Damit war nun freilich dem Rachebedürfnis der Frau Helmerding eine

verlockende Perspektive, dem Erziehungsbedürfnis Willys aber noch

keine neue Schule eröffnet. Aber auch dafür sollte Rat werden. Zum

Glück gab es im Orte noch eine Privatschule, die sich den anderwärts

Ausgestoßenen mit Hingebung und Aufopferung widmete, wenn bei den

Eltern auf ein entsprechendes Maß von Hingebung und Opferwilligkeit

gerechnet werden durfte. Diese Schule gehörte zu den idyllischen,

anekdotenumwobenen Instituten, deren sich ehemalige Schüler noch nach

vielen Dezennien in Stunden der höchsten Heiterkeit entsinnen, und die

dem schnöden, prosaischen Verstaatlichungsdrange immer mehr zum Opfer

fallen. Die Klassenzimmer dieses geweihten Bildungstempels waren von

solchen Dimensionen, daß ihnen eine vierte wohl zu gönnen gewesen wäre.

Dagegen konnte der Zeichen-Turn-Sing-Festsaal bescheidenen Ansprüchen

wohl genügen, wenn die Frau Direktorin ihn nicht zum Trocknen von

Kinderwäsche brauchte. Die Zeichenmodelle mußten stets um einige Tische

von dem Schüler entfernt aufgestellt werden; sehr erklärlich deshalb,

daß so durch Versehen oft Zeichnungen zustande kamen, die auf keines

der vorhandenen Modelle mit Sicherheit zu schließen gestatteten.

Uebrigens wurde der Turnunterricht, da an Geräten nur eine Reckstange

ohne Reck vorhanden war, in der Regel nicht hier, sondern auf dem

Stundenplan erteilt. Das Prinzip der Anschauung, auf dem bekanntlich

die ganze neue Unterrichtsweise beruht, wurde hier mit Raffinement

verfolgt. Dem geographischen Unterricht dienten nicht weniger

als zwei Wandkarten. Auf der einen, die Europa darstellen sollte,

erfreute sich Oesterreich noch der Lombardei, obwohl das schnellebige

Jahrhundert schon weit über die Abtretung Elsaß-Lothringens hinaus

war; die andere, ein Bild Afrikas, veranschaulichte durch ihre Farbe

die rätselvolle Dunkelheit dieses Erdteils und zeigte mit Bezug auf

das afrikanische Innere einen Grad der Unerforschtheit, der jeden

Kongoneger mit den wehmütigsten Reminiszenzen erfüllen mußte. Um den

physikalischen Unterricht machte sich eine betagte Luftpumpe verdient,

die aus sämtlichen Ventilen seufzte und nur von einem Lehrer vorgeführt

werden durfte, der eine hochentwickelte Beredsamkeit besaß und die

Schüler auf diesem Wege überzeugen konnte, der Rezipient sitze nach

viertelstündigem Pumpen wirklich fester als vordem. Aeußerte dennoch

ein modern-pietätloser Schüler einen naseweisen Zweifel, so wurde er

mit gebührender Entrüstung zurückgewiesen. Auch lebte in sämtlichen

Lehrern der Anstalt eine durch Jahrzehnte geheiligte Tradition, daß

die Magnetnadel unter der Einwirkung des elektrischen Stromes nur

dann von ihrer gewohnten Richtung abweiche, wenn man zu rechter Zeit

energisch an den Tisch stoße. Der Vollständigkeit wegen müssen wir noch

des Naturhistorischen Museums gedenken, das jahraus, jahrein auf einem

Schrank der Oberklasse stand, zur Rasse der ausgestopften Wildschweine

gehörte und, wenn es nicht gerade seine wissenschaftliche Mission zu

erfüllen hatte, mit Vorliebe eine Primanermütze auf dem linken Ohr trug

und aus einem Kalkstummel rauchte.

Ohne Zweifel würde auch diese Musteranstalt den hohen Ansprüchen Willys

nicht genügt haben, wenn ihm noch eine Wahl geblieben wäre. So mußte er

wohl oder übel seine Studien in diesen Mauern absolvieren. Uebrigens

wurde sein Schulbesuch durch häufige und andauernde Krankheiten

unterbrochen, die alle in dem Symptom übereinstimmten, daß sie sein

Wohlbefinden nicht beeinträchtigten.

Bevor wir jedoch unsern süßen Willy aus der Schule entlassen und in

das feindliche Leben hinausstoßen, haben wir den Bericht über seinen

gesellschaftlichen Bildungsgang nachzuholen. Es ist selbstverständlich,

daß, während er jede wissenschaftliche Ausbildung ablehnte, er seine

weltmännische Erziehung nicht vernachlässigte. Das eine tun und das

andere nicht lassen, sagte er sich mit Recht. Schon mit vierzehn Jahren

konnte er auf drei tadellos angerauchte Meerschaum-Zigarrenspitzen

zurückblicken. Da er bereits mit fünfzehn Jahren eine militärpflichtige

Länge und Breite aufweisen konnte, wurde es ihm nicht schwer, in

jeder Bierkneipe eine seinen Jahren entsprechende Anzahl von Seideln

zu erhalten. Den nicht ganz unnatürlichen Widerwillen, den der

jugendliche Deutsche als Anfänger bei der Vertilgung des fünfzehnten

Seidels empfindet, bekämpfte Willy mit Selbstverleugnung, wenn auch

sein Gesicht eine interessante Blässe zeigte, und mit sechzehn

Jahren belächelte er seiner Genossen Klagen über die Schrecken des

Katzenjammers mit der Ruhe eines Weisen. Als seine Eltern es eines

Abends wagten, ihm wegen späten Nachhausekommens Vorwürfe zu machen,

ergriff er das unter diesen Umständen einzig richtige und jungen Leuten

in seiner Lage nicht dringend genug zu empfehlende Mittel, um solche

Eingriffe in das Recht der Jugend ebenso höflich wie entschieden

abzulehnen: er kam die nächste Nacht überhaupt nicht nach Hause. Wer

will das elterliche Gefühl schelten, wenn es am Morgen eifrig darob

sorgte, daß der Stolz des Hauses nicht im Kleiderschrank zu Bette

ging; wer will die Zärtlichkeit der Eltern verklagen, wenn sie in

Demut schwiegen, während das volle Gefäß ihrer Hoffnungen schnarchte?

Natürlich war ein Elternpaar wie dieses diskret genug, nie wieder ein

Thema zu berühren, das das »feurige Gemüt« des Jünglings verletzen

+mußte+. Zeitigte doch auch seine Entwicklung auf anderen Gebieten die

anmutigsten Blüten! Er hatte eine Art, den Walzer und den Lancier zu

tanzen, die man auf dem feinsten Pariser Kokottenball als ~très-chic~

bezeichnet haben würde. Es war eine Augenweide, ihn Billard spielen

zu sehen! Diese bei keinem Stoß außer acht gelassene graziöse Beugung

des auf der Fußspitze ruhenden linken Beines, dieses nicht minder

graziöse Heben der letzten Finger der rechten Hand, diese stark

akzentuierende Herauskehrung jener ästhetisch geschwellten Muskeln,

die zur Verlängerung des Rückens dienen: das alles erschien in einer

Vollendung, wie sie nur eine täglich fünfstündige Uebung erzielt. Diese

Uebungen pflog Willy gewöhnlich in der Gesellschaft von fünf oder sechs

Altersgenossen unter der künstlerischen Leitung eines Billardkellners,

der einen Ball über die ganze Länge des Billards zurückziehen

konnte und zu dem Willy deshalb herzliche Beziehungen unterhielt.

Dieser vielerfahrene Mann, der seinen jungen Freunden gegen gutes

Trinkgeld mit vielem Humor aus dem Schatze seiner praktisch-galanten

Weltkenntnis mitteilte und ihnen Geschichten für die reifste Jugend

erzählte, war unbegreiflicherweise der einzige im Restaurant, der

auf ihre Unterhaltung Wert legte. Obgleich die sechs jungen Leute

nicht ermüdeten, in jeder Minute zwölf Witze zu machen, und sie mit

einem Stimmaufwande zu Gehör brachten, der auch den Entferntsitzenden

vom Genusse nicht ausschloß, bemerkte man auf den Gesichtern der

Anwesenden, die nach jedem Bonmot sorgfältig studiert wurden, nicht die

leiseste Spur von Beifall. Ja, es kam sogar vor, daß einzelne Gäste

mit unverhohlenem Aerger ihr Bier austranken, das Seidel mit Betonung

auf den Tisch setzten und nachdrücklichst aufbrachen. Daß aber ein

dicker, freundlicher Herr mit einem Fritz-Reuter-Gesicht sie eines

Tages mit einschmeichelnder Vertraulichkeit fragte, ob sie denn nicht

lieber Marmel spielten, und damit ein schallendes Gelächter bei allen

anderen Gästen entfesselte: das war entschieden mehr, als man sich

bieten lassen konnte. Es kam zu einem sehr heftigen Auftritt, bei dem

der schändlich undankbare Billardkellner sich erfrechte, die jungen

Freunde unter Anwendung der unverschämtesten Redensarten, wie »grüne

Jungen« usw., nach der Tür zu drängen, und in welchem unser Willy noch

eben vor Verlassen des Lokals Gelegenheit fand, eine Fensterscheibe zu

demolieren. Diese Heldentat brachte ihm die Bewunderung seiner Genossen

und ein polizeiliches Strafmandat ein. Papa Helmerding bezahlte die

ganze Lumperei mit Stolz und Rührung und einem Kassenschein aus der

Westentasche.

Charakterisierte jene Tat die herbe Männlichkeit des jungen Willy, so

gaben seine frühen Beziehungen zum zarten Geschlechte die köstlichsten

Proben von der Süße seines Wesens. Ob er Glück bei den Frauen hatte?

»Eine nicht aufzuwerfende Frage!« Werden nicht fünfundneunzig

Prozent unserer Mädchen dazu erzogen, daß sie Willy gefallen und

Willy sie entzücke? Hat unsere Gesellschaft nicht für jeden süßen

Willy eine süße Tilly? Stehen diese Damen nicht kunstbegeistert am

Droschkenschlag, wenn der jugendliche Held und Liebhaber einsteigt,

und werfen sie ihm nicht während des Monologs »Sein oder nicht sein«

einen großen Blumenstrauß gegen den Bauch, wofern er hübsch ist?

Mit einer Frühreife, die den Byronschen Don Juan mit giftigem Neide

erfüllt hätte, empfand Willy schon im elften Jahre die leise Regung,

daß man die Frauen nicht in den Rücken puffen, vielmehr ihnen zart

entgegenkommen soll. Zunächst bemühte er sich, Mimi Petersen möglichst

oft und zart entgegenzukommen und vor ihr mit den Manieren eines eben

vollendeten Gentleman in absolut wagerechter Richtung den Hut zu

ziehen. Mimis ebenfalls elfjähriges Herz war empfänglich für solche

Freundlichkeiten und durch ihre Erziehung auf den gleichen Ton gestimmt

wie das Herz unseres Helden. Ein goldener Frauen- und Jungfrauenspiegel

leistete ihr und ihrer Mutter die wesentlichsten Dienste beim

Erziehungsgeschäfte. Eine goldene Damenuhr von koketter Kleinheit

unterrichtete Mimi über den langsamen Gang der Schulstunden, die sie in

bescheidener Zurückgezogenheit auf dem letzten Klassenplatze verlebte.

Ihre beringten Finger staken in den feinsten Seidenhandschuhen, und

ein duftiger Spitzenparasol kreiste über dem modernsten Sommerhütchen.

Sehr bald entdeckte Willy, daß es seinen Eindruck nicht verfehlen

könne, wenn er ihr auf dem Heimwege von der Schule die Büchermappe

abnehme. Schon beim zweiten Male begleitete er diese Galanterie mit

der Ueberreichung einer kostbaren Bonbonniere, die der Westentasche

seines Vaters fünf Mark kostete. Solange sein Vater Geld hatte, hatte

es Willy auch. Jene Präliminarien würden nun zweifellos zu einem

abendlichen Stelldichein geführt haben, wenn nicht ein unfreundliches

Schicksal trennend zwischen Willy und Mimi getreten wäre. Ein von Willy

an Mimi gerichtetes Billetdoux, in dem Grammatik, Orthographie und

Kalligraphie in schöner Vereinigung fehlten, geriet in die Hände des

Ehepaares Petersen, und dieses inhibierte einen weiteren Verkehr, da

es fest entschlossen war, seine Tochter in +dieser+ Beziehung streng

sittlich zu erziehen. Aber schon drei Tage später gaben Buchdrucker

Löhmanns von der »Gerechtigkeit« ein Kinderfest mit Frack, Lack und

Claque und Trüffeln und Pommery und Chartreuse, und Willy tröstete sich

durch eine neue ~entente cordiale~. Natürlich machte er innerhalb der

vorgeschriebenen Frist seine »Verdauungsvisite« -- Kavalier verabsäumt

dergleichen nie. Zu Hause hatte er freilich zu Frau Helmerdings

tiefster Indignation erzählt, bei der Gesellschaft sei einer gewesen,

der habe »den Fisch mit's Messer gegessen«, die guten Löhmanns lüden

sich überhaupt Krethi und Plethi ein, das passe ihm nicht. Durch

einen Ohrenzeugen ist uns aus Willys dreizehntem Lebensjahre ein

von ihm und mehreren Busenfreunden geführtes Gespräch erhalten, das

durch seine kindliche Einfalt und Schlichtheit einen unvergänglichen

Reiz behauptet. Dieses Gespräch fand statt, als Willy eines Abends

wie gewöhnlich in der Nähe seines Hauses, von einer stattlichen

Korona mitfühlender Genossen umgeben, auf einem Gartenzaune saß, die

zierlichen blauen Ringe einer Havanna in die Abendluft blies und die

des Weges kommenden zehn- bis sechzehnjährigen Beautés Revue passieren

ließ.

»Du, Willy, da geht Lina Schütze, deine alte Liebe!«

»Ach, die, -- na -- das +war+ einmal,« warf Willy hin, mit

unaussprechlicher Nonchalance die Asche von seiner Regalia knipsend.

»Sie ist übrigens gar nicht übel, du!«

»Ach was, Schellfischaugen!« urteilte Willy, und lautes Gelächter

folgte seiner Kritik. »Da solltet ihr mal Olga Reimers sehen! Acht

Tänze hab' ich neulich mit ihr getanzt. Donnerwetter, ich sag'

euch, 'n schneidiges Mädel!« Und seine Havanna glühte im Halbdunkel

begeistert auf.

»Die Lina Schütze ist aber auch nicht wenig grimmig auf dich!«

»Pah -- wat ick mir dafür koofe!« trällerte Willy. »Ist mir ja nichts

dran gelegen, sonst -- mit'n Stück Cremeschokolade krieg' ich sie 'rum.«

»Na? Ich weiß nicht so recht --«

»Ach du, lehr' du mich die Weiber kennen, ja? Ich meine, wenn einer sie

kennt, kenn' ich sie.«

Willy blickte im Kreise umher -- allgemeine Zustimmung.

»Für 'ne Tafel Schokolade, sag' ich dir! Wetten?«

»Ja, wetten!«

»Um was?«

»Um zwanzig Zigaretten -- aber ›King‹!«

»Abgemacht! Hau durch, Ehlers!«

In diesem Augenblick rief einer der Herren: »Achtung!« -- Alles machte

Front und riß vor Klara Meißner, einer brünetten Dame von dreizehn

Jahren, mit einstimmigem »Ah!« die Kopfbedeckung herunter. Klara fand

diese Huldigung so schmeichelhaft, daß sie sich umdrehte und noch

einmal zurücklächelte, eine Liebenswürdigkeit, die die Versammelten mit

den elegantesten Kußhändchen von der Welt beantworteten.

»Junge, die kann aber Blicke schmeißen, was? Die hat was Dämonisches!«

»Hm, geht an,« murmelte Willy mit Herablassung. »Wißt ihr, diese

Brünetten haben gewöhnlich diesen gelben Teint ...« -- -- -- --

Leider erstreckte sich Willys wählerischer Geschmack in späteren Jahren

nicht in demselben Maße auf die Reinheit der Seelen wie hier auf die

Reinheit des Teints. Sein achtzehntes Lebensjahr ist in dieser Hinsicht

besonders bedeutungsvoll. Eine Dame, deren allgemeine Beliebtheit sich

leider auf die Herrenwelt beschränkte und die »ihrem süßen Willy« an

Alter und Erfahrung weit überlegen war, vermochte ihn an einem schönen

Tage dieses Jahres, mit ihr den Zug nach Berlin zu besteigen und

seinen Vater mit Ungewißheit über den Verbleib von fünftausend Mark

zu erfüllen. Nachdem Willy drei Tage lang die Vorzüge der Residenz

genossen hatte, erschien in sämtlichen großen Zeitungen Deutschlands

folgendes Inserat:

Willy!

Bitte, kehre zurück! Wir ängstigen uns

furchtbar um dich! Alles ist dir verziehen!

Dieser Beweis elterlicher Zärtlichkeit rührte Willy so tief, daß er

beschloß, sofort zurückzukehren, sobald seine Kasse erschöpft sei.

Nach weiteren zwölf Tagen war dieses Ziel erreicht, und jetzt hielt es

ihn nicht länger in der kalten Fremde. Er erbat sich per Telegramm von

Papa Helmerding das Geld zur Rückreise und kehrte ohne die Wonne seines

Herzens zurück, obschon er sich auf dem Höhepunkte der fünftausend

Mark mit ihr verlobt hatte. Den Empfang wird sich jeder Leser, wofern

er ein Verständnis für Familienfeste hat, selbst ausmalen können. Papa

Helmerding würde seinem verlorenen und wiedergefundenen Sohne ein Kalb

geschlachtet haben, und wenn es sein Leben gekostet hätte.

Seit undenklichen Zeiten ist es als die größte und bewundernswürdigste

Tat kindlicher Pietät gepriesen und in unsterblichen Romanen

verherrlicht worden, daß ein Kind seinen Eltern zuliebe auf ein

ganzes Liebes- und Lebensglück verzichtet. Mit staunenswerter Fassung

und Selbstüberwindung entsagte Willy auf dringendes Bitten seiner

Eltern seiner Verlobten sofort und für immer. Seine Geliebte, die

von den Berliner Vergnügungen mindestens die Mittel zur Rückreise

erübrigt hatte, zeigte bald, daß ihre Seelengröße nicht hinter der

seinigen zurückblieb. Sie fand sich nach mehreren Monaten ein und war

entsagungsvoll genug, ihr Glück für immer zu Grabe zu tragen und sich

mit den Begräbniskosten zu begnügen. Sehr feinfühlig und taktvoll gab

sie dabei zu erkennen, daß ein +kleines+ Opfer das lebhafte Gefühl der

Helmerdings, ihr genug tun zu müssen, nicht +auf die Dauer+ befriedigen

könne. Willy aber gab in einer großen und edlen Wallung seinem

Vater das reuige Versprechen, in Zukunft in allen ähnlichen Affären

vorsichtiger sein zu wollen, zumal der alte Helmerding seinem Sohne in

einer Poloniusszene klargemacht hatte, daß man ganz dieselben Ziele mit

weniger Kosten erreichen könne.

Unter diesen und sehr ähnlichen Vorfällen kam allgemach die Zeit

heran, da Willy seine unschätzbaren Dienste dem Vaterlande weihen

sollte. Leider hatte das dazu in erster Linie nötige Requisit der

Einjährig-Freiwilligen-Berechtigung noch nicht beschafft werden können.

Selbst die »Presse« des Dr. Ritsching, eine Unterrichtsanstalt, die

in einem halben Jahre eine ganze einjährige Intelligenz produzierte,

hatte auf Willy nur einen unter der Schädeldecke fühlbaren dumpfen

Druck ausgeübt, ohne daß der Verstand auf diesen Druck reagiert

hätte. Trotzdem lagen die Verhältnisse für Willy nach Absolvierung

des schriftlichen Examens nicht ungünstig; denn seine stilistischen

und seine Uebersetzungsarbeiten hatten die Prüfungskommission in jene

gehobene, humorvolle Stimmung versetzt, der die nachsichtige Milde so

nahe liegt. Ja, gleich zu Beginn der mündlichen Prüfung, von der man

auf inständige Verwendung des alten Helmerding nicht abgesehen hatte,

betrachteten sich die Herren +diesen+ jungen Mann, wie es schien, mit

einem ganz besonderen, heiteren Wohlwollen. Indessen traten im Verlaufe

der Prüfung die körperlichen Vorzüge Willys so entschieden gegen seine

geistigen in den Vordergrund, daß man ihm am Schlusse nach einstimmiger

Entscheidung die Qualifikation für eine dreijährige Uebung nicht

absprechen konnte.

Zu alledem kam noch, daß der Hausarzt der Helmerdings (es war wieder

der sarkastische Herr von damals) dem jungen Manne nach eingehendster

Untersuchung seines Körpers erklärt hatte, er werde »unbedingt seine

drei Jahre abreißen müssen«, ja, um jede gesundheitliche Befürchtung

abzuschneiden, hatte er hinzugefügt, daß ihm dies gar nicht schaden

könne. Plattfüße entdeckte er, wie wir ausdrücklich hervorheben

müssen, an dem jungen Helmerding nicht, obwohl diese Eigentümlichkeit

gewiß zu seiner Individualität nicht in Widerspruch gestanden hätte.

Um so freudiger war die Ueberraschung, daß die Aushebungskommission,

die ihn und seinen Vater allerdings besser kennen mußte, mit großer

Einhelligkeit von der Plattfüßigkeit Willys durchdrungen war und ihn

deshalb nur für einen leichten Ersatzreservedienst bestimmte. Und

mit Jubel, mit inniger Glückseligkeit, mit erhabener Begeisterung

und Freude beging man daheim, beging besonders die »von frommem Dank

durchdrungene« Mutter das Fest der platten Füße.

Unter solchen vielverheißenden Auspizien trat Willy endlich in

jenes reife Jünglingsalter ein, das sein kühner Geist schon lange

vorweggenommen hatte. Und daß er am Sonntage eine Minute vor Zwölf

geboren worden war, sollte auch für die Folgezeit ein günstiges Omen

sein. Willy kam immer zur rechten Zeit, immer, wenn der Sonntag

auf seinem Höhepunkte stand. Daß er zur militärischen Uebung

gar nicht einberufen wurde, weil er »überzählig« war, und sein

späterer, partout »nationaler«, treu zu Kaiser und Reich trinkender

Diner-Patriotismus ihm so auch nicht das geringste kostete, verdient

kaum der Erwähnung. Aber auf dem Plan der Landeslotterie stand mit

zollgroßen Lettern gedruckt: »Der größte Gewinn ist im glücklichsten

Fall sechshunderttausend Mark!« und für wen konnte die Vorsehung diesen

Fall vorgesehen haben, wenn nicht für Willy? Seit fünfunddreißig Jahren

waren das Große Los und die Prämie nicht zusammengefallen; aber in

der ersten Lotterie, an der sich Willy beteiligte und in der viele,

viele Tausende von armen Schneidern, Schustern und Kesselflickern

durchfielen, vereinigte sie ihre Nullen auf das Kind des Glücks und

der Helmerdings. Und der Zentralbahnhof, der nach zwei Jahren in der

Stadtverordnetensitzung beschlossen und bald darauf von der Regierung

genehmigt wurde, erhöhte den Wert der Willy Helmerdingschen Häuser,

weil sie ganz in der Nähe des zukünftigen Bahnhofs lagen, auf das

Doppelte, ohne daß Willy etwas anderes hätte zu tun brauchen, als

den Wert der Häuser mit zwei zu multiplizieren und sich dann über

das Produkt zu freuen. An der Börse richtete sich Willy mit Vorliebe

so ein, daß er bei Baisse kaufte und bei Hausse verkaufte. Was er

aufgehoben hatte, das war Hausse, und was er hatte fallen lassen, das

war Baisse.

Doch befriedigte ihn der Gang der großen chemischen Fabrik nicht, an

der er seit seinem sechsundzwanzigsten Jahre als einer der ersten

Aktionäre beteiligt war. Das Unternehmen hielt sich -- ja -- aber nur

so so, und an Dividenden war für lange Zeit nicht zu denken. Denn es

bestand noch ein anderes, ebenso großes und viel älteres Unternehmen in

der Stadt, und es mit diesem aufzunehmen, schien nachgerade unmöglich

zu werden. Aber eines schönen Sonntags starb der alleinige Besitzer

dieser anderen Fabrik, Herr Dr. Pfeiffer, an einem Herzschlage. Grund

genug für Willy, in der nächsten Versammlung der Aktionäre eine

Idee zu haben. Die andre Fabrik ankaufen! Sei der Verstorbene ein

vorzüglicher Geschäftsmann gewesen, so verstehe seine kinderlose Witwe

von geschäftlichen Dingen leider oder gottlob so gut wie nichts. Nur

habgierig sei sie, und kosten werde das etwas; aber der Erfolg sei in

seiner Großartigkeit gar nicht abzuschätzen. Und in der Tat, die Witwe

forderte nicht wenig. Zwei Millionen, und keinen Pfennig weniger. Das

war hart; aber Willy war härter und drang bei seinen Konsorten durch.

Schon seit längerer Zeit bemerkten die Helmerdings eine auffallende

Veränderung an ihrem Kinde. Willys Wangen schienen einzufallen;

seine Augen waren oft starr auf einen Punkt gerichtet; eine

düstere Melancholie umschattete sein Antlitz; dann wieder schien

eine plötzliche Verklärung seine Züge zu umglänzen. Sein Gang war

ungleichmäßig, bald schleppend und müde, bald hastig und aufgeregt.

Er floh der Brüder wilden Reih'n und irrte allein, während er sonst

in Gesellschaft geirrt hatte. Selten kam ein Wort über seine Lippen;

nur wenn die besorgte Mutter ihm die Wangen streichelte und warnend

sprach: »Du arbeits zu viel, mein Willy,« antwortete er ihr mit einem

kindlichen »Ach was!«. Essen und Trinken genoß er nicht mehr mit jener

inbrünstigen Konzentration auf Gabel und Glas, wie man sie an ihm

gewohnt war; er betrieb das wie ein gleichgültiges Geschäft, +wenn+ er

es überhaupt als ein Geschäft betrachtete.

Eines Tages aber ging die Sonne Willys wieder strahlend auf im Hause

Helmerding. Wer an diesem Tage vier Uhr zwanzig Minuten nachmittags

zu den Helmerdings ins Zimmer getreten wäre, würde gesehen und gehört

haben, wie der Papa und die Mama ihren Sohn abwechselnd umklammerten

und unter Schnaufen und Weinen (dieses kam auf Rechnung der ewig

weiblichen Frau Helmerding) ihrem Sohne zuriefen:

»Viel Glück, mein Willy! Viel Glück, mein Willy! -- Du bist 'n gutes

Kind, jaa, un has deinen Eltern immer Freude gemacht; jaa, un viel

Glück auch, mein Willy!«

Willy hatte nämlich seinen Eltern soeben die Mitteilung gemacht, daß

er sich mit einer Doppelmillion verlobt habe und die Witwe des Dr.

Pfeiffer als Mitgift erhalte, die, wie er am folgenden Abend einer

superben Balletteuse vom Stadttheater beim Champagner erzählte, »hoch

in den Neununddreißigern« war und noch Spuren früherer Häßlichkeit

zeigte.

Erst jetzt erkannten die Aktionäre +einstimmig+ die Rentabilität des

Ankaufs.

Die alten Helmerdings konnten sich über diesen genialen Streich ihres

Kindes gar nicht beruhigen, und als sie in der Nacht, die diesem Tage

folgte, erst gegen Morgen entschlummerten, sahen beide im Traum die

gleiche Verlobungsanzeige:

»Zwei Millionen

Willy Helmerding

Verlobte.«

Aber im Traumbilde der Mutter umschlang ein lieblich grünender

Myrtenkranz das Ganze.

* * * * *

Das Glück ist immer da! Heitere Geschichten und Plaudereien · 第 7 / 11 段