Markobrunner gewesen -- wieder hinauf in ihr Zimmer und holten aus
ihrem Gepäck ein Bändchen Goethe hervor.
Der Himmel schien noch heute bis auf den letzten Tropfen bezahlen
zu wollen, was die Hitze der vorhergehenden Tage an Feuchtigkeiten
kontrahiert hatte. Und seltsam: es war unsern Reisenden gar nicht
mehr unlieb. Wenn zwei Liebende sechs Jahre lang von sehr lebendigen
Kindern und sehr lebendigen Pflichten, Sorgen und Mühen umschwirrt
gewesen sind und sich dann plötzlich in der Ferne, eingeregnet, in
einem Hotelzimmer einander gegenüber finden, dann erwacht in ihnen
ein seltsames, ein ungeahntes Gefühl, das Gefühl: Endlich allein!
Eine Empfindung bemächtigt sich ihrer, daß ihre innersten Seelen seit
langem eigentlich nicht miteinander gesprochen haben, daß sie sich
viel und mancherlei zu sagen haben, von dem sie selbst nicht gewußt
haben, daß es in ihnen sei. Während sie einander nahe gegenübersaßen,
sie ihm gelegentlich sanft mit der Hand über die Stirn strich, er ihr
gelegentlich zärtlich die schmale Hand streichelte und einer des andern
Bild mit inniger forschendem Blick zu erfassen suchte, sprachen sie
Ernstes und Fröhliches, Lautes und Leises, das in einsamen Stunden in
ihnen erwacht und ihnen wohl auch auf die Lippen gekommen, dort aber
vom schnellen Strom des täglichen Lebens hinweggeschwemmt worden war.
Und als der Abend herannahte, da fanden sie, daß kein Tag ihrer Reise
schöner gewesen sei als dieser »verlorene«. Und als sie wieder einmal
gemeinsam in den Himmel schauten -- da entfuhr ihnen gleichzeitig ein
halblauter Freudenruf: im Westen blickte durch das Grau ein winzig
Stücklein erhellten Himmels, wie ein verweintes Auge, das, noch
unter Tränenschleiern, zum ersten Male wieder aufmerksam ins Leben
starrt, noch nicht wünschend, noch weniger hoffend, nur erst wieder
betrachtend mit kaum bewußter Teilnahme. Und das himmlische Auge ward
größer und größer, klarer und klarer, heiterer und heiterer, und unser
Paar schritt mit aufjauchzenden Herzen hinaus in eine wiedergeborene
schöpfungsfrohe Natur.
Und diesen Abend machten sie einen Fund, der ihm köstlicher denn Gold
und Perlen war. Sie fanden eine Wiese, an einem sanft abfallenden
Hügelhang, von jungen und alten Bäumen umstanden. Ueber diese Wiese
finden wir in seinem Tagebuche folgende Zeilen:
»Im Thüringer Wald ist eine Wiese, die alles zur Ruhe singt, was in
dir an Sorgen und Bangen ist. Ja, sie singt; denn ihr Grün, ihre
Schatten und ihre Lichter, ihre Bewegung und ihr Schweigen sind ein
ununterbrochener seliger Gesang. In diesem Gesange sah ich goldene
Stunden meiner Vergangenheit wandeln, die ich vergessen hatte, Stunden
und Tage mit ihrem eigensten Gesicht, ihrem eigensten Ton und Gange.
Am Rande, im Schatten der Bäume, sah ich die höchsten und heiligsten
Gedanken meines Lebens ruhen, sah ihre Züge, ihre Augen im Glanze
der Minute, da ich sie empfangen, verstanden und ans Herz gedrückt
hatte. Und über den abendlich glimmenden Wipfeln der Bäume zogen selig
schwebend dahin meine Hoffnungen, meine Ahnungen, die aus dieser
Erdenenge hinaufstreben in eine größere Welt. Auf dieser Wiese grünt
der Glaube; wer sie erschaut, der trinkt sich Glauben an die Heiligkeit
der Welt für ewige Tage. Die Welt, die solche Augen hat, kann im Grunde
ihrer Seele nicht lügen.
Ich sage nicht, wo diese Wiese liegt; denn sogleich würden Tausende
kommen und rufen: »Wo ist das Besondere? Das können wir auch anderswo
sehen!« O ihr Blinden! Nichts kann man auch anderswo sehen. Jedes
Stück der Welt, das zwischen zwei Augenlidern Platz hat, ist ein Wesen
wie ich und wie jedes von euch, mit eigener Seele und eigener Stimme,
mit Zügen und Augen, die niemals wiederkehren. Und die doch, wenn sie
vergangen sind, wie wir vergehen, ewig aufbewahrt bleiben im Weltall.
Alles ist einzig, und alles ist ewig.
In den morgenfrischen Bäumen
Hing ein letzter Hauch der Nacht,
Und die Blumen machten Augen
Wie ein Kind, wenn es erwacht. --
Holder Schreck entriß mich plötzlich
Lächelnder Versunkenheit --:
Eine Rose hat geduftet
Wie ein Lied aus Kinderzeit!
Eilends sucht' ich: Welche war es? --
Duft und Blüte weit und breit! --
Doch nicht andren Duft vernahm ich:
Aufgetan die Seele weit,
Ging ich atmend, dürstend, sehnend
Durch des Gartens Herrlichkeit --
Und ich hab' sie nicht gefunden,
Die mich rief aus ferner Zeit.
O, ich seh' es, euer Lachen,
Schnell und klug zum Spott bereit!
Seid gewiß, in regen Lüften
Weiß mein Herz von je Bescheid.
Aufgehoben bleibt im Ganzen
Jedes Atems leises Weh'n;
Einst an einem großen Morgen
Wirst du's lächelnd wiederseh'n.
Eine Rose hat geduftet
Wie ein Klang aus Kinderzeit;
Duft und Klingen, Heut' und Gestern
Weben all' an +einem+ Kleid.
Niemals hab' ich Schillers Klage um die Entgötterung der Natur
verstanden.
»Diese Höhen füllten Oreaden,
Eine Dryas lebt' in jenem Baum,
Aus den Urnen lieblicher Najaden
Sprang der Ströme Silberschaum.«
Ist das nicht heut' wie einst? Seht ihr's nicht wandern auf den Bergen,
hört ihr's nicht lachen und seufzen aus jedem Baum, hört ihr's nicht
singen an jeder Quelle mit überirdischer Stimme? Ihr vernehmt es mit
höheren Sinnen, und mit leiblichen Sinnen vernahmen's auch die Griechen
nicht.
Nein, o nein, keine Philosophie und keine Religion kann die Natur
entgöttern; denn sie ist selber Gott.
Geht hin und suche jeder seine Himmelswiese; denn jedem liegt sie
anderswo. Auch meinem Weibe, auch meinen Kindern, und das ist ein Weh
in allem Glück. Aber meine Geliebte verstand mein Schweigen und ehrte
mein Gebet.«
* * * * *
Als sie auf der nächsten Poststation ihre Briefe in Empfang nahmen,
die wieder erfreuliche Nachricht von Hause brachten, da fiel ihm aus
einer eingeschriebenen Sendung eine Banknote in die Hände. Ein Honorar!
Fünfzig Mark, auf die er gar nicht gerechnet hatte. Er hielt ihr das
hübsche Stück Papier vor die Augen und schrie ganz leise »Juhuhuuu!!«
Und als sie ins Hotel zurückgekehrt waren, zog er den Wirt auf die
Seite und redete vertraulich mit ihm. Der Wirt hörte ihm offenbar mit
Vergnügen zu und eilte dienstbereit von dannen.
»Wollen wir nicht aufbrechen?« fragte sie.
Er hob geheimnisvoll den Finger, machte ein hohenpriesterliches Gesicht
und sagte dunkel: »Noch nicht.«
Als sie nach einigen Minuten wieder fragte: »Warum gehen wir denn
nicht, du Schlingel?«, da hob er noch geheimnisvoller den Finger,
machte ein noch hohenpriesterlicheres Gesicht und sagte noch dunkler:
»Noch nicht.«
Und dann fuhr ein schöner Landauer mit zwei tatenfrohen Braunen vor.
Sie sah ihn mit ungläubigem Lächeln an. Er aber rief:
»Jehann, nu spann de Schimmels an!
Nu fahrt wi mit de Brut!
Un hebbt wi nix as brune Per,
Jehann, so is't ok gut!«
und lud sie mit seiner galantesten Handbewegung zum Einsteigen ein.
Während er noch mit dem Kutscher sprach, konnte sie mit den
strahlenden Augen nicht von ihm lassen. Wer kennt nicht die herrliche
»Hochzeitsreise« von Moritz von Schwind, kennt darin nicht den
anmutigen Zug, wie die junge Frau zur Seite rückt und dem geliebten
Gefährten gar bereitwillig Platz macht in Erwartung gemeinsamer
Freude! So drückte sie sich in die Ecke und konnte kaum erwarten, daß
er einstieg.
Der Wirt, ein Mann von etwas familiärem, aber vortrefflich gemeintem
Benehmen, wünschte ihnen noch, daß der Fortgang ihrer Ehe so fröhlich
sein möge wie der Anfang.
»Also haben Sie gemerkt, daß wir Hochzeitsreisende sind?« fragte unser
Freund.
»Freilich,« versetzte der Alte, »dafür bekommt unsereins einen Blick.«
»Ja ja,« rief der Ehemann lachend, »wir sind allerdings noch in den
ersten Flitterjahren. Hü, Kutscher!« Die Pferde zogen an.
»Du ahnst nicht, wie dankbar ich dir bin,« flüsterte sie an seinem Ohr,
»ich war ein wenig übermüdet -- nun bin ich selig!«
Und freilich -- fußwandern bleibt zwar immer das Schönste -- aber
nächstdem gibt es nichts Leib- und Seelenvergnüglicheres, als zu zweien
im Wagen eng aneinander geschmiegt durch die Lande zu rollen. Sie
fuhren durch stundenlangen Tannenwald; in unabsehbaren Reihen ragten
die streng emporstrebenden Stämme in den Himmel, eine meilenlange
Orgel, auf der der Wind das Morgenlied der Schöpfung spielte. O, ein
geheimnisvolles Ding, mit munteren Rossen durch den tiefen Wald zu
fahren! Dem seitwärts schweifenden Blick erschienen in fernsten, nie
betretenen Waldgründen seltsamgestaltige Wunder, die scheu wieder ins
Dunkel tauchten, wenn das Auge sie fester erfassen wollte; mit großen
Augen lugte es hinter düsteren Stämmen hervor -- ein Reh? -- eine
Dryas? -- das verzauberte Brüderlein der treuen Schwester? -- oder war
es Schmerzenreich, das Kind der armen Pfalzgräfin? Und manchmal schaute
zwischen fernen, fernen Tannen ein Stück des Himmels in die Schauer
der Waldnacht herein, dann war es ihnen, sie sähen einen gotischen
Dom mit riesenhohen, bunten Fenstern und sie wären dem Tempel nah,
der die smaragdne Schale vom Tisch des Heilands birgt und der ewigen
Frieden bringt denen, die ihn finden. Wenn aber der Wagen lautlos über
moosigen Grund fuhr, dann vernahmen sie dumpfes, fernes Stimmengewirr
versammelter Männer. Ihr wißt, daß man in stillen, dichten Wäldern die
Stimmen einer unsichtbaren Versammlung hört. Das ist das Thing derer
aus Niflheim und Jötunheim; sie beraten über den großen Kampf, in
dem sie die Einherier vernichten wollen, die Einherier, die über den
Wipfeln lächelnd dahinziehen.
Als sie aber nun über eine sonnige Hochfläche fuhren und Wiesen und
Aecker in allen Farben vor ihren Blicken lagen, da ergriff ihn ein
lustiger Größenwahn; er sprang von seinem Sitz in die Höhe, beschrieb
mit der Linken einen weiten Bogen und rief:
»Sieh, Herz, alles unser! Alles dein! Ein Teppich für deine Füße! Wer
kann sich das leisten!«
Und sie ergriff seine Rechte, zog sie an die Lippen und flüsterte mit
ihrem schalkhaftesten Lächeln:
»Mein sparsamer Mann! Mein unverbesserlicher Geizhals! Mein Harpagon!«
Und so kamen sie nach Ilmenau. --
»Anmutig Tal, du immergrüner Hain,
Mein Herz begrüßt euch wieder auf das beste!«
Schon dieser Anfang hatte ihm immer zu den Wundern der Kunst gehört.
Mit zwei Worten erschließt ein Dichter ein heiteres Gefild, und mit
einem einzigen Griff bringt er die Harfe des Waldes zum Klingen, und
alles horcht auf und flüstert: »Still -- still! Der da beginnt, das muß
ein großer Meister sein!«
Und die Herzen voll dieses Klangs, durchschritten sie das anmutige Tal
und stiegen den immergrünen Hain hinauf zu jener Höhe, wo der herrliche
Wanderer sein Nachtlied an die Wand eines Bretterhäuschens geschrieben
hatte. An Stelle des niedergebrannten Häuschens hat man dort, in
nachgeahmter Dürftigkeit, ein neues »altes« Häuschen errichtet. Sie
gingen nicht hinein; sie wollten es nicht sehen; sie wandten ihm den
Rücken zu und schauten über das abendlich beglänzte Wipfelmeer in die
Ferne. Keines sprach ein Wort; aber im stillen Herzen sprachen's wohl
beide:
»Ueber allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.«
Einunddreißig Jahre war er alt gewesen, als sich dies Lied aus
seiner Seele gelöst hatte, ein glückverwöhnter, blühender Mann,
die Schöpfungsgewalt für eine neue Welt hinter der Stirn, die
Flügelspannung eines emporschwebenden Adlers im Hirn und in der Brust.
Groß war die Welt, groß und schön und berauschend süß. Aber vielleicht
das Beste nach allem war die Ruhe.
Sie sprachen auch nur wenige, abgebrochene Worte, während sie zu Tale
stiegen. Das Dunkel brach herein. Da legte er den Arm um ihre Hüfte und
sprach: »Wie wird's uns sein, wenn wir nach Weimar kommen!«
Und sie kamen nach Weimar. Der Weimarer Bahnhof -- darüber kann keine
Meinungsverschiedenheit bestehen -- hat weder etwas Imponierendes noch
Feierliches, noch Stimmungsvolles, oder sonst Angenehmes. Aber als sie
ihren Fuß auf den Bahnsteig setzten, hatten sie das Gefühl: »Ziehe
deine Schuhe aus von deinen Füßen; denn das Land, darauf du stehest,
ist ein heiliges Land.« Sie gingen schon durch die Sophienstraße, aber
sie gingen vollends über den Viadukt und durch die Rollgasse, als das
alte Weimar vor ihnen auftauchte, mit den zitternden Herzen der Kinder
am Weihnachtsabend dahin. Es war auch Abend und schon so spät, daß sie
das Hotel nicht mehr verließen. Viele Stunden lang lag er schlaflos in
seinem Bette: er war nun da, wirklich da, er selbst, an der tausendmal
ersehnten Stätte seines heiligsten Knaben- und Jünglingslebens; er
atmete mit den erhabenen Genien dieses Ortes dieselbe ambrosische Luft.
Denn das war das Seltsame: in diesem neuen Weimar stand unversehrt das
alte und drängte jenes in den Hintergrund; was vor siebzig, vor hundert
Jahren gestorben und untergegangen war, das lebte, stand und wandelte
hier so gegenwärtig wie nur je -- die Häuser, Straßen und Menschen von
heute aber waren Schatten. Es war eine schlaflose, heilige Nacht; erst
gegen Morgen schlief er ein paar Stunden und erhob sich dann mit einem
fröhlichen Kraftgefühl, das ihm die Geister seiner Jugend gebracht
hatten.
Die beiden machten zunächst einen Orientierungsspaziergang durch
die Stadt, und dieser Anfang verlief nicht allzu erhebend. Vor dem
Doppeldenkmal trat nämlich ein überaus freundlicher alter Herr mit
höflichem Gruß auf sie zu und sagte:
»Dies sind nu also die beiden kreeßten Tichter, wo wir ha'm. Links is
Keethe, un rechts is Schiller. Schiller is, wie Se seh'n, ä bißchen
kreeßer als Keethe; aber dafier is der Keethe widder breider in de
Schuldern. Was se da in der Hand halten, das is ä Lorbeergranz. Keethe
will Schillern den Lorbeergranz iberreichen; awer Schiller sagt: »Nee,
behalt du'n.« Der Schiller is immer ä sehr edler Mensch gewäsen. --
Da hinder den beiden säh'n Se das alde Dheader, wo noch de kreeßten
Machwerge von den beiden sin aufgeführt wor'n.«
Unser Freund dankte verbindlich für die Belehrung und lüftete zum
Abschied höflich den Hut.
Als sie an der Ecke des Theaterplatzes vor dem Wittumspalais standen,
stand der gastliche Fremde wieder neben ihnen.
»Das is nu also das sogenannte Widmungsbalais, wo de Herzogin Anna
Amalchje dadrinn kewohnt hat.«
»Soso!« machte unser Freund. »Sagen Sie mal, warum heißt es eigentlich
»Widmungspalais«?«
»Nu, das is ja sehr einfach. Das hat nämlich der tamaliche Kroßherzog,
der hat es also der Anna Amalchje kewidmet, damit daß se drin wohnen
soll.«
»Aha!« machte unser Freund, »aha!«, lüftete abermals den Hut und sagte:
»Adieu!«
Aber der menschenfreundliche Herr nahm keine Notiz davon; er geleitete
sie vor das Schillerhaus und sagte:
»Dies is also nu das Haus, wo der unschterbliche Schiller kewohnt
hat --«
»Jawohl, jawohl!« riefen unsere beiden und schritten eilends weiter.
Sie gelangten zum Fürstenplatz, und als sie vor dem Reiterstandbilde
Carl Augusts standen, hörten sie hinter sich eine Stimme:
»Dies is nu also der Fürscht, der wo die sämtlichen Tichter eichentlich
erst ins Läben gerufen hat.«
»Schick ihn doch weg,« flüsterte sie.
»Ja, aber wie? Ich werd ihm Geld anbieten.«
»Ach nein, das geht doch nicht!« flüsterte sie errötend.
Aber es ging. Der gefällige Bürger steckte die dargebotene Mark
Lösegeld ein und empfahl sich. Der Typus war ihnen ganz neu; denn in
Norddeutschland gab es dergleichen nicht.
»Endlich allein!« jubelte sie, und nun zogen sie in Frieden weiter. Nur
noch einmal kamen sie in Gefahr, »geführt« zu werden. Im Sterbezimmer
Schillers hörten sie einen Erklärer reden, der von der Armut Schillers
in einem so ergreifenden Tremolo sprach, als wenn er selbst darunter
noch heute zu leiden habe und hier daher erhöhte Trinkgelder am Platze
seien. Unser Paar wartete, bis die betreffende »Tour« zu Ende war und
trat dann allein in das Heiligtum.
Die Deutschen haben keinen heiligeren Ort. »Wieviel Marmor,« dachte
unser Freund, »wieviel Gold und Elfenbein, wieviel Seide, Samt und
Edelgestein müßte wohl ein prachtliebender Fürst aufeinanderhäufen, um
einen Raum zu schaffen von solcher Hoheit und von solchem Glanz. Wem
hier nicht Tränen der Sehnsucht, Tränen des Triumphes ins Auge treten,
dem ist der tiefste Quell seiner Seele versiegt. Der wahre Bettler
ist doch einzig und allein der wahre König!« Der dies göttliche Wort
sprach, war auch solch ein Bettler.
Mit umflortem Blick betrachtete unser Paar die Gegenstände, die
der erhabene Mann durch seine Berührung geadelt hatte. Sie hatten
beide keine Begabung für den Fetischdienst, und gegen Götter- und
Götzendienst empörte sich von je sein menschlicher Stolz. Aber die
Geister, die diese Stadt erhellten, waren nicht Götter in Wohlsein und
Müßiggang, waren nicht in Allmacht und ambrosischen Leibes geboren; sie
hatten gelitten und gerungen, gerungen mit ihren eigenen Mängeln und
Gebrechen und waren aus Menschen Götter geworden. Vor solchen Heiligen
ist Verehrung nicht Erniedrigung, ist Verehrung eigener Triumph.
Gerade als sie diese Stätte verlassen wollten, kam der Führer zurück
und begann im Grabestone des fest angestellten Leidtragenden: »In
diesem ärmlichen Gemache --«
Aber unser Freund drückte schnell seine Hand in die des Mannes und
sagte gedämpften Tones: »Ich weiß alles.«
Ja, dieses Schillerhaus, dieses Goethehaus, dieses Wittumspalais,
dieser Park mit seinem Gartenhäuschen, diese unsichtbare Stadt, vor
der man die sichtbare nicht sah: das war Elysium. Ein besseres,
höheres, heiligeres Elysium als das der Alten. Ein Elysium der Arbeit.
Gewiß: das gab diesen kleinen, niedrigen, bescheidenen, selbst in
den Schlössern bescheidenen Räumen, die an Luxus manchmal hinter der
Wohnung eines Handwerksmeisters von heute zurückstehen: das gab ihnen
jene unvergleichliche Vornehmheit, daß der hohe Geist der Tätigkeit
niemals aus ihnen gewichen war; aus der seligen Welt der Gedanken fällt
noch heute ein Strahl in diese Gemächer und Gänge und umspielt die
bestaubten Schokoladentäßchen, die verstummten Lauten und Spinette,
die verlassenen Spieltische und die verwaisten Maskeradenkostüme
mit einem fernher scheinenden Sternenlicht. Das machte auch das
Arbeitszimmer am Frauenplan, dieses andere Allerheiligste der
Deutschen, zu einer Insel der Seligen. Fünfzig Jahre lang hatte er hier
wirken, schaffen und ringen dürfen, fünfzig Jahre lang hatte er hier
verkehren dürfen mit den freundlichsten und besten Geistern, die zu den
Irdischen herniedersteigen. Kein Fleck der Erde hat ein reicheres und
höheres Glück gesehen als dieses Zimmer. O, unsere Liebesleute wußten
sehr wohl, daß Kleinheit und Häßlichkeit, daß Dummheit und Neid an
diese Männer herangekrochen waren wie an andre und mehr als an andre
Menschen; sie waren nicht unerfahren genug, um zu glauben, daß es ein
Leben ohne Alltag gebe; es war ein kleines Nest gewesen, das Weimar von
damals, und die Gewöhnlichkeit macht sich um so breiter, je enger sie
mit der Größe zusammenwohnt. Aber das blieb bestehen: Kein Fleck der
Erde hatte ein höheres und reicheres Glück gesehen als dieses Zimmer.
Und dann standen sie in der Fürstengruft an den Särgen der Dioskuren.
Es gibt ein Gedicht von Nepomuk Vogl, in dem erzählt wird, wie ein
Mann sich vom Totengräber das Grab der Mutter zeigen läßt. Als er
davor steht, spricht er:
»Ihr irrt, hier wohnt die Tote nicht.
Wie schlöss' ein Raum so eng und klein
Die Liebe einer Mutter ein!«
In erweitertem und erhöhtem Maße hatten sie dies Gefühl vor den
Sarkophagen Schillers und Goethes. Das Grauen, das uns vor den Gräbern
vergänglicher Menschen befängt -- hier hat es keine Stätte. Fast hätten
sie gelächelt, als ihnen der alte Mann, der sie in die Gruft begleitet
hatte, allen Ernstes versicherte, in diesen Särgen ruhten Goethe und
Schiller. Sie kamen ja her von den Stätten, wo sie lebten und wirkten
im Licht der Sonne. Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?
Und noch an einem andern Grabe verweilten sie in freundlicher Trauer:
an der Ruhestatt Christianens auf dem alten Jakobskirchhof. »Wenn ich
zu befehlen hätte,« sagte unser Freund, »so ruhte sie neben ihm in der
Fürstengruft.« Und sein junges Weib ergriff seine herabhängende Hand
und drückte sie fest, sehr fest und gar lange. Es war das Weib, das ihm
dankte.
Als sie zum ersten Male den Park besuchten, führte sie ein
halbidiotischer Gärtnerlehrling durch Goethes Gartenhaus. Er
schien nur substantive Begriffe zu haben; denn er sagte nichts als
»Arbeitszimmer!« -- »Schlafzimmer!« -- »Küche!« und stieß diese Worte
mit einer mürrischen Vehemenz hervor. Nur als die junge Frau einmal
fragte: »Wohin geht es denn da?«, da gebrauchte er das Adverbium
»Raus!!«. Sie hatten sonst wohl erlebt, von Halbidioten durch die
+Werke+ Goethes geführt zu werden; aber denen hatte der wohltuende
Lakonismus des Gärtnerburschen gefehlt. Es fragte sich, ob die
Verallgemeinerung dieser Einrichtung nicht zum Segen aller Besucher
geweihter Stätten gereichen würde.
Sie wanderten hinaus nach Belvedere, nach Ettersburg und vor allem
nach Tiefurt. Der Park von Tiefurt -- wenn etwas, so gehörte er zu
diesem Elysium. Es war ein trüber Tag, und doch -- gibt es Wolken
oder Nebel, die den Frohsinn dieser Stätte verhüllen können? Er
strahlt und kichert durch alle Decken hervor. Ja, das war's, was diese
»Lustigen von Weimar«, diese prachtvolle Anna Amalie und ihren Geniehof
kennzeichnete: ihr Wirken war nicht finstere Rastlosigkeit, ihr
Vergnügen nicht fauler Genuß; Arbeit adelte ihren Frohsinn, Frohsinn
adelte ihre Arbeit. So macht man das Leben zum ewigen Fest, und ein
ewiges Fest liegt über den Bäumen und Fluren dieses Parks.
Und doch mußte unser Freund fluchen, grimmig fluchen, als sie vor dem
mächtigen Steine standen, der in Lapidarschrift den Namen
+HERDER+
trägt. Ein Schuft hatte seinen Namen daneben geschmiert. Die Besudelung
des Steines ließ sich wohl entfernen; aber wer entfernte den Dreck
aus solch einer Seele! Welch ein Abgrund naiver Gemeinheit lag in
diesem Frevel. »Weiß Gott,« rief unser Freund, »ich bin ein Feind der
Prügelstrafe; aber Ausnahmen gibt es doch. In diesem Falle würde ich
mit Freuden der Vollziehende sein, und der Halunke sollte sich über
keine Unterschlagung zu beklagen haben!«
Sie hatte große Mühe, ihn zu beruhigen; aber bald verwischte ein
seltsam freundliches Erlebnis völlig den widrigen Eindruck. Sie hatten
sich dem Schlößchen dieses Parks genähert, und im selben Augenblick,
als sie durch den grünumrankten Torbogen in den Schloßhof traten,
schlug eine Turmuhr drei Schläge, und die Sonne durchbrach siegreich
den Nebel. Glücklich überrascht sahen sie einander ins Gesicht: Hieß
das nicht »Willkommen«?!
Der letzte Abend ihres Weimarer Aufenthalts gehörte natürlich noch
einmal dem Park »am Stern«. Die Bürger von Weimar waren ordnungsmäßig
zum Abendessen gegangen; unsere beiden hatten den Park, hatten die
Welt für sich allein; völlig einsam schritten sie am Gartenhause, an
der Reitbahn vorüber auf dem breiten Wege, der nach Oberweimar führt.
Köstliche Stille ringsum. Da standen auch sie stille -- eine Nachtigall
schlug liebeselig aus nahem Gebüsch. Und im Osten stand ein herrlicher
Stern, so lebendig funkelnd, als ob er zur Erde reden möchte. Da war
die Zeit ausgelöscht -- nicht anders war die Welt gewesen, als der
Bewohner jenes Gartenhauses noch hier wandelte -- er war gegenwärtig --
unser Freund zeigte nach dem Stern und flüsterte: »Sieh, Herz, das ist
Er! Die Nachtigall hat ihn erkannt.« -- -- -- -- --
* * * * *
Von Weimar fuhren sie heim. Sie waren sehr still auf dieser Fahrt;
denn die Vorfreude der Heimkehr war noch größer als die Vorfreude der
Ausfahrt. Sie hatten Hirn und Sinne voll zu tun; denn von vier Kindern
und zwei Eltern mußten sie sich ausmalen, was sie heute dachten,
hofften, wünschten und wie sie sich freuen würden.
Als ihr Wagen in die Straße einbog, in der sie wohnten, sahen sie alle
Viere im Sonntagskleide vor der Tür stehen.
»Da sind sie!« rief er aufspringend. »Alle vier! Vier Kinder, Liebling!
Wieviel Hochzeitsreisende gibt's denn, die sich das leisten können!«