deutschen Landes: er hört den heiligen Gesang seiner Wälder und blickt
mit sinnenden Gedanken hinauf in ihre grünen Dämmerungen und hinab in
den bilderreichen Spiegel heimatlicher Ströme. Und wie vom Söller her
ihm schöne Augensterne winken, steht in seinem Herzen der junge, süße
Wirbelsturm der Liebe auf. Und schön ist in jungbrausender Seele der
ernste Gedanke an den Tod für ein heiliges Gut.
Jugend sei das vornehmste Getränk an eurem Tisch. Daß ihr aber auch im
grauen Haar noch jubilieren möget, bewahrt in eurem Keller von diesem
edelsten Getränke ein ungeheures Faß, das bis ans Lebensende vorhält.
Eines der herrlichsten Gebete, die je gesprochen worden, ein Gebet
Heinrich Heines, sprecht es täglich nach; es heißt: »Ihr Götter, ich
bitte euch nicht, mir die Jugend zu lassen; aber laßt mir die Tugenden
der Jugend, den uneigennützigen Groll, die uneigennützige Träne!«
Und nicht so soll es sein wie in jenem spöttischen
»Rückerinnerungslied«, wo es heißt:
»Heute Kriegsgeschrei und Fehde allem, was die Lust vergällt,
Morgen salbungsvolle Rede über diese Sündenwelt.
Heute Feindschaft dem Philister, der gehorsamst denkt und schweigt,
Morgen vor dem Herrn Minister demutsvoll das Haupt geneigt.«
So soll es +nicht+ sein, liebe Brüder, +so nicht+! Auch sollen die
Jungen unter euch nicht meinen, daß sie nachher mit der schneidigen
Wurschtigkeit der Bierlogik und Bierjustiz auf den Köpfen ihrer
Mitmenschen herumpräsidieren können. Wer vom großherzigen und
großäugigen Jugendtrutz nichts hinüberrettet in sein Manneswerk, den
soll, was er gekneipt hat, wiederkneipen, dem soll jeder Tropfen
zu Gicht werden, und die soll ihm in den Hinterfüßen nur so lange
rumoren, bis er ernstlich anderen Sinnes wird.
Und wenn er dann wieder einmal mit alten und ältesten Herren
zusammenkommt zu fröhlicher Runde und er vom Angesicht der andern
den Wandel der Dinge liest, wenn er in eines Augenblicks Erleuchtung
überschaut, was alles anders gekommen, wie er es einst gehofft, und
von den Wänden ein ernstes Wort hallt: +Vergänglichkeit+ -- wenn dann
das herrlichste und wehmutvollste aller fröhlichen Lieder steigt, das
Lied von der dahingeschwundenen Burschenherrlichkeit, und wenn zuletzt
der feierliche Augenblick kommt, da alles sich erhebt und einstmals
oft verflochtene Hände sich wiederfinden: dann mag er's mit ehrlich
bejahendem Herzen mitsingen, das schöne Bekenntnis:
»Klingt an und hebt die Gläser hoch,
Die alten Burschen leben noch,
Es lebt die alte Treue!
Es lebt die alte Treue!«
Und nun, liebe Brüder, wollen wir trinken auf alle, die vom breiten
Stein nicht wanken und nicht weichen. Aber auf die, die verlernt haben,
daß es Tage gibt »von besonderem Schlag«, Tage, so schön, daß man zu
ihnen gar nichts andres sagen kann als »~Ergo bibamus!~« -- auf die
-- auf die wollen wir auch trinken. Schon um unsertwillen. Das wäre
ja auch noch schöner, wenn wir um deretwillen dürsten sollten! Wir
wollen auf sie trinken in der Hoffnung, daß sie sich bessern. Aus jeden
einzeln! Das schmeichelt ihnen; das greift ihnen an die Ehre. Dann
gehen sie in sich.
Nachher trinken wir dann noch auf die Temperenzler; das sind sie uns
schuldig. Prost!
Der große Irrgarten
Kommt mit in meinen Blumen-, Irr- und Wundergarten! Er ist nicht größer
als meine Handfläche; aber ihr werdet euch wundern. Ein Leben könnt ihr
damit verbringen, durch seine Gänge, Lauben, Grotten und Gebüsche zu
wandeln. Tretet ein!
* * * * *
Als unsere Aelteste eben zu sprechen begonnen hatte und meine Frau
sie eines Tages fragte: »Wo ist Papa?«, da antwortete sie mit
unvergleichlicher Gemütsruhe: »Papa puttrissen,« d. h. Papa ist
kaputtgerissen.
Meiner Frau und mir selbst war von diesem jähen Ende nichts bekannt;
wir fragten uns also: Was kann das heißen sollen? Ich war verreist
gewesen; das Kind hatte gehört, Papa ist verreist; reisen war ihm
dasselbe wie reißen, verreisen soviel wie zerreißen; in seinem Kopfe
hatte der Satz also geklungen wie »Papa ist zerreißt«, und wie die
papiernen Bilder und Puppen, mit denen sie gelegentlich spielte, immer
sehr bald »puttrissen« waren, so war es jetzt ihr Vater. Sie nahm sein
grauses Schicksal mit der denkbar größten »Wurschtigkeit« hin.
Als ihr Brüderchen noch am Boden kroch und spielte, hörten wir ihn
wiederholt den Ruf »Hammelschitte!« ausstoßen. Lange suchten wir
vergeblich nach der Uebersetzung dieses seltsamen Wortes.
Endlich beobachteten wir, daß der Junge diesen Ruf jedesmal dann
ausstieß, wenn eines seiner Stein- oder Holzgebäude zusammenstürzte
oder wenn sich sonst eine Katastrophe ähnlicher Art ereignete. Und
mit einem Male ging uns ein Licht auf. Wenn wir mit ihm gespielt
hatten, so hatten wir wohl bei gleichem Anlaß gerufen: »Da ha'm wir
die Geschichte!« Dieser Satz war ihm zu einem Wort und einem Begriff
zusammengeschmolzen und bedeutete soviel wie Zusammenbruch, Einsturz,
Umsturz, und da ein möglichst geräuschvoller Einsturz für die Kinder
ein Hauptvergnügen beim Bauen, ja, sozusagen der Sinn des Bauens
ist, so stieß er das Wort »Hammelschitte« jedesmal mit sichtlicher
Befriedigung hervor.
Ebenfalls nicht ohne weiteres, wenn auch immerhin leichter verständlich
war mir die Nachricht unserer Jüngsten, sie habe bei den Nachbarn ein
Bild gesehen, auf dem wäre »Jesus mit zwölf Posteljungens« gewesen.
Sie hatte offenbar von »Aposteln« und von »Postillons« gehört und die
beiden Berufsklassen zusammengeworfen. Vielleicht hatte auch noch das
Wort »Jünger« hineingespielt.
Als dasselbe Kind uns versicherte, es habe »solche Notbremse im Hals«,
schenkten wir ihm keinen Glauben. Erst als wir erkannten, daß es sich
um ein »Sodbrennen« handle, fanden wir seine Beschwerden verständlich.
Auch als es uns erzählte, unser Wirt in der Sommerfrische füttere seine
Schweine »mit Schleie«, fanden wir dieses kostspielige Verfahren nicht
wahrscheinlich; mit »Kleie«: das war zu glauben.
In einer Warteschule hörte ich die Kinder singen »Es regnet ohne
Untersatz« statt »Unterlaß«. Sie wußten, daß man Gefäßen, die eine
Flüssigkeit enthalten, wie Biergläsern, Blumentöpfen und dergleichen,
einen Untersatz gibt, und machten wahrscheinlich mit Befremden die
Beobachtung, daß die Natur beim Regnen diese Reinlichkeitsmaßregel
versäume.
Ihr werdet jetzt schon wissen, was ich mit meinem Irrgarten meine;
wenn ich von seinen Schönheiten, Wunderlichkeiten und Wundern nicht
immer die letzte Erklärung gebe, so gebt sie euch selbst; es ist das
anmutigste und fruchtbarste Rätselraten, das ich kenne.
Ein krauses und reiches Gärtlein für sich bilden allein schon die
lautlichen Irrwege der suchenden, tastenden Kinderzunge, die doch nach
verborgenen Gesetzen tastet und sucht. Das Kind erfindet sich ein
geniales Erleichterungsverfahren; es assimiliert Zahn- und Lippenlaut
und macht zwei Lippenlaute daraus; es hat »epwas« gefunden und möchte
noch »epwas« von der Torte, die ihm schmeckt; es löst einen schwierigen
Hiatus auf, indem es einen leichten Konsonanten einschiebt, auf den die
Zunge schon eingestellt war, ersetzt eine schwierige Konsonantenhäufung
durch eine leichte Konsonantenfolge, und zwar durch eine, die es
soeben erst geübt hat; darum wollte eins unserer Kinder nichts von der
»Servisette« wissen; darum sprach es, als es schon stark herangewachsen
war, noch immer ahnungslos von einer »Klopdopstraße« statt von einer
Klopstockstraße.
Das Kind verkehrt die Reihenfolge der Anlaute in schwierigen Wörtern
und erzählt uns strahlenden Auges von der »Muckerlative«, die so
laut geschrien und geschnauft, und von dem »Wufflabomm«, den es am
Himmel gesehen habe. Mit entschlossener Abkürzung macht es aus einem
Delikatessenhändler einen »Delitessenhändler«; ein völlig fremdes
Wort modelt es um nach einem, das es schon gehört hat: so verbreitete
eines unserer Kinder die sensationelle Nachricht, daß seine Eltern in
»Salzkamerun« wären, während wir nur bis zum Salzkammergut gekommen
waren.
Ebenso erquicklich ungeniert behandelt es die Etymologie; wo ihm
die Vergangenheitsformen fehlen, gebraucht es den Infinitiv oder
wenigstens seinen Vokal; es hat ein heillos verknotetes Stiefelband
»einfach durchgeschneiden« und fragt die Mutter, ob sie die Ernte vom
Stachelbeerbusch schon »gewiegt« habe. Die unregelmäßigen Verben und
ihre Ablautung sind ja bekanntlich überall und überhaupt ein lustiges
Kapitel; die rote Grütze, die in der Küche bereitet wurde, »raach« so
wunderschön, als Roswitha im Garten »ging, nein: gang, nein: gung«; sie
möchte sich »epwas« davon »nimmen«. Und wenn es eine »Faulheit« gibt,
warum soll es keine »Fleißheit« geben; wenn man von Emsigkeit spricht,
warum soll sich Irene nicht über die »Faulkeit« ihrer Puppe entrüsten?
Ist man nicht souverän und kann man nicht einfach Plurale und Wörter
schaffen, die es bis dahin nicht gegeben? Wenn Rosenkohl auf den Tisch
kam, verzichtete Erasmus; er mochte »die kleinen Köhler« nicht; die
Peitsche war ihm ein »Knallstock«, und die Kiemendeckel der Fische
waren »Fischklappen«. Die Frauen, die im Kloster leben, heißen Nonnen,
die Männer, die im Kloster leben, demgemäß natürlich »Nonnenmänner«,
und wenn man die Lampe angezündet hat, so muß man sie beim Zubettgehen
wieder »auszünden«.
Muß sich der Deutsche Sprachverein nicht freuen, wenn aus dem welschen
»Vestibül« ein deutsches »Westerbül« wird? Wenn es nach Süden liegt,
sagt man natürlich »Süderbül«.
Wurzelecht ist dieser Purismus Roswithens freilich nicht; als ich
verschiedentlich scherzenderweise das Wort »naturellement« gebraucht
hatte, sagte sie statt »natürlich« nur noch »natürlichrallemang«.
Dagegen verfuhr sie wiederum höchst selbständig, ja tyrannisch bei
der Transition des Tätigkeitsbegriffes auf Subjekt oder Objekt. Sie
dichtete eines Tages bei einem ihrer Spiele, daß es regne, und spannte
ihr Schirmchen auf. »Warum spannst du denn den Schirm auf?« fragte
ich. »Ich beschütz den Regen,« versetzte sie.
Aber dieser Irrgarten der Wörter und Laute ist nur ein kleines
Vorgärtchen zum großen Labyrinth der Begriffe. Denkt euch, ihr
blicktet von erhabenem Standort auf ein riesiges Manöverfeld, in
dem eine Armee nach allen Richtungen zerstreut durcheinandergewirrt
wäre. Da ertönt das Signal zum Sammeln, und plötzlich entsteht ein
so heilloses Ameisengewimmel, daß ihr glaubt, es könne sich nie und
nimmer entwirren. Aber mehr und mehr kommt Ordnung in den Haufen; immer
deutlicher formen sich die Gruppen, und endlich steht jede Division und
jede Kompagnie an ihrem Platze und jeder Mann in seinem Zuge an rechter
Stelle.
Daran muß ich immer denken, wenn ich das Gekribbel und Gewibbel und
Gewusel der Vorstellungen und Begriffe in einem Kinderkopf beobachte,
und kein Schauspiel dünkt mich wunderbarer und entzückender, als
wie diese Begriffe und Vorstellungen sich nach und nach von selbst
zurechtlaufen.
Interessant ist schon die Chronologie der kleinen Köpfe. »Einmal«,
so erzählte unsere Roswitha ihrer Mutter und mir, »einmal hab ich
in Eppendorferweg 'n ganz großen Löwe gesehen!« und als wir an der
Wahrheit dieser Erzählung zweifelten, fügte sie hinzu: »Ganz gewiß, da
wart ihr noch gar nicht geboren.«
Als sie eines Tages hörte, daß Männe, ihr geliebter Dackel, auch einmal
sterben werde, da meinte sie nach längerem Nachsinnen: »Na ja, wenn
er denn stirbt un wenn Kurti denn mein Mann is, denn lassen wir ihn
ausstopfen un denn stellen wir ihn aufs Büfett.« Männe wird eben nicht
eher sterben, als bis sie verheiratet ist und ein Büfett hat. Kinder
sind Götter und arrangieren den Weltlauf höchstselbst. Und der Gedanke,
daß etwas Geliebtes ganz aus ihrer Nähe verschwinden könnte, besteht
für sie nicht.
Die Kinder, die Roswitha einmal haben wird, haben sofort ein gewisses
vorgeschritteneres Alter; die früheren Kinderjahre überspringen sie.
Ihre Mutter wünscht das so, weil sich dann interessanter mit ihnen
spielen läßt als mit Säuglingen und Babies.
Roswithens ältere Schwester Herta kennt keinen Unterschied der Zeiten
nach Sitten und Gebräuchen; ihre Geschichtsbilder sind ein einziger
Anachronismus. »Mutter,« fragte sie, »wie hieß noch der Herr, der über
die Volsker siegte?« Coriolan ist eben ein »Herr« wie der Nachbar
Müller mit der karierten Hose und dem Zylinder. Geschichtslehrer
sollten das bedenken.
Und alle sollten wir bedenken, daß Kinder von dem, was wir ihnen sagen,
viel weniger verstehen, als wir ahnen, wenigstens von dem, was sie
verstehen +sollen+. Was sie erleben, verstehen sie weit besser, als
was wir ihnen sagen. Dieselbe Herta kam mit der Theseussage nach Haus
und erzählte frisch und munter: »Theseus hatte aus Versehen auf Kreta
getreten.« Was mag sie sich unter Kreta vorgestellt haben! Nie haben
wir's herausgebracht.
Was mag sich unsere Jüngste jahrelang unter dem Wort »Dienstag«
vorgestellt haben! Eines Tages sagte sie nämlich mit größter
Entschiedenheit: »In mein ganzes Leben is noch nie Dienstag gewesen!«
Und ein anderes Mal fragte sie: »Nich, Pappi, Eis is doch kälter als
Winter, nich?« Wie sah der Winter aus in diesem Köpfchen? Nicht wahr,
das ist ein Helldunkel, so geheimnisvoll, wie es keinem Rembrandt
je gelungen ist, nicht wahr, da tun sich zauberdunkle Höhlen voll
flimmernder Nächte auf?
Zuweilen gemahnt das kindliche Tasten an den blinden Glücksgriff des
Genies. »Was ist denn ein ›Paradies‹?« fragte ich einst ein kleines
Mädchen. »Ein Friedhof«, antwortete es ohne Besinnen. Der Friede
mochte das ~tertium comparationis~ sein, das die beiden Gärten in der
Seele des Kindes zu einem gemacht hatte. Und auf der Straße hörte ich
einst, wie hinter mir ein Büblein zum andern sagte: »Gestern ist meine
Großmutter eingepflanzt worden.« Das ist eigentlich noch schöner als
Schillers Verse:
Noch köstlicheren Samen bergen
Wir trauernd in der Erde Schoß ...
Wir verbinden die Vorstellungen zu Begriffen, wenn sie in den
wesentlichen Merkmalen übereinstimmen; das Kind stellt solche
Verbindungen nach einzelnen, oft nach einem einzigen und dazu noch
zufälligen Merkmal her. Das ergibt dann Aussprüche von merkwürdigem
Tiefsinn und von überraschender Komik. Ein Sechsjähriger kam an seinem
ersten Schultage mit der verwunderten Bemerkung heim: »Sie sagen in
der Schule gar nicht ›Sie‹ zu mir.« Daß seine Verwandten und seine
Spielkameraden und die Freunde des Hauses ihn duzten, war begreiflich;
sie waren ja Bekannte; aber fremde Leute sagen doch »Sie« zueinander.
Ein anderer Abc-Schütze berichtete mit gleicher Verwunderung: »Die
Schulbänke sind gar nicht gepolstert.« Man sollte glauben, es sei ein
verwöhntes Seidenpüppchen gewesen; aber das Gegenteil war der Fall; es
war ein einfach gewöhnter, derber Junge; aber mit dem Begriff eines
Sitzgeräts war ihm das Merkmal der Polsterung verbunden.
Einer meiner Freunde ging mit seinem neunjährigen Neffen in einen
Juwelierladen, dessen Inhaber ihm u. a. auch einen hübschen Ring für
den Buben anstellte. Er steckte dem Knaben den Ring an den Finger und
meinte, ob er solch einen Ring nicht haben möchte; der Junge aber
lehnte entschieden ab. Wieder auf der Straße, sprach er mit einer
gewissen Entrüstung zu seinem Onkel: »Ich weiß gar nicht, was der Mann
mit seinem Ring wollte! Ich +denke+ gar nicht ans Heiraten.«
Natürlich sind es vor allem die sinnlichen Merkmale der Dinge, die
in den Kindern haften und nach denen sie diese Dinge erkennen und
bestimmen. Roswitha hatte mit großen, vor Teilnahme ganz dunklen Augen
das Lied von den zwei Königskindern gehört, für die das Wasser viel zu
tief war.
»Warum schwamm denn der Königssohn hinüber?« fragte ich sie. »Er konnte
doch nicht so weit hinüberlieben,« war ihre Antwort. Lieben heißt die
Arme um den Hals des andern schlingen, ihn drücken und küssen.
Selbst die Geister denkt sich Roswitha in einer nicht zu überbietenden
Konkretheit. Sie hatte sich im Dunkel ihres Schlafzimmers vor
»Geistern« gefürchtet (wie sie darauf verfallen war, weiß ich nicht);
in einer dunklen Zimmerecke argwöhnte sie solch einen Störenfried. Wir
hatten ihr versichert, daß es Geister von der Art, die die Leute bei
Nacht belästigen, nicht gebe (in solchem Alter gibt's die ja wirklich
nicht), und hatten sie genau in alle Winkel schauen lassen, um sie
von der Gespensterreinheit des Zimmers zu überzeugen. Das hatte sie
denn auch beruhigt. Aber einige Wochen später mußten ihr doch wieder
Zweifel aufgestiegen sein; sie rief noch spät ihre Mutter ans Bett und
vertraute ihr ihre Befürchtungen an:
»Ich weiß ja, daß es keine Geister gibt; du hast es mir ja gesagt;
aber ich muß immer daran denken: vielleicht is doch noch einer
nachgeblieben, un der hat sich vielleicht vermehrt.«
Kann man sich Geister sinnlicher vorstellen?
Und wie sie allem Geistigen einen Körper geben, so -- das ist bekannt
-- beseelen sie alles Körperliche. Weil ihnen Körper und Geist
überhaupt noch ungetrennt sind, weil ihnen die Welt überhaupt noch
als ein einheitliches Ganzes, nicht als eine Vielheit erscheint!
Sie besitzen durch die Gnade der Natur noch die Synthese, die der
Philosoph, wenn er die Welt analytisch zerbröckelt hat, vergeblich
wieder zu erringen sucht; sie sehen die Welt noch in größeren Komplexen
als wir. Das zeigt sich höchst charakteristisch in ihrer Orthographie;
sie hören nicht Wörter, sondern ganze Wortkomplexe, ganze Sätze als
eines. Als Roswitha Briefe zu schreiben begann, da schrieb sie an ihre
Freundin nicht nur: »Dann kristu (kriegst Du) meine Puppe«, sie lud sie
auch »aufngansentag«, d. i. auf einen ganzen Tag zu sich und berichtete
ihr, daß Männe »gansausersich«, d. h. ganz außer sich vor Freude
gewesen sei.
Und so wenig sie die Worte und Dinge voneinander trennen, so wenig
trennen sie sich selbst von den Dingen des Alls. »Seid umschlungen,
Millionen,« dieses Wort im grenzenlosesten Sinne ist ihre
Weltanschauung. Da kann es nicht wundernehmen, daß Herta fürchtete,
ihre Puppe werde Heimweh bekommen, und daß Roswitha von ihrem Kaninchen
»Swatti« erzählte:
»Als ich Swatti fragte: ›Hast du dir wehgetan?‹, da sagte es: ›Was geht
dich das an!‹«
»Wie«, fragte ein ungeschickter Mann, »hat Swatti denn gesprochen?«
Ueberrascht sah ihn Roswitha an. »Es hat +so+ gemacht,« sagte sie und
verzog blitzschnell das Schnäuzchen, wie es die Kaninchen tun und
wie es die Kinder machen, wenn sie maulen und trotzen. War das nicht
Sprache genug?
Alles Leben ist eins, und in einem einzigen Strome durchzieht es alle.
Darum sprang Roswitha heftig auf, als in einer häuslichen Aufführung
die Königin über den Tod Schneewittchens triumphierte, und rief mit
Tränen in den Augen:
»Du freche Deern, du sollts man tüchtig Haue haben!«
Und darum erlebt' ich eines Tages, als ich zum hundertsten Male den
»Tell« sah, etwas ganz Neues. Als die Rütlimänner auseinandergingen und
die Urner wieder die Felsen hinanstiegen, da winkten sie ihren Genossen
zum Abschied, und diese winkten zurück. Und wer winkte mit? Mein
Töchterchen Herta, das an meiner Seite saß. Sie lebte zu Beginn des 14.
Jahrhunderts in der Schweiz; sie hatte mitgeschworen und kehrte nun
heim »zu ihrer Freundschaft und Genoßsame«.
Und wie sie alles +sind+, was sie erblicken, so +können+ sie alles,
was sie sehen. Daß Rudi »Seemann oder Dichter« wird, steht fest, daß
er dabei auf Schwierigkeiten stoßen könnte, ist ausgeschlossen; daß er
als Seemann den Nordpol finden wird, leidet keinen Zweifel. Aber das
alles ist mit menschlicher Kraft zu erreichen. Kinder haben überdies
noch Wunderkräfte. Wenn Roswitha mit fanatischer Gebärde ausruft: »Ich
verzauber dich als Tier!« dann ist Rudi ein Tier, da gibt es keine
Berufung.
Und wie die Kraft, so der Glaube. Als ich einst mit Herta spazieren
ging und wir an einem Wagen mit einem Schimmel vorbeikamen, sagte sie:
»Das ist der siebenunddreißigste Schimmel, den ich seh.«
»Zählst du denn die Schimmel?« fragte ich höchlichst überrascht.
»Ja, ich zähl alle Schimmel, die ich seh, und wenn man neunundneunzig
gesehen hat, dann kann man sich was wünschen.« Sie machte dabei
dieselben Augen wie damals, als sie den Urnern zum Abschied winkte.
Die größten Magier und Wundertäter aber sind Vater und Mutter. Ich
erinnere mich aus meiner Kindheit einer Zeit, da ich glaubte, daß
meine Eltern alle meine Gedanken wüßten, wie der liebe Gott. So
haben meine Frau und ich bei Roswithen unbegrenzten Kredit. Als sie
ihre erste, rührend einfache Weihnachtshandarbeit machte, beriet
sie eifrigst und eingehendst mit ihrer Mutter darüber, wie sie dies
Geschenk am besten vor ihr verbergen könne. Vieles wurde erwogen,
vieles wieder verworfen. Endlich rief sie: »Ach was, ich leg es einfach
in meine Puppenkommode; ich weiß ja, daß du nich darangehst!«
Und ein andermal sagte sie: »Ja, ich steck ja noch immer den Daum'n in
Mund, wenn ich einschlaf; aber du wirst mir das wohl schon abgewöhnen.«
Dies felsenfeste Vertrauen zur Mutter beruhigte ihr Gewissen vollkommen.
Wenn ich aber Roswithens Meinung von mir darstelle, so muß ich mich
eigentlich schamroter Tinte bedienen. Als ein Bildhauer eine Büste von
mir angefertigt hatte, da fragte ihr Bruder sie, auf die Inschrift im
Sockel zeigend: »Was steht denn wohl drunter?«
»Pappi!« versetzte sie wie etwas Selbstverständliches. Die Welt hatte
doch nur einen Pappi, und das war ich. Dumme Frage.
Als aber später einmal von Frankfurt a. M. die Rede war und ihre
lehrfreudige Schwester Irene sagte: »Da ist der größte deutsche
Dichter geboren. Wer ist das?«, da rief Roswitha mit derselben
Selbstverständlichkeit: »Vater!«
Sie soll einmal meine Biographie schreiben.
Die nächsten im Range nach Vater und Mutter sind die Könige und
Prinzen. Daher Roswithens tiefes Erstaunen, als sie in der biblischen
Geschichte vernahm, daß die jüdischen Könige mit einer gewissen
Regelmäßigkeit und Gründlichkeit sündigten.
»Merkwürdig,« sprach sie eines Tages sinnend zu meiner Frau, »jeder
König tut eine große Sünde; +aber auch jeder+!«
Von den Prinzen hatte sie dagegen infolge von Schokolade eine andauernd
gute Meinung. Ein Prinz nämlich hatte uns gelegentlich eines Besuches
Schokolade für die Kinder gegeben, und als Roswitha ihr Teil empfing,
fragte sie strahlenden Blicks: »Handelt der Prinz mit Schokolade?«
Man muß nämlich nicht glauben, daß sie wie ein Kriegsminister denkt
und in solchem Handel etwas Deklassierendes erblickt; im Gegenteil:
ein Prinz, mit Degen, Barett und spanischem Mantel in einem Laden voll
Schokolade stehend, wäre ihr ein besonders herrlicher Prinz gewesen.
Hatte sie doch eines Tages, als ihre Geschwister ins Theater kamen und
sie dafür durch Schokolade entschädigt wurde, triumphierend ausgerufen:
»Schokolade ist besser als Theater!« Eine Wertung, der ich in manchen
Fällen entschieden zustimme.
Unmittelbar auf Könige und Prinzen folgt, was Hoheit und Macht anlangt
-- hier zeigt sich Roswithens deutsche Natur -- der Schutzmann oder
Konstabler.
»Wo ist denn Rudi?« fragte ich sie einmal, als sie etwa vier Jahre alt
sein mochte. Rudi war der nachbarliche Spielgefährte.
»Och,« versetzte sie, »wir ha'm uns doch 'n Herd gebaut, aus Sand,
nich? Un nu woll'n wir Suppe mit Reis zu Mittag kochen, nich? Un nu
fragt Rudi den Konstabler, ob wir das auch dürfen.«
So weit muß es kommen mit der Loyalität. Nur sollten dergleichen
Gesuche schriftlich abgefaßt und auf einem längeren Instanzenwege
erledigt werden.
Eine unbegrenzte Macht ist auch das Fünfpfennigstück. Ein köstliches
Kerlchen von drei Jahren hatte solch ein Fünfpfennigstück bekommen und
wollte damit stracks Laufs auf den Markt, um sich »ßwei Simmels« (zwei
Schimmel) zu kaufen.
Gelegentlich sind wir bereits aus dem intellektuellen in den
moralischen Irrgarten getreten. Hier besteht die Verwirrung oft in der
verblüffenden Einfachheit. So überwindet Roswitha die Illoyalitäten des
ersten Napoleon auf eine höchst summarische Art. Als man ihr erzählte,
daß dieser Mann Aegypten, Italien, Spanien, Deutschland, Oesterreich
usw. erobert und mit Krieg überzogen hatte und nun auch noch Rußland
erobern wollte, da rief sie empört: »Der is woll wahnsinnig! Der muß
mal tüchtig was auf die Jacke haben!«
So ist es denn ja auch am letzten Ende gekommen, wenn sich die Sache
auch nicht so einfach gemacht hat, wie es Roswitha meinte.