Eine der traurigen Folgen von Willys Grundübel war auch ein länger

andauerndes Ohrenleiden, dessen Heilung regelmäßige Einspritzungen

erforderte. Solche Prozeduren pflegen trotz der Versicherungen der

Aerzte niemals sehr angenehm zu sein, wie man denn überhaupt auf das

subjektive Urteil der Aerzte in dieser Hinsicht nicht viel geben und

es z. B. sehr wohl erleben kann, daß einem nach der mit gewinnender

Liebenswürdigkeit gegebenen Versicherung, es handle sich um eine ganz

leichte und schmerzlose Operation, ein Bein abgesägt wird. Immerhin

aber erschien es übertrieben und nicht ausreichend motiviert, wenn

Willy bei jedem Herannahen einer solchen Dusche eine Art Kannibalentanz

ausführte und diverse Gegenstände zerschlug oder zertrat oder zerriß

oder seine Mutter in den Finger biß. Der geschäftskluge Papa sah

sehr bald ein, daß er bei weitem billiger »wegkomme«, wenn er seinem

Einzigen für jede Einspritzung, die er sich hübsch gefallen lasse, eine

Reichsmark verspreche. Und das tat er.

»Erst hinlegen!« bemerkte Willy mit treuherziger Offenheit; denn er

hatte seinen Vater längst als das Muster eines klugen Mannes kennen

gelernt.

Die Blicke der beiden Eltern begegneten sich in einem seligen Lächeln.

Ein Blitzjunge!

»Na da, da liegt es!«

»Das sind ja nur zehn Pfennige!«

Papa wollte sich ausschütten vor Lachen und rückte endlich mit einer

Reichsmark heraus.

Das Geld durfte Willy nach eigenem Belieben verwenden, und da er in

jedem erreichbaren Konditor-, Viktualien-, Spielwaren- und Tabakladen

erprobte, was er mit seiner Kasse erlangen könne, lernte er schon früh

den Wert des Geldes schätzen.

Der scharfsinnige Leser wird sich längst gesagt haben, daß Willy im

Verkehr mit anderen Kindern von bestrickenden Umgangsformen gewesen

sein muß. In den ersten Jahren seines Knospendaseins hatte er immer

einen großen Heiterkeitserfolg damit erzielt, daß er der Amme, seiner

Mutter oder seinem Vater ins Gesicht schlug. Wenn Fremde zum Besuch da

waren, wurde der in Freiheit dressierte Willy vorgeführt.

»Willy, schlag mich mal,« ermunterte die Mutter.

Willy, weit entfernt, sich zu zieren, schlug sie mal.

»Is das nu nich zu süß?« fragte Frau Helmerding.

Kein Gast konnte umhin, zu konstatieren, daß das in der Tat +zu+ süß

sei.

Willy setzte diese Produktionen in seinen späteren Jahren mit

wachsendem Erfolge fort. Es war ihm Bedürfnis, fremde Kinder zu

knuffen, bei den Haaren zu zupfen und zu stoßen, daß sie auf die Nase

fielen. Doch bewahrte er immer die pietätvolle Rücksicht, die er,

wie er wußte, älteren und größeren Kindern schuldig war; nur kleinere

beglückte er mit seinen Gunstbezeigungen. Mit Vorliebe führte er

seine Angriffe hinterrücks aus, einzig aus dem Grunde, weil so die

Ueberraschung größer wurde. Verfolgten ihn dann die Betroffenen, so

wurde er sich seiner ganzen Hilflosigkeit bewußt, und wie rasend

lief er davon, unausgesetzt »Mamaaa« brüllend, bis er seine Haustür

erreicht hatte und wieder im Dunstkreis der mütterlichen Liebe atmete.

Dann plötzlich wurde er sich seiner Würde mannhaft bewußt; er reckte

sich zu seiner ganzen Höhe empor, ließ den Verfolger mit erhabener

Kaltblütigkeit herankommen und spie ihm ins Gesicht. Keine Fischotter

ist jemals behender ins Wasser geschlüpft, als Willy nach solcher

Heldentat ins Haus glitt.

»Sie woll'n mir schon wieder 'was tuuun!« heulte er alsdann seiner Mama

mit dem ganzen Schmerz eines bedrängten Kindes entgegen. Und wehe dem

Vater oder der Mutter, die dann zu Frau Helmerding kamen, um sich über

Willy zu beschweren.

»Höheres bildet

Selber die Kunst nicht, die göttlich geborne,

Als die Mutter mit ihrem Sohn,«

wie sie dastanden: +sie+ »ihr Kind« -- das Wort »Kind« läßt sich mit

so unschuldsvollem, alles verzeihendem Klange sprechen -- ihr »Kind«

verteidigend: »+Das+ Kind? +Das+ Kind? Oh -- -- --« und +er+ hinter dem

Rock der Mutter mit Grimassen hervorschielend.

Mit derselben Leidenschaft, wenn auch natürlich aus gesellschaftlicher

Rücksicht dezenter, kniff und puffte Willy die Kinder, die mit ihren

Eltern bei Helmerdings zum Besuch kamen. Der Lärm, der sich darauf

erhob, wurde regelmäßig dadurch abgeschnitten, daß die besuchenden

Eltern, wie es sich gehört, ihre Kinder wegen ihrer Ungezogenheit

energisch tadelten. Die Höflichkeit ist eine so gefräßige Tugend,

daß sie oft alle andern verschlingt. Die Erwachsenen, die Willy beim

Kommen zunächst fragte, ob sie ihm etwas mitgebracht hätten, beehrte er

damit, daß er an ihnen emporkletterte, an ihren Kleidern seine Stiefel

abwischte, ihnen die Brillen von der Nase riß, sie mit Zigarrenasche

bewarf und durch höchst wißbegierige Fragen nach ihren persönlichsten

und delikatesten Angelegenheiten unterhielt. Freilich muß konstatiert

werden, daß die Besucher ihn in diesen Aufmerksamkeiten ermunterten,

indem sie den zärtlich mahnenden Eltern gegenüber bemerkten, oh, das

schade nichts, das mache nichts aus, der Rock könne leicht wieder

gereinigt werden; sie möchten ihren Willy doch gewähren lassen; er

mache ihnen Spaß ...

So? Ob er das wirklich tue ...

Natürlich tue er das. Sie würden Himmel und Seligkeit verschworen

haben, daß er »ein lebhafter, drolliger Bursche« sei, eine Kritik, die

sie auf dem Heimwege auch insoweit bestätigten, als sie der Meinung

waren, daß »die guten Helmerdings sich da eine allerliebste Kreatur

heranzögen«.

Es versteht sich, daß Willy den ersten Unterricht im Hause empfing,

zu seinem Unglück jedoch von Leuten, die einer wie der andere ihrer

Aufgabe nicht gewachsen waren, und denen Herr Helmerding ihr Gehalt --

er trug seine Goldstücke und Kassenscheine frei in der Westentasche,

und aus der Westentasche bezahlte er -- hinwarf mit der Frage, wie sie

sich erdreisten könnten, sich als Erzieher »ängaschieren« zu lassen,

da sie doch »keine blasse Ahnung« davon hätten, wie man mit Kindern

umgehen müsse.

Den sehr begreiflichen Elternwunsch, das Kind fern vom bösen Beispiel

fremder Kinder zu erziehen, mußten sich also die Helmerdings aus dem

Sinn schlagen.

Zur Ehre des Mutterherzens muß gesagt werden, daß Willy den ersten Tag

seines Schullebens nicht zu bestehen brauchte, ohne mit einem halben

kalten Huhn, einem Fläschchen Rotwein, zwei Apfelsinen und einem halben

Pfund Bonbons ausgerüstet zu sein, und nicht minder muß zur Ehre des

Vaterherzens anerkannt werden, daß dieses Vaterherz anspannen ließ

und seinen Liebling mit zwei Pferden der »Vorschule des Gymnasiums«

zuführte. Die ersten Schulwochen verliefen ohne bemerkenswerten

Zwischenfall; für alle Stunden zeigte der junge Helmerding insofern

ein gleichmäßiges Interesse, als er in allen an die Vertilgung

seines Frühstücks dachte und die Bewältigung dieses Stoffes ihm eine

stets unverminderte Aufmerksamkeit abnötigte. In einem etwas anderen

Sinne als der junge Lessing war er »ein Pferd, das doppeltes Futter

haben muß«. Den Unterrichtsgegenständen gegenüber zeigte Willy jene

Schwäche und Zartheit, welche die Mutter dem Lehrer von vornherein

unter zehnmaliger Anrufung seines schonungsvollen Mitgefühls als

die hervorragendsten Eigenschaften »des Kindes« bezeichnet hatte.

Mit mimosenhafter Empfindlichkeit verschloß sich sein Geist vor der

Berührung jeglicher Erkenntnis, und das »~Noli me tangere~« (zu

deutsch: Nichts tangiert mich) war der unveränderliche Ausdruck seines

Angesichts. Sein Gesicht gehörte freilich zu den in Romanen häufig

erwähnten, die sich »nur in gewissen Augenblicken seltsam zu beleben

scheinen«. Diese Augenblicke waren für Willy gekommen, sobald die

Spielpause begonnen hatte. Auf dem Spielplatz erwarb er sich rasch eine

allseitige Unbeliebtheit, gewann er im Sturme die Abneigung aller.

Er bemerkte mit großem Schmerze, daß die Durchführung des Kneif-

und Puffsystems hier auf fühlbaren Widerstand stieß. Das Verhältnis

zwischen dem Hause Helmerding und der Schule blieb gleichwohl längere

Zeit vorzüglich, bis -- Willy mit nicht guten und endlich gar mit

schlechten Zeugnissen nach Hause kam.

Jetzt hielt Herr Helmerding sen. den Augenblick für gekommen, da

er dem Direktor der Schule in einer energischen Ansprache die

kolossalen Mängel seiner Anstalt und die Grundverkehrtheit der dort

beliebten erzieherischen Maßnahmen explizieren müsse. Er tat dies

unter wiederholter Betonung des Umstandes, daß »sein Kind« doch das

Kind »wohlhabender«, »gebildeter« und »angesehener Eltern« sei. Der

Direktor, der ein so ruhiger Mann war, daß seine Ruhe immer als die

ausgesuchteste Höflichkeit erschien, erlaubte sich die Bemerkung, daß

es immer etwas Mißliches habe, so abschließend über Dinge zu urteilen,

von denen irgend etwas zu verstehen man nicht die Verpflichtung habe.

Er unterbreite Herrn Helmerding hiermit die Protokolle, in denen nur

die gröbsten Untaten und Nachlässigkeiten des Schülers Willy Helmerding

verzeichnet ständen, in der Ueberzeugung, daß die Statistik eine

vorzügliche Wissenschaft sei. Uebrigens könne er Herrn Helmerding Vater

schon jetzt die Eröffnung machen, daß Helmerding Sohn aller Voraussicht

nach das Klassenziel nicht erreichen und deshalb zu Ostern sitzen

bleiben werde. Worauf Herr Helmerding meinte, das werde man -- oho!

-- erst einmal abwarten, es gebe ja noch andere Schulen, in die man

alsdann seinen Sohn bringen werde, und die wohl die »Individualität

der Schüler« (das hatte Herr Helmerding irgendwo gehört) gerechter zu

beurteilen verständen. Der Herr Direktor bemerkte darauf mit einem

unsäglich betrübten Gesicht, daß er untröstlich sei, vor dieser

Drohung nicht in dem Maße erschrecken zu können, wie es vielleicht

wünschenswert wäre, daß seines Wissens keine Schule um träge und

schlecht erzogene »Individualitäten« so dringend verlegen sei, und

deshalb besonders eine staatliche Schule sich nicht in der glücklichen

Lage sähe, den Fortgang eines Willy Helmerding mit versammeltem

Lehrpersonal zu beweinen.

Auf dem Heimwege suchte der knirschende Vater nach einem möglichst

entwürdigenden und verachtungsvollen Ausdruck für den Direktor.

Seine ganze, grenzenlose Geringschätzung dieses Subjekts sollte

sich in diesem Ausdruck erschöpfen. Es währte nicht lange, bis Herr

Helmerding diesen Ausdruck in dem Worte »hungrig« fand. Er konnte

sich keine schimpflichere Charaktereigenschaft denken als den Hunger.

»So'n hungriger Schulmeister!« knirschte er also, »so'n hungriger

Schulmeister!«

Zu Hause angelangt, bemühte er sich redlich und aufrichtig (jeder

Unparteiische mußte das anerkennen), seiner Gattin und seinem Sohne

einen klaren Begriff davon zu geben, »+wie+ er dem Herrn Direktor den

Marsch geblasen habe«, und seine ausführliche Darlegung schloß er

mit der an seinen Sohn gerichteten, innig-warmen, aus der Tiefe des

Vaterherzens kommenden Mahnung, »sich man nix gefallen zu lassen«.

Trotzalledem! Das Unerhörte geschah; man hatte die Stirn, dem Ehepaar

Helmerding um Ostern mitzuteilen, daß der süße Willy sich noch einmal

den Unbequemlichkeiten des elementarsten Unterrichts zu unterziehen

haben werde. Jetzt aber erschien +Frau+ Helmerding im Amtszimmer des

Direktors.

Daß ihr Willy nicht versetzt sei, liege natürlich nur daran, daß

der Lehrer seine Pflicht nicht getan habe. Der wirklich mit einer

niederträchtigen Ruhe begabte Direktor antwortete, ohne auf den

Tenor dieser Bemerkung einzugehen, mit einem sehr instruktiven und

ungemein fesselnden Vortrage über Gerichtswesen im allgemeinen und

Injurienprozesse im besonderen, wobei er besonderes Gewicht auf

die Tatsache legte, daß solche Prozesse bedauerlicherweise nicht

immer mit Geldstrafen, sondern gegebenen Falles auch mit einer sehr

lästigen Unfreiheit der Bewegung für den Verurteilten endigten. Den

herbeigerufenen Lehrer fragte das gekränkte Mutterherz, ob er ihren

Willy wohl nicht leiden möge, daß er ihn nicht versetzt habe. Worauf

dieser weniger ruhige, dafür aber desto derbere Herr sie fragte, ob

sie glaube, daß er jeden verzogenen Faulpelz mit derselben Affenliebe

behandeln könne wie die resp. Mütter? Worauf die beleidigte Mutter

erklärte, daß sie ihren Sohn hiermit »unwiderruflich« abmelde und

ihn nicht einen Tag länger in einer Schule belassen werde, in der er

solchermaßen um den Lohn seines Strebens betrogen werde. Worauf der

ruhige und schweigende Direktor sich deutlich von seinem Sessel erhob

und wiederholt abwechselnd mit je drei Sekunden langem Verweilen auf

Frau Helmerding und auf die Tür blickte.

Willy wurde einer Privatschule übergeben -- selbstverständlich! --

mit hohem Schulgeld -- selbstverständlich! Der Vater betonte dem

Vorsteher gegenüber mit besonderem Nachdruck, daß für Willy Helmerding

ein hohes Schulgeld bezahlt werde. Der Vorsteher klopfte Willy auf

die Backen mit der Versicherung, daß er hier schon etwas lernen

solle; dafür wolle +er+ schon sorgen, der Herr Vorsteher. Dieser Herr

entwickelte dann vor Herrn Helmerding in aussichtsvollen Worten sein

pädagogisches Programm, in dessen Geiste sein Lehrpersonal wohl oder

übel arbeiten müsse -- er dulde nicht, daß auch nur ein Strich anders

gemacht werde, als er es wünsche, das heiße: von den Lehrern; von den

Schülern dergleichen zu fordern, bemerkte der Herr Vorsteher mit einem

sonnigen Blick auf Willy, würde natürlich grausame Pedanterie sein. Aus

welchem allen sich denn auch mit leichter Mühe schließen lasse -- eine

Schlußfolgerung, die er wohl nur bescheiden anzudeuten brauche --, daß

die großen Erfolge seiner Schule im Grunde genommen einzig und allein

auf seine Leitung zurückzuführen seien. Keine Schule könne so sehr die

Individualität der Schüler berücksichtigen wie die seine. Hier könne

Herr Helmerding etwas erleben an Berücksichtigung der Individualität --

oh -- es sei überhaupt gar nicht zu sagen, wie man hier berücksichtige.

Hier geschehe überhaupt nichts anderes als Berücksichtigung der

Individualität. Jeden Buchstaben, jeden Ton im Gesangunterricht,

jeden Lehrsatz der Geometrie erzeuge resp. beweise der Zögling nach

seiner Individualität, selbst wenn diese Individualität dahin ziele,

den Lehrsatz +nicht+ zu beweisen. Wenn sich Herr Helmerding oder sein

kleiner braver Willy (ein wohlgefälliges Kitzeln des vorsteherlichen

Zeigefingers unter dem Kinn des Zweihundertmarkschülers) durch die

Maßnahmen der »Lehrpersonen« belästigt fühlten, so möchten sie nur zu

ihm kommen; Gerechtigkeit sei sein Lebensprinzip.

Diese Schule war in gewissem Sinne das Ideal einer demokratischen

Institution, insofern nämlich, als sie von sämtlichen Eltern geleitet

wurde. Da die Eltern freilich ihre pädagogischen Anregungen von ihren

Kindern erhielten, so waren im letzten Grunde diese die Herren des

Schulorganismus. Der Disziplin, welche in dieser Anstalt herrschte,

glaube ich kein größeres Lob aussprechen zu können, als wenn ich

sage, daß sie eminent gemütlich war. Den Lehrern wurde stets nach

wiederholtem Bitten bereitwillig das Wort erteilt, und es war

keineswegs ausgeschlossen, daß man ihren Ausführungen einige Beachtung

schenkte. Die ernsten Mahnungen und Drohungen der Lehrer wurden stets

mit einem bescheidenen, aber unbefangenen Lächeln aufgenommen.

Leider stand die Beschränktheit der Lehrer oft den besten Absichten

des Herrn Vorstehers im Wege. Er konnt' es nicht begreifen, wie ein

geschulter Pädagoge auch nur einen Augenblick schwanken konnte, den

August Papendieck auf zwei Tage vom Schulbesuche zu dispensieren, wenn

die Schwägerin seines Großonkels Geburtstag feierte.

»Wollen Sie mir denn meine Schüler mit Gewalt vertreiben? Wenn wir den

Knaben nicht auf zwei Tage dispensieren, so fehlt er vier Tage ohne

Erlaubnis, und die Eltern sind beleidigt. Was meinen Sie, wenn die

Papendiecks mir ihre vier Kinder aus der Schule nehmen, he? Dann sind

achthundert Mark jährlich zum Teufel wie gar nichts, die wertvollen

Geschenke nicht einmal gerechnet! +Sie+ geben sie mir nicht wieder.

Die Stapelfeldts waren auch hier und beschwerten sich bitter über die

schlechten Zeugnisse ihres Emil.«

»Er hat die Zeugnisse bekommen, die er verdient.«

»Ach was, Ihre Schüler haben immer schlechte Zeugnisse. Sie beurteilen

alles viel zu streng. Wir sind doch keine staatliche Schule! Das muß

anders werden. Das geht nicht, das geht nicht, das +geht+ nicht so

weiter! Sie haben mir mit Ihrem finsteren Wesen schon mehrere Schüler

vertrieben. Wo soll das hinaus? Wenn +Sie+ mir die Schule verderben,

so bleibt +mir+ andererseits nichts übrig, als mein Lehrpersonal zu

vermindern, seh'n Sie.«

»Ich werde Ihnen die Arbeiten des Jungen zeigen --«

»Ach Gott, das weiß ich ja! Schmierfink erster Klasse -- aber das hilft

uns alles nichts, lieber Herr Müller! Die Zensuren des Jungen +müssen+

sich bessern, sonst -- Sie sollten die Mutter kennen! Salpetersäure ist

Mandelmilch gegen +die+!«

Wer aus unserer Schilderung nur ein annähernd richtiges Bild des Herrn

Vorstehers empfangen hat, wer nur halbwegs nachempfunden hat, wie

lebhaft dieser Mann für seine Zöglinge fühlte, welches Interesse er

an ihnen nahm, der wird es mehr als begreiflich finden, daß der Mann

eine bedenkliche Neigung zur horizontalen Lage zeigte, als man ihm

eröffnete, Willy Helmerding müsse wiederum sitzen bleiben.

»Aber wissen Sie denn nicht, Herr Schulze, daß der Knabe gerade zu

dem Zwecke zu +uns+ gebracht wurde, daß er +nicht+ sitzen bleibt?

Willy Helmerding +wird versetzt, muß+ versetzt werden, +unter allen

Umständen+ muß er versetzt werden; ich habe dem Vater schon längst das

Versprechen gegeben.«

»Der Knabe ist nicht halb reif für die nächste Stufe --«

»Hilft nichts; Sie hören ja, daß ich gebunden bin. Die Helmerdings sind

reiche Leute; bedenken Sie deren Einfluß. Im Handumdrehen ist meine

Schule in Mißkredit gebracht. Wir können den Schlingel später einmal

sitzen lassen; die Oberklassen erreicht er ja natürlich nie; aber jetzt

-- wie gesagt -- jetzt: +auf keinen Fall+.«

Aber, ach, die Versetzung des süßen Willy sollte nur dazu dienen, die

Leiden dieses schwergeprüften Kindes noch zu vermehren. Er geriet jetzt

in die Hände eines Lehrers, der ein pädagogisches Genie war und in der

Schule denjenigen Platz einnahm, den der Verstand des Vorstehers wegen

dauernder Abwesenheit nicht ausfüllen konnte. Dieser unentbehrliche

Mann hatte die üble Gewohnheit, konsequent zu sein und die Nase zu

hoch zu halten, als daß man hätte darauf spielen können. Die an ein

ungemein legeres Betragen gewöhnten Zöglinge, die ihm neu übergeben

wurden, betrachteten ihn mit Furcht und Haß, was sie jedoch nicht

hinderte, ihn bald zu vergöttern und sich am Ende des Schuljahres nicht

von ihm trennen zu wollen. Willy war anerkennenswerterweise der erste,

der eines Tages den rühmlichen Mut fand, die Zunge bis zur Wurzel

herauszustrecken, als ihm der Lehrer eine Unart verwies. Dieser, der

für solche Fälle ein prophetisches Gemüt besaß, hatte Willy nicht aus

den Augen verloren und beobachtete dessen Zunge gerade im günstigsten

Augenblick in ihrer ganzen Ausdehnung, obwohl Willy darauf, daß der

Lehrer sie sehe, offenbar gar keinen Wert gelegt hatte. Und dieser

unangenehme Mensch, anstatt dem unwissenden Kinde in liebevollen Worten

die eigentliche Bestimmung der Zunge klarzumachen, griff zu einer

nichts weniger als philanthropischen Maßregel. Die Maßregel, die er

ergriff, bestand zunächst in einem Lineal, sodann in der Hose Willy

Helmerdings und endlich in einer wiederholten gegenseitigen innigen

Berührung dieser Gegenstände.

Man kann sich denken, daß nachmittags ein Uhr fünfzehn Minuten ein

Schrei aus gebrochenem Mutterherzen das Haus Helmerding durchgellte,

als Willy das Geschehene berichtete. Ganz still habe er gesessen, und

kein Wort habe er gesprochen, und dennoch habe »Er« ihn »so furchtbar«

geschlagen. O Schmach, es auszudenken! Nur das Auge der Mutter, vom

Strahl der Liebe wunderbar erhellt, durch den Instinkt der Zärtlichkeit

geschärft, konnte erkennen, wie dies Bekenntnis des Kindes aus dem

freiesten Gewissen kam. Also um nichts! Nur um seiner bestialischen

Roheit zu frönen --

Bestialische Roheit -- Frau Helmerding fuhr vom Sofa empor -- das sei

das richtige Wort! Frau Helmerding beauftragte ihren Gatten, morgen

früh dieses Wort sofort dem Vorsteher zu übermitteln. Im übrigen

verlangte sie -- das beleidigte Mutterherz hatte ein Recht, alles

zu verlangen --, daß der Lehrer sofort entlassen werde. Entweder

der Lehrer oder Willy Helmerding. Der brutale Folterknecht oder das

gemißhandelte Kind. ~Aut -- aut.~ Fürstenblut für Ochsenblut.

»Brutaler Folterknecht« sei übrigens auch ein gutes Wort und werde

entschieden sehr gut wirken, meinte der Vater.

Nachdem die Gatten sich längere Zeit über die rhetorische und

moralische Kraft dieser Worte unterhalten hatten (»+Das+ sagst du

ihm, +das+ sagst du ihm, sag' ich dir; ich hätte das gesagt, sag' ihm

nur!«), wurde beschlossen, daß beides gesagt werden solle, und daß man

eventuell auch von einer »brutalen Roheit« und einem »bestialischen

Folterknecht« sprechen könne.

Als Herr Helmerding am folgenden Tage vergeblich seine Redefiguren

verschwendete und der Vorsteher sich durchaus, weil die geistige Kraft

Willys ihm doch diejenige des Lehrers nicht ersetzen konnte, nicht

entschließen wollte, sein inniges Verhältnis zu diesem zu lösen,

verlegte sich der gekränkte Vater aufs Handeln. Er wolle sich zufrieden

geben, wenn der »Mensch«, der Lehrer, das Ehepaar Helmerding um

Verzeihung bitte und deren Kinde das Zugeständnis mache, daß er sich

geirrt und in Uebereilung gehandelt habe.

Der Vorsteher ließ den Folterknecht kommen und klärte ihn über die

Beschwerden und die Satisfaktionsbedürfnisse des Vaters auf.

»Ich habe in Uebereilung gehandelt, in der Tat,« begann der Lehrer.

Herrn Helmerdings Gesichtsausdruck wurde um fünfundzwanzig Prozent

gekränkter.

»Ich bedaure das.«

Die Züge des Herrn Helmerding wurden um weitere fünfundzwanzig Prozent

härter.

»Ich habe Ihrem Sohne unrecht getan --«

Herrn Helmerdings Antlitz zeigte den Ausdruck entschlossenster

Impertinenz.

»-- insofern, als ich ihm nicht genug gegeben habe, zumal er, wie

ich sehe, nicht davor zurückscheut, seine Eltern mit hervorragender

Dreistigkeit zu belügen. Wenn Sie indessen Wert darauf legen, kann das

Versäumte noch nachgeholt werden.«

Das Gesicht des Herrn Helmerding schien jetzt plötzlich nur aus einer

Mundöffnung zu bestehen.

Nur dem Umstande, daß der Vorsteher Herrn Helmerding schon vorher

darauf aufmerksam gemacht hatte, jener Herr, der Lehrer Willys, sei

ein sehr empfindlicher Charakter, der Benennungen wie »bestialischer

Folterknecht« nicht gern höre, auch lasse seine Entschlossenheit nichts

zu wünschen übrig, nur diesem Umstande ist es zuzuschreiben, daß Herr

Helmerding, als er zur Tür hinausrannte, sich auf die wiederholte

Versicherung: »Er werde ihnen schon zeigen! Er werde ihnen schon

zeigen!« beschränkte, wobei er die Zurückbleibenden in quälendem

Zweifel darüber zurückließ, +was+ er ihnen zeigen werde.

Kaum hatte Herr Helmerding daheim zu Ende berichtet, als auch schon

seine Gattin wie inspiriert vom Sessel emporfuhr. Anspannen lassen --

mit dem Kinde zum Arzt fahren. Es war nun einmal die Botschaft zu ihr

gedrungen, daß wir im humansten aller Zeitalter leben.

Nach einer halbstündigen Untersuchung erklärte der Arzt (es war nicht

der ironische Herr von damals, dem man in dieser Sache entschieden kein

Vertrauen schenken konnte) mit triumphierender Miene, es sei ihm soeben

gelungen, festzustellen, daß der in Betracht kommende Körperteil Willys

noch Spuren der Züchtigung zeige oder doch noch bis vor kurzem gezeigt

haben müsse. Der Lehrer sei »geliefert«, unrettbar »geliefert«. Das

Recht der Züchtigung stehe ihm ja zu; diese dürfe aber nach der Ansicht

aller ihm bekannten Staatsanwälte, Richter und Disziplinarbehörden nie

so weit gehen, daß mit ihr eine, wenn auch nur momentane, Störung im

Wohlbefinden des Bestraften verbunden wäre.

Das Glück ist immer da! Heitere Geschichten und Plaudereien · 第 6 / 11 段