»Meine Herr'n -- entschuldigen Sie -- meine Damen und Herr'n, wollte

ich sagen,« begann auf dem Verlobungsdiner der Stadtrat Kneesen,

»also: meine Damen und Herr'n, erlauben Sie mir, mm, zu dieser

feierlichen Gelegenheit einige schlichte Worte, wie sie aus'm einfachen

Freundesherzen kommen, mm, was ich nu bereits viele Jahre bin, mm, an

Ihnen zu richten, mir erlauben werde. Mein alter Freund Helmerding, mit

dem ich manchen Sturm erlebt habe, das is'n Mann, ich meine: 'n bessern

Kerl -- ich bin immer 'n bischen grade weg, meine Herrschaften -- kann

man gar nich, un wenn man noch so lange mit der Laterne sucht, mm, kann

gar nicht gefunden werden. Er is allgemein geachtet un geliebt un hat

was für die Stadt getan un hat 'n Herz für die Armen -- ja, ja, das

has du, Helmerding, das laß ich mir nich nehmen! Un was die alte Mama

Helmerding is, die hab' ich auch immer lieb gehabt -- ja, das heißt

alles in Ehr'n, meine Herrschaften, alles in Ehr'n -- hähähähähähä --

-- Na, was wollt' ich noch sagen, also: ich will mich kurz fassen,

meine Herrschaften. Unser verehrtes Brautpaar hat uns die Freude

gemacht, die +große+ Freude gemacht -- mm -- sich in den heiligen Stand

der Ehe begeben zu wollen. Un wenn ich mir da nu zuers den Bräutigam

betrachte, da muß ich sagen: er macht seinen Eltern Ehre -- un Freude

-- un -- ja, das tut er, un kann ich nur hinzufügen, was ich so halb

offisiell weiß, daß er wohl nächstens Stadtverorn'ter werden wird,

na, ich meine, meine Stimme hat er, un er kriegt noch viele dazu, das

soll'n Sie mal sehen. Denn solche Männer, ich meine, die brauchen wir,

die durch Fleiß un Intelligenz un was sonst noch -- sich emporgewickelt

-- äh -- wollt' ich sagen: entwickelt haben, +gehören an die Spitze+!!

Un wenn ich nu zu der lieben Braut übergehe -- djä -- was soll ich da

anders sagen, als -- er hat sich 'ne Frau ausgesucht -- die zu ihm

paßt! Praktisch is sie -- un -- un -- wir haben sie alle gern, un hat

uns alle sehr leid getan, das müssen wir aufrichtig sagen, als sie

ihren Herrn Gemahl so schmerzlich verloren hat. Aber -- ich meine --

unser Willy, der wird sie schon trösten, hähähähä, un bitte ich Sie,

mit mir anzustoßen: Unser Brautpaar soll leben hoch -- un noch 'n mal:

hoch! -- un zum dritten Mal: hoch!«

»Komm, mein süßen Willy, du has noch gar nich mit mir angestoßen!« rief

die entzückte Frau Helmerding.

Da trafen sich die feingeschliffenen Gläser in einem vollen Klange, und

im Auge der Mutter schimmerte eine Träne.

Ernsthafte Predigt vom Kommersieren

Motto: Solche Brüder müssen wir haben,

Die versaufen, was sie haben.

Liebe Brüder!

Es sind einige unter euch in Briefen wider mich aufgestanden mit

beweglichen Klagen, daß ich in meiner tiefgründigen Abhandlung »Vom

Essen und Trinken« das Essen bevorzugt und das Trinken vernachlässigt

hätte. Das Essen nähme einen viel zu breiten Raum ein im Vergleich zum

Trinken usw. usw. Noch täglich laufen neue Briefe ein; wohl selten hat

eine Frage unser Volk so in seinen Tiefen aufgewühlt wie diese.

Leider haben es sich dabei einige der Briefschreiber nicht versagen zu

müssen geglaubt, über das Essen im allgemeinen verächtlich zu urteilen

und dem Trinken unvergleichlich edlere Eigenschaften zuzusprechen. Ich

habe beim Lesen solcher Briefe im stillen auf ein Stadium geschlossen,

in dem der Appetit auf feste Substanzen bereits für immer geschwunden

zu sein pflegt; aber ich behalte das für mich. Die Sache ist zu ernst,

um nicht alles persönlich Verletzende von ihr fernzuhalten.

Aber beklagenswert bleibt es, daß man dergleichen unduldsame Meinungen

nicht zurückgehalten hat. Schlaraffenland ist ein paritätischer Staat

und soll es, so denke ich, bleiben. Man soll es sich dreimal überlegen,

ehe man an seiner Verfassung rüttelt. In einem gesunden Staatskörper

wird die feste Nahrung immer die geeignetste Grundlage bilden für alle

trunkhaften Bestrebungen.

Es ist richtig, daß Pharao den Mundschenk begnadigte und den Bäcker

hängen ließ. Aber es ist voreilig, daraus nun Schlüsse für das Trinken

und gegen das Essen zu ziehen. Hier handelte es sich eben um einen

Bäcker, also um Brot und Kuchen, und daß diese viel zu viel Mehl

enthalten, hat noch kein anständiger Mensch bestritten. Aber die

Aufknüpfung des Bäckers beweist nicht das geringste gegen Roastbeef,

Rehrücken, Ente, Hummer, Kaviar usw. usw.

Liebe Brüder, man soll das eine tun und das andere nicht lassen.

Zwischen Rehrücken und Rotspon sitzen: das nenn' ich goldene Mitte.

Ich hoffe euch davon zu überzeugen, daß mir die Reize der besseren

Feuchtigkeit nicht fremd sind.

Was den gegen mich erhobenen Vorwurf betrifft, so muß ich doch zunächst

bemerken, daß ich die Freuden des stillen Suffs sehr objektiv gewürdigt

und mich der dampfenden Bowle ~en petit comité~ wie immer wärmstens

angenommen habe. Aber ich gebe zu, daß ich den eigentlichen, geregelten

Kultus der Getränke mit seinem tiefsinnigen und ehrwürdigen Ritual, daß

ich das planvolle, bis zur Bewußtlosigkeit zielbewußte Massentrinken,

den Kommers, leider übergangen habe. Wer beides, Essen und Trinken,

in +einer+ Abhandlung bewältigen will, wird immer eines von beiden

vernachlässigen müssen. Dazu ist der Stoff zu weitschichtig, seine

Anordnung zu schwierig, die Konzeption zu kühn.

Wenn ich übrigens den Kommers soeben als ein Massentrinken bezeichnet

habe, so ist das ganz subjektiv gemeint, d. h. ich betrachte die Masse

als Subjekt des Komments. Versteht man unter der Masse das Objekt, so

wird im Verlaufe des Kommerses das Objekt zum Subjekt und das Subjekt

zum Objekt, wie dann überhaupt so viele Dinge, z. B. die Viehbub und

der Saumagd und der Viehmagd und die Saubub, miteinander vertauscht zu

werden pflegen. Ich weiß nicht, ob das klar ist. Wem es nicht klar

ist, der betrachte es als den philosophischen Teil meiner Ausführungen.

In die gemeine Bierdeutlichkeit übersetzt, soll das aber heißen, daß

der Mensch sich nicht um jeden Preis besaufen soll. Ich bitte wohl

zu bemerken: ich sage +nicht+, daß er sich nicht besaufen soll; ich

möchte hier um alles nicht mißverstanden werden; er soll es nur nicht

+um jeden Preis+ tun! (Ich denke bei »Preis« nicht an Geld; denn

erstens ist das Qualitative immer selbstverständlich, und zweitens

würde ich dann »+für+ jeden Preis« sagen.) Aus den Burschen, die mit

der Vertilgung von zwanzig Seideln protzen und in jedem, der es nur

auf neunzehn gebracht hat, einen fluchwürdigen Jämmerling sehen,

werden nachher nur allzu oft jene Bürschchen, die aus dem Ueberschwang

der Jugend nichts gerettet haben als Tugend und einen Magenkatarrh.

Der Mensch soll trinken, weil es ihm +schmeckt+, darum führt er den

Ehrennamen »der schmeckende Mensch«, ~homo sapiens~. Wem es aber so gut

schmeckt, daß er mit der unschuldsvollen, ahnungslosen Seligkeit des

Säuglings die Grenze der Mäßigkeit überschreitet, für den werde ich

immer ein sehr mildes Urteil bereit haben. Ueberhaupt diese Grenze der

Mäßigkeit -- ich weiß nicht -- es ist etwas so Merkwürdiges um diese

Grenze. Wenn man noch weit von ihr entfernt ist, sieht man sie sehr

scharf; hat man sie aber erreicht, so sieht man sie nicht mehr. Es ist

eine heimtückische, infame, eine ganz famose Grenze!

Ein Institut wie der Kommers mußte im Laufe der Zeiten seine Feinde

finden, das ist klar. Dazu ist die Sache zu gut. Soweit sich diese

Feindschaft gegen rohe Trinksitten richtet, ist sie mir recht. Es

alteriert mich, wenn ein Kneipant keinen Bierjungen trinken kann, ohne

daß es ihm zu beiden Seiten wieder zum Maul herausläuft; denn erstens

ist »Bluten« nach dem Komment strafbar, also unsittlich, zweitens ist

es für ein Herz, das die Gaben der Natur mit dankbarer Liebe verehrt,

eine betrübende Stoffvergeudung, und drittens sieht es scheußlich aus.

Wer einen mäßigen Bierjungen noch nicht mit lässiger Eleganz bewältigen

kann, der soll zu Hause, wo ihn niemand sieht, täglich einige Stunden

daran wenden und es üben. Die kleine Mühe lohnt sich immer.

Anders steht es mit einer anderen Art von Feindschaft. Um von ihr

sprechen zu können, muß ich meinen Lesern leider eine gewisse Sorte

von Menschen ins Gedächtnis zurückrufen. Ich habe einen Freund -- d.

h. er versteift sich merkwürdigerweise darauf, daß ich ihn so nenne

--, wenn ich zu dem sage: »Kerl! Mordbube, du hast ja die ›Maine‹ in

die Luft gesprengt!«, so verneint er mit tiefem Erstaunen und beginnt,

mir ausführlich sein Alibi nachzuweisen. Wenn es draußen gleichzeitig

stürmt, hagelt, regnet und schneit, so daß sämtliche Regenschirme sich

mit emporgeworfenen Armen gegen ihre Bestimmung sträuben und die Luft

von aufgewehten Damenhüten erfüllt ist, und ich dann zu ihm sage:

»Prachtvolles Wetter, was?«, so erklärt er mit erfrischender Energie,

daß er das Wetter durchaus nicht schön finde, im Gegenteil: schlecht.

Der Mann ist nicht etwa in gewöhnlichem Sinne dumm; er hat vieles

gelernt und ist in seinem Berufe tüchtig; seine Dummheit ist eben eine

ganz außergewöhnliche. Soweit ich ihn bis jetzt vorgeführt habe, ist

er ja auch, in ganz kleinen Dosen genommen, ganz amüsant. Aber wenn

man im »Sommernachtstraum« neben ihm sitzt und die Handwerker mit

dem kindlich-souveränen, großäugigen Shakespearehumor ihr Schauspiel

aufführen, so stößt er mit dumpfem Ingrimm das Wort »Blech!« von sich.

Wenn man ihm ein Grimmsches Märchen vorliest und er hört von der Madame

Pabst, die eine goldene Krone aufhatte, »die war drei Ellen hoch«, so

stöhnt er aus gekränktem Herzen das Wort »Unsinn«, und wenn ich mich

mit einem anderen Freunde, einem +ganz+ anderen, an einem köstlichen

Büchlein ergötze, das lauter Verse ~à la~ Friederike Kempner enthält

und die Erhabenheit des Blödsinns mit tausend Zungen predigt, wenn

wir tränenden Blickes schwelgen im deliziösesten Nonsens, so vermag

er »einfach nicht zu begreifen«, wie man am Lesen solcher schlechten

Gedichte Gefallen finden könne. Die schöne Zeit solle man lieber darauf

verwenden, Goethe und andere, +wirkliche+ Dichter zu lesen usw. usw.

Ich denke, daß meine Leser sich jetzt den Typus vorstellen können, den

mein »Freund« repräsentiert. Stellen wir ihn wieder weg.

Wenn Deutschland eine vollständige Autokratie und ich der Autokrat

wäre: +diese+ Leute würde ich auf Staatskosten vergiften lassen. Denn

die Monomanie der Vernünftigkeit, diese traurigste Untergattung der

Halbidiotie, ist mehr, als ein normaler Mensch vertragen kann und sich

gefallen zu lassen braucht. Man schimpft so oft auf die Raubmörder,

und ich gebe zu: mit einem gewissen Recht. Aber ein Raubmörder tut doch

wenigstens mal etwas Unvernünftiges und trägt auf diese Weise sein

redliches Teil zur Bewegung bei, die die +höchste+ Vernunft ist und

ohne die die Welt nicht bestehen könnte. Die »düsteren Bestien« der

unentwegten Vernünftigkeit würden die Erdachse senkrecht zur Ekliptik

stellen, um den rechten Winkel herauszukriegen und der ewigen Zappelei

mit den Jahreszeiten ein Ende zu machen. Gottfried August Bürger, den

ich so sehr liebe, ich weihe dir ein großes, stilles Glas, weil du aus

warmblutendem Herzen aufschriest gegen die »kalten Vernünftler«.

Diese ungesalzenen Heringsseelen, diese frostigen Zeloten der

blöden Ernsthaftigkeit, diese wirklichen Nüchterlinge der korrekten

Richtigkeit und richtigen Korrektlinge der nüchternen Wirklichkeit

sehen im Kommersieren und im Kneipstaat ein schädliches und albernes

Institut; die kindliche Freude der Kneipanten ist ihnen kindisch und

läppisch, und sie finden abgeschmackt die weisheitsvollen Gesetze des

Kneipkomments, die, »was in schwankender Erscheinung lebt, befestigen

mit dauernden Gedanken«. O meine Brüder! Nicht um diese seriösen

Linealschlucker zu überzeugen, was nimmer ein Sterblicher je vermöchte,

nein, um uns selbst zu stärken im Glauben an den alleinseligmachenden

Komment und in allen guten Werken der Saufbrüderlichkeit, wollen wir

betrachtend immer tiefer uns versenken »in den Reichtum, in die Pracht«

der edlen Trinkerweisheit!

Welche Fülle realpolitischen Verstandes liegt schon in der Konstitution

dieses Bierstaates!

»Wer am besten saufen kann, ist König,

Bischof, wer die meisten Mädchen küßt.

Wer da kneipt recht brav,

Heißt bei uns »Herr Graf«,

Wer da randaliert, wird Polizist.«

Es ist gleichsam etwas Serbisch-Montenegrinisches in dieser Verfassung

und Gesellschaftsordnung! Und wie klug ist die Strenge jener Gesetze

über Biergericht und Bierskandal, Vor- und Nachtrinken und ~ex

pleno~-Bieten usw. usw.; mit welcher Sicherheit und Schwere trifft sie

den gefährlichsten Feind des Bierstaates, den unheimlichen »Knacker«

und »Glasbeißer«, der sich der allgemeinen Trinkpflicht tückisch

entziehen möchte! Den modernen Rechtsstaat erkennt man bekanntlich

daran, daß in seinen Bezirken möglichst viel und kräftig verdonnert

wird. So auch den Bierstaat. Ein eifriger Bursch oder gar Präside

oder Bierrichter wird immer Gelegenheit finden, einen Kneipanten mit

strengster Gerechtigkeit und Unparteilichkeit zu verknurren, und wenn

der Verknurrte das kostspielige Rechtsmittel der Berufung ergreift,

so ist das im Interesse der Hebung des Konsums natürlich nur mit

wilder Freude zu begrüßen. Wer den Strapazen dieses Rechtsstaates

nicht gewachsen ist, der muß sich eben rechtzeitig weinend aus diesem

Bund stehlen. Nur er, den das allgemeine Vertrauen zum Lenker des

Staatsschiffs berufen hat und den das Gefühl von der Erhabenheit seines

Herrscherberufs und von der Infallibilität seiner Entscheidungen

erheben darf, er, der Präside, muß als der widerstandsfähigste Schiffer

auf seinem Posten ausharren können, muß trotz Nacht und Nebel, trotz

Aus- und Abstoßen und trotz allem Schwanken des Fahrzeugs und aller

Seekrankheit sein Schiff zu den sonnigen Gestaden der Fidulitas lenken,

muß auch das sinkende Schiff als letzter verlassen, und bliebe ihm

schließlich nichts zum Umklammern als eine frischgeteerte Planke. Daß

ein solcher Mann mit weitgehender Macht und Autorität ausgestattet

sein muß, ist klar. Mit einer über alle subversiven, zentrifugalen und

anulkenden Tendenzen erhabenen Schneidigkeit muß er die Zügel straff

halten können und in ernsten Augenblicken den Mut zum skrupellosen

Blödsinn besitzen. Er muß Tempo und Rhythmus des Festes angeben, wie er

Tempo und Rhythmus der Gesänge (eine eminent wichtige Sache!) bei aller

Nachsicht gegen Melodie und Tonart mit wachsamer Strenge bestimmt.

Der Gesang! Er ist die Blüte des Kommerses und offenbart also seine

höchsten Schönheiten. Ich müßte ja ein Werk schreiben von der Dicke des

»Großen Meyer«, wollte ich das Thema »Die Studentenseele im Lied« auch

nur achtelwegs erschöpfen. Welch ein sanguinischer Optimismus in dem

herrlichen Refrain:

»O Rothschild, Rothschild,

Rothschild, schick' Geld, schick' Geld!«

Es fällt Rothschild ja gar nicht ein, Geld zu schicken; aber das macht

diese gläubige Bitte ja noch rührender. Welch hinreißende Beweisführung

in den Versen:

»Bums vallera, die Welt, die Welt ist wunderschön,

Bums vallera, die Welt ist wunderschön!«

In sechs Worten ist hier eigentlich alles gesagt; das »Bums vallera«

ersetzt den ganzen Leibniz. Gegen Bumsvallera gibt es keine Instanz.

Nur aus einer solchen Weltanschauung kann jene großgeistige

Ueberlegenheit erwachsen, die nirgends erhabener zum Ausdruck gekommen

ist als in den Worten:

»Was man draußen von uns meint,

Kann uns Schlacke sein,

Ist uns auch ganz schnurz!«

Aber weit gefehlt wär' es, zu glauben, daß dem Studentenherzen die

pietätvollen Gefühle fremd wären! Man beachte in dem allbekannten

»Fuchsenliede«, mit welch zärtlichem Interesse sich der ganze Chor

nach des Fuchsen Papa und Mama, nach der Mamsell Soeur und sogar nach

dem Herrn Rektor erkundigt, man beachte, mit welch teilnehmender Sorge

sich die ganze Korona mitten im Taumel der Jugendlust erkundigt, ob

denn der alte Hauschildt noch lebe, und mit welcher innigen Genugtuung

sie die frohe Nachricht, daß der alte Hauschildt immer noch lebe, ins

Ungemessene wiederholt. Ueberhaupt nimmt sich der Student mit der

schönen Weitherzigkeit der Jugend der alten Leute an, besonders da, wo

man diesen das Recht zum Trinken verkürzen will.

»Olle Winkelmann, olle Winkelmann,

Was süppst du denn so sehre?«

Und nun die Entgegnung des alten würdigen Mannes:

»Wat geiht di denn min Supen an,

Wenn ick et man betahlen kann!«

Das erinnert an die wuchtigen Schlagverse einer antiken Tragödie. Und

hat er denn nicht recht, der alte Mann? Und +wie+ recht hätte er erst,

wenn er's nicht bezahlen könnte! Die Frage, ob mit diesem berühmten

Dialog eine Ehrung des alten Kunsthistorikers Winckelmann beabsichtigt

sei, ist für den dichterischen Wert ganz belanglos. Die Verse gelten

eben für jeden Winckelmann, wenn er auch +ganz anders+ heißt.

»Ein altes Weib auf der Turmspitze saß

Und sauren Kohl mit Käse aß« --

ja -- wer, frage ich, würde sich mal um die alte Frau kümmern, wenn

es nicht der kommersierende Student täte?! Und wie ungerecht ist die

Beschuldigung, daß er über dem Kneipen die Studien vernachlässige! In

den allbekannten Versen:

»Der Herr Professor

Liest heut' kein Kollegium,

Drum ist es besser,

Wir trinken eins rum«

ist es doch für jeden Wohlmeinenden offen ausgesprochen, daß +nur+

deshalb getrunken wird, weil der Herr Professor nicht liest, und wenn

hämische Gesellen behaupten, der Herr Professor lese eben deshalb

nicht, weil alle Studenten trinken gegangen wären, so ist das für den

Effekt ja ganz gleichgültig. Jedenfalls zeigt das gediegene Lied:

»Gennn--eral Laudon, Laudon rückt an, an, an,

Gennn--eral Laudon, Laudon rückt an.

Laudon rückt an, an, an,

Laudon rückt an, an, an,

Gennn--eral Laudon, Laudon rückt an«

auf das deutlichste, daß die Studenten sogar bei der Kneipe unermüdlich

Geschichte repetieren, und wer aus eigener Bemühung weiß, welch

unausgesetztes Studium es erfordert, den »Abt von Philippsbronn« mit

»Pst« und Pfiff und Schnalz- und Schnarchgetön (im richtigen Tempo

bitte!) zu singen, und wer beobachtet hat, bis zu welcher idealen

Vollkommenheit es darin selbst schwächer begabte Talente bringen,

der kann den Studiertrieb der kommersierenden Jugend nicht anders

achten als hoch. Ist doch auch die höchste Blüte des Erkennens, die

rechte Selbsterkenntnis, durch Worte von ewiger Geltung zum Ausdruck

gekommen, z. B. in den Worten des biederen Mannes, der als Grobschmied

und Vater inspizierenderweise nach Halle kommt und seinem flotten Sohn

auf dessen Fragen: »Was macht die liebe Frau Mama, was machen die

zarten Schwesterlein?« so schlicht als wahr erwidert:

»Se sünd noch all recht fett und rund;

Se seggen, du bist en Swinehund.«

Wer nur sehen +will+, der sieht also klar genug, daß der Studio

sich nicht schont, vielmehr die härtesten Selbstanklagen mit Mut

und Ausdauer verträgt. Wer auch erhebt machtvoller die Stimme der

Menschlichkeit, als er es tut in den tief gemütvollen Worten:

»Reißt dem Kater den Schwanz aus,

+Reißt ihn aber nicht ganz aus!+

(Bravo!)

Laßt 'n kleinen Stummel dran,

Daß er wieder wachsen kann!«

Und wer macht sich zum dröhnenden Sprachrohr des verfolgten ~lepus

parvulus~ und trägt seine rührende Klage an das Ohr der Mitwelt?

~»Longas aures habeo,

Brevem caudam teneo.

Quid feci hominibus,

Quod me sequuntur canibus?~

~Caro mea dulcis est.

Pellis mea mollis est.

Quid feci hominibus,

Quod me sequuntur canibus?~

~Quando reges comedunt me,

Vinum bibunt super me.

Quid feci hominibus,

Quod me sequuntur canibus?«~

Mein Freund, der Vernünftige, hat mich darauf aufmerksam gemacht, daß

die Menschen den Hasen ja +eben deswegen+ verfolgten, +weil+ sein

Fleisch so süß und sein Fell so weich sei. O meine Brüder, soll ich ihm

'mal eine 'runterhauen? Aber nein! Seien wir duldsam gegen die Armen,

denen nicht geworden ist, das Farbenspiel des Lebens zu kosten, und

steigen wir als glückselige Wissende empor zu immer höheren Höhen des

Tiefsinns. ~Sursum corda!~

Da gelangen wir denn zu den orphischen Worten vom Bock, der nicht

milchen will.

»Mich wundert nichts, als daß, als daß

Der Bock nicht milchen will,

Und frißt doch allzeit Gras

Und frißt doch allzeit Gras.«

Millionen von Menschen, ganze Geschlechter von Erdbewohnern sind

achtlos an diesem Phänomen vorübergegangen, oder wenn sie es auch

beobachtet haben, so fanden sie doch nicht den Mut, nach der Ursache zu

fragen. Erst der trinkende Student fand diesen Mut. Gewiß: beantworten

konnte auch er diese Frage nicht, das mußte er den Professoren

überlassen, die die merkwürdige Erscheinung längst auf die Männlichkeit

des Bockes zurückgeführt haben; aber schon der Mut, eine solche Frage

zu stellen, ist bewunderungswürdig.

Die Behauptung:

»Häßlichkeit entstellet immer,

Selbst das schönste Frauenzimmer«

erfordert schon weit weniger Mut. (Denn wenn ein schönes Frauenzimmer

durch Häßlichkeit entstellt wird, was nützt ihm dann seine ganze

Schönheit?! Ja: kann man in einem solchen Falle +überhaupt+ noch von

einem »schönen Frauenzimmer« sprechen? Mein ernsthafter Freund verneint

es rundweg.)

Von kühnstem, bis in die Polarregionen vordringendem Forschergeiste

zeugen die sehr belehrsamen und bildungsvollen Verse vom Eskimo.

»Der Eskimo -- lebt manchmal wo,

Doch manchmal, da lebt er wo anders.

Er trinkt den Tran -- wie Bier der Mann

Und reibet damit Salamanders.«

Aber das alles, so tief es ist, ist noch seicht und trivial im

Vergleich zu dem Liede vom Frack.

»O wie bimmel, bammel, bummelt

O wie bimmel, bammel, bummelt

O wie bummelt mir mein Frack!

Ich hab noch nie einen Frack gehabt,

Der mir so sehr gebimmelbammelt hat.

O wie bimmel, bammel, bummelt

O wie bummelt mir mein Frack!«

Dies, ich wage das schämige Geständnis, ist mir das Höchste in der

Dichtkunst. Hier ist nur Empfindung, Beobachtung und Bericht von

Tatsachen; alle Reflexion ist vermieden. Der Dichter verzichtet auf

jegliches intellektuelle Moment, er ist ein Volldichter. Dieses Werk

konnte geschaffen und dann genossen werden bei gänzlich exstirpiertem

Gehirn, ausschließlich mit Hilfe des ~Plexus solaris~, jenes famosen

Gangliengeflechts in der Magengegend. Ueber den Vortrag sei folgendes

bemerkt: die Hände ruhen bis zu den Ellbogen in den Hosentaschen, die

Zigarre hängt genau senkrecht im linken Mundwinkel, der Blick tastet

mit elegischer Zärtlichkeit am Frack hinunter und sucht vergeblich den

vorderen Teil der Schöße. Tempo: das hartnäckigste Largo, nach Mälzel =

1. Aber --:

Jetzt kommt ein wichtiges Aber. Auch in diesem höchsten Moment soll der

Kneipant noch so viel Herrschaft über sich besitzen, daß er mit ernster

Hingabe singt und sich im stillen über seinen Ernst unbändig amüsiert.

Der größte Blödsinn wird ernst genommen: eben das macht den Kommers zu

einem Bild des menschlichen Lebens. Und wen solch ein Ernst von Herzen

heiter stimmt, der ist ein Herr des Lebens. Und das soll der Kneipant

sein. Wir wollen mit dem Stumpfsinn spielen wie Brutus, und nachher

wollen wir allerlei Tyrannen zum Teufel jagen. Sollte einer unter

euch, liebe Brüder, gewähnt haben, daß ich die Entwickelung unseres

Vaterlandes zur Bierarchie befördern helfen wolle, so hat er geirrt.

Und wenn das edelste Münchener Bräu oder das süffigste Gold vom Rhein

in Strömen fließt: obenauf schwimme der Mensch. Ihr sollt, liebe

Brüder, euer geehrtes Innere begießen, auf daß der +Mensch+ in euch zur

Blüte komme.

Nein, das meine ich natürlich +nicht+, daß einer ein steifes Genick

haben soll, daß einer sich nie vergessen soll, nie sich heiser singen

soll, daß er für alles Getriebe um ihn her einen kühlen Polizeiblick

bewahren soll, daß er ein dicker Klotz oder Pfahl sein soll, der von

keinem Freudenstrudel sich fortreißen läßt. Solche Scheusale gehören in

die Wolfsschlucht. Gottlob gibt es aber noch starke Kerle, die mitten

durch Tabak- und Freudenqualm einen freundlich-festen Blick balancieren

können, denen in seligsten Sekunden eherne Entschlüsse reifen und die,

+wenn's nottut+, auf beide Füße springen und Männer sein können.

Denn bei einem rechten Kommers singt man ja auch solche Lieder wie

»Freiheit, die ich meine« mit den selig-schönen Versen.

»Auch bei grünen Bäumen in dem lust'gen Wald,

Unter Blütenträumen ist dein Aufenthalt.

Das ist rechtes Leben, wenn es weht und klingt,

Wenn dein stilles Weben wonnig uns durchdringt.

Wo sich Männer finden, die für Ehr' und Recht

Mutig sich verbinden, weilt ein frei Geschlecht.

Das ist rechtes Glühen, frisch und rosenrot;

Heldenwangen blühen schöner auf im Tod«

und solche Lieder wie »An der Saale hellem Strande« mit den Versen:

»Drüben winken schöne Sterne,

Freundlich lacht manch' roter Mund,«

Das Glück ist immer da! Heitere Geschichten und Plaudereien · 第 8 / 11 段