
Er machte es ja dem General von Glümke nie zu Dank. Nun rückten die
Regimenter bald in die Quartiere. Aber für sie, Maxe Ottersleben, war
es heute zu spät: die große Stunde und Stimmung verflogen.
Ein andermal ... Traumverloren wanderte sie weiter -- eine Viertel-,
eine halbe Stunde. Sie brauchte doppelt so viel Zeit als auf dem
Hinweg -- so matt war sie -- so schwer trugen sie die Füße. Am
liebsten hätte sie sich lang in den Schnee hingeworfen und wäre
liegen geblieben, mochte daraus werden, was wollte. Dann gab sie
sich einen erschrockenen Ruck und schritt anscheinend gleichgültig
dahin. Sie hatte hinter sich Hufgetrappel gehört. Da kam jemand, im
schlanken Trab, ohne sich um Schneelöcher und Baumwurzeln zu kümmern,
so elastisch wie ein junger Leutnant im Sattel, trotz der weithin
leuchtenden, scharlachroten Generalsaufschläge. Als er sich dem jungen
Mädchen näherte, richtete er sich in den Bügeln empor, die -- das
Zeichen eines tadellosen Reiters -- so lang geschnallt waren, daß er
eben noch mit der Fußspitze Anlehnung fand, und rief lachend: »Na, Sie
Schlachtenbummler ... hab' ich Sie noch glücklich erwischt ...?«
Sie machte halt, einen Schatten des Unmuts auf dem hübschen, blassen,
unregelmäßigen Gesicht. Der General von Glümke ... der fehlte ihr noch
gerade! ... Papas Vorgesetzter und Widerpart! Sie schaute kühl zu
ihm empor, in der Erwartung, daß er an ihr vorbeireiten würde. Er sah
etwas verändert aus, weil der Reif seinen sonst blonden Schnurrbart
silbergrau überzogen hatte. Aber das machte ihn nicht älter. Es
war eher, als ob er sich gepudert hätte, wie ein Offizier aus
friderizianischen Zeiten. Mit seinen geröteten Wangen, den blitzenden
blauen Augen war er ein Bild der Unternehmungslust. Man mußte schon
genau hinblicken, um die vielen feinen Fältchen auf seinen verwegenen
Zügen zu erkennen. Er ritt ein riesiges, blutjunges Pferd, das noch so
hochbeinig war wie ein halbes Fohlen. Es arbeitete an der Kandare, daß
die weißen Schaumflocken flogen. Sein dickes Winterhaar rauchte von
Schweiß und war struppig wie bei einem Ackergaul. Beim unvermuteten
Anblick einer Dame machte es mit allen vieren eine Lançade in die Luft
hinauf, daß sie schon einen Sturz befürchtete. Aber Olaf ließ sich
durch solche kleine Späße nicht im Sitz stören. Er klopfte dem Tier
beruhigend auf den Hals, schwang sich mit einem Satz aus dem Sattel
und ging, es am Zügel nach sich ziehend, so als ob sich das von selbst
verstände, links neben Maximiliane her.
»Nu sagen Sie mal um Gottes willen, was haben Sie denn eigentlich den
ganzen Morgen da draußen gemacht?«
»Ich?« sagte sie erstaunt. Es konnte sie doch niemand gesehen haben.
Es war doch zu weit gewesen.
»Na -- ich beobachte Sie doch seit zwei Stunden und trau' meinen Augen
nicht! Stiefelt mir da auf einmal eine junge Dame in der Schützenlinie
herum! Ich hatt' schon Angst, Sie würden schließlich noch die Führung
des markierten Feindes übernehmen ... Na -- da hätt' ich schön Senge
besehen! Gegen Damen bin ich wehrlos!«
»Ich bin nur hinaus, um Schlittschuh zu laufen, und wie das nicht
ging, gleich wieder umgekehrt.«
Er lachte schallend und schlug mit der Hand auf den Krimstecher, den
er in einem Lederfutteral umgeschnallt trug: »Und mein Zeiß? Ich hab'
doch als Feldherr das Gelände überschaut. Ich hab' mich immer beim
Befehlerteilen gefragt: Jesus -- was macht sie nur? ... In dem zugigen
Aussichtstempelchen, in dem Sie eine Stunde gesessen haben, könnt' ja
unsereiner 'nen Schnupfen kriegen! ... Aber warten Sie nur: ich steck'
es dem Papa!«
Er drohte ihr gutmütig wie einem Kind mit dem Finger und setzte
amüsiert hinzu: »Schade, daß Sie nicht zum Schluß zur Kritik gekommen
sind! Ich hätte Ihnen gerne die Brigade im Parademarsch vorgeführt!«
Sie biß sich auf die Lippen, erwiderte nichts. Endlich versetzte sie
schroff: »Ich kann doch spazieren gehen, wo ich will.«
»Aber unbedingt!« sagte Olaf von Glümke. Im Augenblick, wo er merkte,
daß sie auf seine Neckereien nicht einging, änderte er den Ton.
»Ich hatt' nämlich wirklich Angst, es wäre Ihnen nicht wohl!« gestand
er. »Oder Sie hätten gestern was beim Schlittschuhlaufen verloren und
suchten es. Da hab' ich Adjutanten, Ordonnanzen und Gäule auf der
Chaussee vorausgeschickt und bin Ihnen durch den Wald nachgeritten,
um zu sehen, ob ich Ihnen nicht behilflich sein kann.«
»Sie sind sehr gütig, Herr General!«
Sie gingen eine kurze Strecke stumm nebeneinander her. Leise klirrten
ihre Schlittschuhe, seine Sporen im Takte ihrer Schritte. Hinter ihnen
schnaufte das Pferd. Man fühlte seinen heißen Atem im Genick. Sie
dachte sich: Warum steigt er denn nicht endlich auf und reitet weiter?
Sie sagte es schließlich direkt in ihrem Unmut: »Aber ich möchte Ihnen
nicht Ihre Zeit wegnehmen, Herr General!«
Er verneinte.
»I wo! Ich vertret' mir mit Wonne 'n bißchen die Beine! Ich bin
verfroren. Ich kann mir doch nicht Stroh um die Steigbügel wickeln
lassen wie ein Großpapa ... Aber die Brigade mußte mal 'raus und ihre
Sünden abschwitzen. Ihr Herr Vater, der ist nur fürs Zielen! Aber ich
bin nicht so gelehrt. Ich bin kein Bücherhengst. Es ist ja jetzt Mode.
Die Herren sind's alle. Ihr künftiger Schwager Logow auch. Na -- wann
heiratet denn die schone Ulla?«
»Anfang Mai.«
»Und das Dorle?«
»Am selben Tag.«
»Und die blonde Maxe?«
»Ich?«
Sie war ganz empört, daß er sie im Scherz mit ihrem Garnisonspitznamen
»blonde Maxe« nannte! Woher wußte er denn überhaupt?
Er bestätigte unbefangen: »Ja ... Sie!«
Sie wurde nicht rot, sie kicherte nicht und sah nicht zur Seite, wie
er es als alter Schwerenöter sonst bei jungen Mädchen kannte, sondern
warf den Kopf etwas zurück und sagte sehr kühl und von oben herab:
»Ich hab' noch lang' Zeit, Herr General!«
»Nanu?«
Sie ärgerte sich über seine belustigt hochgezogenen Brauen und
setzte hochmütig hinzu: »Wenn es nach mir geht, heirate ich am
liebsten überhaupt gar nicht! Ich finde die Männer nicht so furchtbar
verlockend!«
Der General von Glümke schüttelte sich vor Lachen.
»Sie haben sehr recht, Fräulein Maxe ... Sehr recht! ... Ich kenne die
Gesellschaft! Ich warne Sie! Aber Sie müssen mich trotzdem zu Ihrer
Hochzeit einladen! Versprechen Sie es mir?«
»Lassen Sie doch endlich die Witze, Herr General! Die sind wirklich
nicht neu! Wenn Sie bloß deswegen von Ihren Soldaten weggeritten sind,
um mir das zu erzählen ...«
»Der Dienst ist zu Ende!« versetzte Olaf von Glümke. »Jetzt bin ich
Mensch! Hol' der Deubel den Dienst in den Freistunden! ... Na ...
Kopf hoch, Fräulein von Ottersleben! ... Was machen Sie nur immer für
ein Armsündergesicht? Tut's Ihnen so leid, daß die Schwestern aus dem
Hause gehen? ... Na -- warten Sie nur: Sie werden auch bald ... Ach so
... Ich bin schon still ... Sie müssen es nicht so ernst nehmen, was
ich rede!«
Ihre Züge waren unter dem schwarzgetupften Schleier blaß und trotzig.
Sie antwortete wenig höflich: »Das tu' ich auch nicht, Herr General!«
»Danke gehorsamst!«
Er legte zwei Finger an den Helmrand, lachte, und es fuhr ihm dabei
blitzschnell durch den Kopf: Donnerwetter ja! ... Die hat schon
scheint's ihre Erfahrungen hinter sich! Die hat sich schon irgendwo
verbrannt! Dann forschte er wohlwollend: »Sind Sie eigentlich immer so
kratzbürstig, Fräulein von Ottersleben?«
Sie antwortete nicht und ging rascher. Er hielt elastisch mit ihr
gleichen Schritt. Er sah sie dabei vergnügt aus seinen strahlenden,
von feinen Krähenfüßen umrahmten blauen Augen an. Er behandelte sie
wie ein Kind, mit dem man sich im Spiel herumneckte. Er war grausamer
bei ihrer jetzigen Seelenverfassung, als er ahnte. Und doch belebte
sie seine unbekümmerte frische Art. Er nickte befriedigt.
»Sehen Sie ... Jetzt schauen Sie schon wieder viel blanker aus den
Augen! Lachen Sie! ... Lachen Sie, Fräulein Maxe! ... Wollen Sie
gleich lachen ... Donnerwetter ja! So! Na ... das war wenigstens ein
Anfang ... Sie möchten nämlich ganz gerne fidel sein, Kind ... Sie
genieren sich bloß ... Sie denken: Blässe ist interessant! ... Ach
wo! ... Kinder ... wenn schon die jungen Mädchen Trübsal blasen, was
sollen denn dann wir alten Knackstiebel erst anfangen? Ich hab' doch
so was Väterliches an mir, nicht?«
»Nein -- gar nicht, Herr General!«
Er wiegte betrübt den blonden Kopf.
»Ach ... und ich dachte ... na ... nichts für ungut! Kommen Sie: wir
wollen uns wieder vertragen! ... Ich muß jetzt da links ab ... Sind
Sie mir noch böse?«
Sie waren am Stadtrand. Vor ihnen schimmerten schneebedeckt die
ersten Villen. Sie dachte sich: ›Böse -- Warum? ... Lieber Gott ... Er
ist nun mal so ...‹
»Adieu, Herr General!« sagte sie freundlicher, froh, von ihm
loszukommen. »Au -- Sie tun mir ja weh ...«
Er hatte ihre Rechte kameradschaftlich derb geschüttelt, hielt sie
einen Moment fest und schaute ihr ins Gesicht.
»Ich mein's nämlich wirklich nicht so schlimm!« sagte er. »Ich hab'
Sie doch noch als Backfisch gekannt! ... Wissen Sie, Fräulein von
Ottersleben ... Sie gefallen mir eigentlich! Sie sind ein apartes
Mädel! Anders wie die anderen! ...«
»Herr General ... nun möcht' ich aber wirklich bitten ...«
Olaf von Glümke ließ ihre Hand los und schwang seine hagere, straffe
Gestalt mit einem Sprung in den Sattel. Der Gaul schnarchte nervös,
bockte und stieg, drehte sich mit dem Reiter im Kreis.
»Passen Sie auf ... das Biest keilt ...« schrie er oben, im Kampf mit
dem Tier, zu dem jungen Mädchen, das, an Pferde gewöhnt, nur langsam
zurücktrat. »So ... alter Sohn ... Nu hab' ich dich ... 'n Morgen,
Fräulein von Ottersleben! Besuchen Sie uns bald wieder draußen beim
Exerzieren! Ist uns immer eine Ehre!«
Er war mit Zügeln und Schenkelschluß in Ordnung, ein Sporengekitzel:
Roß und Reiter flogen im Rechtsgalopp dahin. Er drehte sich noch
einmal um. Er winkte mit der Rechten.
»Ich tanz' doch noch auf Ihrer Hochzeit!« schrie er durch den Wind.
Dann bog er über den Chausseegraben auf das flache Feld zur Linken
ein. Da waren Heckenreihen. Er übersprang sie, eine nach der anderen,
in elegantem Jagdsitz. Es war ein schneidiger Anblick. Seine Gestalt
wurde rasch kleiner und kleiner und verschwand. Sie sah ihm nach
und dachte sich: Drollig. Da zeigt er sich nun vor mir mit seinen
Reiterkunststücken ... Er -- ein General in Rang und Würden. Er hat es
doch wirklich nicht mehr nötig, auf mich Eindruck zu machen. Er ist
ein komischer Mensch ... Aber immerhin ... Wo er war, war Leben: es
lag jetzt noch, wie sie in die Stadt hineinschritt, ein vergessenes
halbes Lächeln von vorhin auf ihren Zügen. Dann wurde sie seiner
bewußt, und es schwand. Die traurige Grundstimmung ihrer Seele nahm
wieder von ihr Besitz. Aber nicht mehr mit dem alten lähmenden Zwang.
Der war durch den General von Glümke unterbrochen worden. Er hatte
sie wachgerüttelt. Etwas von seiner Frische -- das, wodurch er die
Mannschaft elektrisierte -- hatte sich ihr mitgeteilt.
Eigentlich mußte sie ihm dafür dankbar sein. Er war der erste und
einzige, der ihr ein bißchen Trost gegeben hatte. Nein, nicht Trost --
eher Trotz. Sie sah sich jetzt in ihrer Stimmung von heute früh wie
eine Fremde. Sie fühlte, die Anwandlung kam in dieser Stärke nicht
wieder. Darüber war sie nun hinaus ...
4
Von dem Hotel zum ›König von Preußen‹ wallte eine mächtige
schwarz-weiß-rote Fahne nieder. An der Tür zum Festsaal hielten zwei
Flügelleute des Regiments in dessen Uniform aus den Freiheitskriegen,
in hohem Tschako und Schwalbenschwanz, Wache. Die ganze Straße
hinunter standen die Menschen und schauten sich die Hochzeitskutschen
an, Offiziere darin und Offiziersdamen in zarten Frühlingsfarben, und
immer wieder Offiziere. Warmer Maisonnenschein war in der Luft --
tiefes Glockenläuten, fern von der Garnisonkirche her, als Zeichen,
daß die Doppeltrauung zu Ende war.
Ein ›Ah‹ der Neugier unter den Gaffern, ein
Sich-auf-die-Fußspitzen-Erheben der hinteren Reihen: da kamen die
Brautwagen. Die beiden Neuvermählten, Frau Ulla von Logow und Frau
Dora Grotjan, schlüpften tief verschleiert heraus und am Arme ihrer
Männer, mit niedergeschlagenen Augen, ins Haus. Beide waren blaß.
Das fließende Weiß mit dem grünen Myrtenkranz ließ sie noch bleicher
erscheinen: Ulla, mit ihrem von Natur schon blutlosen Teint, sah aus
wie eine Marmorbraut. Es war, als sei ein Bild ohne Gnade aus seinem
Rahmen herniedergestiegen.
»Ich hatt' sie mir eigentlich noch großartiger gedacht!« meinte
der Festordner, der Regimentsadjutant Rudicke, zu dem Hauptmann
Neugereuth. »So eigentlich noch niederschmetternder ... strahlender
... Na, das macht die Aufregung ... Ich muß jetzt nur schauen, daß wir
die ganze Gesellschaft glücklich in den Garten lotsen. Der Photograph
tanzt schon vor Ungeduld. Er hat gerade noch gutes Licht ...«
Vor Beginn der Festtafel sollte ein Gruppenbild der Teilnehmer
aufgenommen werden. Es war ein Gerufe und Gelaufe, bis endlich
alles beisammen und in aufsteigenden Reihen auf den zum Hotelgarten
niederführenden Stufen geordnet war. In der Mitte vorn die beiden
jungen Paare, rechts und links die Eltern, neben dem Brautvater
seine beiden Brüder: der Oberstleutnant Bruno von Ottersleben,
Chef des Generalstabs des XXV. Armeekorps, der Stolz der Familie,
hochgewachsen, breitschultrig, mit etwas grob geschnittenen Zügen, die
klug, energisch und voll Wohlwollen waren, und der Major z. D. und
Bezirkskommandeur Kaspar von Ottersleben, dessen militärische Laufbahn
sich schon dem Abend zuneigte. Er war ein etwas vor seinen Jahren
gealterter, nervöser Mann. Er konnte nicht lange still stehen. Er trat
ungeduldig während der Vorbereitungen zum Photographieren von einem
Fuß auf den anderen. Seine Frau hielt ihn begütigend am Arm. Neben
ihr stand Otto, der Sohn des Hauses, der von seinem Berliner Kommando
herübergekommen war. Seinen jüngeren Bruder Peter, den Lichterfelder
Selektaner, hatte man mit gekreuzten Beinen auf den Boden vor
den Brautpaaren hingesetzt, zwischen seinen beiden noch jüngeren
Kadettenvettern Günter und Busso, den Söhnen des Oberstleutnants.
Dessen frische, große blonde Frau saß auf der anderen Seite neben
den Grotjanschen Eltern, zu ihrer Linken der Bruder der Brautmutter,
Major Freiherr von Koninck, ein wuchtiger, breit geratener blauer
Husar. In den oberen Reihen drängte sich eine Musterkarte der Armee,
das Dunkelblau und Hellrot der Infanterie, das dunkle Schwarz der
dreißigsten Pioniere, die Samtkragen der Feldartillerie, helles
Dragonerblau, Scharlach und Karmoisin der Generale und Generalstäbler,
goldener und silberner Gardeglanz, hohe und niedere Regimentsnummern,
die aus allen Teilen Preußens herbeigereisten Verwandten. Davor
das schneeige Weiß der Bräute, das Rosa, Himmelblau, Violett der
Damenkleider -- das Grün der Bäume umher -- das Strömen der Sonne über
das ganze bunte, flüsternde, lachende, leise wie vom Frühlingswind
bewegte Bild.
Ganz zuletzt kam noch Maximiliane von Ottersleben vom Saal her. Es war
da noch etwas an der Tischordnung zu ändern gewesen, wegen plötzlicher
Unpäßlichkeit des Divisionskommandeurs. Sie trat vorne an den linken
Flügel. Der Divisionspfarrer Nicholt wollte sie an sich vorbei lassen.
Aber sie meinte: »Ach wo, ich steh' hier ganz gut!« und blieb wo
sie war und schaute, die Hände auf dem Rücken zusammenlegend, in
lässiger Haltung hinüber nach dem Apparat. Ihre Augen waren glänzend
und lebhaft, ihre Lippen halb offen, ihre Wangen leicht gerötet. Ihre
Brust hob und senkte sich rasch von dem Treppenlaufen im Hause. Sie
lächelte heiter. Sie hatte sich in der Gewalt. Sie hatte Zeit gehabt,
sich auf diesen Tag vorzubereiten.
»Donnerwetter!« sagte neben ihr eine lachende Stimme. Sie wandte
den Kopf. Da stand der Generalmajor von Glümke, straff, jugendlich
schlank, im Glanz seiner vielen Orden, auf feinen Säbel gestützt, und
musterte sie aus seinen großen blauen Augen, in denen der Übermut
brütete, mit unverhohlener Billigung. »Donnerwetter!« wiederholte er.
»Famos sehen Sie aus, Fräulein Maxe!«
Sie trug ein rosafarbenes Kleid, über dem blonden Scheitel einen
vollen Kranz von rosa Rosen. Im Sonnenglanz, unter dem blauen Himmel,
war das, im Verein mit der Wärme auf ihren Wangen, wie ein Bild
des Frühlings, im Gegensatz zu dem Weiß der vor Aufregung blassen,
verschleierten Bräute. Alle hatten Maxe heute reizend gefunden.
Ihr war es gleich. Sie hatte sich willenlos von ihrer Mutter so
herausmustern lassen. Sie machte auch jetzt nur eine kurze abwehrende
Schulterbewegung, während ihr Nachbar ihr geheimnisvoll zuraunte:
»Ihre Schwestern können sich gegen Sie verstecken! Wissen Sie das?«
»Bitte, Herr General ... Hier ist noch Platz!«
Man wollte Olaf als Ehrengast einen Stuhl in der Mitte einräumen. Aber
er winkte mit der weißbehandschuhten Rechten ab.
»Nee, danke ... danke gehorsamst! Ich bin hier vorzüglich aufgehoben!
Fräulein Maxe behandelt mich zwar schlecht, aber das bin ich bei ihr
schon gewohnt! Wir sind doch gute Freunde -- was?«
Seit er sie damals, vor einem Vierteljahr, im Schnee im Stadtpark
getroffen, stand er mit ihr auf dem Neckfuß. Er war seitdem öfters
in das Otterslebensche Haus gekommen, ein-, zweimal sogar spät
abends nach dem Tee, zu einem Plauderstündchen als armer, von Gott
und der Welt verlassener Junggeselle, wie er sagte. Meist hatte er
dann mit dem Oberst in dessen Rauchzimmer gesessen und debattiert.
Die Beziehungen zwischen den beiden Herren hatten sich dadurch auch
dienstlich sehr gebessert. Maximiliane wußte: das war für Papas
Stellung ein großer Vorteil. Schon deswegen mußte man Olaf nehmen, wie
er nun einmal war. Übrigens hatte sie auch weiter nichts gegen ihn und
seine Dummheiten. Sie war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Er
flüsterte, nachdem die erste photographische Aufnahme mißlungen war,
vertraulich: »Na ... Hand aufs Herz, Fräulein Maxe ... Wie sieht er
denn aus?«
»Gar nicht, Herr General!«
»Ist er hier unter uns?«
»Nirgends!«
»Ich muß doch mal schauen, ob Sie dabei rot werden!« Er blickte
ihr scharf wie einem seiner Soldaten in das schmale, hübsche,
unregelmäßige Gesicht und schüttelte den Kopf. »Keine Spur!
Merkwürdig, wie Sie sich verstellen können! Wo kriegen Sie nur die
unschuldigen Augen her? Aber Sie haben sich doch verraten, Fräulein
Maxe!«
»Wieso?«
»Sie haben sich instinktiv dicht neben unseren Kommißbonzen gestellt!
Sie denken, ~den~ Mann muß man sich auf alle Fälle warm halten!«
Er verstärkte seine Stimme und rief vergnügt zu dem Divisionspfarrer
hinüber, der vorhin Maxens Schwestern getraut hatte: »Na ... Herr
Pfarrer ... sehen Sie mal, wen wir da zwischen uns haben! Da gibt's
bald mehr für Sie zu tun -- nicht?«
»Ach, lassen wir doch Fräulein von Ottersleben damit in Ruh'!« meinte
der Geistliche gutmütig. »Die hört diese Späße nun schon den ganzen
Tag!«
»Ja, weiß Gott!« sagte Maximiliane ergeben und rückte sich im Stehen
zurecht. Es wurde wieder photographiert.
Olaf von Glümke mußte schweigen. Aber er war unverbesserlich. In
der ersten Pause hub er wieder an: »Wenn man uns nur nicht auf dem
Bild für ein heimliches Brautpaar hält, Fräulein Maxe, weil wir so
verträglich beisammen stehen ...«
Und nun wurde sie wirklich ärgerlich und versetzte, unwillkürlich ein
wenig mit dem Fuß aufstampfend: »Jetzt hören Sie aber, bitte, endlich
einmal auf, Herr von Glümke! Sonst sag' ich's mal Papa!«
Ihr Vater schaute nicht herüber und achtete nicht auf sie. Er hatte,
während die Gesellschaft sich auflöste und in Gruppen nach dem
Festsaal schritt, eine plötzliche andere Sorge. Er drängte sich an
seinen jüngeren Bruder, den Major z. D., heran und mahnte verstohlen:
»Kaspar, ich bitte dich, daß du mir heute keinen Mißklang in das Fest
bringst! Du sitzt zwischen lauter noch aktiven Herren, die deine
Verbitterung nicht teilen ...«
Über das kluge, nervöse Gesicht des zur Disposition gestellten Bruders
flog ein Schatten von Erstaunen: »Ich verbittert? ... Ich nehme nur
kein Blatt vor den Mund.... Es gibt Mißstände in der Armee, Thilo! ...
Und die zur Sprache bringen ...«
»Mißvergnügte Leute sehen überall Mißstände, mein Lieber!«
»Ja, soll ich etwa tanzen und springen, weil man mich in der Vollkraft
meiner Jahre kaltgestellt hat? Dann hab' ich wenigstens das Recht zur
Kritik!«
»Ruhe ... Ruhe ...« versetzte von hinten der Husarenmajor Freiherr
Wilderich von Koninck in einem Ton, als spräche er zu einem
störrischen Schwadronsgaul, faßte den aufgeregten Mann am Arm und
führte ihn zur Seite. Zugleich wandte sich der Oberst von Ottersleben
an Olaf von Glümke.
»Wenn ich bitten darf, Herr General -- Seine Exzellenz hat leider
vorhin abgesagt -- meine Frau zu führen!«
»Nichts angenehmer als das!« sagte Olaf in seinem verbindlichsten
Leutnantston. Er hätte lieber neben der Tochter gesessen. Er schaute
während der Tafel immer wieder verstohlen zu Maximiliane hinüber,
die weit unten am Tisch saß. Er konnte zwischen zwei Blumenaufsätzen
gerade ihren blonden Kopf erkennen. Ein Pionierhauptmann führte
sie. Ein kleiner Dragoner war auf ihrer anderen Seite. Es war da
unten am Tisch schon ein Gelache und Gekicher zwischen den jungen
Mädchen und den Leutnants. Der Sekt rötete die Backen. Man bewarf
sich mit Veilchensträußchen, zog vor der Zeit aus den Konfektschalen
Knallbonbons und fuhr schuldbewußt, mit einem Blick auf die älteren
Herrschaften oben, bei dem Krach zusammen -- mitten darin saß
Maximiliane von Ottersleben mit einem lächelnden, aber ganz leeren
Gesicht, als ob sie das alles nichts anginge, und der General von
Glümke dachte sich: ›Komisch! Sie dalbert nicht mit! ... Sie ist
älter als ihre Jahre! Sie hat was hinter sich. Sie hat sich schon mal
verbrannt. Aber gründlich!‹