Frage! Macht sich wahrscheinlich auch gar nichts aus dem Logow! Sonst
müßte er doch was gemerkt haben! Das war alles eitel Hirngespinst!«
Die beiden Gatten schwiegen. Frau von Ottersleben schüttelte ratlos
den Kopf. Ihr Mann hub an.
»Das ist wieder ein Beweis, daß wir Eltern alle von unseren Töchtern
ungefähr so viel wissen, wie ich vom Kaiser in China! Die haben ihre
Geheimnisse für sich. Die beißen sich lieber die Zunge ab, ehe sie uns
was verraten! Ich bin mir eben förmlich dumm vorgekommen gegenüber
dem Logow. Drüben lauert er nun! Zu lange können wir ihn nicht warten
lassen! Sonst dämmert's ihm doch, daß hier etwas nicht ganz in Ordnung
ist!«
»Bitte ihn, nachmittags wiederzukommen, Thilo! Das ist das beste! Wir
müssen doch jedenfalls jetzt erst ein paar Stunden für uns haben!«
Erich von Logow war auch gar nicht überrascht, als ihn sein Oberst, in
das Zimmer zurückkehrend, auf drei Uhr wieder herbat.
»Ich denke, es ist in Ihrem Sinn, lieber Logow! Wir sprechen
unterdessen mit unserer Tochter Ulla! Sie finden sie vorbereitet ...
wenn das noch nötig sein sollte. Sie sagen ja, Sie hätten sich ihr
selbst gegenüber noch in keiner Weise eröffnet ...«
»Nein, Herr Oberst! Aber ich bin trotzdem überzeugt, daß Fräulein Ulla
seit langem über meine Gefühle nicht im unklaren ist. Es kommt ihr
gewiß nicht überraschend!«
»So ... so!« versetzte Herr von Ottersleben. Er machte ein
zweifelndes Gesicht, während er seinen Besucher hinausgeleitete.
Mochte sich der Kuckuck auskennen mit den drei Mariellen! Er furchte
gedankenvoll die Stirne, fuhr sich mit der Rechten an den Kragen, um
sich Luft zu machen, und schritt energisch und sporenklirrend hinüber
in den Wohnraum.
Dort war jetzt auch Ulla. Ihre Mutter hatte sie gerufen. Sie hatte
ihr bereits gesagt, um was es sich handelte. Es war unmöglich, zu
erkennen, welchen Eindruck das auf sie machte. Sie stand schweigend,
in ihrer statuenhaften Schönheit, mitten im Zimmer. Ihr Vater sah das
blasse, an eine griechische Gemme erinnernde Profil mit den langen
Wimpern und dem schweren, unbekümmert um die Mode, nach antiker Art im
Nacken lastenden Haarknoten, den edlen Linien ihrer hohen Gestalt, und
dachte sich: Ein Wunder ist's ja schließlich nicht, daß die dem guten
Logow in die Augen gestochen hat. Die Maxe kommt ja nicht gegen sie
auf! ...
Er wartete und wunderte sich über ihre Ruhe. Endlich meinte er nur:
»Na ... nu sag mal ...«
Ulla Ottersleben erwiderte nichts. Sie zuckte nur die Schultern, mit
einer eigentümlichen, etwas gereizten Bewegung, aus der man allerhand
entnehmen konnte.
Der Oberst forschte gedämpft: »Hast du dir denn das ahnen lassen?«
Die dunkle Schönheit ihm gegenüber hielt gleichmütig seinen Blick aus.
Sie legte das Haupt leicht in den Nacken.
»Komisch, daß ihr euch so darüber wundert!« sagte sie endlich. »Warum
soll denn nicht schließlich auch jemand zu mir kommen? Er ist doch
wahrhaftig der erste nicht. Aber ihr denkt immer, ich sei schon ganz
<f>passée</f>! ... Bloß, weil Mama mich immer aufgestachelt hat, für
nichts und wieder nichts auf eine Riesenpartie zu warten ...«
»Also hast du's gewußt?«
»Gott ... gewußt ... Gedacht hab' ich mir schon im stillen oft mein
Teil ... aber ihr habt einen ja ganz konfus gemacht ... immer die Maxe
... ewig die Maxe ... Schließlich wurd' ich selber an mir irre und
wußt' nicht mehr, woran ich war ...«
»Aber gesprochen hat er zu dir nie?«
»Nie 'ne Silbe! ... Man fühlt nur so was! Man merkt auf einmal, daß
man irgendwo Eindruck macht! Mir war's übrigens ganz egal! Ich hab'
mir weiß Gott keine Mühe gegeben! Ich bin der Maxe nicht ins Gehege
gekommen. Ich hab' ihm mit keinem Blick und mit keinem Ton Andeutungen
gemacht. Das muß mir der Neid lassen ...«
Und mit trotzigen Querfältchen auf der weißen Stirne, in einer
plötzlichen Aufwallung, die ihrem sonstigen Phlegma fremd war, fügte
sie hinzu: »Überhaupt ... ich brauch' mich doch schließlich nicht zu
verteidigen, wenn ich jemandem gefalle! Das ist doch mein gutes Recht
und doch auch kein Wunder, wenn man vierundzwanzig und nicht gerade
'ne Meerkatze ist. Und ich kann ja auch gar nichts dafür!«
»Das behauptet ja auch niemand!«
»Warum macht ihr denn dann Gesichter, als sei Gott weiß was für ein
Unglück passiert!«
»Auch darin täuschst du dich, liebe Ulla! Mama und ich sind nur
verblüfft. Die Frage ist: was nu?« Herr von Ottersleben wurde
plötzlich wieder zornig. »Das kommt davon, wenn man mir die ganze
Zeit solchen Hokuspokus vormacht. ~Ich~ kann's doch nicht
wissen! ~Ich~ hab' doch noch andere Sachen im Kopf, als eure
Liebeshändel. ~Ich~ ...«
»Thilo ...« mahnte seine Frau in leiser Strenge.
»Jawohl, Mutter! Ich wasche meine Hände in Unschuld. Ich erfahre ja
doch alles erst hinterher! ... Du auch! ... Also gut! ... Dann macht
ihr, was ihr wollt! Ich sag' nicht ja und nicht nein, so willkommen
mir auch der Logow als Schwiegersohn ist. Aber ich will so aus
heiterem Himmel die Verantwortung nicht übernehmen. Ich überlasse es
dir! Bring du deine Sache selbst zu Ende ...«
Ulla Ottersleben erwiderte nichts, sondern schritt nach dem Ausgang.
»Wohin denn, Kind?«
»Zu Maxe, Mama!« sagte sie, einen Augenblick auf der Schwelle
innehaltend, mit gelassener Stimme und ging dann den Flur entlang.
Dort flog bei ihrem Nahen eine Tür auf. Maximiliane stand da, mühsam
ihre Angst beherrschend.
»Du ... Ulla ...«
»Da bin ich!«
»Eben hört' ich doch Schritte ... Ulla ... Er ist doch nicht weg?«
»Ja.«
»Um Gottes willen ...«
»Erschrick nicht ... Er kommt wieder ... Heute nachmittag ... da holt
er sich Bescheid ...«
»Ach so ...« Ihre blonde Schwester holte erlöst Atem. Sie lehnte auf
der Schwelle, so, daß die andere nicht an ihr vorbei in das Zimmer
treten konnte. »Ulla ... ich möchte jetzt lieber noch einen Moment
allein sein!« sagte sie.
»Aber ich muß mit dir sprechen, Maxe!«
Die beiden großen schlanken jungen Mädchen standen sich in der
schmalen einfenstrigen Stube gegenüber. Ulla setzte sich auf das Bett
der anderen, glättete mechanisch mit der Hand den Kissenüberzug,
senkte den dunkelglänzenden Scheitel und hub an: »Du, hör mal ... Maxe
... Also Logow hat richtig angehalten ...«
»...ja ...«
»Aber um mich! ... Er will mich ... Komisch ... nicht? ... Was meinst
du dazu? Was rätst du mir ...«
Sie machte eine Pause und hob dann langsam die langen schwarzen
Wimpern zu der Jüngeren empor. In ihren großen mandelförmigen Augen
war eine leise Angst vor dem, was nun kommen würde. Aber zu ihrem
maßlosen Erstaunen zeigte Maximiliane keine Spur von Bewegung auf
den Zügen. Sie war nur wie versteinert. Aber sie lächelte. Es
war ein Zucken um die Mundwinkel -- dann ein Schein freundlicher
schwesterlicher Teilnahme ... Sie sagte wie im Traume: »So ... dich
will er ...?«
»Ja.«
»Nun -- dann wünsch' ich dir Glück!«
»Ja aber, Maxe ... so schnell geht das nicht ...« Ulla Ottersleben war
verwirrt vor dieser unheimlichen übernatürlichen Ruhe. »Erst muß ich
doch wissen, was du darüber denkst!«
Maximilianens große blaue Augen wurden weit vor Staunen.
»~Ich?~« sagte sie verwundert, als bekäme sie eine Botschaft vom
Monde. »Was geht denn das ums Himmels willen ~mich~ an?«
»Aber du interessierst dich doch für ihn ... Wir hatten wenigstens
alle den Eindruck ...«
Das blonde junge Mädchen lachte leichthin und drehte sich halb zur
Seite.
»Ach, das war nicht so schlimm. Das war vielleicht mal so 'ne
Spielerei mit einem Gedanken. Das passiert einem ja manchmal ... dir
ja auch ... das ist bis morgen vorüber, wenn man sieht, daß nichts
daraus wird! Das muß man nicht zu tragisch nehmen! Ich tu's wenigstens
nicht. Du siehst ja, ich bin ganz ruhig. Also lasse du dich dadurch
beileibe nicht stören, Ulla!«
»Also du meinst wirklich ...«
»Nimm ihn doch, wenn er dir gefällt! Meinen Segen hast du ...«
Ulla zögerte.
»Weißt du ...« sagte sie ... »ich bin ja nicht so leidenschaftlich
versessen auf ihn ... Was hast du denn? ... Du wirst auf einmal ganz
weiß ...«
»Nichts ... nichts!« versetzte Maximiliane und lachte. Dann legte sie
wie in der Zerstreutheit die Hand auf eine Stuhllehne, um sich vor
dem forschenden Blick der Schwester unauffällig aufrecht zu erhalten.
Sie fühlte: die glaubte ihr nicht. Die wußte, daß das alles Lüge war,
verzweifelter, beleidigter Stolz. Aber sie fühlte auch: es paßte Ulla,
es nach außen hin zu glauben. Es stimmte zu ihren Plänen. Darum gab
sich die Schwester den Anschein, als nähme sie die Worte der Jüngeren
für bare Münze. Sie meinte: »Wenn ich's tue, Maxe, dann ist's bei mir
mehr Vernunftsache ... Sieh mal ... Es ist nachgerade für mich Zeit.
Ich hab' ein paar Jahre verplempert ... damals ... du weißt, um wen
-- schließlich hat doch eine andere ihn und ist Gräfin geworden und
hat die Riesengüter ... da sag' ich mir: Es kommt da jemand, der mir
immerhin noch etwas sehr Annehmbares bietet -- der mich gern hat --
der es noch einmal sehr weit bringen kann ... wer weiß denn, wann die
Gelegenheit wiederkehrt ...«
»Wenn du diese Ruhe in dir hast,« versetzte Maximiliane, »... wenn du
dir das zutraust, einen zu heiraten, ohne daß du in dir fühlst: ›Den
oder keinen ... und lieber tot‹ ... ich könnt' es nicht ... Aber die
Menschen sind ja Gott sei Dank verschieden ...«
»Also du redest mir selber zu, Maxe?«
»Ich wünsch' dir viel Glück!« versetzte das junge Mädchen mit
unbewegtem Gesicht.
Ihre schöne dunkelhaarige Schwester sprang auf und küßte sie auf die
blassen Lippen. Sie ließ es schweigend geschehen. Die andere spielte
ihre Komödie weiter.
»Ich danke dir von Herzen,« sagte sie lebhafter als sonst. »Nun ist
mir ein Stein von der Seele, da du mich so über deine Gefühle beruhigt
hast. Nun kann ich erst mit den Eltern sprechen. Die haben ja doch von
nichts eine Ahnung!«
Sie umarmte die Jüngere noch einmal, nickte ihr zu und schlüpfte
aus dem Zimmer. Sie war jetzt ganz mit sich beschäftigt. Sie merkte
es nicht mehr, daß, noch während sie die Tür in das Schloß drückte,
Maximiliane mit einem leisen, todwunden Stöhnen schwankte, unsicher
in der Luft nach einem Halt griff, ein paar Schritte nach ihrem Bett
zu machte und schwer darauf niederstürzte. Da blieb sie liegen,
ohne sich zu rühren, mit geschlossenen Augen, wächsernen Wangen und
strengem, leidendem Mund, gleich einer Toten.
Ulla war inzwischen wieder zu ihren Eltern ins Zimmer getreten.
Sie sah jetzt belebter und fröhlicher aus. Der Vater empfing sie
ungeduldig, aber sie ließ ihn nicht zu Wort kommen.
»Gott ... die Maxe ist ja ganz vernünftig!« sagte sie. »Sie faßt's mit
der größten Seelenruhe auf. Es war bei ihr gar nicht so schlimm, wie
man dachte! ... Wahrscheinlich war überhaupt nichts. Man wird ja nie
aus ihr klug ...«
»Bist du dessen auch ganz sicher?«
»Ja, ja ... Mama!«
»Gott sei Dank!« sprach Frau von Ottersleben.
Ihr Mann räusperte sich: »Na schön! ... Also nun hab' die Güte, liebes
Kind, und erkläre dich!«
»Wieso, Papa?«
»Ja ... sieh mal -- bloß um sich einen Korb zu holen, bestell' ich mir
den Logow nicht erst nachmittags extra ins Haus! Das mute ich einem
Mann von seinem Selbstgefühl nicht unnütz zu! Das vergißt er mir nie!
Da schreib' ich ihm lieber ein paar schonende Zeilen und schick' sie
ihm vorher ...«
Ulla von Ottersleben überlegte nicht lange. Sie sagte ruhig, nur noch,
in diesem Augenblick der Entscheidung über ihr Leben, um einen Ton
blässer werdend: »Du brauchst ihm nicht zu schreiben, Papa!«
»Also willst du ihn nehmen?«
»Ja.«
3
Im Hause Ottersleben saß man beim Abschiedsfrühstück. In einer Stunde
sollte Erich von Logow nach Berlin abreisen. Er trug schon die Uniform
des Generalstabs. Er hatte seine Braut zu seiner Rechten. Ulla war
ganz verwandelt. Ihre sonstige Teilnahmlosigkeit und Schweigsamkeit
war geschwunden. Ihre Augen glänzten. Sie lachte. Sie schwatzte.
Sie sprang vom Stuhl auf, um Vergessenes herbeizuholen, und lief
geschäftig und sorgte für ihren Verlobten, und er lächelte ihr
verzückt zu und folgte in stummer Andacht jeder ihrer Bewegungen. Er
war so blind verliebt, wie nur ein Mann sein konnte. Jetzt, wo die
Schranke der Zurückhaltung für ihn gefallen war, äußerte sich das bei
seiner strengen Natur in einem naiven, beinahe kindlichen Glück.
In den Kelchgläsern perlte Sekt. Der Oberst von Ottersleben trank
seinem künftigen Schwiegersohn mit einem väterlichen und gütigen
Kopfnicken zu. »Dein Wohl, mein lieber Erich!« Dann rauschte plötzlich
von unten, von der Straße her, Musik. Es war eine Aufmerksamkeit
des Adjutanten Rudicke, der die Regimentskapelle zu einem
Abschiedsständchen geschickt hatte. Die Hoboisten standen im Kreis,
mit im Winde flatternden Mänteln, mitten auf dem Pflaster und spielten
das lustig-wehmütige:
»Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus,
und du, mein Schatz, bleibst hier ...«
und oben schaute der Hauptmann von Logow seiner Braut in das schöne,
weich lächelnde, von dunklem Seidenhaar umsponnene Antlitz und meinte
glückselig: »Nein, mein Schatz ... du bleibst nicht hier!! Zum
Frühjahr hol' ich dich zu mir, nach Berlin ...«
Die Kapelle schloß unten ihr Konzert unter Trommelwirbel und
Paukendonner mit dem zündenden alten Avanciermarsch des Regiments aus
den Freiheitskriegen, unter dessen Klängen es sich bei Lützen und
Bautzen gegen Napoleon die Feuertaufe geholt hatte und jetzt noch
in der Parade vor dem Kriegsherrn vorbeirückte. Der Stabshoboist
Schickedorn wurde heraufgerufen, um stramm stehend das ihm angebotene
Glas Wein zu trinken. Dann war es Zeit zum Aufbruch. Logow trat
mit seiner Verlobten in das Nebenzimmer, um ihr ungestört Lebewohl
zu sagen. Sie küßten sich lang und innig, ohne viele Worte. Dann
versetzte er sorglos und halb lachend: »Du, Schatzi -- was du mir da
aber gesteckt hast, gestern ... die Maxe hätte was für mich übrig
gehabt ...«
»Etwas, Erich -- nicht viel -- nur ein ganz klein bißchen! Werde nur
nicht eitel!«
»... also -- das ist Unsinn, Maus! Das habt ihr euch eingebildet! Ich
hab' sie doch jetzt beobachtet! Sie ist ja die Ruhe und Unbefangenheit
selber! Wie käme sie denn auch darauf! Ein Blinder hätte ja doch von
Anfang an sehen müssen, daß ich dich im Auge gehabt hab'! ... Aber
nun los! Sonst versäume ich noch den Zug ... Adieu, Schwiegerpapa ...
Adieu, Maxe! ... Adieu, Otto! ... Adieu, Hans! Auf Wiedersehen, Mama
und Dorle -- in ein paar Tagen in Berlin!«
Es war beschlossen, daß die Aussteuer für die beiden Bräute in der
Reichshauptstadt besorgt werden sollte. Solange es sich nur um die
Jüngste handelte, hätte man nicht so viel Umstände gemacht. Da fand
sich auch hier in der Provinz das Nötige. Aber für Ulla mußte man
sich anstrengen. Sie verlangte das selbst am meisten. So reiste Frau
von Ottersleben in der folgenden Woche mit ihr und Dorle nach Berlin.
Sie war sehr aufgeregt, voll der festlichen Unruhe einer zweifachen
Brautmutter. Sie war auch gar nicht gewohnt, ihren Mann allein zu
lassen. Sie zog ihre mittlere Tochter vor der Abfahrt auf die Seite.
»Maxe: ich binde dir Papa auf die Seele! Sorge ja dafür, daß er nichts
Gewohntes vermißt! Morgens zwei Eier zum Kaffee. Um halb elf das Glas
Wein und ...«
»Ich weiß ja, Mama!« sagte Maximiliane ruhig. »Du kannst dich auf mich
verlassen! Ich hüte schon das Haus!«
Aber sie kam nicht dazu, am nächsten Morgen für den Vater zu sorgen.
Früh um fünf, noch in schneeheller Nacht, war ein Trompetenblasen auf
den Straßen, ein Rennen von schlaftrunkenen Leutnants und atemlosen
Einjährigen, ein Galoppieren von Hauptleuten und Majoren auf dem
glitscherigen Pflaster, ein Poltern und Stürmen der Ordonnanzen zur
Wohnung des Obersten hinauf, vor der der Stallbursche mit fertig
gesatteltem Handpferd vortrabte. Der Generalmajor Olaf von Glümke
machte einen seiner kleinen Scherze und alarmierte die Garnison. Das
brachte Zug in die Bude! Springlebendig mußte eine Truppe sein wie
'ne Hand voll Flöhe! Von irgend woher hörte man auf dem Exerzierplatz
-- sehen konnte man ihn nur schattenhaft auf seinem mächtigen Gaul
-- seine schneidige fröhliche Stimme: »Famoser Morgen, Kinder ... da
wollen wir uns mal recht ordentlich lüften!« Und damit führte er die
Seinen wie eine lange schwarze Schlange durch die dämmernde Stadt, zum
Tor hinaus, in den weiten weißen Schnee.
In der Wohnung des Obersten von Ottersleben war nun alles still. Das
fahle Morgenlicht des Februar lugte durch die Fenster und erfüllte
sie allmählich mit einem trüben Grau. Maximiliane ging übernächtig
durch die Zimmer hin und her. Sie empfand mit einem leisen Frösteln
diese traumhafte, beinahe unheimliche Ruhe -- dies Ausgestorbensein
der Räume, in denen sonst die Ihren lebten und lachten und kamen und
gingen. Der Vater weg, die Mutter weg, die Schwestern weg, die Brüder
-- es war, als seien die alle, alle tot und sie allein noch am Leben.
Oder besser umgekehrt: sie war fort und die anderen blieben. Die
hatten noch was vom Sein. Sie nicht. Es war ja alles vorüber ...
Das war nicht ein plötzlicher Gedanke, der sie durchzuckte -- das
war eine ständige Stimmung. Die hatte schon die ganzen Tage in ihr
gewohnt. Nun, in der Einsamkeit, kam ihre Stunde. Das stieg grau in
ihr empor, ballte sich, umwölkte sie, mit einem unfaßbaren Zwang der
Notwendigkeit, unter dem sie sich ganz kühl und ruhig sagte: Ich
werde jetzt meine Halifax nehmen und Schlittschuhlaufen gehen! Es
ist ja noch eigentlich zu früh. Aber warum soll ich mich denn hier
langweilen? Es vermißt mich ja hier niemand. Überhaupt keiner auf der
Welt. Ich bin das fünfte Rad am Wagen. Ich weiß nicht, wozu ich da bin
...
In einem jähen Trotz, als hätte ihr jemand widersprochen, wiederholte
sie sich: Warum soll ich denn nicht Schlittschuhlaufen gehen? Ich
kann's doch! Sogar gut! Die Eltern haben nichts dagegen. Die haben
mir's immer erlaubt -- auch damals, vor zwei Wintern, nachdem die
arme Herta Harff dort eingebrochen und ertrunken war. Denn es sind ja
freilich Löcher dort im Eis -- tiefe schwarze Löcher -- man kommt aus
Versehen mal hinein ...
Auf der Straße pfiff ein eiskalter Wind. Es waren jetzt
zwischen sieben und acht Uhr morgens da nur Arbeiter unterwegs,
Ladenverkäuferinnen, Schulkinder. Neugierige Blicke folgten dem großen
schlanken eleganten jungen Mädchen, das, die Schlittschuhe am Arm,
in seinem Pelzjäckchen gleichmäßig dahinschritt, die breiten Straßen
entlang, in denen die Rolläden der Schaufenster sich allmählich
knarrend lüfteten und die vollbepackten Straßenbahnwagen klingelten
und sausten, dann in die Ruhe der Villenvorstadt hinaus, in der
noch kein Mensch wach war und ihr Schritt sonderbar im Schweigen
widerhallte, als wäre es noch tiefe Nacht -- so dunkel wie die Löcher
da draußen im Eise.
Sie dachte sich mit einer, ihr selbst unverständlichen Ruhe: Wenn mir
heute etwas passiert, dann war ich eben unvorsichtig. Ich hab' die
Warnungszeichen nicht beachtet. Das kann jedem geschehen. Nachher
ist's zu spät. Es wird natürlich ein großes Geschrei geben ... Aber
ich hör' es ja nicht mehr ...
Und eine neue Bitterkeit: Was liegt denn an mir? Es will ja keiner was
von mir wissen? Da dräng' ich mich auch nicht auf, wenn mich niemand
mag. Ich geh' jetzt Schlittschuhlaufen. Und ob ich wiederkomm' ...?
Ihr schmales, trotz der Winterluft unter dem Schleier blasses Antlitz
war unbewegt, während sie weiterschritt und sich vorstellte: Nur, daß
es in den Zeitungen stehen wird, das ist schrecklich! Aber alle werden
sagen: Das ist ein Unglücksfall! Ein bodenloser Leichtsinn! Was es
war, weiß keiner. Auch er nicht! Er vor allem nicht! Er soll sich nie
einbilden, daß ich an ihn gedacht hab' ... auf diesem Weg ...
Zwei Freundinnen kamen ihr entgegen: die Töchter des Divisionspfarrers
Nicholt. Sie hatte die beiden seit Kaisers Geburtstag nicht mehr
gesehen. Berta Nicholt, die immer aufgeregt war, stürzte mit
ausgestreckten Händen auf sie zu.
»Du, Maxe ... das ist ja großartig! ... Ich war ja ganz paff: Die Ulla
ist glückliche Braut?«
»Sogar sehr glückliche!« sagte das junge Mädchen lächelnd und stehen
bleibend.
»Ja, wie kam denn das so plötzlich?«
»Gar nicht plötzlich! Das ist eine alte Geschichte!«
Maximiliane von Otterslebens Stimme klang sehr unbefangen, wie
sie dastand, lang, schlank und blond, in dem Ostwind, der mit den
krausen Härchen in ihrem Nacken spielte. Die beiden anderen sahen sie
unsicher an. Man hatte sich doch immer eingebildet, daß sie und Logow
... Aber sie lachte nur: »Die Ulla ist im siebten Himmel!« sagte sie.
»Na, das könnt ihr euch vorstellen! ... Und er erst! ... Wir sind alle
so froh! Ich denke, da haben sich gerade die beiden Rechten gekriegt!«
Sie hatte dabei nur die Angst, daß die Freundinnen sich ihr
anschließen könnten, aber die dachten nicht daran. Jetzt da draußen
auf der Eisbahn, ohne Leutnants, ohne Musik ... pah ... sie begriffen
Maxe Ottersleben nicht und schauten ihr noch ein paarmal nach, wie sie
ihren Weg nach dem Stadtpark fortsetzte. Aber die hatte ja immer so
komische Ideen! Das war nichts Neues ...
Im Forst war tiefes Weiß. Der Wind stürmte von hinten und blies
Maximiliane in schneidendem Pfeifen um die Ohren. Sie hörte kaum mehr
das Knirschen des Schnees unter den Füßen, so stark war das Brausen
in dem kahlen Geäst. Im Sommer kam man oft von der Stadt aus hierher,
trank drüben im Jägerhaus Kaffee, lagerte im Grünen. Jetzt war das
große Schweigen. Kein Mensch weit und breit. Nur ferne etwas Dumpfes,
wie Schläge der Holzaxt. Oder war es das Hämmern ihres Herzens?
Eine Erwartung ... ein Rückwärtsschauen: es war ja alles ganz schön
gewesen. Die Eltern waren gut zu mir. Die Geschwister freundlich. Kein
Mensch hat mir Böses getan. Ich war auch ganz froh. Ich hab' ja ganz
gern gelebt und gedacht, das Eigentliche kommt erst ...
Und statt dessen nun dies sonderbare, ihrem Willen entzogene Muß,
dies: Vorwärts! -- Die Löcher im Eise sind tief ... darin versank
man still, nach dem Sturz aus allen Himmeln ... Es war eine traurige
Gewißheit, daß das so sein sollte. Aber sie konnte nichts dafür ...
sie wahrlich nicht ...
Sie dachte sich: ›Jetzt küßt er sie eben in Berlin! ... Manche könnte
sich ja nun vornehmen: Gut -- dann heirate ich eben niemals einen
anderen! Aber was ist das für ein Leben -- vielleicht noch fünfzig
Jahre lang? Das halt' ich nicht aus! Lieber so!‹
Vor ihr, am Waldrand, lärmten die Krähen. Dahinter die stundenweite,
undeutliche, verschneite Fläche, das war der Liesensee. Jetzt, um
diese Morgenstunde, war gewiß kein Mensch dort. Das Musiktempelchen
stand öde. Die Bude für Punsch und Pfannkuchen war geschlossen. Man
streifte den Reif von einer Bank und setzte sich und schnallte sich
selbst die Schlittschuhe an und fuhr los. Kein Wächter rief hinter
einem her, wenn man den gebahnten Pfad verließ -- ins Weite hinaus
-- nur den Wind hatte man hinter sich. Der schob einen. Eine fremde
Gewalt trug einen dahin. Es war ein Flimmern vor den Augen ... Hinaus
... Hinaus ...
Sie senkte den Kopf und ging eilig im Schnee weiter. Merkwürdig:
was sie bisher für Axtschläge gehalten, klang jetzt immer lauter
und näher. Es war mehr ein Böllern, ein häufiger dumpfer Knall. Sie
machte noch ein paar Schritte und hemmte dann erschrocken den Fuß.
Da, auf den Hügeln am See stand ein einzelnes Feldgeschütz, die
Mannschaft darum herum und feuerte. Eine große gelbe Flagge wehte
daneben. Und etwa hundert Schritte weiter war eine zweite Kanone und
eine zweite Fahne -- eine dritte und vierte -- eine lange markierte
Artillerieaufstellung. So viel militärische Schulung besaß sie als
Offizierstochter wohl, um das auf den ersten Blick zu erkennen.
Sie seufzte in tiefem Kummer auf, in Angst und Ungeduld. Es durfte
jetzt nichts dazwischen kommen. Ihr war, als habe sie eine Pflicht zu
erfüllen. Von den Kanonieren bemerkte sie niemand. Die schauten alle
nach vorne, luden und zielten. Sie bog rasch nach rechts ab, um so die
waldumbuschte, einsame Seitenbuchtung des Sees zu gewinnen. Aber als
sie dort in dem Weidendickicht stand, schimmerte es vor ihr himmelblau
im Weiß des Schnees. Ein Trupp Dragoner hielt da versteckt mit einer
farbigen, ein Kavallerieregiment darstellenden Flagge und lauerte
blutdürstig auf etwas hinter den Anhöhen -- aus deren Ferne man nur
ein unbestimmtes Plackern vernahm.