Als er dann aber zum zweiten Male einen Preis errang und als sein

Gehalt um zweihundert Mark erhöht wurde, und als ihre Ehe schon zwei

Jahre lang unfruchtbar gewesen war, da beschlossen sie, für dreihundert

Mark eine Reise nach Thüringen zu machen.

»Deutschland ist das Herz Europas«, das hatte er als kleiner Junge in

der Schule gehört. Es klang etwas anmaßend; aber ein Deutscher mocht'

es immerhin glauben. Thüringen mußte nach allem, was er davon gehört

und in Bildern gesehen hatte, das deutscheste Land der Deutschen, mußte

das Herz des Herzens sein. Und dort zog es die beiden hin.

Siebenundfünfzig Abende hindurch arbeitete er an den Plänen, und bei

allem mußte er denken: Was wird sie für Augen machen, wenn sie das

sieht! Hätte er alle Genüsse dieser Gedankenreise bezahlen müssen --

ein langes Leben voll Arbeit hätte nicht gereicht, die Zinsen dieser

Schuld zu erzwingen. In den letzten Tagen ging er wirklich daran, die

Kosten zu berechnen. Da fand sich, daß, wenn er sehr sparsam zu Werke

gehe, etwa ein Zehntel seiner Pläne verwirklicht werden könne.

Und in den letzten Tagen wurde sein tapferes Weibchen feige. Der Junge

hatte so heiße Wangen, und das Jüngste habe in der letzten Nacht

einmal gehustet. Ihr Herz konnte sich nicht von den Kindern lösen. Er

stellte ihr vor, wie sehr sie einer Erholung bedürfe -- das verschlug

gar nichts. Da spielte er mit roten Backen und glänzenden Augen den

vollständig Abgespannten, Uebermüdeten, Niedergebrochenen. »Es gibt

für eine Familie keine bessere Kapitalsanlage als die sorgfältigste

Pflege des Ernährers,« machte er ihr klar. Das sah sie ein. Der

Abschied von den Kindern, die unter der Obhut ihrer Schwester blieben,

war nichtsdestoweniger noch eine Katastrophe und erschien ihr wie

bethlehemitischer Kindermord.

Aber in der Eisenbahn wurde sie völlig anderen Sinnes. Es ist etwas

Eigenes um die Eisenbahn. Sie hat etwas Fortreißendes, Unerbittliches,

Unwiderrufliches. Aussteigen während der Fahrt ist bei Schnellzügen

nicht anzuraten, und so findet man sich schnell in das Unabänderliche.

Auch sie erfaßte nun der ganze, springende Jubel des Losgebundenseins,

der den Reisebeginn zu einer so unvergleichlichen Freude macht, und die

beiden benahmen sich wie ausgerissene Schulkinder. Zwei Minuten lang

saßen sie rechts, drei Minuten lang links; fünf Minuten lang fuhren

sie vorwärts, vier Minuten lang rückwärts; bald saß sie auf seinem

Schoß, bald er auf ihrem, bis sie ihn aufstöhnend fortstieß: »Uff, geh'

weg, du dicker Mensch!« -- Dann lachten sie, dann küßten sie sich,

dann tanzten sie, dann küßten sie sich wieder, kurz: es war ein großes

Glück, daß sie das Abteil ganz für sich allein hatten.

Als der Zug zum ersten Male hielt, öffnete ein Mann die Tür und

machte Miene einzusteigen. Das Gesicht der jungen Frau zeigte

grenzenlose Ueberraschung, wie wenn jemand ungerufen bei einer Königin

eingetreten wäre; seine Augen aber schleuderten Blicke, die auch der

eingefleischteste Optimist nicht als Einladung auffassen konnte. Ueber

das Gesicht des Fremden huschte ein lächelndes Verstehen: Aha --

Hochzeitsreisende! Er schloß die Tür und suchte sich einen andern Platz.

»Das ist ein guter Mensch!« sprach sie mit frommer Rührung.

»Ein vornehmer Charakter,« bestätigte er.

Aber als sie weiterfuhren, kamen sie in eine Gegend mit gemeinen

Charakteren, die einstiegen und lange sitzen blieben. Wann werden wir

endlich Kupees für Hochzeitsreisende haben!

Auf dem Bahnhof einer großen Station nahmen sie das Mittagsmahl ein.

Suppe, Fisch, Braten und Pudding für eine Mark fünfundsiebzig. Er

betastete das dicke Portemonnaie in seiner Tasche und bestellte eine

halbe Flasche Mosel.

»Hast +du+ dir das jemals träumen lassen, daß wir noch einmal wie die

Fürsten dinieren würden?« flüsterte er ihr ins Ohr.

»Nein!« sagte sie mit langsamem Kopfschütteln und blickte träumend über

ihr Glas hinweg ins Weite.

Er kam sich vor wie ein Parvenu und gelobte sich, seinen Wohlstand mit

Geschmack zu tragen.

Die Nichtswürdigkeit der Bevölkerung schien mit dem Quadrat der

Entfernung zu wachsen; bald saß das ganze Kupee voll, und draußen

im Schatten waren es dreißig Grad. Zwei dicke Bauernweiber saßen da

in dicken Wollkleidern und die Köpfe in dicke Wolltücher gewickelt;

sie wollten nicht dulden, daß ein Fenster geöffnet werde. Darüber

geriet ein cholerischer Herr in die größte Aufregung; aber unser Paar

vermochte kein Mitgefühl für ihn aufzubringen; denn erstens: warum

war er eingestiegen? und zweitens: wie kann man sich ärgern, wenn man

durch lauter Sonne fährt, wenn man sozusagen geradeswegs in die Sonne

hineinfährt?

So kamen sie nach Eisenach, und bevor sie ein Hotel suchten, suchten

sie mit ihren Blicken die Wartburg. Da ragte sie aus Waldwipfeln empor

ins Abendlicht. Welcher Deutsche sucht nicht schon in Kindertagen mit

den Augen der Seele die Wartburg? Von weitem hörten sie die Stimme

Walthers von der Vogelweide und Wolframs von Eschenbach, sahen sie

das stille Gemach des Bibelübersetzers und sahen sie die flammenden

Feuer der Burschenschaft wie brausenden Aufschwung junger Herzen in

altgewordener, bittertrauriger Zeit.

Und tief enttäuscht waren sie, als sie am folgenden Tage mit vielen

andern durch die Räume der Burg geführt wurden und der »Führer« in

schauderhaftem Deutsch allerlei ungewaschenes, unnützes Zeug schwatzte.

Warum gab man den Besuchern nicht einen Zettel mit dem Nötigsten in

die Hand? Wenn man ihnen schon ein Notwendiges zum Schauen nicht

gewähren kann: Einsamkeit, warum gewährt man ihnen nicht wenigstens

das Notwendigste: Schweigen? Wer spricht denn laut, wenn Wolfram singt

und Dr. Martinus sinnt? Und wenn zwei Liebende das Geschenk solcher

Stunden mit einem einzigen, einem verdoppelten Herzen empfangen, und

wenn eines von ihnen, in der Furcht, es möchte dennoch dem andern ein

Hauch des Glückes entgehen, den Mund auftun muß, wird er nicht flüstern

vor der Gegenwart des Vergangenen? Wie wenig, deutsches Volk, kennst du

deine Schätze, wenn du sie nicht besser zu zeigen verstehst!

So waren sie nicht in der Wartburg, als sie drinnen waren; erst als sie

wieder bergab stiegen und zwischen grünem Laub nach ihr zurückschauten,

da lag sie wieder vor ihnen im Morgenrot der Sage, da wagten sie wieder

einzutreten und ein Jahrtausend lang durch ihre Räume zu wandeln.

Und Gott sei Dank! Vor dem Denkmal Johann Sebastians störte niemand den

Zwiegesang ihrer Herzen, mischte sich niemand ein, als sie entrückten

Ohres singen hörten: »Kommet, ihr Töchter, helft mir klagen« und »Wir

setzen uns mit Tränen nieder«.

Auf dem Markte kauften sie Kirschen, und am Abend saßen sie am offenen

Fenster ihres Hotelzimmers, sahen den Mond aus dem Hörselberge

hervorsteigen und schoben die besten Kirschen, die sie fanden, einander

in den Mund. Oder sie faßte den Stiel einer Kirsche mit den Zähnen, und

er pflückte mit dem Munde die Frucht von ihren Lippen.

»Sind wir nicht viel zu verliebt für so alte Eheleute?« fragte sie

furchtsam.

»Wenn du noch einmal so etwas sagst, benehme ich mich gesetzt,« drohte

er.

»Hast du mich noch so lieb wie vor sieben Jahren?« fragte sie, die

Hände auf seine Schultern legend.

»Siebenmal so toll,« sagte er. »Und so wird es weiter wachsen mit den

Jahren.«

»Allmächtiger!« rief sie erschrocken. Aber dann schmiegte sie sich in

seinen Arm und fragte: »Glaubst du, daß schon jemals ein Paar eine so

schöne Hochzeitsreise gemacht hat?«

»Nie!« versetzte er mit vollkommener Bestimmtheit. Und er mußte wieder

sinnend in die Vergangenheit blicken, die im Mondlicht auf den Bergen

lag. Er machte eine Hochzeitsreise! Mit voller Börse! An der Seite

eines solchen Weibes sah er Thüringen, die Wartburg, sollte er Weimar

sehen, Weimar! Und jetzt, in diesem reizenden Hotelzimmer, saß er mit

ihr allein am Fenster! Bei solchem Mondschein! Und aß die schönsten

Kirschen! Du lieber Gott, wie viele Menschen gab's denn, denen +das+

zuteil wurde!

»Und es ward aus Abend und Morgen ein Tag«; wer immer im Rausch ist,

der bedarf kaum des Schlafes; sie nippten vom Schlaf wie Vögel aus dem

Bach: ein Tröpfchen und husch -- davon! Es war nicht ein Rausch wie

vom Wein, nein: viel leichter und darum viel seliger, ein Luftrausch,

ein Lichtrausch, ein Lebensrausch. Sie entschlummerten spät unter

halbgeträumten Worten, und ihr frühes Erwachen war nur ein anderer

Traum.

Freilich, im Lichtrausch kann man sich übernehmen, wenn es sich um

physisches Licht handelt: das sollten sie erfahren. Sie hatten sich

beim Frühstück verspätet -- es plauschte sich so unendlich gut mit ihr

beim Morgenimbiß -- und machten sich erst um neun auf den Weg. Alles,

wessen sie auf ihrer kurzen Reise bedurften, führten sie mit sich;

eine strotzende Reisetasche hatte er sich umgehängt; ein Köfferchen

trugen sie bald gemeinsam, bald trug er's allein. Sie hätten es wohl

mit der Post vorausschicken können; aber man mußte sparsam sein. Es war

eine seiner Schwächen, daß er sich ein Talent zum Sparen einbildete.

So schritten sie schlank ein munteres Tal hinauf, ein Tal voll

blinkender Wasser unter hängendem Gezweig, voll moosiger Felsen und

blitzender Schwalben, ein Tal voll Sonntag. Die Burschen standen im

Sonntagsputz vor den Türen zusammen und schmauchten mit feiertäglicher

Umständlichkeit; die Mädchen schafften noch an Herd und Brunnen, im

Gang und im Blick schon den kommenden Tanz. Was Wunder, daß unser Paar

alsbald zu singen begann. Und was anders konnten sie singen als:

»Ich hört' ein Bächlein rauschen

Wohl aus dem Felsenquell,

Hinab zum Tale rauschen

So frisch und wunderhell«

und

»Eine Mühle seh' ich blinken

Aus den Erlen heraus,

Durch Rauschen und Singen

Bricht Rädergebraus«

und das seltsame Lied mit der wundersamen Stelle:

»Und da sitz' ich in der großen Runde,

In der stillen, kühlen Feierstunde,

Und der Meister spricht zu allen:

Euer Werk hat mir gefallen«

ein Lied, das aus der Werkstatt kommt und wie aus einer Kirche klingt

und uns mit unbegreiflichem Zauber offenbart, daß Arbeit Schönheit

und daß Ruhe nach der Arbeit ein frommer Gesang ist. Nie begreift,

wer es aus solchen Liedern nicht begreift, daß es ein eigenes Ding

ist um das deutsche Vaterland. Ja, sie waren altmodisch, diese beiden

Hochzeitsreisenden; sie sangen Franz Schubert und Wilhelm Müller, die

man in unseren Konzerten kaum noch hört, weil sie nicht neu genug sind.

Hier waren ihre Lieder jedenfalls neu; hier sprangen sie plätschernd

aus dem Stein hervor; hier wuchsen sie ihnen von jedem Zweig wie

Kirschen in den Mund; hier sang sie jeder Vogel, und jeder Fels hallte

sie wider. Da, vor dem Tor am Brunnen, stand der Lindenbaum, und da --

horch:

»Von der Straße her das Posthorn klingt!

Was hat es, daß es so hoch aufspringt,

Mein Herz?«

Und als der siebenjährige Ehemann im Walde sang:

»Durch den Hain, durch den Hain

Schalle heut +ein+ Reim allein:

Die geliebte Müllerin ist mein, ist mein!«

da klang es so merkwürdig, daß die zwanzig Schritt vor ihm herwandelnde

Geliebte stehen bleiben und sich nach ihm umschauen mußte, obwohl sie

nie in ihrem Leben Müllerin gewesen war. Er aber machte die zwanzig

Schritt in dreien, warf den Koffer ins Moos und gab ihr einen einzigen

Kuß, der aber unter Verliebten seine zwölfe wert war.

»O Kuß in eines Walds geheimstem Grund!

Fernoben über Wipfeln rauscht die Welt

Und weiß es nicht, daß unten, Mund auf Mund,

Zwei Welt- und Selbstvergessene versinken!

Der Lippen Duft wie junges Tannengrün,

Und tief im trunken-stillen Blick ein Licht,

Das hoch herab von heiliger Wölbung fällt!

O sternendunkler Abgrund, ende nicht

Und laß uns ewig deine Dämm'rung trinken --«

Indessen: der Abgrund tat ihnen nicht den Gefallen; sie traten aus dem

Hain auf eine Chaussee. Chausseen können sehr schön sein, wenn sie

wollen; aber gewöhnlich wollen sie nicht. Es war Mittag geworden, und

bis zu dem Orte, wo sie die Eisenbahn erreichen wollten, waren es noch

zwei Stunden. Nach ungefährer Schätzung mußten es jetzt einige Grade

über dreißig im Schatten sein; aber das interessierte hier um deswillen

nicht, weil die Chaussee keinen Schatten hatte. Immerhin konnte man,

wenn man nicht kurzsichtig war, das Ende der Landstraße absehen, und

dann -- überhaupt: konnte man +sie+ mit Sonnenschein schrecken? »Sonne

ist gerade was Feines,« riefen sie und schritten mit höhnischem

Trotz in den Zügen fürbaß. Sie schätzten die in weißglitzerndem

Lichte vor ihnen liegende Straße auf eine gute Viertelstunde; aber

man unterschätzt diese Landstraßen. Nach einer guten halben Stunde

erreichten sie das Ende; aber dieses Ende war ein neuer Anfang.

»So knüpfen ans fröhliche Ende

Den fröhlichen Anfang wir an«

sang er, und sie schritten weiter. Vorsichtiger geworden, schätzten

sie das vor ihnen liegende Stück auf eine kleine halbe Stunde; aber

man unterschätzt diese Landstraßen. Nach dreiviertel Stunden kamen sie

endlich ans Ende; aber dieses Ende war ein neuer Anfang. Sie waren

offenbar auf einen weiten Umweg geraten; die Augen eines jungen Weibes

sind eben keine Landkarte. Sie schritten weiter; aber singen tat er

nicht mehr; das Klima war der Stimme nicht günstig. Immerhin war es ein

Trost, daß das Stück vor ihnen höchstens eine halbe Stunde sein konnte;

aber man unterschätzt diese Landstraßen. Selbstverständlich trug der

sparsame Mann schon seit langem das ganze Gepäck; aber das drückte

ihn nicht; ihn drückte das Gefühl: sie überanstrengt sich. Freilich

versicherte sie auf seine Fragen immer wieder lachenden Gesichts, sie

fühle sich vollkommen wohl und frisch; aber das beruhigte ihn nicht;

sie, die Wahrhaftigkeit selbst, konnte, wenn es ihm Beschwerden zu

verbergen galt, lügen wie ein Dichter, das wußte er. Nach dreiviertel

Stunden sahen sie Dächer. Ha, das Ziel! Als sie aber an das Dorf kamen,

da hieß es ganz anders. Sie erfuhren, daß sie bis zu ihrem Ziel »nur«

noch eine halbe Stunde zu gehen hätten. Er wollte sie überreden, in

diesem allerdings wenig versprechenden Dorfe zu rasten; aber sie sagte:

»Wenn ich jetzt sitze, steh' ich nicht wieder auf. Jetzt halten wir

schon aus bis ans Ende.« So war sie. Wenn sie die Ausdrucksweise der

Landbewohner besser gekannt hätten, hätten sie gewußt, daß diese immer

nur halb mit der Sprache herauskommen. Nach einer halben Stunde sahen

sie den ersehnten Ort aus der Ferne. Er vertrieb ihr und sich die Zeit

mit einem anmutigen Spiel. Bei jedem fünften Schritt nickte er mit dem

Kopfe, und dann fiel von seiner Stirn ein Schweißtropfen in den Sand.

Eins, zwei, drei, vier, fünf -- ein Tropfen; eins, zwei, drei, vier,

fünf -- ein Tropfen usw. Sie lachte, und so kamen sie endlich in den

erstrebten Ort, in das erhoffte Wirtshaus, in die ersehnte schattige

Stube und auf die in visionären Wüstenträumen erschaute Bank. So. Der

Rest war Schweigen. Hier wollten sie den Rest ihrer Tage verbringen.

Hier sollte man sie abholen, wenn man sie einmal begraben wollte.

Sie stützten den Kopf in beide Hände und starrten einander an wie

zwei, die sich schon irgendwo einmal gesehen haben müssen. Der Kellner

fragte, ob die Herrschaften etwas zu speisen beliebten.

»Trinken,« gurgelte er.

»Wasser,« sagte sie drei Minuten später.

»Mit Kognak!« fügte er nach zwei Minuten schnell hinzu.

Dann schob er ihr ein Stückchen von dem dreimal wöchentlich

erscheinenden Kreisblatt zu, das auf dem Tische lag und das heute, am

Sonntag, mit zwei Seiten Text und vier Seiten Anzeigen erschienen war.

Er las, daß der Bauer Henneberg ein Paar Ochsen billig verkaufen wolle.

Sie las, daß Dr. Miquel einen Urlaub angetreten habe. Dann las er, daß

Frau Hasenbek feine Herrenwäsche übernehme. Und dann las sie, daß der

Amtsgerichtssekretär Ranke in den Ruhestand getreten sei. Und dann las

er wieder, daß der Bauer Henneberg ein Paar Ochsen billig verkaufen

wolle; denn vordem hatte er es nicht ganz erfaßt. So saßen sie zwei

Stunden lang einander gegenüber. Dann dachten sie ans Essen und erhoben

sich, um sich von dem Staub der Wanderung zu befreien. Als sie zur Tür

schritten, machten sie in ihren Bewegungen jenen rührenden Eindruck,

den wir bei Betrachtung Philemons und seiner Baucis empfangen.

»An diesem Tage gingen sie nicht weiter.« Sie fuhren mit der Eisenbahn,

und als sie in ihr Zimmer geführt wurden, erlebten sie ein Wunder.

Unter ihrem Fenster, unter mächtigen Bäumen rauschte der Bach über ein

breites Wehr. Da standen sie nun und waren ganz befangen von solchem

Zauber. Der Niederdeutsche kennt kein rauschendes Wasser. Er hat

breite, stillfließende Wasser und brüllende, donnernde Meerflut; aber

er kennt nicht den ewigen Gesang rauschender Bäche, kennt nicht diese

unermüdlichen Märchenerzähler des Gebirges, die von den Höhen, aus den

Wäldern kommen mit immer neuer, nie gehörter Sage. Und so konnten sie

sich, so müde sie waren, nicht satt trinken an diesem Gesang, aus dem

sie immer und immer wieder deutliche Worte zu vernehmen glaubten,

und als sie sich schon zur Ruhe gelegt hatten und sie leise vor sich

hinsang:

»Was sag' ich denn vom Rauschen?«

da fiel er sogleich ein:

»Das mag kein Rauschen sein!

Es singen wohl die Nixen

Tief unten ihren Reih'n --«

und so verflocht sich ihnen der sanfte Zauber des Abends mit dem frohen

Wanderglück der Frühe, und es ward aus Abend und Morgen ein andrer Tag.

Auf der nächsten Station ihrer Reise stürzten sie nach dem Postamt. Es

waren Briefe da von Hause! Auch einer von ihrer Schwester! Sie riß das

Kuvert auf und las. Er stand ein wenig hinter ihr und sah, wie ihr eine

dicke Träne die Wange herunterlief.

»Ist was geschehen?« rief er.

»Nein, nein,« rief sie lächelnd.

Ach so! Die Schwester berichtete natürlich über die Kinder, und da

regten sich Sehnsucht, Heimweh und Gewissen im Herzen dieser neuen

Medea, dieser Doppel-Medea; denn sie hatte vier Kinder! Er sagte sich,

daß er als Reisemarschall diesem Rückfall durch besondere Munterkeit

und ein besonders hinreißendes Tagesprogramm begegnen müsse. Sie

reichte ihm den Brief; er war zur Bestätigung der Angaben der Tante von

sämtlichen Kindern »eigenhändig« unterzeichnet, auch vom zweijährigen.

»Fabelhaft begabtes Geschlecht!« rief er.

Aber die Kindesmörderin aus Vergnügungssucht reagierte nicht auf

seinen Scherz; sie wandte sich ab und befaßte sich eingehend mit ihrem

Schnupftuch. Und -- o weh! -- als sie wieder ins Freie traten, da

weinte auch der Himmel über seine Kinder! Und ganz im Verhältnis ihrer

Anzahl! Flucht ins Hotel -- das war der einzige annehmbare Gedanke.

Da saßen sie nun am offenen Fenster und freuten sich am Regen und

freuten sich, wenn die Bergkuppen aus den Wolken hervordrangen und wenn

sie wieder verschwanden. Es gibt Menschen, die nur klare Bergspitzen

und weite Fernsichten lieben. Und es gibt Menschen, die auch zu

umwölkten Höhen mit ahnender Andacht hinaufschauen, die es lieben, wenn

Berge mit Wolken ringen. Solcher Art waren sie. Stundenlang schauten

sie hinein in das wogende Grau, das ihren Augen nichts weniger war

denn ein Einerlei. Sie hatte leise ihre Hand in die seine gelegt; da

mußte er daran denken, wie sie an jedem Abend seine Hand suchte, bevor

sie entschlummerte. Er erhob sich, ging an den Tisch und begann zu

schreiben. Nach einiger Zeit kam er mit einem Blatt zu ihr und sagte:

»Ich hab' was.«

»Ja?!« rief sie leuchtenden Auges. Sie wußte, was er habe; sie

schmiegte sich in seinen Arm, und er las:

+Was Ortrun sprach+

Gib wie immer deine liebe Hand,

Eh' ich eintret' in des Schlummers Land.

Sollst im Dunkel mir zur Seite stehen,

Mit mir durch des Traumes Garten gehen.

Sieh', das ist das Süßeste vom Tag,

Daß ich deine Hand noch fassen mag,

Wenn des Tages Aengste von mir sinken

Und des Schlummers milde Schatten winken.

»Meine Zuflucht,« klingt in mir ein Wort,

»Meine Zuflucht,« klingt es immerfort.

Alle, die dich lieben, die dich hassen,

Endlich müssen sie dich +mir+ nun lassen.

Deine Hand nur fühl' ich noch allein;

Alles andre mag verloren sein.

Ach, in mancher Nacht war mir's verliehen,

Dich im Traum mit mir hinwegzuziehen:

Aus den Lippen noch ein Wort vom Tag --

Leise dann des Traumes Flügelschlag --:

Schon mit dir in schweigendem Umschlingen

Hört' ich ewig-stumme Sterne singen.

Und in fernen Himmeln noch empfand

Ich den leisen Druck der teuren Hand

Wie ein volles, heiliges Umfassen:

»Schreite fest, ich will dich nicht verlassen.«

Soll mir deine Hand erhalten sein,

Tret' ich gern in jedes Dunkel ein;

Muß es doch nach allen Schrecken bringen

Einen Traum, in dem die Sterne singen. --

Er schwieg und fragte dann zärtlich: »Ist es so?«

»So ist es,« sagte sie leise, ihm voll in die Augen blickend. »Woher

wißt ihr's nur, ihr Dichter, ihr Schrecklichen?«

Als er nun sah, daß er ihr Herz getroffen hatte, da ergriff ihn

das Lyriker-Delirium. Der gewöhnliche, friedliche Bürger hat keine

Vorstellung von dem Freudenwahnsinn, der den Menschen ergreift,

wenn er meint, daß ihm ein Lied gelungen sei. Ein Lyriker mag mit

Bühnenwerken die reichsten Lorbeeren errungen, er mag für seine Romane

alles empfangen haben, was die Mitwelt zu geben vermag; er mag als

Staatsmann ein Reich gegründet, als Feldherr ein Dutzend Schlachten

gewonnen und als Erfinder einen vollkommenen Flugapparat erdacht haben

-- kein Triumph und kein Flugapparat wird ihn so hoch erheben wie der

Gedanke: ein Lied, ein Lied ist mir gelungen. Ein Lied ist ihm das

Köstlichste, was er vom Himmel empfangen, und das Köstlichste, was

er an seine Mitmenschen weitergeben kann. Ein großer Lyriker war es,

der eines Tages sagte: »Wenn mir ein Gedicht geglückt ist, kann ich

mich vor Jubel nicht fassen; ich muß etwas haben, das ich umarme, und

wenn ich keinen Menschen habe, so nehme ich einen Stuhl und press' ihn

ans Herz.« Man sagt, daß die Frauen nach der Geburt eines Kindes ein

Gefühl unendlichen Jubels und seligster Ermattung überkomme. Genau so

ist es den Lyrikern nach der Entbindung; nur daß sie durch nichts in

der Welt zu bewegen sein würden, still zu liegen wie die Frauen. Wenn

unser junger Ehemann ein Gedicht vollendet hatte, dann tanzte der hohe

Wöchner von einem Zimmer ins andere, vom untern Stockwerk ins obere

und vom oberen wieder ins untere, küßte sein Weib und seine Kinder ab,

tanzte mit ihnen Ringelreihen, um sie plötzlich loszulassen und wieder

abzuküssen, holte die Flasche Wein aus dem Keller, wenn sie noch da

war, machte an dem Turnreck zwanzigmal die Bauch- und die Rückenwelle,

spielte durch Haus und Garten Haschen mit Weib und Kindern und schrie

dabei wie in seinen blühendsten Flegeljahren, und wenn er ausgegangen

war, kehrte er mit Geschenken für die Seinigen beladen wieder heim. Der

Gedanke: »Ein Denkmal habe ich mir errichtet, dauernder denn Erz,« läßt

keine ökonomischen Bedenken aufkommen; wer ein Gedicht gemacht hat,

ist der reichste Mann des Weltalls, wenn er sich auch achtundvierzig

Stunden später überzeugt, daß es mit dem neuen Gedicht verteufelt wenig

auf sich habe.

Als die Tischglocke ertönte, sprangen sie Hand in Hand die Treppen

hinunter, und da sie ihn noch immer strahlend anblickte, fragte er

heimlich: »Also hat's dir gefallen?« Und als sie vielsagend eifrig

nickte und ihm unter dem Tische die Hand drückte, daß es weh tat, da

rief er:

»Na, dann, Kellner, eine ganze Flasche Markobrunner!« Am Notwendigsten

sparte er nicht gern.

Der Kellner verneigte sich mit gütigem Lächeln und flüsterte dem Wirt

ins Ohr: »Eine Markobrunner -- für die Hochzeitsreisenden.«

Als der Wein eingeschenkt war, führte er sein Glas mit der Miene

des Kenners an die Nase. Es war Markobrunner für Hochzeitsreisende;

aber unser Freund schien von dem Resultat der Untersuchung äußerst

befriedigt, und er sagte leuchtenden Auges:

»Herz, laß uns darauf trinken, daß es unsern Kindern einmal ebenso

ergehe. Aber« -- fügte er schnell hinzu -- »es soll ihnen nicht in

den Schoß fallen; sie sollen sich's erkämpfen wie wir; das ist das

Köstlichste, was wir ihnen wünschen können.«

Dann brachte er ihr zu Ehren einen Damentoast aus; dann trank sie auf

sein jüngstes Gedicht; dann tranken sie auf die Freunde, die »leider«

nicht dabei sein könnten, und endlich rief er:

»Von der Quelle bis ans Meer

Mahlet manche Mühle;

Und das Wohl der ganzen Welt

Ist's, worauf ich ziele.«

Das Glück ist immer da! Heitere Geschichten und Plaudereien · 第 2 / 11 段