und klang in feinen silbernen Tönen weiter, während das Eis

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Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des

Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler

sind stillschweigend korrigiert worden.

Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~

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Du Schwert

an meiner Linken

Ein Roman aus der deutschen Armee

von

Rudolph Stratz

59.-68. Tausend

[Illustration]

Stuttgart und Berlin

J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger

1923

Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten

Für die Vereinigten Staaten von Amerika:

Copyright, 1912, by J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger

Stuttgart und Berlin

1

Viel Worte machte der Oberst von Ottersleben nicht, als er aufstand,

um an der Festtafel im Kasino seines Regiments das Hoch zu Kaisers

Geburtstag auszubringen. Was hätte er auch sagen sollen, was nicht

heute, am 27. Januar, in der Armee, vom Bodensee bis zur Weichsel,

selbstverständlich war? Er hielt das Sektglas in der Hand und

überschaute den langen, hufeisenförmigen Tisch, der heute, wo alle

Verheirateten mitspeisten, wo die Ärzte, wo die Zahlmeister, die man

sonst hier nie sah, gekommen waren, den ganzen Saal bis an die Türen

hin füllte. Dort drüben saß, unter der palmeneingerahmten Büste des

Kaisers, zum Einsatz bereit, die Musik. Der Stabshoboist Schickedorn,

der mit seinen Backenbartstreifen und dem rötlich jovialen Gesicht

wie ein Potsdamer General aussah, hielt den Taktstock in der Rechten

und schaute erwartungsvoll hinüber nach dem Regimentskommandeur.

Alle Offiziere hatten sich erhoben. Sie standen in langen Reihen,

mit gesammelten, dienstlich ernsten Gesichtern. Sechzigfach und

öfter wiederholte sich der Namenszug des Infanterieregiments

Burggraf Friedrich von Nürnberg auf den Stabsoffiziersraupen, den

Leutnantsepauletten, den Achselklappen der Junker unten am Tisch. Es

war tiefe Stille. Durch die klang kurz und scharf die Stimme des

Obersten: »Seine Majestät der Kaiser und König, unser allergnädigster

Kriegsherr, hurra!«

»Hurra!«

»Und abermals: Hurra!«

»Hurra!«

»Und immerdar: Hurra!«

»Hurra!«

Es dröhnte wie ein einziger donnernder Ruf. Dann standen sämtliche

Herren andächtig, das Glas in der Hand. Die Musik spielte einen Tusch,

daß die Scheiben klirrten, und ging dann feierlich in das »Heil dir im

Siegerkranz« über. Als das endete, wurden sechzig, siebzig Sektkelche

bis auf die Nagelprobe leer. Dann setzte man sich wieder. Lachen,

Leben, Lärmen flackerte rasch da und dort auf und sprang wie ein

Lauffeuer die Tafel entlang. Je weiter nach unten an ihr, desto röter

waren schon die Gesichter, desto lauter das Gespräch. Dem Fähnrich

von Baldring, der dicht vor dem Leutnant stand, hatten sie zu viel

vorgetrunken. Er nickte schlaftrunken nach vornüber, erschrak dann

und saß eine Weile mit aufgerissenen Augen stramm aufrecht. Neben

ihm lächelte der Zahlmeister Brauske feucht und gerührt vor sich

hin. Ihn hatte niemand zum Trinken gezwungen. Er tat es von selber.

Weiter aufwärts war die ›scharfe Ecke‹. Dort gab der Assistenzarzt

Doktor Taubmann, ein alter, mit Schmissen übersäter Korpsstudent,

das Beispiel und legte seinen Nachbarn, den Leutnants Gollenius und

von Solkowski, ein mörderisches Tempo in der Sektvertilgung vor und

sprach zu seinem Gegenüber, dem Oberleutnant von Logow, mit einem

Kopfschütteln tiefster Mißbilligung: »Ich weiß nicht, Herr von Logow

... Sie sind doch sonst so ein hervorragender Zeitgenosse ... Daß Sie,

wie ich einwandfrei diagnostiziert habe, von der Suppe ab Ihren Wein

zu Dreiviertel mit Selters mischen, das ist, verzeihen Sie das harte

Wort: schnöde! Es erzeugt beim unbefangenen Beobachter Magensäure ...

Es ist ...«

»Logow trinkt doch sonst überhaupt nichts!« sagte Gollenius.

Erich von Logow zuckte nur die Achseln. Er sprach nie viel. Er ging

nicht leicht aus sich heraus. Er war kein Mann für Kasino-Ulk. Er

war zu selbstbewußt dafür und zudem der älteste Oberleutnant des

Regiments, schon zu Anfang der Dreißig. Nach seinem ganzen Wesen hätte

er mehr an das obere Ende der Tafel gehört, dahin, wo die dicken

Epauletten saßen, die Flaschen spärlicher standen, die Unterhaltung

gemessener geführt wurde und der Oberst von Ottersleben, immer halb im

Dienst, zu seinem Nachbarn, dem Oberstleutnant Wahrmund, sagte: »Ich

will dieser Tage mal raus mit dem Regiment ... in den Schnee. General

von Glümke murmelte gestern schon was von Winterspeck ... Motten im

Pelz ... Na ... Sie kennen ihn ja ...«

Der Oberstleutnant bejahte diplomatisch. Er wußte: Der

Brigadekommandeur von Glümke, der unbekümmerte Frontsoldat,

Junggeselle und Jagdreiter, und Oberst von Ottersleben, diese

Autorität in Gewehrkunde und Schießausbildung, paßten nicht recht

zueinander. Herr von Ottersleben hatte in seinem Äußeren durchaus

nichts Unmilitärisches. Das uralte Soldatengeschlecht, aus dem er

stammte, verleugnete er in Sprache und Haltung nicht. Aber seine

Züge waren, bei aller dienstlichen Schärfe, fein, von kleinen

Fältchen und Äderchen durchzogen, der kurze Schnurrbart und das

Haar an den Schläfen leicht angegraut, in den klugen Augen manchmal

ein mehr sinnender als befehlender Ausdruck, wie er jetzt über die

lange Tischreihe seiner Herren hinblickte, diese sechzig, siebzig

so verschiedenen Menschen, die ihm alle, vom Stabsoffizier bis zum

Fahnenjunker, mit ihrem Wohl und Wehe anvertraut waren, für die

er verantwortlich war, ohne doch immer in ihr Inneres dringen zu

können, und immer in der Hand des Zufalls, der ihm diese oder jene

Überraschung durch einen Untergebenen bringen konnte.

An der Tafel war der Lärm und das Gelächter immer lauter geworden. Die

Musik schmetterte dazwischen. Der Oberstleutnant mußte seine Stimme

verstärken.

»Dies Jahr haben wir die drittbesten Schießresultate der Armee, Herr

Oberst! Voriges Jahr die zweitbesten! ... Ein Regiment, das so steht,

das braucht wirklich nichts zu fürchten!«

Der Oberst von Ottersleben nickte.

»Ja.'s ist komisch, lieber Wahrmund ... Wenn ich 'nen Truppenteil

unter mir hatte, so konnt' er auf einmal schießen. So ging es mir als

Kompaniechef, als Bataillonskommandeur, und jetzt mit dem Regiment.

Aber freilich ...«

Er verstummte und nahm einen Schluck. Es war, als liefe eine

Wolke über seine Züge. Aber es war nur der Schatten der großen

schwarz-weiß-roten Fahne, die sich draußen vor dem Fenster im

Winterwind hin und her blähte. Dann versetzte er: »Das ist nun das

fünfunddreißigste Mal, daß ich Kaisers Geburtstag in der Armee feiere!

Wie oft nun noch, das steht beim lieben Gott und dem Militärkabinett

...«

»Aber Herr Oberst ...« Drei Majore riefen es zu gleicher Zeit. Sie

lachten dabei. Der Regimentskommandeur stimmte mit ein. Die trübe

Anwandlung war vorüber, die so gar nicht zum Festjubel des heutigen

Tages paßte. Der dicke Oberstabsarzt Doktor Sand aber brummte halblaut

zu seinem Nachbarn: »Es ist ein Jammer, daß so ein Mann sich auf dem

Pferd so in acht nehmen muß!«

Der andere nickte. Es war kein Geheimnis: Der Oberst von Ottersleben

hatte einen Knacks in der Gesundheit, der sich im Sattel fühlbar

machte. Und von drüben murmelte jemand, aus denselben Gedanken heraus:

»Olaf reitet freilich wie der Teufel!«

Olaf -- das war der Vorname des Generalmajors von Glümke, unter dem

er seit vierzig Jahren in der ganzen Armee bekannt war. Von den

verrückten Streichen seiner Leutnants- und Hauptmannszeit in der Garde

bis jetzt hinauf in Rang und Würden, die ihn keineswegs hinderten, der

Alte zu sein.

Der Oberst von Ottersleben hatte nichts von dem Gespräch vernommen. Er

hatte sich halb erhoben und rief in das allgemeine Stimmengeschwirr:

»Gesegnete Mahlzeit, meine Herren!«

Das war das Zeichen für die Zigarre. Der Saal hüllte sich in blauen

Rauch. Stühle wurden gerückt. Man setzte sich in Gruppen zusammen,

beim Dampfen des Kaffees zwischen dem Perlen der Sektgläser. Andere

traten in die Nebenräume, ein paar mit bloßem Kopf hinaus in den

Kasinogarten in den Schnee, um die erhitzten Stirnen abzukühlen.

Drinnen spielte die Musik den Pariser Einzugsmarsch. Der dicke kleine

Hauptmann Neugereuth war auf das Podium geklettert und hatte einige

Hoboisten verdrängt, um seiner Leidenschaft, die große Pauke zu

schlagen, zu frönen. Er zählte krampfhaft mit und wirbelte dann doch

zwei Takte zu früh los. Aber es schadete nichts. Denn an Stelle des

Kapellmeisters Schickedorn dirigierte der musikalisch veranlagte lange

Regimentsadjutant, schwenkte mit verklärtem Gesicht den Taktstock,

und die Musikanten folgten ihm dienstlich entschlossen durch dick und

dünn. Im Lesezimmer lag der Benjamin des Regiments, der Fahnenjunker

Reiffenscheidt, noch ein halbes Kind, erschöpft auf dem Kanapee,

mit dem Kopf auf der Kreuzzeitung und den Lackstiefeln in der Luft.

Der Leutnant Griller, der Kraftmensch des Kasinos, zeigte sein

Renommierstück und hob einen Stuhl samt einem darauf sitzenden Herrn

mit dem linken Arm frei in die Höhe. Im großen Saal trieb der Leutnant

und Bataillonsadjutant Hase die Ordonnanzen, rascher aufzuräumen, denn

es zuckte ihm in den Tanzbeinen. Es war alles so, wie in Hunderten

anderer Kasinos, in allen Teilen des Deutschen Reiches, in denen

dreißigtausend Offiziere jetzt um dieselbe Zeit den höchsten Festtag

der Armee begingen.

Der Oberleutnant Erich von Logow war auf seinem Platze sitzen

geblieben. Er rauchte eine Zigarre, was er sonst selten tat, und

schaute vor sich hin. Da hörte er neben sich die Stimme einer zu ihm

gesandten Ordonnanz: »Der Herr Oberst möchten dem Herrn Oberleutnant

zutrinken!«

Er schnellte empor, tat, dienstlich stramm stehend, seinem

Regimentskommandeur Bescheid, hob das geleerte Glas und setzte sich

wieder.

Oben am Tisch sagte der Major Rumpach, ein blondbärtiger Riese, mit

seiner Grabesstimme: »Auffallend tüchtiger Mensch, der Logow!«

Der Major war eben erst von einem Urlaub zurückgekehrt, auf dem er

sich von einem tüchtigen Rumpler mit dem Pferde erholt hatte. Er

sollte eigentlich erst vom ersten Februar ab wieder Dienst tun, und

war nur heute, zur Feier des Tages, schon in Uniform erschienen.

Logow stand in seinem Bataillon. Er blickte nach dem jungen Offizier

hinüber. Der saß da, ohne darauf zu achten. Er hatte ein preußisches

Militärgesicht. Kurzer dunkler Schnurrbart, feste dunkle Augen, um den

Mund ein Zug von Zurückhaltung. Seine Gestalt war über Mittelgröße,

straff und elastisch. Es haftete ihm etwas In-sich-Versunkenes an. Er

redete nicht, sondern hörte den anderen zu, die um ihn Witze rissen

und lachten, und schien mit seinen Gedanken irgendwo in der Ferne

zu sein. Es war Strenge und Reife in seinem ganzen Wesen. Der Major

Rumpach dachte sich: Wenn es bei uns in der Armee Generale von dreißig

Jahren gäbe, dann müßten sie so aussehen! Neben ihm sagte der Oberst:

»Der Logow? ... Ja, ich wollte, ich hätte mehr von der Sorte im

Regiment! ... Wir legen mit ihm noch Ehre ein!«

»Herr Oberst haben ihn ja auch besonders zu sich herangezogen!«

»Ja. Er verkehrt viel in meinem Hause!«

Der andere frug nicht weiter. Es hätte indiskret aussehen können.

Oberst von Ottersleben besaß drei erwachsene Töchter ... Zwei

von ihnen kamen nur in Frage. Die dritte, die jüngste, war schon

glückliche Braut. Der Major wandte sich an den Regimentskommandeur und

forschte mit seinem tiefen Baß: »Wann heiratet denn Fräulein Dora,

Herr Oberst?«

Herr von Ottersleben lachte.

»Im Frühjahr! Bei mir ist's die verkehrte Welt, lieber Rumpach. Ich

brech' mein Vierteldutzend von hinten an! Na, wie Gott will! Wenn man

drei Mädels unter die Haube zu bringen hat, darf man nicht pedantisch

sein. Ich hätt's ja auch nicht gedacht, daß eine von meinen Mariellen

gerade zu den Pionieren verschlagen würde ...«

Er hatte sein ganzes Leben in bevorzugten Truppenteilen verbracht. Es

gab ihm immer einen gewissen inneren Ruck, wenn er sich vorstellte,

daß sein Dorle, das Nesthäkchen der Familie, künftighin schlicht

und recht Frau Grotjan heißen würde, so wenig er an sich gegen den

Leutnant Grotjan von dem dreißigsten Pionierbataillon einzuwenden

hatte. Er besaß nun einmal eine Schwäche für alte Namen wie

Ottersleben oder Logow, in denen es gleich Trompetenfanfaren von

Fehrbellin und Roßbach nachklang. Mit unwillkürlichem Wohlwollen

streifte sein Auge wieder den Oberleutnant Erich von Logow drüben

an der schon halb verlassenen Tafel, der eben mit zusammengepreßten

Lippen, in einer seltsamen Ungeduld, auf die Uhr sah, als ob er in

nächster Zeit etwas Besonderes erwartete. Neben ihm erkundigte sich

der Major: »Na ... und der älteste filius ... der Artillerist?«

»Mein Sohn?« sagte der Oberst. »Gott ... er macht sich! Er ist vom

ersten April ab nach Berlin kommandiert ... zur militärtechnischen

Akademie! ... Ich hätt' ihn ja lieber noch hier unter der Fuchtel,

in der gleichen Garnison behalten. Sein Oberst und ich sind alte

Kriegsschulkameraden. Da macht er mir keine Wippchen vor. Aber

da draußen in Berlin ... das ist heutzutage ein heißer Boden für

einen, der an sich schon Rosinen im Kopf hat, wie der Otto! Das weiß

ich: meinen Jüngeren, den Lichterfelder Kadetten, geb' ich lieber

seinerzeit auch für ein schönes Regiment in der Provinz ein. Na --

vorläufig soll er mir mal erst die Selekta absolvieren! ...«

Der Oberst hatte laut zu seinem Nachbarn sprechen müssen, so rauschend

schmetterte die Musik den Radetzkymarsch durch den raucherfüllten

Saal. Einer der jüngeren Herren war auf einen Anrichtetisch an der

Seite geklettert und tanzte da oben, wie er es in Österreich gesehen,

zwischen abgeräumten Tellern und leeren Gläsern im Takt, der Hauptmann

Neugereuth schlug begeistert die Pauke, der lange Regimentsadjutant

dirigierte, mit hocherhobenem Arm wie ein Feldherr. Dann plötzlich

brach der k. k. Marsch in einem wirren Durcheinander ab, der

Oberleutnant Rudicke hatte jählings den Taktstock hingelegt. Er hatte

eine Ordonnanz bemerkt, die mit einer Depesche auf einem Teller quer

durch den Saal auf ihn zusteuerte, und sprang mit einem Hechtsatz vom

Podium und ihr entgegen.

»Telegramm aus Berlin? ... An das Regiment? ... Herr Oberst ... das

Militärwochenblatt ist heraus!«

Das Militärwochenblatt! ... Das große Ereignis zu Kaisers Geburtstag!

Die endlose Reihe von Beförderungen, Ordensverleihungen, Adelungen,

Gnadenbeweisen aller Art, die heute Spalten um Spalten und Seiten um

Seiten der dickleibigen Extraausgabe füllten, während da drüben, fern

in Berlin, wo jetzt eben die dreiundzwanzig kommandierenden Generale

dem Kriegsherrn die Glückwünsche der Armee überbrachten, Tausende von

Offizieren sich zur Ausgabe der Parole: ›Es lebe Seine Majestät‹ im

Zeughaus um ihn scharten, schwarzwimmelnde Menschenmassen die Linden

füllten. Das Militärwochenblatt! Im Augenblick lief das Wort durch

die Räume des Kasinos. Man drängte sich durch die Türen herein. Der

Saal war voll von Uniformen -- von Stimmengewirr -- Erwartung -- dann

Schweigen. In ihm die trockenen Worte des Obersten: »Na -- lesen Sie

mal, Rudicke!«

Der Regimentsadjutant riß das Telegramm auf und räusperte sich:

»Regiment Burggraf von Nürnberg ... Gratuliere gehorsamst, Herr Oberst

... Roter Adlerorden dritter Klasse mit der Schleife ...«

Oberst von Ottersleben nahm gelassen die Händedrücke von allen Seiten

entgegen. Es war keine große Überraschung. Die Auszeichnung kam ihm

nach seinem Dienstalter zu. Er winkte: »Na -- nu weiter ...«

»Major Rumpach unter Versetzung in das Infanterieregiment 209 zum

Oberstleutnant befördert.«

Ein neues Hallo! Der blondbärtige Riese war im Regiment sehr beliebt.

»Uff!« sagte er, sichtlich erleichtert, mit seiner Bärenstimme. »Bis

hierhin hat uns Gott gebracht in seiner großen Güte! Danke gehorsamst,

meine Herren! Danke Ihnen allen! Tut mir herzlich leid, dies schöne

Regiment zu verlassen! Behalten Sie mich in freundlicher Erinnerung,

wie ich Sie alle! Grob -- aber 'n guter Kerl -- nicht wahr? ... Na --

Hände her!«

Er war sichtlich ergriffen, während er mit seiner Riesenfaust eine

Rechte nach der anderen drückte. Der Oberst hatte inzwischen für sich

weiter gelesen. Er ließ das Blatt sinken und sprach, kopfnickend und

halb andächtig: »Donnerwetter!«

»Was ist denn? ... Was ist?«

»Logow ... kommen Sie mal her!«

Erich von Logow trat ein paar Schritte näher heran. Er hatte sein

gewohntes, unbewegtes Gesicht. Aber er war auffallend blaß geworden.

Der Adjutant hielt die Depesche in der Hand und las, in der tiefen

Stille jedes Wort betonend: »Oberleutnant von Logow unter Beförderung

zum Hauptmann in den Großen Generalstab versetzt!«

Es war kein Lärmen und Gelächter wie bisher. Es verbreitete sich jene

Stimmung, der der Oberst selber mit dem Worte »Donnerwetter« Ausdruck

gegeben. Aufrichtiges Händeschütteln, ernste Glückwünsche. Da stand

nun einer der Auserwählten der Armee. Er hatte das Höchste erreicht,

was ihm nach seinem Dienstalter möglich war. Er war vor Tausenden

bevorzugt. Er trug von nun ab die breiten Karmoisinstreifen des Großen

Generalstabs, zu dem er schon einmal, nach der Kriegsakademie, ein

Jahr zur Dienstleistung kommandiert gewesen. Er beherrschte sich. Er

nahm ruhig die Händedrücke der Vorgesetzten und Kameraden entgegen.

Nur eine Sekunde hatte es in seinen dunklen Augen vom Triumph eines

unbezähmbaren Ehrgeizes aufgeleuchtet. Dann war das wieder in sich

erloschen. Der Oberst von Ottersleben hielt seine Rechte fest und

sprach laut und herzlich: »Alles Gute auf den Weg, mein lieber Logow!

Wir werden Sie hier recht vermissen! Aber es ist eine Ehre für einen

Truppenteil, seine Herren an die große Bude am Königsplatz abzugeben!

Darum betrauern wir Ihr Scheiden nicht. Sie waren eine Zierde des

Regiments -- ein Vorbild für die jüngeren Herren! ... Na -- Gott mit

Ihnen!«

Ein neuer Lärm brach hinter seinen Worten los. Der Fähnrich Freiherr

von Baldring war Offizier geworden. Er hatte Wein im Kopf, aber

nicht so viel, daß er nicht dem großen Augenblick gewachsen gewesen

wäre. Strahlend und beinahe ungläubig über die eigene Wandlung stand

er, zum erstenmal unter seinesgleichen, bei allen Glückwünschen

unwillkürlich stramm, sich immer noch als Untergebener fühlend, und

die neuen Kameraden, die jüngsten Offiziere, die ihm das Du anboten,

mit »Herr Leutnant« anredend. Mit seinen Epauletten, die daheim in

seiner Kasernenstube schon samt Waffenrock und Schärpe seit Tagen, des

großen Augenblicks harrend, bereit lagen, war das Militärwochenblatt,

soweit es das Infanterieregiment Burggraf betraf, erschöpft. Der

lange Adjutant hatte sich wieder auf die Musikestrade geschwungen.

Er kommandierte einen Tusch. Dreimal rauschte es auf. Ein Hurra

hinterher. Zehn, zwölf Leutnantsarme hatten den Major Rumpach erfaßt,

auf die Schultern gehoben und trugen ihn im Triumph durch den Saal.

Der Riese saß da oben etwas ungemütlich, aber er machte gute Miene

zum bösen Spiel und strampelte nur einmal, mit seinem Kellerbaß die

Musik übertönend: »Donnerwetter, Kinder ... ihr zwickt mich ja in den

Hintern!«

Der Leutnant Freiherr von Baldring trank inzwischen immer noch, etwas

unsicher auf den Beinen, mit verschlungenem Arm aus Sektkelchen

Brüderschaft. Im Saal flammte das elektrische Licht auf. Denn draußen

brach schon in leichtem Schneegestöber der frühe trübe Winterabend

herein. Die Stühle wurden zur Seite gerückt. Man wollte walzen. Der

Leutnant von Solkowski chassierte schon für sich, mit den Fingern wie

mit Kastagnetten schnippend, über das glatte, an einzelnen Stellen

vom Wasser aus den Eiskübeln dunkle Parkett. Ein paar der jüngsten

Leutnants und die Junker banden sich weiße Taschentücher um den Arm,

als Zeichen, daß sie als Damen tanzten. Oben auf der Estrade gab

der Stabshoboist Schickedorn, dienstlich ernst, mit wichtiger Miene

das Zeichen zur »Schönen blauen Donau«. Ein kalter Luftzug traf

dabei seinen Nacken. Die Glastür, die zur Sommerveranda des Kasinos

und hinaus in den verschneiten Garten führte, hatte sich für einen

Augenblick geöffnet. Der Hauptmann von Logow war durch sie in das

Freie getreten. Er stand draußen in der kalten Dämmerung, barhaupt, im

knappen Waffenrock, die Hände in den Taschen, und schaute stumpf vor

sich hin ins Weite, in die unbestimmte ferne Lichterhelle der großen

Provinzgarnisonsstadt, deren verworrenes Geräusch bis in die Stille

des Gartens klang. Sein strenges und ernstes Profil zeichnete sich

scharf vom Zwielicht ab. Der Oberst von Ottersleben sah es durch die

Fenster des Vorraums, wo er sich eben von dem Oberleutnant Rudicke in

den Mantel helfen ließ, um auf einen Sprung nach Hause zu gehen, und

meinte kopfschüttelnd zu seinem Adjutanten: »Ein sonderbarer Mensch,

der Logow! Da steht er nun wieder! Finden Sie nicht auch, daß er ein

bißchen zu reserviert ist, Rudicke?«

Der Adjutant hatte sich seinem Kommandeur angeschlossen und schritt zu

seiner Linken die Straße entlang.

»Sehr zurückhaltend, gewiß!« erwiderte er. »Aber trotzdem im Regiment

sehr beliebt. Man weiß eben, was in ihm steckt. Na -- nun hat er ja

das Ziel seines Ehrgeizes erreicht!«

»Ja -- das hat er!« wiederholte Herr von Ottersleben sinnend.

Dann ging er eine Weile schweigend dahin. Sie waren jetzt in

dem belebtesten Stadtteil. Festliches Menschengewimmel um sie,

illuminierte Schauläden, die Häuser bunt von Fahnen, die Straßen

farbig von Uniformen aller Truppenteile, Dragoner, Feldartilleristen,

Pioniere, Trainsoldaten der großen Garnison. Der Oberst von

Ottersleben hatte fortwährend den weißbehandschuhten Zeigefinger

an den Helm zu legen. Von den vorbeikommenden Infanteristen machte

jeder zweite als Angehöriger des Infanterieregiments Burggraf von

Nürnberg Nummer 188 in jähem Zusammenfahren vor ihm Front. Im großen

Festsaal des Hotels zum ›König von Preußen‹ auf dem Marktplatz waren

die Fenster glänzend hell. Innen sah es aus wie im Kasino. Sechzig,

siebzig Offiziere saßen da in Wehr und Waffen an langer Tafel. Aber

es waren die Uniformen aller möglichen Regimenter durcheinander.

Die Herren des Beurlaubtenstandes feierten da unter dem Vorsitz des

Bezirkskommandeurs Kaisers Geburtstag, und auf der anderen Seite des

Gebäudes, in einem Nebensaal, verrieten dicht vorgezogene Vorhänge,

würdevolle Ruhe, ein Schwarm von Kellnern und Ordonnanzen den Raum, in

dem die Generalität, nur wenige Köpfe stark, tafelte.

Während so die ganze Garnison den höchsten Festtag der Armee beging,

hatte Frau Oberst von Ottersleben ihrerseits die Damen des Regiments

Burggraf um sich versammelt, nicht, wie es früher ausschließlicher

Brauch, nur zu einem großen Nachmittagstee, sondern zu einem richtigen

Festessen, einem Diner, bei dem das männliche Element lediglich durch

die aufwartenden Burschen vertreten war. Die Räume ihrer Dienstwohnung

waren groß genug für die Erschienenen -- die Majorinnen, fast ein

Dutzend Hauptmanns-, ein gutes Dutzend Leutnantsfrauen, die drei

Töchter des Hauses und ein paar andere junge Mädchen. Den Damen hatte

das Ungewohnte eines Diners ohne Herren Spaß gemacht und als Ausnahme

die Stimmung angeregt. Sie hatten in langen Reihen gesessen und

gelacht und getafelt, ganz wie ihre Herren drüben im Kasino, und auch

wie jene für ihre Verhältnisse ganz munter Sekt getrunken. Zum Schluß

war noch eine besondere Überraschung erschienen: eine große Eisbombe,

auf der in rosafarbener Masse ein Miniaturstandbild des Kaisers

prangte. Frau von Ottersleben war aufgestanden. Mit ihr alle ihre

Gäste. Sie hob das Glas und sagte mit lauter Stimme: »Meine Damen!

Seine Majestät der Kaiser und König -- er lebe hoch!«

»Hoch! ... Hoch! ... Hoch!« Es folgte kein Orchestertusch hinterher.

Aber im Innern der Bombe begann plötzlich eine dort verborgene

Musikuhr zu spielen:

»Heil Dir im Siegerkranz ...«

und klang in feinen silbernen Tönen weiter, während das Eis die Runde

um den Tisch machte, und die blonde Frau Leutnant Griller, die einen

hübschen Sopran besaß, sang hellauf mit und die anderen schlossen sich

an:

»Heil Dir im Siegerkranz,

Herrscher des Vaterlands --

Heil Kaiser Dir!«

Nun wurde der Kaffee eingenommen. Die Damen saßen in den Zimmern

verteilt. Im Salon, um das Sofaarrangement herum, Frau von Ottersleben

in ihrem schwarzen Spitzenkleid mit den Stabsoffiziersgattinnen und

den anderen gesetzteren Gästen, trotz ihrer Mitte der Vierzig schlank

und straff wie ihre hochgewachsenen beiden ältesten Töchter -- die

Jüngste, die Braut, war im Emporschießen stecken geblieben und kleiner

und rundlicher geraten -- die Hände im Schoß zusammengelegt, ein müdes

und leidendes, aber verbindliches Lächeln auf den etwas spitzen,

distinguierten Zügen. Die Leutnantsfrauen waren da und dort in Gruppen

beisammen und plauderten.

Im letzten Zimmer hatten sich die jungen Mädchen zusammengehockt und

schwatzten und kicherten durcheinander. Ein feiner Zigarettendampf

schwebte über den blonden, braunen, dunklen Köpfen. Die farbigen

Kleider raschelten. Es war zu komisch -- eine Gesellschaft ohne

Leutnants. Man konnte sich die Welt schwer ohne Leutnants vorstellen.

Wie von selbst bildete Ulla, die älteste der drei Töchter des

Hauses, den Mittelpunkt. Sie war es immer, in jeder Gesellschaft,

als die anerkannte Schönheit der Garnison. Schon seit drei Wintern

oder vier, wenn man den einen dazwischen nicht rechnete, den

sie, ihrer angegriffenen Brust wegen, in einem Höhenkurort des

Schwarzwalds verlebt hatte. Sie besaß jetzt noch, im Verhältnis zu

ihrer hohen, weißgekleideten Gestalt, sehr schmale Schultern und

hielt sich nicht ganz aufrecht. Sie war brünetter als die anderen.

Ihr klassisch schönes, ovales Gesicht mit den großen, dunklen Augen

zeigte ein eigentümliches alabasternes Weiß, wie die Blutleere einer

griechischen Statue. Auch in ihren Bewegungen war eine plastische

Ruhe -- eine monumentale Gleichgültigkeit -- halb bewußt das Gefühl

der Überlegenheit über die anderen -- halb das Abgetanztsein einer

Ballkönigin. Sie sprach nicht viel und sah leer vor sich hin. Sie

langweilte sich unter den jungen Mädchen. Sie hatte sich mit denen

wenig zu sagen. Sie wurde erst lebendig, wenn Herren da waren --

Leutnants in ihre Nähe kamen.

In einer Ecke dieses Zimmers war das Telephon und klingelte plötzlich

los. Von den dienstbaren Geistern war niemand in der Nähe. Dorle, die

Jüngste, lief selbst an den Apparat. Sie war ein resoluter kleiner

Kerl -- rund, blond und mollig, in ihrem rosa Fähnchen, einer Art

Kimono mit viereckigem Halsausschnitt und kurzen Ärmeln. Sie horchte

und schrie dann plötzlich: »Hurra ... Mama, komm mal her -- sie

telephonieren aus dem Kasino ...: Papa hat den Roten Adler dritter

Güte gekriegt!«

»Dorle ... was ist das wieder für ein burschikoser Ausdruck ... Du

bist doch Braut ...« Ihre Mutter kam nicht weiter. Sie mußte die

Glückwünsche der Damen in Empfang nehmen. Die Kleine kümmerte sich

auch nicht viel um den Wischer. Sie lauschte wieder am Hörrohr und

sagte dann mit erkünstelter Ruhe: »Du ... Maxe ...! ... Das betrifft

dich! Wie? Bitte? ... Ich hab' nicht recht verstanden ...«

Dabei drückte sie ihrer mittleren Schwester Maximiliane halb mit

Gewalt die Hörmuschel gegen das Ohr und stellte sich lauernd

seitwärts. Gleich darauf trat jene stumm, unwillig den Kopf in den

Nacken werfend, fast erschrocken einen Schritt zurück und hängte das

Rohr an den Haken, und Dorle Ottersleben verkündete triumphierend den

anderen: »Logow ist nämlich Hauptmann im Großen Generalstab geworden!

Höllendusel ... Was?«

Einige der jungen Mädchen lachten vielsagend. Ein paar, die der

Familie fremder waren, machten harmlose Gesichter, als wüßten sie von

nichts. Alle Blicke waren auf Maximiliane von Ottersleben gerichtet,

die anscheinend gleichgültig dastand. Sie war hoch und schlank wie

ihre älteste Schwester, die Schönheit. Sie ähnelte ihr auch. Sie war

ihr Gegenstück in Hellblond und mit blauen Augen. Aber neben deren

reifer, beinahe frauenhafter Blüte kam sie nicht recht zur Geltung.

Sie verblaßte, weil sie noch nicht voll entwickelt war. Sie war noch

zu mager aufgeschossen, in den plissierten Fältchen ihres hellblauen

Kleides. Ihr schmales Gesicht zeigte einen herben, unregelmäßigen

Reiz, so als hatten sich ihre Züge noch nicht zu ihrem eigentlichen

Ausdruck zusammengefunden und belebt. Sie war zweiundzwanzig. Aber

sie sah jünger aus als Dorle, die Kleinste, die in ihrer Art schon

ganz mit dem Leben und für das Leben fertig war. Sie blickte auf die

lachenden, rotbäckigen Mädchengesichter um sie her, und ihre Wangen

zeigten keine Spur einer verräterischen Färbung, während sie frostig

sagte: »Was wollt ihr denn eigentlich? Was geht denn das bloß mich an,

möcht' ich nur wissen!«

Dabei zuckte sie verächtlich die Achseln in einer instinktiven Scheu,

daß man ihr zu nahe treten könne. Die Mädchen schwiegen und tauschten

vielsagende Blicke, und Dorle rang die Hände.

»Nun tut sie doch, weiß Gott, als ob sie aus dem Mond käme!«

Dann verstummte auch sie, auf einen strengen Blick ihrer Mutter,

die sich eilig nach dem Salon zuwandte. Die älteren Damen wollten

sich verabschieden. Die übrigen folgten ihrem Beispiel. Es gab ein

Stimmengewirr auf Flur und Treppe, ein Mäntelsuchen und Wagenholen.

Dienstmädchen und Burschen liefen auf und ab. Das ganze Haus war in

Bewegung.

Und unterdessen lag Maxe von Ottersleben einsam in ihrem stillen

dunklen Mädchenstübchen vor ihrem Bett auf den Knien und preßte die

Stirne in das kühle Leinen. Das Fenster ihres Kämmerchens stand trotz

der Kälte offen. Es ging auf eine kleine Hintergasse hinaus. Die lag

leer und schwarz. Über ihr flimmerten durch die vom Schneetreiben

geklärte Luft winterhell die Sterne. Unten schlürften Soldaten

vorbei. Zwei, drei. Sie hielten sich bierselig untergefaßt und sangen

halblaut, klagend, langgezogen:

»Was nützet mi--i--ich ein schöner Ga--a--arten,

Wenn Andre drin spazieren gehen?

Und pflücken mir die Blümlein ab ...«

Sie bogen um die Ecke. Es verhallte in der Ferne:

»... und pflücken mir die Blümlein ab ...«

Maximiliane hatte sich erhoben. Sie trat an das Fenster. Sie hielt die

Hände verschlungen. Ihr blasses Antlitz trug einen andächtigen Schein.

Sie blickte zu der schweigenden Sternenpracht hinauf. Sie betete stumm

im Herzen. »Er kommt weg von hier! Jetzt muß es sich entscheiden ...

Das Warten hat ein Ende! Vater im Himmel! Gib mir den Mann, den ich

liebe! Laß ihn nicht von mir gehen! Führ' ihn zu mir! Er wird nie

wieder eine Frau finden, die ihn so liebt wie ich. Ich lieb' ihn, seit

ich ihn gesehen hab'! ... Ich werde nie einen anderen lieben! ... Mein

Leben ist er! ... Gib, daß auch ich sein Leben werde ... Ich bitte

dich, Vater im Himmel ...«

Es klopfte an ihre verriegelte Tür. Sie hörte die Stimme ihrer Mutter:

»Maxe ... wo steckst du denn?«

Sie öffnete und stand ruhig im Licht des Flurs auf der Schwelle. So

sagte sie in der schroffen und launischen Art, die sie oft den Ihrigen

gegenüber hatte: »Herrgott, Mama ... kann man denn keinen Augenblick

allein sein?«

»Papa ist eben gekommen! ... Wir freuen uns alle so über den Orden! Du

allein bist wieder Gott weiß wo!«

»Ich komm' gleich hinüber!« sagte das junge Mädchen und schloß die

Tür. Und Frau von Ottersleben kehrte zu ihrem Mann zurück.

Der hatte es sich im Salon in einem Fauteuil bequem gemacht und

behaglich die Beine ausgestreckt. Es war niemand außer ihm und seiner

Frau da. Er gähnte verstohlen hinter der vorgehaltenen Hand. Er war

ein bißchen müde. Kaisers Geburtstag war ein anstrengender Tag.

Gottesdienst, Regimentsappell, Mannschaftsessen in der Kaserne mit

Schweinebraten, Klößen und Backpflaumen und leutseligen Fragen des

Regimentskommandeurs auf seinem Rundgang von Stube zu Stube, dann das

Liebesmahl im Kasino, nun noch abends die Kompaniefeste, in die er als

gewissenhafter Vorgesetzter auch noch im Vorübergehen hineinschauen

wollte -- er hatte trotz des Roten Adlerordens auf einmal wieder die

Stimmung: Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter! und fing sein

altes Thema an: ein, zwei Jahre ginge es noch mit dem Reiten, aber

dann ... vor der Brigade ... Frau von Ottersleben unterbrach ihn. Sie

saß ihm aufrecht gegenüber und sah ihn prüfend an.

»Thilo ...«

»Ja, Mallchen?«

»Wie denkst du dir denn nun, daß das mit Logow wird?«

Ihr Gatte machte eine ungeduldige Bewegung.

»Meine Beste ... ich stecke nicht in seiner Haut! Der Mensch ist

zugeknöpft bis unters Kinn! Ich weiß nicht, was er vorhat!«

»Aber nachdem er nun die längste Zeit wie das Kind im Hause hier

verkehrt hat ...«

Der Oberst erhob sich und schloß die vier mittleren Knöpfe seines

Waffenrocks, die er der Behaglichkeit halber geöffnet hatte. Er sah

auf die Uhr.

»Ich habe hier kein Heiratsvermittlungsinstitut!« versetzte er

ärgerlich. »Ich hab' den Logow in meine Nähe gezogen, weil er weitaus

der befähigtste Offizier des Regiments ist -- überhaupt einer der

befähigtsten Menschen, die mir in meiner fünfunddreißigjährigen

Dienstzeit vorgekommen sind. Solche Elemente zu fördern, ist meine

verdammte Pflicht und Schuldigkeit als Oberst!«

»Thilo ... du bist nicht nur Oberst! ...« sagte Frau von Ottersleben

in ihrer leidenden Bestimmtheit. »Du bist auch Vater und weißt so

gut wie ich, daß es ein Geschenk des Himmels ist, daß unsere Töchter

heiratsfähig sind, solange wir gerade das Regiment haben. Aber diese

Zeit muß man nutzen!«

Ihr Mann zuckte die Achseln. Er war allerdings zu sehr Familienhaupt,

mit wenig Vermögen und fünf Kindern, um sich dieser Erwägung zu

verschließen. Dann wurde er gereizt: »Ich kann den Logow doch nicht am

Kragen heranholen! Ich denke mir ja natürlich mein Teil und ich nehme

an, er auch. Aber verpflichtet ist er zu nichts! Daß die Maxe bis über

die Ohren in ihn verschossen ist ... das scheint ja klar, soweit man

aus ihrer Verschlossenheit klug wird. Von da bis zu einer Aussprache

ist es noch ein weiter Schritt. Den kann nur er tun. Und hat ihn,

glaub' ich, noch nicht getan!«

»Nein. Ganz gewiß nicht! Das würde ich bei der Maxe gemerkt haben. Er

hält sich merkwürdig zurück.«

»Weil er bisher nur seinen Generalstab im Kopf hatte -- ehrgeizig wie

er ist! ... Jetzt werden wir ja sehen. Das müssen wir alles ruhig den

nächsten Tagen und dem lieben Herrgott überlassen! ... Mische nur du

dich nicht hinein. Damit verdirbst du alles! Und nun komm -- gib mir

'nen Kuß! Wir wollen uns zu Kaisers Geburtstag nicht zanken! ... Ach

... da sind Sie ja, lieber Rudicke! Zu Hause alles wohl gefunden? Na

-- dann kommen Sie! ... Vorwärts ins Vergnügen! ... Ich bring' heut

Flöhe mit nach Hause, Mallchen! Das geht nicht anders!«

Die Kompaniefeste wurden an verschiedenen Stellen der Stadt

in Wirtschaften und Brauereien gefeiert. Der Oberst und sein

Adjutant betraten zuerst durch einen halbdunklen, schmutzigen, mit

Schneewasserpfützen erfüllten Hof den Saal zur ›Krone‹. Drinnen

war es gedrängt voll -- Musketiere, Dienstmädchen, Ladnerinnen,

Unteroffiziere, Bürgertöchter durcheinander, ein Gelächter und

Gekreisch, rote Gesichter, Menschengeruch, Bierdunst, Tabakqualm.

Am anderen Ende das Gefiedel der Musik, hinten das Podium für die

große Gala-Elite-Vorstellung der dritten Kompanie, die der jüngste

Leutnant seit Wochen eingeübt: Erst ein lebendes Bild -- die Büste

des Kaisers, davor der Einjährige Korn in einem weißen Frisiermantel

seiner Schwester, in Blechrüstzeug aus der Büchsenmacherwerkstatt

und in einer strohblonden Perücke als Germania, dann ein Schwank der

anderen Einjährigen: ›Ein Viertelstündchen auf der Wache‹ -- weiter

dann das Auftreten des Kompaniekomikers, eines Berliner Jungen, als

Coupletsänger. Jetzt eben die große Produktion der Akrobatengruppe

Hopserini, neun Mann hoch, in etwas verschwitzten, von einem

Athletenklub ausgeborgten Trikots. In drei Gliedern übereinander

stehend bildeten sie eine Pyramide -- tosender Jubel scholl unten --

zwischendurch eine schneidende hohe Kommandostimme: »Famos, Jungens!

Das müßt ihr uns noch mal vormachen! ... Ganz famos!«

Ein hochgewachsener, überschlanker Offizier stand da, die Hände in

den Paletottaschen, die Mütze ein bißchen schief auf dem linken Ohr,

darunter kurzes, hellblondes Haar. Man hätte ihn von hinten für einen

Leutnant halten können. Aber als er sich jetzt umwandte, leuchteten

die breiten, scharlachroten Klappen des Generals auf seinem Mantel,

und aus dem mit goldenem Lorbeer und Eichenlaub gestickten Halskragen

hingen die hohen Orden zweiter Klasse eines Würdenträgers der Armee.

Er lachte verwegen unter seinem kurzgeschnittenen blonden Schnurrbart,

seine feurigen blauen Augen, die ein kaum merklicher Kranz ganz feiner

Fältchen umrahmte, lachten mit. Er wies auf die Truppe: »Schauen Sie

sich mal Ihre Jungens an, Herr Oberst! ... Fix wie die Deibels! ...

Kinder, ihr könnt euch noch im Zirkus Renz euer Brot verdienen! Bravo!

Bravo!«

Er klatschte lebhaft in die Hände und schenkte den atemlos mit dem

kleinen Finger an der Trikotnaht vor ihm stillstehenden Künstlern

erst jedem eine Zigarre, dann allen zusammen ein Zehnmarkstück. Die

Akrobaten strahlten, die Kompanie strahlte, die Dienstmädchen und

Ladenfräulein strahlten mit. Der Generalmajor Olaf von Glümke war

überall in seiner Dienstzeit der Abgott der Mannschaft gewesen,

in Berlin, wo er einen großen Teil seiner Laufbahn in der Garde

verbracht, wie jetzt als Brigadekommandeur in der Provinz, obwohl er

als solcher kaum mit den Leuten in Berührung kam. Aber er gehörte zu

ihnen. Es ging ein Fluidum von ihm aus. Er stand so selbstverständlich

da, zwischen den Musketieren und ihren Schätzen, als könnte das Fest

der dritten Kompanie ohne ihn gar nicht stattfinden.

»Da ist doch noch Leben!« sagte er befriedigt zu dem Oberst, seinem

Untergebenen. »Leben gehört in die Bude! ... Das andere findet sich

dann von selbst.«

»Es freut mich, daß Herr General mit dem Geist der Leute zufrieden

sind!« erwiderte Herr von Ottersleben, halb dienstlich. ~Sein~

Grundsatz war: Schießen -- schießen und wieder schießen! Sie waren

beide ausgezeichnete Soldaten, jeder in seiner Art. Sie zogen an zwei

verschiedenen Strängen. Herr von Glümke lachte.

»Hier hör' ich doch wenigstens nichts mehr vom Zukunftskrieg mit

Rußland!« sagte er vertraulich. »Den halben Abend hat die Generalität

im ›König von Preußen‹ das Problem gelöst. Aber an Kaisers Geburtstag

ist mir's wurscht, wann die Rokitnosümpfe zufrieren! Da will ich

Mensch sein! ... Puh ... stinkt das hier! ... Adieu, Kinder! ...

Tanzt feste! ... Adieu! Adieu!«

Er wandte sich an den Regimentskommandeur, der ihn bis zum Saalausgang

begleitete: »Sie haben's gut, lieber Ottersleben! Sie kehren von dem

Volksfest hier heim zu Weib und Kind! Ich armer Junggeselle muß mir

nu eigenhändig im Stall meinen Gaul satteln und noch ein Stündchen

spazieren traben!«

General von Glümke stammte aus der Infanterie. Aber er war immer

Adjutant und leidenschaftlich im Sattel gewesen. Er ritt stets nur

fünf- und sechsjährige Pferde, ausgezeichnet, aber mehr noch keck als

kunstvoll. Solch ein Galopp im Mondschein über den Schnee war bei ihm

nichts Ungewöhnliches. Es war immer, als hätte er eine Sprungfeder im

Leib -- so elastisch eilte er auch jetzt mit langen Schritten wie ein

ganz junger Offizier die Straße hinab. Oberst von Ottersleben sah ihm

schweigend nach. Fast mit einem leisen Neid. Der dort drüben jagte auf

halbrohen Gäulen über Stock und Stein. Und er ... ja, er hatte nun

einmal seinen Knacks beim Reiten ...

»Kommen Sie, Rudicke!« sagte er halb seufzend zu seinem Begleiter.

»Wir wollen nun auch weiter!«

Es war immer dasselbe Bild -- drei-, viermal hintereinander. Als sie

in den Saal der fünften Kompanie traten, hatte man eben angefangen

zu tanzen. Der kleine stämmige Hauptmann Neugereuth eröffnete die

Ehrenrunde mit der Feldwebelin, Frau Neugereuth mit deren Mann, der

streng dienstlich und ernst, der hohen Auszeichnung sich bewußt,

seinen blütenweißen Handschuh Nummer achteinhalb um ihre schlanke

Taille legte, die Leutnants walzten, mit wem es ihnen gerade gefiel.

Die Musketiere, die untereinander eifersüchtig waren wie die Tiger,

strahlten vor Genugtuung, wenn einer der Herren ihre errötende

Sonntagnachmittagbekanntschaft zum Tanz aufforderte. Auch Erich von

Logow war da und tanzte mit seiner gewohnten gelassenen Ruhe, erst

mit der Frau des Vizefeldwebels, dann mit der eines Sergeanten, und

schwatzte dabei mit ihnen Unsinn, daß sie beide laut lachen mußten.

Ihm war das heute Dienst und Pflicht, wie morgen irgend etwas anderes.

Sein Oberst hatte ihn beobachtet und scherzte, als jener glücklich

die rundliche Sergeantengattin wieder vor ihrem Stuhl gelandet: »Na

-- noch so eifrig, Hauptmann von Logow? Sie hätten es eigentlich gar

nicht mehr nötig! Sie gehören ja nicht mehr zu uns!«

»So rasch fühle ich mich dem Regiment nicht fremd, Herr Oberst!«

»Das wollen wir hoffen! ... Am ersten Februar melden Sie sich wohl in

Berlin?«

»Zu Befehl, Herr Oberst!«

»Grüßen Sie mir dort, wen Sie an Bekannten sehen! ... Und ...« Herr

von Ottersleben wollte fortfahren: ›Lassen Sie einmal etwas von

sich hören!‹ aber er brachte es nicht heraus. Er dachte an das, was

er vorhin seiner Frau gesagt. Er wollte um keinen Preis dem jungen

Mann da vor ihm irgendeinen Wink zukommen lassen, daß er ihm als

Schwiegersohn willkommen war. Er vergab seiner Würde nichts.

Aber sonderbar: Erich von Logow wurde plötzlich rot. Man sah es ganz

deutlich -- unter den Schläfenhaaren -- auf den Wangen. Er stockte

und sagte dann unsicher: »Ich möchte Herrn Oberst gern etwas fragen

...«

»Bitte!«

»Nein. Nicht hier!« Der junge Hauptmann hatte etwas in der Kehle.

Er schluckte es hinunter und fuhr entschlossener fort: »Würden Herr

Oberst die Güte haben, mir eine Stunde zu bestimmen, wo ich Herrn

Oberst in einer für mich sehr wichtigen Angelegenheit -- ich darf wohl

sagen, der wichtigsten, die es für mich gibt -- in seiner Wohnung

sprechen kann?«

Das entscheidende Wort war gefallen. Das war die Ankündigung der

Werbung. Die beiden Männer blickten sich einen Augenblick stumm an.

Dem Oberst von Ottersleben fiel ein Stein vom Herzen. Aber er ließ

sich nichts merken.

»Ich stehe gern zur Verfügung, lieber Logow!« versetzte er. »Also ...

Dienst haben Sie ja nicht mehr ... Paßt es Ihnen morgen um zwölf?«

»Zu Befehl!«

»Na -- dann auf Wiedersehen!«

»Gute Nacht, Herr Oberst! Bitte gehorsamst, mich den Damen zu

empfehlen!«

Es war ein eigener kräftiger Händedruck, mit dem sie sich trennten.

Erich von Logow konnte genug daraus entnehmen, um seiner Sache sicher

zu sein. Oberst von Ottersleben war sehr zerstreut, während er seinen

Rundgang durch den Rest der Kompanien fortsetzte. Er gab ein paarmal

ganz verkehrte Antworten auf Bemerkungen seines Adjutanten und eilte

sich, zu Ende zu kommen. In die zwölfte Kompanie schaute er nur eben

noch hinein, um die kleinen Füsiliere nicht zu kränken. Es drängte

ihn nach Hause, damit er dort seine Frau noch wach finden und ihr die

Neuigkeit noch mitteilen konnte. Und im Eintreten schon sagte er rasch

zu ihr: »Also -- die Geschichte ist in Ordnung! Morgen mittag kommt

Logow und hält an! Punktum! ... Schluß! ... Streusand drauf! Ich bin

doch recht froh, Mallchen!«

Um dieselbe Zeit verließ Erich von Logow das Kompaniefest. Langsam

schritt er die Straße entlang. Das Schrillen der Tanzmusik, das

Stampfen der Kommißstiefel auf den Dielen, das Gequieke der Mädchen

klang ihm noch im Ohr. Er atmete tief die kalte Nachtluft ein. Es

war ihm noch wie ein Traum, und kam ihm erst jetzt wieder recht zum

Bewußtsein, was ihm drinnen, in Staub, Hitze, Schweiß und Tabakdunst

wie durch einen Nebel in die Ferne gerückt erschienen: daß er, der

da ging, nun Hauptmann im Großen Generalstab war. Er kam sich selber

fremd vor. Er hatte eine ungläubige Achtung vor sich. Er war mit sich

zufrieden. Er hielt die Lippen zusammengepreßt und sah vor sich hin,

starr in die Nacht hinaus. Das Heute war nur der Anfang. Die erste

Sprosse der Leiter. Nun vorwärts! Immer höher empor ... immer höher ...

Er war zu erregt, um schon schlafen zu gehen. Er stand auf dem

großen Marktplatz. Überall waren noch Leute, lachten unter den

Laternen, sangen, lärmten auf dem Heimweg. Heute war Freinacht. Die

Schutzleute sahen und hörten keine Ruhestörung. Zur Linken schimmerten

hohe helle Scheiben. Im Bierhaus zur ›Klause‹, in das der junge

Hauptmann eintrat, saß alles gedrängt voll von den Honoratioren der

Kaisergeburtstagsfeier, wie sie nach Schluß ihrer offiziellen Feste

hier wahllos durcheinandergeraten waren: Herren von der Regierung in

Dreispitz, Frack und Degen, ein Tisch voll Landadel aus der Umgegend

in Attila, Koller und Litewka der Reserve, mit Schmissen bedeckte,

bändergeschmückte alte Herren des hohen Kösener <f>S. C.</f>, rote

Infanterie-, schwarze Artilleriekragen, blaue Dragonerröcke der

Garnison. Heute stellte man sich einander nicht vor. Es gab keine

preußische Förmlichkeit. Man redete sich einfach an. Man rückte

zusammen. Es war wie auf einem Volksfest. Logow ging, einen Platz

suchend, durch die Tabakwolken des Mittelgangs. Da rief ihn von einem

Seitentisch der lange trübe Oberleutnant Eiser an: »Logow ... Logow

... zum Donnerwetter ... Hören Sie denn nicht? ... Setzen Sie sich mal

daher ...«

Dann besann er sich, daß der bisherige Kamerad jetzt Vorgesetzter war,

und verbesserte sich: »Verzeihung: wollen Herr Hauptmann vielleicht

hier Platz nehmen?«

Logow lachte und zog sich einen Stuhl heran. Der gute Eiser litt an

der Oberleutnantsmelancholie. Er saß wie eine Trauerweide da, die

Stirne auf die Hand gestützt, in menschenfeindlicher Alkoholstimmung,

und fing sofort an zu klagen. Vierzehn Jahre war man nun bei dem

Krempel. Und immer dieselbe Geschichte! Und wenn man nun glücklich

seine Kompanie bekam -- was hieß das: wieder zehn Jahre Kommiß! Denn

er, der Oberleutnant Eiser, war nun einmal ein armer Frontproletarier

und blieb es ...

Und während Erich von Logow die Klagen des guten Kerls anhörte, der

alles, nur kein Kirchenlicht war, der keine glänzende Erscheinung

besaß, der keinen alten Namen sein Eigen nannte und nicht genug

Vermögen, um zu heiraten, der seine Laufbahn aller menschlichen

Voraussicht nach an der Majorsecke beschloß, um dann still in das

Dunkel des a. D. hinüberzugleiten, da fühlte er, so grausam es ihm

selbst vorkam, in sich einen stählernen Stolz, ein Machtbewußtsein

vor dem Schicksal, das ihm, vor tausend anderen, so viel gegeben:

den sehnigen Körper, den uralten Adel, genügend Geld für häusliches

Glück und vor sich Laufbahn im großen Stil. Und in ihm brannte eine

Ungeduld, alles zu fassen ... alles zu erraffen ... sich alles

untertan zu machen im Leben ...

Sie hatten gezahlt und waren auf den Platz hinausgetreten. Im

Scheine einer Laterne saß da der Zahlmeister Brauske mitten auf

dem Bürgersteig, lächelte selig und zufrieden und antwortete dem

Oberstleutnant Wahrmund, der sich, auf seinen Säbel gestützt, über ihn

beugte: »Ich habe mich hier niedergelassen, Herr Oberstleutnant!«

Der Stabsoffizier stellte den dürftigen kleinen Mann mit Logows Hilfe

auf die Beine und klopfte ihm den Schnee von der Sitzfläche und sagte

dann im Fortgehen zu dem frischgebackenen Hauptmann: »Na, Sie Moltke

der Jüngere ... Werden Sie nur nicht zu gescheit in Berlin!«

Du Schwert an meiner Linken · 第 1 / 27 段