Andern Mittags, als ich aufgestanden war, schlenderte ich üb

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Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.

Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.

Das Inhaltsverzeichnis befindet sich am Ende des Buches.

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Buches.

Das Glück ist immer da!

Ullstein-Bücher

Eine Sammlung

zeitgenössischer Romane

[Illustration]

Ullstein & Co / Berlin und Wien

Das Glück ist immer da!

Heitere Geschichten und Plaudereien

von

Otto Ernst

[Illustration]

Ullstein & Co / Berlin und Wien

Die Marienbader Kur

Meine Freunde haben es verschuldet. Sie haben mich so lange gereizt.

»Eduard, du wirst zu stark, Eduard!« sagten sie täglich zu mir; die

Gefühlloseren sagten: »zu dick«, die Gemütsrohen: »zu fett«. Ich

leugnete das energisch; aber sie mußten sich heimlich verschworen

haben; denn sie sagten es alle. »Ein gewisses Embonpoint ist bei

mir hereditär, habituell, gehört sozusagen zu meiner Konstitution,«

bemerkte ich. Dergleichen drückt sich immer am besten in Fremdwörtern

aus. Ein rüdes Gelächter antwortete mir. »Deshalb«, fuhr ich fort,

»verschlagen auch Entfettungskuren bei mir nicht das geringste.« »Ja,

weil du sie nicht konsequent durchführst!« johlte die Masse in vulgärer

Einstimmigkeit. »Ich -- nicht durchführen?« versetzte ich mit meiner

überlegenen Ironie, »nun -- das werde ich euch beweisen!« Und so ging

ich nach Marienbad.

»Sie gehen nach Marienbad?« fragte mich ein wohlbeleibter

Eisenbahngefährte. »Ei, da sind Sie zu beneiden! Marienbad ist

entzückend! Und schlemmen kann man da, schlemmen --!«

Ich bemerkte dem Manne mit einem sittlichen Ernste, der -- ich fühlte

es -- mir gut stehen mußte, daß ich nicht zu schlemmen gedächte,

sondern mich einer sehr ernsten Magerkur zu unterziehen beabsichtigte.

»Ach so, Sie wollen fasten!« rief er überrascht. »Na ja -- kann man da

auch,« fügte er nachlässig hinzu. »Dazu gehört allerdings ein starker

Wille.«

»An dem soll es nicht fehlen,« preßte ich durch die

aufeinandergebissenen Zähne.

Er maß mich von oben bis unten und dann von links nach rechts und sagte

nichts, der unhöfliche Mensch.

Vor dem Diner im Speisewagen sagte ich mir logischerweise, daß es erst

dann einen Sinn habe, mit der Kur zu beginnen, wenn +alle+ Bedingungen

dieser Kur gegeben seien, daß systemlose Halbheiten in solchem Falle

sogar recht gefährlich werden können. Andrerseits war mir wohlbekannt,

daß bei solchen Kuren ein möglichst großer Gegensatz zwischen heut

und morgen nur zu empfehlen ist, weil nämlich der Körper auf solche

schroffen Uebergänge mit einer beträchtlichen Gewichtsabnahme reagiert.

Das Diner setzte sich für dieses Prinzip sehr günstig zusammen; es

bestand aus Bouillon mit Klößen, Lachs mit Mayonnaise, Mastochsenbraten

mit Makkaroni, Plumpudding und Butter und Käse. Um den Choc, den

der Körper morgen erhalten sollte, zu verstärken, nahm ich dazu

eine Flasche Bier, eine halbe Flasche Clicquot und zum Kaffee einen

Benediktiner. Danach legte ich mich in meinem Abteil schlafen.

In Marienbad angelangt, begann ich meine Kur auf dem Bahnhofe. Zwar

meinen Hauptkoffer überwies ich einem Träger; als dieser aber auch den

nicht unbeträchtlichen Nebenkoffer an sich nehmen wollte, sagte ich

triumphierend: »Nein, lieber Freund, jetzt wird selbst getragen,« nahm

meinen Koffer und schritt hinaus. Die Fiaker vor dem Bahnhof machten

mir ihre komfortabelsten Gesichter, nannten mich »Herr Baron« und, als

mir das nicht zu genügen schien, »Herr Graf«; ich aber versetzte ohne

allen Adelsstolz: »Nein, meine Herren, jetzt wird gegangen!«

Wenn ich einmal eine Sache angreife, so tu' ich's mit Energie.

Wenn ich gewußt hätte, daß der Bahnhof so weit vom Orte entfernt

liege und daß meine Wohnung dann auch noch ganz am entgegengesetzten,

nördlichsten Ende der Stadt gelegen sei und daß der Weg dahin nicht

allzu sanft ansteige, so hätte ich vielleicht doch meinen Koffer dem

Träger übergeben und wäre gefahren. Aber während ich schwitzte, erhob

mich doch das Wonnegefühl: »Wenigstens fünf Pfund schaffst du dir durch

diesen Leidensweg vom Leibe. Wenn du das drei- bis viermal gemacht

hast, bist du dein Uebergewicht los. Allerdings« -- dieser Gedanke

erleuchtete mich blitzartig -- »das hättest du auch zu Hause haben

können.«

Meine Wohnung lag im dritten Stock. Für die Zumutung, den Fahrstuhl

zu benutzen, hatte ich nur eine kurze, abweisende Handbewegung. Das

Zimmer kostete wöchentlich fünfzig Kronen einschließlich Tag- und

Nachtgeschirr. Alles andere mußte extra bezahlt werden.

Sobald ich mich einigermaßen eingerichtet und umgekleidet hatte, eilte

ich, mich wägen zu lassen. Ich fühlte mich so leicht nach meiner

Kofferträgerarbeit!

In Marienbad hat jedes zweite Haus eine allein richtige Wage. Man setzt

sich in einen bequemen Stuhl und läßt seine Schwerkraft walten; dann

zeigt die Wage nicht nur das Gewicht an, sie druckt es auch gleich auf

einen kleinen Zettel. Da stand: 94,8 Kilo.

»Sie sind wohl --!« rief ich unwillkürlich aus. Das Wort »verrückt«

verschluckte ich ebenso unwillkürlich wegen der Gerichtskosten.

Der Mann beteuerte, daß sein Apparat vollkommen tadellos funktioniere.

Ich warf meine zwanzig Heller auf den Ladentisch, ließ den Zettel

liegen und ging, Verachtung in den Zügen, hinaus.

Zwanzig Schritte weiter trat ich in ein anderes Haus mit allein

richtiger Wage. Der Zettel erschien und zeigte: 95 Kilo. Diesmal versah

eine Dame das Wägeamt; ich konnte also nicht 'mal »Sie sind wohl --!«

rufen.

Langsam und sinnend schob ich den Zettel in die Westentasche und

verließ das Lokal. Mir war's, als hätte ich Blei in den Gliedern.

Draußen kam mir die Erleuchtung. Ah, dacht' ich, die haben dir den

Neuling angesehen. Das sind Wagen für Ankömmlinge! Jetzt wirst du

schlau sein. Mit elastischen Schritten betrat ich ein drittes Lokal

und rief: »So! Zum Abschied möcht' ich nun noch einmal gewogen sein!«

Diesmal verzeichnete der Zettel: 95,1 Kilo.

»Noch mehr! Es hängt Gewicht sich an Gewicht,

Und ihre Masse zieht mich schwer hinab.«

Erdrückt von der Wucht meiner Persönlichkeit, schlich ich zum Arzt. Er

behauptete, ich müsse morgens sechs Uhr aufstehen, zum Kreuzbrunnen

gehen, dort drei Glas Brunnen mit Zusatz eines gewissen Salzes trinken,

dann anderthalb Stunden spazieren gehen, danach dürfe ich frühstücken.

Der Mann hatte eine merkwürdige Ausdrucksweise; unter »frühstücken«

verstand er: eine Tasse Tee, ein Ei und einen Zwieback nehmen. »Ohne

Butter!« rief der Herr Doktor begeistert. Mittags dürfe ich dann eine

Fleischspeise, ein Gemüse, ein Kompott und eine halbe Flasche Biliner

Wasser genießen. Und abends könne ich mir eine Fleischspeise, ein

Gemüse +oder+ ein Kompott und, wenn es sein müsse, ein Krügel Pilsner

gestatten. Für diese Beköstigung müsse ich aber fünf bis sechs Stunden

täglich marschieren. Ich versicherte dem Arzte, diesen Vorschriften

nachzukommen, sei für einen Menschen von Willenskraft ein reines

Kinderspiel, und vollends für mich, der ich von jeher mäßig zu leben

gewohnt sei.

Morgen, gleich morgen, solle ich mit der Kur beginnen, hatte der Arzt

befohlen. Dieser Abend war also noch mein. Ich traf in der Kaiserstraße

einen alten Freund, der mir ein Lokal bezeichnete, in dem er jeden

Abend mit einigen vergnügten Leuten zusammentreffe und wo es ein

vorzügliches Pilsner Bier gebe. »Pilsner Bier hat nämlich eine mild

laxierende Wirkung,« erklärte er mir. Und in der Tat: Pilsner Bier

hatte mir ja sogar mein Arzt gestattet. Außerdem wäre es mir als

unnötige Schroffheit erschienen, die Einladung dieses lieben Menschen

abzulehnen; ich ging also mit und trank einige Krügel. Ich fühlte

wirklich, wie mir immer leichter wurde, und wie auf Flügeln schwebte

ich um Mitternacht nach Hause.

Um sechs Uhr war ich auf den Beinen, um halb sieben am Brunnen. In

langer Prozession wallten die Kurgäste, jeder ein Glas in der Hand, zur

Quelle. Wo eine Lücke war, wollte ich mich anspruchslos und unauffällig

dem Ganzen einfügen; aber sofort bedeutete mir ein Aufseher, daß ich

mich ganz am Ende anschließen müsse. Nach zehn Minuten kam ich zur

Quelle und erblickte dort ein merkwürdiges Naturspiel: einen Mann,

der fortwährend pumpte und dabei untertänig grüßte. Die Leute, die

pumpen, grüßen sonst ganz anders. Ich erhielt mein wohlgefülltes

Glas, schüttete das vorgeschriebene Salz hinein und setzte es an den

Mund. Mit ungeheurer Spannung kostete ich dies Getränk. Es schmeckte

wie Niedertracht mit Gemeinheit. Es ist mir immer Grundsatz gewesen,

widrige Dinge, die geschluckt werden müssen, mit zugedrückten Augen

und mit einem Schluck und Druck hinunterzusetzen. Aber das war hier

verboten. Zehn Minuten lang solle ich an dem Becher trinken, hatte

der Arzt befohlen. In solchen zehn Minuten büßt man vieles ab.

Freilich macht eine recht gute Kurkapelle Musik dazu. Aber es ist

nicht das Richtige, wenn man Mozarts Champagnerlied mit auf die Weste

herabhängenden Mundwinkeln anhört; es ergibt eine falsche Auffassung,

wenn man sich bei dem Seufzer

»O--o--o De--li--la!«

nach dem Bauche greift. Nach dem ersten Glase trank ich ein zweites und

ein drittes. Sehr sinnig schließt das Konzertprogramm regelmäßig mit

einem Galopp.

Dann kam der anderthalbstündige Spaziergang in die allerdings höchst

anmutige und erfrischende, berg- und waldgeschmückte Umgebung

Marienbads. Der Reiz der unbekannten Landschaft ließ mich die

materiellen Dinge dieser Welt vergessen, bis ich durch ein nahes

Gebüsch das Geklapper von Tassen und Teelöffeln vernahm. Die Umgebung

von Marienbad ist mit verführerischen Cafés geschwängert; »freudig

hingezogen« trat ich ein und bestellte mein Frühstück. Auch hier wurde

Musik gemacht, aber nicht zur Milderung, sondern zur Verschärfung der

Kur. Nach einer äußerst regellosen Carmen-Phantasie wollte ich gerade

mein Ei und meinen Zwieback genießen, als ich inne ward, daß ich sie

schon verzehrt hätte. Mit männlicher Entschiedenheit sprang ich auf und

wanderte meiner Wohnung zu, um ein wenig zu ruhen, ein wenig an meinem

Trauerspiel »Ugolino« zu arbeiten und mich auf das kohlensaure Bad mit

kalter Abwaschung und Massage vorzubereiten.

Beim Mittagessen saß mir gegenüber ein Mann, der jedes Mitgefühls bar

ein Menü von sechs Gängen aß. Um mich zu kasteien, las ich das ganze

Menü durch, einem Athleten gleich, der, mit Kopf und Füßen auf zwei

Stühlen liegend, sich immer neue Zentnergewichte auf die Brust legt.

Ueber dem Menü stand geschrieben:

»Ohne weitere Auswahl!!!!!!!«

Mit sieben Ausrufungszeichen; ich habe sie gezählt.

»Kann ich für den Kalbsbraten auch was andres haben?« fragte mein

Gegenüber.

»Aber natierlich!« versetzte der Kellner.

Da fragte ich mich: Wieviele Ausrufungszeichen macht man in diesem

Lande hinter einem Gesetz, das wirklich unumstößlich ist?

Den ausfallenden Mittagsschlaf mußte ich nach Anordnung des Arztes

durch eine vierstündige Fußwanderung ersetzen. Sie durfte unterbrochen

werden durch eine Tasse Tee. »Mit einem Zwieback,« hatte der Arzt in

einer Anwandlung von Schwäche hinzugefügt.

Ich wanderte viereinhalb Stunden, trank ein Glas Kreuzbrunnen und genoß

zu Abend eine Fleischspeise, ein Gemüse +oder+ Kompott und ein Krügel

Pilsner. Gehorsam ist des Christen Schmuck.

Ein unvergleichlicher Trost in solchen Zeiten der Depression ist

eine gute Hamburger oder Bremer Zigarre. Leider hatte ich mir nur

einen winzigen Vorrat mitnehmen können, weil Zigarren an der

österreichischen Grenze einen ungeheuren Zoll kosten.

Wie ein artiges Kind schlüpfte ich gegen zehn Uhr ins Bett, und diese

Lebensweise setzte ich fünf Tage lang ohne nennenswerte Schwankungen

fort. Nur hatte ich mir am dritten Tage beim Frühstück gesagt: »Die

paar Tropfen Sahne, die zum Tee serviert werden, könntest du eigentlich

mitnehmen. Zwar: Sahne macht fett. Aber ich erinnere mich vollkommen

deutlich, daß der Arzt nicht gesagt hat: »ohne Sahne«. Der Mann war

sehr genau in seinen Vorschriften; hätte er die Sahne verbieten wollen,

so hätte er es zweifellos getan. Er hat sie also erlaubt, und da ich

mich strengstens nach seinen Vorschriften richten will, so muß ich sie

eigentlich nehmen. Es ist zwar nur ein Fingerhütchen voll; aber es ist

etwas mehr.« Seit diesem Tage nahm ich Sahne zum Tee.

Als fünf Tage herum waren, sollte wieder gewogen werden. Ich habe in

meinem Leben verschiedene Examina durchgemacht; aber mit so feierlicher

Spannung, mit so freudig-banger Erregung bin ich keiner Prüfung

entgegengegangen wie dieser. Ich schwankte lange, welcher Wage ich

mich anvertrauen solle; endlich trat ich in einen Laden, legte Hut,

Ueberzieher, Handschuhe, Gummigaloschen, Portemonnaie, Taschenmesser,

Uhr und Schlüsselbund ab und bestieg den Schicksalsstuhl.

»92 Kilo,« sagte die wägende Themis.

»Den Zettel!« stotterte ich.

Da stand es schwarz auf weiß: »92 Kilo!« Also ein Gewichtsverlust

von 3,1 Kilo, von 6⅕ Pfund, von 3100 Gramm! Die Tugend hatte ihren

Lohn gefunden; Geist und Wille hatten über die Erdenschwere gesiegt!

»Hurra!« flüsterte ich auf der Straße vor mich hin. »Hurra! Darauf kann

ein vergnügter Abend stehen!«

Ich suchte meinen Freund auf und das famose Pilsner-Lokal. Ich konnte

mein Glück nicht für mich behalten; ich mußte mich mitteilen, und noch

eh' ich Hut und Mantel abgelegt hatte, rief ich: »Sechs Pfund! Sechs

Pfund verloren! Der ehrliche Finder soll sie behalten! Wie steh' ich

nun da?«

»Was?« schrie mein Freund. »Sechs Pfund in fünf Tagen? Menschenskind,

sind Sie denn des Deubels? Wissen Sie auch, daß Sie sich dabei den

schönsten Herzklaps holen können?«

Ich erschrak und griff unwillkürlich nach der Speisenkarte. Mein Auge

fiel auf: Filetbraten mit Makkaroni. Und mir ward, als spräche der

Herr: »Es sammle sich alles Wasser unter dem Himmel,« und mein Mund

wäre der Sammelplatz. »Donnerwetter,« stöhnte ich, »Makkaroni ess' ich

so gern; aber sie setzen Fett.«

»Nanu?« machte mein Freund, »Makkaroni? Sie sind doch in Italien

gewesen. Wo sieht man schlankere, sehnigere Gestalten als in Italien?

Und das lebt den ganzen Tag von Polenta und Makkaroni.«

Ich muß gestehen: ich hatte einen Augenblick den Argwohn, daß mein

Freund mich verführen wolle; aber ich schämte mich sofort dieser

häßlichen Regung und bestellte mir Filetbraten mit Makkaroni und

reichlichem Käse.

Als ich schwankte, ob ich mir ein drittes Glas Pilsner bestellen dürfe,

fragte mich mein Freund:

»Wieviel hat Ihnen denn Ihr Arzt erlaubt?«

»Einen Krug,« versetzte ich.

»Macht vier,« sagte er.

»Wieso?«

»Nun, wenn er Ihnen einen gestattet, so nimmt er an, daß Sie zwei

trinken; ein guter Arzt gestattet seinem Patienten aber nur dann zwei

Krüge Bier, wenn er weiß, daß ihm auch viere nicht schaden.«

»Ja, ein guter Arzt ist er,« rief ich, »er hat auf mich den Eindruck

eines sehr intelligenten und gewissenhaften Mannes gemacht.«

»Na also!« rief mein Freund, und ich bestellte zunächst das dritte

Glas. --

Am nächsten Morgen erschien ich erst um halb neun am Brunnen, weil ich

erst um acht Uhr aufgestanden war. Der Morgenspaziergang fiel daher

aus; das Gefühl der Sättigung aber, das mich noch vom Abend vorher

erfüllte, kam dem Fortgang meines »Ugolino« glänzend zustatten. Die

Zeilen flogen nur so aufs Papier.

Das Hochgefühl gelungener Arbeit regt wohl bei allen Menschen den

Appetit an. Mein diesmaliges Gegenüber am Mittagstisch verzehrte

ein Riesenstück von einem Karpfen auf böhmische Art. Ich fragte den

Kellner, ob noch ein so gutes Stück da sei, und als er es bejahte,

bestellte ich es. Im übrigen aber hielt ich mich streng an die

Vorschrift und aß nur noch eine Fleischspeise, ein Gemüse und ein

Kompott nebst Brot. Ebenso blieb ich am Abend streng bei meiner

Diät, und wenn ich mir darüber hinaus eine Portion Palatschinken

bewilligte, so wird nur der etwas darin finden, der diese Speise nicht

kennt. Palatschinken sind ganz dünne Pfannkuchen, die mit Kompott

oder Fruchtgelee bestrichen und dann aufgerollt werden. Wenn ich den

Erfinder dieses Gebäcks kennte, so würde ich ihm ein Denkmal errichten,

und wie man Gelehrte, Dichter und Staatsmänner auf ihren Monumenten

wohl mit einer Pergamentrolle darstellt, so würde ich ihm einen

Palatschinken in die Hand geben. Außerdem muß man wissen, wie solche

Sachen in Oesterreich bereitet werden. Ich lobe die österreichischen

Mehlspeisen (die man dort merkwürdigerweise »Müllspeisen« nennt)

grundsätzlich, weil, wer das unterläßt, beim nächsten Wiederbetreten

des Landes als lästiger Ausländer ausgewiesen wird; aber ich lobe sie

auch aus innerster Ueberzeugung. Sie werden selbst von den Hamburger

Köchen nicht erreicht -- ~sapienti sat~.

So lebte ich abermals fünf Tage in Fasten und Kasteiungen dahin, mir

nur hin und wieder einen kleinen Seitensprung gestattend, um das allzu

schnelle Entfettungstempo wohltätig zu verlangsamen. Der »Herzkollaps«

stand mir als warnendes Gespenst vor Augen. Dabei war ich so intensiv

mit meiner Arbeit beschäftigt, daß ich mir beim Frühstück aus reiner

Zerstreutheit zwei Eier oder Butter oder Schinken, einmal sogar

alles zugleich kommen ließ und in Gedanken verzehrte. Am zehnten Tage

schritt ich fröhlich zur Wage. Nach meinem Spiegelbilde und meinem

Allgemeingefühl schätzte ich meine Gewichtsabnahme auf drei Pfund. Das

Resultat lautete: »94,5 Kilo.«

»Sie müssen sich irren!« rief ich.

»Bitt' schön, schauen der Herr selbst nach,« sagte der Mann und gab mir

den Zettel.

»Dann ist Ihre Wage nicht richtig!«

»Bitt' schön, das ist die genaueste Wage in ganz Marienbad.«

Gewogen und zu schwer befunden, ein umgekehrter Belsazar, verließ ich

wankend das Haus. Ich ging in eine Buchhandlung und kaufte mir das

Heft: »Wie werde ich energisch?« und begann meine Kur von vorn.

Ich trank Brunnen, daß ich zeitweilig an der fixen Idee litt, ich

sei ein Rohr der städtischen Wasserleitung; ich knabberte morgens

meinen einsamen Zwieback und scherzte dazu blutenden Herzens mit

der appetitlichen Kellnerin, »ich kroch durch alle Krümmen des

Gebirgs«, die in der Umgegend Marienbads aufzufinden sind, »den

Durst mir stillend mit der Gletscher Milch, die in den Runsen

schäumend niederquillt,« und schwitzte, oder, wie der Gebildete

sagt: transpirierte, daß man die ~disjecta membra poetae~ in der

ganzen Gemarkung hätte zusammenlesen können. Beim Mittagessen saß

ich mit niedergeschlagenen Augen wie eine züchtige Pastorentochter,

um die andern nicht essen zu sehen; denn, weiß der Teufel, obwohl

ich jeden Tag anderswo saß, immer hatte ich zum Gegenüber einen

Schlemmer und Fresser, der einen Rekord brechen zu wollen schien.

Eine Tochter, die mir in diesen Tagen schrieb, daß man zu Hause eine

»großartige« Aalsuppe mit Schwemmklößen gegessen habe, verstieß ich

auf telegraphischem Wege. Mein »Ugolino« rückte natürlich nicht von

der Stelle. Meinem »Freunde« wich ich, wenn ich ihn von weitem sah,

in größtmöglichem Bogen aus. Ja, dieser »Freund«, er konnte lachen;

er war ein »hagerer Wollüstling« wie Calcagno, »Bildung gefällig und

unternehmend«; er konnte machen, was er wollte, er war und blieb

geschmeidig wie ein Rapier. Man klagt ein langes und breites über

die ungleiche Verteilung des Besitzes, über die ungleiche Verteilung

der Geistesgaben, über die ungleiche Verteilung von Schönheit und

Körperkraft; aber gibt es eine schreiendere Ungerechtigkeit, als daß

Menschen jahraus, jahrein Diners von fünfzehn Gängen mit zugehörigen

Weinen und Likören vertilgen, ohne auch nur um die Dicke eines

Lindenblättchens zuzunehmen? Muß einen nicht ein darmzerfressender

Neid durchwühlen, wenn man das ansieht und um jeden elenden

Kartoffelschmarrn ein Pfund schwerer wird?

Das Traurigste in diesen dunklen Tagen war, daß meine heimischen

Zigarren alle geworden waren. In Oesterreich werden die Zigarren von

der Regierung gedreht. Sie werden aus einem tabakähnlichen Stoffe

verfertigt (ich halte es für eine Art Baumwolle), sind nicht billig,

brennen aber vorzüglich und riechen nicht. Man kann sie Säuglingen

geben, die die Muttermilch nicht vertragen. Der österreichische

Patriot pflegt seine Zigarren zu verteidigen, indem er sagt: »Ja

freilich, unsere Zigarren taugen nichts; aber das ist das Gute am

Monopol: man kriegt sie in der ganzen Monarchie, auch im kleinsten

Dorf, in der nämlichen Qualität!« Uebrigens stimmt das nicht einmal;

denn in den kleinen Spezereigeschäften auf den Dörfern werden sie

gewöhnlich zwischen Petroleum und Chlorkalk aufbewahrt, und dann

riechen sie. Freilich halten sie auch dann keinen Vergleich aus mit

den italienischen Zigarren. Aus einer Zigarre in Venedig roch ich

einmal Seife, Zimt, Gorgonzola, Buchdruckerschwärze, ranziges Oel,

Rhabarbertropfen, Kaffee und muffig gewordene Spaghetti heraus. An der

Schweizer Grenze fragte mich ein Zollbeamter, ob ich auch italienische

Zigarren im Koffer hätte. »Herr!« rief ich außer mir. »Wie kommen Sie

dazu, mir Perversitäten zuzumuten?!«

Warum ich mir keine Zigarren von Deutschland hereingeschmuggelt hatte?

Ich halte mich nicht für berechtigt, einen Staat, mit dem wir einen

Dreibund geschlossen haben, in seinen Finanzen zu schwächen. Offen

gestanden, hatt' ich's auch vergessen.

An einem dieser Tage, von denen schon die Koheleth sehr richtig

bemerkt, daß sie uns nicht gefallen, stand ich gedankenvoll vor dem

Stadt- und Posthause, noch beschäftigt mit einem Brief, in dem mir

Weib und Kinder ihre Verlassenheit klagten. Wie gern wäre ich zu ihnen

geeilt, wenn nicht Pflichten gegen das schnöde Fleisch mich an diesen

Marterort gebannt hätten. Da fiel eine Hand auf meine Schulter, und

neben mir stand mein Freund Calcagno.

»Famos, daß ich Sie treffe!« rief er, »gerade wollt' ich Ihnen

schreiben. Also morgen um drei Uhr kommen ein paar nette Kerle zu mir

zu einem einfachen Mittagessen. Tun Sie mir die Liebe, mit von der

Partie zu sein!«

Ich kannte seine »einfachen Mittagessen«; Lucullus war Kasernenküche

dagegen. Ich lehnte ab unter Hinweis auf meine Kur.

»Aber, Teuerster, Ihre Kur soll nicht das geringste darunter leiden!

Lauter leichte Sachen! Schließlich brauchen Sie ja nur zu essen, was

sich mit Ihrer Kur verträgt! Und wenn Sie nicht wollen, essen Sie gar

nichts! Wenn Sie nur dabei sind!«

Ich bemerkte noch einmal mit vor Entschlossenheit bebender Stimme, daß

ich fest bleiben müsse.

»Aber jeder vernünftige Arzt gestattet doch Ausnahmetage; er schreibt

sie sogar vor. ›Meide die Gewohnheit,‹ sagt Schweninger, ein Mann,

der Bismarck entfettete! Wenn Sie sich an diese Lebensweise gewöhnen,

werden Sie dick statt mager. Es ist eine bekannte Beobachtung, daß

Sträflinge sogar bei der Zuchthausmenage fett werden --«

»Sie haben recht!« rief ich im frohen Gefühl, eine neue Wahrheit

gefunden zu haben. »Ich komme; ich komme bestimmt!«

»Na bravo! Das ist ein Manneswort. Sie werden sehen, es wird nett!«

O, ob es nett wurde! Es gab Kaviar, getrüffelte Gänseleber, Brüsseler

Poularde, Langusten, Zungenragout, Sorbet usw. usw. Dazu 68er

Stefansberg, 93er Hattenheimer Bildstock, 69er Lafitte Schloß-Abzug,

47er Yquem, ganz alten Heidsieck; kurz: Weine von einem unglaublichen

Innenleben und von einem Alter, daß man bei jedem Glase unwillkürlich

nach dem Kopfe griff, um ehrerbietig den Hut abzunehmen. Und zu

jedem Gericht und jedem Wein gab der Wirt nicht ohne Scharfsinn eine

überzeugende Erklärung, warum und inwiefern sie kurgemäß wären. Von dem

alten Heidsieck zu trinken, verbot mir gleichwohl meine Selbstzucht.

»Auf Sekt will ich denn doch lieber verzichten,« erklärte ich und hielt

die Hand übers Glas.

»Warum denn gerade auf Sekt?« rief Calcagno mit grenzenlosem Erstaunen.

»Alle Rennpferde kriegen Sekt! Haben Sie schon einmal ein korpulentes

Rennpferd gesehen?«

Für streng logische Schlüsse habe ich immer eine Schwäche besessen; ich

zog meine Hand zurück. -- --

Andern Mittags, als ich aufgestanden war, schlenderte ich über die

Kreuzbrunnenpromenade und entdeckte dort eine automatische Wage mit der

Ueberschrift: »Wieviel wiegen Sie?« Ich fand diese Frage zwar etwas

dummdreist; aber ich konnte ihr doch nicht widerstehen, stieg auf,

steckte 20 Heller in den Schlitz und konstatierte 94 Kilo.

Also das war nun der ganze Erfolg nach drei Wochen des Darbens,

Kurierens und Kasteiens! Ein ganzes Kilogramm!

Halt -- an dem Automaten befand sich auch eine Tabelle, nach der man

genau feststellen konnte, wieviel man wiegen dürfe. Ich fand, daß

meiner Körperlänge ein Gewicht von 65 Kilo angemessen wäre. Also

hätte ich 30 Kilo zu viel, und sie zu beseitigen, forderte 90 Wochen

Marienbad! Es war doch geradezu lächerlich, solch einen Ort für

Entfettungskuren zu empfehlen!

Ebenso lächerlich war übrigens diese Tabelle. Als ob man so rein

mechanistisch die Leibesstärke eines Menschen vorschreiben könnte,

als ob sie nicht individuelle Bestimmung wäre wie meine Augen, meine

Stimme, meine Hand, mein Temperament! Ich ging die Reihe meiner Ahnen

durch bis ins 15. Jahrhundert -- soweit ich sie kannte, waren sie

meistens oder doch großenteils wohlbeleibt gewesen. Es war also meine

Bestimmung, dick zu sein. Was wußten die Aerzte von meiner Bestimmung!

Gewiß war es vernünftig und geraten, einem Uebermaß vorzubeugen. Das

wollt' ich ja auch, tat ich ja auch! Aber wie weit man gehen darf, das

kann kein Automat und kein Arzt bestimmen; das muß man selbst fühlen.

Ein vernünftiger und leidlich gebildeter Mensch soll sein eigener Arzt

sein.

Danach beschloß ich nun zu handeln, und da gerade mein Geburtstag war,

aß ich ein Gericht Knödel, wie ich sie so sehr liebe. Ich wußte wohl,

daß ich nach diesen Knödeln wieder Gewissensbisse fühlen würde; aber

Gewissensbisse machen mager, und so wurde die gewünschte Wirkung auf

einem Umwege doch erzielt.

Hartnäckig wie ich in der Verfolgung eines einmal gesteckten Zieles

bin, setzte ich bis zum Ende meines Aufenthalts meine Kur ohne

Unterbrechung fort. Daß ich mich für das Diner meines Freundes

revanchierte, ist selbstverständlich. Ich konnte mich unmöglich

einladen lassen, ohne wieder einzuladen. Um Exzessen vorzubeugen, gab

ich indessen kein Diner, sondern nur ein Frühstück; daß meine Gäste

erst nach Mitternacht aufbrachen, ist nicht meine Schuld; ich konnte

sie doch nicht fortschicken.

So hatte sich denn unter den Mitgliedern dieses Kreises ein höchst

erfreuliches Verhältnis herausgebildet, und dieses harmonische

Einvernehmen fand in einem Abschiedsessen, das die Herren mir am Abend

vor meiner Abreise gaben, seinen natürlichen Ausdruck. Die Herren

überhäuften mich mit Aufmerksamkeiten jeglicher Art; sie hatten ein

Menü zusammengestellt, das ausschließlich aus meinen Lieblingsspeisen

bestand, und wollten es sich nicht nehmen lassen, mich von der

Festtafel direkt an den Zug zu begleiten. Ich nahm dies Anerbieten mit

Vergnügen an, ließ mich aber selbstverständlich durch allen Jubel und

Trubel in meinem Pflichtgefühl nicht beirren. Unter dem Vorwande, daß

ich mir noch Handschuhe kaufen müsse, trat ich auf dem Wege zum Bahnhof

in ein Handschuhgeschäft mit allein richtiger Personenwage. Ich legte

alles ab: Hut, Mantel, Taschenmesser usw., nur nicht das Portemonnaie

-- es war von keinem Belang mehr -- setzte mich in den Stuhl und

machte mich so leicht wie möglich.

»95,3 Kilo!«

Das »weitbeschreyte« altberühmte Marienbad hatte mir also nicht

nur nichts geholfen; es hatte mir zu meiner Fülle noch 200--300

Gramm hinzugebürdet. Und auf diesen Schwindel war selbst ein Goethe

hineingefallen!

Daheim schilderte ich meinen Freunden bis ins Einzelne hinein die

Marienbader Kur und ihre Vorschriften.

»Und das hast du vier Wochen lang befolgt?« riefen sie wie aus einem

Munde.

»Im großen und ganzen -- und im wesentlichen ja!« versetzte ich mit

einer großen und runden Armbewegung.

Warum die Kerle sich in die Rippen stießen und mein bester, treuester

Freund sogar laut herausprustete, ist mir noch heute ein Rätsel.

Die Ziege

Die Sache begann sehr harmlos. Als ich vor Jahren einmal mit Roswithen

spazieren ging, fragte sie mich: »Vater, magst du gern Ziegen leiden?«

Ich kann eigentlich nicht behaupten, daß ich die Reize der Ziegen

überwältigend finde; es sind ja auch nicht gerade die schönsten und

liebenswürdigsten Damen, die man als Ziegen bezeichnet. Ich antwortete

also langsam, gedehnt und ohne jeden Schwung:

»Nun jaaa -- hm, -- wie man's nimmt -- warum nicht?«

»Ich schrecklich gern!« seufzte Roswitha. »So kleine junge Ziegen find'

ich reizend!«

Ja, wenn sie noch klein sind, sind sogar die Menschen reizend. Dachte

ich, sagte ich natürlich nicht.

Damit schien dieses Thema erschöpft.

Wir hatten damals nur einen recht kleinen Garten, in dem freilich ein

paar alte mächtige Bäume standen, eben deshalb aber Gras und Kräuter

nur kümmerlich gediehen.

Nach Monaten spazierten wir durch einen wunderschönen, riesengroßen

Park, einen Park, dessen sich der reichste König nicht zu schämen

brauchte, einen Park wie ein kleines Fürstentum, mit Hügeln und Tälern,

Teichen und Tempeln, Rosenlauben und Wiesen.

»Vater,« fragte Roswitha, »wenn der Mann, dem dieser Park zugehört, dir

ihn abverkaufen wollte -- kauftest du ihn denn?«

»Nein,« versetzte ich mit großer Klarheit. Ich wußte wohl, warum.

»Aber wenn er ihn dir schenken wollte -- nähmst du ihn denn?«

»Ja,« versetzte ich mit erhöhter Klarheit. Falsche Scham schien mir

hier nicht am Platze.

»Ich auch!« rief Roswitha triumphierend. »Und weißt, was ich denn täte?«

»Hm?«

»Denn kaufte ich mir 'ne süße kleine Ziege, und die ließ' ich auf der

Wiese grasen. Denn hat sie doch genug zu essen, nicht?«

»Ich denke doch.«

Wir wurden durch den Schrei eines radschlagenden Pfauen abgelenkt,

und ich machte keine Anstrengungen, das verlassene Thema wieder

aufzunehmen. Und Roswitha schien zu fühlen: Für heute ist es genug. Man

soll nichts forcieren.

Die Lektüre seiner Kinder kann man nicht sorgfältig genug überwachen.

Ich hatt' es daran fehlen lassen: Roswitha erwischte eine Geschichte

mit einer Ziege darin. Es war »Heidi« von Johanna Spyri, gewiß eine

nette Geschichte, wenn keine Ziege darin wäre, und wenn die nicht noch

obendrein »Schneehöppli« hieße. Durch Namen fixieren wir die Begriffe,

nageln wir sie in unserm Gedächtnis fest. Nun hatte Roswithens

Sehnsucht einen Namen: »Schneehöppli«; nun saß die Sehnsucht fest.

»Wenn ich verheiratet bin, dann kann ich doch tun, was ich will, nicht?«

Sie nahm mein Schweigen für Bejahung.

»-- und wenn ich denn Ludwig heirate, denn kauf' ich mir 'ne Ziege,

und die soll »Schneehöppli« heißen. Wenn ich Fritz heirate, der will

drei Kinder haben; aber wenn ich Ludwig heirate, der will keine Kinder

haben, denn schaff' ich uns 'ne Ziege an.«

Von Zeit zu Zeit rückte der Termin des Ziegenkaufes ein tüchtiges

Stückchen vor. »Wenn ich groß bin, denn kauf' ich mir --« und so

weiter. --

»Wenn ich nicht mehr zur Schule gehe und 'n ganzen Tag frei habe, denn

kauf' ich mir --« und so weiter.

Roswithens ältere Schwester Herta verdiente seit einiger Zeit Geld.

Das kam so. Meine Frau und ich sind übereinstimmend der Meinung, daß

selbst eine sauber gespielte Sonate von Beethoven und die Fähigkeit,

»~Comment vous portez-vous~« und »~I am very glad to see you~« und

solche gebildeten Dinge zu sagen, für den Lebenskampf eines Weibes

nicht ganz ausreichen. Unsere Töchter lernen deshalb einen richtigen

Beruf, und Herta interessierte sich lebhaft für den Haushalt. Sie

trat bei ihrer Mutter in die Lehre und mußte von der Pike auf dienen,

wenn man das Gerät, mit dem der Fußboden gescheuert wird, eine Pike

nennen kann. Sie bekam den Namen »Minna«, wurde mit »Sie« angeredet und

erhielt fünfzig Taler Lohn ~pro anno~, und abgesehen davon, daß sie

öfters der Herrschaft gegenüber einen etwas vertraulichen Ton anschlug

und gelegentlich den Hausherrn küßte, füllte sie ihre Stelle redlich

aus.

»Wenn ich so groß bin wie Herta,« sagte Roswitha, »denn dien' ich auch

bei euch, und denn verdien' ich auch Geld, und denn kauf' ich mir 'ne

Ziege.« Sie mochte sich vorstellen, daß eine Ziege so einige tausend

Mark koste, und wir hüteten uns schwer, dieses wohltätige Dunkel

aufzuhellen.

Gelegentlich vertauschte Roswitha die direkte Methode mit der

indirekten. Sie redete dann nicht zu den Eltern, sondern zu den

Geschwistern von Ziegen, natürlich nur, solange mindestens eines der

Eltern in Hörweite war. Sie schilderte in lebendigen Farben das Werden

und Wachsen, das Leben und Treiben, das Springen und Meckern -- kurz:

der Ziegen über alles bezaubernde Schönheit und Anmut. Gelegentlich

streifte mich von unten herauf ein forschender Blick, den ich auch dann

sah, wenn ich sie nicht anblickte, den ich mit jenen Augen wahrnahm,

die man im Rücken und an beiden Seiten hat.

Als einmal wieder die Weihnacht nahe war, kam es zu einem kleinen

Vorpostengefecht. Roswitha wurde nach ihren Wünschen gefragt.

»Mein höchster Wunsch ist ja natürlich 'ne Ziege; aber --«

»Aber, Liebling,« rief meine Frau, »wie sollen wir denn hier in der

Stadt eine Ziege halten! Wenn wir so ein Tierchen anschaffen, muß es

doch auch sein Recht haben! Wo sollen wir's denn unterbringen!«

»Hm,« machte Roswitha mit nachdenklichem Gesicht, »in der Küche kann

sie ja nicht sein.«

»Nein,« erklärte meine Frau entschieden, »in der Küche kann sie nicht

sein!« Dieser Versuchsballon war geplatzt.

»Das arme Tierchen würde sich gar nicht wohl fühlen bei uns,«

versicherte meine Frau.

Damit hatte sie die richtige Stelle in Roswithens Herzen getroffen.

Nein, wenn es sich nicht wohl fühlte, dann ging's nicht, das sah

sie ein, sah sie wenigstens für einige Monate ein. Länger dauern

menschliche Einsichten ja selten, weil inzwischen das Zuckerrohr der

Wünsche wieder mächtig herangewachsen ist.

Unglücklicherweise mußte sie über den Robinson geraten. Hatte Heidi

eine Ziege gehabt, so hatte Robinson eine ganze Insel voll wilder

Ziegen, aus denen er sich nur aussuchen konnte. Ich bin überzeugt, der

arme Verschlagene erschien ihr als der beneidenswerteste der Menschen,

weil er in Ziegen förmlich schlampampen konnte.

Und dann kaufte ich ein Haus auf dem Lande, und noch eh' wir's beziehen

konnten, fuhren wir täglich hinaus und erquickten uns an der frischen,

unverbildeten Natur, an den duftenden Hainen und Hecken, an den

saftiggrünen Wiesen, auf denen man endlich einmal wieder unbekleidetes

Rindvieh sah. Und endlich nahmen wir Besitz von dem Hause und dem

stattlichen Garten, der vier mehr oder minder ansehnliche Rasenplätze

aufwies. Wenn Roswitha jetzt mit ihren Geschwistern von Heidi,

Robinson, Polyphem und ähnlichen Glückspilzen sprach, dann hatten ihre

Blicke etwas Bohrendes, Sengendes; sie gingen durch Rock und Hemd bis

auf die Haut, wie die Sonnenstrahlen aus einem Brennglas.

Um ein Ende zu machen, schenkten wir ihr einen Dackel namens Männe.

Einen Hund zu beherbergen, zu pflegen und zu zügeln, dazu reichten

unsere Erfahrungen und tierpädagogischen Talente allenfalls aus. Dieser

Dackel verschaffte uns endlich Ruhe. Das klingt zwar widerspruchsvoll,

ist aber doch richtig; die Seele hatte Ruhe.

Ruhe für ein Jahr und fünf Monate. Dann wurde uns klar und klarer,

daß Hunde nur als eine Abschlagszahlung auf Ziegen anzusehen

sind. Vielmehr: Roswitha betrachtete Männe nur als die Summe der

aufgelaufenen Zinsen; der Wechsel war so unbezahlt wie je.

Ein Unglücksbengel aus dem Dorfe mußte ihr eines Tages erzählen, er

könne ihr eine kleine Ziege für eine Mark fünfzig verkaufen.

Aufgelöst kam Roswitha nach Hause.

»Vater! Mutter! 'ne Ziege kostet bloß eine Mark fünfzig! Ich hab' ja

fünf Mark in mei'm Spartopf; darf ich mir eine holen?«

»Liebe Roswitha, es ist nicht wegen der Mark fünfzig; eine Ziege

braucht doch auch einen ordentlichen Stall, und den haben wir nicht,

können wir in unserm Garten auch gar nicht anbringen.«

Damit war auch dieser Angriff abgeschlagen.

Eine Woche später, auf einem Spaziergange, zwang sie mich plötzlich,

meinen Schritt anzuhalten.

»Vater, möchtest du dies Haus haben?«

»Nicht geschenkt!« versetzte ich mit Nachdruck. Es war eine sogenannte

»Villa« im denkbar schauerlichsten Maurermeisterstil.

»Ich möcht' es haben!« hauchte sie sehnsuchtsvoll.

»Nanu?« rief ich. Ich sah mir unwillkürlich den Zementphantasieschrank

noch einmal an. »Warum denn?«

»Dahinter ist 'n Stall,« sprach sie andachtsvoll.

Das Verhängnis ging seinen Gang wie in einem Schicksalsdrama.

Nachbarkinder, mit denen Roswitha gelegentlich spielte, bekamen eine

Ziege zum Geschenk.

Das hatte ein Gutes: wenn Roswitha weder im Hause noch im Garten zu

finden war, wir brauchten uns nicht zu ängstigen, wir brauchten nur zu

der nachbarlichen Ziege zu gehen, da war sie. Sie mußte von der Ziege

weg zum Essen, sie mußte von der Ziege weg ins Bett geschleift werden.

Und eines Morgens beim Frühstück begann sie:

»Vater, ich weiß was. Unten im Keller haben wir doch so 'ne große

Bücherkiste, nicht?«

»Ja!«

»Da machen wir einfach 'ne Tür hinein, und denn ist das 'n Ziegenstall.«

Da riß mir die Geduld.

»Roswitha,« sagte ich ernst, »nun hörst du endlich auf mit deiner

Ziege, nun hab' ich's satt. Du bekommst keine Ziege, und damit basta.

Schrumm!«

»Schrumm« hätte ich vielleicht nicht sagen sollen; es paßt nicht in den

Ernst eines Ultimatums.

Aber die Absage wirkte. Roswitha sprach weder von Stall noch Ziege

mehr, nicht einmal andeutungsweise, nicht einmal zu den Geschwistern.

Sie ging fortan still einher, aber nicht etwa traurig, nicht etwa

gedrückt, nein, nur mit der stolz zusammengerafften Kraft eines

Entsagenden, der das Unvermeidliche trägt, weil es getragen werden

muß, und sich für die verlorenen Freuden der Welt durch gesteigertes

Innenleben entschädigt.

Es war ja vielleicht etwas hart von mir, ihr die Erfüllung ihres

sehnlichsten Wunsches zu versagen. Aber meine Frau sowohl wie ich

haben nach Begabung und Lebensgang so entsetzlich wenig mit Viehzucht

gemein, daß wir uns geradezu davor fürchteten, uns so ein Geschöpf

auf den Hals zu laden. Und schließlich soll man seinen Kindern doch

auch nicht jeden Wunsch erfüllen. Sie werden ja schon ohnedies viel zu

sehr verwöhnt. Es kann ihnen gar nichts schaden, wenn sie einmal mit

ungestümer Nase gegen eine verschlossene Tür rennen. Das Leben wird

ihnen mehr solcher Türen zeigen. Roswitha schien durch ihren Verzicht

gesetzter, ihre Augen, ihr ganzes Gesicht schien seelenvoller geworden

zu sein.

Meine Frau und ich kamen spät in der Nacht aus fröhlicher Gesellschaft

heim und wollten uns eben zur Ruhe begeben, da sahen wir auf dem

Nachttischchen einen Brief liegen. Auf dem Umschlag stand: »An Mammi

und Pappi« von Roswithens Hand. Wir öffneten und lasen gemeinsam:

»Meine süßen geliebten Wonne-Eltern bitte bitte schenkt mir

doch eine ganz kleine Ziege, ich will auch gar nichts zu meinem

Geburztag und zu Weinachten haben und ich will mir auch schrecklich

Mühe in der Ortografi geben, Du sollst sehen, Mammi, wenn ich groß

bin, schreib' ich gans richtich, und ich will auch ein guter

Mensch werden und garnicht mehr heftig und jezornig sein. Ich

bitte euch so schrecklich, schenkt mir 'ne Ziege, wenn Mutti mich

unterrichtet denk ich immer blos an die Ziege. Tausend Billionen

Küsse von eurer

Roswitha.«

Was soll ich weiter sagen -- am nächsten Morgen bewilligten wir die

Ziege. Die Wirkung war von ungeahnter Art. Roswitha wollte auf uns

zueilen; aber plötzlich warf sie sich auf einen Stuhl und brach in ein

herzbrechendes Schluchzen und Wimmern aus.

Entsetzt liefen wir hinzu: »Was ist denn? Was fehlt dir, Kind?«

»Uuhuhuhuu, ich freu' mich so -- ich freu' mich so, uuhuhuhuuu!«

Solange sie um ihre Ziege gerungen hatte, hatte sie nie -- das mußte

man ihr lassen -- hatte sie nie versucht, durch Tränen auf meine

Stimmung zu drücken. Jetzt brach die aufgestaute Flut mit Allgewalt

hervor.

Sobald sie sich beruhigt hatte, machte sie sich auf den Weg, um den

Jungen mit der Fünfzehn-Groschen-Ziege zu suchen. Sie fand ihn auch,

und er verpflichtete sich hoch und heilig, am folgenden Tage die Ziege

zu liefern. Wenn die folgende Nacht ihr die Wiesen des Traumes zeigte,

so waren sie gewiß alle, alle voll Ziegen.

Der folgende Tag kam, aber mit ihm kein Junge und keine Ziege. Sie

harrte geduldig bis in den sinkenden Abend und sagte dann: »Na, er hat

wohl keine Zeit gehabt: er kommt morgen gewiß; er hat es mir ganz fest

versprochen.«

Allein der meineidige Bube kam auch am folgenden Tage nicht. Roswitha

suchte ihn durchs ganze Dorf, viele Stunden lang, aber vergebens; nach

seiner Wohnung hatte sie im Taumel der Freude nicht gefragt. Sie ging

schweigend zu Bett; aber als meine Frau sie in der Frühe weckte, war

ihr Kopfkissen naß von Tränen.

»Hast du heute nacht geweint, Kind?« fragte die Mutter.

»Ich weiß nicht,« antwortete Roswitha. Sie wußte es wirklich nicht.

Inzwischen war ein provisorischer Stall gezimmert worden, und es

war die Nachricht eingetroffen, ein Bauer im Dorfe habe Ziegen zu

verkaufen. Da zogen Herta, Roswitha und Männe mit einem Blockwagen aus,

um eine Ziege zu suchen, und fanden ein Königreich. Eine gute halbe

Stunde später -- Männe als Läufer mit fliegender Zunge vorauf -- hielt

Höppli (so wurde er der Kürze wegen genannt), von den beiden Mädeln

gezogen, im Triumphblockwagen seinen Einzug. +Seinen+ Einzug; Höppli

war nämlich ein kleiner Bock.

Ich muß gestehen, daß mich bald ein Reuegefühl über meine lange,

hartnäckige Weigerung ergriff. Es war ein schneeweißes und wirklich

allerliebstes Tierchen; Roswitha hängte ihm ein seit Jahren bereit

gehaltenes, gesticktes Halsband mit einem Glöckchen um, und in seinen

Sprüngen war der ganze, entzückend ahnungslose Humor eines jungen

Mannes. Und wenn Roswitha das Tierlein auf den Schoß nahm und ihm die

Saugflasche gab, und Männe die vorbeifließenden Tropfen leckte, dann

versammelte sich nicht nur die ganze Familie zu dieser feierlichen

Handlung, nein, die Leute auf der Straße blieben staunend stehen und

riefen: »Nein, wie ist das reizend!« Dann sprang Roswithas Herz genau

wie das Böcklein.

Wenn aber Höppli durch die Straßen spazieren sprang, dann folgte ihm

ein Ehrengeleite von 23 Nachbarskindern, ganz wie bei einem Kaiser

oder König, und besonders dekorativ wirkte Peter Petersen in Helm

und Panzer der Gardekürassiere und mit dem Daumen im Munde. Höppli

war die Sensation der Straße, war der Clou der Saison, und als das

23er-Kollegium erklärte, Höppli sei noch viel schöner als jene

Nachbarsziege, die inzwischen eine alte Ziege geworden war, da stand

Roswitha auf dem Gipfel ihres Glückes.

Indessen: Roswitha hatte täglich drei oder vier Stunden Unterricht bei

der Mutter, mußte außerdem Klavier spielen, gelegentlich zum Turnen

oder Zeichnen gehen und auch sonst allerlei außer dem Hause besorgen.

Es fiel Höppli nicht im Traume ein, sich das stillschweigend gefallen

zu lassen; er verlangte Gesellschaft. Zwar widmete Männe sich ihm mit

der weisen Nachsicht und Güte eines gereiften Pädagogen; aber Höppli

verlangte Damengesellschaft. Und wenn die nicht da war, so begann er

augenblicklich in Zwischenräumen von vier Sekunden zu meckern. Das

fanden wir während der ersten zehn Minuten furchtbar komisch, während

der zweiten langweilig, während der dritten lästig und während der

vierten zum Rasendwerden. Und Höppli wuchs, und mit ihm wuchs seine

Stimme. An der Hand meines Chronometers stellte ich fest, daß er 15

mal in einer Minute meckerte, das macht in der Stunde 900; wenn man

täglich nur sechs Stunden des Alleinseins rechnete, für den Tag 5400,

für die Woche 37800 mal.

Die Klavierstunden mußten abgebrochen werden; ein Musizieren war

natürlich nicht möglich. Meine Frau mußte mit ihrer Schülerin in den

bombenfesten Vorratskeller flüchten. Ich zog mich, um arbeiten zu

können, ins hintere Turmzimmer zurück, allein vergeblich; wenn ich

auch physisch kein Meckern vernahm, mein inneres Ohr hörte pünktlich

jede vierte Sekunde ein deutlich vernehmbares »Mäh!« Drei lyrische

Produkte dieser Zeit kamen tot zur Welt; ein Roman starb als Embryo,

ein Trauerspiel bereits im Keime. Nicht jeder Bocksgesang wird zur

Tragödie: das hatte ich schon vorher an der erotischen Dramatik unserer

Tage wahrgenommen.

Aber das alles war noch Kinderspiel. Hübsch wurde es erst, als die

Nachbarschaft -- und mit Recht -- sich empörte. Der Nachbar zu unserer

Linken holte sein Grammophon, das er mir zu Gefallen eingewickelt

hatte, wieder hervor, stellte es ans offene Fenster und ließ es

zehnmal stündlich »Das Herz am Rhein« singen. Ein anderer brannte

allabendlich Kanonenschläge ab, die sehr gut gearbeitet sein mußten.

Ein dritter, der ein fabelhaft stimmbegabtes Baby hatte, stellte es

in seinem Kinderwagen hart an den Zaun meines Gartens. Es schrie

etwas abwechslungsvoller als der Ziegenbock, und das erfrischte

vorübergehend; aber auf die Dauer wurde es doch eintönig und so lästig,

daß ich verzweiflungsvoll zu meiner Frau sagte:

»Jetzt haben wir uns gefreut, daß wir kein Babygeschrei mehr um die

Ohren haben; aber wenn's doch den ganzen Tag brüllt, dafür können wir

selbst eins haben!«

»Ja,« sagte meine Frau.

Ich hätte ja das Tier während der Nacht heimlich wegbringen und am

Morgen sagen können, es sei entlaufen; aber vor den Augen eines Kindes

Komödie spielen -- das ist schwer und schlimm. Es war auch nicht nötig:

Roswitha hatte bereits eingesehen, daß Höppli sich durch sein Benehmen

unmöglich mache. Eine ihrer Freundinnen erklärte sich mit Freuden

bereit, das Böcklein zum Geschenk zu nehmen -- kein Augenblick meines

Lebens hat mich freigebiger gefunden. Unverzüglich wurde Höppli zur

Bahn befördert; wer schnell gibt, gibt doppelt.

Als aber durch den Novembernebel von weitem das Weihnachtsfest

herandämmerte, da schrieb Roswitha auf ihren Weihnachtswunschzettel:

Ein Kaleidoßkob.

Ein Indianer-Anzug.

×××××××Das Versprechen, das ich im Sommer

wieder auf 14 Tage eine Ziege

haben darf.

(Die sieben Kreuze sollten diesen Wunsch entsprechend hervorheben.)

Ueber eines bin ich vollkommen beruhigt: Dieses Kind wird in seinem

Leben etwas erreichen, wenn auch vielleicht keine vollkommen tadellose

Orthographie.

Und über noch eines bin ich mir vollkommen klar: Sie ist ein Weib.

Wenn es nicht ohnedies feststünde -- ihr Kampf um die Ziege macht ihre

Weiblichkeit evident. Ich habe erwogen, ob ich diese kleine Geschichte

nicht überschreiben solle:

»+Die Ziege+« oder »+Das Weib+«.

In Roswithen ist jenes Weibliche der Lady Macbeth, das einen rauhen

Kriegsmann herumkriegt, jenes Weibliche der Gräfin Terzky, das ein Loch

in einen Wallenstein bohrt, jenes Weibliche der Kriemhild, das einen

Attila bezwingt. Gewiß: Roswithens gutes, weiches Herz wird niemals zum

Hochverrat, wird niemals zum Königs- und Burgundenmord aufstacheln;

aber »formal« ist sie eine Lady Macbeth. Natürlich ist ihre Weibnatur

noch unentwickelt. Sie würde noch unumwunden zugeben, daß sie sich

sehnlichst eine Ziege gewünscht habe. Ein vollkommenes Weib wird

sie erst dann sein, wenn sie auf die entsprechende Vorhaltung weit

aufgerissenen, starr blickenden Auges und nach zehn Sekunden staunenden

Verstummens ausrufen wird:

»+Ich+ mir eine Ziege gewünscht? +Ich+? Aber keine Idee, Liebling! Wie

kommst du nur darauf?!«

Die späte Hochzeitsreise

Als sie sieben Jahre verheiratet waren, machten sie ihre

Hochzeitsreise. Es ging nicht eher. Sie hatten nämlich geheiratet,

als er ein Einkommen von fünfzehnhundert Mark jährlich hatte. Das

kann man Frechheit nennen; man kann es aber auch Liebe nennen. Zwar

erhielt er nach etwa einem Jahr ein Schriftstellerhonorar, für das sie

hätten reisen können, wenn nicht ein Kind gekommen wäre und sofort die

Hand auf dieses Geld gelegt hätte. Im nächsten Jahre aber gelang es

ihm, als Vorleser bei einem alten Herrn einen hübschen Nebenverdienst

zu erwerben, der gerade für das zweite Kind reichte. Da fiel ihm im

dritten Jahre ein Preis für eine wissenschaftliche Arbeit zu, für den

sie sicher eine Reise gemacht hätten, wenn das diesjährige Kind das

Geisteskind nicht aufgewogen hätte. Die nächsten zwei Jahre brachten

keinen Nebenverdienst und nur ein Kind.

Das Glück ist immer da! Heitere Geschichten und Plaudereien · 第 1 / 11 段