Ja, Sommerkleider mußten es sein und Strohhüte, und in der Flasche

mußte Himbeeressig sein -- für unerfahrene Zungen ein köstlicher Trank

-- und in der »Botanisier«-Dose ein Frühstück mit Schinken, Eiern oder

noch selteneren Dingen. Ich gebe gern zu -- ich seh' nicht ein, warum

ich mich genieren soll --, daß meine Seligkeit ein inniges Gemisch

war von Schönheitsfreude und Schinkenhoffnung; aber ich bestreite auf

das entschiedenste, daß sie nur aus letzterer bestanden habe, wie bei

einigen meiner Kameraden. O nein, ich sah wohl die festliche Schönheit

der breiten Wiesen, auf denen behende Burschen nach schlanken,

tanzenden Mädchen haschten; ich blickte wohl mit heimlichem Entzücken

seitwärts in grüne, heilig-dunkle Säulengänge, wo die Amseln furcht-

und harmlos über den Weg liefen; ich sah wohl die Schönheit auf den

Gesichtern, wenn dem blinden Geiger ein Groschen in den Hut fiel;

ich bemerkte wohl, daß die weißen Segel auf dem Fluß so stillächelnd

dahintändelten, als ergingen sie sich ziel- und wunschlos auf den

Fluten der ewigen Seligkeit, und ich sah wohl, wie die Birke ihr langes

Haar übers Gesicht fallen ließ, daß die Gräser damit spielten, und wie

sie sich immer wieder neigte und sich immer wieder neigte und immer

wieder, mit zärtlicher Geduld, wie eine junge Mutter. Und wenn ich

damals gewußt hätte, daß +das+ das Glück sei, was um die flüsternden

Zweige flimmert und über den wandernden Strömen schimmert -- wenn ich

das geahnt hätte ...!

Kann es euch wundern, daß gerade am Pfingstfest die Wandersehnsucht in

mir aufstand, unbarmherzig, stark, wild, rauh, und dann mit einem Mal

das ganze Innere mit lieblicher Glut erfüllend?

Daß ich mit einem Mal an einen kleinen Steg über einen Arm des grünen

Dürrensees denken mußte, an ein paar Brettlein, von denen aus man

eine andere Welt erblickt? Denn diese ungeheure, schweigende Runde

wildauftrotzender Felsen gehört unmöglich zu der Welt, die wir kennen

und in der wir leben. Dies Tal der ewigen Ruhe ist von der Welt des

Strebens geschieden durch ewige Felsen. Hier trank ich bei lebendigem

Leib die Wollust des Sterbens. Du stehst und starrst -- und fühlst, wie

unter dir das Tägliche versinkt; immer noch tiefer versinkt es, immer

noch tiefer. Und starrend versinkst du selbst in unergründliche Tiefen

der Seeleneinsamkeit. Du hast nicht Freund, nicht Weib, nicht Kind

mehr; dein Leben ist ausgelöscht; du bist der letzte Mensch unter den

furchtbaren Schauern steiniger Oede.

Und wie dein Blick noch starrend hängt am ragenden Geklüft, da steht

mit einem Mal auf schimmerndem Grat eine ferne Erinnerung in rosigem

Gewande und blickt dir gerad' ins Aug'. Habt ihr's gesehen, daß auf

den höchsten Höhen Erinnerungen wohnen? Daß sie auf leuchtenden Zinnen

stehen, über den schneeschimmernden Grat wandeln, an grauen, drohenden

Abgründen hangen?

Ueber einem gebietenden Gipfel leuchtete mir die Erinnerung auf an den

Tag, da ich, ein achtjähriger Bube, durch die blendend illuminierten

Straßen meiner Heimatstadt geführt wurde und von allen Lippen das Wort

klang: Der Friede ist geschlossen.

Jenen sanften Abhang herab kam die Erinnerung, wie ich, ein Jüngling,

fast noch ein Knabe, durch abendlich-goldene Felder ging, des Francis

Bacon scharfes »Organon« in der Tasche, die Leiden des jungen Werther

aber im Herzen und im Kopfe.

Ueber jenen Sattel aber mußte im nächsten Augenblick Hand in Hand

der liebliche Reigen jener Stunden heraufkommen, da ich mit Ortrun

am Strande saß und sie mir ihre Blumen ins Gesicht warf, weil sie zu

schüchtern war, sie mir in die Hand zu geben.

So taust du allmählich wieder auf von Erstarrung und Tod und liesest

in dem Gezack der Höhen und Abgründe die Linien eines Menschenlebens:

Du hebst endlich wieder den Stab zu neuem Wandern, und mit dir wandern

droben auf den Bergen die wilden, grauen Stunden deiner Kämpfe und alle

sanften Tage deiner Liebe. --

Und kann es euch wundern, daß ich Pfingsten auch an Cenzi denken

mußte, an Cenzi von Mayrhofen im Zillertal, deren Licht uns

gastlich entgegenleuchtete, als wir drei Wandergesellen abends nach

zweistündigem Marsch im Regen nach diesem Dorfe gelangten, weich bis

ins Gemüt? An Cenzi, das Mädchen mit der revolutionären Orthographie

und dem reichen Gemüt, das uns mit einer durchaus flüssigen Suppe

und einem sehr reservierten Kalbsbraten erquickte und auf unseren

einstimmigen Liebesschwur erklärte, daß sie unsere Gefühle erwidere,

alles für einen Gulden siebzig? Freilich kann ich noch heute den

nagenden Zweifel nicht los werden, ob Cenzi unsere Gulden nicht +noch+

inniger liebte als uns: denn wenn wir noch dabei waren, das Letzte aus

der Flasche ins Glas zu gießen, so fragte sie schon mit Leidenschaft:

»Mögen S' noch ane?« und wenn wir dann mit Gefühl erwiderten: »Ja,

bringen S' noch eine Viertel«, dann sprach sie: »Mögen S' net a Halbe?«

Eine so naive, quellfrische Guldensehnsucht findet man nur noch bei den

unverfälschten Kindern des Gebirges.

Oder nimmt es euch wunder, daß ich an Monika dachte, an Monika vom

Mahlknechtsjoch, die in jeder Beziehung runde Monika mit den runden

Augen, die über alles lachte? Wenn man sagte: »Monika, bestellen Sie

mir eine Droschke!«, so lachte Monika, das Merkwürdige aber war, wenn

man sagte: »Monika, bringen Sie mir einen Kaiserschmarren!«, so lachte

sie auch. Am meisten aber lachte sie, als einer von uns den Lehrsatz

aufstellte: »'n +bißchen+ dumm ist +jeder+.« Die Sache ist ja auch

komisch. Und dann brachte sie einen niemals ganz zu bewältigenden

Kaiserschmarren und eine Erbsensuppe, die so unendlich war wie ihre

Fröhlichkeit, und alles stellte sie uns hin mit so mütterlicher

Freundlichkeit, als wären wir ihre drei jüngsten Buben, die sie einmal

gründlich durchfüttern müsse.

Oder daß ich an Mali dachte in der Dominikushütten, die mordssaubere,

blitzäugige Mali, die so freundlich und so betulich war und dann

zu dem Buben auf dem Hof, als sie nicht wußte, daß jemand auf dem

Altane stand und sie hörte, die eindringlichen und hochtonigen Worte

sprach: »Willst glei die Ziegen in Ruh lass'n, du sakrischer Lauskerl,

malefizlischer!« Sie sprach das in einer Weise, die den Gedanken an

eine eheliche Verbindung in das Innerste der Brust selbst eines geübten

Ritters St. Georg zurückgescheucht hätte. Oder an den Aufstieg zum

Pfitscher Joch, am Stampflerferner vorbei und an den kleinen dunklen

Seen, die wie schwarze Augen regungslos in den Himmel starren? Oder an

den Abstieg in das menschenarme, melancholische Pfitschtal, wo ich, als

wir nahe vor St. Jakob angekommen waren, immer wieder zurückschauen

mußte nach einer Kirche, über der ein himmlisches Licht entzündet war?

Ihr müßt dem Wort »himmlisch« erst alle die Bedeutungen ausziehen,

die unsere kleinen Mädchen ihm aufhängen, wenn sie von »himmlischen«

Tüllgardinen oder von »himmlischen« Zeichenlehrern sprechen. Nehmt

einmal bitte das Wort »himmlisch« in seiner reinsten Ursprünglichkeit

und denkt euch ein allerreinstes Licht! Ueber dem Kirchlein lag

ein Gletscher im hellsten Mittagssonnenschein, und der Turm wies

mitten in den Glanz. Es war ein alleinseligmachendes Kirchlein; wer

hindurchging, der mußte unmittelbar ins ewige Licht gelangen, und

selbst der schwärzeste Bösewicht, wenn er in den Bannkreis dieses

Leuchtens trat, mußte sogleich erstrahlen wie der weißeste Engel.

Ach, leider ist dieses himmlische Licht ein Trug; in den Köpfen

der Menschen fanden wir nichts davon. Welch ein psychologisches

Raffinement, welche Kunst der Mitteilung gehörte dazu, um wieder auf

den richtigen Pfad zu gelangen, den wir im strömenden Regen verloren

hatten, und endlich einen Wagen zu bekommen, der uns in diesem Regen

nach Sterzing brachte. Die Fahrt dauerte drei Stunden, von denen wir

nach ungefährer Schätzung eine auf unseren Sitzen und nur zwei in

der Luft verbrachten. Wir waren vorurteilslos genug, über jeden Stoß

zu lachen, wenn unser Lachen nur nicht regelmäßig durch den nächsten

Stoß abgebrochen worden wäre. Gleichwohl war unsere Stimmung die

ausgelassenste Heiterkeit, wenn wir auch dazwischen mitunter den

stillen Gedanken hatten, daß unser Wägelchen im nächsten Augenblick in

tausend Splitter zerschmettert werden oder mit Insassen und Pferden

in den Abgrund hinunterkollern würde, wo der durch den langen Regen

übermäßig geschwellte Pfitschbach mit Donnern und Brausen abwärts

stürzte. Der Kutscher stieß ein »Jesus Maria!« über das andere aus.

Es war eine jener Situationen, die man, wenn man einmal darin ist,

mit lächelndem »Mannesmut« hinnimmt, deren Wiederholung man aber

künftig nach Möglichkeit zu vermeiden im stillen beschließt. Der

niedlichste von allen Humoren war aber, daß wir schließlich noch auf

eine lange Strecke aussteigen mußten und nun zu Vieren den an allen

Rädern gebremsten Wagen zurückhielten, damit er den Pferden nicht

auf die Hacken falle und hübsch auf dem Weg bleibe. Es war noch ein

wahres Glück, daß wenigstens der Regen anhielt. Wir hatten für solche

Perioden der Trübsal einen Fundamentalsatz der Berliner Philosophie,

den wir uns dann gegenseitig ins Herz prägten; er hieß: »Det is

+jrade+ wat Scheenes!« Solche Sätze sind viel wert. Es ist damit wie

mit den Salmiak-Pastillen; eigentlich sind sie scheußlich; aber man

hat wenigstens etwas in den Mund zu nehmen und in langen Stunden eine

Unterhaltung.

Und schließlich kamen wir doch nach Sterzing in ein hübsches,

blitzeblankes Hotel, und wer mir jetzt noch +ein Wort+ auf die Kultur

schimpft, der hat's mit mir zu tun.

Für die Natur braucht man nicht einzutreten, die verteidigt sich selbst.

Die redet aller Sprachen Sprache, die aller Menschen Muttersprache ist.

Ihre Sprache klingt in Bergen und Tälern, aus Wäldern und Strömen.

Und was mir das Gebirge Unaussprechliches vertraut hat: in wenigen

Wochen geh' ich und sag' es mit stummen Lippen seiner geheimnisvollen

Schwester, dem Meer, dem tausendstimmigen und millionenäugigen, dem

herrlichen, dem -- o, dem -- dem --

Kusch!!!

Der süße Willy

Es war an einem Sonntag; denn der süße Willy sollte ein Sonntagskind

werden. Der welthistorische Moment seiner Geburt war auf eine Minute

vor zwölf Uhr mittags festgesetzt. Aber schon seit acht Uhr morgens

waren im Schlafraum der Mutter außer der Hebamme, der Wärterin und

der Amme sieben zukünftige Tanten und Cousinen gegenwärtig. Eine

angeregte Unterhaltung und Pralinés sind für Wöchnerinnen im Augenblick

ihrer Niederkunft sehr zuträglich. Von letzterwähntem, nicht genug

zu empfehlendem Konfekt schoben abwechselnd Tante Bella und Tante

Julchen der Leidenden ein Stück nach dem andern tröstend in den Mund.

Tante Minka hatte es sich nicht nehmen lassen, ihren entzückenden

Molly, einen seidenweich behaarten Choleriker, mitzubringen, der

der Gebärenden beruhigende Laute zubellte oder fein langgezogenes

Klagegeheul mit ihrem Wehgeschrei vereinigte. Tante Elvira dagegen,

ein Fräulein von siebenundfünfzig, welcher nach unerforschlichem

Ratschluß der Kindersegen versagt geblieben war, wiegte auf ihren

Händen ein für den süßen Willy bestimmtes Puppenkerlchen, das, wenn

man ihm nur geneigtest auf den Bauch drücken wollte, zwei Becken

zusammenschlug und in anerkennenswerter Weise quietschte. Diese vier

achtbaren Damen nahmen den Platz am Bette ein, der von Rechts wegen

der Wehmutter und der Wärterin gebührte, den sie aber behaupteten in

der richtigen Erkenntnis, daß die Nähe von Verwandten immer etwas

Beruhigendes habe für »Frauen in solchen Umständen«.

Immer näher rückte der bedeutungsschwere Moment.

Frau Helmerding stieß einen furchtbaren Schrei aus; denn die Mutter des

süßen Willy hieß Frau Helmerding.

-- Bäh -- -- -- bäh -- -- -- bäh -- -- --

Das Unvermeidliche war geschehen und nicht mehr rückgängig zu machen.

Der süße Willy war mit beiden Füßen in etwas getreten, was man Leben

nennt, und von nun an ein Faktor, mit dem die Welt zu rechnen hatte.

Die zärtlichen Verwandten, die vor der kritischen letzten halben Stunde

doch geflohen waren, kehrten in Prozession zurück.

Damit das Seelenleben des süßen Willy ungetrübt und heiter dahinfließen

könne von Anbeginn, hatte man seit acht Uhr ein Zuckerbeutelchen

bereitgehalten. Der liebe Junge war nicht so bald vorhanden, als ihm

Cousinchen Nelly mit dem Saugobjekt in den Mund fuhr. Willy lutschte

schweigend am süßen Dasein.

Nachdem er gebadet worden war, ging er von Hand zu Hand. »Wie süüüß,

wie rraitzend, wie hiiiimlisch, wie enttt--zückend!« und zum Schluß in

siebenstimmigem Unisono sanft versäuselnd: »Wie süüüüß!«

Endlich kam die süße Last an Jungfer Elvira. Sie nahm mit sachkundiger

Miene das Knäbchen wie ein Wäschebündel unter den linken Arm, ließ mit

der rechten das Puppenkasperle tanzen und sang dazu ohne Schneidezähne

das allerneueste Gassenhauerchen:

»Mitten in der Elbe

schwimmt ein Krokodil.«

Dabei hätte sie aber das Bündel Weltbürgertum beinah auf den Boden

fallen lassen, und nur einem schnellen Griff der Wärterin verdankte

der junge Helmerding sein Fortbestehen.

Der junge Helmerding war der Erstgeborene des alten. Dieser war aber

noch gar nicht alt, zählte vielmehr erst behäbige vierzig Jahre. Mit

neununddreißig hatte er sich verheiratet, nachdem er kurz vorher in

einem Bauunternehmen einen kapitalen Zug getan und gleichzeitig in

Erfahrung gebracht hatte, daß Frau Helmerding ihm vierzigtausend

Taler mitbringen würde. Es gibt eine unkeusche Leichtfertigkeit, die

früher heiratet, als solche Bedingungen gegeben sind, und Kinder auf

Kinder in die Welt setzt. Wie konnte bei solchen Existenzen von jener

wahrhaftigen, ruhigen, tief-sittlichen Vaterfreude die Rede sein,

die er empfand, als er von der Fondsbörse zurückgekehrt war, das

stille Glück der gestiegenen Kurse in der Tasche und das schreiende

eines jungen Erben in den Armen! Der Junge sollte aber eine Erziehung

genießen, daß sich der --! In die teuerste Schule, das stand fest. Wir

haben es ja dazu.

Als man der Mutter davon sprach, daß das Kind, damit es sie nicht

störe, in einem andern Zimmer bei der Amme schlafen solle, wäre sie

fast außer sich geraten. So die Gefühle einer Mutter zu verletzen! Ha,

eine Löwin, der man ihr Junges rauben will! Als aber der junge Löwe

schon die erste Nacht unausgesetzt brüllte, weil er nicht schlief,

erteilte sie am Morgen jenem Vorschlag ihre Genehmigung.

Der süße Willy machte jetzt einen nächtlichen Kursus für

Lungengymnastik durch. Vermöge einer Ausdauer, die die beseligendsten

Hoffnungen für seine spätere Entwickelung erwecken mußte, brachte er

es bald dahin, daß beim Schreien sein edel gebildetes Profil hinter

der Mundöffnung verschwand. Ein an poetischen Vergleichen reicher

Mann würde den Mund in solchen Augenblicken einer aufgeklappten

Zigarrenkiste nicht unähnlich gefunden haben. Was dem süßen Willy

noch an Fülle und Rundung des Tones abging, ersetzte er durch

Haarwurzelfeinheit des Timbres und durch warm beseelten Vortrag. Und

in seinem noch unerhellten Bewußtsein lebte unverkennbar ein Nachklang

aus den glücklichen Zeiten der Folter. Wenn nämlich seine Amme in die

süße Wollust des Entschlummerns versank und sich dort befand, wo wir

nach Egmont »aufhören, zu sein«, begann der süße Willy zu schrein,

sicher intonierend, den ersten Ton fest und kräftig aufsetzend, wie

die Gesanglehrer sagen. Wenn dann die Amme, durch dieses eigenartige

Zusammentreffen natürlich auf das angenehmste überrascht und erheitert,

das unschuldige Wurm seinen seidenen Kissen entnahm, beeilte sich

dieses, durch ein souveränes Lächeln auszudrücken, daß es mehr als

Beschränktheit sei, wenn man glaube, ihm fehle irgend etwas. »Im

Gegenteil!« leuchtet' es aus seinen edel-feurigen Augen, »~toujours

fidèle et sans souci~!« Von neuem sorgfältig zum Schlaf gebettet,

war er so rücksichtsvoll, mit dem Beginn der zweiten Konzertnummer

zu warten, bis das Bewußtsein der Amme wieder zu neun Zehnteilen in

bessere Gefilde entschwebt war und nur noch mit dem Rest im schlechten

Diesseits verweilte. Hatte sich dieser Vorgang während der Nacht

fünf- oder sechsmal wiederholt, so war die Amme am Morgen in jener

Stimmung, aus der die Kündigungen und schroffen Abschiede hervorzugehen

pflegen. Befolgte aber eine andere Amme das manchen Orts gelobte

Prinzip: »Schreien lassen, was die Lunge hergeben will«, so blieb eine

derartig rohe und herzlose Person natürlich keine acht Tage im Hause

der liebevollen Helmerdings. Große Männer verbrauchen die Menschen

ihrer Umgebung schnell. Da Willy ein großer Mann werden sollte, so

verbrauchte er schon im ersten halben Jahre seines Lebens vier Ammen.

Es gehört zu den innigsten Ergötzungen eines Menschenfreundes, die

Jugend eines großen Mannes zu durchforschen und in tausend kleinen

Zügen eines von den trefflichsten Eltern herangebildeten kindlichen

Charakters schon das Bild des späteren Menschen vorgebildet, in dem

stillen Weben seiner Entfaltung schon die Kräfte seines zukünftigen

Strebens und Wirkens tätig zu sehen. Seit Vollendung seines ersten

Jahres wurde der süße Willy von seinen Eltern regelmäßig mit zur Tafel

gezogen. Eine umfassende Geschmacksbildung offenbarte sich schon

hier, und seinem strategischen Ueberblick entging kein Braten, kein

Kompott, kein Ragout, kein Salat. Sein Verlangen, von jeder Schüssel

zu erhalten, deutete er der Einfachheit halber durch ein mäßiges, fünf

Sekunden langes Gebrüll an. Wurde sein Wunsch aus irgendeinem Grunde

nicht sofort erfüllt -- an dem guten Willen der Eltern mangelte es

gewiß nicht --, so ergriff er mit ruhiger Entschlossenheit das nächste

Mittel, d. h. die nächste Schüssel, um sie auf den Boden zu befördern.

Mit einem sanften Verweis legte ihm alsdann die Mutter das Gewünschte

reichlich auf den Teller. Wir würden jedoch aus dem Charakterbilde

des süßen Willy den wesentlichen Zug des leicht verletzten Ehrgefühls

fortlassen, wenn wir nicht betonten, daß er auf jenen Verweis wieder

mit einem etwas gesteigerten Gebrüll von fünf Sekunden antwortete und

seiner Mutter mit den zierlichen Stiefelchen gegen die Beine stieß.

Eine vornehme Verachtung der Magenfreuden bekundete Willy, sobald

er satt war. Wenn er mit dem Löffel in die Suppe klatschte, daß die

Spritzelchen umherflogen, oder wenn er den Finger in die Sauce tauchte,

um sinnige Figuren auf das Tischtuch zu malen, so war der Vater in

seiner philiströsen Auffassung der Kindesnatur vielleicht brutal genug,

ihm das ernstlich zu verbieten; aber das weiche Herz der Mutter empfand

richtiger.

»Was du das Kind auch immer kommandieren mußt! Kinder sind doch Kinder!

Das arme Wurm weiß ja noch gar nich, daß er das nich darf. Muß nich

wiedertun, hörs, mein Süßen?«

»Willy +will+ aber malen!« Und Willy malte einen Kreis, der einen Kopf

bedeuten sollte.

»Willy, du solls das nich tun!« mahnte die Mutter.

Willy zeichnete den Rumpf zu dem Kopfe.

»Willy, kanns du nich hörn?« fragte die Mutter.

Jetzt bekam der Rumpf Arme.

»Gott, Willy, nu laß das doch!« seufzte die Mutter.

Und Willy fügte mit zwei genialen Strichen die Beine hinzu.

»Hä, das bist du!« rief er, indem er seinen Papa mit lieblicher

Dreistigkeit anlächelte.

Und die Eltern lachten in seliger Freude.

»Was doch der Junge für Einfälle hat!«

Und in überwallender Freude versetzte die Mutter dem süßen Bengelchen

einige knallende Küsse.

Man hätte nun glauben sollen, daß ein so reichlich genährtes und

mit den kräftigsten Nahrungsmitteln erzogenes Kind von Krankheiten

verschont geblieben wäre. Seltsamerweise war dem nicht so. Der arme

Willy mußte eine lange Reihe von Verdauungsstörungen mit deren Folgen

durchmachen. Aber aus jedem Leiden ging sein Charakter gefestigter

hervor; mit jeder Rekonvaleszenz nahm seine Willensstärke imposantere

Dimensionen an. Konnte man diesem Kinde schon, wenn es gesund

war, nichts versagen, so war es dem genesenden, »noch halbkranken

Zuckerchen« gegenüber das einfachste Gebot der Elternliebe, die

wiedererwachende Lebensfreude zu schüren, indem man die Wünsche des

kleinen Herzens weckte, indem man fragte, ob es vielleicht dies wolle,

oder ob es vielmehr das wünsche, oder ob es nach jenem Verlangen

trage, oder -- ob es nicht etwa vorziehe, gleich alle drei Dinge zu

erhalten. Willy zog in der Regel dieses vor. Eine entzückend geniale

Launenhaftigkeit veranlaßte ihn dabei, das, was er noch eben verlangt

hatte, im nächsten Augenblick nicht mehr zu goutieren und es der

nächsten Bonne oder Wärterin an den Kopf zu werfen. Kindermädchen,

Bonnen und Wärterinnen wechselten in seiner Umgebung immer häufiger.

Es war offenkundig, daß alle Zärtlichkeit und alles Pflichtgefühl aus

diesen Kreaturen geschwunden war. »Entsetzlicher Balg«, »unausstehliche

Range« und ähnliche Blasphemien entblödeten diese Schamlosen sich

nicht, in längeren Charakterschilderungen des kleinen Willy vor der

Mutter anzuwenden, ja, eines der abgehenden Kindermädchen hatte

dem armen Knaben sogar die naturgesetzliche Existenzberechtigung

abgesprochen, indem es der Mutter mit beinahe wissenschaftlicher

Bestimmtheit versicherte, Willy sei »ein wahres Untier«.

Willy Helmerding sollte neben vielen anderen Sterblichen dazu berufen

sein, der ärztlichen Wissenschaft wiederholt ein so glänzendes Fiasko

zu bereiten, daß dem Verfasser der »Kreutzer-Sonate« das Herz im Leibe

gelacht hätte, wenn er es hätte beobachten können. Da zeigte es sich

wieder einmal klar und offenbar, daß diese Herren Doktoren nicht einmal

imstande sind, den einfachsten Darmkatarrh zu heilen. Unleserliche

Rezepte konnten sie schreiben; aber so weit war ihre Wissenschaft

natürlich nicht gediehen, daß sie die Annahme in Betracht zog, Willy

werde vielleicht beim Einnehmen der Mixturen die Zähne zusammenbeißen

und die köstliche Flüssigkeit der Wärterin ins Gesicht prusten! Einem

ohnehin schon geschwächten Magen diätetische Enthaltung zumuten --

einem fiebernden Kinde eiskalte Duschen verordnen: das waren noch die

harmlosesten Einfälle ihrer vivisektorischen Grausamkeit. Ein wahres

Wunder, daß sich nach all den Pfuschern endlich dennoch ein Arzt

fand, der alle Schwierigkeiten auf ebenso überraschende wie leicht

verständliche Weise löste! Dieser Mann bemerkte den Eltern mit seinem

Spott, daß die letzte Ursache von Willys Krankheit in ihrer Affenliebe

zu suchen sei und daß dem Kinde nichts fehle als ein Paar weniger

bornierte Eltern. Da sah man auf den ersten Blick: der Mann hatte

was gelernt! Herr Helmerding und Frau hörten seinem diagnostischen

Vortrage mit offenem Munde und einem höchst intelligenten,

entzückt-verbindlichen Lächeln zu. Uebrigens, hatte der Arzt in seiner

verblümten Weise weiter erklärt, könne es ihm ja einerlei sein, ob

sie ihr Kind zur Futtertonne machen wollten oder nicht; wenn man

aber seine Anordnungen nicht befolgen wolle, so möge man sich nicht

unterstehen, ihn rufen zu lassen; er werde sonst ihrem Boten die Tür

weisen. Seltsamerweise gesundete Willy nach den Rezepten dieses Arztes

auffallend schnell, und damit war wieder einmal bewiesen, wie sehr in

der Medizin der Gebrauch der deutschen Sprache dem der lateinischen

vorzuziehen ist.

Das Glück ist immer da! Heitere Geschichten und Plaudereien · 第 5 / 11 段