»Zurück! Zurück! Wollt ihr zurück, alle Wetter!« Sie wären nämlich
unter die Hufe des Pferdes und unter die Räder gerannt, um nur schnell
in die Arme der Mutter zu fliegen.
Die Hosentaschen des Erasmus
Erasmus ist nämlich mein Sohn. Ich schicke voraus, daß er gesund und
normal gestaltet ist. Aber in bekleidetem Zustande zeigt er von Zeit zu
Zeit an den Oberschenkeln unförmliche, bedrohlich anwachsende Wülste.
Wenn diese eine gewisse Ausdehnung erreicht haben, pflegt meine Frau
sehr vergnügt zu mir hereinzukommen und zu sagen: »Du, wir müssen mal
wieder seine Hosentaschen ausräumen; es hat sich schon wieder ein
ganzes Museum darin angesammelt!«
Ich darf voraussetzen, daß meinen Lesern die Hosentaschenzustände eines
achtjährigen Buben im allgemeinen bekannt sind. Es gibt eigentlich
kaum einen beweglichen Gegenstand, der sich nicht ganz gut in solch
einer Tasche unterbringen ließe, und es gibt auch schwerlich einen
Gegenstand, der nicht das Interesse solch eines verschwiegenen kleinen
Weltbetrachters anregte. Nun muß man sich außerdem den jungen Herrn
Erasmus als einen entschiedenen Sanguiniker vorstellen, der mit Hilfe
seiner Phantasie an das Bruchstück eines Korkziehers die verwegensten
Hoffnungen knüpft.
Da uns bei den bisherigen Untersuchungen manches dunkel blieb und wir
manchen Gegenstand nicht zu bestimmen vermochten, haben wir diesmal
den geehrten Hosenbesitzer selbst zur Besichtigung mit herangezogen.
Meine Frau hat das Kleidungsstück auf dem Schoße; für die Vertreter der
öffentlichen Moral bemerke ich, daß der Knabe währenddessen mit einer
anderen Hose bekleidet ist.
Was meine Frau zunächst aus der Tasche hervorzieht, ist Bindfaden. Ich
darf ebenfalls als bekannt voraussetzen, daß dieser Gegenstand sich
bei der männlichen Jugend einer besonderen Beliebtheit erfreut und
alle übrigen Objekte, die aus solch einer Tasche ans Licht gefördert
werden, in einer mehr oder minder interessanten Verwickelung mit
jenem Gegenstande zu erscheinen pflegen. An der Hand des Bindfadens
-- um mich gewählt auszudrücken -- gelangen wir sodann zu einem stark
verrosteten, ovalen Blechschildchen, das die Inschrift »Patent« trägt.
Das ist schon gleich ein wertvolles Stück. Ich weiß das. Ich habe den
Maßstab für dergleichen noch ziemlich gut im Gedächtnis. Ich kann den
Maßstab natürlich nicht so genau bestimmen; es handelt sich eben um
Liebhaberwerte.
»Was heißt denn das: ›Patent‹?« frage ich.
»Wenn einer sich so fein angezogen hat.«
»Rrrich--tig!!«
Wir verfolgen weiter den Ariadnefaden und fördern aus dem Labyrinth
ein Notizbuch zutage. Das ist nun etwas ganz besonders Hervorragendes.
Notizbücher sind in diesem Alter von ganz besonderem Wert und Nutzen.
Es ist wohl selbstverständlich, daß man sich in erster Linie das
notiert, woran man Tag und Nacht denkt, z. B. daß man für den 9.
Oktober zur Apfelernte bei einem Spielkameraden eingeladen ist, oder
daß am 25. Dezember Weihnacht gefeiert wird. Auch die zehn Pfennige,
die man geschenkt erhielt, werden ordnungsgemäß als Grundstock eines
zu sammelnden Kapitals gebucht, leider aber gewöhnlich nicht wieder
ausgestrichen, wenn sie nach zehn Minuten in Schokolade umgewandelt
wurden. Freilich sind Stift und Papier bei diesem Büchelchen von einer
Güte, die sich in Geldeswert nicht mehr ausdrücken und es immerhin
noch ratsamer erscheinen läßt, mit einer spitzen Stahlfeder auf ein
Flanellhemd zu schreiben; aber Erasmus verfolgt es mit sorglich
behütenden Blicken.
»Woher hast du denn das?«
»Das hat Hein Stieglitz mir geschenkt.«
»Weshalb denn?«
»Och -- wenn ich mit ihm spielen wollte.«
»Warum wollte er denn mit dir spielen?«
»Och -- die andern wollten nicht mit ihm spielen.«
»Warum nicht?«
»Weil er der Erste geworden ist.«
»Aha. -- Aber was bedeutet denn +das+ hier?« Ich habe nämlich das
»Notizbuch« aufgeschlagen und lese auf einer Seite die höchst
rätselhaften Worte »Käs Käse Käse la.«
»Das ist Französisch,« erklärt er mit einem Anflug von Gelehrtenstolz.
»Französisch??« -- -- -- Aaaaaah -- jetzt geht mir ein Licht auf!
Er hat heut seine erste französische Stunde gehabt! Nach der neuen
Methode! Der Lehrer hat gesprochen, aber nicht angeschrieben. Erasmus
aber, seines Notizbuches stolz sich bewußt, hat sich's notiert.
~Qu'est-ce que c'est que cela!~ --
~Voilà ce que c'est!~
Mit Hilfe des Bindfadens fördern wir nunmehr ein kleines Scharnier von
einem Deckelseidel in inniger Verbindung mit einem Stück Schusterpech
zutage.
»Aber Erasmus! Ferkel!« ruft meine Frau und betrachtet nasrümpfend ihre
Finger.
Er aber starrt sie an mit schuldlos-erstauntem Blick, als wollte er
sagen: »Wieso? -- Was ist denn los?«
Denn er lebt und webt ja noch im lautersten, ursprünglichsten
Pantheismus; aus +allem+, was die Erde bietet, atmet ihm -- in der
Wärme des Herzens und der Wangen nur erst ahnungslos gefühlt -- der
unbekannte Schöpfer entgegen, und das gewaschenste Kätzchen wie den
pfützenbewandertsten Straßenköter drückt er mit gleicher Liebe an
sein glückliches Herz und sein reinstes Chemisett. Er steht noch auf
dem naiv-genialen Standpunkt der +Gleichberechtigung aller chemischen
Verbindungen+, und die paradiesische Unschuld, die noch nicht weiß, was
rein und schmutzig ist, ist noch nicht ganz durch unsere ästhetischen
Engherzigkeiten verscheucht.
»Was willst du denn mit diesem Stück von einem Bierglasdeckel machen?«
»Och -- wenn ich den Deckel dazu finde, dann mach' ich das auf mein
Milchseidel.«
»Das 's 'ne Idee! Famos! -- Aber sag' mir Bescheid, wenn du den Deckel
gefunden hast! -- Kannst du denn überhaupt so was machen?«
»Jaaa -- das ist man ganz leicht!«
»Mmmm.«
Das ist richtig. Ich hab' auch als kleiner Junge sämtlichen Handwerkern
ihre sämtlichen Künste abgeguckt. Es ging alles so nett und leicht. Ich
wäre so gern Tischler, Schlosser, Schmied, Schuster, Maurer, Hutmacher,
Maler und alles andere außerdem gewesen. Wenn meine Phantasie ein Werk
entworfen hatte, so war's auch schon fertig, und ich spielte damit.
Ich hobelte ohne Hobel, klebte ohne Leim, malte ohne Pinsel, lötete
ohne Kolben und Flamme und beschlug die wildesten Pferde, alles in
Gedanken. Und die Werke unserer Phantasie spielen anmutiger mit uns
als wir mit den wirklichsten Dingen. Auch mit Ruhm und Macht und Geld
spielt es sich ja hübscher in der Phantasie als in Wirklichkeit. »Alles
wiederholt sich nur im Leben --«
Also freu' dich nur an deinem Deckelglas.
Nachdem wir nun noch aus dieser Tasche eine Mundharmonika, ein kleines
Weingeistthermometer und einen Soldaten von der bleiernen Kavallerie
gehoben haben, bemerken wir an der Lanze dieses Ulanen eine deutsche
Fünfpfennigmarke -- ~pardon~: -- eine norddeutsche Fünfpfennigmarke!
Eine furchtbare Ahnung spannt meine Nerven.
»Was soll die denn?« frage ich.
»Die sammel' ich,« erklärt er ganz unschuldig.
»Mein Sohn,« spreche ich und lege mit ehrwürdig-großer Geste die
Vaterhand auf seine Schulter, »ich will es keineswegs als unmöglich
hinstellen, daß die Sammler von Briefmarken und Trambahnbilletts
irgendeinen Gedanken daneben haben. Der Mensch soll nicht hochmütig
sein: was wissen wir z. B. vom Seelenleben des Meerschweinchens
oder des Laubfrosches! Aber bei einem Erben meines Blutes dulde
ich Briefmarkensammeln nicht. Darin erlaube ich mir nun Despot
zu sein. Willst du +schöne+ Dinge sammeln -- sehr gut! Willst du
lehrreiche Dinge sammeln: Tiere, Pflanzen u. dgl. -- auch gut! Aber
Briefmarkensammeln ist ausgesprochene Antikultur, und darauf steht
bei mir Enterbung.« (Der Junge verfärbt sich.) »Man weiß ja, wie's
geht: Erst kommt das Cricri und das Monokel, dann das Sammeln von
Briefmarken und Pferdebahnzetteln und schließlich der Klerikalismus,
ohne daß man die Uebergänge merkt!«
Meine Frau hat sich inzwischen an die Erschließung der anderen
Tasche gemacht und mit diversen Muscheln und Hosenknöpfen auch eine
zusammengedrückte Kapsel von einer Weinflasche an den Tag gebracht.
»Und was willst du damit?«
»Die will ich verkaufen.«
»Verkaufen?«
»Ja, Willy Steinmann sagt, wenn man 'n Pfund davon hat, dann kann man
sie verkaufen, und das Geld will ich mir dann aufsparen, und dann seh'
ich zu, daß ich immer mehr dazu krieg', bis ich fix reich bin.«
Aah -- daher pfeift der Wind! Er hat offenbar von jenen
»gemeinnützigen« Geschichten gekostet, in denen immer erzählt wird,
wie irgend jemand schon als sechsjähriger Knabe jede Stecknadel
aufhob, jede Gänsedaune für ein künftiges Kopfkissen reservierte und
so schließlich ein ungeheuer großer, reicher und berühmter Kaufherr
wurde. Ich habe nie die Ueberzeugung loswerden können, daß diese
Geschichten von Spekulanten, Bankdirektoren, Testamentsvollstreckern,
Schwankdichtern und ähnlichen Leuten erfunden worden sind, um die
andern Leute von der Fährte abzulenken. Mein Junge -- wenn du der
Sohn deiner Eltern bist, so wirst du diesen »fremden Tropfen in
deinem Blute« bald wieder hinauswerfen, davor ist mir nicht bange.
Stecknadelnsammeln liegt nicht in der Familie.
»Na, und wenn du nun ›fix reich‹ bist -- was dann?«
»Dann kauf ich mir Kühe und Ochsen und 'n Geographiebuch.«
»So.« Bei mir war es immer ein Schloß. Das wollt' ich mir bauen,
wenn ich reich wäre. Ich sehe noch heute die breite, schimmernde
Marmortreppe, auf deren oberster Stufe ich stehe als ein
Grand-Seigneur, um im nächsten Augenblick mit vornehmer Gelassenheit
hinabzusteigen. Oder ich lag auf einem Ruhebett hingestreckt und sah
durch hohe Bogenfenster weiße Wolken durch blaue Himmelsfluren ziehen
-- langsam -- so langsam. Oder ich hielt auf der Zugbrücke hoch zu
Pferd, die Faust auf den Schenkel gestemmt, und sah in +einem+ Blick
Täler und Berge, Wälder und Ströme. Ich möchte fast mit Lessing
glauben, daß es eine Wiedergeburt in +dieser+ Welt gibt, daß wir
mehr als einmal auf dieser Erde erscheinen. Vielleicht daher diese
leisen, fernen, geheimnisvollen Erinnerungen, die wir uns nicht
erklären können. Und ich fürchte, ich fürchte: ich bin -- vielleicht
im dreizehnten Jahrhundert oder so -- ein wenig beschäftigter Junker
gewesen. Ich habe seitdem noch immer eine merkwürdige Neigung, mit dem
Schauen nach schwebenden Wolken und mit dem Reiten durch rauschende
Täler meinen Unterhalt zu verdienen.
Während diese Erinnerungen schnell wie Schwalbenflug vor meinem inneren
Blick vorüberziehen, stößt meine Frau plötzlich einen heftigen Schrei
aus und springt vom Stuhl empor. Sie muß auf etwas Entsetzliches
gestoßen sein; denn sie ist von Natur sehr mutig. Sie würde ihr Kind
aus dem Rachen des Löwen reißen wie jene berühmte Mutter von Florenz.
Es muß etwas Furchtbareres sein als ein Löwe. Und so ist es. Es ist
ein »Gemeiner Mistkäfer«, ~Geotrupes stercorarius~, den meine Frau von
ihren Fingern fortgeschleudert hat und der jetzt langsam auf den Dielen
dahinkriecht.
»Ooh, mein Käfer!« jammert Erasmus.
Das Krabbeltier ist aus einer Streichholzschachtel entwischt und hat
sich frei in der Hosentasche ergangen. Während meine Frau noch immer
ein bißchen weiß um die Nase ist, hat Erasmus das Tierchen aufgenommen
und läßt es mit geradezu wissenschaftlicher Kaltblütigkeit und
Vorurteilslosigkeit über seine Finger krabbeln.
»Wozu hast du den denn gefangen?«
»Für 'ne Käfersammlung.«
»Na -- weißt du -- das halt' ich eigentlich für unnötig. Du kannst
ihn dir auch so ordentlich ansehen. Und dann kannst du ihn jedes Jahr
in ungezählten Mengen wiederfinden. Wenn's was Seltenes wäre, wollt'
ich nichts sagen. Was selten ist, muß immer dran glauben. Aber das
verstehst du noch nicht. Also: ich denke, du läßt ihn laufen, he?
Andere Mistkäfer wollen +auch+ leben.«
Mit schnell aufblitzendem Blick sieht er mir forschend in die Augen,
dann lächelt er und betrachtet verstohlen seine Hände. Sie sind heute
zum zweitenmal gewaschen und zum drittenmal schmutzig. Er gebraucht
sie ungeniert und fleißig, wenn er in Haus und Garten, Feld und Wald
naturforschend sich ins All versenkt.
An den Gegenständen, die der zweiten Tasche entstammen, zuletzt an der
Streichholzschachtel, sowie an der rechten Hand meiner Frau ist uns
mehr und mehr eine merkwürdig übereinstimmende Röte aufgefallen. Jetzt
kommen wir auch dem Ursprung dieser Farbe nah: ein beträchtliches Stück
Rötel hat offenbar schon ein paar Tage in diesem Raume zugebracht und
dessen Wände mit einem gleichmäßigen Rot bedeckt. Endlich findet sich
noch ein schön abgeschliffenes, eirundes Rollsteinchen vom Meeresufer.
»Was ist denn das?«
»Das ist 'n Glücksstein.«
»Ein Glücksstein?« --
Das kann stimmen. Wer sich an solch einem Steinchen freut, der ist
glücklich.
»Wo hast du denn die hübsche kleine Silbermünze gelassen, die du
neulich hattest?«
»Och, die hab ich Georg Petersen gegeben, der will mir achtzehn Fahnen
und fünfundzwanzig Lanzen dafür geben.«
Seine Augen leuchten.
* * * * *
Ja, das sind so Augenblicke, in denen einem das Herz ein wenig groß
und das Auge -- Verzeihung! -- ein wenig warm wird. Denn man denkt an
die vielen Male, daß dieser junge Mann in seinem Leben noch betrogen
werden wird. Was wird +dem+ sein guter Glaube noch kosten! Man fragt
sich, ob man nicht unrecht tut, wenn man einem Kinde sagt: »Sei immer
wahr!« -- ob man es nicht wehrlos macht. Man säh es so gern das Gebot
der Wahrhaftigkeit befolgen, und man sieht dabei alle die Leiden
voraus, die dann seiner warten. Also dem Achtjährigen schon sagen: »Paß
auf, daß du nicht betrogen wirst!?« -- Nein. Nein. Es lieber der Zeit
überlassen, die schließlich doch den Arglosesten warnt. Bei manchem
braucht's freilich viel Zeit. Und dann ist ja auch der Mensch so genial
konstruiert, daß er einen merkwürdig großen Wert darauf legt, nicht
aus fremdem Schaden zu lernen, sondern +selbst+ betrogen zu werden.
Und dann ist es ja auch vorteilhaft, sich mäßig betrügen und belügen
zu lassen. Zu viel ist freilich hier wie überall vom Uebel. Wer gar zu
leicht zu betrügen ist, der verleitet schließlich auch honette Leute.
Die sagen dann: »Na -- wenn er selbst nicht anders +will+ -- --« Man
glaubt nicht, wie verderblich ein +einziger+ Vertrauensseliger für
ein ganzes Rudel von ziemlich anständigen Menschen werden kann. Aber
sonst --: Die Leute vom Adel haben ganz recht: Sich mäßig betrügen
lassen, gehört zum Adel. Wer einen Rock zu vierzig Mark für fünfzig
Mark verkauft, wer im niederen oder höheren Pferdehandel einen
Gentleman hineinlegt oder wer das Drama eines Rivalen aus dem Spielplan
hinausintrigiert, damit er noch ein bißchen mehr Ruhm mit Tantièmen
ergattere -- und wer sich bei alledem steif und fest einredet, Klugheit
und Vorteil seien auf +seiner+ Seite und +nur+ auf seiner Seite -- ja,
wer wollte solch einem armen Teufel das kleine Vergnügen des Betruges
nicht gönnen?! Man zahlt je nach seinen Verhältnissen die zehn Pfennig
oder die zehn Goldstücke oder die zehn braunen Scheine, und wenn man
den Betrug merkt, lacht man sich ins Fäustchen und freut sich, daß man
keine Wanze ist; und was einem leid tut, ist nur der arme Kerl, der nun
womöglich ganz stolz ist auf seinen »Coup«.
Meine Frau und ich haben beschlossen, dem jungen Herrn ein eigenes
Schubfach zur Verfügung zu stellen, damit er darin seine Kinderwelt
baue. Nach meinem eigenen Jungentum zu schließen, wird er allerdings
die Hosentasche vorziehen. Das Verhältnis zu den Dingen ist hier ein
intimeres. Man hat auch alles für den ersten Griff bereit und nett
beisammen: Kreisel, Mistkäfer, Aepfel und Schusterpech. Und dann --
die Hauptsache! -- es liegt nicht offen vor aller Augen da. Obwohl wir
höchst diskret verfahren sind mit dem Geheimschatz des Prinzen Erasmus
und uns das Lachen tapfer verbissen haben -- er schien unser Vorgehen
doch als eine Indiskretion zu empfinden. Es war eine Sache der Scham
für ihn. Und man +soll+ auch nicht einfallen ins Land der Kinderseele,
man soll es behutsam anstellen, daß sie einen selbst hereinziehen. Wenn
ihr Entzücken einmal recht groß ist, tun sie's schon.
Eine zartgebaute Welt, das Kinderparadies! Ein einziger rauher Hauch
aus der kalten Welt der Erwachsenen -- und tausend Blüten fallen auf
einmal von seinen Bäumen. Es gibt ein Wunder, das ist so groß wie
ein Pfennig, rund wie die Sonne und mildglänzend wie der Mond; du
bewegst es ein wenig -- und versteckte Farben leuchten daraus hervor:
das durchsichtige Grün des Nordmeers, die Röte des Abendhimmels
... Laß aber ein paar unrechte und grobe Finger darüber kommen und
es verächtlich auf den Tisch werfen -- so ist es ein armseliger
Perlmutterknopf! -- -- --
Flieh, auf, hinaus ins weite Land!
In den Pfingsttagen ist er wieder aufgestanden. Die Pranken hoch
emporgestreckt zum Ansprung ...
Kusch!!
Und langsam, sehr langsam duckt er sich noch einmal in den Winkel.
Der +Wanderdämon+.
Wer stets daheim geblieben ist, in dem schläft er einen tiefen Schlaf.
Ein solcher Mensch spricht ganz unschuldig solche Lästerungen aus wie:
»Wozu soll ich reisen? Kann ich's irgendwo schöner und behaglicher
haben als in Hamburg?«
Oder: »Gehn Sie mir mit dem Reisen! Der reinste Selbstbetrug! Man
gibt recht viel Geld aus, fühlt sich fortwährend unbehaglich und sagt
immer ›O wie schön!‹ um sich nur zu beschwichtigen. Hab auch mal so'n
Rundreisebillett durch 'n Harz gehabt. Bin gar nicht erst ausgestiegen.
Gleich durchgefahren und wieder nach Hause ...«
Und was dergleichen Ahnungslosigkeiten mehr sind.
Aber wenn jener Dämon nur +einmal+ Blut geleckt hat ...
Nehmen wir an, du machtest deine jährliche Reise im Juli, so meldet er
sich nach der +ersten+ Reise im Juni, nach der zweiten im Mai, nach der
dritten schon im April, und nach wenigen Jahren, wenn du gerade vor dem
Tannenbaum stehst und eine goldene Nuß hineinhängen willst, wachsen
sehnsüchtige Bergriesen in dir empor, und über weltweite Alpengründe
fließt Herdengeläut und millionensternige Blumenpracht.
Du schüttelst schnell den Kopf ... Still!! Kusch dich!! ... Und der
große, machtvolle Weihnachtsfriede deckt das liebe Ungeheuer zu --
günstigenfalls, bis der erste Star unter deinem Fenster schrillt.
Dann regt es sich ohne Gnade, und bald darauf wieder, wenn die »neun
Sommertage des März« kommen -- oder ausbleiben, je nachdem -- und dann
an dem Tage, da der +eine+ große, warme Atemzug der Befreiung durch die
Städte geht und alle Menschen, auch die in den Krankenstuben, sprechen:
»Ja, +jetzt+ ist der Frühling +wirklich+ da!« -- und dann in immer
kürzeren Zwischenräumen.
In den Pfingsttagen richtete er sich gewaltig empor; ich spürte seinen
heißen Atem an der Wange ...
An einem heiligen Pfingstmorgen in früher Kindheit ist er ja auch zum
erstenmal in mir geweckt worden. Damals nahm ein älterer Bruder mich
bei der Hand und führte mich das Ufer des breiten Elbstromes hinunter.
Und sieh: jenseits des breiten, sonnigen Glanzes lagen blaue Berge,
denkt euch nur: +blaue+ Berge! Als mir mein Bruder dann noch sagte,
die Bläue komme von den Heidelbeeren her, mit denen die Berge über und
über bewachsen wären, da wuchs mein Verlangen ins Unendliche. Von jenen
blauen Bergen kam meine Wanderlust.
Nun hatt' ich gesehen, daß es noch eine Welt gab jenseits unseres
Dorfes. Mehr noch +gefühlt+ als gesehen! Mein inneres Leben hatte
ein Jenseits bekommen, eine nebelblaue Weite, in der meine Träume
tanzen konnten. Von jenem Tag an gab es in meiner Seele Heimat und
Fremde. Wir waren weit, weit gegangen, wenigstens für meine kurzen
Kinderbeinchen, und zum erstenmal fühlt' ich den geheimnisvollen
Zauber, den Ueberwindung des Raumes und Wechsel der Umgebung mit sich
bringen. Ich weiß nicht, ob es anderen auch so ist: aber für mich hat
die Ueberwindung großer Entfernungen, wie sie z. B. die Dampfkraft
ermöglicht, etwas Anziehend-Unheimliches. So ein Handlungsreisender
-- ich bitte um Entschuldigung, wenn ich mich irre, und es gibt ja
gewiß auch andere -- spielt heute abend seinen Skat in Leipzig und
morgen abend in Berlin, und wenn er beide Male gleiche Karten hat,
ist es ihm ganz einerlei. Hab ich recht? Nun ja, es kann auch wohl
nicht anders sein. Aber +ich+ sage mir in solchem Falle gedankenvoll:
»Gestern in München -- und heute in Posen!« Und darin liegt dann so
ein übermenschlicher Schicksalsklang wie etwa in den Worten: »Heute
rot -- morgen tot.« Es genügen schon die Bahnhöfe solcher zwei
Endpunkte, um Schauer der Raumüberwindung in mir zu erwecken. Es mag
wohl daher kommen, daß alle Dinge für mich Gesichter haben, seien es
auch nur Steinwände, eiserne Träger oder bestaubte Fensterscheiben,
keine Menschengesichter, sondern solche Gesichter, wie sie Steinwände,
eiserne Träger und bestaubte Fensterscheiben eben haben ...
Und dann kamen alle die Pfingstfeste, da ich in der Nacht vor der
Ausgießung des heiligen Geistes mit meiner Mutter bis zwei Uhr, bis
drei Uhr bei der Lampe saß und seligen Blickes zusah, wie sie aus dem
vergangenen Pfingststaat des Vaters den neuen Pfingststaat des Sohnes
erstehen ließ. Ich sehe noch, wie auf den treuen, nimmermüden Händen
der gelbe Lampenschimmer lag, ein Schimmer, der mir dann vor den
stillen Augen zum gelben Sonnenschein auf Wald und Wiesenpfaden ward.
Das schönste von allem Glück sind die geweihten Stunden der Erwartung,
besonders die schweigend bewegten Nachtstunden, nach denen die Licht-
und Klangfanfaren eines großen Morgens kommen sollen.
In solchen Nächten braucht man keinen Schlaf. Leg dich mit der
Erwartung von Leiden nieder, und aus dem längsten und schwersten Schlaf
erwachst du ohne Erquickung; wiegt sich aber dein Herz auf Flügeln
fröhlicher Hoffnung, so nippst du wie ein Vogel einen einzigen Tropfen
aus dem Wasser der Träume und fliegst gestärkt in den Morgen hinaus.
Ja, mit starken Beinen marschierten wir in allererster Frühe des
Morgens hinaus. Die Tradition verlangte das: erste, keuscheste
Herrgottsfrühe. »Herrgottsfrühe« -- welch ein wunderbares Wort das
ist! Alle Menschen schlafen noch; selbst die Vögel hocken noch im
Nest; nur der Herrgott und du sind schon wach, und du fragst ganz
unbefangen hinauf: »Wie wird's denn heut' werden?« denn er hat noch
Zeit, ein Wort an dich allein zu wenden. Und leichte Sommerkleider
verlangte die Tradition, bei den Mädeln sogar helle Kleider, wenn es
auch sanft und hartnäckig regnete und der Regen nur selten unterbrochen
ward durch ein wenig Schnee. Was Faust vom Ostermorgen sagt, mag ja
im sechzehnten Jahrhundert richtig gewesen sein, heutzutage stimmt es
nicht mehr, wenigstens nicht in Norddeutschland. Am Osterfeste macht
man Schlittenpartien, freut sich aber, wenn man wieder beim Ofen sitzen
und Grog trinken darf. Pfingsten ist das Fest, da die Menschen aus
ihren steinernen Gräbern auferstehen, um Licht zu trinken. Und solch
ein Fest verregnen lassen (womöglich noch mit Schnee dazwischen), das
kann nur der Teufel tun; denn ein Herrgott bringt dergleichen einfach
nicht übers Herz. Pfingsten im strömenden Regen beginnen und verrinnen
sehen, das war so, wie wenn unser bester Freund uns meuchlings einen
Dolchstich versetzt; man stand am Fenster und sprach in sich hinein:
»Das war kein Heldenstück, Oktavio!«
Ich zog meine Eltern so oft ans Fenster und wiederholte so oft die
Behauptung, es beginne jetzt im Westen »aufzuklaren«, daß sie bald ganz
meiner Meinung wurden und die günstigsten Prognosen stellten. Auf das
Wetter hatte das freilich keinen Einfluß. Und es rührt mich noch heute
ganz seltsam, wenn ich Arbeiter mit ihren Frauen und Kindern in dünnen,
weißen Pfingstgewändern, die melancholisch am Leibe herunterhängen,
unter dem Regen fröstelnd dahinschleichen sehe. Wer sich aus jedem
Tage einen Sonntag machen kann, der hat gut mit überlegenem Spotte zu
lächeln: »Warum heben diese Leute sich ihren Staat und ihr Vergnügen
nicht auf für einen späteren Tag? Ein Sonntag ist doch wie der andere!«
Ganz recht: ein Sonntag ist wie der andere; aber keiner ist wie der
Pfingstsonntag. Am Pfingstsonntag ist in diesen Leuten das Maß der
Frühlingssehnsucht voll, und es +muß+ überströmen.