Es war Scherz. Aber die Hochachtung klang doch durch -- das, was Erich

von Logow vor sich selber und in sich selber wie einen Höhenrausch

verspürte. Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt! Er

überquerte mit seinem Gefährten den Platz. Auf der anderen Seite

waren in dem Riesensaal der Aktienbrauerei, dem größten der Stadt,

die Fenster geöffnet, um den Tabakwolken Abzug zu verschaffen. In

bläulichem Rauch, vor schäumendem Bier, saßen da die Kriegervereine,

Hunderte und Aberhunderte von Männern aller Stände, an langen Tischen,

hohe Generale z. D., Reihen von befrackten, ordengeschmückten

Würdenträgern an der Ehrentafel zwischen Handwerkern und Bürgern, und

brausend tönte es aus diesen Massen von Männerkehlen hinaus auf den

Markt:

»Von der Maas bis an die Memel,

Von der Etsch bis an den Belt,

Deutschland, Deutschland über Alles,

Über Alles in der Welt ...«

und draußen im Freien rang der hagere elegante Landrat Doktor

Graf Harffen in seiner knappen Husarenuniform der Reserve, das

Monokel im Auge, förmlich verzweifelt die Hände: »Hören Sie's,

Herr von Logow! Da singen sie nun, als könnten sie kein Wässerchen

trüben! Und dann bei der Reichstagswahl, hier in der Stadt,

siebentausendvierhunderteinundachtzig Stimmen für Schulze von der

Sozialdemokratie« -- er hatte die Zahl auswendig im Kopf -- »und dann

kommt erst der Liberale, und dann, 'ne Postkutsche später, erst wir.

Ja nu -- wann verstellen sich denn die Leute -- jetzt oder damals?

Oder kriegen sie in ihrer göttlichen Unschuld beides zusammen fertig?

Mir ist's zu hoch!«

Er schüttelte bekümmert das scharfe Rassehaupt und zog mit ein paar

sporenklirrenden Granden der Provinz und einem Johanniterritter

weiter. Logow war mit dem Oberleutnant Eiser stehen geblieben. Um sie

war niemand mehr.

Der andere frug plötzlich: »Logow ... wissen Sie auch, wie gut Sie's

im Leben haben?«

Der junge Hauptmann war zuerst erstaunt. Dann nickte er: »Ich sag'

mir: wenn's einem gut geht, so ist das nicht nur Glück, sondern auch

Pflicht. Dann muß man auch was aus sich machen!«

Und in einer plötzlichen Offenheit, die seiner Natur sonst

widersprach, setzte er hinzu: »Heute hab' ich so die Idee, es muß mir

alles glücken! Was ich will, das kommt zu mir. Man hat so seine große

Zeit. Die eine Hälfte hab' ich schon erreicht ...«

»Was wollen Sie denn noch?« meinte der Melancholikus trübe.

Erich von Logow warf den Kopf in den Nacken.

»Morgen krieg' ich's! Man muß nicht immer bescheiden sein! ...

Ich geh' jetzt mal aufs Ganze! ... Und nun verzeihen Sie mir mein

Gequatsch! Es kam mir nur so über die Lippen! ... Mir ist heut immer,

als hätt' ich 'ne Pulle Sekt zu viel getrunken! ... Na ... gute Nacht,

lieber Eiser!«

»Nacht, Sie oller Glückspilz! ... Pardon: Gute Nacht, Herr Hauptmann!«

Immer ruhiger wurden die Straßen, die der Hauptmann von Logow heute

-- zum letztenmal ohne Sporenklirren -- durchschritt. Die Lichter in

den Wirtschaften erloschen allmählich. Die Nachtschwärmer fanden nach

Hause. Gassenweit regte sich nichts mehr als das Spiel des Ostwinds

in leise geblähten Fahnen. Die wallten immer noch feierlich wie ein

Nachhall des Festes durch das sternenhelle Dämmern. Drüben, am

anderen Ende der Stadt, lehnte Maximiliane von Ottersleben in ihrem

Stübchen am Fenster und schaute in die Nacht hinaus. Ihre Mutter hatte

sich nicht enthalten können, noch einmal bei ihr anzuklopfen und ihr

durch die Tür zuzurufen: »Kind ... eben ist Papa gekommen! ... Logow

hat ihn für morgen mittag um eine ganz wichtige Unterredung gebeten.

So. Nun weißt du's! Gute Nacht!«

Sie hatte nichts darauf erwidert. Sie brachte kein Wort heraus. Das

Übermaß des Glückes machte sie stumm. Sie stand in ihrem weißen

Gewand, mit gefalteten Händen, mit gläubigen Augen, andächtig wie eine

Braut -- harrend auf das Glück, dem diese Nacht sie leise entgegentrug

wie im Traum. Es war so ruhig um sie, daß sie das schwere, freudebange

Hämmern ihres Herzens hörte. Nichts rührte sich mehr, in den Straßen

unten, über den Dächern und Fernen. Kaisers Geburtstag war verrauscht.

Still schien der Mond über der schlafenden Stadt.

2

Trüb brach der nächste Morgen an. In allgemeiner Unlust, aufzustehen,

soweit es die königlich preußische Armee betraf. Es war ein Gähnen in

den Kasernen, ein Sich-Recken in den Leutnantsbetten. Übernächtigkeit,

Katerstimmung. Alltag. Des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr. Freilich

nur wenig Dienst. Ein bißchen Griffekloppen. Viel konnte man mit

den Herren Offizieren und der Mannschaft heute vormittag doch nicht

anfangen.

Erich von Logow war zeitig auf, nach seiner Gewohnheit schon vom

Kadettenkorps her, in dem er als Waise, nach dem frühen Tod seiner

Eltern, aufgewachsen war. Sein Kopf war klar. Er fühlte sich

morgenfrisch und straff wie immer, aber voll einer Unruhe, die er

kaum beherrschen konnte und die von Stunde zu Stunde stieg. Die Zeit

kroch unerträglich langsam dahin. Ungeduldig schritt er in seiner

Wohnung auf und nieder, ein paar spartanisch einfachen Räumen. Er

hätte sich mit seinem Gelde üppiger einrichten können. Aber er legte

keinen Wert darauf. Er verachtete jede Art von Verweichlichung.

Er war auch nie lange hintereinander in seiner Garnison seßhaft

gewesen. Militärturnanstalt, Kriegsakademie, ein Jahr lang schon

einmal zur Dienstleistung beim Generalstab kommandiert, dann die

Brigadeadjutantur -- das Infanterieregiment Burggraf war immer nur der

Ausgangspunkt und Stützpunkt seiner militärischen Laufbahn gewesen.

Nun sagte er ihm ganz Lebewohl.

Es war erst zehn Uhr vormittags. Er wußte nicht, was tun. Er

blieb vor dem einzigen Luxus seines Lebens stehen, dem Schrank

mit seiner kriegswissenschaftlichen Bibliothek, langen Reihen in

Halbfranz gebundener, abgegriffener, innen von Randstrichen und

Tinteneintragungen erfüllter deutscher, französischer, russischer

Bände, obenauf die Büsten der beiden Kriegsgötter, Napoleons und

Friedrichs des Großen. Er dachte sich, wie er es zuweilen tat: ›Wenn

die beiden gleichzeitig gelebt hätten und aneinandergeraten wären --

Donnerwetter ja!‹ Er nahm ein Buch heraus. Es schien ein Heft der

Einzelschriften des Großen Generalstabs zu sein. Ganz klar wurde es

ihm nicht. Er stellte es auf seinen Platz und nahm seine Wanderung

durch die Zimmer wieder auf. Der Bursche trat ein. Er brachte ihm

Überrock und Mantel und grinste. Der Militärschneider hatte heute früh

in aller Eile auf den Achselstücken den zweiten Stern, das Zeichen

der Hauptmannswürde, befestigt. Erich von Logow fuhr in den Paletot,

schnallte den Säbel um und setzte den Helm auf. Er hatte immer noch

eine Stunde Zeit. Er wollte lieber solange noch draußen ein wenig

auf den Straßen herumgehen. Er schritt an der Kaserne vorbei. Auf

Leitern standen Musketiere und nahmen die Tannengirlanden von Kaisers

Geburtstag ab. Auf dem kleinen freien Platz davor übte seine alte

Kompanie, in Glieder auseinandergezogen. Der kleine dicke Hauptmann

Neugereuth leitete den Dienst persönlich.

»Dazu hat man nun drei Herren!« sagte er erbost zu Logow. »Der eine

versetzt, der andere auf Jagdurlaub, der dritte so höllenverkatert,

daß er nich aus dem Bett findet! Na, der gute Solkowski wird noch ein

unangenehmes Viertelstündchen erleben, wenn er wieder so weit Mensch

ist.«

Erich von Logow lächelte zerstreut und ging weiter. Er hatte jetzt die

Richtung nach dem Otterslebenschen Hause eingeschlagen. Seine Schritte

verlangsamten sich unwillkürlich, je näher er kam. So konnte ihn ein

junger Artillerieoffizier, der von einer Seitengasse einbog, mit

wenigen Sprüngen einholen und schlug ihm von hinten auf die Schulter:

»Logow ... Sind Sie auf dem Weg zu uns?«

»Ach ... Sie sind's, Ottersleben ...«

Der junge Hauptmann, dessen neue Gradabzeichen der andere nicht

beachtete, schüttelte dem Feldartilleristen kameradschaftlich die

Hand. Otto von Ottersleben, der ältere Sohn des Obersten, war ein

auffallend hübscher Mensch von dem schlanken, hohen Wuchs seiner

Schwestern. Er hatte weiche dunkle Augen. Etwas Einschmeichelndes und

Liebenswürdiges in Stimme und Bewegungen. Um das rechte Handgelenk

trug er ein silbernes Armband, seine Lackstiefel glänzten im Schnee.

Ein feiner Hauch von Kölnischwasser, als Gegenmittel wider den

Dunst der Pferdeställe, umwitterte ihn. Er meinte, sich mit der vom

Handschuh befreiten Rechten, an deren kleinem Finger der Nagel einen

halben Zoll lang gepflegt war, über die Stirne fahrend: »Ich hab' ein

bißchen 'nen Brummschädel! ... Aber ich muß anstandshalber mal bei

meinem alten Herrn antreten! ... Der Grotjan, der kennt den Weg als

Bräutigam ja nu schon auswendig ...«

Sein Begleiter, der Pionierleutnant Hans Grotjan, der nun auch

herangetreten war, trug behutsam den allmorgendlichen, in Seidenpapier

geschlagenen Blumenstrauß für Dorle Ottersleben, seine Verlobte, in

der Hand. Seine freundlichen und treuherzigen Züge leuchteten vor

stiller Zufriedenheit. Er war glücklich, die Dorle zu kriegen. Er war

mit Dienst und Vorgesetzten einverstanden. Er stand sich gut mit den

Kameraden. Er hatte mit niemandem Streit. Seine hellblauen, klaren

Augen entdeckten sofort den zweiten Stern auf Logows Achselstücken.

Die beiden Leutnants gratulierten dem Hauptmann. Dann setzten alle

drei, den neuen Vorgesetzten in die Mitte nehmend, ihren Weg fort,

und der Artillerist gähnte: »Na ... ich bin nur froh, wenn ich nun

bald hier 'rauskomme! ... mal keine Roßäpfel morgens rieche ...

Herrschaften ... Berlin! ... Laßt mich nur erst mal dort sein! Ihr

werdet euch wundern! ...«

»Das fürchtet dein Vater auch!«

»Ach, Papa hat ja keinen Schimmer!« meinte der Leutnant von

Ottersleben mitleidig.

Logow achtete kaum auf das Gespräch. Er war blaß, als sie jetzt

vor der Haustür standen. Aber das fiel heute, an dieser Art von

Aschermittwochstag, keinem auf.

Dorle Ottersleben, die oben schon im Flur auf der Lauer gelegen,

schleppte auf der Stelle ihren Bräutigam mit sich fort. Sie hatten

im Salon ihre eigene ungestörte Verlobungsecke. In der tuschelten und

raunten sie stundenlang.

Logow und der Sohn des Hauses begrüßten inzwischen im Wohnzimmer

Frau von Ottersleben und ihre älteste Tochter. Maximiliane war nur

zum Frühstück für einen Augenblick erschienen, blaß, verträumt, mit

einem verlorenen Lächeln, hatte viel weicher und inniger als sonst den

Eltern den Morgenkuß gegeben und sich gleich wieder in ihr Stübchen

zurückgezogen. Ulla saß, als die beiden eintraten, am Fenster und

beugte still den klassischen brünetten Kopf über eine Stickerei. Es

war kein Leben in ihr, außer dem regelmäßigen Sticheln der weißen

Finger und zuweilen einem leisen Aufhusten. Denn sie hatte sich wieder

einmal erkältet und sah angegriffen aus. Dies Blutlose, Statuenhafte

hatte sie meist, wenn sie mit sich und den Ihren allein war. Jetzt,

bei dem Rasseln der Säbel, dem Klirren der Sporen draußen kam Ausdruck

in ihren Blick, Wärme in ihre Wangen, während sie langsam das Haupt

hob. Und wenn auch nur ihr Bruder und ein Freund des Hauses eintraten

-- sie brauchte Männer, auf die sie Eindruck machte. Einen ganz

unpersönlichen nur, ganz ohne Nebengedanken. Sie mußte den Reiz ihrer

Erscheinung an sich fühlen, um ganz zu werden, was sie war. Dann

blühte sie auf einmal auf, wie sie sich jetzt leise lächelnd halb

umwandte und den beiden vertraulich zunickte, begriff man, daß sie als

das schönste Mädchen galt, das die Garnison seit vielen Jahren gesehen.

Erich von Logow war steif und förmlich vor Aufregung. Er verbeugte

sich stumm gegen Frau von Ottersleben, die ihm freundlich die Hand

drückte.

»Meinen Glückwunsch zum Hauptmann, Herr von Logow! Mein Mann erwartet

Sie! Sie wissen ja den Weg in sein Arbeitszimmer!«

Sich auf der Schwelle von ihm verabschiedend, meinte sie zu ihrem

Sohn: »Weißt du, Ottochen ... Eigentlich bist du gerade jetzt hier

recht überflüssig. Du wirst später erfahren, warum. Wie wäre es, wenn

du noch ein bißchen spazieren gingst?«

»Ich bin schon draußen, Mama!«

Der Leutnant schloß behutsam die Tür hinter sich. Er pfiff dabei durch

die Zähne. Er begriff, was vorging. Er hatte es schon lange erwartet.

Er mußte lachen, während er die Treppe hinabstieg. Es machte ihm Spaß,

daß die Schwestern so abgingen wie warme Semmeln. Es schmeichelte

seiner brüderlichen Würde. Komisch nur, daß nun ausgerechnet gerade

die Ulla noch übrig blieb, die Älteste, die Schönheit der Familie ...

Zwischen der und ihrer Mutter herrschte, als sie wieder zusammen

allein im Zimmer saßen, ein langes Schweigen. Endlich ließ Ulla die

Hand mit der Nadel sinken und seufzte vor sich hin: »Ach ja ...«

Es war die Mattheit einer Ballkönigin im fünfundzwanzigsten

Lebensjahr. Dann, als Frau von Ottersleben aufstand und sich ihr

näherte, machte sie eine ungebärdige, abwehrende Bewegung.

»Ich bitte dich, Mama, laß mich in Ruhe! Ich weiß alles, was du sagen

willst!«

Nach einer Pause, in der sie sich mit ihren eigenen Gedanken

beschäftigt hatte, fügte sie hinzu und nahm dabei ihre Arbeit

wieder auf: »Ihr habt immer viel zu viel aus mir gemacht, Mama! Mich

herausgeputzt und zur Schau gestellt, als wäre ich Gott weiß was! Nun

rächt sich das! Das ist, wie wenn was zu teuer im Ladenfenster steht.

Schließlich will's keiner. Die große Partie, die jahrelang in der Luft

gelegen hat, ist nichts geworden! Ich bin nicht Gräfin geworden! Er

ist fort! Und die anderen trauen sich nicht heran. Alle fürchten sich

vor meinen Ansprüchen! Schließlich bleib' ich euch auf dem Hals!«

»Ulla ... sei doch nicht so verbittert!«

»Ja, ein Vergnügen ist's doch nicht, Mama, wenn die jüngeren

Schwestern vor einem heiraten! Dadurch wird man viel älter, als man

ist! Man gehört bald ganz zum alten Eisen!«

»Gönn doch der Maxe ihr Glück!«

»Ich tu's ja! Ich gönn' ihr ja, was sie mag! Ich will nur auch was für

mich haben! Ich wollt', ich wär' so ein kleiner fideler Stöpsel wie 's

Dorle! Die finden gleich ihr Publikum. Da wär' ich längst versorgt und

aufgehoben, und ihr wärt mich los!«

»Kind -- das ist doch nicht dein Ernst!«

Das schöne Mädchen erhob sich und dehnte müde die Arme. Die hohe

Gestalt vom weißen Morgenkleid umflossen, stand sie mitten in dem

Zimmer.

»Gott ... zum Lachen ist's jedenfalls auch nicht, Mama! Wenn man so

denkt: die Maxe, die noch kaum fertig ist -- die immer noch Augen

macht, als wäre sie gestern auf die Welt gekommen, die kriegt also,

was sie will! Und ich ...«

Sie brach ab und sah sich vor dem großen Stehspiegel an und sagte

langsam, im Anblick ihrer dunklen, tannenschlanken Schönheit: »Und

ich ... ich ... schau mich mal an, Mama ... ich werd' also 'ne alte

Jungfer! ... ich hab' so Angst davor ... so gräßlich Angst! Lieber

alles als das!«

»Ulla -- nun sei doch ruhig!«

»Lieber Gott! Ich bin's ja!« Sie ließ sich wieder an ihrem

Fensterplatz nieder und griff nach der Stickerei. Ihre Hände

zitterten, trotz der äußerlichen Teilnahmslosigkeit, die über sie

gekommen war. Sie stach sich in den Finger, führte ihn an den Mund und

sog mit zusammengepreßten Lippen das Blut. Dabei blickte sie düster

vor sich hin, unter der Last einer Schicksalswendung, die sich an ihr

vollzog, ohne daß sie sie recht begriff. Frau von Ottersleben sprach

auch nicht mehr. Es war still in dem Raum. Aber ferne, über den Gang

her, vernahm man aus dem Gemach des Obersten undeutlich den gedämpften

Klang von Männerstimmen.

Maximiliane von Ottersleben hatte es in ihrem Stübchen gehört, als

Logow draußen auf dem Flur vorbeiging, um sich zu ihrem Vater zu

begeben. Sie kannte seinen raschen, gleichmäßigen Schritt. Nun war die

Entscheidung da: die große Stunde. Sie fühlte eine Weihe über sich.

Sie stand mitten in ihrem Zimmer, das auf die stille, verschneite

Hintergasse hinausging, und tat vor sich selber ein Gelübde, den

herben Reiz ihrer Züge von einem heiligen Ernst verklärt: »Ich will

seiner würdig werden. Er soll es nie bereuen, daß er gekommen ist.

Ich geb' ihm Liebe um Liebe! Mehr Liebe, als er ahnen kann. Denn er

hat ja noch nie offen mit mir gesprochen. Mehr Liebe, als ich selbst

begreife. Ich hätte es nie geglaubt und niemand außer mir weiß es, daß

man einen Menschen so lieben kann ...«

Von der Wand ihres Mädchenzimmers lächelte die Sixtina aus weißem

Rahmen auf sie hinab. Sie schlang die Hände ineinander. Sie hatte

feuchte Augen. Sie fühlte sich wie auf einer Insel voll hellem

Sonnenschein, geborgen in Licht und Liebe, und draußen die graue Welt.

Plötzlich faßte sie ein Schrecken. Die Angst vor dem Glück. Sie dachte

sich, während ihr der Herzschlag stillstand: »Es ist zu viel für mich!

Kann denn ein Mensch das tragen?« Dann erfüllte sie eine erlösende

Bejahung. Sie hob tapfer lächelnd den Kopf: ›Die Liebe kann's! Die

grenzenlose Liebe ...‹

Sie versank in Träumen, in Staunen: ›Woher hat er's nur gemerkt?

Ich hab' gedacht, ich hätte mich nie verraten, in der ganzen langen

schweren Zeit! Ich hab' meinen Stolz so ängstlich gewahrt. Aber es

gibt ein Hellsehen der Herzen. Das ging von mir zu ihm, ohne daß ich

es wollte und wußte, und kommt zu mir zurück.‹

Sie fühlte sich fromm und voll Dank und Demut. Sie sagte sich:

›Ich will von jetzt ab gut zu allen Menschen sein und meine Eltern

und meine Geschwister noch mehr lieben. Ich will alle meine Fehler

ablegen. Ich will das Beste aus mir machen, was ich kann, um seiner

wert zu sein ... ich hab' ihn so lieb ... ich hab' ihn so unendlich

lieb ... ich weiß nicht, was ich in der Welt anfangen würde ohne ihn

... da wär' ich lieber tot ...‹

Sie ließ sich auf einem Sessel nieder und saß still. Sie hörte die

Uhr ticken, manchmal draußen eine Tür gehen, eine Stimme. Sonst war

kein Laut im Hause. Niemand kam und störte sie. Ihr war, als hielte

alles umher, so wie sie selber, den Atem an, bis dort drüben im

Arbeitszimmer des Vaters die Unterredung zwischen ihm und dem Freier

zu Ende war.

Dort saß Erich von Logow, straff aufgerichtet, den Säbel zwischen

den Knien, den Helm neben sich am Boden, seinem Regimentskommandeur

gegenüber. Erst ein paar freundliche Einleitungsworte des Obersten:

»Na -- gut bekommen, gestern ... lieber Logow?«

»Danke gehorsamst, Herr Oberst!«

»Wann werden wir Sie denn nun abessen? Der Kasinovorstand frug schon

bei mir an. Ist's Ihnen recht: übermorgen abend?«

»Wie Herr Oberst befehlen!«

Eine kurze Pause. Dann begann der junge Hauptmann entschlossen, seinem

Vorgesetzten dabei fest in die Augen schauend, so als erstatte er

einen dienstlichen Bericht: »Herr Oberst hatten die Güte, mich ständig

hier im Hause verkehren zu lassen. Ich war Herrn Oberst immer für

diese Auszeichnung tief dankbar. Ich hätte es mir nie erlaubt, mir sie

in so vollem Maße zu Nutzen zu machen, wie ich es getan hab', wenn

dabei nicht noch für mich besondere Umstände mitgesprochen hätten ...«

Er brach einen Augenblick ab, um Atem zu holen, und fuhr fort: »Ich

habe es bisher nicht gewagt, mich hierin zu erklären. Man hat sich

darüber gewundert. Ich weiß. Ich bin im Kasino damit aufgezogen

worden. Ich hab' sogar spaßhafte anonyme Briefe gekriegt. Aber ich

hielt meine Zeit noch nicht für gekommen. Ich sagte mir ...«

Plötzlich verließ ihn wieder der Fluß der Rede. Er mußte anhalten

und seine Gedanken sammeln. Der Oberst wartete ernst und freundlich

und dachte sich dabei ganz verwundert: Herrgott, warum ist der

Mensch so aufgeregt! Er weiß doch wahrhaftig, daß er keinen Korb

riskiert. Und doch färbte jetzt eine leichte Röte der Befangenheit die

wettergebräunten Wangen seines Gegenüber.

»Nämlich, Herr Oberst! Unter meinen vielen Fehlern ist auch der: Ich

hab' eine viel zu große Meinung von mir. Ich hab' immer die Idee, mir

müßte alles glücken. Der Gedanke an eine Niederlage ist mir gräßlich.

Der möchte ich mich auch jetzt nicht aussetzen. Ich möchte -- frei

gesprochen -- nicht einen glatten Korb riskieren. Und deswegen komme

ich zuerst, ganz privatim, zu Herrn Oberst! ...«

Herr von Ottersleben lächelte für sich. Eigentlich überschätzte

sich der gute Logow wirklich nicht so sehr, wie er sagte. Eher im

Gegenteil. Der junge Offizier war jetzt wieder blaß vor Spannung. Er

hing an den Lippen seines Kommandeurs, der langsam meinte: »Na --

inwieweit Sie Ihrer Sache sicher sind, Herr von Logow, das müssen Sie

doch eigentlich besser wissen als ich!«

Der Hauptmann schüttelte hastig den Kopf. Er beugte sich etwas vor und

fuhr lebhaft fort, in einem beinahe ängstlichen Vertrauen zu seinem

Vorgesetzten.

»Nein, Herr Oberst ... ich weiß es nicht! Ich sage mir selbst, daß

Ihr Fräulein Tochter hohe Ansprüche zu stellen vermag, höhere als

irgend jemand sonst. Und wieweit ich denen gewachsen bin ... Herr

Oberst sagten mir einmal auf dem Heimritt von einer Felddienstübung,

Sie würden sich freuen, wenn Ihre Töchter auch einmal alle Offiziere

heiraten würden. Herr Oberst haben bei anderen Gelegenheiten

gesprächsweise Ihre Freude an so alten preußischen Namen ausgedrückt,

wie sie Herr Oberst und ich tragen. Diese Voraussetzungen kann ich

also erfüllen. Ich habe auch genug Vermögen, mehr als verlangt wird.

Ich würde Herrn Oberst hierüber meinen Bankauszug vorlegen ... Aber

das alles will ja noch wenig besagen ...«

»Na -- was denn noch?« dachte sich Herr von Ottersleben verblüfft. Der

Freier wurde ihm schon beinahe ein Rätsel.

Erich von Logow hub wieder an: »Ich gab mir selbst zu: Wenn ich so als

simpler Leutnant eines Linienregiments in der Provinz antrete ... Ihr

Fräulein Tochter kann wirklich mehr vom Leben erwarten. Das war, neben

meinem dienstlichen Ehrgeiz, der Grund, weswegen ich so hartnäckig

auf den Generalstab losarbeitete und bis dahin nicht rechts und nicht

links schaute. Seit gestern abend hab' ich es nun erreicht. Ich bin

Hauptmann und ich bin im Generalstab und werde alles daransetzen, mich

dauernd in der Generalstabskarriere zu halten. Dadurch eröffne ich

auch meiner künftigen Frau die Aussicht auf einen ganz anderen äußeren

Verlauf ihres Lebens -- Berlin und sonstige ganz große Garnisonen,

der ständige Verkehr mit hohen Vorgesetzten, die reiche Geselligkeit

überhaupt ... die Möglichkeit, seiner Frau einmal hohen Rang und

Titel zu verschaffen ... Verzeihen Herr Oberst, wenn ich da im Eifer

unbescheiden von mir rede ...«

»Na, das weiß ich doch alles selber, lieber Logow ...«

»Und glauben Herr Oberst, daß ich ... daß ich daraus mir das Recht

herleiten darf, die Frage zu stellen, die ...«

Der Hauptmann von Logow war jetzt so aufgeregt, daß er, gegen seine

sonstige selbstbeherrschte Art, stotterte und stockte.

Der Oberst nickte ihm begütigend zu. »Na -- nun schon mal 'raus mit

der Sprache, Logow! Herrgott ja -- wir sind doch hier unter uns

Männern ...«

»Ich darf reden, Herr Oberst?«

»Gewiß!«

Erich von Logow gab sich einen Ruck und sagte schweratmend: »Dann

möchte ich hiermit Herrn Oberst ganz gehorsamst um die Hand Ihrer

Fräulein Tochter Ulla bitten!«

Herr von Ottersleben traute seinen Ohren nicht. Er hätte beinahe in

seiner Überraschung gefragt: ›Wie? Haben Sie sich nicht versprochen?‹

Aber er biß sich noch im rechten Augenblick auf den Schnurrbart

und wiederholte, ohne daß man seinem feinen und klugen, ein wenig

kränklichen Gesicht etwas anmerkte: »Um die Hand meiner Tochter Ulla?«

»Zu Befehl!«

Erich von Logow schien verwundert, daß man den Namen noch erst

zu nennen brauchte. Das mußte, nach seiner Meinung, längst ein

offenkundiges Familiengeheimnis sein, wem seine Werbung galt,

wenn er auch sich nie mit einem Wort verraten hatte, das ihm

bis gestern gegenüber dem schönsten Mädchen der Garnison, der

verwöhnten, vielgefeierten Ballkönigin, der überall in der Provinz,

im ganzen Armeekorps bekannten Ulla Ottersleben als Vermessenheit

erschienen wäre. Er war froh, daß es nun glücklich heraus war. Sein

Gesichtsausdruck war dienstlich steinern, während er dasaß und auf

Antwort wartete. Der Oberst erhob sich. Er war noch immer wie vor den

Kopf geschlagen.

»Schön, Herr von Logow! Ich danke für Ihr Vertrauen! Und nun verzeihen

Sie, bitte, einen Augenblick. Sie begreifen: Ich will vor allem jetzt

einmal mit meiner Frau reden!«

Er ging rasch über den Flur. Unterwegs wurde er zornig. Als er in das

Wohnzimmer trat, in dem Frau von Ottersleben allein saß, polterte er

los: »Das kommt davon, wenn man vier Frauenzimmer im Haus hat! Ganz

verrückt macht ihr einen mit eurem Geschwatz! Weißt du, wen der Logow

will: die Ulla!«

»Was?«

»Die Ul--la!« wiederholte der Oberst mit scharfer Betonung. »Was sagst

du nun?«

Frau von Ottersleben legte die Hände im Schoß zusammen.

»Thilo ... ich glaube, du träumst!«

»Nee, meine Liebe, ihr habt geträumt! ... Ihr habt mir das in den Kopf

gesetzt ... Ihr habt womöglich auch der Maxe das eingeredet ...«

»Thilo ... Maxe etwas einreden! ... Du weißt doch, wie verschlossen

sie ist! Man ist bei ihr immer nur auf Mutmaßungen angewiesen. Wenn

ich mich da getäuscht haben sollte ...«

Du Schwert an meiner Linken · 第 2 / 27 段