Als ich mich kaum in die tiefsinnige Betrachtung meines Seesterns

versenkt habe, höre ich den Ausruf: »Ich krieg' doch wasch schu eschen!«

Aha, also Nazi. Als er mich einmal mit Sand beworfen hatte, rief ich:

»Wart', du Schlingel, du kriegst heute nichts zu essen!«

»Ich krieg' doch wasch schu eschen!« rief er.

Ich tat, als wenn ich aufspringen wolle.

Er kreischte, halb aus Furcht, halb vor Vergnügen, sprang drei Schritte

zurück und schrie: »Ich krieg' doch wasch schu eschen!«

Ich griff zähnefletschend nach einer Sandschaufel und schwang sie

drohend.

Er kreischte wieder, sprang wieder drei Schritt zurück und schrie

abermals: »Ich krieg' doch wasch schu eschen!«

Jetzt sprang ich zornbebend und wutschnaubend auf die Füße und lief

drei Schritt auf ihn zu.

Er lief sieben Schritt, blieb stehen und schrie dasselbe, und bei dem

»doch« klappte seine Stimme jedesmal über. Auch mit diesem Spiel könnte

ich eventuell meinen Kuraufenthalt ausfüllen; Nazi würde nichts dagegen

haben; aber ich mach' es nur einmal vormittags und einmal nachmittags;

dabei werde ich immer noch, da Nazi fünf Wochen zu bleiben gedenkt,

etwa siebzigmal alle Stadien der sittlichen Entrüstung darüber, daß

Nazi etwas zu essen kriegt, durchlaufen müssen.

Nachdem ich auch diesmal mein Pensum Wut geschäumt habe, wird Nazi auf

den Eimer aufmerksam. Er guckt hinein und fragt: »Wasch isch dasch?«

Ich nenne ihm die einzelnen Tiere.

»Worum tut die immer scho?« Er macht die Bewegungen der Entenmuschel

nach.

»Sie holt sich was zu essen aus dem Wasser!«

»Da isch ja gar nix schu eschen.«

»Doch; da ist sehr viel zu essen; das kannst du nur nicht sehen.«

»Worum nich?«

»Weil es zu klein ist.«

»Worum isch esch schu klein?«

»Junge, das weiß ich nicht.«

»Och, weisch doch mal!«

Dja, wenn's an meinem Willen läge, dann wüßt' ich noch ganz was anderes.

»O kuck mal!« ruft er plötzlich, »der Hund wackelt mit'n Henkel!«

Ich bin natürlich sehr begierig, einen Hund mit einem Henkel zu sehen.

Richtig, da steht ein Hund mit einem aufwärts gekrümmten Schwanz,

und mit diesem Schwanze wackelt er. Man kann den Schwanz gar nicht

treffender bezeichnen, als ihn der Dichter Nazi bezeichnet hat.

Endlich vermißt er meine Töchter, für die Nazi natürlich nächst

Schlagsahne das Himmlischste auf der Welt ist.

»Wo isch dein Mädschen?« fragt er.

»Wen meinst du? Gertrud?«

»Nein, Fräulein andere Gertrud!«

»Irene?«

»Nein, Fräulein andere Irene!«

»Herta?«

»Ja.«

»Die sind alle zum Baden. Willst du nicht auch baden?«

»Nein, kann nich, schu dick,« ruft er und stapft mit den Säulen des

Herkules durch den Sand von dannen.

Ich lese nun die fünfte Seite der Einleitung zu Ende; da ich aber zum

Umblättern zu erschöpft bin -- ich werde hier allmählich zur Molluske

--, so streck' ich mich zunächst einmal lang in den Sand.

Aaaaaaaaah -- hahaaaaaa -- -- --

Und ich brate in der Sonne.

Und ich sehe fern, fern am Horizont ein kleines, weißes Segel, das will

ich betrachten, bis es verschwindet. In jenem Schifflein sitzt meine

Seele -- ich weiß es! Und ich will meiner Seele nachschauen, bis sie in

den veilchenblauen Himmel entschwindet.

Indessen brät mein Leib in der Hölle, in dieser unsagbar molligen

Hölle, die meinetwegen ewig sein kann. Man kann die Genüsse von Himmel

und Hölle nicht bequemer vereinigen.

Meinem Leibe ist wohl wie einem angespülten toten Seehund.

Zuweilen ist es mir auch umgekehrt: dann liegt meine Seele hier am

Strande und hat sich in Sonnenschein verwandelt, und mein Leib schwebt

unsichtbar in den Lüften, aufgesogen von den Wolken, von der trinkenden

und trinkbaren Luft.

Meine Lungen sind vollständig betrunken von dieser Luft, und mein

Leib schmort, und wenn ich noch ein wenig warte, wird er zu brutzeln

anfangen.

Wie es scheint, bestreut mich schon jemand mit Salz und Pfeffer;

aber es ist nur Appelschnut, die mich mit Sand bestreut. Von unten

anfangend, bedeckt sie mich nach und nach vollständig mit Sand. Sollte

ich wirklich nur noch ein toter Seehund sein? Ich opponiere nicht

einmal, als mir der Sand zwischen Hals und Kragen rieselt, obwohl dies

kein eigentlich angenehmes Gefühl verursacht. Ein toter Seehund faßt

keine Entschlüsse mehr.

»O Pappi, laß uns mal Pferd spielen!« ruft Appelschnut plötzlich.

Aber ich bin von meinen Forschungen über dem Wassereimer so

angegriffen, daß ich ihr vorschlage, lieber Kuchen und Häuser zu

backen, ein Geschäft, das man ohne große Veränderung der Körperlage

etablieren kann. Sie ist sofort einverstanden, und wir backen in

zehn Minuten eine amerikanische Großstadt mit Häusern, Kirchen

und Kuchenläden. Allerdings bauen wir mit stetig wachsendem

Arbeitspersonal. Nach fünf Minuten ist nahezu die ganze unmündige

Strandbevölkerung auf der Arbeitsstätte versammelt. Und als ich nach

abermals fünf Minuten emsig damit beschäftigt bin, in einem Garten

sämtliche Blumen und Gemüse anzubauen, die sich aus Strandhafer

herstellen lassen, empfinde ich um mich her eine abgrundtiefe Stille.

Ich hebe den Blick: meine Arbeitsgenossen sind schon in weiter, weiter

Ferne; sie haben längst ein anderes Spiel begonnen, und Appelschnut

hüpft über die fernsten Hügel wie eine wandernde Mohnblume.

Verwaist, vergessen und öde liegt die Stadt. Schon beginnt der Wind,

sie zu verwehen, die Flut, sie zu benagen. Nie wieder wird die eben

noch Lebendige ein Hauch des Lebens erwecken; in einer Stunde wird

sie verschwunden sein. Wunderbare Welt des Meergestades! Selbst

Kinderträume verwehen in dieser Luft noch schneller als drinnen im

Land, und tiefer noch als anderswo senkt sich ins Herz das Gefühl: Auch

deine Wünsche sind wandernder Staub. Du brauchst nicht nach Aegypten zu

gehen: diese verlassene Stadt der Kinder ist Memphis.

Aber auch die beschauliche Ruhe ist hier vergänglich; schon kommt

Roswitha wieder herbeigesprungen.

»Mutti!« ruft sie erregt.

Ich wundere mich, daß sie mich als Mutter anredet, und sehe mich um --

ach so: meine Frau liegt neben mir im Sand.

»Mutti, Erna is immer so eisch; wenn wir spielen, dann macht sie immer

Streit und wirft uns Sand ins Gesicht. Sei man gar nich mehr so nett

mit ihr; wir sind alle von ihr weggegangen!«

In diesem Augenblick geht Erna, eine von den weniger erfreulichen

Badebekanntschaften, weinend vorüber.

»Mutter, sie weint,« sagt Appelschnut, »soll ich sie mal fragen, ob sie

wieder gut mit uns sein will?«

»Ja, frag' sie nur.«

Nach einer kleinen Minute wandern Erna und Appelschnut wieder Arm in

Arm. Auch Roswithens Zorn verrinnt und verweht wie Wind und Welle.

»Was spielt ihr denn?« fragt meine Frau.

»Ach, wir spielen so fein! Krankenhaus! Mit unsern Puppen! Einer is

heute schon dreimal operiert worden, un denn hat er noch Scharlach un

Cholera!«

Allmächtiger! Je verzweifelter die Fälle sind, desto vergnügter

sind diese Barmherzigen Schwestern. Patienten mit weniger als drei

Krankheiten scheinen gar nicht aufgenommen zu werden.

»Eben is auch 'n kleines Baby geboren worden, noch kein Jahr alt und

hat schon 'n Keuchhusten!«

»Na, da habt ihr ja alle Hände voll zu tun,« ruft meine Frau lachend.

»Ja!« rufen stolz die beiden wie aus einem Munde, und schon sind sie

wieder über den Bergen bei den sieben Zwergen. --

»Ich krieg' doch wasch schu eschen!« schreit es nah bei meinem Ohr.

Nee, is nich, Nazi. Mein Morgenpensum ist erledigt.

»Ach, da ist ja mein Nazi!« ruft meine Frau. »Komm, sag' mir mal Guten

Tag.«

»Kann nich -- schu dick!« versichert er mit Ueberzeugung.

»Ja, wenn du zu dick bist, darfst du ja auch keine Schokolade essen.«

Nein, nein, das ist eine mißverständliche Auffassung; für Schokolade

ist er nicht »schu dick«.

Die magnetischen Kräfte der Schokolade sind von der Wissenschaft, wie

mir scheint, noch entfernt nicht in ihrer Gewalt erkannt. Wie aus dem

Boden gestiegen, umstehen meine Frau im nächsten Augenblick mehrere

eigene Kinder, zwei Schwestern des Herrn Nazi und einige weitere

Strandbevölkerung.

Als Nazi auf dem Schoß meiner Frau sitzt, guckt er ihr minutenlang in

die Augen. Irgend etwas tieferes Philosophisches scheint sich in ihm zu

entwickeln. »Kannsch du mit deinen Augen schehen?« fragt er schließlich.

»Ja gewiß, Nazi! Warum soll ich mit meinen Augen nicht sehen können?«

»Deine Augen schind ja scho dunkel!« meint er.

Dieser Ausspruch Nazis ruft in der Korona seiner weiblichen Verehrer

einen Sturm des Entzückens hervor.

»Ist er nicht zu süß?« jubelt Herta. »Gott! Solch einen kleinen Bruder

möcht' ich auch noch haben!«

Aber Nazis sechsjähriges Schwesterchen spricht ein ernstes und

passendes Wort:

»Tu das lieber nich, Herta,« sagt sie, »da is viel Arbeit bei.«

Meine Frau ist durchaus der gleichen Meinung und drückt ihrer

verstehenden Mitschwester dankbar die Hand.

Es ist auch zu bedenken, daß ich nicht nur schon fünf eigene Kinder

habe, sondern daß ein allerliebstes kleines blondlockiges Mädel, ein

Püppchen aus lauter Grazie und Spitzen, sich mir vollständig attachiert

und mich ohne alles Verdienst mit Standhaftigkeit »Vater« nennt. Auch

sie ist schuld, daß ich die Einleitung meines biologischen Wälzers

nicht zu Ende lesen kann. Wenn sie ihrer Puppe das Bett macht, packt

sie mir mit den Worten »Vater, halt' mal, bitte!« erst die Paradedecke

aufs Buch, darauf das Deckbett, dann das Kopfkissen, hierauf das

Bettlaken und endlich Matratze und Pfühl, und ich kann nicht eher

weiterlesen, als bis alles in der umgekehrten Reihenfolge, gehörig

geklopft und gelüftet, wieder in den Puppenwagen gelegt worden ist.

Und ferner ist zu bedenken, daß ich ja schon einen Nazi habe, einen

viel längern als diesen, nämlich den Obertertianer Erasmus. Wenn ihr

einmal ein Füllen auf einer großen Weide beobachtet habt, dann habt

ihr eine Vorstellung von Erasmus im Seebade. Solch ein Füllen, wie ihr

wißt, steht in diesem Augenblicke still und nachdenklich da, um ganz

plötzlich und unvermittelt den Kopf in den Nacken zu werfen, die Mähne

zu schütteln und mit geblähten Nüstern, wiehernd, den Rasen stampfend

und die Hufe gegen den Himmel werfend, zwanzigmal die weite Wiese zu

umrasen, und in seinem Gewieher ruft es: »Ihr lächerlichen Menschen,

wie lächerlich klein ist eure Erde!« So auch Erasmus. Wenn vom Gefäß

seiner Jugendkraft plötzlich der Pfropfen sich löst und knallend in die

Luft fliegt, dann wird er zum jugendlichen Steppenroß, das fliegenden

Laufes die Dünen und Sandwüsten der Insel durchstampft, und wenn

ihn der Hafer sticht, wiehert er mit ungemeiner Naturtreue. Es ist

sehr wahrscheinlich, daß die Zentauren der griechischen Mythologie

ursprünglich wildlebende Obertertianer waren.

Dabei zeigt dieses Natur- und Fabelwesen zu andern Zeiten Momente

einer überlegenen Ironie. Als er eines Morgens aus seinem Bette

stieg, bemerkte meine Frau, daß er aus dem einen Zipfel seines langen

Nachthemdes einen riesigen Knoten gemacht hatte.

»Was soll denn das?« rief meine Frau.

»Das soll mich daran erinnern, daß ich noch Cäsar präparieren muß.«

Das war freilich schon stark gegen Ausgang der Ferien.

Jeden Mittag um zwölf Uhr kommt Erasmus an meine Sandfeste, um mich

zum Baden abzuholen. Bei Obertertianern muß man die Badestunde immer

unmittelbar vor das Diner legen, weil nur eins die Kraft hat, sie

wieder aus dem Meere hervorzulocken: die Tischglocke.

Wenn wir dann zum Essen gehen, müssen wir auch an Nazis Tisch vorbei.

Sein Vater erlaubt ihm nicht, die Versicherung, daß er doch was zu

essen kriege, laut durch den Saal zu schreien; aber er blinzelt mir

heimlich mit boshaftem Frohlocken zu, und ebenso heimlich schüttle ich

grollend die Faust.

Wir entwickeln alle einen ziemlich gleichmäßigen Appetit, den bekannten

nördlichen Luft- und Meerhunger; aber Appelschnut wollte ihre Milch

nicht trinken. Da habe ich sie dazu überredet, ihre Mutter regelmäßig

bei Tische »anzuführen«. Ich gab ihr den teuflischen Gedanken ein, ihre

Milch heimlich auszutrinken, dann zur Mutter zu sagen: »Ich mag keine

Milch!«, und wenn die Mutter sie dann tadelte, ihr triumphierend das

leere Glas zu zeigen. Das wiederholen wir nun bei jeder Mahlzeit und

-- merkwürdig! -- jedesmal fällt meine Frau wieder darauf hinein, und

jedesmal tauschen Appelschnut und ich danach einen Blick der freudigen

Genugtuung: »Sie ist richtig wieder auf den Leim gegangen!«

Bei Tische muß ich, einem stillschweigenden Uebereinkommen gemäß, ein

gewisses Quantum Witze für den Hausgebrauch machen, zum Beispiel wenn

der Roquefort, der Maden hat, durch einen Camembert abgelöst wird,

muß ich sagen: »~Le Roquefort est mort, vive le Camembert!«~ oder so

etwas Aehnliches; der Nachmittag aber gehört dann allerdings vorwiegend

der Ruhe. Zwar nehme ich, in der Sandgrube liegend, die Biologie der

Meerorganismen vors Gesicht, aber doch nur in dem vollen Bewußtsein,

daß dieses Bewußtsein schon nach Beendigung des ersten Vordersatzes

schwinden werde.

Natürlich: wenn ich von Ruhe gesprochen habe, so hat das keinen Bezug

auf die Kinder. Kinder haben ein so ruhiges Herz, daß Haupt und Glieder

der Ruhe nicht bedürfen. Ich habe denn auch kaum das Quantum Schlaf

genossen, dessen man nach einem solchen Vormittage dringend bedarf, als

mir aus Traumeshimmeln etwas ziemlich Schweres, Warm-Lebendiges auf den

Magen fällt. Selbstverständlich Appelschnut.

»O Pappi, wir spielen zu fein! Karl is der Wolf, un ich bin das Pferd,

un denn kämpfen wir uns immer mit'nander!«

Ich habe also ein Pferd auf dem Schoß. Auch in diesem Augenblick, da

sie auf meinem Schoße sitzt, fühlt sie sich vollkommen als Pferd. Aber

das Pferd hat einen sehr kräftigen Schmutzfleck im Kleid.

»Roswitha, wie hast du das schöne neue Kleid beschmutzt!«

»Ach, das war so naß geworden, und da wollt' ich es mit Sand wieder

reinmachen, un da war es mit ein'mal so schmutzig.«

Der Sand muß starke Beimengungen von rötlichem Ton gehabt haben.

»Sag' es man nicht erst Mutter,« meint sie, »sie ärgert sich bloß.«

Diese Besorgnis um die Mutter finde ich ergreifend.

»Ich weiß ja, mein süßes Väterchen sagt nichts,« dabei wirft sie mir

die Arme um den Hals, küßt mich und trabt mit dem Wolfe davon.

Nicht einen Augenblick ist ihr der Gedanke gekommen, daß es für ein

Pferd absurd ist, sich auf den Schoß seines Vaters zu setzen und ihn zu

küssen.

Nach einer Viertelstunde kommen Pferd und Wolf wieder auf mich

zugerannt, und das Pferd ruft in großer Erregung: »Vater, Karl will

nich glauben, daß die Erde sich immer so rumdreht!«

Als Anhänger des Kopernikanischen Systems bestätige ich, daß die Erde

sich immer so rumdreht.

Karl wird nachdenklich.

»Er meint, dann fallen wir ja alle um!« ruft Appelschnut.

»Nein, die Erde hält uns fest und nimmt uns alle mit.«

»Wir drehn uns auch alle!« erklärt Appelschnut.

»Die Schaufel auch?« fragt Karl, auf eine im Sand steckende Schaufel

zeigend.

»Die Schaufel auch,« bestätige ich.

»Der Strandkorb auch?« -- »Der Strandkorb auch.« -- »Du auch?« -- »Ich

auch. -- Und du auch.«

»Ich?« -- »Ja.«

»Hähäää -- das ist nicht wahr!« ruft Karl mit überlegenem Lachen, und

vor dieser Ueberlegenheit muß ich wie schon so oft in meinem Leben

verstummen. Karl dreht sich nicht mit.

Und so verfließt der Nachmittag, so verfließt der Tag, und gleich auf

den ersten Tag folgt der letzte Tag. Ganz anders ist es als in den

Tagen der Schöpfung. Da heißt es: »Es ward aus Abend und Morgen ein

Tag.« Hier müßte es heißen: »Aus Abend und Morgen werden vierzig Tage,

hundert Tage, tausend Tage.« Was zwischen dem ersten und dem letzten

Tage liegt, ist ein stilles, ewiges Fließen von Wasser und Wind, von

Atem und Traum, und so wenig du die Tropfen im Meere zählst, so wenig

dir daran liegt, sie zu zählen, so wenig achtest du hier der Tage im

Meere der Zeit.

Wehmütig raffen die Kinder am letzten Tage den kleinen Hausrat unserer

flüchtigen Wohnstatt zusammen; wehmütig steh ich dabei, das Werk über

die Pflanzen und Tiere des Meeres mit seiner unausgelesenen Einleitung

in der Hand haltend. Da höre ich aus weiter Ferne ein Krähen. Ich

suche lange nach dem Ursprung dieses Schalles und finde endlich oben

am Rand einer hohen Dünenklippe zwei Menschen, die wie eine Dame und

ein Kind aussehen. Da der Wind herübersteht, so höre ich endlich mit

angespanntestem Gehör: »Ich krieg' doch wasch schu essen!«

Da reiß' ich von unserer verfallenen Strandburg einen mächtigen Pfeiler

los, pack' ihn mit beiden Händen und schüttle ihn mit furchtbarer

Drohung.

Und der Wind trägt mir ein letztes, jauchzendes Kinderlachen zu.

Und ganz zuletzt erlebe ich noch etwas Wundersam-Schönes.

Mein Töchterlein hat hier eine Freundin gefunden, die heißt Else.

Totweinen würde sie sich, wenn sie Else niemals wiedersehen solle, so

hat Irene erklärt. Nun umwandern sie, um Hals und Hüfte innig Arm und

Arm geschlungen, die Reste unserer Strandburg und singen.

Irene singt: »Nun ade, du mein lieb Elseland, lieb Elseland, ade!«

Das Land, wo sie Else kennen gelernt, ist ihr ein Elseland geworden.

Else singt: »Nun ade, du mein Irenenland, Irenenland, ade!«

Das Land, wo sie Irene fand, ist ihr ein Irenenland geworden.

»Irene« ist »der Friede« -- das weiß Else vielleicht nicht einmal.

Kinder, ihr singt ein tiefsinniges Lied.

Nun ade, du mein Irenenland -- -- --!

Inhalt

Die Marienbader Kur 5

Die Ziege 33

Die späte Hochzeitsreise 53

Die Hosentaschen des Erasmus 101

Flieh, auf, hinaus ins weite Land! 119

Der süße Willy 137

Ernsthafte Predigt vom Kommersieren 195

Der große Irrgarten 221

Im Seebade 253

Von Otto Ernst erschienen ferner

im Verlage Ullstein & Co, Berlin:

In der Sammlung der Ullstein-Bücher

Laßt Sonne herein!

Eine Sammlung heiterer Geschichten und Plaudereien des bekanntesten

und beliebtesten Humoristen unserer Zeit, ein lachender

Sorgenbrecher, der überall willkommen ist.

In der Sammlung der Jugendbücher

Gulliver in Liliput

Der Hamburger Dichter erzählt hier der Jugend die lustigen

und zugleich lehrreichen Abenteuer des Seemannes Gulliver im

sagenhaften Zwergenlande der Liliputaner.

Preis 1 Mark

Von Otto Ernst erschienen ferner:

Im Verlag +L. Staackmann+, Leipzig:

Semper der Mann, Roman. 30. Tausend.

Semper der Jüngling, Roman. 65. Tausend.

Asmus Sempers Jugendland, Roman. 100. Tausend.

Appelschnut, humoristische Plaudereien, reich illustriert.

35. Tausend.

Ein frohes Farbenspiel, humoristische Plaudereien. 30. Tausend.

Vom geruhigen Leben, humoristische Plaudereien. 35. Tausend.

Vom grüngoldnen Baum, humoristische Plaudereien. 28. Tausend.

Aus meinem Sommergarten, humoristische Plaudereien. 21. Tausend.

Sankt Yoricks Glockenspiel, Satiren, Schwänke, Schnurren,

Aphorismen usw. 10. Tausend.

Der süße Willy, Humoreske. 22. Tausend.

Besiegte Sieger, Novellen. 6. Tausend.

Kartäusergeschichten, Novellen. 7. Tausend.

Gedichte. 4. Tausend.

Glimmen des Mittags, Gedichte. 4. Tausend.

Siebzig Gedichte. 30. Tausend.

Bannermann, Schauspiel. 3. Tausend.

Flachsmann als Erzieher, Lustspiel. 34. Tausend.

Die Gerechtigkeit (Revolverjournalisten), Lustspiel. 6. Tausend.

Die größte Sünde, Trauerspiel. 8. Tausend.

Die Liebe höret nimmer auf, Tragikomödie. 5. Tausend.

Jugend von heute, Lustspiel. 14. Tausend.

Ortrun und Ilsebill, Märchenkomödie. 3. Tausend.

Tartüff der Patriot, Lustspiel. 3. Tausend.

Blühender Lorbeer, Aufsätze. 10. Tausend.

Laßt uns unsern Kindern leben! Aufsätze. 10. Tausend.

Nietzsche, der falsche Prophet. 5. Tausend.

Gewittersegen, ein Kriegsbuch. 11. Tausend.

Im Verlag +M. Glogau jr.+, Hamburg:

Hamborger Schippergeschichten, Plattdeutsch nach Drachmann. 8. Taus.

Jugendschriften

Im Verlag +Jos. Scholz+, Mainz:

Der Kinder Schlaraffenland, illustriert. 10. Tausend.

Im Verlag +G. W. Dietrich+, München:

Hinaus ins Freie! Illustriert. 5. Tausend.

Im Verlag +Union+ Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart:

Robinson Crusoe, neu erzählt und reich illustriert. 10. Tausend.

Ullstein-Bücher

Neue Bände:

Besser Herr als Knecht

von Fedor von Zobeltitz

Ein deutscher Balkanfürst, eine ritterliche Phantasiefigur, ist der

Träger der Eisernen Krone, ist der Held des Romans. Er hat die Züge

Alexanders von Bulgarien, des Battenbergers. Sein Schicksal erhält

durch Zobeltitz das Kolorit, die szenischen Wirkungen eines großen,

spannenden Theaterstücks. Vom Berliner Hof des alten Kaisers, von einer

märkischen Garnison, von der Burg eines reichsunmittelbaren deutschen

Hauses geht es hinüber in den abenteuerlichen Halborient.

In der Kommandantenkajüte

von Hans Wilhelm Hollm

Marinegeschichten, an Bord erzählt, im vertrauten Beisammensein der

Kameraden: Erinnerungen an den Zauber der Südsee, vom Heimweh nach

der Ferne, nach dem frohen Leichtsinn der Jugend heraufbeschworen,

Geschichten vom Finden und Auseinandergehn, von Abschied und

Wiederbegegnung, heitere und ernste Lebensepisoden. Ein deutscher

Seeoffizier ist der Verfasser des prachtvoll frischen und prachtvoll

ehrlichen Buches, das überall die Herzen höher schlagen lassen wird.

Der belagerte Tempel

von Thea von Harbou

Das Werk Theas von Harbou, das mit starkem Griff hineingreift ins

Leben, ist ein Roman der deutschen Bühne zur Kriegszeit. Alle Typen

des Schauspielertums treten auf, inmitten ernster und froher,

leidenschaftlicher und stiller, rauher und weihevoller Szenen. Ein

letzter, südlicher Sommertraum unter den Zypressen Capris geht der

wuchtig geführten Handlung voran.

Jeder Band 1 Mark

[Illustration:

Berlin SW 68

Ullstein & Co

]

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend

korrigiert.

Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):

S. 233: vel → viel

für die das Wasser {viel} zu tief war

Das Glück ist immer da! Heitere Geschichten und Plaudereien · 第 11 / 11 段