sie beseitigen die moralischen Uebel wie der Bader einen Leichdorn. Wie
Roswitha fest davon überzeugt war, daß ihre Mutter ihr das Lutschen
auf dem Daumen »schon abgewöhnen« werde, so ist sie tief davon
durchdrungen, daß ihre Kaninchen die Unart des Erdwühlens ablegen
werden, wenn sie ihnen ermahnend zuruft: »Ihr dürft aber nicht wühlen!«
Daß Roswitha bei aller Einfachheit ihrer sittlichen Begriffe in
gehobenen Stunden gemeinsam mit Rudi das Räuberhandwerk betreibt
und alles, was durch den Garten kommt, »überfällt«, »fesselt« und
»beraubt«, mit besonderer Vorliebe mich, weil ich so viel in den
Taschen trage, das kann in einem Irrgarten nicht wundernehmen.
Verwunderlicher ist schon, daß an der Innenwand der Räuberhütte,
in der ich schon viele Jahre als Gefangener geschmachtet habe, ein
Abreißkalender, ein Thermometer und ein Telephonbuch hangen.
Daß der Garten der Liebe für Roswitha noch im tiefsten Dunkel liegt,
ist selbstverständlich; aber selbst dieser kimmerischen Finsternis
entwachsen anmutige Blumen. Sie hatte öfters ein Kind in Begleitung
einer Bonne durch unsere Straße spazieren sehen. »Das Kind gehört Dr.
Melchers,« sagte Herta bei Gelegenheit.
»Nein, das Kind gehört dem Fräulein!« rief Roswitha energisch.
»Unsinn, Melchers gehört es,« wiederholte Herta, »ich weiß es doch!«
»Ach, was du schnackst!« rief Roswitha. »Dem +Fräulein+ gehört es! Das
Fräulein spielt doch immer mit ihm, nich? Un Melchers spielen nie mit
ihm.«
So verteidigte sie fanatisch das Mutterrecht des Fräuleins, worauf
dieses wahrscheinlich gar kein Gewicht legte.
So viel immerhin scheint Roswitha von der Liebe schon zu ahnen: daß
es nicht gut sei, wenn der Mensch allein ist. Man hatte ihr erzählt,
daß die Nonnen niemals einen Mann nehmen dürften. Das versetzte sie
in tiefes trauerndes Nachsinnen. Dann aber fuhr sie plötzlich auf und
rief: »Dürfen sie denn nicht +wenigstens+ die Mönche heiraten?«
Was die Mönche zu diesem »wenigstens« sagen werden, bleibt abzuwarten.
Nicht wesentlich anders stand es mit der zwölfjährigen Irene, als sie
uns erzählte: »Georg hat mir gesagt, er sieht kein andres Mädchen an
als mich.«
Das war von Georg deutlich genug; aber da Irene uns die Angelegenheit
ohne Umschweife und freiwillig mitteilte, so waren wir beruhigt.
Als sie einmal unversehens in die Küche geraten war und eines der
Dienstmädchen bei dieser Gelegenheit mit viel Empfindung Liebesbriefe
von seinem Sergeanten vorgelesen hatte, da waren wir beunruhigt. Aber
als sie uns dann erzählte: »Anna hat Liebesbriefe vorgelesen, das war
+sooo langweilig+!«, da waren wir wieder beruhigt.
Georg wurde übrigens zum Kaffee eingeladen, erschien ohne jegliche
Befangenheit, aß mit derselben Unbefangenheit unglaublich viel Kuchen
und spielte dann mit Erasmus und den Mädchen Indianer in einem sehr
komischen Kostüm. Er dachte offenbar noch nicht ans Heiraten, sonst
hätte er kein komisches Kostüm angelegt. Er war in dem Alter, da
man raucht, spielt und liebt, weil es die Erwachsenen tun; er war
Toggenburg aus Nachahmung. Nachahmung ist fast alles kindliche Tun und
Treiben; aber von einem gewissen Alter ab ahmt man nur nach oben nach.
Bei Erasmus und seinen Genossen ging das so weit, daß sie nicht nur
Theater spielten (den »Faust« natürlich), sondern sich auch in einer
handschriftlichen Zeitung gegenseitig rezensierten. Da hieß es denn:
»Der junge Künstler erschöpfte seine Aufgabe leider nicht restlos«
oder »Der fleißige Darsteller möge sich nur nicht durch den wohlfeilen
Beifall der Galerie zu Unnatürlichkeiten verleiten lassen« usw.
Wir lasen diese Blätter mit ernster Anteilnahme und lachten nicht;
denn es ist etwas Heiliges an solcher Kindheit, daß sie keine Ahnung
von ihrer Komik hat. Und doch waren diese »Künstler« so komisch wie
Roswitha, als sie Maurer spielte und sich dazu eine Kelle geben ließ
und eine Blechflasche, über die Schulter zu hängen, und eine Dose mit
Kautabak, und fleißig in Lehm und Schlamm arbeitete und dabei doch ein
rosa Kleidchen mit +Spitzenmanschetten+ trug.
Ja, sie wollen es gar zu gern den Erwachsenen gleichtun, freilich
weniger in dem, was unangenehm und schwierig, als in dem, was angenehm
und lieblich ist. Ein kleines Mädel aus befreundeter Familie fragte
seine Mutter: »Mama, wann kann ich eigentlich tun, was ich will?«
»Ja,« lachte die Mutter, »damit hat's noch gute Weile. Warum willst
du's denn wissen?«
»Ach, dann will ich mir die Haare brennen,« versetzte das kleine Weib.
Aber sie +wollen+ nicht nur erwachsen sein, sie +werden+ es allmählich
auch. Sie werden klüger, sie erwachen; Strahl um Strahl dringt Licht
in den großen Irrgarten, und das zu beobachten ist ein fürstliches
Gaudium, wenn auch oft ein wehmütiges. Der erwachende Intellekt zeigt
sich gewöhnlich zuerst als Schlauheit, und wenn er sich bei jenem
kleinen Mädel auf die Haare warf, so wirft er sich bei andern Kindern
-- und öfter -- auf den Gaumen.
»Mama, +zählt+ ihr eigentlich das Konfekt, wenn ihr es in den
Tannenbaum hängt?« fragte ein kleines Mädchen seine Mutter. Das war ja
nun noch eine ziemlich ungenügende Leistung in der Schlauheit; aber sie
bringen es mit der Zeit schon weiter.
Bei Roswitha -- das muß ich ihr nachsagen -- beleuchtet das
eindringende Licht gewöhnlich größere Flächen und verbreitert sich zur
Philosophie.
»Leibweh is eignlich sehr schön,« meinte sie schon mit sechs Jahren,
»denn bespart man sich seine Schokolade auf, un denn hat man nachher
noch welche.« Das sind die Anfänge einer optimistischen Weltanschauung,
die doch eigentlich darauf hinausläuft, daß man auch an Leib-, Kopf-
und Zahnweh das »Schöne« herausfindet. (Bei Zahnweh hält es schwer;
aber es geht auch.)
»Teufel, komm un hol sie!« rief sie einmal, als sie über eine
streitsüchtige Spielgefährtin heftig erbost war, und dann setzte sie
resignierten Tones hinzu: »Schade, daß es keinen Teufel gibt.«
Ihre Philosophie ist also freilich noch die Tochter der Wünsche; aber
immerhin philosophiert sie schon wie Voltaire, der behauptete, wenn
es keinen Gott gäbe, so müßte man ihn erfinden, und, wenn man's genau
nimmt, auch wie Kant, der den lieben Gott absetzte, um ihn wieder
einzusetzen.
Ja, sie hatte schon verhältnismäßig früh sozusagen ethische Anfälle. An
einem schönen Ostermorgen hatte sie mit bemerkenswerter Findigkeit die
meisten Ostereier, selbst in raffinierten Verstecken, gefunden; aber
statt sich nun wild in den Genuß zu stürzen, sagte sie: »Bitte, Mammi,
bitte, Pappi, versteckt sie noch einmal; ich mag sie so gern suchen.«
Hier überwog also schon die Lust des Erringens das Gelüste des Gaumens.
Natürlich nicht für den ganzen Tag.
Ihr Gehirn war damals überhaupt schon mächtig an der Arbeit. »Ich
möcht', daß ich mal recht viel Zeit hätte!« seufzte sie eines Tages.
»Nanu?« rief ich verwundert. Mehr als vierundzwanzig Stunden am Tage
kann man doch nicht gut Zeit haben. »Wozu denn?« fragte ich.
»Denn möcht' ich mal so recht über +alles nachdenken+!« Sie sagte es
langsam, nachdrücklich und sehnsuchtsvoll. Die Welt, das Leben drang
in allzu reicher Fülle auf sie ein; sie konnte nicht alles bewältigen;
da war so viel, das sie nicht begriff. Es schien eine richtige Sorge
in ihr zu sein. O ja, Kinder haben auch manchmal Sorgen, und sie nagen
genau so scharf an ihnen wie an uns. Roswitha drängte einmal ihre
Mutter, sie möchte ihr doch Unterricht geben.
»Oh, das hat noch Zeit,« meinte die Mutter.
»Aber wie soll ich denn durch die Welt kommen!« rief die Kleine
bekümmert.
Sie tanzen sorglos über Abgründe dahin und machen sich Sorgen um den
Schatten eines Halmes. Aber es sind Sorgen. Kindereien sind für sie
nicht Kindereien. Ich überraschte einmal einen vortrefflichen Mann und
berühmten Gelehrten dabei, wie er den Tannenbaum für die Seinen putzte
und dabei fortwährend hockend und kniend um den Baum herumrutschte.
»Warum machen Sie denn das?« rief ich erstaunt.
»Ja,« sagte er, »man muß bedenken, daß die Kleinen den Tannenbaum von
unten sehen; man muß ihn aus der Perspektive der Kinder schmücken.«
So müssen wir Sorgen und Freuden, Tränen und Lachen der Kleinen aus der
Kinderperspektive betrachten.
Wenn man das tut, wird man freilich zu Zeiten heftig überrascht von
einem wahrhaft hellseherischen Blick der Kinder in das Leben der
Erwachsenen. Roswitha will später einen gewissen »Kurt« heiraten, das
steht fest. Sie werden dann in unserm Hause wohnen, und zwar hat die
junge Frau die besseren, unteren Zimmer -- das muß man ihr lassen --
ihren Eltern, die oberen, geringeren sich und ihrem Manne zugedacht.
»Aber weißt du denn schon, ob dein Mann seine Schwiegereltern bei sich
haben will?« fragte meine Frau.
»Hach!« rief Roswitha mit unbekümmertem Lachen, »das werd' ich ihm
schon so lange vorpredigen, bis er ja sagt.«
Ist diese Kenntnis von der Macht der weiblichen Rede nicht verblüffend?
Oder ist das nichts als weiblicher Instinkt?
Und voll, gepfropft voll von rührenden und komischen Wundern ist dann
die Zeit, da die Klarheit so weit vorgeschritten ist, daß Bewußtheit
und Unbewußtheit das Gleichgewicht suchen und das Zünglein an der Wage
unaufhörlich schwankt, die Zeit, da Leib und Seele die Stimme wechseln.
Dann wollen sie beides sein, Kind und Weib, Junge und Mann. Dann sind
zwei Seelen, ach, in ihrer Brust:
»Die eine hält mit derber Liebeslust
Sich noch ans Spiel mit klammernden Organen;
Die andre hebt +gewaltsam+ sich vom Duft
Zu den Gefilden hoher --«
ach, so zweifelhaft »hoher« -- »Ahnen.« Dann will die vierzehnjährige
Roswitha noch in einem höchst primitiven Indianerkostüm als
Chingachgook im Garten umherspringen (»Das kann ich doch noch ruhig
spielen, nicht, Mutter?«), um zwei Minuten später mit Entrüstung
zu rufen: »Ich bin doch kein Kind mehr!« Dann benimmt sich der
Faust-Darsteller und Hamburger Dramaturg Erasmus noch wie ein rechter
Tertianer. Nicht im Wachen, o nein, da hält er die Ohren steif als
Grand-Seigneur, aber im Schlaf. Er redet nämlich aus dem Traum und
führt den Dialog weiter, wenn man ihm antwortet. Die Tür zu seinem
Schlafzimmer stand offen, als ich vorüberging, und ich hörte ihn laut
rufen. »Nanu!« rief er.
»Was ist denn?« fragte ich.
+Er+ (noch lauter und schwer entrüstet): »Nanu!!«
+Ich+: »Was gibt's denn?«
+Er+: »Es läutet ja gar nicht!!«
+Ich+: »Warum soll es denn läuten?«
+Er+: »Ist doch schon Elf!!!«
Aha! Jetzt begriff ich. Er saß in der Schule, und die Lateinstunde
wollte nicht rechtzeitig schließen. Daß so eine Lateinstunde anfängt,
ist schon eine Gemeinheit von ihr; aber nicht rechtzeitig zu schließen
-- da kocht die Jünglingsseele. Im Schlafe war Lessing-Faust eben noch
Pennäler.
In solcher Dämmerung der Seele, in solch ambrosischer Nacht war's, daß
Irene, die Selektanerin, die Fast-schon-Seminaristin, mit seltsamen
Augen auf das Wunderknäul starrte, das ihre jüngste Schwester zum
Geburtstage erhielt. Meine Frau sah diesen Blick, und als sie Irenen
bald darauf ebenfalls ein Wunderknäul schenkte, da lag Irenen nichts
ferner als Würde und Entrüstung und nichts näher als Freude und Lachen.
Solch ein Wunderknäul ist ein Garnknäul, das einen ganzen
Nibelungenhort von Ringen, Ketten, Seidenbändern, Schokolade usw. usw.
in sich birgt. Wenn die Mädel nun bei fortschreitender Arbeit das Garn
abwickeln, so kommen nacheinander alle diese Kostbarkeiten zutage. Da
gibt es viele Ahs! und Ohs!, viel Staunen und Lachen.
Die Kindheit ist solch ein Wunderknäul. Eigentlich ist das ganze Leben
solch ein Wunderknäul; aber dann sind auch andere Sachen darin. Und ein
Glück ist es, der Abwickelung solch eines kindlichen Wunderknäuls mit
offenen Augen zuzuschauen.
Das unsere ist diesmal zu Ende; an seinem Faden sind wir an einen
Ausgang des großen flimmerdunklen Irrgartens gelangt --
-- und treten nun wieder hinaus ins helle Licht, ins grelle Licht des
Tages.
Im Seebade
Fragt eine Hausfrau, was es heißt: eine fünfwöchige Badereise für
sieben Menschen vorzubereiten! Eine Art Moltke muß sie sein, der bis
auf den letzten Knopf und Kragen einen Feldzug organisiert.
Aber alle Sorgen, Berechnungen und Aufregungen solch einer Hausfrau um
Koffer und Kasten sind nichts gegen Hertas Aufregungen um ihren neuen
Puppenkoffer. Ihr müßt bedenken, es ist kein gewöhnlicher Puppenkoffer.
Er hat Abteilungen für Hüte, Leibwäsche, Kleider, Toilettengegenstände
usw. usw. und ist beinah so groß wie ein kleiner Menschenkoffer.
Dieser Koffer ist ihr die Badereise; ohne ihn wäre die Badereise ein
Garten ohne Pflanzen, eine Armee ohne Soldaten, ein Beefsteak ohne
Fleisch. Es ist der Sinn der Badereise, daß man einen Koffer mitnehmen
kann. Ich machte mir einen Scherz und sagte mit ernstem Gesicht:
»Dein Puppenkoffer muß zu Hause bleiben; wir haben schon viel zu viel
Gepäck.«
Da schaute aus Hertas braunen Augen ein vernichtetes Lebensglück. Das
konnte ich keine drei Sekunden mit ansehen, und schnell sagt' ich: »Ja,
ja, du darfst ihn mitnehmen.«
Da war das Lebensglück wieder wie neu.
Alle fünf großen Koffer machen meiner Frau nicht so viel Kopfzerbrechen
wie Hertas Puppenkoffer. Sie mag im Erdgeschoß oder im ersten Stock,
im Keller oder auf dem Boden sein -- überall wird Herta wie aus der
Versenkung neben ihr auftauchen und sie über die Dispositionen in
ihrem Puppenkoffer um Rat fragen. Und dabei stellt sich leider ein
empfindlicher Mangel heraus. Auf Sylt ist die Witterung zuweilen rauh,
auch im Sommer, und Herta hat für ihre Puppen keine Winterkleider!
Da erklärt sich Irene bereit, ihr das Nötige zu leihen. Und da
schlägt Herta ihrer Schwester die Arme um den Hals und küßt sie,
und dann schaut sie sie an und sagt mit den Augen: Ich schwöre dir
unauslöschliche Dankbarkeit und ewige Liebe über das Grab hinaus.
Drei Tage darauf war's, daß Herta bei Tisch ein allgemeines Schweigen
durch den Ausruf unterbrach: »O Gott! Ich muß jeden Tag einmal sagen,
daß ich glücklich bin!«
In ihrer Mutter Hände legt Herta überhaupt alles, was sie betrifft,
ihr ganzes gegenwärtiges und künftiges Schicksal, auch die Wahl ihres
dereinstigen Gatten.
»Du suchst mir einen Mann aus, und dann sag' ich zu ihm: Du sollst mein
Verliebter sein.«
So denkt sie sich den Hergang. Ob er sich so einfach abspielen wird,
bleibt abzuwarten.
Was mich betrifft, so sind mir an der Badereise die Koffer nicht das
Liebste; das Meer z. B. ist mir wesentlich lieber. Denn am Meere werd'
ich faulenzen können! Sonst hab' ich zu dieser edlen Kunst kein Talent;
ein verlorener Tag -- wohlverstanden: nicht ein dem Vergnügen geweihter
Tag, nein: ein vertrödelter, zwecklos verbummelter Tag hinterläßt mir
einen schlimmeren Katzenjammer als sieben Glas Grog von schlechtem Rum
-- wenn ich sie trinken würde, meine ich --, aber am Meere kann ich
faulenzen. Das Meer wiegt alle Gedanken ein, auch die Gedanken, die
nicht schlafen wollen und nicht schlafen können, alle, alle; am Meere
glaub' ich an die Vorstellung der Wilden, daß die Seele den Körper
verlassen und sich auf eigene Hand ergehen könne.
Und ich reise diesmal mit um so größerem Behagen, als meine Tochter
Appelschnut mich über die Kosten vollständig beruhigt hat. Als wir
schon in der Eisenbahn saßen, sagte ich: »Ich glaube, ich habe mein
Portemonnaie vergessen.«
»Pappi, ich hab' Geld mitgenommen!« rief Appelschnut.
»Wie viel?«
»Fünfßehn Fennige!«
»Na also!« Zu allem Ueberfluß fand ich dann auch noch mein Portemonnaie.
Aber nicht nur ein Portemonnaie habe ich mitgenommen, sondern auch
Bücher. Ich beschränke mich darin und nehme selten mehr als ein
Dutzend Bücher mit, da ich schon zehnmal erfahren habe, daß ich nur
in vereinzelten Fällen eins davon zu Ende lese. Nachdem im Sand des
Ufers eine tiefe »Kuhle« ausgegraben -- so tief, wie es das Grundwasser
erlaubt -- und ringsherum ein hoher Burgwall mit Ausblick auf das Meer
aufgeworfen worden, bette ich mich so weich und warm wie möglich in die
Kuhle und nehme mein Buch zur Hand. Diesmal ist es ein dickleibiges
biologisches Werk über die Pflanzen und Tiere des Meeres. Ich befinde
mich auf der dritten Seite der Einleitung, als ich aus weiter Ferne
»Nuuu!« rufen höre. Ich lese weiter und höre gleich darauf lauter
und dringlicher »Nuuu!« Da fällt mir ein, daß ich ja eigentlich mit
meiner jüngsten Tochter Versteck spiele. In dieser Seeluft ist ein
berauschender, benebelnder Tau, der alle Vorsätze, Versprechungen,
Abmachungen, Hoffnungen und Befürchtungen in Traum und Dunst auflöst.
Ich grabe mich also aus und mache mich auf, meine Tochter zu suchen.
Ich sehe sofort ihren mächtigen roten Strandhut über einen Sandwall
schimmern; aber ich suche sie natürlich lange und unter verzweifelten
Ausrufen überall, wo sie nicht ist. Endlich »finde« ich sie: »Ach, da
bist du!« Sie kreischt vor Vergnügen wie ein Seeadler und fliegt mir an
den Hals. Auch von ihrem Munde kommt der Atem des Meeres.
Nun muß ich mich verstecken. Sie drückt beide Hände vor die Augen und
steckt den Kopf in den Sand, um nichts zu sehen. Ich nehme mein dickes
Buch und setze mich hinter einen Strandkorb. -- --
Ich befinde mich auf der vierten Seite oben, als sich zwischen mich und
das Buch ein roter Hut schiebt.
»Vater, du mußt doch ›Nu!‹ rufen!«
»Ach ja, wahrhaftig, entschuldige!«
In dieser Luft wird ein Cato zum Windhund, ein Regulus zum
Wortbrecher, und ein Picus von Mirandola verliert das Gedächtnis. Ich
sammle mich wieder auf, verstecke mich mit meinem Buch hinter der
Dünentreppe und rufe: »Nu!«
Ich bin auf der vierten Seite unten, als mir ein ganzer Mensch aufs
Buch fällt und schreit: »Haaaa! Nu hab' ich dich!«
»Nu muß du mich wieder suchen!« ruft sie und ist verschwunden wie ein
Hauch.
Man wird zugeben, daß dies nicht die Art ist, ein Dutzend Bücher zu
bewältigen, zumal wenn man nach siebenmaligem Rufen und Verstecken
mit Herta, der glücklichen Besitzerin des Puppenkoffers, »dritschern«
muß. »Dritschern« heißt: einen flachen Stein so auf den Wasserspiegel
werfen, daß er wiederholt abprallt, bevor er versinkt. Auch
»dritschern« fördert die Lektüre nicht; aber als Vater kann man sich
ihm nicht entziehen. Wie gut es ist, wenn man in der Jugend fleißig
gewesen, das sehe ich jetzt: ich »dritschere« noch ziemlich schön.
Aber Herta will es wie gewöhnlich im Anfang nicht gelingen, und daran
ist weniger ein Mangel an Geschicklichkeit als die Ueberfülle von
Kraft schuld, die sie an alles wendet. Wie Brunhilde im Wettkampf den
Felsblock schleudert, so wirft sie ihr Steinchen. Aber auch die stille,
die innere Kraft hat sie, und da gelingt es ihr schließlich doch, und
als es ihr gelungen, da lacht sie hell mit dem Mund und heller mit
den Augen, wirft mir die Arme um den Hals -- ich weiß nicht, ob es
Liebkosungen oder Schläge sind -- und küßt mich.
Herta, du siehst aus wie ein Symbol der Natur: Du küssest und
zermalmst, und alles mit lachenden, unschuldsvollen Augen!
Die ersten drei Jahre ihres Lebens war sie ununterbrochen krank, ein
trauriges Würmchen, die nagende Sorge der Mutter. Da gingen wir alle
eines Sommers in ein jütisches Fischerdorf an der Nordsee, und in
diesem Dorf waren drei Wochen lang heulender Sturm, peitschender Regen
und unentrinnbarer Dorschgeruch. Wir verwünschten das Dorf und reisten
nach Hause, und von Stund' an war Herta gesund und ward fröhlich
und stark. Wie oft verwünschen wir Toren das Glück, das wie Unglück
aussieht!
Schließlich entläßt mich Herta freilich in Gnaden zu meiner Lektüre;
aber inzwischen hat Roswitha-Appelschnut neue Kräfte gesammelt. Als
ich auf der fünften Seite oben bin (noch immer Einleitung!), da tritt
sie an mich mit dem Ersuchen heran, die gewohnten Zirkuskünste mit
ihr zu exekutieren. Ich muß mich platt in den Sand legen; sie springt
mit zehn Schritt Anlauf auf mich zu, und ich muß sie auffangen. Nach
diesem »Todessprung« kniet sie in meine flachen Hände, und ich muß sie
langsam und lotrecht emporheben. Dann folgt »Appelschnut, die Königin
der Luft«. Ich strecke einen Arm hoch; sie legt sich mit dem Bauch auf
meine flache Hand, streckt alle Viere nach den vier Himmelsrichtungen,
und ich muß sie drehen. Lauter Sachen, mit denen ich im Wintergarten in
Berlin ein Heidengeld machen könnte, wenn ich wollte.
Aber plötzlich ist Appelschnut verschwunden. Wie ein Traum ist sie
entflohen. Die Kinder gehen mit der Mutter zum Baden. Darum! Sie ist
schon ganz ferne, hinter zwanzig Sandhügeln.
Vor zwei Jahren war es noch anders. Da sah sie die weiß und grünen
Wogen auf den Strand klatschen und in die Höhe spritzen, klatschte
in die Hände, lachte, als ob das Herz zum Halse herausfliegen wolle,
und dachte: Ei, was ist das Meer für ein Spaßmacher! Und gar nicht
schnell genug ging ihr das Auskleiden, gar nicht früh genug konnte
sie dem Spaßmacher an den Hals springen! Mit offenen Armen sprang sie
ihm jauchzend entgegen -- und im nächsten Augenblick lag sie sieben
Meter weiter zurück mit der Nase im Sand; sie hob den Kopf, sah sich
mit grenzenloser Verblüffung um, schnappte nach Luft, und als sie sie
endlich hatte, brüllte sie mit der Brandung um die Wette. Es war eine
Art Nachbildung der berühmten Arie: »Ozean, du Ungeheuer!« O dieser
abscheuliche Grobian von einem Spaßmacher! Sie wollte ihn umarmen und
mit ihm tanzen, und er schmiß sie auf den Strand wie einen gemeinen
Sandfloh! Kurz, sie war dem Meer auf ewig böse.
Heute aber, da sie »schon groß ist«, hat sie Poseidon verziehen;
sie weiß ihm um den Bart zu gehen und seinen täppischen Späßen zu
entschlüpfen, und am liebsten ginge sie im Wasser zu Bett. Wenn sie
nicht baden darf, so streift sie Rock und Höschen auf und watet durch
sämtliche Lagunen und Lachen, die das ebbende Wasser zurückgelassen.
Noch gestern abend rief sie, als meine Frau sie zu Bett bringen wollte:
»Ach Mammi, bitte, bitte, noch einen Augenblick, hier ist noch so'ne
himmlische Pfütze!«
Appelschnut, Appelschnut, was wird der »Verein zur öffentlichen Hebung
der Moralität bei den Mitmenschen« dazu sagen, daß du von himmlischen
Pfützen sprichst!
Ja, sie ist schon so sehr mariniert, daß sie jetzt auch einen Matrosen
zum Mann haben will.
»Erst will ich Barmherzige Schwester werden, und dann werd' ich
wohl 'n Bauern nehmen, damit ich recht viele Tiere krieg', und dann
heirat' ich 'n Matrosen.« Es ist dabei zu bedenken, daß sie schon vier
Spielkameraden Hoffnung auf ihre Hand gemacht hat und außerdem nach
einer früheren Aeußerung an dem Gatten ihrer Schwester Herta teilhaben
will. Sie wird das System Blaubart akzeptieren müssen.
Und dabei sagt diese Dame, die sieben Männer haben will, noch statt
»Badekabine«: »Kabadebine!« Jawohl, meine Frau und ich haben es
wiederholt gehört: sie, die schon in richtigen Konjunktiven spricht und
sogar Konzessivsätze riskiert, sagt noch »Kabadebine«. Und wir haben
uns fein gehütet, sie zu korrigieren; das Wort war uns ein wundersam
rührendes Ueberbleibsel aus jener Zeit, da sie noch durch die Sprache
wie durch einen Urwald tappte und die wunderlichsten Blumen und Wege
fand. --
Also ich darf mich jetzt einer Ruhepause erfreuen. Ich habe mir in
einem großen Eimer allerlei Seegetier gesammelt und will jetzt so lange
hineinsehen, bis ein kleiner Seestern mit seinen Saugfüßchen vom Grunde
des Eimers bis oben an den Rand hinaufspaziert ist. Damit kann man sehr
gut ein paar Stunden ausfüllen. Wenn ich dies Stück Arbeit erledigt
habe und nicht allzu müde bin, will ich einer meiner Entenmuscheln
so lange zuschauen, bis sie fünftausendmal ihre feinen Rankenfüße
vorgestreckt und wieder eingezogen hat. Ja, wenn nicht mein Freund und
Duzbruder Nazi wäre!
Nazi ist ein Dreijähriger; aber er ist groß und dick wie ein
Sechsjähriger. Er hat einmal gehört, daß er zu dick sei, um schnell
zu laufen; seitdem erklärt er, wenn er sich tummeln soll: »Kann nich,
schu dick!« Er fiel uns schon auf der Herreise in der Eisenbahn durch
die energische Erklärung auf, daß er nicht in der »heißen Tütbahn«
fahren wolle, sondern in der »kalten«. Die »Tütbahn« war natürlich die
Eisenbahn, weil sie »Tüt« macht, und »heiß« war sie, weil er das Feuer
unter dem Kessel der Lokomotive gesehen hatte. Das war ihm unheimlich
gewesen, und darum verlangte er, kalt zu fahren.